Spätsommer - Larry Ebmeier - ebook

Spätsommer ebook

Larry Ebmeier

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Opis

Corey ist ein Verlierertyp, ein verklemmter Pechvogel, dem nichts so richtig gelingt und der stets im Schatten steht. Er will nur irgendwie durchkommen, ohne anzuecken, arbeitet an seiner heterosexuellen Fassade, und wenn's brenzlig wird, schaltet er auf 'Autopilot'. So stolpert er von einer Katastrophe in die nächste, erklärt dem Leser dabei aber immer wieder, wie fantastisch er gerade noch einmal die Kurve gekriegt hat. An seine Grenze stößt Corey, als plötzlich seine heimliche Jugendliebe Scott vor ihm steht. Das große Glück ist mit Händen zu greifen, was soll er nur tun? Mit viel Sympathie zeichnet Ebmeier seinen Helden und lässt den Leser auf anrührende Weise an dessen skurrilen Verrenkungen teil haben. Am Ende dieser aufregenden Achterbahnfahrt gönnt er ihm fast ein Happy End.

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LARRY EBMEIER

SPÅTSOMMER

Roman

Aus dem Englischen vonVolker Oldenburg

Månnerschwarm VerlagHamburg 2011

1

Es gibt hier einen Geistlichen, der zufälligerweise auch Therapeut ist. Einmal erklärte er mir, Sex sei so etwas wie das Tüpfelchen auf dem i. Damit wollte er sagen, dass Sex für zwei Menschen die natürliche Steigerung ihrer geistigen Verbundenheit und somit den höchstmöglichen Ausdruck einer bereits bewährten Vertrautheit bedeuten sollte. Um das herauszufinden, musste ich dem Geistlichen, der zufälligerweise auch Therapeut ist, fünfzig Dollar bezahlen, doch ehrlich gesagt, diese Weisheit hätte ich bestimmt in jedem Groschenroman nachlesen können.

Natürlich nennt man sie heutzutage nicht mehr Groschenromane, und ich bezweifle stark, ob man noch irgendwo einen Roman für so wenig Geld kaufen kann. Jedenfalls keinen neuen Roman. Höchstens einen gebrauchten, den man in einer Ramschkiste findet.

Zunächst wusste ich überhaupt nicht, dass dieser Geistliche auch Therapeut war, und schon gar nicht, dass sein Beratungshonorar genauso hoch wie das eines Therapeuten war. Mir war lediglich ein Handzettel aufgefallen, durch den kurz auf seine Sexualberatungen hingewiesen wurde, und ich entschied mich, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich bin katholisch und hätte genauso gut einen unserer Priester aufsuchen können, doch da die katholische Kirche ziemlich finstere Ansichten über homosexuelle Männer hat, beschloss ich, einen Geistlichen aufzusuchen, der Methodist war. Und zweifelsohne war er ziemlich kompetent. Nachdem ich die ersten Sitzungen hinter mich gebracht hatte, dachte ich beim Nachhausefahren: Also, Corey, du musst zugeben, selbst für einen Geistlichen versteht er eine ganze Menge von psychologischer Beratung.

Doch dann erhielt ich am Ende der dritten Sitzung eine Rechnung über hundertfünfzig Dollar. Können Sie sich das vorstellen? Drei Wochen und hundertfünfzig Dollar? Meiner Meinung nach ist das eine ziemliche Stange Geld. Hätte ich vorher gewusst, dass sein Honorar derart hoch war, hätte ich mich bloß einmal im Monat für eine Sitzung angemeldet oder vielleicht zweimonatlich, wie bei meinem Frisör, aber ganz bestimmt nicht einmal pro Woche. Niemals. Ich mag zu der Zeit wirklich Probleme gehabt haben, aber bestimmt nicht genug, um fünfzig Dollar in der Woche auszugeben. Eine derartige finanzielle Unregelmäßigkeit ist bei weitem zu extravagant für mich. Nicht einmal für mein Auto habe ich jemals so viel ausgegeben, und im Gegensatz zu Luxusgütern wie einer Sexualberatung oder einem Stereo-Videorekorder ist ein Auto heutzutage schließlich eine notwendige Anschaffung.

An dem Tag, als der Geistliche, der zufälligerweise auch Therapeut ist, darüber sprach, dass Sex nur das Tüpfelchen auf dem i sei, forderte er mich auf, eine meiner liebsten sexuellen Fantasien zu beschreiben. Der Grund dafür war, dass er mich kurz zuvor gebeten hatte, ein wirkliches sexuelles Erlebnis zu beschreiben, worauf ich entgegnet hatte: «Es tut mir wirklich leid, aber es gibt kein Erlebnis, über das ich sprechen könnte. Das ist der eigentliche Grund meines Kommens, Reverend.»

Daraufhin sagte er: «Das macht nichts, Corey. Sie brauchen sich deswegen nicht zu schämen. In der Tat bedeutet eine geringe sexuelle Aktivität auch ein äußerst geringes Risiko, sich bestimmte Krankheiten einzufangen.»

«Was denn für Krankheiten, Reverend?»

«Krankheiten, die durch Sex übertragen werden, Corey, wie zum Beispiel Hepatitis, Geschlechtskrankheiten oder Infektionen der Harnwege. Ganz besonders Infektionen der Harnwege – der Fluch des befreiten Mannes; und der befreiten Frau, Corey. Also, schämen Sie sich nicht.»

In Wahrheit schämte ich mich doch. Mir war zu Mute, als wäre ich endlich aus meinem Schattendasein hervorgekrochen, nur um gleich wieder in ewiger Finsternis versinken zu müssen. Doch er sagte: «Mr. Reese, Sie brauchen sich nicht wie ein Frosch vorzukommen, denn Sie werden herausfinden, dass Sex zu einem guten Teil aus Fantasien besteht.» Mir war unklar, ob er damit meinte, dass sexuelle Fantasien einen entscheidenden Anteil am Sex ausmachen, oder ob sie sogar der beste Teil davon sind. Ich befragte ihn jedoch nicht weiter zu diesem Thema, und als ich später herausgefunden hatte, wie hoch sein Beratungshonorar war, fühlte ich mich überglücklich, keine unnötige Zeit darauf verschwendet zu haben.

Meine Fantasie begleitet mich schon seit den Tagen, als ich herausbekam, was Sex ist und was man dabei alles anstellen kann. Der Geistliche nannte das sexuelles Erwachen, ich dagegen nenne es eine verlassene Farm nördlich der Stadt. Es ist eine wunderschöne Farm, so wie verlassene Farmen nun mal sind. Die lange, gerade Auffahrt ist von hohen Kiefern gesäumt, und am Ende befindet sich eine von diesen großen Scheunen mit hohem sechseckigem Dach, deren einstmals rote Farbe ganz verblasst ist. Dann gibt es noch mehrere Außengebäude, die mit verwitterten grauen Holzschindeln verkleidet sind und leerstehen, seit vor Jahren die Farbe von ihnen abblätterte. Eines der Gebäude, ein kleines Hühnerhaus, dessen Schrägdach in abfallender Richtung nach Norden oder in aufsteigender Richtung nach Süden zeigt, je nachdem, wie Sie es betrachten, ist jedoch noch immer von der gleichen leuchtend roten Farbe wie an dem Tag, als es angestrichen wurde. Von dort aus hat man einen Blick über ein kleines Tal, dessen Hügel im Frühling und im Sommer ganz mit Mais bedeckt sind. Warum das Hühnerhaus noch immer so rot ist, werde ich wahrscheinlich nie erfahren.

An der Stelle, wo früher das Wohnhaus stand, wuchert jetzt nur noch hohes Büffelgras. Bitte gedulden Sie sich noch einen Moment, ich komme gleich zum schlüpfrigen Teil. Sehen Sie, früher stieg ich oft auf mein Fahrrad und fuhr zu dieser verlassenen Farm hinaus, wo ich stundenlang durch das hohe Büffelgras watete und mich in das staubige alte Stroh auf der Tenne der alten Scheune legte, wo durch die Lücken zwischen den Holzplanken und durch zwei kleine quadratische Fenster, die vom Dreck vieler Jahre völlig verschmiert waren, die Nachmittagssonne hineinblinzelte. Gewöhnlich stellte ich mir dann vor, wie es wohl wäre, mit dem Objekt meiner Sehnsüchte in dem staubigen Stroh oder im Büffelgras oder sogar in dem Hühnerhaus Sex zu haben.

Das Objekt meiner Sehnsüchte ist groß und schlaksig, gut gebaut, mit einem jungenhaften Gesicht, und ist ein überaus maskuliner Mann mit derbem Benehmen, der innerlich aber immer noch wie ein Junge ist. Unter einer durchgeschwitzten Baseballkappe schauen seine stahlblauen Augen und sein dünnes strohblondes Haar hervor, und die Ärmel seines blauen Flanellhemds sind bis über den Bizeps aufgerollt und enthüllen goldbraune sehnige Arme, deren kräftige Muskeln mit dicken Adern überzogen sind. Seine staubigen Jeans sitzen so eng, dass sich sein knackiger, muskulöser Hintern in ihnen abzeichnet und man sehen kann, dass er ziemlich gut bestückt ist. Gut bestückt ist ein Ausdruck, der hauptsächlich von Homosexuellen verwendet wird und sich auf den Schritt bezieht. Der Mann ist voller Lebenslust und von überschäumender Vitalität und ist am treffendsten als unverzagter Geist zu beschreiben. Das ist für mich besonders erregend, denn ich selbst bin ein durch und durch verzagter Geist.

Ja, und jetzt sind wir schon die allerbesten Freunde. Sein Name ist Scott Sommerfeld, aber ich habe nie ernsthaft daran geglaubt, bei ihm landen zu können.

Außer dass er sich meine sexuellen Fantasien anhörte, brachte mir der Geistliche, der zufälligerweise auch Therapeut ist, noch eine wunderbare Entspannungstechnik bei, bevor ich in weiser Voraussicht meine Besuche zu fünfzig Dollar die Woche einstellte.

Gummibälle.

Sie müssen aus echtem Gummi sein, Plastik ist aus irgendeinem Grund nicht so gut geeignet. Man legt sich auf den Fußboden und versucht, eine bequeme Stellung zu finden, dann legt man sich den größten Gummiball – insgesamt sind es drei, ein großer und zwei kleine – unter den Kopf, genau am Nackenansatz. Man schließt die Augen und rollt mit dem Kopf langsam über den großen Gummiball. Die kleinen Bälle kann man je nach Belieben unter den Schultern, dem unteren Rückenbereich, in den Kniekehlen, unter den Hacken oder aber am untersten Ende der Wirbelsäule platzieren, also überall dort, wo die Muskeln verspannt sind. Ich habe diese Technik schon sehr häufig angewandt, seit ich bei dem Geistlichen gewesen bin, und das mit einigem Erfolg, sodass ich sie jedem ans Herz legen kann. Ich glaube, der Geistliche erwähnte sogar, dass diese Methode von einem berühmten New-Yorker Schauspiellehrer entwickelt wurde.

Manchmal krame ich meine alte Scott-Sommerfeld-Phantasie wieder hervor, während ich mich auf den Gummibällen auf meinem Wohnzimmerteppich entspanne. Mein Gott, Sie hätten ihn sehen müssen in seinem offenen Flanellhemd.

Scott und ich lernten uns 1960 kennen, gleich nachdem er neu in die zweite Klasse in Grinnell gekommen war. Die kleine Schule auf dem Land, die er bis dahin besucht hatte, war geschlossen und mit unserer zusammengelegt worden, und so befand er sich in Grinnell im Nachteil, da dort alles neu und ungewohnt für ihn war. Ich stürzte mich auf ihn wie ein Immobilienmakler, der gerade ein unter Preis angebotenes Grundstück mit erheblichem Wertsteigerungspotenzial entdeckt hat, das man später mit einer zweiten Hypothek belegen konnte. Freundschaften konnte ich damals nur schließen, wenn ich sicher war, dass der andere im Nachteil war.

Scott war ein recht hübscher kleiner Junge mit ganz hellblondem, dünnem, glattem Haar, einem engelhaften Gesicht mit einer schmalen Adlernase, schmalen Handgelenken und zartgliedrigen Händen; Künstlerhände, wie Mutter sie nannte.

Die Kunst war auch das erste, was uns miteinander verband, und da wir beide begabt für unser Alter waren, widmeten wir uns im Unterricht dem Zeichnen von Autos, Lastwagen, Zügen und Flugzeugen. Als wir in die Junior High School kamen, entwarfen wir gemeinsam Autos und schworen uns, Autodesigner zu werden, wenn wir groß waren.

Scott sah nicht nur besser aus als ich, sondern er war auch sehr sportlich, extrovertiert und hatte einen seltenen Sinn für Humor. Soweit ich mich erinnern kann, machte er sich niemals Sorgen und nahm nichts so richtig ernst. Das kam daher, beschloss ich für mich, dass er dünn war und ich fett. Dünn zu sein hieß, anerkannt zu werden, und besser noch, es bedeutete, dass er Mannschaftssport betreiben und an Leichtathletikwettkämpfen teilnehmen konnte. Auf diese Weise konnte er Kontakte mit anderen schließen, was ich nicht konnte. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist das Gefühl völliger Entfremdung, das mich überkam, wenn ich ihn mit seinen Mannschaftskameraden und Kumpanen in den Umkleideräumen scherzen und herumalbern sah, während ich abseits stand und mich fragte, was es wohl mit dieser lächerlichen Art, sich Handtücher um die Ohren zu schlagen, dem Gekreische, wenn sie sich gegenseitig durch den Duschraum jagten, und dem endlosen Gejohle auf sich habe.

Wie Sie sicherlich bereits vermutet haben, hielt man mich für einen vertrottelten Langweiler. Ich wurde «Fettsack», «Fettfleck», «fettes Monster» und, allzeit beliebt, «Fetter Irving» genannt.

Jedes Mal, wenn Mutter mit mir in die Stadt fuhr, um mir neue Kleidung zu kaufen, hieß es: «Oh, Mrs. Reese, ihr Corey wird ganz bestimmt einmal ein richtiger Brocken! Nein so was, Corey, schau dich bloß mal an. Aus dir wird eines Tages garantiert ein klasse Footballspieler!»

Wenn ich heute zurückdenke, finde ich, dass Corey damals nicht der richtige Name für mich gewesen ist. Corey klingt einfach nicht «fett». Vater heißt Ralph. Ralph wäre ein ausgezeichneter «fetter» Name gewesen, und da ich der Erstgeborene war, erscheint es mir wie ein Wunder, dass ich nicht Ralph genannt und dann «Junior» gerufen wurde. Oder Fred. Fred ist ein guter, kugelrunder Name. Denken Sie nur an Fred Mertz in I love Lucy. Und dann ist da natürlich noch Irving. Irving Reese. Das hätte gepasst, außer dass «Reese» irgendwie auch nicht «fett» genug klingt. Anderson wäre besser gewesen. Irving Anderson. Das wäre perfekt gewesen.

Kürzlich las ich, dass das frühzeitige Entfernen der Mandeln bei Kindern zu Fettleibigkeit führen kann. Meine Mandeln wurden mir mit vier herausgenommen, das muss es also gewesen sein.

Der einzige Vorteil, den ich als Kind gegenüber Scott hatte, war, dass ich mehr Spielzeug besaß. Scotts Vater hatte ungefähr siebzig Hektar Trockenfarmland gepachtet, das, wie alles Land in der Umgebung von Grinnell, mit Mais bepflanzt war. Selbst in den Sechzigerjahren reichten siebzig Hektar Ackerland kaum zum Überleben.

Im Sommer fuhr Scott nachmittags für gewöhnlich mit dem Fahrrad die paar Meilen auf dem Higway 146 südlich nach Grinnell bis zu unserem riesigen weißen Haus, das aus dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts stammte und in seiner Bauweise eine Mischung aus romanischen und Queen-Anne-Elementen aufwies. Er liebte es, das große alte Haus zu erkunden. Dessen hervorstechendste Merkmale waren zum einen ein großer runder Turm, der sich am Südwestwinkel des Hauses befand, und zum anderen die auf der Vorderseite liegende halbrunde Veranda mit ihren Säulen und Sockeln aus Kalkstein. Menschen, die in großen Ballungszentren wie Chicago leben, wären sicher bereit, alles für ein solches Haus zu tun, aber Grinnell war damals wie heute voll davon. Unser Haus befand sich an der Ecke Park Street, gegenüber vom Campus des Grinnell College.

Scott und ich verbrachten viel Zeit damit, mit meiner elektrischen Eisenbahn von American Flyer aufregende Abenteuer nachzuspielen, egal ob Kriegsgeschichten, Fernsehquizshows oder Kriminalgeschichten. In den Sechzigerjahren war die Idee, in einem Zug ermordet zu werden, für ein Kind noch eine ziemlich aufregende Sache. Ohne jegliche Vorwarnung setzte Scott sein verruchtes Grinsen auf und sagte: «Corey Reese ist soeben im Speisewagen erschossen worden. Äh, welches ist überhaupt der Speisewagen?» Ich zeigte auf einen der Waggons, und er witzelte: «Dort wurde Corey Reese erschossen, während er seine zweite Portion Nachtisch aß.» Dann bückte er sich, kippte den Waggon nach links und sagte: «Sein Körper liegt jetzt auf dieser Seite.» Dann fing er an zu lachen, doch ich lachte nicht mit ihm. Stattdessen starrte ich ihn so lange an, bis er zu lachen aufhörte und sagte: «Scott, manchmal finde ich, dass dein größter Mangel in deinem Übermaß an Sitzfleisch besteht.»

Woraufhin er nur um so heftiger lachte.

Scott versuchte mich zu überreden, es an der Junior High School doch mal mit Sport zu probieren. «Corey», bekniete er mich, «woher willst du denn wissen, dass es so furchtbar ist?»

«Ich bin zu klein und zu fett, und alle werden sich über mich lustig machen, wenn ich es nicht schaffe. Denk nur an das Wählen der Mannschaften. Die beiden Mannschaften werden um mich kämpfen, und unglücklicherweise wird es der Verlierer sein, der mich nehmen muss.»

«Was ist mit Leichtathletik? Du könntest es mit Kugelstoßen versuchen. Ich weiß, du bist stärker als ich. Dicke Kinder sind immer stark.»

«Ich bin einfach zu fett, um Turnhosen und T-Shirts zu tragen. Die anderen würden nur lachen und sich über mich lustig machen.»

Also dachte er kurz nach und sagte dann: «Und was ist mit Mannschaftsführer. Mom glaubt, du könntest Mannschaftsführer werden.»

«Nein, Scott, das ist ausgeschlossen. Und zwar deswegen, weil ich weder kontaktfreudig bin noch gesteigerten Wert darauf lege, im Umkleideraum verprügelt zu werden .»

«Sie werden dich schon nicht zertrampeln.»

«Danke sehr. Doch, werden Sie. Es ist schon schwierig genug, nur für den Sportunterricht dort hinein- und wieder herauszukommen.

«Ich lass nicht zu, dass sie dich verprügeln.»

«Vergiss es. Es sind einfach zu viele.»

Er dachte erneut nach. «Und was ist mit Maskottchen? Wir könnten dir das Tigerkostüm anziehen.»

«Das ist mir zu eng, und die Schule verfügt nicht über so hohe staatliche Fördermittel, dass sie ein größeres kaufen könnte.»

«Dann vielleicht Cheerleader? Zwei Cheerleader!»

«Scott, manchmal würde ich es wirklich vorziehen, einsam zu sein als zusammen mit dir jeglicher Gemeinschaft zu entbehren.»

Daraufhin ließ er sich von der Bank fallen und kugelte sich vor Lachen. Letztendlich brachte uns der Junior-High-Sportklub auseinander, wenn auch nicht vollständig. Ich muss zu Scotts Rettung sagen, dass er sich während unserer gemeinsamen Schullaufbahn trotz seiner vielen sportlichen und sozialen Verpflichtungen immer noch Zeit für mich nahm; Zeit, damit ich ihm bei den Englischhausaufgaben, bei der Rechtschreibung und in Sozialkunde helfen konnte. Ich durfte ihm sogar bei der Hausarbeit helfen, wenn ich mit meinem Fahrrad zur Farm hinausfuhr, und im Herbst gestattete er mir, die Maiskolben aufzusammeln, die beim Wenden des Maispflückers über den Rand des Felds hinausgefallen waren. Im Sommer hatte ich ihn jedoch fast ganz für mich allein, und wir verbrachten die Tage damit, auf unseren Rädern durch die Gegend zu fahren, Erkundungen anzustellen und im Stadtpark von Grinnell im Gras zu liegen und dem Kondensnebel der Flugzeuge nachzuschauen, während wir den Wind durch die hohen Pinien rauschen hörten.

2

Mit dreizehn hatte Scotts Gestalt Konturen angenommen, und von seinen breiten Schultern abwärts bildete sich ein magerer, athletischer Körper heraus. Sein Engelsgesicht wich einem mageren, schönen Jungsgesicht, und sein Haar dunkelte etwas nach und war nun nahezu strohblond. Er flößte mir Ehrfurcht ein, aus Gründen, die ich nicht begreifen konnte. Just in dem Moment, als ich mir einzureden begann, dass unsere Freundschaft für immer eine erfreuliche und feste Sache war, etwas, das immer wunderbarer werden konnte, verkündete er, dass er fortziehen werde.

Es kam ganz unvermittelt. Sein Vater Leopold entschloss sich, das Farmerdasein aufzugeben und nach Chicago zu gehen, um dort Arbeit in einem der Firestone-Werke anzunehmen. Das war im Herbst 1965. Scott rief mich eines samstagnachmittags Ende Oktober an und sagte, ich solle mit meinem Fahrrad raus zur Farm kommen. Es war mitten in der Maisernte.

Als ich ankam, sah ich Scott mit aufgestütztem Kinn auf der Verandatreppe ihres bescheidenen, eingeschossigen weißen Schindelhauses sitzen, das dringend einen neuen Anstrich brauchte. Ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmte, denn gewöhnlich sprang er mir entgegen und machte eine dumme Bemerkung, wie zum Beispiel: «Mom hat gerade Brot gebacken. Möchtest du eins oder zwei?» Doch als ich jetzt auf den Hof fuhr, winkte er mir nur halbherzig zu, erhob sich von der Treppe, zerrte sein Fahrrad aus dem vertrockneten Unkraut und war schon aufgestiegen, bevor ich anhalten konnte. «Los, komm!», brüllte er mir über die Schulter zu. «Lass uns raus aufs Feld fahren.»

Bis zu der Stelle, wo Leopold gerade die Ernte einholte, war es eine halbe Meile Schotterweg, und Scott fuhr die ganze Zeit vor mir her. Er trug eine Jeansjacke, eine Baseballmütze, ein weißes T-Shirt, verwaschene Jeans und übergroße, klobige Treter, und ich beobachtete seinen geschmeidigen Körper, während er in die Pedale seines alten Schwinn-Rads trat. Manchmal fuhr er im Stehen, bis er Geschwindigkeit zugelegt hatte, dann setzte er sich wieder und fuhr mühelos weiter. Wenn er wollte, konnte er sehr schnell fahren, aber heute war seine Geschwindigkeit mäßig, und ich konnte zusehen, wie die Gesäßtaschen seiner Jeans sich auf dem Sattel hoben und wieder senkten. Es war ein strahlender Oktobertag, und Scotts Gesicht und Nacken zeigten immer noch etwas von ihrer «Farmerbräune». Er war jetzt alt genung, um Leopold während des Sommers eine Menge im Freien zu helfen.

Als wir das Feld erreichten, ungefähr dreißig Hektar groß und voll mit hoch rankendem, staubedecktem gelbem Mais, sahen wir seinen Vater ungefähr eine halbe Meile weit weg am Steuer eines Traktors, der einen roten, doppelreihig erntenden Maispflücker antrieb. Der Maispflücker zog einen alten braunen Stahlanhänger hinter sich her, dessen Ladefläche durch selbst zugeschnittene, weiß gestrichene Seitenbretter erhöht worden war. Scott fuhr in das Feld hinein, zu einem in der Nähe abgestellten Dodge-Kleintransporter, der fast genau den gleichen braunen Anhänger mit weißen Seitenbrettern hatte. Auf beiden Seiten des Anhängers, jeweils neben dem braunen Metalltrichter, stand in gelben Buchstaben «David Bradley». Damals besaßen viele Farmer in Grinnell solche Anhänger, und ich habe mich immer gefragt, wer wohl David Bradley war.

Scott stieg von seinem Fahrrad und ließ es in den puderigen grauen Schmutz fallen, den die Fahrzeuge, die beständig zwischen den Feldern hindurchfuhren, dort zentimeterhoch angehäuft hatten. Er setzte sich auf das Trittbrett des Dodge. Ich setzte mich zu ihm. In der Ferne wühlte sich der Maispflücker langsam und geräuschvoll durch das Feld und sah aus wie ein kleiner motorisierter Staubsturm. Die Luft war erfüllt vom wunderbar trockenen und staubigen Geruch der reifen Maiskolben. Der Anhänger war voll.

«Ich muss den Anhänger zurückbringen und abladen. Willst du mitkommen?»

«Danke sehr. Sicher doch!», strahlte ich. Eines der aufregenden Dinge an Scotts Farmleben war, dass er Kleinlaster, Lastwagen und Trecker fahren durfte, bevor wir Jungs aus der Stadt auch nur davon träumen konnten, hinter einem Steuerrad zu sitzen.

«Okay», antwortete er, blieb aber sitzen und starrte weiter in die Richtung, wo die Maschine seines Vaters fuhr. Der Himmel war wolkenlos, und es hatte seit über einer Woche nicht geregnet. Bestes Erntewetter. Eine leichte warme Brise aus dem Süden wehte durch das dünne, strohblonde Haar, das ihm in die Stirn hing.

«Weißt du was, Corey?»

«Danke sehr. Nein, was?»

«Die Maisernte ist für mich die schönste Zeit im Jahr.»

«Ich denke, das kann ich ein wenig nachvollziehen, Scott, obwohl ich doch das Frühjahr bevorzuge, wenn die Maisrebbler kommen. Weißt du noch, wie großartig es war, auf diesen riesigen Haufen aus Maiskolben zu stehen und ‹König der Berge›zu spielen?»

Das brachte ihn zum ersten Mal ein wenig zum Grinsen, während er weiter auf den Horizont starrte. «Ja, das war toll.» Er sah mich an. «Das ist das einzige Spiel, in dem du mich jemals geschlagen hast.» Seine hellen, stahlblauen Augen durchdrangen mich, wie sie es immer taten – widerstandslos.

«Ich bin schwerer und kleiner als du. Mein Schwerpunkt ist größer und sitzt niedriger als deiner, und das ist bei Spielen, bei denen es auf Balance ankommt, von Vorteil.»

Sein Lächeln verschwand, und er schaute wieder auf den Maispflücker in der Ferne. Plötzlich entfuhr ihm ein tiefer Seufzer, woraufhin seine Schultern in sich zusammenfielen. «Weißt du was, Corey?»

«Danke sehr. Nein, was?»

«Sieht aus, als wäre das für immer meine letzte Maisernte.»

Als ich das hörte, brach in meinem Inneren alles zusammen, doch ließ ich mir weder Schrecken noch Enttäuschung anmerken. Wissen Sie, ich verfüge über eine Art inneren Autopiloten, der in Situationen wie dieser das Steuer übernimmt. Dieser Autopilot hat sich unter dem jahrelangen Einfluss von Disziplin, Selbstkontrolle und Mutter entwickelt. Er bedarf eines hohen Energieaufwands, schaltet sich jedoch fast automatisch ein, wenn ich mich aufrege oder unter Stress stehe. Er ist das unfreiwillige Endergebnis davon, dass ich all die Jahre immer streng dem Vorbild meiner Mutter gefolgt bin. Sie trichterte mir ein, niemandem mein Vertrauen zu schenken und, sollte ich es doch einmal tun, dafür zu sorgen, dass niemand über meine wahren Gefühle Bescheid weiß. Das war lebenswichtg, besonders für einen vertrottelten Langweiler, und als ich dreizehn war, hatte ich meinen Autopiloten vollends perfektioniert. Also sagte ich ruhig und sachlich zu Scott: «Danke sehr. Ich verstehe.»

«Ja», seufzte er noch einmal und wandte seinen Blick wieder mir zu. «Dad bricht seine Zelte hier ab. Er hat nen Job in Chicago. Wir ziehen in ein paar Wochen um.»

«Gut.» Ich nickte und starrte in den pudrigen grauen Schmutz. «Ich bin davon nicht völlig überrascht, Scott. Ich hatte damit gerechnet, dass deine Familie hier alles aufgeben würde. Du selbst hast diese Möglichkeit oft angedeutet, indem du dich über den niedrigen Maispreis beklagt hast, der, nebenbei, heute Morgen an der Chicagoer Börse nur mit einem Dollar neun angegeben wurde.»

Seine durchdringenden hellblauen Augen wichen zur Seite aus, dann sah er mich wieder an. «So? Einen Dollar neun?»

«Jawohl», bekräftigte ich und nickte mit schicksalsschwerer Miene. «Und der Weizen steht auch nur bei einem Dollar neunzehn.»

Plötzlich warf er den Kopf zurück und explodierte förmlich vor Lachen. Das erschreckte mich, doch wissen Sie, er hatte nun einmal diese Neigung zu explosionsartigen Ausbrüchen von körperlicher und geistiger Ausgelassenheit. Ich habe dasselbe Phänomen auch bei anderen Männern von der Adoleszenz bis zum Ende des Studiums beobachtet. Und auch in der Ausgelassenheit junger Farmhunde habe ich es bemerkt. Es erinnert mich immer an einen unerwartet heftigen Windstoß. Und ebenso unvermittelt wurde er wieder ernst. «Ja», sagte er, «Dad stinkt es und Mom auch. Mom freut sich auf den Umzug. Ich habe sie schon lange nicht mehr so glücklich gesehen.»

«Ich bin erfreut, das zu hören, Scott.»

«Ja.» Wieder ein Seufzer. «Gleich nach Weihnachten fange ich in Chicago mit der Schule an.»

Ich sah wieder hinunter in den Schmutz. «Ja, das dachte ich mir. Ach, das wird bestimmt aufregend, Scott. Zur Schule gehen in solch einem großen Ballungszentrum.»

Er sah in den Schmutz, lächelte einen Moment und schwieg dann mindestens eine Minute. Schließlich sahen wir beide zum Horizont. Leopold hatte gerade am Rand des Felds gewendet und fuhr Richtung Osten zurück. «Ganz bestimmt freust du dich sehr darauf, Scott. Du musst ziemlich aufgeregt sein. Ich hätte schreckliche Angst, aber du bist zweifelsohne aufgeregt, wenn nicht sogar fröhlich. Liege ich da richtig?»

Er grinste zu mir herüber und antwortete zögerlich: «Glaub schon. Aber n bisschen Angst hab ich auch.»

Ich zuckte die Achseln. «Alles wird gut gehen, Scott. Es gibt nichts, wovor du dich fürchten müsstest. Du kommst immer so gut zurecht, ich mache mir um dich überhaupt keine Sorgen. Ich habe mir überhaupt noch nie Sorgen um dich gemacht. Du bist kontaktfreudig. Ich habe nur die elektrische Eisenbahn.»

Das brachte ihn erneut zum Grinsen. Ich sah noch immer zum Horizont und zum Maispflücker in der Ferne. Ich konnte fühlen, wie seine stahlblauen Augen mich durchdrangen. Nach ein paar Sekunden schluckte er schwer und sagte: «Komm, lass uns den Anhänger abladen, ja?»

Wir standen auf und kletterten wortlos in das Fahrerhaus des alten Dodge. Scott ließ den Motor an, legte den Gang ein und ließ ihn absaufen. Das passierte ihm äußerst selten, selbst mit einem vollbeladenen Anhänger hinten dran, und ich wusste, dass er beunruhigt und aufgeregt war. «Scheiße!», zischte er und ließ ihn wieder an. Es gab einen Ruck, und das altersschwache Getriebe kreischte widerwillig im ersten und zweiten Gang, während wir langsam aus dem Feld hinaus und auf dem Schotterweg in Richtung Farm fuhren. Während wir so die Straße entlangruckelten, grinste er auf einmal und begann, das kreischende Getriebe des alten Dodge nachzumachen. Jedes Mal wenn er schaltete, machte er ein knirschendes Geräusch mit den Zähnen, so, als würde er einen Gang verfehlen. Er wusste, wie sehr mich das begeisterte, ebenso wie viele andere in der Schule. Er hatte viele Lacher damit geerntet, wenn er im Klassenzimmer das Kreischen alter, schwer beladener Lastwagen in den niedrigen Gängen imitierte.

Diesmal lachte ich jedoch nicht. Stattdessen schüttelte ich den Kopf und stöhnte: «Scott, hättest du damals in den Vierzigern gelebt, wäre wahrscheinlich ein Pionier der Fernsehunterhaltung aus dir geworden.»

«Echt?», fragte er halb lachend.

«Ja. Du hättest der allererste Mensch sein können, bei dem die Leute gelangweilt ausgeschaltet hätten.»

Daraufhin warf er den Kopf in den Nacken und lachte lauter als je zuvor, doch im nächsten Moment schwieg er wieder und stierte mich von neuem an. «Pass auf die Straße auf.» Ich stöhnte auf, ohne hinzusehen.

Er grinste, wurde dann ernst und presste heraus: «Ich werde dich vermissen, Cor.»

«Danke sehr. Das ist doch absurd, Scott. Du wirst deine Mannschaft und deine Kumpane aus den Umkleideräumen in der Schule vermissen, die deinen einfachen Sinn für Humor teilen. Was wirst du schon an mir vermissen?»

«Du bist so normal.»

«Normal?»

«Ja, wie Oliver Hardy. Ein Fettsack, der keinen Spaß versteht. Die perfekte Ausgangssituation.»

Ich machte einen Schmollmund. «Scott, manchmal missbrauchst du nicht nur meine Zeit, sondern du verdirbst mir die Ewigkeit.»

Er schlug vor Lachen auf das Steuerrad. «Genauso. Verstehst du, was ich meine?» Dann wurde er ernst. «Ich werde – dich vermissen, Corey. Ehrlich, du bist der einzige Freund, den ich jemals hatte, der wie ein Collegeprofessor redet.»

«Aha. Danke sehr.»

«Schreibst du mir?»

Ich nickte, während ich auf den schmutzigen, vollgerümpelten Boden des alten Lasters blickte. Dort lagen rostige Schraubenschlüssel, Radnabenmuttern, ein Hammer und Drahtstücke zwischen eingetrockneten Schlammresten und verkrustetem Staubschmutz. All das sah aus, als hätte es schon immer dort gelegen. Niemals zuvor war mir etwas derartiges passiert; meinem besten Freund Lebwohl zu sagen. Scott hätte mein Bruder sein können. Tatsächlich hatte ich sogar zwei Brüder, aber keiner von beiden stand mir so nahe wie Scott Sommerfeld. Ich wusste einfach nicht, was ich sagen sollte, vor allem deswegen nicht, weil der Autopilot eingeschaltet war.

Plötzlich begann Scott zu weinen. Die Tränen rannen ihm die Wangen hinunter, und er wischte sie schnell fort, bevor er das Lenkrad herumwirbelte, um den alten Laster in die Auffahrt der Sommerfeld-Farm zu bugsieren. Tatsächlich hätten wir die Abzweigung um ein Haar verfehlt. Ich blickte ungläubig zu ihm hinüber. Seine Tränen erhöhten mein Unbehagen. Was kann man auch tun, wenn der beste Freund auf einmal zu weinen anfängt? Ich hatte Scott seit vielen Jahren nicht mehr weinen gesehen, nicht mehr, seit er mit sieben die schräge Kellertreppe hinuntergerutscht war und sich dabei Holzsplitter in den Hintern gerissen hatte. Wenn er überhaupt ein Problem hatte, dann war es immer genau das Gegenteil von meinem gewesen: eine eklatante Unfähigkeit, in bestimmten Situationen mit angemessener Nüchternheit souverän zu reagieren. Einen Moment lang dachte ich, er mache nur Spaß, aber dann hielt er den Laster an, nahm den Gang heraus, sah mich einen Augenblick mit tränengefüllten Augen an und schlang seine Arme um mich. Nein, er machte keinen Spaß.

Beim Vibrieren des leer laufenden alten Sechszylinders, dessen eine Zündkerze, wie ich mich zu erinnern glaube, defekt war, fühlte ich Scott Sommerfeld zum ersten Mal. Ich werde niemals vergessen, wie ich seinen warmen Körper an meinem spürte, seine geschmeidigen Muskeln fühlte, während er seine mit Jeansstoff bedeckten Arme um meine Schultern und meinen Rücken schlang. Etwas in mir wurde aufgerissen wie eine Tür von einem Sommerwindstoß, und ich spürte, dass meine Bewunderung für Scott Sommerfeld wohl doch größer war, als ich vermutet hatte.

Als wir uns trennten, grinste er verschämt, wobei er sich abermals mit dem Ärmel seiner Jeansjacke über die Augen wischte. «Tut mir leid», sagte er und senkte den Blick.

«Das hoffe ich, Scott», flüsterte ich.

«Ja.» Er schluckte schwer und seufzte noch einmal. Nach einem kurzen Augenblick sah er mich an. «Corey?»

«Ja?»

«Du kommst doch klar, oder?

«Danke sehr. Natürlich werde ich prima zurechtkommen, wie immer.»

«Okay», sagte er halb grinsend und fragte dann: «Corey?»

«Ja?»

«Du bist so furchtbar ruhig bei dem Ganzen.»

«Und wie sollte ich bitte deiner Meinung nach reagieren?»

«Na ja, es ist nur – wir sind eine ganze Zeit Freunde gewesen, und nun ist es – als ob es das jetzt gewesen ist. Ich meine, ich weiß, dass du ziemlich viel allein sein wirst, wenn ich fort bin. Ich meine nur – manchmal bin ich der einzige, der was mit dir macht. Ich will nicht, dass du – einsam bist.» Er fuhr fort, mich anzustarren. «Du kannst ruhig weinen, wenn du willst. Das macht nichts.»

Ich erwiderte kalt seinen Blick. «Offenbar hast du zu viele Walt-Disney-Filme gesehen, Scott.»

Daraufhin legte er fragend die Stirn in Falten. «Hä?»

Ich sah ihn wütend an und schaute dann hinunter auf die rostigen Schraubenschlüssel, die Radnabenmuttern, den Hammer und die Drahtstücke im Schmutz. Dann stieß ich plötzlich die Tür der Fahrerhauses auf, sprang hinunter und schlug sie heftig zu. «Lad endlich den verdammten Anhänger ab!», schrie ich, so laut ich konnte.

Im nächsten Frühjahr beendete ich die Schule als Abschiedsredner der achten Klasse. Später wiederholte ich denselben Auftritt bei der Abschlussfeier an der Senior High School. Mein Englischstudium am Grinnell College, wo ich mehrere Stipendien erhielt, schloss ich summa cum laude ab. Falls sich meine Zeugnisse beeindruckend anhören, sollte ich darauf hinweisen, dass ich für den amerikanischen Arbeitsmarkt Mitte der Siebzigerjahre sehr schlecht vorbereitet war. Was kann man in den Vereinigten Staaten schon mit einem Abschluss in Englisch anfangen? Für Journalismus interessierte ich mich nicht, und der Gedanke zu unterrichten war mir verhasst. Ich wollte vor allem der beängstigenden Atmosphäre entkommen, wie ich sie als Junge in der Gemeinschaft des Klassenzimmers erlebt hatte. Also blieb Bibliothekar übrig, und als Debüt schien meine einzige Möglichkeit eine freie Stelle bei der Fernleihe der Staatsbibliothek Illinois in Chicago zu sein. Entweder das oder für Vater Versicherungen verkaufen.

Natürlich waren meine Eltern von meiner Entscheidung, nach Chicago zu gehen, nicht sehr begeistert. Das einzig Gute, das Vater über Chicago zu sagen wusste, war, dass seine beiden Lieblingsradiosendungen dort produziert wurden, die Paul Harvey News und The Rest of the Story mit Paul Harvey. Während Mutters Bild von Chicago von Wiederholungen alter Chicago-1930-Folgen geprägt war, erklärte mein Vater: «Lieber ein großer Fisch in einem kleinen Teich, als in einer Stadt mit so kalten Wintern zu leben. Weißt du nicht, welche Unmengen von Salz sie dort auf die Straßen streuen? Also, dein Auto wird in einem Jahr von innen durchgerostet sein und in zwei Jahren von außen. Ich an deiner Stelle würde lieber hier bleiben und das ‹Salz der Erde›sein, als dort auf Straßen voller Streusalz zu fahren.»

Vater hatte für jede Situation einen prägnanten, eingängigen Spruch auf Lager, eine Gewohnheit, die sein Beruf mit sich brachte. Seine Ansichten von Lebensqualität gründen sich darauf, wie vorzeigbar und in welchem Zustand die Autos der Ortsansässigen sind. Architektur, Parks und ein breit gefächertes kulturelles Angebot hin und her, wenn die Autos neue Modelle und in exzellentem Zustand sind, gibt er der Gemeinde zehn Punkte. Falls jedoch in einem Ballungszentrum Zustände herrschen, die ein Auto in Gefahr bringen zu verkommen, gestohlen oder das Opfer von Vandalismus zu werden, oder schlimmer noch, wegen Falschparkens abgeschleppt zu werden, erhält die Gemeinde eine Bewertung unterhalb von sechs Punkten, in seinen Augen eine unzureichende Note. Das kommt wahrscheinlich daher, dass Vater eine Menge Autoversicherungen verkauft. Grinnell bekommt zehn Punkte, Iowa, wo mein Bruder Anthony lebt, achteinhalb und Des Moines sieben Punkte. Chicago bekommt höchstens zwei Punkte, wenn nicht nur anderthalb.

Kurz nachdem ich nach Chicago gezogen war, machte Vater es sich zur Gewohnheit, in jedem Brief und bei jedem Telefongespräch eine Nachricht für Paul Harvey unterzubringen. «Sag mal, Corey, wie geht es Paul Harvey zur Zeit?»

«Oh, es geht im bestens, Vater. Ich habe ihn gestern beim Joggen im Park getroffen.»

«Er joggt? Das ist ja toll! In seinem Alter!»

«Nein, Vater, ich wollte sagen, dass ich joggen war und ihn dabei zufällig im Grant Park gesehen habe.»

«Hast du getan, was ich dir bei unserem letzten Telefongespräch aufgetragen habe?»

«Ja, Vater. Ich habe ihm deine Nachricht überbracht. Ich habe ihm Grüße aus Grinnell, Iowa, ausgerichtet.»

«Dein Glück!»

In Wirklichkeit sagte ich Vater gegenüber ein bisschen die Unwahrheit, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass es irgendeinen Schaden anrichtete. Wenn er in der Illusion lebte, dass, nur weil man im selben Ballungszentrum mit drei Millionen Einwohnern lebte, die Chance groß war, auf der Straße zufällig sein Radioidol zu treffen, warum nicht? So mancher Nachwuchs beklagt und bedauert seinen Mangel an persönlichen Beziehungen zu seinen Eltern, doch habe ich herausgefunden, dass es lediglich ein bisschen Fantasie und ein wenig Mühe bedarf, um die Familienharmonie im Gleichgewicht zu halten.

«Corey, das nächste Mal, wenn du Paul im Park von mir grüßt, könntest du ihm dann sagen, dass die Andersons am nächsten Sonntag ihren fünfundfünfzigsten Hochzeitstag feiern? Er möchte das vielleicht in seine Sendung aufnehmen.»

«Natürlich, Vater.»

Bei einer Reihe von Gelegenheiten hielt Mutter es in ihrer typisch wichtigtuerischen Art für angebracht, Mrs. Thurlow Remmers, die die Gesellschaftsspalte im Grinnell Herald-Register schrieb, über meine zufälligen Begegnungen mit Paul Harvey in Kenntnis zu setzen. «Corey Reese, der Sohn von Mr. und Mrs. Ralph Reese, wohnhaft 801 Park Street, joggt regelmäßig gemeinsam mit Paul Harvey, dem bekannten Nachrichtensprecher aus Funk und Fernsehen. Der junge Reese und Harvey werden regelmäßig zusammen in und um den Grant Park gesichtet. Als Corey kürzlich am Telefon von seiner Mutter Josephine gefragt wurde, ob das zu einer möglichen Karriere im Mediengeschäft führen könnte, antwortete er: ‹Das ist nicht meine Richtung. Außerdem liebe ich meine Stellung bei der Fernleihe der Bibliothek von Illinois.›»

Ich war erleichtert, dass Grinnell über dreihundert Meilen von Chicago entfernt war, und noch mehr darüber, dass, wenn überhaupt, nur wenige der drei Millionen Einwohner von der Lage und Existenz dieses Orts wussten.

3

Nach meinem Umzug nach Chicago reizte mich natürlich der Gedanke, Scott Sommerfeld ausfindig zu machen. Ich sah im Telefonbuch nach. Sein Vater Leopold war leicht zu finden – es gab einen Eintrag mit einer Adresse in Skokie. Scott aufzuspüren schien jedoch illusorisch. Ich bezweifelte, dass er noch zu Hause lebte, und die beiden Einträge, die es unter S. Sommerfeld gab, waren Adressen in Wilmette und South Chicago. Dann gab es noch eine Francine in Highland Park und Dave-und-Donna in Oak Park. Keiner von ihnen kam in Frage. Einige Jahre später tauchte ein Scott Sommerfeld mit der Anschrift State Street auf, aber da hatte ich schon das Interesse verloren, auch weil ich nicht glaubte, dass er noch in der Stadt lebte. In Wahrheit kam ich mir als Erwachsener irgendwie kindisch vor bei dem Gedanken, ihn wirklich ausfindig zu machen und eine Kinderfreundschaft wieder aufleben zu lassen. Außerdem war er inzwischen bestimmt verheiratet und lebte mit einer hübschen Frau und zwei oder drei perfekt geratenen Kindern in irgendeinem Vorort von Detroit. Welches Interesse sollte er also noch an mir haben?

Im Sommer 1979 erwarb ich ein etwas antiquiertes Automobil, einen zehn Jahre alten Rover 2000 TC. Das TC stand für Doppelvergaser. Ich fühlte mich innerlich verpflichtet, Präsident Carters «moralische Kriegsführung» zu unterstützen, und drosselte meinen Benzinverbrauch. Obwohl der Rover ziemliche Macken hatte, war er immer noch besser als mein durstiger 75er AMC Pacer, dem, um mit Vater zu sprechen, in vier Chicagoer Wintern die Knochen durchgerostet waren.

Der Rover, in schönem dunklem «British Green», war ungefähr so groß wie eine Volvo-Limousine, fuhr sich sehr bequem, und es war selbst auf den gefährlichsten Abschnitten des «Drive» noch Verlass auf ihn. Sein Vier-Zylinder-Motor verbrauchte lediglich halb soviel Benzin wie mein Pacer, und auf dem Armaturenbrett befand sich zudem eine Anzeige, die sich «Glatteiswarnung» nannte. Dabei handelte es sich um eine gelbe Lampe, die an ein Chromgehäuse angeschlossen war, das sich vorne an der Stoßstange befand und «Sonde» hieß. Die gelbe Lampe sollte immer dann aufleuchten, wenn die Außentemparatur unter den Gefrierpunkt absank, um den Fahrer so vor möglichem Eisaufkommen zu «warnen». Die Broschüre, die dem Handbuch beigefügt war, hatte dazu vermerkt: «Die Glatteiswarnung arbeitet zuverlässig, ist voll transistorisiert und verfügt über ‹robuste Schaltkreise›.» Ich war ganz hingerissen von dieser echt britischen Idee und fand sie vornehm und zivilisiert.

Es verging jedoch keine Woche, und die ersten Probleme stellten sich ein. Eines Abends, als ich von der Arbeit nach Hause fuhr, hielt ich noch kurz an, um den Tank auffüllen zu lassen, und forderte den Tankwart auf, den Ölstand zu überprüfen. Er öffnete die Motorhaube, zog nach kurzer Suche den Ölstab heraus und musterte ihn einige Augenblicke, woraufhin er um das Auto herum auf die Fahrerseite kam. «Sehen Sie?», sagte er in irgendeinem ausländischen Akzent und hielt mir den Stab unter die Nase. «Nich gut. Öl ist weiß.»

«Das ist ziemlich offensichtlich», antwortete ich, während ich gebannt auf den klumpigen weißen Schleim stierte, der die Spitze des Stabs wie ein winziger Strumpf überzog. «Was hat das zu bedeuten?»

Er betrachtete mich stirnrunzelnd, als wäre ich die absolut dümmste Kreatur auf dem Erdboden, und antwortete: «Wasser in Öl. Nich gut. Wie lange Sie haben das Auto?»

«Seit fünf Tagen. Ich habe es letzten Samstag gekauft.»

Er schüttelte den Kopf. «Ölstab nicht geprüft, bevor Sie Auto gekauft?»

«Nun ja – ich sah keinen Anlass dafür. Dieser Wagen ist mit einem Öldruckmessgerät ausgestattet. Sehen Sie, es ist vollständig ausgerüstet, wie es sich für ein ordentliches britisches Auto gehört. Bei angelassenem Motor zeigt der Öldruckmesser konstant vierzig an. Ich lasse den Motor für sie laufen und –»

«Nein, nein! Nicht anlassen! Nich gut. Motor nicht laufen lassen, wenn Wasser in Öl.»

Ich sah in an, als wäre er verrückt. «Und was schlagen Sie vor, wie ich jetzt nach Hause kommen soll?»

«Bus. Oder El», antwortete er und meinte damit die Hochbahn.

«Ich bin leider mit den verschiedenen Formen des öffentlichen Massentransports in dieser Stadt nicht vertraut.»

«Ist schlecht», seufzte er, während er die Motorhaube wieder schloss. «Sollten nicht fahren mit Wasser in Öl.» Er platzierte die Kreditkartenmaschine auf der Fensterkante, damit ich unterschreiben konnte.

«Das ist ja großartig.» Ich unterschrieb eilig, während ich nach meiner Visa-Karte schnappte. «Wasser in Öl.» Ich starrte auf die Glatteiswarnung und brütete einen Augenblick lang vor mich hin, bevor ich den Motor anließ und direkt zurück zu Rodney’s Reliable Motors fuhr, dem Gebrauchtwagenhändler auf der North Ashland, bei dem ich das Ungetüm gekauft hatte. Rodney, ein sehniger Mann mit beginnender Glatze, der aussah wie eine Figur aus der Benny Hill Show, willigte ein, das Auto zu einer Werkstatt in der Lawrence Avenue bringen zu lassen, mit der er einen Servicevertrag hatte. Ich überließ ihm also den Rover, und er gab mir dafür die Schlüssel für meinen alten lila Pacer, damit ich in der Zwischenzeit ein Auto zur Verfügung hatte.

Auf dem Nachhauseweg betrachtete ich eingehend die weiße Karte, in die in roten Lettern der Name der Firma eingestanzt war, die mein britisches Automobil reparieren sollte. «Hands Across the Sea Kar Klinic», las ich laut, während ich darauf wartete, dass die Ampel umschaltete. «Wir reparieren alle ausländischen Automarken.»

«Hands Across the Sea?», sagte ich laut in Richtung Rückspiegel. «Klingt eher wie der Titel eines Broadway-Musicals, oder als hätte Rodney Remington eine Riege Clowns unter Vertrag genommen, um mir noch mehr Geld abzuknöpfen. Wo, um alles in der Welt, hast du dich da bloß hineinmanövriert, Corey Reese?»

Zu Hause angekommen, ließ ich erschöpft meine hellbraune Büchertasche auf den Tisch in der Diele fallen. Die Büchertasche, auf der in blauen Lettern der Slogan «Big Bands are Back» prangte, war ein Werbegeschenk, das ich zusammen mit dem Abonnement einer Langspielplattenserie mit den großen Bands der Dreißiger-, Vierziger- und Fünfzigerjahre erhalten hatte. In der Tasche transportierte ich Bücher und Papiere von der Arbeit, und sie beinhaltete zudem eine Auswahl Stifte, Batterien, ein oder zwei Rollfilme, zahlreiche kleine Blitzlichter und alte Briefe von meiner Mutter, die ich gewöhnlich ungefähr sechs Wochen mit mir herumtrug, bevor ich sie wegwarf.

Ich wollte jetzt nur in den Salon und fernsehen. Die Nachrichten würden mich bestimmt von dieser Katastrophe ablenken. Gleich nachdem ich das Gerät eingeschaltet hatte, kam die Ansage: «Hier ist der News Channel. Ihre Verbindung zur Welt.» Dann wurde für einen Werbespot über Fallschirmgepäck unterbrochen. Darauf folgte eine Sendepause mit mehreren lokalen Werbespots, unter anderem für Rodney’s Reliable Motors. Hastig stellte ich den Apparat ab und starrte bewegungslos in die graue Leere des Bildschirms. Mein Puls begann sich zu beschleunigen, sodass ich die Hände unterhalb des letzen Rippenbogens auf den Bauch legte und langsam tief ein- und wieder ausatmete. Diese Prozedur wiederholte ich zwölfmal, wobei ich am Ende jeder Einatmungsphase die Schultern anhob, um meinen Lungenflügeln zu ermöglichen, sich ganz bis oben hin mit Luft zu füllen. Angeblich haben die Vorzeitmenschen auf diese Weise geatmet, und auch Babys atmen so. Der moderne Mensch hat durch seine stressige Lebensführung und seinen Mangel an sportlicher Betätigung verlernt, richtig zu atmen. Das ist die absolute Wahrheit.

Am nächsten Morgen wurde ich auf dem Parkplatz von Annette Swanson erwischt. Ich hatte entgegen aller Wahrscheinlichkeit darauf gehofft, mich mit meinem lila Pacer auf den Parkplatz und auch wieder wegstehlen zu können, ohne dass meine Kollegen es merkten, weil ich den meisten von ihnen gerade den Rover gezeigt und ihn als den Kauf des Jahrhunderts angepriesen hatte. Aber Annette sah, wie ich aus dem Pacer stieg, und kam mit einer «Aber hallo, was ist das denn»-Miene direkt auf mich zu. Annette, eine kleine, gemütliche und dabei überaus reizende Brünette, war eine meiner Untergebenen bei der Fernleihe. Sie war es auch gewesen, die mich zur Teilnahme an mehreren Aufführungen verschiedener Stadtteiltheatergruppen überredet hatte, was so ziemlich die einzige soziale Aktivität war, die ich nachweisen konnte, seit ich nach Chicago gezogen war. Offenbar war ich nicht unbedingt für Hauptrollen, dafür aber umso mehr für Charakterrollen und das Nachahmen verschiedener Akzente und Dialekte geeignet, und man könnte in etwa sagen, dass ich der Burgess Meredith der hiesigen Amateurtheaterszene war. Mit meinem scharf geschnittenen Gesicht, meinen welligen, braunen Haaren und meinem dichten, buschigen Vollbart, den ich mir nach Bedarf innerhalb von zwei Wochen wachsen lassen konnte, war ich regelmäßig auf die Rollen der Herren über fünfzig abonniert.

Ich glaube, Annette schwärmte ein bisschen für mich, denn sie war durchweg immer ein bisschen zu nett zu mir. Wahrscheinlich wollte sie, dass aus uns beiden etwas Festes würde. Die durchschnittliche Frau und sogar die durchschnittliche schüchterne Frau, wie Annette Swanson eine war, braucht in der Regel nicht besonders lange, um herauszufinden, wer aus dem Büro schon vergeben ist und wer nicht. Ich vermute, sie fand mich irgendwie attraktiv, denn ich war jetzt deutlich schlanker als mit fünfzehn und hatte über die Jahre daran gearbeitet, mir ein männlich zurückhaltendes Auftreten zurechtzufeilen und bewusst keine Emotionen zu zeigen, um meine Sexualität zu verbergen. Wahrscheinlich fand Annette mich distinguiert und auf geheimnisvolle Weise anziehend, so ungefähr wie eine männliche Ausgabe des Girl from Ipanema, mit der Einschränkung, dass ich dafür nicht groß genug war.

«Morgen, Corey», sagte sie und lächelte, als ich den Pacer abschloss.

«Oh.» Ich warf ihr über die Schulter ein unbehagliches Lächeln zu. «Guten Morgen, Annette». Sie bestand darauf, mit Annette angesprochen zu werden und nicht mit Ann, Annie oder etwa Nettie. Ein Zug, der mir sympathisch war.

«Was ist denn mit deinem –?»

«Rover. Danke sehr. Er ist – weißt du, er ist gerade – im Moment zur Reparatur.»

«Ach so.» Sie stellte sich neben mich und sah mich neugierig an. «Einen Augenblick lang dachte ich, du hättest es dir anders überlegt und ihn wieder eingetauscht gegen –»

«Danke sehr.» Ich nickte bestimmt. «Ich sehe ein, dass du zu dieser Schlussfolgerung kommen konntest, aber etwas derartiges würde ich niemals tun, Annette. Ich liebe meinen Rover nun einmal, verstehst du? Und zwar, weil er in erster Linie ein Präzisionsgerät ist und darüber hinaus leicht zu handhaben, sogar auf dem Drive.»

«Davon bin ich überzeugt», entgegnete sie feixend.

«Ach ja? Nein, Annette, der Grund, warum ich wieder mein altes Auto fahre, ist, dass er mir so lange überlassen wurde, wie der Rover in der Reparatur ist. Verstehst du das?»

Sie sah mich an, als würde sie jeden Moment vor Lachen explodieren.

«Es ist nichts Schwerwiegendes, nur einige – kleinere Korrekturen.»

«Ach was?» Sie grinste wieder. «Glatteiswarnung eingefroren, oder wie?»

«Als Komödiantin lohnt es sich wirklich, dir zuzuschauen, Annette. Schade nur, dass es sich so gar nicht lohnt, dir auch zuzuhören.»

Worauf sie in schallendes Gelächter ausbrach.

Um elf klingelte das Telefon auf meinem Schreibtisch. Am Apparat war eine sanfte, freundliche Männerstimme, die weich und dennoch tief und männlich klang und die, wie ich gestehen muss, ziemlich erotisch war. «Emm, Mr. Reese?»

«Am Apparat.»

«Emm, hier spricht Sly, emmm –»

«Sly?»

«Emmm, von Hands Across the Sea –»

«Aha, ich verstehe. Ist mein Auto fertig?»

Es gab eine kurze Pause. «Emmm, nein, Mr. Reese, emmm, wie lange besitzen Sie dieses Auto schon?»

«Ich habe es gerade erst bei Rodney gekauft. Hat er ihnen das nicht erklärt?»

«Emm, emmm, ja, Rodney sagte, Sie bräuchten eine neue Hauptdichtung, und die brauchen Sie auch, aber emmm, ich denke, es wäre gut, wenn auch die Ventile geschliffen würden. Bei Nummer drei ist der Druck ziemlich runter.»

Mit seinen ständigen Emmmms am Anfang und Ende jedes Satzes hörte Sly sich allmählich an wie ein Talkmaster, der auf seine Lacher wartet. «Okay, wie viel würde das kosten?»

«Emmm, na ja, nicht wesentlich mehr, als die Hauptdichtung zu reparieren. Emmm, die ganze Sache wird sie nicht viel mehr kosten als vierhundertfünfzig.»

«Vierhundertfünfzig – Dollar?», schrie ich so entsezt, dass Annette erstaunt von ihrem Bildschirm aufblickte.

«Emm, inklusive der Ersatzteile, emm –»

Ich senkte die Stimme und legte die Hand um die Muschel. «Mr. Remington hat mir einen Preis von zweihundert zugesagt. Wir sind übereingekommen, dass er die Hälfte übernehmen würde. Allerdings nur, weil ich ihm gedroht habe, mit der Geschichte zur Vereinigung Amerikanischer Autohändler, zur Verbraucherberatung, zur ‹Stimme des Volkes›beim Tribune und zu Sixty Minutes zu gehen.»

«Emm, aber es handelt sich hier um einen Kompressionsmotor, Mr. Reese, und emmm –»

«Ich weiß, ich weiß. Britische Präzisionsarbeit. Das wollten sie mir doch gerade erzählen, oder?»

Sly klärte mich auf, dass mein Rover nicht nur ein solide gebautes Auto sei, sondern dass er es sogar für die Miniausgabe eines Rolls-Royce hielt. Als ich den Hörer auflegte, hatte ich mich nicht nur mit dem Preis einverstanden erklärt, sondern fühlte mich auch noch glücklich, das Geld investiert zu haben. Was einen guten Geschäftsmann auszeichnet, ist seine Fähigkeit, dem Kunden beim Geldausgeben ein gutes Gefühl zu vermitteln. Wenn Sly etwas war, dann ein cleverer Geschäftsmann, mutmaßte ich, während ich abwesend auf den Computerbildschirm starrte, wobei Annette mir von ihrem Schreibtisch aus zusah.

Mein Bildschirm zeigte in leuchtend grüner Schrift einen Buchtitel zum Thema Gesang an. Eine Anthologie der Oper: Opern alter und moderner Komponisten. Das Buch sollte an einen Professor Schoenberger, Leiter der Abteilung für Vokalmusik an der DePaul University, gesandt werden. Der größte Teil meiner Arbeit bestand darin, Bücher, Dokumente und Periodica zusammenzustellen und in diverse Städte, Bundesstaaten und an solche hiesigen Privatinteressenten zu verschicken, die Informationsbedarf hatten. Ich war also Bibliothekar, obwohl ich mich selbst niemals so bezeichnete. «Bibliothekar» klang für mich einerseits zu profan und andererseits zu altjüngferlich für einen Mann, der vier Jahre studiert, summa cum laude abgeschlossen und fünf Jahre Berufserfahrung hatte. Fünf Jahre in einem großen Ballungszentrum. Für gewöhnlich erklärte ich, dass ich für «Die Fernleihe» arbeitete. Wurde ich zu einer genaueren Erklärung meiner Tätigkeit gedrängt, antwortete ich, dass mein Job «nicht unähnlich der Beschäftigung von Katherine Hepburn in Eine Frau, die alles weiß» sei. Da die meisten Leute, die ich kannte, den Film nie gesehen hatten, gab es darauf niemals weitere Fragen.

Nach der Mittagspause erhielt ich erneut einen Anruf von Sly. Diesmal teilte er mir mit, dass mein Miniatur-Rolls-Royce zwischen 2800 und 3500 Umdrehungen merkwürdige Klopfgeräusche von sich gebe. Er müsste die Ölwanne herausnehmen, damit er das Gestänge überprüfen könnte, und das würde ihn einen Extratag kosten. Allmählich machte ich mir Sorgen. Obwohl ich kein Mechaniker war, wusste ich, dass merkwürdige Klopfgeräusche in Zusammenhang mit dem Gestänge nichts Gutes zu bedeuten hatten. Ich legte den Hörer auf und starrte auf den Bildschirm vor mir, während meine Atmung sich beschleunigte und immer flacher wurde. Ich hatte gerade den Titel Entomologie: Grundlagen und Anwendungsbereiche auf den Bildschirm geholt. Er war für Dr. Sedgwick bestimmt, Professor für Zoologie an der Northwestern University. «Gestänge», begann ich laut vor mich hin zu murmeln. «Gestänge, Gestänge, Gestänge. Mein Rover hat ein morsches Gestänge!» Ich legte die Hände an die Schläfen, wobei mein Atem noch schneller wurde. «Rodney Remington hat mich reingelegt!» Dann flüsterte ich verzweifelt: «Mein Miniatur-Rolls-Royce hat verschmutztes Öl und und eine morsches Gestänge! Morsch, morsch, morsch! STOPP!» Mein unvermittelter Aufschrei veranlasste Annette, von ihrem Schreibtisch aufzublicken und besorgt zu mir herüberzuschauen. Ich lächelte und winkte ihr leicht zu.

Als ich an diesem Abend nach Hause kam, hämmerte es in meinem Kopf wie ein morsches Gestänge. Ich schlurfte hinein, ließ mein Sakko und meine «Big Bands are Back»-Tasche neben das Telefontischchen in der Eingangsdiele fallen und steuerte geradewegs auf den Salon zu, wo ich gleich den Fernseher anstellte. Womöglich war die Welt in noch größeren Schwierigkeiten als ich. «Rund um die Welt, rund um die Uhr», strahlte der Nachrichtensprecher mir entgegen. «Wir liefern Ihnen vierundzwanzig Stunden am Tag die neuesten Nachrichten.» Danach wurde sofort ein Werbespot für Aamco Getriebe gesendet. Das fehlte jetzt gerade noch, dachte ich, das Getriebe des Rovers. Schnell schaltete ich den Apparat aus. «Gestänge!», flüsterte ich in Richtung des leeren Bildschirms. «Gestäääänge, nichts als morsches Rovergestänge! Stopp!»

Als mein Schrei verklungen war, hörte ich das Klingeln des Telefons und ging in die Diele zurück, um den Hörer abzunehmen. Es war die Fernleihe, die mir mitteilte, dass ich Professor Schoenberger, Leiter der Abteilung für Vokalmusik an der DePaul, den Text über Insekten geschickt hatte, wodurch Dr. Sedgwick, Zoologieprofessor an der Northwestern, natürlich die Geschichte der Oper erhalten hatte.

4

Am Montag teilte Sly mir bei der Arbeit telefonisch mit, dass das Gestänge des Rovers morsch sei. Sofort nach seinen Anruf schickte ich irrtümlicherweise einen NASA-Bericht über neuere Erkenntnisse in der Tragflächenkonstruktion und ihren Nutzen für Luftfahrtzeuge an ein Zoogeschäft. Ich weiß zwar nicht mehr, wie mir das passieren konnte, doch erinnere ich mich noch, dass das Zoogeschäft auf exotische Vögel spezialisiert war. Am folgenden Nachmittag setzte Sly mich am Telefon darüber in Kenntnis, dass sich durch das morsche Gestänge Rillen in der Kurbelwelle gebildet hatten. Die Kurbelwelle musste neu geschliffen werden, und dafür war es notwendig, den gesamten Motor auszubauen.

Mittlerweile konnte ich meine Nervosität nur noch mithilfe ganzheitlichen, natürlichen Atmens, durch Aktiven Gedankenstopp und drei verschiedene Meditationsübungen unter Kontrolle bringen. Zwei Wochen verstrichen, ohne dass Sly mich anrief, und ich hatte schon den Klang seiner Stimme vergessen, als er ausgerechnet am Nachmittag der Premiere von Angel Street wieder anrief, einem viktorianischen Kriminalstück der Grimsby Players, in dem ich die Rolle des Inspector Rough spielte.

«Hallo?»

«Emmm, Mr. Reese?»

«Oh, bitte nicht», hörte ich mich laut aufstöhnen. Für gewöhnlich bin ich nicht so taktlos, doch eine harte Woche voller Abendproben und das Lampenfieber vor der Premiere hatten mich aufgerieben. Ich räusperte mich und entschuldigte mich für mein Benehmen. «Verzeihen Sie, Sly, aber ich hatte einen ziemlich anstrengenden Tag. Also, wo ist das Problem?»

«Emm, oh, es gibt kein Problem, Mr. Reese. Emm, Ihr Rover steht bereit, emmm –»

«Bereit? Ich verstehe nicht ganz.»

«Emmm, wenn Sie wollen, können Sie vorbeikommen und ihn abholen.»

«Ich kann vorbeikommen und – Sie haben keinen weiteren Defekt gefunden? Ich kann ihn fahren? Nach Hause?»

«Emmm, klar. Ich hab die Rechnung noch nicht fertig, aber Sie können ihn ruhig schon heute Abend abholen und dann am Montag bezahlen.»

Das war sichtlich zuvorkommend von seiner Seite, aber ich hatte dennoch Bedenken. Heute Abend war die Premiere, und ich konnte mir jetzt keine Komplikationen leisten. Ich hatte mich soeben aus dem System ausgeloggt und war, als er anrief, damit beschäftigt gewesen, meine Büchertasche zu packen. «Gut», sagte ich schließlich, «wenn Sie absolut sicher sind, dass alles in Ordnung ist. Es ist aber nicht unbedingt erforderlich, dass ich ihn noch heute Abend zurückbekomme, verstehen Sie?»

«Emmm, also, ich werde nicht hier sein, aber mein Mitarbeiter Kenny ist bis sechs da.»

«In Ordnung, dann soll es wohl so sein.»

Hands Across the Sea befand sich im nördlichen Teil der Lawrence Avenue, zwischen Halsted und Ashland. Es handelte sich um ein äußerst ansprechendes Gebäude, das den Anschein erweckte, bereits seit seiner Erbauung eine Autowerkstatt zu sein. Die Frontfassade war mit lasierten Keramikziegeln in blauen und gelben Pastelltönen kunstvoll verziert, ein Stil, der in den Zehner- und Zwanzigerjahren dieses Jahrhunderts modern gewesen war. In den beiden oberen Winkeln befand sich jeweils ein in Stein gehauenes, gerahmtes Mosaik, das ein Autorad und ein Paar Kotflügel darstellte. Ich erkannte es als das Markenzeichen eines Oldtimers, des Peerless, wieder.

Die Werkstatt war in ordentlichem Zustand und viel größer, als es von außen den Anschein gehabt hatte. Sie war gerammelt voll mit exotischen Autos wie Porsche, Mercedes Benz, Alfa Romeo, Jaguar und einer Reihe italienischer Fabrikate, die ich nicht sofort identifizieren konnte. Der Geruch nach Öl und Lösungsmittel wurde durch die Hitze des Julinachmittags noch verstärkt, und wie fast alle Einrichtungen dieser Art schien der Ort verlassen, bis auf eine Miss Juli aus einem Pin-up-Kalender, die über einer Drehbank angeheftet war. Von irgendwoher dudelte aus einem Radio Rockmusik vor sich hin, und durch ein offenes Tor im hinteren Teil der Werkstatt konnte ich meinen dunkelgrünen Rover auf dem Parkplatz auf mich warten sehen. Schließlich erspähte ich einen großen, dürren Mann mit Vollbart, dessen Kleidung über und über mit Öl verschmiert war. Seine langen, strähnigen braunen Haare wippten bei seinen großen Schritten auf und ab. Neben ihm trottete ein großer, magerer Irischer Wolfshund, dessen Fell die Farbe und Beschaffenheit eines abgewetzten Flokatis aufwies und der so groß und ungelenk war wie ein Kalb.

«Ihr Auto steht hinten», rief der Mann mir fröhlich zu, während er hinter einem Jaguar XK-120-Drophead-Coupé hervortrat.

«Wie bitte?»

«Ihr Rover. Ich bin Kenny. Und Sie sind Reese, wenn ich nicht irre?»

«Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht ganz folgen. Woher wissen Sie, dass –»

«Ach so, Sly hat gesagt, Sie würden spät reinkommen. Er sagte mir, ich soll nach so einem kleinen Typen Ausschau halten, der irgendwie nach Tweed aussieht.»

«Klein und irgendwie nach Tweed?» Ich sah an mir hinunter und betrachtete meine Tweedhose mit Bügelfalte und das dazu passende Freizeitsakko, ebenfalls aus Tweed. «Äh, ach so. Offensichtlich hat Ihr – Sly mich schon einmal gesehen, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, wo –?»

«Ne, Sly hat gesagt, er kann Sie sich vorstellen, nur von der Art, wie Sie am Telefon geklungen haben. Er hat sogar ne Wette mit uns Jungs darüber laufen, wie Sie aussehen. Altmodisch und irgendwie besorgniserregend. Hey, kennen Sie diese Mr.-Tweedy-Cartoons aus der Zeitung?»

Ich erstarrte. «Danke sehr, nein, und ich glaube auch nicht, dass ich die Bekanntschaft nachholen möchte. Hören Sie, ich bin ein bisschen in Eile, und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir jetzt meine Schlüssel holen würden, damit ich mich wieder auf den Weg machen kann.»

Kenny hörte auf zu lächeln und deutete mit dem Finger nach hinten. «Im Auto.» Er zuckte die Achseln. «Sieht aus, als hätte Sly die Wette gewonnen.»

«Herzlichen Glückwunsch», presste ich hervor und steuerte an dem ungraziösen Tier vorbei auf mein Auto zu. Außer mir vor Wut bei dem Gedanken, dass ein Mensch, der mich überhaupt nicht kannte, mich so vorschnell und bedenkenlos analysiert hatte, schimpfte ich während der ganzen Fahrt zum Theater vor mich hin. Ich schwor mir, es diesem Sly zu zeigen, wenn ich am Montag zum Bezahlen kommen würde.

Das Theater der Grimsby Players, wenn es überhaupt als solches bezeichnet werden konnte, befand sich im obersten Stock eines dreigeschossigen Geschäftsgebäudes am Irving Park, einige Blocks westlich der State Street. Es handelte sich um ein solide gebautes Backsteinhaus, das vor fünfzig Jahren noch ein Wohnhaus mit Drugstore gewesen war. Jetzt befanden sich dort, neben unserem Theater, ein Steuerberater, das Arthur Murray Tanzstudio und ein neumodischer Frisörladen.

Alles in unserem Theater war möglichst billig zusammengesucht worden (das meiste in Mattschwarz), doch gab es einen wunderschönen Parkettfußboden aus Eichenholz, und das Foyer und die Kasse, die sich unten im Gebäude befand, waren mit alten Programmheften dekoriert, die ein Sammler gestiftet hatte.

Unser Regisseur Stephen fand, dass das Stück vor Scharm nur so sprühte. Stephen, ein Mann um die dreißig mit vorzeitiger Glatzenbildung, hatte sehr feine Züge und eine ziemlich hohe Stimme. Stephens Vater Ward, ein pensionierter Brigadegeneral, war dagegen klein, stämmig und von schroffem Auftreten, und an diesem Abend plauderte ich nach der Vorstellung mit ihm und seiner Frau Helen im Foyer.

Ward war gerade damit beschäftigt, meine meisterhafte Beherrschung des britischen Akzents zu preisen – allerdings nur den Akzent und nicht meine Darstellung –, als ich hinter ihm einen großen, strohblonden Herrn entdeckte, der Arm in Arm mit einer ebenso großen, atemberaubend schönen Brünetten auf uns zukam. Als sie schon fast direkt hinter Helen waren, warf der Mann mir ein spitzbübisches Lächeln zu, woraufhin er erst das Mädchen und dann wieder mich angrinste und mir schließlich leicht zuwinkte, fast so, als wolle er mit mir flirten.

Nun trifft man im Theater – und das gilt selbst für Amateurtheatergruppen wie die unsrige – oft auf Leute, die so tun, als würden sie einen schon ein Leben lang kennen, obwohl man sich selbst überhaupt nicht an sie erinnern kann. Einem geübten Schauspieler fällt es leicht, dieses Nichterkennen so lange zu überspielen, bis sich im Lauf des Gesprächs die wahre Identität enthüllt. Ich war ein Schauspieler, und es war ein offenes Geheimnis, dass ich auch die Besten an der Nase herumführen konnte. Und dieser Mann gehörte auf jeden Fall dazu. Mit seiner Größe von über ein Meter achtzig konnte man ihn als einen jener Halb-Mann-halb-Junge-Charaktere beschreiben, wie sie in jedem dieser ziemlich miesen Romane aus den Endsechzigern vorkommen. Wie er sein hellbraunes Jackett über die Schulter geworfen hatte und mit einem Finger lässig festhielt, sah er aus wie auf einer dieser ganzseitigen Hochglanzwerbungen für Zigaretten. Mit seinem anderen Arm, der gerade herunterhing und an seinem Schenkel entlangstreifte, hielt er den Arm seiner Begleitung umklammert. Sie wirkte eigentlich zu kultiviert und zu alt für ihn.