Stadtgespräche aus Hamburg - Nina Paulsen - ebook

Stadtgespräche aus Hamburg ebook

Nina Paulsen

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Opis

Sind Sie neugierig, welche Nachrichten ›Tagesschau‹-Chefsprecher Jan Hofer über Hamburg zu vermelden hat? Wollen Sie vom Direktor des ›Hotel Atlantic‹ erfahren, warum er für einen Gast einmal umbauen musste? Kennen Sie die Geschichte von Wirtin Ursula Müller über das skurrilste Andenken in der legendären Kneipe ›Zum Schellfischposten‹? Dieses Buch begleitet Hamburger zu ihren persönlichen Orten und erzählt ihre Geschichten. Ein außergewöhnliches Stadtporträt, das einlädt, Hamburg neu zu entdecken!

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Stadtgespräche aus

Hamburg

Nina Paulsen

Impressum

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www.gmeiner-verlag.de

© 2014 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat / Redaktion:Ricarda Dück

Satz / Umschlaggestaltung:Alexander Somogyi

Kartendesign: Kim-Anna Bucher

E-Book: Mirjam Hecht

ISBN 978-3-8392-4416-6

Inhalt

Impressum

1  Der Bewahrer aus dem Gängeviertel

Darko Caramello malt in der Caffamacherreihe

2  Aber bitte mit Sahne!

Jasmin Wagner genießt in ›Lühmanns Teestube‹

3  Ende mit Schrecken

Klaus Störtebeker blickt über die Hafencity

4  Herren einer großen kleinen Welt

Gerrit und Frederik Braun bauen das ›Miniatur Wunderland‹

5  Geht nicht, gibt’s nicht!

Annemarie Dose gründete die ›Hamburger Tafel‹

6  Start-up auf Hanseatisch

Lucius Bunk und Alexander Tebbe schufen die Reederei Auerbach

7  Der glücklichste Empfangschef der Welt

Friederich Engelhardt grüßt im ›Hansa Varieté Theater‹

8  Die Hafenarbeiterin

Melanie Leonhard bittet aufs Museumsschiff ›Rickmer Rickmers‹

9  Mettbrötchen um Mitternacht

Stefan Wilms serviert Deftiges in ›Erika’s Eck‹

10  Kunst ist wichtig für die Stadt

Amelie Deuflhard ist Intendantin auf ›Kampnagel‹

11  Ein maritimer Jäger und Sammler

Horst A. Lange grüßt Schiffe an der Überseebrücke

12  Heimat Hamburg

Nebahat Güçlü engagiert sich in der Hospitalstraße

13  Der Alsterkapitän

Jörg Ipsen legt vom Jungfernstieg ab

14  In Hamburg sagt man Tschüss

Heidi Kabel bezauberte im ›Ohnsorg-Theater‹

15  Mit der Heimat im Herzen

Lars Haider ist Chefredakteur beim ›Hamburger Abendblatt‹

16  Die Bretter, die ihr die Welt bedeuten

Katharina Pütter spielt im ›Ernst Deutsch Theater‹

17  Der Sheriff vom Kiez

Waldemar Paulsen ging von der Davidwache aus auf Streife

18  Ich werde immer Sportlerin sein

Katja Kraus läuft an der Krugkoppelbrücke los

19  Der Stadtgärtner

Dieter Hüttenrauch pflegt ›Planten un Blomen‹

20  Willkommen in Dollywood!

Die Bhangu-Brüder starten ihr Taxi am Eckhoffplatz

21  Finanzfrau mit Fernweh

Adelheid Sailer-Schuster lenkte die Bundesbank in Hamburg

22  Held hinter der Leinwand

Werner Grassmann gründete das Kultkino ›Abaton‹

23  Der Größte der Welt

Otto von Bismarck thront über dem Alten Elbpark

24  Krokodile und ein Schrumpfkopf

Ursula Müller ist Wirtin im ›Schellfischposten‹

25  Aus Israel nach Hamburg

Shlomo Bistritzky vermittelt jüdisches Leben im Grindelhof

26  Guten Abend, meine Damen und Herren!

Jan Hofer ist Chefsprecher der ›Tagesschau‹

27  Stimmen für die Freiheit

Martina Bäurle zeigt Gästen den ›Museumshafen Oevelgönne‹

28  Hamburgs erster Erster Bürgermeister

Max Brauer regierte im Rathaus

29  Der Turmbläser

Josef Thöne spielt auf dem Michel Trompete

30  Ohne Lotsen geht nichts

Ben Lodemann managt seine Brüderschaft in der Elbchaussee

31  Klei di an’n Mors

Wasserträger Hans Hummel im Rademachergang

32  Thailändischer Edelstein in Hamburg

Nappa Weger verzaubert ihre Gäste im Restaurant ›Manee Thai‹

33  Im weißen Schloss an der Alster

Peter Pusnik leitet die Geschicke des ›Hotels Atlantic‹

34  Der Indiana Jones des Nordens

Rainer-Maria Weiss forscht im Archäologischen Museum

35  Wir sind Kinder der Sterne

Mit Thomas Kraupe im Planetarium ins All reisen

Karte

Bildverzeichnis

Quellenverzeichnis

1  Der Bewahrer aus dem Gängeviertel

Darko Caramello malt in der Caffamacherreihe

1  Der Bewahrer aus dem Gängeviertel

Darko Caramello malt in der Caffamacherreihe

Wer Darko Caramello besuchen will, muss an sechs großen Giraffen vorbei. Das mag vielleicht absurd klingen und ein bisschen ist es das auch, aber es geht um Kunst, und da ist alles erlaubt – auch ungewöhnliche Namen und exotische Tiere mitten in Hamburg. Sechs Giraffen also, meterhoch, sie sind gelb, blau und orange. Hübsch sieht das aus zwischen den saftigen grünen Bäumen, hier am Rand des Gängeviertels, nicht weit entfernt vom Gänsemarkt. Hinter der Skulptur steht ein himmelblauer Altbau, eines der 1903 errichteten Kutscherhäuser. Hier hat Darko Caramello sein Atelier. Es ist ein wirklich sehr alter Altbau. Die Klingel funktioniert nicht. Na dann: Herzlich willkommen!

Caramello sprintet geräuschvoll die Treppe runter und öffnet die Tür. Er ist drahtig, hat Farbflecken auf seinem Pullover und eine Selbstgedrehte im Mund. Soll man ihn jetzt wirklich mit »HerrCaramello« ansprechen? Das fühlt sich mindestens genauso merkwürdig an wie die bunten Giraffen vor dem Haus. Zum Glück ist er sofort per Du. Es geht durch ein dunkles Treppenhaus nach oben, in den zweiten Stock. Die Stufen knarzen unter jedem einzelnen Schritt.

Darko Caramello pinselt, während er spricht. Er hat gerade ein großes Bild vor sich liegen, auf dem schwarze und weißeFlächen, Quadrate und Würfel zu sehen sind. Caramello sagt, es gehe um Räumlichkeit und Begrenztheit, um eine dritte Dimension, die man zwar wahrnehme, jedoch nicht da sei, weil es sich ja nur um eine zweidimensionale Arbeitsfläche handle. Nach einem solchen Prinzip von Form, Fläche und Farbe funktionieren viele seine Werke, aber wie so oft bei Kunst ist es besser, sie mit eigenen Augen zu betrachten. »Vor allem, weil meine Objekte aus verschiedenen Blickwinkeln anders aussehen«, erklärt der Künstler. An vielen Orten Hamburgs sind sie zu besichtigen, etwa in Galerien, Restaurants oder Kulturzentren.

Der gebürtige Göttinger ist Gastarbeiterkind, wie er selber sagt, seine Eltern kommen aus Serbien. Seine ersten künstlerischen Gehversuche machte er mit Graffiti, was ihm allerdings irgendwann zu langweilig wurde, »weil daran das einzig Rebellische ist, dass man das Graffiti überall hinmalt. An sich folgt diese Kunstform aber ganz strengen Regeln«. Nach der Schule kam er nach Hamburg,studierteGrafik-Design und schob eine Ausbildung als Trickfilmzeichner nach, bis er irgendwann begann, seinen Stil als freier Künstler zu suchen und ihn auch fand.

Als er sich 2006 selbstständig machte, kam Caramello ins Gänge­viertel, ein Komplex aus zwölf historischen Gebäuden mit engen Gassen zwischen den Straßen Caffamacherreihe und Valentinskamp. Die Häuser, ehemalige Sozialwohnungen, standen bis auf ein paar vereinzelte Mieter lange leer – und immer mehr Künstler fanden hier eine Unterkunft. Bis die Stadt das Gelände an einen Investor verkaufte, der einen simplen Plan hatte: das meiste abzureißen und neu zu bebauen. Für die Bewohner war das ein Schock. In der Zwischenzeit hatten sie sich gut in den Altbauten eingerichtet und manche aus eigener Tasche renoviert. Sie machten sich auf, das Gängeviertel zu retten, traten in Verhandlung mit der Stadt. Und Darko Caramello war einer der Gesprächsführer.

Die Rettung gelang jedoch vor allem mit einer spektakulären Aktion, die sogar bundesweit Schlagzeilen machte: Am geplanten Räumungswochenende Ende August 2009 organisierten die Künstler unter dem Motto ›Komm in die Gänge‹ zwei Tage voller Musik, Kunst und Kultur, zu denen Tausende Hamburger ins Gängeviertel strömten. Es wurde ein großes, friedliches Fest – und die Räumung fiel aus. Auch weil ein großer Teil der Öffentlichkeit die Künstler unterstützte, kaufte die Stadt die Häuser zurück. Seit November 2011 steht das Viertel nun unter Denkmalschutz und soll mit der Zeit saniert werden. Die Bewohner dürfen bleiben. »Das war eine wirklich aufregende Zeit«, sagt Caramello. »Keiner wusste, was passiert. Wir hatten keine Erfahrungswerte, auf die wir zurückgreifen konnten.« Erfolgreich war die Strategie trotzdem.

Das Motto ›Komm in die Gänge‹ lockte im August 2009 Tausende ins Viertel

Wer die knarzenden Stufen aus dem Kutscherhaus wieder hinuntergeht, muss draußen an einer Installation von Caramello vorbei. Sie ist zwar groß und imposant, steht aber in einer hinteren Ecke des Innenhofs und außerdem ist man beim Kommen ja von den sechs Giraffen abgelenkt. Das Objekt besteht aus aufgetürmten, bunten, rechteckigen Quadern aus Holz. Erst wenn man näher herangeht, sieht man, dass sie einen großen runden Bogen formen. ›Jump Baby‹ heißt das Werk.

Ach ja: Was hat es denn nun mit dem Künstlernamen Darko Caramello auf sich? »Darko heiße ich wirklich«, sagt er. Das bedeute auf Deutsch ›Bewahrer des Guten‹. Und Caramello? »Den Namen habe ich ausgesucht, weil er so schön albern ist.« Tja. Klingt absurd, ist es auch. Aber wie war das noch? Es geht um Kunst – und da ist nun einmal alles erlaubt.

Darko Caramello

Caffamacherreihe 43

20355 Hamburg

www.darko-caramello.com

2  Aber bitte mit Sahne!

Jasmin Wagner genießt in ›Lühmanns Teestube‹

2  Aber bitte mit Sahne!

Jasmin Wagner genießt in ›Lühmanns Teestube‹

Von der Fensterbank winkt Queen Elizabeth. Eine kleine, von Solar­energie betriebene Plastikfigur der britischen Königin im rosa Kleid, mit weißen Handschuhen und einem kleinen Krönchen auf der Frisur. Ein bisschen kitschig? Vielleicht. Aber in ›Lühmanns Teestube‹ passt das royale Accessoire perfekt – immerhin hatInhaberinMonikaLühmann eine nicht zu unterschätzende Großbritannien­affinität und vor der Eröffnung ihres Cafés mit englischen Produkten gehandelt. Da ist eben eine ganze Menge hängen geblieben.

›Lühmanns Teestube‹ in Hamburg-Blankenese ist ein urgemütliches Refugium aus ansonsten stilvoller Dekoration, antiken Möbeln und frischen Blumen. Auf der Speisekarte stehen Suppen, Salate, verschiedene Variationen für das Frühstück und raffinierte britische wie nicht-britische Kleinigkeiten. Vor allem aber gibt es Kuchen. Und genau deswegen kommt Jasmin Wagner so gern hierher. »Einen Brombeer-Apfelkuchen, bitte«, bestellt sie, dazu einen Tee. »Ach ja, und ich hätte gern etwas Schlagsahne dazu.« Wenn die Hamburger Künstlerin genießt, dann richtig. Und das geht bei Monika Lühmann deshalb besonders gut, weil die Portionen üppig sind. »Ich finde es herrlich hier, wegen des Kuchens und des Flairs. Die Stühle und Tische sind alle unterschiedlich, nichts passt hier richtig zusammen. Trotzdem ist die ganze Atmosphäre stimmig«, sagt Wagner. »Man versinkt in den Möbeln und kann sich richtig vorstellen, wer hier schon alles gesessen haben mag.«

Die Kellnerinnen, junge Frauen Mitte 20, kennen JasminWagner. Nicht nur, weil sie öfter kommt, sondern auch weil sie in den 90er-Jahren ein Teenie-Star war. ›Blümchen‹ lautete ihr Künstlername in jener Zeit, ihr Stil war fröhliche, energiegeladene Technomusik, die eingängigen Refrains sang sie mit ihrer hohen, glockenklaren Mädchenstimme. Bei ihrem ersten Hit ›Herz an Herz‹ war die 1980 geborene Hamburgerin gerade 15 Jahre alt – und verkaufte in den Jahren danach Millionen von Platten, ging auf Welttourneen, gewann Musikpreise. »Dieses Leben von damals ist mittlerweile ganz weit weg für mich«, sagt sie heute. »Und in aller Regel begegnet es mir auch nicht mehr.« Eigentlich nur, wenn andere sie danach fragen würden. »›Blümchen‹ war ein wichtiger Lebensabschnitt für mich, aber er ist seit 2001 zu Ende«, stellt sie klar.

Musik macht Jasmin Wagner allerdings noch immer. Sie schreibt Lieder für sich und andere Künstler und verkörperte 2013 dieRolleder verstorbenen Chanson- und Schlagersängerin Alexandra im gleichnamigen Musical. Anzutreffen ist Jasmin Wagner auch auf der Bühne der ›Hamburger Kammerspiele‹ – oder in Fernsehstudios, wo sie als Moderatorin arbeitet, für TV-Filme und Serien vor der Kamera steht. Die Texte für ihre Auftritte lernt sie gern hier, in ›Lühmanns Teestube‹. Oder bei sich zu Hause im Stadtteil St. Georg, wo sie seit vielen Jahren wohnt. Aufgewachsen ist sie jedoch in Jenfeld, im äußersten Osten Hamburgs. Mit ihrem Bruder und ihren Eltern lebte sie dort in einem Einfamilienhaus, die Großeltern wohnten nur eine Straße entfernt. »Ich bin oft zu ihnen rübergegangen. Meine Oma hat die besten Mürbeteigkekse der Welt gemacht«, schwärmt sie. Auch die Kuchen in ›Lühmanns Teestube‹ erinnern sie an ihre Großmutter. Sie nimmt sich noch einen Klecks Schlagsahne nach.

Sie kann das mit gutem Gewissen tun, denn Sport ist heute wie früher wichtig für sie. Zu Wagners Lieblingsspielen als Kind zählte, mit ihrer besten Freundin die Turniere der damals bewunderten Tennis-Legenden Steffi Graf und Monica Seles im Garten nachzustellen. In den Ferien ging es zu den Eltern ihrer Mutter, nach Kroatien. Lange sind sie mit dem Auto dorthin gefahren, ihren ersten Flug erlebte Jasmin Wagner erst im Alter von zwölf Jahren. Hat sie sich bereits als kleines Mädchen gewünscht, mal eine berühmte Sängerin zu werden? »Nein. Auch wenn man mich später auf der Bühne anders erlebt hat: Ein besonders extrovertiertes Kind war ich nicht.«

Trotzdem stand sie schon früh in der Öffentlichkeit. Noch vor der Einschulung war sie Kindermodel für einen Versandhaus­katalog. Als Cheerleader für die ›Hamburg Blue Devils‹ sprang und tanzte sie einige Jahre später vor und während der Football-Spiele vor Publikum über den Rasen. Wagners Gesangslehrerin entdeckte ebenfalls zu dieser Zeit ihre außergewöhnliche Stimme – und vermittelte sie an Produzenten, die eine junge Künstlerin für ein neues Musikprojekt suchten. ›Blümchen‹ war geboren – und für Jasmin Wagner ein völlig neuer Lebensabschnitt. »Als es richtig losging, wusste ich gar nicht, was das bedeutet. Auf einmal ist da dieser Erfolg und man geht auf Tour mit einem riesigen Tross an Menschen und steht irgendwo auf der Bühne. Mir war das am Anfang noch nicht so recht geheuer«, erzählt sie. Ihre Mutter ging mit auf Tour, um ihre Tochter zu unterstützen – und auch ein bisschen, um auf sie aufzupassen.

Nach dem Ende der ›Blümchen‹-Zeit fand Jasmin Wagner schließlich zu sich selbst. Mit dem Rucksack reiste sie erst um die Welt, lernte Wellenreiten, was sie bis heute begeistert. Und sie studierte an der ›American Academy of Dramatic Arts‹ in Hollywood Schauspielerei. »Das waren unglaublich tolle Jahre«, erinnert sie sich. »Ich hatte Freunde und Flirts und ein ganz normales Leben. Niemand kannte mich dort. Es war ein gutes Gefühl zu spüren, dass ich als Mensch noch dieselbe war wie vor der ›Blümchen‹-Zeit.« Was den Aufenthalt in Los Angeles für die Künstlerin noch bereicherte: die Lage am Pazifischen Ozean. »Ich habe ein Faible für Städte am Wasser, ich bewege mich gern draußen und auf dem Meer.« Und das ist von Hamburg ja auch nicht weit entfernt – egal, ob es einen nun an Ost- oder Nordsee zieht.

Wer Jasmin Wagner vor allem als ›Blümchen‹ in Erinnerung hat, wird erstaunt sein, wie wenig dieses Bild mit der eloquenten und reflektierten jungen Frau zu tun hat, die sie heute ist. »Beiallem, was ich jetzt mache, geht es zunächst um meinen inneren Maßstab: In erster Linie mussmirgefallen, was ich hervorbringe. Es zählt nicht, was andere sagen. Es zählt, dass ich zufrieden bin.« Wie so oft im Leben gehörte das auch bei ihr zu den Erkenntnissen, die erst im Laufe der Jahre heranreifen müssen – Souveränität und Selbstsicherheit werden schließlich den wenigsten in die Wiege gelegt. Das Gleiche gilt wohl für Erfolg. »Natürlich habe ich auch Glück gehabt. Aber ich habe auch immer viel riskiert«, sagt Wagner. Und sie strengt sich an, arbeitet an sich. »Ich stecke meine ganze Kraft in meinen Job und versuche immer, mich zu verbessern und weiterzuentwickeln.« Dass das klappt, haben auch Theaterkritiker festgestellt: Für ihre Rolle als Alexandra ebenso wie für andere Auftritte auf der Bühne erhielt sie anerkennendes Lob.

Die antiken Möbel in ›Lühmanns Teestube‹ sind bunt durcheinander gewürfelt

Nur noch ein paar Krümel sind auf dem Kuchenteller übrig geblieben und auch die Sahne ist leer. Und wie geht es jetztweiter? Unkompliziert. »Ich lebe von Projekt zu Projekt«, sagt Wagner, »und schaue, wohin es mich treibt.« Theater, Film, TV, Bühne,Musik – allesist schließlich möglich. Wohnen will sie vorerst weiter in Hamburg, auch wenn ihr Lebensgefährte ein Schweizer ist. Größere Unterschiede gibt es zwischen der Hamburger Deern und ihrem Partner aus den Bergen jedoch nicht zu überbrücken. »Auf eine gewisse Art und Weise ist er wie ein Hamburger. Wir denken auch sehr gleich.« Jasmin Wagner überlegt kurz, und muss dann lachen. »Außerdem spricht er ohne Akzent und damit perfektes Hochdeutsch.« Doch das ist es natürlich nicht, was sie an ihm so mag, sondern seine innere Ruhe. »Wir ergänzen uns da sehr gut, weil ich irgendwie immer in Bewegung bin.«

Wenn sie selbst einen Rückzugsort braucht, zieht es Jasmin Wagner an die Alster, die sie von St. Georg in wenigen Gehminuten erreichen kann. »Die Alster ist für mich ein Kraftfeld, ich kann hier abschalten und wieder Energie tanken.« Und dann gibt es ja noch Blankenese. Nicht weit entfernt von ›Lühmanns Teestube‹ liegt das Treppenviertel, ein von mehr als 5.000 Stufen durchzogenes Labyrinth aus urigen Häusern, kleinen Villen und verwinkelten Gassen. »Da ist es wunderschön«, schwärmt Wagner. »Das sollte man unbedingt sehen, wenn man in Hamburg ist.« Am besten nach dem Genuss eines Kuchens mit Schlagsahne in ›Lühmanns Teestube‹. Wer will, kann die Kalorien dann gleich wieder auf den Treppen abtrainieren. Oder man bleibt sitzen und bestellt einen Nachschlag. Queen Elizabeth winkt einem im jeden Fall zu – so lange, bis es draußen dunkel wird.

Queen Elizabeth winkt solarbetrieben von der Fensterbank

Lühmanns Teestube

Blankeneser Landstraße 29

22587 Hamburg

www.luehmanns-teestube.de

3  Ende mit Schrecken

Klaus Störtebeker blickt über die Hafencity

3  Ende mit Schrecken

Klaus Störtebeker blickt über die Hafencity

Der Schreck muss den Schaulustigen durch Mark und Beingefahren sein. Es war der 20. Oktober 1401, und nachdem das schwere Beil des Henkers den Kopf von Klaus Störtebekers Körper abgeschlagen hatte, erhob dieser sich taumelnd vom Richterblock, den man auf der Hamburger Binneninsel Grasbrook aufgestellt hatte. Der berühmt-berüchtigte Pirat hatte dem Bürgermeister vor seiner Exekution noch ein Versprechen abgerungen: Jeden seinerKameraden, an dem er es nach seiner Enthauptung noch schaffe vorbeizu­gehen, möge man verschonen. Und der Legende nach geschah genau das: Kopflos, wahrscheinlich blutend und als ein für alle Beteiligten furchterregender Anblick passierte der sterbende Störtebeker noch elf seiner 73 Männer, bevor ihm der Henker ein Bein stellte.

An diesen grausigen Tag erinnert auf dem Grasbrook, derheutigenHafencity, mittlerweile nichts mehr – außer ein Abbild Störtebekers selbst. An dem Ort, an dem er starb, steht er nun: als bronzenes Denkmal mit stolzem Gesichtsausdruck, den Blick in die Ferne gerichtet. Das Leben des Piraten war dabei nicht weniger sagen­umwoben als sein Tod. Auf Nord- und Ostsee hatte er als Anführer der Vitalienbrüder Schiffe geentert und die Schätze an Land mit den Armen geteilt. Der Name Störtebeker (Plattdeutsch für ›stürz denBecher‹) wurde ihm dabei angedichtet, weil er besonders trinkfest gewesen sein soll – eine Eigenschaft, der sich bis heute viele Seeleute rühmen. Seine letzten Tage verbrachte der Pirat allerdings wenig ruhmreich in einem Gefängnis. Und auch sein letzter, der Überlieferung nach kopfloser Gang hat am Ende niemandem geholfen. Alle Kameraden wurden hingerichtet.

Hafencity

Osakaallee / Busanbrücke

20457 Hamburg

4  Herren einer großen kleinen Welt

Gerrit und Frederik Braun bauen das ›Miniatur Wunderland

4  Herren einer großen kleinen Welt

Gerrit und Frederik Braun bauen das ›Miniatur Wunderland‹

Die Hamburger Zwillingsbrüder Frederik und Gerrit Braun betreiben in der Speicherstadt das ›Miniatur Wunderland‹, diegrößteModelleisenbahnanlage der Welt. Ein klitzekleines, aber dochriesigesReich aus Schienen, Straßen, Bergen, in der gestandene Männer zu Kindern werden und jährlich mehr als eine Million Besucher Schlange stehen. Wie kommt man nur auf solch eine Idee?

Nina Paulsen: 1.300 Quadratmeter Fläche, 13 Kilometer Gleise, 930 Züge, 215.000 Figuren. Wie verrückt muss man sein, um so etwas wie das ›Miniatur Wunderland‹ zu bauen?

Frederik Braun: Wir haben beide eine ziemlich große Portion Verrücktheit. Wir wären auch nicht da, wo wir heute wären, wenn wir nicht verrückt wären. Ich glaube, jemand der unemotional durchs Leben geht, könnte das nicht verwirklichen.

Die Idee hatte Frederik im Jahr 2000. Wie viele Leute haben euch von eurem Plan abgeraten?

Gerrit Braun: Selbst ich war anfangs nicht überzeugt. Vor allem, weil ich das Geschäft hinter Freddys Idee nicht gesehen habe, auch wenn sich das alles toll anhörte. Erst als der Mietvertrag stand, der Bankkredit bewilligt war und seine leuchtenden Augen nicht nachließen, kam bei mir die Überzeugung, es tun zu wollen. Eröffnet haben wir dann 2001. Ruhig geschlafen habe ich erst 2002.

Frederik: Als mir die Idee in einem Modelleisenbahngeschäft in Zürich kam, war das einer der wichtigsten Momente meines Lebens. Ich weiß noch genau, dass es am 13. Juli war. Doch keiner hat das richtig ernst genommen. Familie, Freunde – keiner hat an den Plan geglaubt.

Habt ihr ein Scheitern mit einkalkuliert?

Frederik: Ich wusste, dass es funktioniert.

War euch klar: Wir machen das nur zu zweit?

Frederik: Wir sind sogar zu dritt, wir haben mit Stephan Hertz noch einen Partner, der sich eher im Hintergrund hält. Aber Gerrit und ich stehen ja ganz gern in der Öffentlichkeit. (lacht)

Gerrit: Na ja, wir haben uns dran gewöhnt …

Frederik: Stimmt, eigentlich sind wir schüchtern. Allerdings interessieren die Medien sich ja auch für Zwillinge. Also sind wir das Aushängeschild. Ich hätte es aber nie im Leben ohne ihn gemacht.

Gerrit: Geht mir genauso. Keine Chance. Hätte ich mich gar nicht getraut. Es ist ja so: Glück ist das Einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt, und geteiltes Leid ist halbes Leid.

Frederik: Ich habe auch großen Respekt vor Gerrit. Wenn er als Zahlen- und Statistikgenie, das er nun einmal ist, es nicht gemacht hätte, wäre ich vorsichtig geblieben. Ich bin so ein Hyper-Optimist und er ist eher …realistisch. Ich soll ja nicht mehr sagen pessimistisch.

Gerrit (bricht in schallendes Gelächter aus): Er hat mich immer den Werkspessimisten geschimpft.

Wer ist von euch der Ältere?

Gerrit: Ich. Fünf Minuten.

Und hat sich das in eurer Kindheit bemerkbar gemacht?

Gerrit: Was die Ausbildung betrifft, war ich wohl etwas gradliniger. Er hat eher gelebt und ich habe eher gearbeitet.

Frederik: Ich würde fast sagen, er ist mein großer Bruder. Auch vom Respekt her, was seine Allgemeinbildung betrifft. Das ist schon ein anderes Niveau.

Gerrit: Das werde ich mir merken.

Bereits als Kinder habt ihr mit Modelleisenbahnen gespielt. Welche war die erste, die ihr besessen habt?

Frederik: Eine klassische Märklin-Eisenbahn, die wir dann sehr schnell kaputt gespielt haben. Eigentlich haben wir alle Modelleisenbahnen, die wir geliebt haben, irgendwann kaputt gespielt.

Wie lange hat es gedauert, das alles aufzubauen?

Frederik: Grundsätzlich sind wir beide unvorstellbar ungeduldig. Wenn wir eine Idee haben, rennen wir sofort los. Genau so war es auch. Ich hatte im Internet eine Umfrage gestartet und wollte wissen, was Touristen sich in Hamburg anschauen wollen – und das Ergebnis war phänomenal. Ich hatte eine Liste mit 40 Sehenswürdigkeiten erstellt und das ›Miniatur Wunderland‹ darunter geschmuggelt, obwohl es das zu diesem Zeitpunkt nur in meinem Kopf gab. Jeder zweite Mann hatte es angekreuzt! Bei den Frauen waren es jedoch viel weniger. Trotzdem wusste ich: Jetzt geht es los. Am 1. November 2000, also dreieinhalb Monate nach der Idee, haben wir angefangen, uns einzurichten, und am 15. Dezember die ersten Gleise verlegt. Acht Monate später haben wir eröffnet.

Was war das für ein Gefühl, hier in diesen leeren, großen Räumen zu stehen und so ein Mammutprojekt vor sich zu haben?

Frederik: Es waren 1.600 Quadratmeter Fläche und wir standen tatsächlich sprachlos davor. Die Euphorie war da und wir wussten, was wir bauen wollten. Aber wie fängt man bloß an? Gestartet sind wir dann mit Mitteldeutschland, also mit dem Harz. Danach kamKnuffingen, wo Gerrit sein Schloss gebaut hat. Und die Alpen. Das war unser erster Bauabschnitt.

Knuffingen ist eine Fantasiestadt im ›Miniatur Wunderland‹ mit 6.000 Einwohnern, Zügen, fahrenden Autos und Hügeln drum herum – und eben einem Schloss. Woher der Name?

Gerrit: Wir haben an Knuffingen sechs Monate gebaut und ich habe acht Monate lang die Software für die Lichtsteuerung der Autos programmiert. Meine Frau hat mich in dieser Zeit kaum gesehen und wenn doch, hat sie mich ertragen müssen. Ihr Spitzname ist ›Knuff‹. So kam ich auf Knuffingen und das fanden auch alle gut.

Wie heißen dann die Einwohner von Knuffingen?