Sherlock Holmes 3: Sherlock Holmes und die Tochter des Henkers - Oliver Plaschka - ebook

Sherlock Holmes 3: Sherlock Holmes und die Tochter des Henkers ebook

Oliver Plaschka

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Opis

"Mein lieber Watson, die Windungen eines Frauengehirns, in denen es ständig von Emotionen wetterleuchtet, sind und bleiben rätselhaft." Sherlock Holmes - "Die Tochter des Henkers" Die Autoren-Duos, in dem je einer die Rolle des Meisterdetektivs oder die seines Freundes Dr. Watson übernahm - Tanya Carpenter & Guido Krain, Erik Hauser & Oliver Plaschka, Désirée & Frank Hoese, Antje Ippensen & Margret Schwekendiek - entführen den Leser in spannende Fälle des klassischen Sherlock Holmes-Crimes. Ob es das Rätsel eines Rad fahrenden Affen zu lösen gilt, mysteriöse Todesfälle in einem Kurhotel, die Geschehnisse um die Tochter des Henkers von London, oder aber die elementare Frage zu klären, ob es Sherlock Holmes nun wirklich gab. Auf alles finden die Autoren eine spannende Antwort. Crossvalley Smith schuf mit seinen Grafiken dazu noch optische Highlights. Die sehr preisgünstige eBook-Ausgabe enthält keine Illustrationen.

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EPUB
MOBI

Liczba stron: 297




Alisha Bionda (Hrsg.)

SHERLOCK HOLMES UND DIE TOCHTER DES HENKERS

Novellensammlung
MEISTERDETEKTIVE

In dieser Reihe sind bereits erschienen: 

Band 1: SHERLOCK HOLMES UND DAS DRUIDENGRAB, Hrsg. Alisha Bionda

Band 2: SHERLOCK HOLMES TAUCHT AB, Tobias Bachmann & Sören Prescher

Band 3: SHERLOCK HOLMES UND DIE TOCHTER DES HENKERS, Hrsg. Alisha Bionda

Nach den Charakteren „Sherlock Holmes“ und „Dr. John H. Watson“

Geschaffen von Sir Arthur Conan Doyle

Die preisgünstige eBook-Ausgabe enthält keine Illustrationen.

ISBN 978-3-943570-20-5

© für fabEbooks mit freundlicher Genehmigung der Autoren.

© der Printausgabe (ISBN 978-3-927071-77-3) Fabylon Verlag November 2012

Herausgeber: Alisha Bionda

Cover: Crossvalley Smith

Coverlayout: Atelier Bonzai

Originalausgabe. Alle Rechte vorbehalten.

www.fabylon-verlag.de

INHALT

VOWORT

Alisha Bionda

DAS RÄTSEL DES RAD FAHRENDEN AFFEN

Desirée & Frank Hoese

HOLMES UND DIE SELBSTMÖRDER VON HARROGATE

Tanya Carpenter & Guido Krain

DIE TOCHTER DES HENKERS

Antje Ippensen & Margret Schwekendiek

DIE WAHRHEIT ÜBER SHERLOCK HOLMES

Erik Hauser & Oliver Plaschka

VITAE

VORWORT

Die Idee, einmal eine Novellensammlung herauszugeben, in der nur vier Autorenpaare auftreten, die einen klassischen Fall schildern, in der einer den Part des Meisterdetektivs übernimmt und der andere den seines Freundes Dr. Watson kam mir spontan bei einem nächtlichen Strandspaziergang mit meinem afghanischen Windhundmann Mephisto.

Und wurde wieder einmal überrascht, wie unterschiedlich diese vier „Duos“ die Vorgabe umsetzten.

Während die einen eine sichtbare Abgrenzung der Erzählperspektiven schufen, so wie von mir beabsichtigt, wählten die anderen den Weg, eine einheitliche Story zu schreiben, in der jeder den Part eines der beiden des wohl berühmtesten Detektiv-Paares übernahmen.

Somit bin ich selbst bei vier Texten in der angenehmen Situation, dem geneigten Leser sehr unterschiedliche Sherlock Holmes-Novellen anzubieten, von denen eine einen höchst surrealistischen Plot aufweist. Und da die Literatur neue Wege gehen und sich entwickeln soll, habe ich diese mit Freuden aufgenommen.

Und nun wünsche ich Ihnen angenehme Lesestunden mit Sherlock Holmes und Dr. Watson!

DAS RÄTSEL DES RAD FAHRENDEN AFFEN

Desirée & Frank Hoese

Zwei Dinge mag der geneigte Leser mir nachsehen. Zunächst, dass ich meinen Bericht mit der Nebensächlichkeit beginne, dass ein schneidend kalter Wind an jenem Novemberabend durch die Baker Street fegte. Zweitens meine Beobachtung, dass unsere Haushälterin, die geschätzte Mrs Hudson, mit dem Tee auf sich warten ließ. Ich sehe darin Belanglosigkeiten, doch wie mein Freund Watson mir versicherte, sollen sie dazu dienen, dem Leser ein plastisches Bild der Vorgänge zu vermitteln, die hier geschildert werden sollen. Wenn ich also noch anführe, dass an jenem besagten Herbstabend ein großes Feuer im Kamin prasselte und ich die friedliche Stille durch einige Variationen Bartolinis versüßte, die ich auf meiner Geige spielte, sollte dies genügen, um die Situation hinreichend anschaulich zu skizzieren.

„Ich denke, es wäre eine gute Idee, Holmes“, unterbrach Watson mein Spiel, „wenn Sie unser letztes Abenteuer einmal aus Ihrer Sicht schilderten.“

„Von einem Abenteuer kann keine Rede sein, Watson“, erwiderte ich, ohne den Bogen abzusetzen. „Ich fürchte, um zu einem Abenteuer zu werden, bedürfen die Ereignisse Ihres Talents zur dramatischen Darstellung. Vielleicht sollten wir diese Angelegenheit auf sich beruhen lassen.“

Diese Erwiderung verschaffte mir immerhin genügend Zeit, um eine besonders anspruchsvolle Passage zu Ende zu führen. Doch da Watson offensichtlich schon seit einigen Tagen mit dieser Idee schwanger ging, war er nicht bereit, sie ohne Gegenwehr wieder aufzugeben. So beschloss er mein Allegro mit einem kategorischen „Pah, Holmes! Sie haben sich oft genug darüber beklagt, dass ich die Ereignisse nicht im richtigen Licht darstelle und die Vorzüge Ihrer Methode nicht klar genug zu beschreiben weiß – und jetzt, wo sich Ihnen die Gelegenheit bietet, sie meinen Lesern aus erster Hand darzulegen, kneifen Sie? Etwa weil Sie ein entscheidendes Detail übersehen hatten? Was für eine eitle Regung.“

„Ich kneife keineswegs, und Eitelkeit spielt hier keine Rolle“, sagte ich und legte die Geige mit einem Gefühl des Bedauerns beiseite. Es war offenkundig, dass Watson nicht nachgeben würde, bevor er die Angelegenheit zu einem für ihn befriedigenden Ende gebracht hatte. „Ich fürchte nur, meine Perspektive würde die Geduld Ihrer Leser strapazieren. Da meinem Stil genau das fehlt, was Ihre Leser an dem Ihren schätzen, würde Ihr Vorhaben wohl bei den meisten von ihnen auf wenig Gegenliebe stoßen.“

„Wollen Sie damit andeuten, meine Leser seien dumm und oberflächlich?“

„Nicht im Mindesten, denn Ihre Ausführungen sind gelegentlich sogar ausgesprochen geistreich, auch wenn sie eine gewisse Sensationslust erkennen lassen. Aber ich habe nach vielen Veröffentlichungen zu kriminalistischen Fragen und nach einem regen Briefwechsel nur wenige wache Geister gefunden, die bereit waren, meinen Argumentationen über längere Zeit zu folgen. Zu trocken, Watson. Lassen Sie’s gut sein.“

„Aber das ist überhaupt kein Problem, Holmes“, rief mein Freund aus und warf seine Zeitung beiseite. Seine Miene zeigte jene überschwängliche Begeisterung, die ich stets bei ihm beobachtete, wenn er glaubte, sich selbst übertroffen zu haben. „Jeder von uns schildert die Ereignisse aus seiner Sicht! So bekommen meine Leser einen tieferen Einblick in die ... “

„Salomonisch, aber unpraktikabel“, unterbrach ich ihn, denn es klopfte an der Tür. „Treten Sie ein, Misses Hudson.“ 

Unsere Haushälterin betrat unser Refugium, beladen mit einem Tablett, auf dem frisch zubereiteter Tee dampfte. „Sie beide sehen ja aus, als würden Sie eine Verschwörung aushecken“, sagte sie nach einem Blick in unsere Gesichter.

„Eine Verschwörung von Fawkesschen Ausmaßen“, bemerkte ich, „mit dem ehrenwerten Doktor Watson in der Rolle des Pulverfasses.“

Watson strahlte, als hätte er mich bereits überzeugt, und man brauchte kein Sherlock Holmes zu sein, um zu erkennen, dass es nur eine Möglichkeit gab, ihm die Undurchführbarkeit seines Plans zu beweisen – man musste ihn durchführen.

Ich beginne also mit der Schilderung der Ereignisse an jenem Punkt, der den Auftakt zu unserer Ermittlung gab. Watson pflegt oft sein Erstaunen darüber zu äußern, wenn ich über die Angelegenheiten unserer Besucher bestens Bescheid weiß, noch bevor sie ihr Anliegen vorgebracht haben. Dass diese Fähigkeit nicht im Mindesten mit Intuition oder ähnlichem irrationalen Hokuspokus zu tun hat, lässt sich in diesem Fall leicht darlegen. Auch Watson hätte es besser wissen können, denn ihm war seit Langem bekannt, dass ich über ein Archiv unerledigter Fälle verfüge, das meiner kriminalistischen Forschung dient. Oft ist die Frage, warum ein Fall nicht geklärt werden kann, ebenso reizvoll wie die Frage, wie ein Fall aufgeklärt wurde, denn nur wenn wir die Lücken einer Beweisführung identifizieren, können wir nach geeigneten Methoden suchen, sie zu schließen. In jenen Tagen mangelte es an interessanten kriminellen Aktivitäten, und ich begann bereits, mich nach Lestrades Anblick zu sehnen – ein untrügliches Zeichen für eine bevorstehende Krise, wenn man Watson Glauben schenkt. Ich führte deshalb meine Arbeit an jenen ungeklärten Fällen fort, um meinen Geist zu beschäftigen und neue Erkenntnisse zu gewinnen, als Watson meine Aktivität mit einer Frage unterbrach.

„Haben Sie über diesen Juwelendiebstahl gelesen, Holmes?“

Ich nickte, denn der Bericht war mir nicht entgangen, und gerade seine Ähnlichkeit mit einigen länger zurückliegenden Fällen war es, die mich zur Durchsicht meines Archivs angeregt hatte.

„Wäre das nicht etwas für uns?“

„Man wird zweifellos eine der Hausangestellten verdächtigen“, sagte ich, denn dies war die übliche Vorgehensweise der Polizei, falls kein Hausierer zur Hand war. Der Schmuck war am helllichten Tag aus einem verschlossenen Zimmer entwendet worden, niemand hatte Fremde auf dem Grundstück oder im Haus beobachtet, und weder Türen noch Fenster wiesen Beschädigungen auf – der Schluss, dass jemand, der sich im Haus bestens auskannte, die Tat begangen haben musste, war so offensichtlich, dass er nicht einmal Lestrade und seinen einfältigen Schergen entgehen konnte.

„Seien Sie so gut und bitten Sie Misses Hudson, eine dritte Teetasse auf das Tablett zu stellen“, bat ich. „Oder noch besser, bringen Sie es gleich mit.“

„Erwarten wir Besuch?“

„Damenbesuch, um genau zu sein“, sagte ich. „Es wäre nett, wenn wir ein wenig Gebäck bekommen könnten.“

Watson verschwand, und ich widmete mich wieder den Artikeln, die ich gesammelt hatte. Die Fälle, die zu dem aktuellen Ereignis passten, lagen Jahre zurück und waren über halb Südengland und Wales verstreut, doch sie wiesen alle eine Gemeinsamkeit auf, die ins Auge fiel. Stets wurde ein Dienstmädchen oder eine Gesellschafterin verdächtigt, eine weibliche Person, die der Bestohlenen nahe genug stand, um die Geheimnisse ihres Boudoirs zu teilen – und keine von ihnen war länger als einige Monate im Haushalt beschäftigt gewesen. In keinem Fall konnten ausreichende Beweise erbracht oder ein Geständnis erwirkt werden. Ich zweifelte nicht daran, dass es auch in diesem Fall so sein würde, und das Maß an Übereinstimmungen schloss eine zufällige Ähnlichkeit aus.

Daher hielt sich meine Überraschung in Grenzen, als ich hörte, wie eine Mietdroschke unter unserem Fenster hielt und der Kutscher den Wagenschlag öffnete. Umso überraschter war Watson, der unseren Besuch – eine junge Dame von vielleicht fünfundzwanzig Jahren – gleich mitbrachte, doch zu meiner Erleichterung verzichtete er darauf, diesen erneuten Beweis meiner übernatürlichen Fähigkeiten zu kommentieren. Unsere Besucherin trug geschmackvolle, nicht zu teure Kleidung, die an mehreren Stellen geschickt ausgebessert worden war, und nur wenigen, nicht allzu kostbaren Schmuck. Ihre auffallend gepflegten Hände hatten offensichtlich niemals schwerere Arbeit verrichtet als Klavier zu spielen. Darüber hinaus verfügte sie über ausgezeichnete Manieren, denn die Art, wie sie uns begrüßte, bewies eine Erziehung, die für eine Angehörige des Dienstbotenstandes ungewöhnlich war. Ihre Haltung und Sprache standen in krassem Gegensatz zum Zustand ihrer Kleidung und ich nahm daher an, dass sie einer ursprünglich wohlhabenden Familie entstammte, deren Bankrott sie gezwungen hatte, sich eine Anstellung zu suchen. Dem Zustand ihrer Kleidung nach zu urteilen, musste dies vor etwa drei bis vier Jahren geschehen sein. Ihr Name, Evelyn Montague, bestätigte meine Vermutungen, denn er ist im niederen Adel, im Priesterstand und im gehobenen Staatsdienst weitaus häufiger anzutreffen als im Stadtproletariat. Möglicherweise versuchte sie auch, unabhängig von ihrer wohlhabenden Familie zu leben, doch da junge Damen in solchen Fällen selten auf ihren teuren Schmuck und ihre Garderobe zu verzichten pflegen und eher die Hilfe ihrer Verwandten in Anspruch nehmen als die Dienste des Pfandleihers, glaubte ich meine Annahme hinreichend gesichert.

„Ich habe bereits von den Vorkommnissen erfahren, deretwegen Sie hier sind“, sagte ich nach der Begrüßung und wies auf den leeren Sessel auf der anderen Seite des Rauchtisches. „Und ich möchte unserem Gespräch vorausschicken, dass ich Gründe habe, an Ihre Unschuld zu glauben. Nehmen Sie Platz, Miss Montague, und schildern Sie uns Ihre Beobachtungen. Möglichst präzise, und es wäre mir sehr recht, wenn Sie sich kurz fassten. Ich bitte jedoch darum, nichts auszulassen, das Ihnen von Bedeutung erscheint.“

Nachdem sich unsere junge Besucherin von ihrer Verblüffung erholt hatte, was einige Sekunden in Anspruch nahm, setzte sie sich und begann ohne Umschweife mit ihrer Erzählung.

„Ich bin seit fünf Monaten bei Lady Eginthorpe als Gesellschafterin angestellt“, begann sie. „Vor drei Tagen verschwand ein wertvolles diamantenbesetztes Collier aus ihrem Ankleidezimmer. Es muss am Vormittag geschehen sein, denn noch am Morgen sah sie es, als sie einige Schmuckstücke herausnahm. Am Nachmittag bemerkte sie, dass es verschwunden war.“

Ich folgte ihrem knappen, präzisen Vortrag konzentriert, mit geschlossenen Augen, um die Untertöne ihrer Sprechweise besser aufnehmen zu können. Sie sprach gepresst, da sie unter der Schande der Verdächtigung litt, und es gelang ihr trotz ihrer aristokratischen Haltung nur mühsam, ihre Empörung zurückzuhalten – Hinweise auf ein unbelastetes Gewissen und die Überzeugung, das unschuldige Opfer einer Ungerechtigkeit zu sein. Der größte Teil ihrer Erzählung war mir bereits aus der Zeitungsmeldung bekannt, doch die Art, wie sie die Ereignisse schilderte, ließ einen wachen, intelligenten Geist und Zielstrebigkeit erkennen. Ich zweifelte nicht daran, dass sie eine gute Beobachterin war, die einiges zur Aufklärung dieses Vorfalls beitragen konnte.

Als sie geendet hatte, begann ich meine Fragen zu stellen.

„Wo wurde der Schmuck verwahrt?“

„In einem Kästchen im Ankleideschrank.“

„Der Ankleideschrank und das Schmuckkästchen waren verschlossen?“

„Beide waren fest verschlossen. Und die Tür des Ankleidezimmers selbst bleibt ebenfalls abgesperrt, solange sich Lady Eginthorpe nicht im Raum aufhält. Wenn dieser gereinigt wird, überwacht sie das Personal. Sie ist sehr argwöhnisch, was die Ehrlichkeit ihrer Angestellten betrifft.“

„Also waren drei Schlüssel nötig, um an den Schmuck zu gelangen.“

„Ja, und einen davon – den Schlüssel zur Schmuckschatulle – trägt Lady Eginthorpe stets bei sich. Ich erfuhr es erst nach dem Diebstahl.“

„Öffnet sie die Schmuckschatulle oft in Anwesenheit ihres Personals?“

„Nein, nur allein und stets hinter verschlossenen Türen.“

„Dann haben wir nur ihr Wort, dass das Collier am Morgen noch an seinem Platz war“, warf Watson ein, ein überaus zutreffender Gedankengang.

„Nein, es gibt einen Zeugen“, sagte Miss Montague zu Watsons Verdruss. „Sie zeigte das Collier einem Juwelier, einem Mister Abrams, um ein passendes Armband dazu in Auftrag zu geben. Sie hatte am Vorabend bei Tisch erwähnt, dass er kommen würde.“

„Der Schrank und die Schatulle sind gründlich untersucht worden? Keine Anzeichen gewaltsamen Aufbrechens?“

„Beide waren vollkommen unversehrt.“

„Ein unfassbares Rätsel“, behauptete Watson und schlug sich auf die Schenkel. „Wer mag imstande gewesen sein, ihr den Schlüssel unbemerkt abzunehmen und ihn wieder in ihre Tasche zu schmuggeln? Holmes, hier ist ein professioneller Taschendieb am Werk. Ich bin mir sicher, wenn wir das Hauspersonal gründlich durchleuchten, werden wir einen finden, der Dreck am Stecken hat.“

„Sie trägt den Schlüssel zur Schmuckschatulle an einer Kette um den Hals“, warf Miss Montague ein.

„Beim Zeus, was für eine Teufelei!“

„Ich stimme Ihnen zu, was die Professionalität des Diebes und sein hohes Können angeht, Watson“, sagte ich. „Ich bezweifle allerdings, dass wir es mit einem Taschendieb zu tun haben. Hat sich am Tag des Diebstahls irgendetwas Ungewöhnliches ereignet, Miss Montague? Irgendetwas, das den Tagesablauf störte oder nicht zur täglichen Routine passte? Denken Sie bitte genau nach, jedes noch so nebensächlich erscheinende Detail könnte von Bedeutung sein.“

Ich studierte ihre Gesichtszüge, während sie überlegte. Nur wenige Menschen sind dazu in der Lage, ihre Gemütsregungen wirkungsvoll zu verbergen, und unsere Klientin gehörte nicht zu ihnen. Ich bemerkte ein Zögern und schloss daraus, dass sie tatsächlich etwas beobachtet hatte, es jedoch für zu abseitig hielt, um es zu erwähnen – ein Kardinalfehler bei jeder Ermittlung.

„Sprechen Sie es aus“, ermunterte ich sie, „so absurd es auch sein mag.“

„Es war ein Affe“, sagte sie. „Ein Affe auf einem Einrad. Lady Eginthorpe und ich haben am Vormittag im Park einen Schausteller gesehen, der ihn dressiert hatte. Der Affe trug eine rote Livree und eine Melone – und er spielte Mundharmonika.“

Ich muss gestehen, dass diese Enthüllung selbst mich verblüffte.

„Weiß Gott keine alltägliche Beobachtung“, befand Watson. „Holmes, ein Zirkus gastiert in der Stadt! Schlangenmenschen, Akrobaten, Illusionisten – vielleicht eine heiße Spur. Ich schlage vor, dass wir das Zirkusvolk einmal unter die Lupe nehmen.“

„Der Ansicht bin ich ebenfalls“, pflichtete ich ihm bei. „Miss Montague, ich danke Ihnen für Ihren Besuch. Diese Angelegenheit verdient unsere ungeteilte Aufmerksamkeit; ich schlage daher vor, dass Sie vorerst in Ihr Quartier zurückkehren. Ich werde Sie wissen lassen, wenn es neue Entwicklungen gibt.“

„Oh, Mister Holmes“, rief unsere Klientin aus, „ich danke Ihnen! Allerdings weiß ich nicht ...“

„Sorgen Sie sich nicht um die Höhe meines Honorars“, sagte ich. „Ich bin sicher, wir werden eine für beide Seiten akzeptable Lösung finden. Watson, ich möchte Sie bitten, den Gang zum Zirkus zu übernehmen und sich nach einem Rad fahrenden Affen zu erkundigen.“

„Sie kommen nicht mit?“

„Ich fürchte, ich werde den Rest des Tages in staubigen Zeitungsarchiven zubringen. Es gibt einige Dinge, die geklärt werden müssen. Ich lege diese Angelegenheit in Ihre fähigen Hände, Watson, und heute Abend erstatten Sie mir Bericht.“

„Dann geht das Spiel wieder los, Holmes?“

„Ja“, bestätigte ich. „Das Spiel geht los.“

Ich gestehe freimütig, meine Motivation, Holmes zur gemeinsamen Niederschrift unseres letzten Abenteuers zu bewegen, war nicht uneigennützig. Vielmehr hatte ich in den zurückliegenden Jahren unserer Freundschaft des Öfteren den Eindruck gewonnen, dass Holmes meinen Beitrag zu seiner Berühmtheit nicht immer so zu schätzen wusste, wie es angemessen wäre. Ein wenig Einblick in meine Arbeit, so hoffte ich, würde ihn rasch erkennen lassen, dass hinter der scheinbaren Leichtigkeit und Mühelosigkeit meiner Berichte in Wirklichkeit eine Menge Arbeit steckte. Reine Tatsachen waren eben doch nicht alles und bisher hatte ich sozusagen als Mittelsmann zwischen Holmes und seinen Bewunderern, meinen Lesern, fungiert. Ich wollte sehen, wie der Detektiv mit der Herausforderung zurechtkam, sich seinem Publikum direkt und ohne doppelten Boden stellen zu müssen.

Mein Plan wurde akuter, als ich die von Tag zu Tag wachsende Unruhe meines Freundes bemerkte. Holmes’ Launen wurden zusehends schwerer erträglich und auch seine chemischen und musikalischen Experimente näherten sich immer mehr der Grenze des Tolerierbaren. Das regnerische Novemberwetter lud nicht gerade zu ausgedehnten Spaziergängen ein und auch die kriminellen Elemente Londons schienen im Augenblick die Behaglichkeit ihrer vier Wände weitaus anziehender zu finden, als die Herausforderung, etwas ausgefallen Schurkisches zu unternehmen, das den Verstand des Detektivs beschäftigt halten konnte. Mit seiner Rastlosigkeit wuchs auch die Gefahr, das er sich wieder dem zerstörerischsten seiner Laster zuwenden würde, mittels dessen er seinen scharfen und stets nach Herausforderungen verlangenden Verstand in die Schattenreiche zu schicken vermochte, in denen mein Freund seine trügerische Linderung erfuhr. Ich gebe gern zu, dass ich bereit bin, sehr weit zu gehen, um Holmes nicht in diesem Zustand erleben zu müssen. 

Doch nun genug von meinem Freund und seinen Dämonen, widmen wir uns nun dem Rätsel des Rad fahrenden Affen.

Auf der Kutschfahrt zum Zirkus befand ich mich tief in Gedanken. Es ist allgemein bekannt, dass das Zirkusvolk eine verschworene Gemeinschaft bildet und mir war nur zu klar, dass ich mit äußerster Raffinesse und Behutsamkeit vorgehen musste, wollte ich bei meinen Ermittlungen für Holmes etwas Brauchbares herausfinden. Ich lege stets meinen ganzen Ehrgeiz in die Erfüllung der Aufgaben, die mein Freund mir stellt. Dabei zu glänzen bereitet mir ungemein mehr Freude, als mit unbrauchbarem Material zurückzukehren und die Schärfe seines beißenden Spottes zu spüren zu bekommen. 

An meinem Ziel angelangt, stieg ich aus und bezahlte den Kutscher. Ich blieb stehen und ließ die bunte Ansammlung von Wagen und Zelten auf mich wirken. Der Zirkus gab seine letzten Vorstellungen, bevor er in sein Winterquartier umzog. Wir hatten also nicht viel Zeit, um diesen Fall aufzuklären. Obwohl es ein klarer, sonniger Tag war, ließ sich bereits eine gewisse Kälte in der Luft spüren und bald würde es den ersten Frost geben. 

Mit nichts gaben die Arbeiter, die auf dem Vorplatz ihren diversen Beschäftigungen nachgingen, zu erkennen, ob sie meine Ankunft bemerkt hatten oder nicht. Die aufgerollten Hemdsärmel der Männer entblößten muskulöse Unterarme und viele mehr oder weniger phantasievolle Verzierungen, mit denen die Besitzer ihre Haut bis zum Ende ihres Lebens gezeichnet hatten. Die Männer arbeiteten rasch und zielstrebig und hatten ihre Blicke fest auf ihre jeweilige Aufgabe gerichtet. Ihren Gesichtern sah man harte Arbeit und zurückliegende Entbehrungen an. Männern wie diesen konnte man überall in den Fabriken und Häfen Londons begegnen. Es war ein weiter Weg von hier bis zum Ankleidezimmer einer Lady Eginthorpe.

Vergeblich versuchte ich ein System in der Aufstellung der Wagen zu finden, doch selbst mir als Außenstehendem fiel auf, dass es in der Qualität und Ausstattung der Wagen erhebliche Unterschiede gab. Anscheinend existierte selbst unter denen ohne feste Heimat eine gewisse Hierarchie. Gespannte Wäscheleinen und spielende Kinder zeigten mir, dass es hier überdies auch Normalität und Alltag gab. Aus der Ferne hörte ich die Töne einer Geige, was in mir die Frage wachrief, ob Holmes inzwischen fündig geworden war. 

Ein alter Mann übte Kunststücke mit zwei Pudeln, einem weißen und einem schwarzen Tier, und ein Jongleur warf seine bunten Kugeln in die Luft und ließ sie geschickt wirbelnde Muster bilden, die mir Hochachtung vor seiner Kunst abnötigten. Noch immer beachtete mich niemand und ich begann, mich unsichtbar zu fühlen.

„He, Mister, mir scheint, Sie haben sich verlaufen! Das hier ist keine Prachtallee, auf der Sie nach Lust und Laune herumflanieren können! Für Besucher kein Zutritt! Kommen Sie heute Abend wieder.“

Der Redner hatte sich mir unbemerkt genähert und stand so dicht hinter mir, dass ich seinen Atem in meinem Nacken spürte. Ich drehte mich hastig um und sah mich von Angesicht zu Angesicht mit einer dicken roten Nase, kleinen, schwarz umrandeten Augen und einem breiten roten Mund.

„Was wollen Sie überhaupt hier?“

Und einer meine Nase beleidigende Ginfahne.

„Na?“

In den blutunterlaufenen Augen glitzerte Ungeduld und ich glaubte auch eine Spur Mordlust zu erkennen. „Guter Mann“, begann ich und trat einen Schritt zurück – nur für alle Fälle. „Ich bin auf der Suche nach dem Direktor, ich …“

„Ist nicht da.“

Ich ignorierte seine rüden Manieren. „Tierdompteure?“

„Dompteure?“ Er kratzte seine Bartstoppeln, die durch eine dicke Schicht weißer Schminke stachen. Dieser Clown, ging es mir durch den Kopf, hatte schon bessere Tage gesehen. Ich nickte.

„Was für Tiere?“

„Affen.“

Der Clown räusperte sich und inspizierte mit ernstem Gesichtsausdruck die Innenfläche seiner rechten Hand. Ich hob fragend die Augenbrauen und er räusperte sich erneut. Endlich verstand ich und griff in meine Jackentasche. Ich holte einige lose Münzen hervor und ließ sie in die Handfläche des Clowns fallen. Der Mann inspizierte auch die Münzen gründlich, dann ließ er sie in einer der Taschen seiner aus groben Segeltuch gefertigten Jacke fallen, die so gar nicht zu seiner bommelbesetzten Pluderhose passen wollte. „Zwischen den Wagen da hinten durch und dann rechts. In dem kleinen Zelt proben die Kleintierbändiger. Die wissen sicherlich, wo Jerry zu finden ist. Aus dem größeren Zelt daneben bleiben Sie besser raus, da spielen die großen Jungs. Ist nichts für Gentlemen, wie Sie einer sind.“ Mit diesem letzten Rat drehte sich der unlustigste Clown Englands um und ging seiner Wege. Ich folgte seinem Rat und betrat einen kleinen Platz, der hinter den Wagen verborgen gelegen hatte. Der Geruch wilder Tiere stieg in meine Nase. Zu meiner Rechten, etwa zwei Steinwürfe entfernt standen Wagen mit dicken Gittern, hinter denen ich die vagen Umrisse sehr großer Tiere zu erkennen glaubte. Die Scheu vor Raubtieren ist uns Menschen angeboren, eine natürliche Reaktion auf Gefahr und nichts, dessen man sich schämen müsste. 

Ich betrat das kleine Zelt.

Das Zentrum war von Heuballen umgrenzt, auf denen sich etwa ein halbes Dutzend Männer lümmelten. Die wenigsten von ihnen achteten auf die beiden Männer im Zentrum, die vier riesige Schweine Tricks vorführen ließen. Einige Augenblicke verlor ich mich in der Vorführung der kleinen Kunststückchen, dann trat ich zu den Männern am Rand. Wie zuvor wurde ich auch hier zu Anfang nicht beachtet. „Gentlemen“, rief ich endlich, als es mir  reichte, ignoriert zu werden. „Ich bitte um einige Momente Ihrer Aufmerksamkeit.“ 

Einer der Männer kratzte sich lachend den Bauch, ein anderer machte eine sehr rüde Geste mit der Hand, die einer Wiedergabe hier nicht würdig ist. Ich sah mich den unfreundlichen Blicken aus einem halben Dutzend Augenpaaren ausgesetzt. Auch die beiden Männer und ihre Schweine hatten die Probe unterbrochen. Wie es schien, hatte ich nun ihrer aller Aufmerksamkeit. Ich räusperte mich, um Zeit zu gewinnen. 

„Hier haben Se nichts zu suchen“, sagte endlich einer der beiden Schweinedompteure. „Wir sind hier am Arbeiten – müssen uns konzentrieren.“

Ich schluckte meine Bemerkung, die mir als Respektlosigkeit hätte ausgelegt werden können. Immerhin wollte ich Informationen von den Männern hier und wenn sich Holmes im Dienste eines Falles wandeln und mit dem Abschaum Londons gemein machen konnte, dann konnte ich das ebenfalls. „Ich suche Jerry.“

„Wer soll das sein?“ 

Ich blickte in die Runde. Die Männer erwiderten meinen Blick, selbst die Schweine schienen mich aus ihren winzigen Augen anzustarren. 

„Ein Dompteur“, erwiderte ich steif. Ärger regte sich in mir. Ich hasste es, derart angestarrt zu werden. „Ein Affendompteur“, ergänzte ich.

„Mmh.“ Der Mann, der mich mit der rüden Geste bedacht hatte, schien offenbar der Sprecher der Gruppe zu sein. Er musterte mich abschätzend, dann zog er die Nase hoch. Da er sich die Freiheit einer ungenierten Musterung herausnahm, betrachtete ich ihn meinerseits. Der Kerl war groß, muskulös mit breiten Schultern und riesigen Händen. Seine derbe Nase schien schon mehrfach gebrochen gewesen zu sein. Trotzdem hätte er als durchaus gutaussehend durchgehen können, auf eine verwegene Weise, die die Damen zu mögen scheinen, wenn da nicht dieser Ausdruck in seinem Gesicht gewesen wäre, der einen niederträchtigen und brutalen Charakter verriet. 

„Angenommen“, sagte der Kerl langsam, „ich wäre Jerry?“ Er verstummte, schien auf eine Antwort von mir zu warten.

„Sehr erfreut, Mister Jerry.“ Ich streckte ihm meine rechte Hand entgegen. Er starrte darauf, ohne sie zu ergreifen. „Ich sagte nur angenommen, nicht, dass ich es wirklich bin.“

Die Männer lachten und ich spürte ein unangenehmes Kribbeln meinen Nacken hinaufkriechen. „Sind Sie denn Jerry?“, fragte ich mit erzwungener Ruhe.

„Könnte sein.“

Ich stellte mir Holmes’ Gesichtsausdruck vor, wenn ich unverrichteter Dinge in der Baker Street auftauchen würde, zählte im Geiste bis zehn und griff seufzend in meine Jackentasche, um einige weitere Münzen daraus hervorzuzaubern. Die Zirkusleute mochten ja viele Tricks beherrschen, von mir wollten sie offenbar nur diesen einen sehen. 

„Ich bin's wirklich.“ Jerry ließ die Münzen noch einmal in seiner Hand klimpern, bevor sie in den Untiefen seiner Arbeitsjacke verschwanden. „Was wollen Se wissen?“

„Ich suche nach einem Affen.“

Jerry griente.

„Einem bestimmten Affen“, fuhr ich rasch fort.  „Er trägt eine rote Livree und eine Melone.“

„Schick.“

„Er spielt Mundharmonika und fährt auf einem Einrad.“

Jerrys Grinsen wurde breiter, dann lachte er mir rundheraus ins Gesicht. Seine Kumpane taten es ihm nach. „Mister, ich würde wetten, an dem Abend hatten Se zu viel.“

Ich teile die Abneigung der meisten Menschen, ausgelacht zu werden. Dennoch ließ ich ihn sich noch einige Augenblicke weiter auf meine Kosten amüsieren, dann entschied ich, härteres Geschütz aufzufahren. „Der Affe hat sich vielleicht eines Verbrechens schuldig gemacht. Ich brauche alle Informationen über ihn, die Sie mir geben können. Und glauben Sie mir, wenn ich sie nicht bekomme, dann wird sich Scotland Yard darum kümmern und mit denen werden Sie nicht so nett plaudern können wie mit mir.“ 

Ich versuchte so Respekt einflößend und entschlossen wie möglich auszusehen und hoffte, dass dieser Jerry mir meinen Bluff abkaufen würde. Nicht in tausend Jahren und unter Aufbietung aller Logik, die in Holmes’ gescheitem Kopf steckte, würden wir Lestrade dazu kriegen, sich hierherzubemühen und im Zirkus nach einem rot gekleideten, musikalischen Affen zu suchen. Nicht, solange es noch genügend Dienstboten zum verdächtigen gab.

„Hör'n Se, Mister. Ein Affe kann geschickt sein, was Nettes anziehen und von mir aus auch Mundharmonika spielen, aber am Ende bleibt er doch ’n Affe. Das heißt, wenn er was angestellt hat, dann muss es ihm einer beigebracht haben.“ Jerrys Stimme hatte zum Ende hin immer leiser und gefährlicher geklungen. „Da das meine Affen sind, müsste das dann wohl ich sein.“

Die Stimmung hatte sich gewandelt. Jerrys kalter Blick hatte eine bedenklich gefährliche Note angenommen. 

Da erklang ein freudloses Lachen.  „Da sind Se auf'm Holzweg, Mister. Unser guter Jerry hier kriegt nur in die Köppe seiner armen Viecher, was er reinprügeln kann. Das Erste, was se bei dem lernen, is, wie man sich vor Angst inne Hose pisst.“

Der Sprecher war ein alter Mann, hochgewachsen mit langen, ungepflegten weißen Haaren und einem nikotingelben Bart. Eine schreckliche Brandnarbe zog sich über seine linke Gesichtshälfte und verschwand in seinem Hemdkragen. So plötzlich im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, schien dem Alten nicht zu gefallen. Er rang seine langen, ebenfalls nikotingelben Finger. Ich sah, dass auch seine linke Hand von Brandnarben bedeckt war.

„Vorsicht, du seniles altes Wiesel“, knurrte Jerry. „Wenn du nicht dein Maul hältst, dann dreht dir vielleicht noch mal einer deinen dürren Hals um.“

„Dann glauben Sie nicht, Sir, dass unser guter Jerry hier den fraglichen Affen abgerichtet haben könnte?“, versuchte ich das Ganze auf eine professionelle Ebene zu bringen. Sehnlichst wünschte ich mir Holmes her, der eine unvergleichliche Art hatte, mit Burschen wie Jerry fertigzuwerden und sie in ihre Schranken zu weisen.

Der Alte schüttelte den Kopf. „Das ist hohe Kunst, was Sie da gerade beschrieben ham. Das können die Wenigsten.“

Aus den Augenwinkeln sah ich einige der Umstehenden nicken.

„Kennen Sie denn einen solchen Dompteur?“

„Ich kannte einen.“ Die Stimme des Alten war nur noch ein Flüstern. „Früher.“ 

Ehe ich dazu kam, weitere Fragen zu stellen, drehte sich der Alte auf dem Absatz um und verschwand nach draußen.

„Verrückter Alter“, schimpfte Jerry.

„Wer ist das?“

Jerry musterte mich, dann streckte er mir langsam die Hand entgegen. Seufzend kramte ich einige weitere Münzen hervor, insgeheim froh, dass er mir nicht die geballte Faust entgegenstreckte. Ich bin weder ein Feigling noch ein Schwächling, doch ich wusste aus Erfahrung, dass die Jerrys dieser Welt mir in der Ausübung roher Gewalt einfach überlegen sind.

„Der war mal ’ne große Nummer. Ist mit seinen Affen um die ganze Welt gezogen.“ Der Neid in Jerrys Stimme war unüberhörbar. „Hatte sogar mal ’ne richtige Show in Frankreich, mit Partner und allem.“ 

Ich versuchte das Gesagte mit der Jammergestalt in Einklang zu bringen, die soeben aus dem Zelt geflohen war.

Jerry machte die Schluckspecht-Geste. „Hat es immer doller getrieben, bis er eines Nachts mit ’ner Kippe eingeschlafen ist. Alle seine Viecher sind elend verbrannt und er selber soll geleuchtet haben wie ’ne Fackel. Na, Sie haben ja sein Gesicht gesehen. Der Rest von ihm sieht auch nicht hübscher aus.“

„Tragisch.“

Jerry nickte. „Seitdem ist es aus mit Paris. Der Alte hat nie wieder was mit Tieren gemacht. Es heißt, er hätte mit ’ner Affenliebe an seinen Viechern gehangen.“ Jerry kicherte. „Affenliebe – der war gut.“ Als er meinen Gesichtsausdruck sah, zuckte er mit den Schultern. „Manche haben eben keinen Humor.“

Ohne Bedauern verließ ich Jerry und seine Kumpane und machte mich auf die Suche nach dem alten Dompteur. Einige hilfreiche Seelen später und mit einer merklich erleichterten Geldbörse hatte ich mein Ziel gefunden. Der Alte – Pierre, wie ich inzwischen wusste, lebte in einem heruntergekommenen Wagen am Rande des Platzes. Das elende Ende einer ehemals glänzenden Laufbahn. Das hilfreiche Zirkusvolk hatte mir ebenfalls verraten, dass Pierre selbst dieses zweifelhafte Refugium seiner langjährigen Freundschaft mit dem Besitzer des Zirkus verdankte.

In handtellergroßen Stücken blätterte die grüne Farbe vom Wagen, die aufgemalten Motive waren verblichen und erinnerten mich an die Gespenster in einem Shakespeare-Drama. Ich klopfte, erhielt jedoch keine Antwort. Einige Herzschläge später klopfte ich erneut, mit dem gleichen Ergebnis. Ein kurzer Blick zeigte mir, dass niemand in der Nähe war, also drehte ich versuchsweise den Türknauf und wurde dadurch belohnt, dass sich die Tür öffnete. Im Wagen herrschte ein schummeriges Licht, der Geruch nach Alkohol, kaltem Tabakrauch und ungewaschener Wäsche schlug mir entgegen. Keinen Geruch habe ich im Laufe meines Lebens mehr mit Elend zu verbinden gelernt als diese Kombination. Vorsichtig betrat ich den Wagen und zog die Tür hinter mir ins Schloss. Mit klopfendem Herzen lauschte ich, ohne jedoch ein einziges Geräusch wahrzunehmen. Ich schien allein im Wagen zu sein. 

Da ich nicht wusste, wie lange dieser Zustand anhalten würde, machte ich mich ans Werk und durchsuchte rasch die wenigen schäbigen Habseligkeiten des Alten. Es sollte mir die Schamröte ins Gesicht treiben, wie effizient ich inzwischen in derlei geworden bin. Manchmal muss ich mir ins Gedächtnis rufen, dass ich vor meiner Bekanntschaft mit Holmes ein respektabler Gentleman gewesen bin. Das scheint mir nun ein Leben lang her und mein einziger Trost und meine einzige Entschuldigung, die ich für Gelegenheiten wie diese habe, ist, dass es am Ende einem höheren Zweck dient. Gerechtigkeit, die gute Sache – dafür lohnte es sich auch, in den Resten eines verpfuschten Lebens zu wühlen. Endlich blieb nichts außer einer bemalten Holzkiste. Ein wuchtiges Ding mit einem Schloss. Ganz entschieden wünschte der Besitzer der Kiste nicht, dass sich jemand über deren Inhalt hermachte. Doch auch für diese Eventualität hatte mich das Leben mit Holmes gerüstet und ich fischte mein Werkzeug aus meiner Jackentasche. Klein, aber effektiv und ein Weihnachtsgeschenk von Holmes. Die unzähligen Stunden, die er mich damit hatte üben lassen, waren nicht verschwendet gewesen. Im Handumdrehen hatte ich das Schloss überwunden und öffnete den Deckel der Kiste. In dessen Inneren klebte ein Plakat. Es war alt, doch die Farben waren erstaunlich frisch. Es zeigte zwei Männer mittleren Alters, imposante Erscheinungen in Frack und Zylinder, eine junge Frau, die den Betrachter anmutig anlächelte und einen rot gekleideten Affen, komplett mit Melone, Einrad und Mundharmonika.  Monsieur Guetano und Partner stand über dem Plakat. Ich lächelte; wie es schien, hatte ich einen Verdächtigen. Doch als ich wenig später die Todesanzeige Monsieur Guetanos in Pierres Habseligkeiten entdeckte, konnte ich ihn von meiner ohnehin nur sehr kurzen Liste wieder streichen. Pierre war offensichtlich der namenlose Partner gewesen, dessen Karriere nach dem Tod seines Kollegen nie wieder den alten Glanz erreicht hatte.

In der Kiste schien Pierre neben einer geringen Geldmenge vor allem die Erinnerungen an seine Vergangenheit aufzubewahren. Ich fand einen Stapel alter Programmhefte und steckte eines ein, um es später Holmes zu zeigen. Danach verschloss ich die Kiste und sah mich noch einmal um, um mich zu vergewissern, dass nichts auf meinen Besuch hinwies. Danach verließ ich den Wagen und machte mich mit dem guten Gefühl auf den Heimweg, dass meine Bemühungen nicht umsonst gewesen waren.

Zu den Dingen, die man den Ermittlungsbeamten von Scotland Yard vorwerfen kann, gehören neben ihrer vollständigen Unfähigkeit, die Bedeutung von Details zu erkennen, ein kurzes Gedächtnis und eine höchst lückenhafte Wahrnehmung der Dinge, die um sie herum geschehen. Die Analyse ihrer Vorgehensweise hatte mich schon oft auf die richtige Fährte gebracht, denn wenn eine Ermittlung nicht von der Stelle kommt, sind fast immer mangelhafte Methoden dafür verantwortlich. Dieses Mal war also ich es, der Lestrade einen Besuch abstattete – eine Verkehrung der Normalität, die ihn gleichzeitig verwirrte und erfreute, wie seine Miene erkennen ließ.

„Holmes!“, rief er, „Ich war schon drauf und dran, zu Ihnen zu kommen. Schön, dass Sie mir den Weg ersparen. Sie sind wegen dieser Juwelengeschichte hier, stimmt’s?“

„Ein scharfsinniger Schluss“, antwortete ich. „Ich habe nur eine einzige Frage, Lestrade: Haben Sie sich auch nach den Hausangestellten erkundigt, die in der jüngeren Vergangenheit bei Lady Eginthorpe tätig gewesen sind, zum Zeitpunkt des Diebstahls aber nicht mehr dort arbeiteten?“

Lestrade hob die Arme und ließ sie wieder auf die Akte sinken, die vor ihm lag. „Wozu soll das gut sein? Es kann nur jemand gewesen sein, der Zutritt zum Haus hatte, denn jeder, der dort nicht hingehörte, wäre aufgefallen.“

„Ihnen sind die anderen ungeklärten Juwelendiebstähle bekannt, die sich nach ähnlichem Muster in den letzten Jahren ereignet haben – in Reading, Portsmouth, Bristol ... “

„Und Cardiff und Exeter, jawohl. Wir sind nicht auf den Kopf gefallen, Holmes. Immer das Gleiche und nie ein brauchbarer Hinweis, nur Gerede. Aber diese Geschichte setzt dem Ganzen die Krone auf. Wir suchen nach Nachschlüsseln, anders wird der Diebstahl kaum zu bewerkstelligen gewesen sein.“

„Hat jemals irgendjemand einen Affen erwähnt?“

Der Effekt dieser Frage auf den Inspektor war verblüffend. Er starrte mich mit aufgerissenen Augen an, als hätte ich den Verstand verloren, dann begann er schallend zu lachen. „Bei allem Respekt vor Ihren Fähigkeiten, Holmes – ein Affe, der durchs Herrenhaus marschiert, wäre sicher jemandem aufgefallen. Ich ahne, worauf Sie hinauswollen, aber ein Affe kann’s nicht gewesen sein – das Fenster war fest verschlossen und es waren drei Schlüssel notwendig, um an das verdammte Schmuckstück zu kommen. Ich fürchte, diesmal sind Sie auf dem Holzweg.“

„Ich gebe Ihnen insofern Recht, Lestrade, dass dieser Affe mit Sicherheit jedem der Beteiligten aufgefallen ist, denn das war sein einziger Zweck. Den Holzweg dagegen überlasse ich gern Ihnen.“

„Wenn Sie etwas wissen, das ich nicht weiß, würde ich es gern hören.“

„Ich wüsste nicht, wo ich beginnen sollte“, sagte ich. „Aber falls sich meine Annahme bestätigt, werden Sie davon erfahren.“

„Viel Glück dabei“, erwiderte Lestrade. „Wir werden uns nochmal die Hausangestellten vornehmen. Es wäre falsch, den Täter jetzt in Sicherheit zu wiegen – wir müssen ihm Dampf machen, damit er einen Fehler macht. Wollen Sie nicht dabei sein, statt einem kriminellen Affen hinterherzujagen?“

„Nein“, antwortete ich. „Er spielt Mundharmonika – mir scheint, das allein rechtfertigt eine Ermittlung.“

Lestrade blieb mir eine Erwiderung schuldig.