Sherlock Holmes und der Meister aus Syracus - Konrad Carisi - ebook

Sherlock Holmes und der Meister aus Syracus ebook

Konrad Carisi

0,0

Opis

Kriminalroman von Konrad Carisi Der Umfang dieser Geschichte entspricht 110 Taschenbuchseiten. Dieses Buch beinhaltet die beiden Geschichten: Sherlock Holmes und der Meister aus Syracus James Watson und der Mord ohne Leiche Sherlock Holmes ist der berühmteste Detektiv seines Jahrhunderts, aber nicht der einzige. Er erhält Besuch von seinem ebenfalls legendären Kollegen Auguste Dupin. Der Pariser Meisterdetektiv macht sich auf die Reise, um Sherlock Holmes zu besuchen, und gemeinsam lösen sie einen Fall, der Scotland Yard bis dahin zum Verzweifeln brachte. Aus der Themse gefischte Leichenteile geben Rätsel auf. Anscheinend geht ein Serienmörder um...

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 117

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Konrad Carisi

Sherlock Holmes und der Meister aus Syracus

Cassiopeiapress Kriminalroman

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Sherlock Holmes und der Meister aus Syracus

Kriminalroman von Konrad Carisi

 

Der Umfang dieser Geschichte entspricht 110 Taschenbuchseiten.

 

Dieses Buch beinhaltet die beiden Geschichten:

Sherlock Holmes und der Meister aus Syracus

James Watson und der Mord ohne Leiche

 

Sherlock Holmes ist der berühmteste Detektiv seines Jahrhunderts, aber nicht der einzige. Er erhält Besuch von seinem ebenfalls legendären Kollegen Auguste Dupin. Der Pariser Meisterdetektiv macht sich auf die Reise, um Sherlock Holmes zu besuchen, und gemeinsam lösen sie einen Fall, der Scotland Yard bis dahin zum Verzweifeln brachte. Aus der Themse gefischte Leichenteile geben Rätsel auf. Anscheinend geht ein Serienmörder um...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

Kapitel 1: Ein längst überfälliges Treffen

„Was für ein Zimmer hätten Sie denn gerne?“, fragt mich die freundliche Frau im engen Kleid. Es ist schon fast unschicklich eng, doch die Zeiten ändern sich. Ich werde alt. Nein, ich muss mich korrigieren: Ich bin alt.

„Ich habe reserviert. Telegrafisch, genaugenommen. Mein Name ist C. Auguste Dupin“, stelle ich mich vor. In Paris wäre der Name etwas wert gewesen, hier nicht. Zugegeben, in Paris auch nur in gewissen Kreisen. Die Frau nickt ruckartig und sieht in ihrem kleinen schwarzen Büchlein nach. Es ist kein sehr teures Hotel, aber das Frisian Palace ist sauber und liegt zentral in London. Was will man mehr? Mein Weg war beschwerlich von Paris aus. Das hat aber weniger mit der Reiseweite zu tun, als mit etwas viel Banalerem: Ich werde auch nicht jünger. Wie ich es hasse, dass ich nun diesen Stock brauche, auf den ich mich stütze. Alles dauert einfach länger.

„Ismael bringt Sie herauf, Mister Dupin“, sagt die Frau und winkt den dunkelhäutigen Pagen in seiner blassroten Jacke, die die Uniform dieses Hotels darstellt, heran. Er nimmt mir die Reisetasche ab und geht vor. Ich bemühe mich, Schritt zu halten. Ismael geht nicht besonders schnell. Ich bin mit dem dritten Bein nur etwas unsicher.

Es geht glücklicherweise nur eine Treppe hinauf und dann einen Korridor entlang. Das Zimmer ist klein, sauber und ordentlich: ein alter Stuhl mit geflochtener Sitzfläche, ein niedriger dreibeiniger Tisch und dazu ein Bett mit Eisengestell, das eine echte Matratze enthält und nicht nur irgendeinen strohgefüllten Sack. So etwas gab es in meiner Jugendzeit noch häufiger, wenn es preiswert sein sollte. Das Zimmer geht zu einem Hinterhof hinaus, auf dem Leute ihre Wäsche aufhängen und Kinder spielen. Kurz schaue ich den Jungs zu, die mit Stöcken als Gewehren Räuber und Gendarm spielen. Im Leben bei etwas die Ernsthaftigkeit wiederfinden, die man als Kind so vielen Spielen entgegenbrachte ... das muss ein Schlüssel des Glücks sein. Ismael verschwindet nach einer tiefen Verbeugung und einem enttäuschten Blick. Vermutlich hat er irgendein Trinkgeld erwartet. Leider lässt nicht nur die Leistungsfähigkeit meines Körpers nach, auch die meiner Brieftasche lässt zu wünschen übrig. Ich ziehe mir die Reisekleidung aus und ein gutes Hemd an. Dann geht es wieder in das Durcheinander der Straßen von London.

Ich bin aus Paris natürlich so eine Menge an Menschen gewöhnt, aber mit dem dortigen Durcheinander bin ich eben vertraut. Es ist gewissermaßen meine natürliche Umwelt, mein Revier ist Paris. Das hier ist es nicht. Obwohl doch nicht so weit entfernt wie vielleicht Japan, ist mir doch alles fremd. Ich gehe hinunter auf die Straße, beobachte eine Weile die Menschen und sammle Eindrücke. Dann winke ich eine Droschke heran. Der Kutscher fragt mit breitem Akzent, wo es hingehen soll.

„Baker Street 225B“, erwidere ich. Er nickt langsam. Dann leuchten seine Augen so, wie es nur das Wiedererkennen von etwas zu Stande bringt, oder das Erinnern an etwas.

„‘türlich, jetzt weiß ich, wo Se hin wollen. Hübsche Häuser da“, stellt er fest. Ich steige ein und die Fahrt beginnt.

Durch ein Gewirr von Straßen fährt er mich, so dass ich mir Mühe geben muss, die Orientierung zu behalten.

*

Als ich endlich vor der unscheinbaren Tür stehe, bin ich ganz wieder ein kleiner Junge im Geiste. Ich klopfe dreimal energisch, doch nichts geschieht. Das kann doch nicht wahr sein, all der weite Weg und dann ist er wirklich nicht da?

Eine Geschichte oder ein Roman wäre da gnädiger, als es die Realität zuweilen ist.

Ich betrachte enttäuscht den Messingklopfer an der Tür.

„Verzeihen Sie die Verspätung“, höre ich hinter mir jemanden sagen. Ich drehe mich um. Ich erkenne Sherlock Holmes sofort von den Zeitungsfotos wieder. Er ist etwas älter, natürlich und auch hagerer, gewiss. Doch die Adlernase ist unverkennbar. Sein Mantel ist gefüttert, denn es ist noch kalt und zudem ist er auch nicht mehr ganz jung. Ich weiß, wovon ich rede. Auch wenn ich es früher nicht geglaubt hätte: Im Alter lässt die Hitze der Jugend zusehends nach und man friert selbst jetzt noch im Frühjahr.

„Keine Ursache, Mister Holmes. Sie sind ja nur ein wenig zu spät“, erwidere ich und deute dabei schelmisch lächelnd eine Verbeugung an, so gut es mit meinem Stock und einem schmerzenden Rücken geht.

„Auguste Dupin, zu Ihren Diensten.“

„Ihre Briefe haben mir ein ums andere Mal Kopfzerbrechen bereitet. Dafür danke ich herzlichst“, stellt Sherlock Holmes mir gegenüber fest. Auch er deutet eine Verbeugung an. Seit einigen Jahren korrespondieren wir und schicken uns oft kleine Rätsel. Manchmal berichten wir uns von unseren Fällen und versuchen, selbst eine Lösung zu finden, bevor wir sie lesen. Es ist selten, einen verwandten Geist zu finden.

„Ein verwandter Geist ist mir stets lieb und teuer“, stelle ich fest.

Er nickt zustimmend.

„Ich empfand ihre Arbeit in jungen Jahren immer als inspirierend. Dieses Treffen ist auch lange überfällig“, erwidert er. Dabei deutet er auf eine wartende Droschke. „Wie wäre es mit Tee und Gebäck? Oder auch was Sie sonst wollen“, fügt er hinzu. „Leider ist niemand zu Hause, so dass ich Sie außer Haus bewirten möchte.“

Ich nicke und wir fahren quer durch die Stadt. Im Theene Teehaus steigen wir ab und bekommen guten Schwarztee aus China gereicht.

„Ich verfolge Ihre Karriere schon lange“, stelle ich fest. Sherlock Holmes lächelt und rührt mit dem kleinen silbernen Löffel in der blauweißen Teetasse vor sich herum.

„Das ist mir klar, doch Sie haben es stets in den Briefen vermieden, die einzig wirklich interessante Frage zu beantworten.“

„Wieso?“, erwidere ich. Das ist die Frage, die er nie stellte und ich nie beantwortete. Holmes nickt.

„Genau. Wieso habe ich einen Bewunderer in Ihnen? Jemanden der meine Karriere verfolgt.“

„Was denken Sie?“, frage ich. Er trinkt einen Schluck Tee, vielleicht um Zeit zu gewinnen.

„Ich habe Erkundigungen eingeholt, sie sind ein Bekannter Pariser Detektiv, Mister Dupin. Bis heute erzählt man sich von Ihren Fällen. Natürlich nur von denen, in denen Sie offiziell ermittelt haben.“

Ich nicke. „Aber nur wenige wissen, wer ich bin. Ich suche mehr das Rätsel, weniger den Ruhm.“

„Sie sind alt“, stellt Holmes fest, ohne dabei unfreundlich zu klingen. Es ist eine Beobachtung.

„Auch Sie sind in dem Alter, wo Erfahrung wettmachen muss, was der Körper nicht mehr zu leisten vermag“, erwidere ich und heben den Stock freundlich, wie zum Gruß. Es liegt genauso wenig Schärfe in meiner Stimme wie in seiner. Ich lehne mich hinterher wieder an die Lehne des weichen Sessels, in dem ich sitze. Vor uns ist ein Fenster, das zu einem bepflanzten Hinterhof hinausgeht.

„Dass die Augen nachlassen, davor habe ich auch immer die meiste Angst. Genauso wie der Verstand einen verlassen kann“, gibt Holmes widerwillig zu. „Die meisten Menschen sehen zwar, sehen aber nicht richtig hin! Es ist wichtig, einen klaren Blick zu haben.“

„Wo ist eigentlich Ihr Chronist?“, wechsle ich das Thema mehr als oberflächlich. Ich mag nicht, wenn alte Menschen sich nur noch über ihre Gebrechen und Ängste unterhalten. Mir ist dabei leidvoll bewusst, dass ich ein alter Mensch bin.

„Ein tragischer Trauerfall in der Familie, deswegen ist er nun auf Verwandtschaftsbesuch. Ein nach Deutschland verheirateter Cousin verstarb. Doktor Watson ist für ein paar Wochen weg. Aber zurück zu Ihnen: Sie wollen einen verwandten Geist sehen, wieso? Ich denke, Sie wollen einen Nachfolger im Geiste sehen, da Sie keinen eigenen vom Fleisch und Blut Ihrer selbst haben.“

Ich lächele traurig. Ich gebe nicht sofort eine Antwort. Ja, so in der Art ist es. Oder bin ich einfach nur einsam geworden?

„Vielleicht sehen Sie in mir einen Erben. Sie haben, denke ich, keine Kinder. Es war da nie eine Frau, die sie genug faszinierte“, fügt Holmes hinzu und mustert mich. Dabei bemerke ich eine Vibration in seiner Stimme. Ich bin sicher, in Gedanken ist er bei diesen Worten bei einer bestimmten Frau. Einer Frau, die einen das Leben lang verzaubert und ein Mysterium bleibt. Jeder hat so eine Frau, eine Frau, die ihr ganzes Geschlecht für einen Mann immer dominieren wird.

„Ich wollte Sie kennenlernen“, gebe ich zu, „sehen, wie gut Sie wirklich sind, Holmes.“ Ich lächle traurig. Ja, so ist es, ich bin ein einsamer alter Mann.

„Das trifft sich gut, auch wenn ich, nebenbei bemerkt, denke, Sie verheimlichen mir immer noch etwas“, stellt Holmes fest. Kurz wundere ich mich, was er meint mit „es trifft sich gut“.

Ich lache und sage: „Nein, das könnte ich nie. Etwas vor dem großen und einzigartigen Sherlock Holmes verheimlichen ...“, lenke ich halbherzig vom Thema ab.

Ein Polizist errettet mich vor weiteren Nachfragen. Als ich bemerke, wie zielstrebig er auf uns zugeht, ist mir klar, was Holmes meinte mit „es trifft sich gut“. Er hat ihn, da ich mit dem Rücken zur Tür sitze, zuerst gesehen und gleich die richtigen Schlüsse gezogen.

Der Polizist trägt die typische dunkle Uniform der unteren Ränge.

„Mister Sherlock Holmes?“, fragt der Polizist fast ehrfürchtig. Man merkt, dass Holmes schon das ein oder andere Mal der Polizei behilflich war.

„Ja, Mister Clarke, was kann ich für Sie tun?“, begrüßt Holmes den Fremden. Mister Clarke freut sich sichtlich. Ein spitzbübisches Lächeln erscheint auf seinem Gesicht. Es lässt ihn jünger aussehen.

„Sie erinnern sich an meinen Namen, Mister Holmes?“, stellt Mister Clarke das Offensichtliche fest. Holmes nickt nur und wartet, dass Mister Clarke sagt, was er zu sagen hat. Irgendein Anliegen wird ihn schließlich so zielstrebig zu uns geführt haben. Dieser bemerkt die unpassende Stille und räuspert sich geräuschvoll.

„Nun, also. Ja, richtig. Ich soll Sie suchen, Sir. Mister Holmes, meine ich. Also Superintendent Lestrade verlangt nach Ihnen. Es sei äußerst dringlich. Er hat Sie in der ganzen Stadt bereits suchen lassen!“

„Tatsächlich“, erwidert Holmes trocken. Ob Spott in der Stimme liegt, kann ich nicht genau sagen.

„Ist es nicht Inspektor Lestrade?“, frage ich. „Von dem habe ich in der Zeitung gelesen.“

„Er wurde befördert. Dank meiner guten Ratschläge, wenn ich das so sagen darf“, erklärte mir Holmes ohne falsche Bescheidenheit. „Er hat die ein oder andere gute Schlussfolgerung zwar auch selbst gezogen, aber einer seiner besten Entschlüsse war es immer, mich hinzuzuziehen.“

„Was ja auch reicht“, stelle ich fest. „Es ist wie in der Politik: Man muss nicht alles können, man muss nur klug und ehrlich genug zu sich sein, um sich Hilfe zu holen.“

„Wenn die beiden Herren bitte entschuldigen“, unterbricht der Polizist Mister Clarke. Ihm scheint die Unterhaltung nicht zu behagen. „Es eilt, sehr geehrte Gentlemen. Es eilt wirklich.“

Holmes winkt die Bedienung heran und bezahlt für uns beide.

„Sicher, wir kommen“, stellt er fest. An mich gewandt fügt er hinzu: „Das dürfte Ihnen gefallen. Dafür sind Sie doch hier, nicht wahr?“

„Weswegen?“, frage ich verdutzt.

„Mich in Aktion zu sehen“, stellt Holmes fest und folgt dem Polizisten. Ich sehe, dass ich mit dem verdammten Bein hinterherkomme. Mein Knie schmerzt bei jedem Schritt.

Er führt uns zu einem Kollegen, der in einem Automobil auf uns wartet. Der Motor läuft noch, als wir uns auf die Rückbank setzen. Während wir durch die Stadt brausen, fragt Holmes mich: „Wissen Sie eigentlich, woher die Picadilly Street ihren Namen hat?“

„Dort rasen wir gerade?“, spekuliere ich und merke, dass die Polizisten uns aufmerksam zuhören.

Er nickt. Ich schüttle den Kopf, schließlich war ich noch nie in London.

„Robert Baker erwarb als Schneider Reichtum. Er erfand einen steifen Kragen, den Picadil. Vom Geld, das er dadurch verdiente, als die Reichen und Schönen bei ihm ein- und ausgingen, baute er ein Haus. Das nannte er passenderweise Picadilly Hall. So kommt die dazugehörige Straße zu ihrem Namen“, schließt er.

Selbst die Polizisten hören ihm aufmerksam zu. Der Wagen hält abrupt. Der Polizist, den Holmes als Mister Clarke angesprochen hat, führt uns in den Keller eines Gebäudes. Es erinnert mich an ein Krankenhaus. Dort gibt es oft Kellergewölbe, in denen die Anatomiestudenten an Leichen üben dürfen. Für einige ist das ein Frevel, für mich eher gutes Handwerk an totem Fleisch üben. Dann begreife ich, was der Zweck des Gebäudes ist: Es ist ein Leichenhaus, vermutlich die Gerichtsmedizin.

Ein kleiner Mann mit Rattengesicht erwartet uns. Es ist mir sofort klar: Das muss Lestrade sein. Mister Clarke nimmt Haltung vor dem Superintendenten an. Ich glaube, ich habe schon einmal eine Fotografie in der Zeitung mit ihm gesehen. Ich beziehe einige Zeitungen aus ganz Europa, um auf dem Laufenden zu bleiben.

„Mister Holmes“, nickt Superintendent Lestrade ihm zu. Mich sieht er mit hochgezogenen Augenbrauen an. Er hat den Blick eines fantasielosen Menschen: jene, mit denen ich als Kind nicht so gerne spielte. Sie tun fast alles, was man ihnen vorschlägt, aber sie lösen nie selbst auf eigene Weise Probleme ihres Lebens. Sie machen nie gute Vorschläge.

„C. Auguste Dupin, enthusiastischer Rätsellöser aus Paris“, stelle ich mich leicht spöttisch vor. Dabei verbeuge ich mich so gut es geht und ziehe meinen Hut.

„Er ist auf meine Einladung hier und vertritt gewissermaßen Watson“, fügt Sherlock Holmes hinzu. Das scheint Lestrade zufriedenzustellen. Mit einem Ersatz-Watson kann er leben.

„Ich bin froh, dass Sie da sind, Holmes“, beginnt Superintendent Lestrade und führt uns zu einer verschlossenen Kellertür. Er ist kühl hier unter der Erde. Hier werden sonst Leichen aufgebahrt und obduziert, doch es ist niemand hier, kein Personal, außer uns. Mir fällt gleich auf, dass der Mordfall, um den es hier geht, pikant sein muss. Mord ist es zweifelsfrei, da wir nun mal in ein Leichenhaus gerufen wurden. Pikant ist der Fall, weil der Raum auch noch gesichert ist. Vor einer eisenbeschlagenen Eichentür steht ein Polizist Wache und öffnet uns auf ein Nicken von Superintendent Lestrade. Auf einem dunklen Holztisch liegt in der Mitte des kleinen Nebenraumes ein Toter. Lestrade entzündet die Öllampen, die ringsherum an den Wänden hängen. Durch kreisrunde Spiegelchen hinter der Flamme wird ihr Licht noch verstärkt. Mein Blick fällt auf den Toten. Eine schreckliche Sekunde lang begreife ich nicht ganz, was ich sehe. Da liegen nur Einzelteile! Ein Kopf, der rechte Fuß und der rechte Arm fehlen. Der Rest ist in kleine Teile zerstückelt, aber vorhanden. Es sieht nicht allzu fachmännisch aus, wenn man die Schnittkanten betrachtet. Vom Schlachter kenne ich glattere Schnitte. Andererseits ist für das Schlachten eines Schweines bereits viel Kraft nötig, wie viel mehr dann erst für den Oberschenkelknochen eines Menschen?

„Das ist, nein, das war Lord William Fryfield“, erklärt Superintendent Lestrade. „Er wurde an den Docks aus der Themse gefischt. Die Teile haben sich in einer illegalen Reuse verfangen. Wir denken, der Rest ist auch noch dort in der Themse. Die Suche gestaltet sich aber als kompliziert. Selbst an guten Tagen ist die Themse eine dreckige Brühe und die Parlamentarier im Westminster Palast haben schon die ein oder andere Sitzung beendet wegen des Gestanks.“

„Weil es ein Lord ist, macht man Ihnen also Druck“, stellt Holmes fest und sieht sich die Leichenteile näher an. „Doch was verunsichert Sie so, Lestrade?“