Sophienlust (ab 351) 419 – Familienroman - Marisa Frank - ebook

Sophienlust (ab 351) 419 – Familienroman ebook

Marisa Frank

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Opis

In diesen warmherzigen Romanen der beliebten, erfolgreichen Sophienlust-Serie wird die von allen bewunderte Denise Schoenecker als Leiterin des Kinderheims noch weiter in den Mittelpunkt gerückt. Neben den alltäglichen Sorgen nimmt sie sich etwa des Schicksals eines blinden Pianisten an, dem geholfen werden muss. Sie hilft in unermüdlichem Einsatz Scheidungskindern, die sich nach Liebe sehnen und selbst fatale Fehler begangen haben. Dann wieder benötigen junge Mütter, die den Kontakt zu ihren Kindern verloren haben, dringend Unterstützung. Denise ist überall im Einsatz, wobei die Fälle langsam die Kräfte dieser großartigen Frau übersteigen. Denise hat inzwischen aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle geformt, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Doch auf Denise ist Verlass. Der Sophienlust Bestseller darf als ein Höhepunkt dieser Erfolgsserie angesehen werden. Denise von Schoenecker ist eine Heldinnenfigur, die in diesen schönen Romanen so richtig zum Leben erwacht. "Oma, wann gehen wir denn fort?" Die fünfjährige Bettina hängte sich an den Arm der Großmutter. "Gleich", tröstete die alte Frau. "Ich muß für den Opa nur noch Kaffee aufbrühen. Wenn ich ihm alles zurechtstelle, kann er vespern, wenn er aufsteht." "Und ich, wann kann ich vespern?" fragte Bettina. Josefine Reiher unterdrückte einen Seufzer. Sie strich ihrer Enkelin über das blonde Haar. "Du hast doch eben erst zu Mittag gegessen." "Opa hat auch gerade erst gegessen." Geduldig versuchte Frau Reiher zu erklären: "Du weißt doch, daß Opa mehrmals am Tag essen muß, damit er wieder zu Kräften kommt. Er war sehr krank." "Er war im Krankenhaus", fiel Bettina ihr ins Wort. Sie war sehr lebhaft und aufgeweckt. "Oma, wie wird man krank?" "Opa ist operiert worden", antwortete Josefine Reiher.

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Leseprobe: Sophienlust 296

»Mutti, hier ist eine Eisdiele.« Henrik wollte über die Straße stürmen, doch Denise von Schoeneckers Hand hielt ihn gerade noch rechtzeitig fest. »Moment, mein Sohn. Wir sind doch in die Stadt hereingefahren, um Einkäufe zu machen. Wir wollten vor allem Geschenke kaufen. Zwei unserer Kinder haben nächste Woche Geburtstag.« Henrik seufzte laut und deutlich. »Du hast recht«, gestand er dann. Kurz fixierte er seine Schuhspitzen, dann hob er wieder entschlossen den Kopf und fragte: »Ich war doch brav, nicht wahr? Kein Wort habe ich gesprochen, als du deinen Besuch gemacht hast.« Seine grauen Augen forschten erwartungsvoll im Gesicht der Mutter. Denise von Schoenecker, die Verwalterin des Kinderheims Sophienlust, strich ihrem Jüngsten über den widerspenstigen Haarschopf. Sie lächelte. »Ich kann nicht sagen, daß du kein Wort gesprochen hast, aber du hast ausnahmsweise einmal nicht zuviel gesprochen.« Zuerst sah es so aus, als wollte sich das Gesicht des Neunjährigen beleidigt verziehen, doch dann besann sich der Junge eines Besseren. Er frohlockte: »Also, gib schon zu, daß ich brav war.« Denise nickte. »Und weißt du, was du mir versprochen hast, wenn ich mich gesittet benehme?« trumpfte Henrik auf.

Sophienlust (ab 351) – 419 –

Zu dir möcht' ich Mami sagen

Für Bettina ist schon alles klar …

Marisa Frank

»Oma, wann gehen wir denn fort?« Die fünfjährige Bettina hängte sich an den Arm der Großmutter.

»Gleich«, tröstete die alte Frau. »Ich muß für den Opa nur noch Kaffee aufbrühen. Wenn ich ihm alles zurechtstelle, kann er vespern, wenn er aufsteht.«

»Und ich, wann kann ich vespern?« fragte Bettina.

Josefine Reiher unterdrückte einen Seufzer. Sie strich ihrer Enkelin über das blonde Haar.

»Du hast doch eben erst zu Mittag gegessen.«

»Opa hat auch gerade erst gegessen.«

Geduldig versuchte Frau Reiher zu erklären: »Du weißt doch, daß Opa mehrmals am Tag essen muß, damit er wieder zu Kräften kommt. Er war sehr krank.«

»Er war im Krankenhaus«, fiel Bettina ihr ins Wort. Sie war sehr lebhaft und aufgeweckt. »Oma, wie wird man krank?«

»Opa ist operiert worden«, antwortete Josefine Reiher. Jetzt seufzte sie. Es war eine schwere Operation gewesen, und ihr Mann mußte sich noch sehr schonen.

»Das weiß ich doch«, sagte Bettina ungeduldig. »Und wie kann ich krank werden?«

»Du bist zum Glück kerngesund.« Josefine Reiher wandte sich dem kochenden Wasser zu.

»Ich will aber krank werden«, stieß Bettina hervor.

»Was!« Die Großmutter glaubte, nicht richtig verstanden zu haben. »Willst du etwa im Bett liegen?«

»Ja!« Trotzig sah die Kleine ihre Großmutter an. »Dann müßtest du immer bei mir sein.«

»O Bettina!« Hilflos ließ die alte Frau die Arme sinken. »Ich bin doch immer da.«

»Aber du hast keine Zeit für mich. Opa liest du die Zeitung vor. Da muß ich ganz still sein. Immer mußt du etwas für den Opa tun.«

»Kind, der Opa ist sehr krank. Sein Herz will nicht mehr. Ich muß mich um ihn kümmern.« Josefine Reiher zog ihre Enkelin an sich.

»Deswegen will ich doch auch krank werden«, verkündete das Kind. »Dann mußt du dich doch auch um mich kümmern, nicht wahr?«

»Aber das tue ich doch.« Aus Frau Reihers Stimme klang Verzweiflung. Sie hob Bettina hoch, und die Kleine schlang die Arme um den Hals der Großmutter.

»Omi, mir ist so langweilig«, klagte sie.

»Gleich, mein Schatz. Wir machen gleich einen weiten Spaziergang.« Frau Reiher stellte die Enkelin wieder auf den Boden. »Sieh nur, wie das Wasser kocht! Nun mache ich für Opa einen Kaffee. Du kannst dir inzwischen schon die Schuhe anziehen.«

»Dann bin ich fertig und muß wieder so lange auf dich warten«, maulte Bettina.

Frau Reiher wußte nicht, was sie darauf sagen sollte. Bettina hatte recht. Seit ihr Mann den Herzinfarkt gehabt hatte, kam ihre Enkelin zu kurz. Sie fand für das Kind kaum noch Zeit. In Frankfurt hatte Bettina einen Kindergarten besucht. Der Arzt hatte ihrem Mann aber einen Landaufenthalt empfohlen. Da dieser sich geweigert hatte, allein zur Kur zu fahren, hatten sie sich für einen Monat in Wildmoos eingemietet. Die Gegend war idyllisch, und ihr Mann konnte, wenn es das Wetter zuließ, auch im Garten liegen, der zum Haus gehörte.

»So beeil dich doch! Du mußt das Wasser über den Kaffee schütten«, drängte Bettina. Dann legte sie ihren Finger an die Lippen und flüsterte: »Aber mach es leise! Sonst wacht Opa auf, und dann können wir nicht mehr fortgehen.«

»Doch«, sagte Josefine Reiher. Aber unwillkürlich hob sie den Kopf und sah zu der Tür hin, hinter der ihr Mann schlief. Sie ließ ihn nicht gern allein.

Bettina lief zur Tür und legte ihr Ohr ans Holz. Zufrieden nickte sie, dann kam sie zu ihrer Großmutter zurück.

»Ich habe nichts gehört«, versicherte sie. »Schnell!« Sie blinzelte ihrer Großmutter verschwörerisch zu. »Wir können gehen.«

»Ja!« Wieder einmal wurde Frau Reiher hin und her gerissen. Sie wollte Bettina nicht länger warten lassen. Aber sie wollte auch noch einiges für ihren Mann herrichten, denn sie wußte ja, daß er nicht mehr lange liegen bleiben würde. Dazu kam sie nicht, denn Bettina machte ihren Überlegungen ein Ende. Sie lief in den Flur und brachte ihrer Großmutter die Schuhe.

»Wenn du deine anziehst, dann ziehe ich meine auch an. Du mußt meine aber zubinden, ich kann das noch nicht so gut.« Schon rannte Bettina in den Flur zurück, dort setzte sie sich einfach auf den Fußboden und zog sich die Schuhe an. Gleich darauf brüllte sie: »Oma, Oma, du kannst sie nun zubinden!« Sie hatte bereits wieder vergessen, daß sie leise sein und den Opa nicht wecken wollte.

Wenig später sprang Bettina munter an der Seite ihrer Oma dahin. Ihr Mündchen stand keine Sekunde still. Zuerst versuchte Frau Reiher zuzuhören, doch dann schweiften ihre Gedanken ab. Sie hatte heute nacht kaum geschlafen. Die Sorge um ihren Mann hatte sie wach gehalten.

»Oma, du hörst ja gar nicht zu«, beschwerte sich Bettina und blieb stehen. »Ich habe dir so viel erzählt.«

»Ich habe doch alles gehört.«

»Nein!« Plötzlich schimmerten Bettinas Augen feucht. »Ich will wieder in den Kindergarten gehen. Da war es lustig. Wir haben gesungen und gebastelt.«

»So gut hat es dir dort gar nicht gefallen«, meinte Josefine Reiher. »Oft wolltest du gar nicht hingehen. Kannst du dich nicht mehr erinnern?«

Bettinas Unterlippe schob sich nach vorn. »Jetzt habe ich es mir eben anders überlegt. Es macht keinen Spaß, allein zu singen.«

»Wir werden zu zweit singen.«

»Du hast doch nie Zeit.«

»Bettina...«, begann Frau Reiher, wurde aber sofort von Bettina unterbrochen.

»Du, hör mal, da singt auch jemand.«

Bettina hatte recht. Kinderstimmen schallten ihnen entgegen.

»Da muß ich hin!« Bettina riß sich energisch von der Hand ihrer Großmutter los und lief davon.

»Bettina!« rief Frau Reiher, aber die Kleine blieb nicht stehen, so mußte sie hinter ihr herlaufen.

»Betty!« Keuchend folgte sie ihrer Enkelin. Am Waldrand sah sie das Mädchen. Dort waren auch andere Kinder. Ohne Scheu war Bettina zu ihnen gelaufen.

»Hallo! Ihr singt aber schön.« Bettina strahlte die Kinder an. »Könnt ihr nicht etwas singen, was ich auch kann?«

»Klar!« antwortete das Mädchen, ungefähr in Bettinas Alter. »Kannst du viele Lieder?«

Bettina nickte. Sie sah zu der Frau auf, die sich bei den Kindern befand. »Ist das die Kindergartentante?«

»Nein«, erwiderte das kleine Mädchen. Es hatte auch hellblonde Haare, aber sie waren zu Rattenschwänzen gebunden. »Das ist Schwester Regine, und ich bin die Heidi.«

»Ich bin die Bettina, aber du kannst Betty zu mir sagen.« Sie sah die Kinder der Reihe nach an. »Ihr könnt alle Betty sagen, wenn ich mitsingen darf.«

»Bettina, was tust du denn?« fragte Frau Reiher vorwurfsvoll, sie war noch ganz außer Atem.

»Omi, da sind Kinder. Ich will hierbleiben. Du kannst allein zu Opa zurückgehen.«

»Aber Kind!« Frau Reiher legte die Hand auf Bettinas Kopf.

»Omi, du darfst uns jetzt nicht stören. Wir singen jetzt.« Bettina schob ihren Zeigefinger in den Mund. Sie dachte nach. Es dauerte nur Sekunden, dann rief sie erfreut: »Könnt ihr ›Maikäfer flieg‹?«

Als Antwort stimmten die Kinder das Lied an, Bettina sang sofort mit. Sie sang die Melodie nicht ganz richtig, aber dafür um so lauter.

»Bettina!« mahnte Frau Reiher wieder, als das Lied zu Ende war.

»Omi!« sagte Bettina vorwurfsvoll. »Du mußt jetzt still sein. Wir wollen doch singen.«

»Aber das geht doch nicht.« Unsicher sah Frau Reiher zu der jungen Frau hinüber.

»Lassen Sie die Kinder doch! Es machte ihnen Freude. Wir singen immer, wenn wir einen Spaziergang machen.« Die junge Frau streckte Frau Reiher ihre Hand hin. »Regine Nielsen – ich bin Kranken- und Kinderschwester in Sophienlust.«

»Was ist Sophienlust?« fragte Josefine Reiher und drückte die Hand der jungen Frau.

»Ein Kinderheim.«

»Wollen Sie damit sagen, daß all diese Kinder in einem Kinderheim leben?« fragte Bettinas Großmutter. Überrascht sah sie in die fröhlichen kleinen Gesichter.

Schwester Regine nickte. Sie war es gewohnt, daß ihre Schützlinge das Erstaunen der Umwelt erregten. Ein Kinderheim stellten sich die meisten Menschen trostlos vor. Sie war stolz auf Sophienlust, wo sie nun schon einige Jahre arbeitete, im sogenannten »Heim der glücklichen Kinder«.

Die nächsten Fragen stellte Bettina. Unbekümmert wandte sie sich an Schwester Regine.

»Hast du den Kindern die Lieder beigebracht?«

»Nein.« Heidi, ein quicklebendiges Mädchen, antwortete wieder. »Wir haben einen Musik- und Zeichenlehrer. Er kann sehr viele Lieder, und zeichnen kann er auch.«

»Bei uns im Kindergarten haben wir auch singen und malen gelernt«, berichtete Bettina.

»Wir sind kein Kindergarten, wir sind Sophienlust«, sagte Heidi.

Bettina fragte das gleiche wie ihre Großmutter. »Was ist Sophienlust?«

Jetzt schwirrten die Stimmen durcheinander. Alle Kinder wollten gleichzeitig von Sophienlust erzählen. Es waren Kinder in verschiedenen Altersstufen. Heidi, mit ihren fünf Jahren, war die Jüngste, andere gingen schon zur Schule.

Bettina und ihre Großmutter hörten interessiert zu. »Da gehöre ich doch auch hin!« rief Bettina plötzlich. »Ich habe auch keine Mami mehr.«

»Bist du ganz allein?« fragte Heidi mitfühlend.

Bettina zögerte. »Mein Papi ist weit, weit fort, und dann habe ich ja Omi und auch einen Opa, aber ist man bei euch wirklich nie allein?«

Heidi zuckte mit den Schultern, darauf wußte sie keine Antwort.

»Du bist doch auch nicht allein«, sagte Frau Reiher und zog Bettina an sich.

»Ich muß aber immer still sein. Omi, ich glaube, es ist besser, wenn ich mit den Kindern gehe.«

»Wie kannst du nur so etwas sagen!« Erschrocken hob Frau Reiher ihre Enkelin hoch. »Wir haben dich doch lieb.«

»Ich weiß. Aber du hast doch auch Opa.« Bettina zappelte so lange in den Armen ihrer Großmutter, bis diese sie wieder auf den Boden stellte. »In Frankfurt bin ich in den Kindergarten gegangen. Warum kann ich jetzt nicht dieses – dieses...«

»Weil Sophienlust kein Kindergarten ist«, versuchte Frau Reiher zu erklären.

Ihre Enkelin hörte nicht einmal zu. Sie sah zu Schwester Regine auf. »Du bist keine Kindergartentante, sondern eine Schwester. Muß man da krank sein, wenn man nach Sophienlust will?«

»Nein...«

Das kleine Mädchen ließ auch Schwester Regine nicht aussprechen. »Dann ist doch alles in Ordnung. Ich bin ganz gesund. Omi hat das erst heute gesagt.«

»Dann ist wirklich alles in Ordnung«, bestätigte Heidi .»Wir nehmen dich mit, und du wirst meine Freundin.« Lächelnd griff sie nach Bettinas Hand.

Frau Reiher war dieser Situation nicht gewachsen. »Betty, komm sofort zu mir!« befahl sie, um sich gleich darauf verzweifelt an Schwester Regine zu wenden. »Ich weiß, ich hatte in letzter Zeit kaum Zeit für das Kind. Mein Mann war schwer krank.«

»Opa ist immer noch krank, er muß viel liegen«, plapperte Bettina dazwischen. »Omi sitzt dann an seinem Bett und mir ist langweilig. Omi, ich will nach Sophienlust. Ich will sehen, ob es dort wirklich so lustig ist.«

Ehe Frau Reiher etwas sagen konnte, schlug Schwester Regine vor: »Kommen Sie doch mit nach Sophienlust. Es ist nicht mehr weit von hier.«

»Aber das geht doch nicht...« Verwirrt sah Frau Reiher die freundliche Kinderschwester an.

»Doch!« Heidi drängte sich ebenfalls an Frau Reiher heran. »Wir haben oft Besuch. Du bekommst auch sicher Kaffee und Kuchen, und Betty kann mit uns Kakao trinken.«

»O ja!« rief Bettina begeistert.

»Betty, das geht nicht.« Frau Reihers Stimme wurde streng. »Du weißt, daß wir nicht so lange fortbleiben können. Opa braucht unsere Hilfe.«

»Immer der Opa!« beklagte sich Bettina und senkte den Kopf.

»Bettina!« mahnte Frau Reiher.

»Wenn ich nicht nach Sophienlust darf, dann will ich nach Frankfurt zurück!« schrie Bettina.

Frau Reiher seufzte verzweifelt. »Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich mit ihr machen soll.«

»Sie können Ihre Enkelin gern einmal zu uns schicken«, sagte Schwester Regine freundlich. »Was meinst du, Bettina, kommst du uns einmal besuchen?«

»Darf ich?« Sofort erhellte sich die Miene des Kindes.

Schwester Regine strich Bettina über das Haar. »Natürlich! Wir würden uns freuen.«

»Sogar sehr«, versicherte Heidi, und die anderen Kinder nickten eifrig. Es fiel Schwester Regine schwer, die kleine Schar zum Weitergehen zu bewegen. Jedes Kind wollte Bettina die Hand schütteln.

»Ich komme ganz bestimmt«, versicherte Bettina immer wieder. Als ihre Großmutter sie dann aber weiterzog, füllten sich ihre Augen mit Tränen.

»Aber Kind!« Bestürzt blieb Frau Reiher stehen. Sie war froh, daß die Kinderschwester mit ihren Schützlingen bereits außer Sichtweite war.

»Warum hast du mich denn nicht mitgehen lassen?« stieß Bettina schluchzend hervor.

Frau Reiher mußte lange auf ihre Enkelin einsprechen, bis deren Tränen getrocknet waren.

*

»Omi, ist der Opa nun ganz gesund?« fragte Bettina. Aufgeregt trat sie von einem Fuß auf den anderen. Zusammen mit den Großeltern wartete sie auf den Bus, der sie in die Kreisstadt bringen sollte.

»Ich bin schon lange nicht mehr krank«, behauptete Anton Reiher. »Deine Omi will mich nur noch immer in Watte packen.«

»Ich weiß nicht.« Frau Reiher musterte ihren Mann besorgt. Sah er nicht blaß aus? »Du darfst dich auf keinen Fall überanstrengen.«

»Beim Busfahren hat sich noch niemand überanstrengt«, meinte Herr Reiher, aber er schenkte seiner Frau einen liebevollen Blick. Er war ihr für ihre Fürsorge dankbar.

»Ich finde es prima, daß wir eine Busfahrt machen.« Vor Freude machte Bettina einen Luftsprung.

»Soll ich dir etwas verraten?« Anton Reiher zwinkerte seiner Enkelin zu. »So ein Stadtbummel wird uns beiden guttun. In letzter Zeit sind wir ja kaum aus dem Haus gekommen.«

»Ich bin mit Betty jeden Tag spazierengegangen«, mischte sich Josefine Reiher sofort ein.

»Busfahren ist doch etwas anderes. Opi, du bist lieb.« Bettina griff nach der Hand des Großvaters. »Ich finde es toll, daß du nicht mehr so viel im Bett liegen mußt.«

»Wir sollten diese Fahrt auf nächste Woche verschieben«, schlug Josefine Reiher vor. Immer wieder hatte sie versucht, ihrem Mann die Fahrt in die Kreisstadt auszureden.

»Der Bus kommt!« schrie Bettina. Sie wäre ihm entgegengerannt, hätte ihre Großmutter sie nicht im letzten Moment am Arm festgehalten.

»Bettina, hast du vergessen, was ich dir gesagt habe?« fragte sie scharf.

»Ich bin doch brav!«

»Du mußt bei uns bleiben, vor allen in der Stadt. Du darfst nie davonlaufen.«

»Tu ich doch nicht, Omi, nun ist der Bus da.« Ungeduldig zappelte Bettina, aber die Großmutter ließ sie nicht los.

»Ich will am Fenster sitzen!« rief Bettina, als sie einstiegen.

»Laß sie doch«, kam ihr der Großvater zur Hilfe. »Es ist ja genügend Platz. Ich sitze hinter euch.«

»Ich weiß nicht«, unschlüssig stand Frau Reiher neben der Bank. Sie hätte sich so gern neben ihren Mann gesetzt, aber das Kind konnte sie auch nicht gut allein lassen.

»Ich kann doch auch bei Opa sitzen«, schlug Bettina vor. »Dann können Opa und ich zusammen aus dem Fenster gucken.«

»Nein, dazu bist du viel zu lebhaft. Opa muß Ruhe haben«, entschied Frau Reiher. Entschlossen schob sie Bettina auf den Fensterplatz und setzte sich daneben. Dann wandte sie sich zu ihrem Mann um. »Sitzt du auch gut?«

»Natürlich«, entgegnete Anton Reiher. Da er aber gerade Schmerzen in der Brust hatte, drehte er den Kopf zur Seite und sah aus dem Fenster.

»Anton, wird es dir auch nicht zuviel werden?« fragte Frau Reiher. »Noch können wir aussteigen.«

»Unsinn! Die Fahrt dauert ja nicht lange.« Das Stechen hatte nachgelassen; Herr Reiher lächelte seiner Frau zu.