Schlimme Engel - Eric Jourdan - ebook

Schlimme Engel ebook

Eric Jourdan

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Opis

Einen Sommer lang erleben die Abiturienten Pierre und Gérard eine Achterbahnfahrt aus Liebe und Stolz. Wie junge Prinzen verachten sie die bürgerliche Welt der 1950er Jahre. Ihre Schönheit und ihre Überheblichkeit provozieren Mitschüler und Eltern. Sie wissen, dass ihr Glück keine Zukunft haben wird, und genießen den perfekten Augenblick so lange er dauert. So treiben sie unaufhaltsam einer Katastrophe entgegen. Jourdan schrieb diesen Roman im Alter von 16 Jahren. Seine Geschichte nimmt in einer wahrhaft überwältigenden Sprache Gestalt an und übt auf den Leser eine Wirkung aus, deren verstörende Wucht an die Tragödien Shakespeares erinnert. Julien Green über Jourdan: "Ein verstörendes Meisterwerk. Es schöpft seine poetische Kraft und Schönheit aus der ergreifenden Menschlichkeit, die immer wieder das Abgründige besiegt." 'Jourdan beschreibt Momente körperlicher und emotionaler Sehnsüchte, die für den aufgeklärten Menschen von heute kaum mehr vorstellbar sind, aber als Prüfsteine des eigenen Erlebens dienen.' (Dirk Naguschewski in 'Hinnerk')

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ERIC JOURDAN

SCHLIMME ENGEL

Aus dem Französischenvon JJ Schlegel

Mit einem Nachwort vonJoachim Bartholomae

Männerschwarm VerlagHamburg 2011

Es war die Stunde, da im Schwarm von bösen Träumen

Auf ihren Kissen sich die braunen Knaben bäumen.

Baudelaire

Gehen Sie an uns vorüber und verzeihen Sie uns unser Glück!

Dostojewski

PIERRE ERZÄHLT

I

Der Himmel war königsblau und von majestätischer Ruhe. Man wusste nicht mehr, ob die Sonne schien. Unter den Birken und Platanen floss das Wasser glanzlos dahin und blitzte nur hin und wieder auf, wenn ein schillernder Strahl durch seine Tiefe schoss, wo grüne Flecken sich zu Schwarz verdunkelten.

Der Sommer hatte das hohe Gras verbrannt, es hing herab wie wirres, goldbraunes Haar, überall zwischen den Bäumen. Unter den Wimpern fiel der Blick auf eine Landschaft, die sich ins Unermessliche ausdehnte. Mit gespreizten Beinen, ein Büschel fahles Seifenkraut zwischen den Knien, schlief Gérard. Sein halb offenes Hemd schien wie eine weiße Woge, die sich auf der honiggelben Wölbung seiner Brust brach, und meine Augen hefteten sich an seinen Kragen, die Halsmuskeln, deren Kraft die sanften Schatten auf der Schulter betonte. Vom Gesicht sah ich nur eine Wange, sein Haar mischte sich mit dem abgeschnittenen Gras. Locken fielen ihm in die Stirn; und von seiner Schläfe pumpte eine schwere, von der Hitze geschwollene Ader den dunklen Schimmer des Bluts zum Backenknochen – all das verlieh dem schlummernden Knaben einen Ausdruck der Wollust, heftiger noch als der Anblick seiner stolzen Züge im vollen Sonnenlicht.

Ich wünschte mir, dass dieser Tag nie verginge, wollte den unfassbaren Augenblick für alle Zeit bewahren, der sich im Gesicht Gérards spiegelte, der zu meinen Füßen schlief. Doch jede Sekunde verleugnete grausam die Vergangenheit, löschte sie aus in meinem Atem, in dem sattesten Grün der Bäume und dem erhabensten Schweigen des Wassers. Gérards Schönheit war böse, selbst im Schlummer; der bis auf den Knöchel gerollte Kniestrumpf sagte mir das, denn er gab eine Wade frei, die so glatt war wie die eines Jungen, der Vogelnester plündert.

Ich ließ unser ganzes Leben an mir vorüberziehen, ein Leben ohne Eltern und Lehrmeister, und nahm mir vor, mich nur noch an die Stunden dieses Ferientages zu erinnern. Den Vormittag hatten wir in meinem Zimmer verbracht, es waren Hausaufgaben zu erledigen, aber wir hatten Würfel gespielt. Wie üblich aßen wir schweigend zu Mittag, zusammen mit unseren beiden Vätern sowie einer Cousine, die sich um uns kümmerte, seit wir unsere Mütter – zwei Schwestern – verloren hatten.

Wenn ich sage, dass die Mahlzeiten schweigsam verliefen, dann meine ich damit ausschließlich uns, denn wir ließen die Sätze der Erwachsenen an unseren verschlossenen Mienen abprallen und hatten an ihrem Tisch bloß das Gefühl, unsere Zeit zu vergeuden.

Bei den letzten Bissen blickte Gérard mich auf eine Weise von unten her an, die verstohlen gewirkt hätte, wenn das Tischgespräch uns nicht ohnehin abseits gelassen hätte. Als wir im Freien waren, erklärte er mir, was sein Blick zu bedeuten hatte: «Wir legen uns beim Fluss ein wenig ins Gras, einverstanden?» Dieser «Fluss» war ein Stück Wasser zwischen zwei Teichen und wir hatten ihm diesen Namen gegeben, weil etwas weiter die Loire floss, die uns weniger interessierte, denn sie gehörte allen. Auf dem Weg dorthin machten wir einen Umweg über die Landstraße, um keinem Störenfried zu begegnen, der uns gezwungen hätte heimzukehren, bevor wir Lust dazu hatten.

Gérard bräunte langsamer als ich, aber nach acht Tagen hatte er mich eingeholt und wir waren alle beide so goldbraun, dass Mädchen und Jungen uns nachschauten, wenn wir durch die Stadt gingen, obwohl auch sie diese Schönheit besaßen, die das gemächliche Leben unter freiem Himmel verleiht, und auch ihren Körpern die ruhige Pracht der Jugend eigen war. Allmählich verstand ich diese Blicke alle. Sie waren zuerst erstaunt und vereinten uns dann, Gérard und mich, in stummer Bewunderung: Von da an lebten wir in ihren Träumen und gehörten nicht mehr uns selbst.

Gérard liebte es, mich ständig am Arm zu ziehen. Wir sahen uns alle Augenblicke an, als ob es nichts gäbe außer uns. Aber kaum waren wir allein in der Natur, entfernten wir uns voneinander ohne uns jedoch wirklich zu trennen. Gesenkten Hauptes trottete Gérard stumm vor sich hin und ich vertrieb mir nach ein paar Minuten diese Zeit des Schweigens damit, Kiesel in die Gegend zu kicken. Auf die Dauer wurde uns das Spielchen zu dumm. Gérard warf dann den Kopf zurück und das Herausfordernde an seiner Haltung bewirkte, dass ich noch eigensinniger den Gleichgültigen markierte. Ohne es zu wissen liebten wir uns schon; die Wut, uns gegenseitig so sehr zu brauchen, gab diesem Zauber jedoch die Farben der Rivalität. Immer wieder dachte jeder für sich daran, wortlos seiner Wege zu gehen, aber sobald der eine sich entschieden hatte, der Tag der Unabhängigkeit sei nun gekommen, zwang den anderen ein mächtiger Impuls, etwas zu tun, was die Abhängigkeit erneuerte, zum Beispiel eine Bemerkung zu machen, die beinahe eine Liebeserklärung war. Daraufhin stürzten wir uns aufs Neue kopfüber in die Knechtschaft unseres Zusammenseins.

An diesem Nachmittag hatten wir auf dem Weg besonders lange getrödelt. Die Hitze ließ die Landschaft zu der Stunde, als die Sonne am ärgsten brannte, fast grau erscheinen und so hatte uns niemand gesehen, als wir auf dem Umweg über die Landstraße den Teich erreichten, und mit einem Mal gehörte der Nachmittag nur uns allein. Wir gingen wortlos im Schatten der Bäume. Alles schwieg um uns herum, alles glühte um den Teich. Irgendwo verschwand der Weg unter Eichenschösslingen und Brombeeren, wir mussten uns den Zugang zum Wasser selber suchen. Mit der entschlossenen, jedoch leisen Stimme eines Menschen, dessen Herz zu schnell schlägt, sagte Gérard: «Hier ist es gut. Das verbrannte Gras ist so weich, dass man sich wunderbar hinlegen kann ... Hier sind wir am Ende der Welt.» Wir befanden uns auf einer kleinen Lichtung.

Gérard öffnete sein Hemd. Ich war zu bewegt, um zu reden. Er streckte sich auf dem Gras aus und schob sich das T-Shirt unter den Kopf, das er abgestreift und frech in seinen Gürtel gesteckt hatte, sobald wir aus dem Haus waren. Er schloss die Augen und tat, als ob er schliefe. Auch ich knöpfte mein Hemd auf, es klebte mir an der Haut, und ging auf ein Knie, um es auszuziehen. Als ich mich ihm zuwandte, bemerkte ich, wie Gérard mich durch die Wimpern beobachtete. Sein Blick war so eigenartig, dass ich das Gefühl hatte, noch niemals derart nackt gewesen zu sein, obwohl er mich doch jeden Tag im Badezimmer sah. Wenn wir uns voreinander anzogen, blieb ich oft halb nackt bei ihm stehen, nur im Slip, oder auch ganz unbekleidet, und wenn wir im Fluss gebadet hatten, bestimmte nur das Schamgefühl unsere Blicke, während wir uns abtrockneten und mit noch feuchten Beinen wieder in die Jeans stiegen. So wie mir, so war auch ihm mittlerweile nichts mehr unbekannt an meinem Körper, doch wir akzeptierten unser Unbehagen und erlaubten uns nur verstohlene Blicke auf den anderen. Auf diese Weise hatte ich seine runden Hüften entdeckt, die herrliche Wölbung seiner Schultern, und in einem Augenblick völliger Entspannung, als er sich mit einem Badetuch in der Hand und dem Slip zu seinen Füßen reckte, hatte ich erkannt, wie vollkommen geformt diese Statue doch war, der das Blut Lebendigkeit verlieh. Ich wusste, dass es Gérard genauso erging, denn wir waren uns fast gleich, obschon er einige Monate vor mir Geburtstag hatte und seine Augen dunkler waren und sein Haar heller.

Gérard drehte sich im Gras. Das Spiel war vorbei und durch die Hitze, die seine Schläfe traf, war er eingeschlafen. Ich sah nur eine Wange. Blieb reglos. Das Blut kochte mir in Schenkeln und Armen und ich musste mich gewaltsam zurückhalten, um nicht meinen Kopf an den seinen zu legen, um ihn nicht zu umarmen.

Gérard schlief und im vollen Sonnenlicht wachte ich über ihn. Sein Fleisch, vom geöffneten Hemd mit sanfter Klarheit umgeben, verstörte mich, während die Sonne mit ihrer unsichtbaren Peitsche auf meinen Rücken einschlug.

«Gérard, Gérard.» Ich rief leise seinen Namen, doch er hörte es nicht; ein anderes Leben hatte ihn mir genommen, in dem vielleicht auch er, neidisch auf die Umklammerung, die seinem Körper verwehrt war, über mich wachte. «Gérard, Gérard», flehte ich.

Der Laut kam von viel tiefer als nur aus meiner Kehle. War das die Stimme der Seele, dieses Beschwören eines Wesens, das mir jetzt unerreichbar war und sich vielleicht auf immer im Labyrinth des Schlafes verborgen hatte?

Eine maßlose Traurigkeit nahm mich in ihre Arme: Alles schien düster, das Dasein war ohne Ziel, wenn Gérard mir so einfach entkommen konnte und diese Wüste, die weder dem Tod noch dem Leben angehört und deren Sand die Lider schwer macht, sich so leicht zwischen uns ausbreitete. Gérards Entschlummern war schon die Ewigkeit.

Bis zu diesem Tag hatte seine Gegenwart ausgereicht, um mich vergessen zu lassen, dass mit siebzehn Freundschaft nur ein anderes Wort für Liebe ist. Zum ersten Mal machte es mich fassungslos, dass Gérard unauffindbar war. Ich riss mit unerklärlicher Heftigkeit einen Gerstenhalm aus, ließ die Schwermut bei meinem Cousin zurück und wandte mich dem Wasser an meiner Seite zu. Ich schob das Buschwerk beiseite, streckte mich aus und tauchte das Pflänzchen bis über die Finger hinein. Der Stängel verschwand im gekräuselten Wasser, doch die Welle spiegelte weder die Hand noch meinen darüber gebeugten Mund. Ich erahnte nur einen Schatten etwas graueren Grüns am Ufer, den Widerschein des Schattens der Bäume. Gleich einem von der Böschung hergeworfenen Kiesel fiel zuweilen ein Strahl der Sonne mitten hinein, sei es, weil ein Blatt sich bewegte und so einen Streifen des Wassers ihrem gewaltigen Ansturm auslieferte, sei es, weil sie auf ihrem unmerklichen Zug zum Horizont ein Stück Rinde, das im reglosen Wasser trieb, in ein flammendes Schiff verwandelte.

Ich musste einen neuen Halm pflücken, da ich den ersten der leichten Strömung überantwortet hatte, aber dann entließ ich auch den, als wüsste ich nicht mehr, ob es nicht doch meine Wünsche waren, die ich da ziehen ließ. Dieses Spiel faszinierte mich, es war wie der Zeitvertreib eines jungen Narziss, dessen Antlitz das Wasser widerzuspiegeln sich weigerte. Der Halm versank und entschwand, ich nahm einen neuen, dann noch einen, nur um mich zu zwingen, den Blick vom schutzlosen Leib meines Cousins abzuwenden. Plötzlich zerbrach etwas in mir – war es der Stolz? Ich wandte mich zu Gérard und strich ihm über das Haar. Eine Stimme flüsterte: «Nimm ihn in deine Arme.» Er stöhnte im Schlaf, breitete blind die Arme aus und ohne zu wissen, was er tat, zog er mich an sich, ich verlor das Gleichgewicht und er presste mich mit aller Kraft gegen sich, den Mund schmollend verzogen. Ich war über ihm und der Rhythmus seines Atmens, seine Wärme und sein Atem selbst wurden Teil von mir. Das Mysterium eines Körpers, den man in seinen Armen hält, erschien mir zugleich einfach und schrecklich: Wem gehörte er? Indem der Schlaf ihn der Erde entfernt, trägt er ihn fort in sein fremdes Land, seine Einsamkeit ist ein kleines Abbild des Todes.

Ich glaubte, Gérard umklammere mich, um sich dafür zu rächen, dass ich ihn mit Wasser bespritzt hatte, versuchte mich zu lösen und sagte: «Gérard, lass mich»; doch bald war ich sicher, dass er tatsächlich schlief.

Die Sonne malte sein Gesicht golden, vergrößerte seine Lider, deren Wimpern keine Schatten mehr warfen, puderte sein zerzaustes Haar, säumte sein Ohr mit rosigem Schimmer und legte eine Kette von Schweißperlen um den Hals des übermannten Kriegers. In einer Minute, in einer Sekunde würde er sich umdrehen, rekeln, ich hatte nur noch Augenblicke, ihn so schutzlos zu betrachten. Der Leib des schlafenden Gérard war von nächtlicher Unermesslichkeit. Ich legte mein Ohr an sein Herz. Aus solcher Nähe wurde sein Mund zu dem Mund eines Orakels und ich war zu allen Opfergaben bereit, um das Wort «Liebe» daraus zu vernehmen.

Als er die Augen öffnete, hielt er mich noch immer an sich gedrückt, und bevor ihm das Erwachen die Erinnerung zurückgab, empfing ich ein Lächeln von einem Gesicht, das ich nicht kannte ... Mein Cousin hielt für die anderen eine romantische oder verschlossene Miene bereit, deren Charme überwältigte, sobald man einen Blick ergattert hatte. So war ich der Einzige, der einen anderen Gérard kannte. Oft hatte ich, wenn wir uns balgten, seinen Kopf gepackt und nach hinten ins helle Tageslicht gedrückt, um ihn zu zwingen, mir seine goldenen, grünbraun gesprenkelten Pupillen zu zeigen. Und hatte ihn dann jedes Mal, um mich nicht darin zu verlieren, wieder losgelassen.

Eines Morgens stritten wir uns wegen eines Buches. Er schwor, es mir geliehen zu haben, musste es jedoch in der Scheune, in der er sich so gerne absonderte, vergessen haben. Ich hatte ihn dort schon mehrmals überrascht; seine Wangen glühten dann jedes Mal, als ob ich ihn aus einem erotischen Traum gerissen hätte. Unweigerlich kam es daraufhin zum Zweikampf, doch wenn er in Zorn geriet, unterlag er stets: Bald hatte ich ihn zwischen den Beinen und nahm ihm die Luft, hockte ihm auf der Brust und fragte, ob er sich ergeben wolle. Hass blitzte in seinen Augen. «Nein!», keuchte er. «Du hast also noch nicht genug!» Und mit derselben Ruhe, mit der ich diesen Satz sagte, nahm ich sein Handgelenk und verdrehte es. Seine Stirn wurde scharlachrot, ich berührte leicht seine glühende Wange und strich dann ungeniert die Locken, die ihm auf die Brauen fielen, nach hinten. Er schloss die Augen, ich befahl ihm, mich anzuschauen, drückte noch fester zu. Urplötzlich, als wolle er mein Gesicht überfallen, starrte er mich an, die Wimpern voller Tränen. Ich ließ von ihm ab. Er rührte sich nicht. Sein Gesicht war nun todernst, die Pupillen pechschwarz, riesengroß. In den Wimpern, Brauen und Haaren glitzerte schwerer Schweiß und eine unmerkliche Sanftheit in seinen Wangen und um seinen Mund verlangte nach Schlägen. Der Schmerz hatte mir seine Zartheit enthüllt, die als Erinnerung an seine Mutter seine Züge überflog. Ich stand auf, er blieb am Boden liegen und das letzte Bild, das ich vor dem Hinausgehen sah, war das dieses sonnengebräunten Jungen, dessen eines Bein mit aller Kraft auf den Teppich gepresst war, während das andere, leicht angehoben, durch die kaum zu erratenden Muskeln unter der leuchtenden Haut noch in der Positur der Erniedrigung den Eindruck von Anmaßung vermittelte.

Alle diese Spiele, diese Herausforderungen und unbeholfenen Begierden, all das, was die Zeit eines Tages in unvergessliche Momente gliederte, hätte ich hingegeben, wenn Gérard sich mir nur einmal so gezeigt hätte, wie er wirklich war. Doch er belog mich, so wie er auch die anderen belog. Wenn er sich so vor ihnen schützte, gegen was verteidigte er sich in meinem Fall? Fürchtete er eine Macht zu verlieren, deren Tyrannei allein in seinem schönen Gesicht begründet war? Wusste er nicht, dass ein tieferer Zauber uns vereinigt hätte? Und mit absichtlichen Stimmungswechseln verbarg er seine natürlichsten Wünsche, etwa den, mir am Morgen zur Begrüßung die Wange zu küssen. Er hatte Angst vor solchen Impulsen, Angst vor der Zärtlichkeit ...

Als er mir zulächelte, empfing ich den Ausdruck, den ich bei ihm sehen wollte, und ich fühlte, wie das Blut aus mir schoss, so als wäre ich im Herzen getroffen.

Schweigend musterten wir uns, kurz und verhalten atmend, das Blut schlug in unseren Schläfen, unseren Armen, unseren Lenden. Ich, ich war wohl auch schön, denn offenen Mundes schaute Gérard mich an.

Welch dunkler Kampf in unseren Körpern, welch andauernder Streit eines jeden gegen sich selbst! Die eine Hälfte von mir war Gérard, die andere stieß ihn zurück. Es war ein Moment der Lust und der Qual. Ich stellte mir vor, wie wir zurückgingen: vor mir Gérard, der den Kopf hängen ließ, voller Wut über einen Nachmittag, an dem es uns nicht gelungen war, unseren Stolz zu besiegen. Weil mein Blut es verlangte, beugte ich mich über das geliebte Gesicht, überwand endlich das heiße Hindernis seines Atems und mit halb geöffneten Lippen spürte ich, wie die seinen sich unter ihnen öffneten. Wir wagten nicht mehr, uns zu rühren, linkisch und fiebernd. Ich hatte sein ganzes kleines Gesicht unter mir, mein Körper verwandelte Gérard in diese zwei fleischigen Lippen, die ich küsste. Oft kamen wir außer Atem und sogen dann dieselbe Luft ein ohne uns voneinander zu trennen. Niemals war mein Herz größer und niemals schien mir das Gefühl des Glücks so nahe am körperlichen Schmerz. So oft hatte er mein Gesicht geküsst, dass es mir aus tausend Mündern zu bestehen schien. Wir waren wie neu geboren, das Vergangene existierte nicht mehr, unsere Freundschaft warf ihre Kriegermaske ab und ganz allmählich legte die Liebe ihre Hand auf unsere wahren Gesichter und machte uns blind. Wie lange blieben wir so, die Lippen aufeinander in einer Vereinigung, in der die geringste Bewegung einer Verletzung gleichgekommen wäre? Ich weiß es nicht, aber es waren Stunden und stets, wenn ich es nicht mehr ertrug und mir vorkam wie in einer anderen Welt, fühlte ich Gérards Zunge aufs Neue die meine suchen. Ich entdeckte seinen Gaumen und er war wie ein Gewölbe, das ich mit so entzücktem Erstaunen erforschte wie Kinder einen Zauberpalast; dann überließ ich ihm meinen Mund und im Feuer des ersten Verlangens rollte ich an seine Seite. Wir umarmten uns mit dem Ungestüm von Gladiatoren, die um ihr Leben kämpfen. Und wieder und wieder kehrte ich zurück zu seinem Mund, als sei dies der einzige Palast, in dem unserer Liebe Verehrung entgegengebracht werden könnte. Gérards Speichel war wie frisches Wasser, doch sein Kuss brachte es zum Kochen. Er flüsterte so leise, dass er es mehrmals wiederholen musste, bis ich ihn verstand: «Du bist schön.» Zur Antwort sagte ihm mein Blick, wie sehr ich ihn verehrte: Das waren unsere einzigen Liebesschwüre.

Alles war gleich geblieben und war doch völlig anders. Der Sommertag war nicht mehr ein Ferientag am Fluss, sondern der erste Tag nach der Erschaffung der Welt. Eine Falle hatte sich über uns geschlossen, doch wir konnten weiterhin gehen, wohin wir wollten.

Zehn Schritte voneinander entfernt zu sein war für uns nun eine schmerzhafte Trennung, denn die erste Regung der Liebe hebt zwar die Zeit auf, die Träume, die Worte, den Aufstand gegen den Geliebten, aber nicht den Raum. Er ist fortan gebieterischer denn je und es bedarf all der Momente des Leidens und des Glücks, deren langsame Prozession die Orte, an denen sie erlebt wurden, all die Wälder, Felder und Flüsse, zu Liebesbanden erhebt.

Wir lösten die Lippen voneinander, um uns in die Augen zu sehen, die Gesichter nur einen Mundbreit voneinander entfernt. Dieser wunderbare Garten, dessen Pforte wir endlich zu passieren gewagt hatten, um die Blumen des Fleischs in ihm zu pflücken, war die Liebe.

Ich legte meine Wange an die Gérards; ich sah die beschattete Seite der Bäume, eine zugleich dunkle und glanzvolle Landschaft. Zwischen zwei Büschen lag vor mir die ganze Ebene der Loire, mit Hainen aus Bäumen so klein wie Insekten, Weizenfeldern, nackter Erde zwischen den Reihen der Weinberge, die Seite an Seite die Ferne eroberten. Der Sommer leuchtete. In den Wäldchen die verlorenen Dörfer – das kurze Aufblitzen eines Fensters verriet sie, bevor das Blaurot der Schieferdächer sich wieder mit dem der Weinberge und Pflaumenbäume vermischte. Es herrschte das Licht der Liebe.

Eine heftige Zärtlichkeit ließ mich meinen ganzen Körper spüren. Gérards Wange an der meinen war heiß. Mit der Handfläche berührte ich die andere, streichelte ihre Konturen. Trotz eines wollüstigen Grübchens weit unten kündigten sie schon seinen Männerkopf an, so als geniere er sich diesem Leben mit einem Jünglingsgesicht entgegenzutreten.

Gérard machte sich los, um sich zu strecken, zog mich an sich und leckte mich mit einer solchen Sanftheit am Ohr, dass mir der Mut sank. Ich schloss die Augen, trug in mir eine ganze Landschaft, die nur wir beide sehen konnten. Das Wasser, das die unwirklichen Bäume spiegelte, schien golden. Im Gegenlicht zeigten das Tal und die Haine ihr trügerisches Bild. Ich lag nicht mehr im Gras, es gab keine Loire, keinen Horizont, keine bläulichen Felder und auch keine Weinberge mehr. Es gab auf der Welt nur noch diesen braunen Jungen, dessen Obstgeruch mich unmerklich überflutete. Das über der Brust geöffnete Hemd, die enge Hose und das zusammengerollte T-Shirt waren die Beweise eines Wunders, an das ich glaubte, und diese gewöhnlichen Kleidungsstücke wurden zu Gerätschaften einer Anbetung, gleichbedeutend mit Lyra, Brustwehr oder Flügelschuh der griechischen Gottheiten. Wir waren in dem Alter, wo Symbole eine direkte Bedeutung für das Leben haben. Ich führte Gérards Hand an meinen Mund, verbarg mein Gesicht in der Handfläche, er spreizte die Finger und drückte mich sanft. Durch ihren Kuss wollten meine Lippen in der Mulde seiner Hand, im Herzen der Glücks- und Lebenslinien ihre eigenen, unvergänglichen Spuren hinterlassen. Ich sprang auf. Gérard umfasste noch halb am Boden meine Knie und drückte seine fleischigen Lippen darauf; er wusste, dass wir gerade den schönsten Tag unseres Sommers erlebt hatten, der nun beinahe zu Ende war, denn die Sonne hatte die Farbe hellen Bluts angenommen und eine große Langsamkeit hatte uns erfasst, weil keine Gebärde, keine Farbe und kein Laut verloren gehen sollte. Doch um uns eilte die Zeit.

Um acht Uhr wurde zu Abend gegessen. Wir hatten alles um uns herum vergessen, zu Hause würde es eine Szene geben.

Es dämmerte nun schon; die geschwungene Linie des Horizonts glitt in den Abendhimmel.

Lustlos begaben wir uns auf den Heimweg. Mechanisch legten wir den Weg zurück und ließen die Schatten zweier Jungen bei ihrem ersten Liebestreffen hinter uns.

Als wir das Tor zum Park aufstießen, stand mein Vater dahinter, und bevor ich noch die Zeit gehabt hätte, mich zu schützen, verpasste er mir auch schon eine Ohrfeige, die meinen Kopf zurückwarf. Dann bekam Gérard sein Teil und wir gingen schweigend über den Rasen. Man erwartete uns seit geraumer Zeit.

Das Haus war hell erleuchtet. Es waren Gäste zu Besuch, und unter den spöttischen Augen einiger braver Gleichaltriger, deren Eltern so taten, als seien wir Luft, stieß uns mein Vater die Treppe hoch und schloss jeden von uns in seinem Zimmer ein. Was immer ihm in die Hände fiel – Schallplatten, Bücher und sogar die Wurfpfeile –, nahm er mit hinaus. Ich versuchte Licht zu machen, doch er hatte die Sicherung herausgedreht. Wie konnte ich mit Gérard Verbindung aufnehmen? Unten amüsierte man sich; ich war hungrig, ein leerer Raum lag zwischen unseren Zimmern. Ich griff mir ein Lexikon und suchte nach dem Eintrag «Morsealphabet», doch ich hätte sehr laut hämmern müssen, um gehört zu werden. Ich probierte die Schlüssel, die ich vor einiger Zeit aus einem Schrank gestohlen hatte: Keines der Dinger passte.

Ich hörte Schritte, es war mein Onkel. Er versuchte väterlich zu klingen: «Was habt ihr heute Nachmittag denn Schönes getrieben?» Es folgten mehr oder weniger liebenswürdige Vermutungen. Ich schwieg.

«Wir verlangen doch wirklich nicht viel von euch. Und du hast mir nichts zu sagen! Gut, wenn es so ist, kommt ihr erst morgen Mittag wieder heraus. Ein wenig zu fasten und zu schweigen wird euch gut tun. Wir gehen jetzt zum Mörderspiel bei den Decazes. Guten Abend, mein Freund.» Beim Verschließen der Tür pfiff er «Im Tower von London lieg ich mit der Filzlaus».

Es musste etwas geschehen. In dem Moment hörte ich ein Kratzen am Fenster. Draußen stand Gérard, dicht an die Hauswand gepresst. Auf dem schmalen Vorsprung, der ums Haus lief, hatte er die ganzen acht Meter zwischen unseren Fenstern zurückgelegt. Er hätte zehnmal ausrutschen und sich tot stürzen können.

Er fiel mir in die Arme: «Mein Vater war bei mir; wir haben Ruhe bis morgen Mittag.» Wir blieben eine Weile mucksmäuschenstill und lauschten. Dann waren die Autos davongefahren und wir konnten wieder das Pochen unserer Herzen vernehmen. Sie rasten: Diese Nacht würde eine Liebesnacht sein.

II

Ich erwachte und schloss, vom Tageslicht geblendet, sofort wieder die Augen. Ich drehte mich und berührte den Körper neben mir. Nun kam mir alles wieder und zärtlich kuschelte ich mich an Gérards Schulter. Er schlief auf dem Bauch, den Kopf mir zugewandt, die Lippen beim Atmen leicht geöffnet, das Haar zerzaust, aufgedeckt bis zur Taille und nur ein Bein unter der roten Bettdecke. Die warme Nacht hatte uns nach und nach entblößt, so dass wir zur Hälfte auf einem zerknitterten Laken lagen und zur Hälfte auf einem wie von Blut gefärbten Tuch, in dem sich Gérards Bein verfangen hatte. Das andere Bein schimmerte matt, wie Messing. Ich konnte die Konturen seines Körpers verfolgen, vom Knöchel bis hinauf an die Achsel, die sein Atem kaum merklich erbeben ließ, und zog sanft an dem Stoff, in den sein Schenkel sich verwickelt hatte, um die Skulptur dieses schlafenden Jünglings vollständig vor Augen zu haben. Es war, als ob Gérard aus dem Purpur emporwuchs, denn auch seine Haut glänzte in dieser blutig dunklen Pracht.

Eine köstliche Müdigkeit lag mir schwer in den Gliedern, vor allem der Nacken tat weh. Wir hatten uns einander hingegeben, bis die erschöpften Kräfte uns wehr- und waffenlos gemacht hatten. In einer einzigen Nacht hatten wir die Geheimnisse der Liebe allesamt entdecken wollen und geleitet hatte die Suche eine so wilde Wut, dass der Morgen die bis zum Rand gefüllten und doch nicht satten Leiber überstrahlte. Die Art, in der sie sich genommen und gegeben hatten, ließ die jungen Liebenden doppelt männlich erscheinen.

Ich legte meine Hand auf seinen Rücken, an die Stelle, wo die Sonne mit einem kleinen flimmernden Mund in das Fleisch biss, denn sie drängte durch alle Schlitze in den Fensterläden herein, sie war neugierig auf die Fortsetzung der Geschichte. Ich war so erschöpft, dass ich wieder einnickte. Gérard rührte sich und das weckte mich schließlich ganz auf. Die Nacht wich aus seinen Augen. Er fühlte dieselbe Erschöpfung wie ich: Sein Nacken und seine Beine waren wie zermalmt. Scheinbar kraftlos lagen wir Seite an Seite, doch im Morgengrauen triumphierte unsere Jugend erneut.

Der Raum war wie belagert vom Licht des Tages, goldene Pfeile bohrten sich in die Wände, den Boden, das Bett, auf dem sie unsere Körper aneinander nagelten und quasi zu einem einzigen verschmolzen, von dem sich einmal sein und dann wieder mein Kopf erhob. Reglos ließen wir die Lust ausklingen. Ich umschlang Gérard und allmählich wurde ein Streicheln daraus. Ich glaubte mich auf Abenteuerfahrt, im Ozean des Himmels, das Bett ein Schiff, und dieser schöne nackte Knabe, der neben mir lag, sollte es zum Kentern bringen. Er wälzte und wälzte sich, seine Hüfte rieb sich an meiner Hand, die gar nicht aufhörte die Sanftheit seiner Haut zu erkunden, die meinem Fleisch widerstand, einer Haut, die zugleich danach rief, genommen zu werden, und mehr als genommen – gebissen, und mehr noch als den Biss den Schlag verlangte, dessen beherrschende Gewalt die stolze Schönheit eines Leibes brechen würde, dem doch selbst die Mittel des Begehrens zu eigen waren: Tastsinn und Blick. Denn das letzte Besitzen, das Eindringen in einen Körper, bestätigt stets nur die Unfähigkeit, dieser andere zu sein. Ich wollte nicht bloß in ihn eindringen, sondern ihn im Geiste verschlingen; auch wenn ich mich seiner bemächtigte, unter seiner Haut war, lebte der Drang nach neuen Zärtlichkeiten unablässig fort. Wir sagten kein Wort, schon seine Schulter zu berühren erregte mich. Tausendmal glitt mein Mund über sein Ohr, tausendmal strich meine Wange über sein Nackenhaar, meine Hand fuhr seinen Rücken hinab, mein Blut stockte, tausendmal berührte ich einen stets anderen Leib. Seine Sinnlichkeit gewann die Oberhand, er griff nach dem Kissen und gab sich hin. Kein Zoll seines Leibs war mir fremd. In Gestalt dieses vor Kraft strotzenden Jungen hatte das Leben meine Zukunft vorbestimmt. Adieu, Gymnasium, wo man mich auf ein Leben wie alle anderen vorbereitete, dieses Kultivieren der Blumen des Erfolgs widerte mich nun an. Ich wollte frei sein, frei, einen Körper wie den meinen zu lieben, und ich baute eine gläserne Festung um unser Leben, wohl wissend, dass die Welt alles daransetzen würde sie zu zerstören. Ich spürte innerlich schon den Rückzug meines Cousins, seine wie Kartenhäuser einstürzenden Lügen, sobald ihn der Vater nur erst an seine Manneswürde erinnert hätte, fühlte schon den Tod, der auf ihn wartete, wenn er auf die Komödie der Erwachsenenwelt zuletzt mit demselben Ernst eingehen würde wie auf die Spiele seiner Jugend.

Ich erinnerte mich an eine der ersten Szenen, als wir wirklich Freunde wurden: Es war in Paris, in Sekunda am Lycée Carnot. Wir waren fünfzehn Jahre alt. Niemand liebte Gérard, er hatte keine Freunde, denn er war zu allen arrogant und schien sich zu langweilen. Man kannte auch seine tierische Gnadenlosigkeit beim Raufen; selbst wenn man die Oberhand hatte, taten die Faustschläge, die man ihm austeilte, so weh wie die, die man empfing. Wenn die Klasse randalierte, war er sich stets zu fein, in den Radau mit einzufallen, er entzog sich der Autorität auf eigene Art, döste beispielsweise unter den Augen der Lehrer, die ihm eine sträfliche Nachsicht entgegenbrachten. Ein einziger hatte ihn sich zur Zielscheibe genommen. Es war der unbeschränkte Herr über unsere Französisch- und Lateinnoten, wir nannten ihn untereinander Ugga Ugga. Es war ein sehr junger Mann mit einem langen, feinen Gesicht, das wir schön fanden, und er war Gérard gegenüber von machiavellischer Ironie, war unerbittlich in Fragen der Syntax, ließ ihn inmitten des drückenden Schweigens aufstehen, um sich über den poetischen Stil seiner Übersetzungen zu mokieren und ihn mit Hilfe von Cicero und Catull fertig zu machen.

Gérard hielt dem nur sein steinernes, schmollendes Gesicht entgegen und erhob stolz das Haupt, wenn das Gelächter der Klasse eine besonders gelungene Spitze honorierte. Er, der dem Lernen so gleichgültig gegenüberstand und den die Lehrer vor versammelter Klasse als ein zwar charmantes, jedoch vor allem beim Pingpong oder Tennis unschlagbares Wesen bezeichneten, er ließ sich in solchen Augenblicken dazu herab, sie mit einer dieser ganz und gar ungewöhnlichen Schularbeiten in Erstaunen zu versetzen, die Übermut und jugendliche Einsamkeit hervorzubringen vermögen. Ugga Ugga, tödlich gekränkt durch eine besonders gelungene Übersetzung des Tacitus, vergab ihm nicht.

Wie alle Fünfzehnjährigen hatten auch wir ein Reich geschaffen, in dem strenge Gesetze herrschten, denen wir uns freiwillig unterwarfen. Wir hatten Verhaltensregeln, Riten, Rechte. Ein geheimer Rat unterdrückte Aufruhr und Ansprüche auf Alleinherrschaft. Zu siebt bildeten wir unseren eigenen kleinen Wohlfahrtsausschuss, dessen Schergen im Hof oder vor der Schule eine Schreckensherrschaft errichteten und von uns ersonnene Strafen an den Hitzköpfen der anderen Klassen vollzogen, was in den Pausen für Ablenkung sorgte und unserem natürlichen Bedürfnis nach Grausamkeit entsprach. Wir übten unsere Willkür in tausend Formen aus: Mal verordneten wir die romantische Mode karierter Westen, mal Spazierstöcke und lange Haare; dann wieder hatte jeder mit einer Frisur wie Kaiser Titus daherzukommen und im Sträflingsjargon zu reden. Am Handgelenk trugen wir silberne Kettchen wie die Soldaten, in die wir bei jeder Großtat unseres Clubs eine Kerbe feilten.

Gérard lebte außerhalb dieser Regeln. Obwohl wir ihm und seiner Unverfrorenheit eine dumpfe Feindschaft entgegenbrachten, beschützte ihn die Tatsache, dass wir miteinander verwandt waren, solange ich als einer der Clanchefs akzeptiert wurde.

Vor Unterrichtsbeginn war der Boulevard Malesherbes unser Heimathafen. Wir kamen in Grüppchen an, und wenn wir den Gehsteig vor dem Gymnasium erreicht hatten, überließ ich Gérard seinem Freischärlertum. Wir organisierten Störaktionen, liefen den Mädchen nach und tauschten Matheergebnisse aus. Nachdem wir einige Tage zuvor einstimmig beschlossen hatten ein Höllenspektakel aufzuführen, wozu uns die Abwesenheit des Direktors sehr gelegen kam, erschienen wir ganz überdreht in der Schule. Nur Gérard hatte keine Ahnung von dem, was bevorstand, oder tat zumindest so, so dass mich die Rädelsführer fragten, als ich zu ihnen kam: «Und dein Herr Cousin, was hat der vor?» – «Nichts!», antwortete ich. «Also gut, dann weih ihn jetzt ein.»

Ich ging zu Gérard, erzählte ihm ohne große Vorrede vom Wecker im Lehrerpult, der Säure in Ugga Uggas Schublade, den Comics, die wir anstatt der verlangten Übersetzung als Hausaufgaben angefertigt hatten, von den Sprechchören mit Versen aus Racines «Esther» und dem Dämonengeheul, das den in unsere Löwengrube geratenen Lehrer erwartete, wenn er die von uns sorgfältig verriegelte Tür würde öffnen wollen.

Gérard zuckte mit den Achseln: «Kompliment!», rief er mir ins Gesicht, «spielt ihr jetzt komische Oper oder was?»

Ich gab zu für die Reime der Chöre verantwortlich zu sein, den Wecker beigebracht zu haben. Seine Miene verfinsterte sich, ich sah ein Drama voraus. Unter dem Spott von Ugga Ugga übersetzte Gérard seinen Text aus dem Stegreif, und dass ihm so bang war während der Lateinstunde, verlieh ihm eine verwirrende Schönheit. Er senkte den Kopf. Ein Junge stieß ihn an: «Du bist ein Streikbrecher, wir haben die Schnauze voll, wir sprechen uns noch und dann wird deine reizende Fresse auch ihr Teil abbekommen!» Damit war der Rubikon überschritten.

Die Unterrichtsstunde begann in einer Atmosphäre eisiger Fiebrigkeit, mehr und mehr gestört von verschiedenen Geräuschen, weshalb der zum Vorlesen Aufgerufene allmählich in die Tonlage eines Wahlkampfredners verfiel. Ugga Ugga wurde nervös und schlug hart mit dem Lineal auf die Kante seines Pults. Wildes Gelächter brandete auf und verstummte wieder. Das geschickt angesägte Lineal war zerbrochen. Ein bleiernes Schweigen drückte uns auf die Schulbänke. Ugga Ugga musterte uns mit dem Blick eines Tierbändigers, der weiß, dass er gefressen werden wird. Da fing der Wecker zu klingeln an und die Stimme eines Gefangenen erhob sich aus raunender Tiefe:

«Weinen und klagen wir, treue Gesellen,

Den bittren Tränen sei nun freier Lauf;

Sosehr wir uns auch mühn, Latein zu bellen –

Es fruchtet nichts, drum geben wir es auf!»

Eine hellere Stimme fuhr fort, das Skandieren im Chor klappte wunderbar. Wir waren dreißig gegen einen. Ugga Ugga hatte Schwierigkeiten, den Affront wegzustecken, und kam erst langsam wieder zu sich. Wir erwarteten, dass er sich erheben und auf den einen oder anderen Sänger zulaufen würde. Auch das war eingeplant, für den Fall, dass er einen erwischte, waren Ersatzmänner vorgesehen. Daraufhin wären wir alle zur Tür gerannt, deren Angeln wir auf ihre Widerstandskraft hin geprüft hatten, denn sie sollte ja bis zum Finale halten. Das Spektakel hatte mit dem Bild eines das Türschloss besiegenden Ugga Ugga zu enden!

ÜBER DEN AUTOR

Eric Jourdan verfasste «Schlimme Engel» im Alter von siebzehn Jahren. Der Adoptivsohn von Julien Green wurde wegen Unverschämtheit und erotischer Eskapaden von mehr als zehn Schulen verwiesen. Sein Werk umfasst Romane, Theaterstücke und Erzählbände. Auf Deutsch ist bisher der erste Teil der Trilogie «Charité», «Révolte» und «Sang» erschienen: «Das Brot der Liebe» (1993). Jourdan lebt in Paris.

Julien Green über Jourdan: «Ein verstörendes Meisterwerk. Es schöpft seine poetische Kraft und Schönheit aus der ergreifenden Menschlichkeit, die immer wieder das Abgründige besiegt.»

IMPRESSUM

Titel der Originalausgabe: Les Mauvais Anges

© La Musardine 2001, Erstausgabe 1955

Ouvrage publié avec le concours du Ministère français chargé de la culture – Centre national du livre.

Die Übersetzung dieses Romans wurde mit Mitteln des Centre National du Livre gefördert.

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet die Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Eric Jourdan: Schlimme Engel. Roman

Aus dem Französischen von JJ Schlegel

© Männerschwarm Verlag, Hamburg 2006

Umschlaggestaltung: Britta Lembke, Hamburg, unter Verwendung der Fotografie «Morgensonne» von Herbert List, mit freundlicher Genehmigung des Herbert List Estate, Hamburg

Ebook-Ausgabe 2011

ISBN 978-3-86300-022-6

ISBN der Buchausgabe

978-3-935596-86-3

Männerschwarm Verlag

Lange Reihe 102 – 20099 Hamburg

www.maennerschwarm.de

INHALT

PIERRE ERZÄHLT

I

II

III

IV

V

VI

GÉRARD ERZÄHLT

I

II

III

IV

V

NACHWORT

I

II

IMPRESSUM

ÜBER DEN AUTOR