Schwarze Poesie - Poesia Negra -  - ebook

Schwarze Poesie - Poesia Negra ebook

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"Dieses Buch ist ein Glücksfall. Würde ich von einem jungen Leser, der sich zum ersten Mal an die brasilianische Literatur der Gegenwart wagt, gefragt werden, womit er beginnen soll, ich würde ihm nachdrücklich diesen Band empfehlen. Und auch allen Liebhabern lateinamerikanischer Literatur, die gerade einen brasilianischen Roman lesen, möchte ich zurufen: Unterbrecht eure Lektüre, und setzt sie erst fort, nachdem ihr dieses Buch in euch aufgenommen habt, vom ersten bis zum letzten Wort, vorab die hellsichtige, erhellende, eingehende Einführung der Herausgeberin. Zeugenaussagen von höchster Aktualität: als Selbstgespräch, Zwiegespräch, Anrufung, poetischer Aphorismus, Sekundengedicht. In allen Tonfarben und Farbtönen, Stimmlagen: spöttisch, sarkastisch, zornig, sanft, liebevoll, sehnsüchtig. Ein Lesebuch, ein Lehrbuch, das mit einem Schlag die gelesenen Bücher dieses Kontinentlandes in ein deutlicheres Licht, in eine weitergespannte Dimension stellt. Die Selbstfindung des schwarzafrikanischen Brasilianers in seiner unfreiwilligen zweiten Heimat ist das überwältigende Thema dieses überwältigenden Buchs. Jedes Gedicht ist ein Schlüssel, ein Zeichen, ein Ausrufungszeichen, ein Memento an die Konquista. Was für eine Lehre für die Leser der Ersten Welt." (Curt Meyer-Clason) Der Band enthält ein Interview mit Cuti, dem wichtigsten Vertreter afrobrasilianischer Dichtung, das Renate Heß 2012 mit ihm führte.

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Schwarze Poesie | Poesia Negra

Afrobrasilianische Dichtung der GegenwartPortugiesisch | Deutsch

Herausgegeben und mit einer Einleitung von Moema Parente AugelAus dem brasilianischen Portugiesisch von Johannes Augel

Edition diá

Über dieses Buch

»Dieses Buch ist ein Glücksfall. Würde ich von einem jungen Leser, der sich zum ersten Mal an die brasilianische Literatur der Gegenwart wagt, gefragt werden, womit er beginnen soll, ich würde ihm nachdrücklich diesen Band empfehlen. Und auch allen Liebhabern lateinamerikanischer Literatur, die gerade einen brasilianischen Roman lesen, möchte ich zurufen: Unterbrecht eure Lektüre, und setzt sie erst fort, nachdem ihr dieses Buch in euch aufgenommen habt, vom ersten bis zum letzten Wort, vorab die hellsichtige, erhellende, eingehende Einführung der Herausgeberin.

Zeugenaussagen von höchster Aktualität: als Selbstgespräch, Zwiegespräch, Anrufung, poetischer Aphorismus, Sekundengedicht. In allen Tonfarben und Farbtönen, Stimmlagen: spöttisch, sarkastisch, zornig, sanft, liebevoll, sehnsüchtig. Ein Lesebuch, ein Lehrbuch, das mit einem Schlag die gelesenen Bücher dieses Kontinentlandes in ein deutlicheres Licht, in eine weitergespannte Dimension stellt.

Die Selbstfindung des schwarzafrikanischen Brasilianers in seiner unfreiwilligen zweiten Heimat ist das überwältigende Thema dieses überwältigenden Buchs. Jedes Gedicht ist ein Schlüssel, ein Zeichen, ein Ausrufungszeichen, ein Memento an die Konquista. Was für eine Lehre für die Leser der Ersten Welt.« (Curt Meyer-Clason)

Der Band enthält ein Interview mit Cuti, dem wichtigsten Vertreter afrobrasilianischer Dichtung, das Renate Heß 2012 mit ihm führte.

Die Herausgeberin

Moema Parente Augel, 1939 in Ilhéus/Bahia geboren, Promotion in Literaturwissenschaften an der Universidade Federal von Rio de Janeiro. Ihre Hauptarbeitsgebiete sind die afrobrasilianische Literatur, die Literatur von Guinea-Bissau sowie Reiseliteratur. Zahlreiche Buch- und Aufsatzveröffentlichungen in Brasilien, Deutschland, Portugal, England und den USA, Herausgeberin der Anthologie »Schwarze Prosa. Prosa Negra« (Edition diá, 1993).

Der Übersetzer

Johannes Augel, 1939in Adenau/Eifel geboren, Dr. phil., Historiker und Soziologe, lebte lange Zeit in Frankreich, Brasilien und Guinea-Bissau. Er lehrte in der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld, Gastdozenturen an brasilianischen Universitäten, insbesondere an der Universidade Federal da Bahia (UFBA), und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituto Nacional de Estudos e Pesquisa (INEP) in Bissau. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Brasilien und Guinea-Bissau, Übersetzungen von Sachbüchern und Belletristik, vor allem aus dem Portugiesischen.

Inhalt

Die afrobrasilianische Dichtung der Gegenwart»Die Sklavenhaltermentalität ist nur scheinbar beendet.« Ein Gespräch mit Cuti 2012

CutiOliveira SilveiraAdão VenturaOswaldo de CamargoÉle SemogJosé Carlos LimeiraPaulo ColinaAbelardo RodriguesLourdes TeodoroMiriam AlvesGeni GuimarãesMárcio BarbosaJônatas Conceição da SilvaJosé AlbertoJamu MinkaArnaldo Xavier

Originaltexte

GlossarQuellennachweisBiografische und bibliografische NotizenÍndice dos PoemasVerzeichnis der GedichteImpressum

Die afrobrasilianische Dichtung der Gegenwart

Die vorliegende Anthologie stellt dem deutschen Leser einen Bereich brasilianischer Literatur vor, der selbst in Brasilien bisher wenig bekannt ist, in den letzten Jahren jedoch zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. Dabei sind die inhaltlichen Aussagen heutiger Dichtung schwarzer Brasilianer ebenso aktuell und faszinierend wie die im brasilianischen Original und in deutscher Übersetzung vorgelegten Gedichte in ihrer kräftigen, bilderreichen und beschwörenden Sprache. Ein historischer Rückblick auf Sklaverei, Widerstand und Emanzipation und eine Einführung in die heutigen Probleme Schwarzer und Mischlinge in einer Gesellschaft, die sich als Schmelztiegel verschiedenster Rassen und als »Rassendemokratie« bezeichnet, sollen zum Verständnis der Gedichte beitragen.

Neben Karneval, Fußball, schönen Stränden und elenden Favelas entspricht die rassische Mischung des brasilianischen Volkes einer der Klischeevorstellungen über dieses 140-Millionen-Land Brasilien, eine der bedeutendsten Industrienationen und Wirtschaftsmächte der westlichen Welt. Wer Bilder der südafrikanischen Apartheid oder nordamerikanischer Rassenkonflikte vor Augen hat, wird in Brasilien erfreut feststellen, dass es keine vergleichbaren Formen von Rassendiskriminierung gibt. Hier finden sich zahlreiche Beispiele sozialen und wirtschaftlichen Aufstiegs von Nachkommen ehemaliger Sklaven; das Zusammenleben zwischen Schwarzen, Weißen, Mischlingen und Angehörigen aller menschlichen Rassen ist in Brasilien auf den ersten Blick friedfertig und Teil der für das Land charakteristischen Herzlichkeit des alltäglichen Umgangs.

Dieses positive Bild wird allerdings überschattet von der Tatsache, dass auch heute, im hundertsten Jahr der Aufhebung der Sklaverei, die soziale Lage der farbigen Bevölkerung insgesamt eher schlecht ist. Die soziologische Diskussion der Überschneidungen zwischen rassischer Situation und sozialer Lage ist nicht nur in Brasilien sehr ausgiebig geführt worden, fand aber hier ein besonders fruchtbares Untersuchungsfeld und brachte bedeutende sozialwissenschaftliche Werke hervor. Zwei grundlegende Tendenzen aller Überlegungen und Erkenntnisse zeigen gleichzeitig die Spannbreite wissenschaftlicher Forschung und alltäglicher Überzeugungen, die auch heute noch die Geister scheiden. Auf der einen Seite steht die These des friedlichen Nebeneinanders und der Integration, die seit den dreißiger Jahren in dem epochemachenden Werk von Gilberto Freyre vertreten wurde: »Herrenhaus und Sklavenhütte« (1965 und 1982) und »Vom Land in die Stadt« (1982). Die bis heute lesenswerten Werke des 1987 verstorbenen Altmeisters der brasilianischen Sozialwissenschaften vertreten ein auf der Grundlage der Rassenmischung und sozialen Mobilität basierendes Modell einer im wesentlichen friedlichen, harmonischen und auf rassischen und sozialen Ausgleich hinzielenden Gesellschaft, die gerade wegen ihres gemischtrassischen Charakters prädestiniert ist, ein bedeutender Träger einer zukünftigen Weltkultur zu werden. Auf der anderen Seite der Diskussion kann als hervorragender Vertreter Florestan Fernandes genannt werden, dessen zweibändiges Werk über »Die Integration des Negers in die Klassengesellschaft« ebenfalls in Deutsch vorliegt (1969 und 1977). Er und viele andere brasilianische und ausländische Soziologen stützen sich auf historische und statistische Analysen und zeigen die in Brasilien weiterhin zwischen Weißen und Nichtweißen bestehenden großen sozialen Unterschiede auf, die trotz aller wirtschaftlichen Umwälzungen, trotz Industrialisierung und Verstädterung auch heute noch die Rassenzugehörigkeit als einen entscheidenden Faktor in der sozialen Schichtung nachweisen. Selbst jüngste Veröffentlichungen des brasilianischen Statistischen Bundesamtes über die Stellung des Schwarzen innerhalb der brasilianischen Arbeiterschaft bestätigen eine klare Übereinstimmung rassischer und sozialer Merkmale.

Soziologische Untersuchungen und die Alltagserfahrung brasilianischer Schwarzer und Mischlinge, aber auch jedes nicht ganz oberflächlichen Weißen kennen mehr oder weniger offene Formen gesellschaftlicher Diskriminierung. Dabei sollen nicht etwa die Zurückweisung eines Schwarzen in einem Hotel oder Restaurant oder der Verweis auf den Dienstboteneingang herausgestellt werden; solche und ähnliche Einzelbeispiele lassen sich durch gewiss ebenso zahlreiche Gegenbeispiele zumindest relativieren. Entscheidend ist vielmehr die allgemeine Situation des Schwarzen und Mischlings in einer Gesellschaft, die sich in ihrer Kultur, ihrer Selbstdarstellung, ihrem Selbstverständnis als Teil der westlich-abendländischen Zivilisation versteht, als eine im Wesentlichen weiße Gesellschaft, in der Schwarzsein auch heute noch nur dann selbstverständlich ist, wenn man gleichzeitig arm, »marginalisiert«, in untergeordneten Positionen tätig und dabei auch bescheiden und anspruchslos ist. Auch heute noch ist der brasilianische Schwarze – und darunter verstehen wir auch alle nicht deutlich Weißen innerhalb der in Brasilien vielfältigen und stufenlosen Übergänge zwischen Schwarz und Weiß – von einem starken und bisher nicht auszulöschenden Trauma der Sklaverei geprägt, das ihn in seiner Identität und in seiner sozialen Stellung auch heute noch benachteiligt, ihm zusätzliche Schranken und Schwierigkeiten errichtet und seine Ausgangsbedingungen innerhalb einer offenen, auf Wettbewerb gründenden Gesellschaft negativ vorbelastet.

Trotz einer Periode raschen Wirtschaftswachstums in den letzten zwanzig Jahren sind die sozialen Gegensätze in Brasilien nach wie vor groß, in manchen Bereichen größer als je zuvor. Bedeutende Teile der Gesellschaft sind von der »Entwicklung« an den Rand gedrückt worden, und die gesellschaftliche Polarisierung hat zugenommen. Eng mit der sozialen Schichtung verbunden, jedoch nicht damit identisch sind das Rassenproblem und die Suche der nicht weißen Bevölkerungsmehrheit nach ihrer kulturellen Identität in einer Gesellschaft, deren etablierte Kultur sich vornehmlich als weiß versteht. Ohne die afrikanischen Einflüsse aus mehr als drei Jahrhunderten Sklavensystem zu leugnen und trotz Anerkennung des in manchen Gesellschaftskreisen sogar vorhandenen gewissen Stolzes auf den Mischlingscharakter der brasilianischen Zivilisation galt und gilt weiterhin für die Mehrheit der Brasilianer das Ideal der Weißwerdung. Für die nicht weißen Teile der brasilianischen Gesellschaft scheint der sicherste Weg zur gesellschaftlichen Anerkennung der der Anpassung, der Assimilation und der Integration zu sein. Die Verneinung und Verdrängung der Werte, die bewusst oder unbewusst als minderwertige Kulturgüter bezeichnet wurden, waren fast zwangsläufiges Resultat sowohl der gewaltsamen Integration der schwarzen Sklaven als auch des mehr oder minder friedlichen Zusammenlebens ihrer Nachkommen in einer sich an Europa orientierenden Gesellschaft. Colonisation est chosification – Kolonisation ist Verdinglichung, stellte schon Aimé Césaire, einer der Gründer und Vordenker der Négritude, fest. Die Geschichte der Selbstbehauptung des Afrobrasilianers ist die Geschichte der Versuche, dem Zustand als Objekt zu entkommen – ein langer, dorniger Kreuzweg voller Fallen und Stolpersteine, aber auch eine Geschichte großer Erfolge und sich und die Umwelt übertreffender Siege. Die Schwarze Poesie ist einer der Wege hin zur Befreiung.

Und wenn ich daran denke, dass wir uns schämten, Neger zu sein / und dichte Schreckträume unter der Haut … erinnert sich Cuti, einer der hervorragendsten der in der vorliegenden Sammlung vertretenen schwarzen Dichter. Ein kurzer Blick auf die Geschichte des Negers in Brasilien kann helfen, diese dichten Schreckträume zu verstehen.

Zur Befriedigung seines Arbeitskräftebedarfs griff Portugal in der gesamten Kolonialzeit auf Sklavenarbeit zurück. In Brasilien wurden versklavte Afrikaner vor allem in der Zuckerrohrwirtschaft des Nordostens, im Bergbau des Zentrums und im 19. Jahrhundert im Kaffeeanbau des Südostens eingesetzt. Dieses Land / des Kaffees des Zuckerrohrs des Goldes / des Blutes des Blutes des Blutes / meines Blutes fasst Cuti voller Bitterkeit zusammen.

Von 1559 bis 1850 wurden offiziell und weitere zehn Jahre lang illegal Millionen Menschen aus Afrika verschleppt und, soweit sie nicht unterwegs starben, in Brasilien wie Sachen verkauft. Erst 1888 wurde die Sklaverei endgültig abgeschafft. Sklaven und Sklavenarbeit waren so sehr in den Sitten und in der Mentalität der Portugiesen wie aller europäischen Völker und der jeweiligen einheimischen Eliten verwurzelt, dass diese Menschenschinderei in der gesamten Kolonialzeit und weit darüber hinaus als eine natürliche und notwendige Gegebenheit und Grundlage jeder Wirtschaftstätigkeit erschien. Obwohl es auch in Brasilien einzelne kritische und angesichts der systematischen Grausamkeit empörte Stimmen gab, gewann erst ab 1870 der Gedanke an eine allgemeine Sklavenbefreiung gesellschaftliches Gewicht.

In dieser Zeit tritt mit Luiz Gama (1830–1882) auch der erste bedeutende brasilianische schwarze Schriftsteller hervor. Er war Sohn einer freigelassenen Afrikanerin und eines portugiesischen Vaters, bekam eine gute Schulbildung und wurde Laienrechtsanwalt, konnte jedoch aufgrund von Rassendiskriminierung nicht die Rechtswissenschaftliche Fakultät besuchen und Rechtsanwalt werden. Luiz Gama machte sich einen Namen als Verteidiger entflohener Sklaven und wurde zum Vorbild der für die Aufhebung der Sklaverei eintretenden Jugend. Glänzender Redner, Journalist und satirischer Dichter, spottete er über die angebliche Blutreinheit der Sklavenbarone und über die Tendenz der Mulatten, weiß werden zu wollen und sich als Weiße zu gebärden und ihre eigene Herkunft zu verleugnen: Wenn die vollgefressenen Adligen dieses Landes / in Guinea beerdigte Verwandte haben / und wenn sie dem Hochmut oder eingefleischten Lastern nachgeben / und dabei die kleinen Negerlein, ihre Landsleute, vergessen / wenn etwas hellhäutigere Mulatten / sich schon von edler Herkunft dünken – und die Großmutter verachten, die eine Mina-Negerin ist … Diese und ähnliche Verse wirkten provokativ, führten zu Nachdenklichkeit und leisteten einen Beitrag zur Kampagne für die Abschaffung der Sklaverei.

Bekannter, gefeierter und hinreißender noch war der aus Bahia stammende »weiße« Dichter Antônio de Castro Alves (1847–1871), der aufgrund seiner im Stile eines Victor Hugo mit großer Emphase und Dramatik geschriebenen Gedichte als der Dichter der Sklaven betrachtet wird. Er schildert in lebhaften Farben und epischer Gestaltung die den Atlantik überquerenden Sklaventransporte mit angeketteten Afrikanern in seinem »Negerschiff« (1868). In seinen »Stimmen aus Afrika« und in vielen anderen Gedichten klagt er in romantischer Gefühlsbetontheit die Unmenschlichkeiten des Sklavenregimes an. Die unter dem Gesamttitel »Die Sklaven« (1883) veröffentlichten Gedichte Castro Alves' wandten sich an die Gefühle und den rhetorischen Geschmack seiner Zeitgenossen und bewegten viele, sich im Kampf für die Sklavenbefreiung zu engagieren.

Die Kampagne gegen die Sklaverei wurde jedoch von Intellektuellen und von im Machtgefüge der Gesellschaft nicht sehr einflussreichen Kräften betrieben, die kaum gesellschaftsverändernde Wirkungen ausüben konnten. Die von der Befreiung geschaffenen sozialen Bedingungen spiegelten und spiegeln bis heute diesen Mangel an institutioneller und politischer Absicherung des Befreiungswerks wider. Einige Politiker hatten durchaus Maßnahmen zur Unterstützung der Freigekommenen vorgesehen, zum Beispiel, dass die alten ehemaligen Sklaven weiterhin von ihren früheren Herren unterhalten oder dass kleine Landparzellen an die ohne Arbeit lebenden Afrikaner verteilt werden sollten, auch Gesetze mit dem Ziel, den Wert und das Ansehen der Arbeit zu heben und den ehemaligen Sklaven eine Schulbildung zu garantieren, um ihnen einen wirtschaftlichen Aufstieg zu ermöglichen. Nichts von alledem jedoch wurde verwirklicht. Der bekannte brasilianische Jurist Ruy Barbosa beklagte 1919 während seiner Präsidentschaftskampagne den desolaten Zustand des in Anfängen sich formierenden brasilianischen Proletariats und klagte die ehemaligen Herren an, das Interesse an denen verloren zu haben, die nicht mehr ihr Eigentum waren. Er kritisierte scharf, dass keinerlei rechtliche und institutionelle Vorkehrungen getroffen worden waren, die Situation der Lohnabhängigen zu verbessern und die durch die Sklavenbefreiung geschaffenen Missstände zu lindern. Angesichts der geschaffenen »grausamen Wirklichkeit« forderte Ruy Barbosa eine zweite Sklavenbefreiung, die den formal Befreiten die Segnungen der Zivilisation bringen sollte. Demgegenüber sorgten sich die ehemaligen Herren, die nach wie vor die Wirtschaftsmacht und folglich auch die politische Macht in Händen hielten, nicht im Geringsten um soziale Gerechtigkeit. Die wenigen Versuche einer politischen Umsetzung von Forderungen, wie sie von José Bonifácio (1827–1886) und Joaquim Nabuco (1849–1910) vorgebracht wurden, hatten keinerlei Erfolg.

Der Anteil der Schwarzen und Mulatten, die, aus dem Status der Sklaven entlassen, zu den untersten sozialen Schichten der Bevölkerung der Republik wurden, war nach wie vor bedeutend. Die verfügbaren Zahlen gehen sehr auseinander. Einige Historiker geben die Zahl der aus Afrika importierten Sklaven mit 3,5 Millionen an, andere fast das Doppelte. Im 18. Jahrhundert betrug der Anteil der Schwarzen und Mulatten an der brasilianischen Bevölkerung etwa 50 Prozent, im 19. Jahrhundert noch rund 40 Prozent. Zur Zeit der Sklavenbefreiung gab es noch 700.000 bis 800.000 Sklaven gegenüber etwa 300.000 freien Schwarzen, bei einer Gesamtbevölkerung von 14 Millionen Einwohnern.

Noch heute ist nach amtlichen Statistiken der Anteil derjenigen, unter deren Vorfahren Sklaven sind, sehr groß. Die letzte allgemeine Volkszählung von 1980 nennt 5,89 Prozent Neger und 38,45 Prozent »Dunkelhäutige«.

Die große Masse der Afrikaner und Afrobrasilianer nahm von Anfang an die ungeheure Ausbeutung und dauernde menschenunwürdige Behandlung, die mit ihrem Dasein als Sklaven verbunden waren, nicht passiv hin. Als Reaktion auf das Sklavenregime kannte die gesamte Kolonialzeit eine ununterbrochene Kette von Sklavenaufständen, die die gesellschaftliche Ordnung tief erschütterten und sich nicht, wie die offizielle Historiografie lange Zeit glauben machen wollte, auf sporadische, vereinzelte Kämpfe beschränkten. Die Flucht von Sklaven und ihr Zusammenschluss zu Widerstand und Kampf sind dauernde Begleiterscheinungen der brasilianischen Kolonialgeschichte und aller kolonialen Sklavengesellschaften.

Die von Entflohenen im Hinterland gegründeten Fluchtburgen wurden »Quilombos« genannt. Zum ersten Mal wird 1575 von einem Quilombo in Bahia berichtet. Seit dieser Zeit hörten die mit allen Mitteln unternommenen Versuche nicht auf, dem brutalen Regime, dem die Sklaven unterworfen waren, zu entgehen. Das Wort »Quilombo« kommt aus der afrikanischen Quimbundo-Sprache und heißt »Ansammlung, Versammlung«. Auch das ebenfalls gebrauchte Wort »Mocambo« ist gleichen Ursprungs und bedeutet »beieinanderstehende Hütten«. Die Schwarzen errichteten ihre Fluchtburgen im Urwald, fast immer an schwer zugänglicher oder höher gelegener Stelle. Häufiger, als die Geschichtsschreibung berichtet, wehrten sich die Entflohenen tapfer und verzweifelt gegen die Versuche ihrer ehemaligen Besitzer, sie erneut in ihre Gewalt zu bringen.

Widerstand gegen die Sklaverei nahm vielfältige Formen an. Auf unmittelbarer und individueller Ebene waren es passiver Widerstand, Arbeitsverweigerung oder Sabotage. Es finden sich auch Einzelbeispiele einer inneren Flucht durch Spott und Verachtung gegenüber den Sklavenbesitzern, eine Haltung, die bei manchmal höherem kulturellen Niveau der Sklaven gegenüber ihren Herren, etwa alphabetisierter islamischer Nagôs gegenüber ihren unkultivierten, schreib- und leseunkundigen portugiesisch-brasilianischen Besitzern, naheliegend war. Selbstmorde, Abtreibung, individuelle und kollektive Flucht, Morde, die die koloniale brasilianische Gesellschaft in ständiger Angst leben ließen, Massenerhebungen, Revolten und die Gründung und Organisation mehr oder weniger eigenständiger Gemeinwesen entflohener Sklaven sind ständig vorhandene Symptome einer menschenverachtenden Gesellschaft.

Große und länger andauernde Aufstände waren nicht sehr zahlreich. Besonders bekannt sind der Aufstand der Malês in Bahia 1835 und die von Negern gegründete Republik von Palmares. Eine der Führerinnen der islamischen Malês, die von den heutigen brasilianischen Negerbewegungen noch als Heldin gefeiert wird, war Luíza Mahin, die Mutter des schon erwähnten satirischen Dichters Luiz Gama. Miriam Alves widmet ihr ein in den vorliegenden Band aufgenommenes Gedicht: Der Kampf zum Sturz der Weißen / der Kampf spricht die Sprache der Orixás.

Relativ wenig ist über die Entwicklung und die interne Organisation der zahlreichen Quilombos bekannt. Lediglich von denjenigen, die den Eroberungsversuchen den heftigsten Widerstand entgegensetzten, wissen wir etwas mehr, beispielsweise von dem Quilombo do Cumbe in Paraíba (1731), dem Quilombo des Manoel Congo im Hinterland von Rio de Janeiro (1838/39) und insbesondere von Palmares, das ein Jahrhundert lang allen Angriffen der Kolonialmacht trotzte und sich im Innern von Nordostbrasilien zu einem wirklichen Neger-Staat entwickelte. Neben den Kriegen zur Abwehr der holländischen Invasoren (1624/25, 1630–1654) bedeutete Palmares die größte Herausforderung für die portugiesische Kolonialverwaltung und Militärmacht in Brasilien.