Schamanentum - Wolf-Dieter Storl - ebook

Schamanentum ebook

Wolf-Dieter Storl

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Opis

Angefüllt mit Geschichten und Mythen, bietet dieses Buch einen Überblick über die schamanischen Wurzeln unserer Kultur und bringt den Leser in Kontakt mit diesen alten Wegen, die auch heute noch in uns lebendig sein können. Zusammen mit Wolf-Dieter Storl gehen wir den schamanischen Praktiken der indigenen Völker Europas nach. Welche Heilmethoden kannten die Kelten, Germanen und Slaven? Wie gingen Schamanen und Schamaninnen mit den Göttern, Naturgeistern, Krankheitsdämonen und anderen Wesen aus der Anderswelt um? Welche Rolle spielten sakrale heilende Panzen oder totemische Tiere? Wie und warum geht uns das heute etwas an? Ein inspirierender Streifzug durch die Geschichte und eine Botschaft an unsere heutige Welt. Wir sind Natur. Dieses Buch spricht in schillernden Farben davon.

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Wolf-Dieter Storl

im Gespräch mit Dirk Grosser

Schamanentum

Die Wurzeln unserer Spiritualität

 

Wolf-Dieter Storl: Schamanentum –

Umschlag: Björn Gaus

Die Wurzeln unserer Spiritualität

Layout/Satz: Wilfried Klei

© Aurum in J. Kamphausen Verlag &

Coverfotos: Moremi / fotolia,

Distribution GmbH, Bielefeld 2010

Björn Gaus (unteres Foto)

Konzeption & Interview: Dirk Grosser

Druck & Verarbeitung Printausgabe:

Lektorat: Regina Rademächers,

fgb · freiburger graphische Betriebe

Dirk Grosser

Datenkonvertierung E-Book:

[email protected]

Bookwire GmbH

www.weltinnenraum.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diesePublikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internetüber http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN E-Book: 978-3-89901-660-4ISBN Printausgabe: 978-3-89901-365-8

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen undsonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Einleitung

1 Die Anfänge

2 Odin – ein germanischer Schamane?

3 Wer ist ein Schamane?

4 Die Anderswelt

5 Schamanentum & Magie

6 Energie in verschiedenen Formen

7 Naturgeister, Krafttiere, Seelenführer & Ahnen

8 Techniken & Rituale

9 Schamanentum & Heilung

10 Verschiedene moderne Ansätze

11 Ein schamanischer Alltag

12 Die letzte Reise

Schlussbemerkung

Einleitung

Jetzt bin ich leicht,

jetzt fliege ich,

jetzt sehe ich mich unter mir,

jetzt tanzt ein Gott durch mich.

Friedrich Nietzsche, „Also sprach Zarathustra“

In den Wäldern von Ohio hatte ich als Jugendlicher außergewöhnliche Erlebnisse. Nicht nur müssen mir da Tier- und Pflanzengeister durch die Seele getanzt sein, sondern es schien, als ob ich Inspirationen von den ursprünglichen Einwohnern, den Shawnee und den Huronen, bekommen habe. Dass es so gewesen sein müsste, erkannte ich jedoch erst viele Jahre später.

Ich habe die Landschaft der Ortschaft in Ohio, wo wir lebten, im weiten Umkreis durchstöbert. Jeden Wasserlauf, jeden Sumpf, jeden alten Baum kannte ich – die alten Bäume habe ich sogar benannt: Eine Buche hieß Eagle Egg Tree (Adlerei Baum), eine mächtige Ulme Prayer Tree (Gebetsbaum), ein Zuckerahorn mit Blick nach Westen, wo die Sonne untergeht, Pleasant View Tree (Baum der schönen Aussicht), eine amerikanische Roteiche Thor’s Tree (Donars Baum) und so weiter. Ich wusste, wo die Vögel nisteten, kannte die Fische, Schildkröten, Flusslangusten, die Opossums, Waschbären, die putzigen Chipmunks oder Streifenhörnchen, die Skunks (Stinktiere), Stachelschweine, Bisamratten, Woodchucks (Waldmurmeltiere); ich kannte sie besser als die Jäger, Trapper oder die Farmer. Ich trug sie im Bewusstsein. Mit den Mücken schloss ich ein Bündnis, wenn sie mich nicht stechen, würde ich nicht nach ihnen schlagen. Es hat funktioniert, frag mich nicht wie.

In jeder Kultur, in jedem Stamm und jedem Dorf, gibt es immer jemanden, der mit der Landschaft, mit den Pflanzen und Tieren in geistiger Verbindung steht. Meistens sind das Schamanen oder Schamaninnen. Heutzutage sind es oft ältere Leute, die nicht mehr im Arbeitsprozess stehen, oder Kinder. Ohne es zu wissen, befand ich mich damals als Junge in dieser Rolle.

Das menschliche Bewusstsein ist Teil der Erde, Teil der Gaia, genauso wie jede Tierart und jede Pflanzenart so etwas wie ein Organ des Erdorganismus ist. Durch unsere Sinne und unser Bewusstsein ist sich Mutter Erde bewusst. Wir sind die Erde selber, die sich durch uns wahrnimmt. Ich glaube nicht an das moderne, menschenverachtende Schlagwort: „Wir brauchen die Natur; die Natur braucht uns nicht!“ Die Natur braucht alle, Wölfe, Bären, Käfer, Herkulesstauden, kanadische Goldruten, Borreliose-Spirochäten, Adler, Geier – alle, auch den Menschen. Sie alle, alle diese Wesen, machen den Ätherleib, die Seele und das Bewusstsein der Natur aus. Fehlt eines, dann wird die Natur, die Mutter Erde ärmer. Ich würde eher sagen, wir sind Teil des Ganzen, so wie die Blätter am Baum Teil des ganzen Baumes sind.

Vollgesogen mit den Wundern der Natur und neugierig, wollte ich Förster werden und schrieb mich zum Studium an der Ohio State University ein. Nach einem Jahr dort war mir klar, das die Berechnung der Quadratmeter Festholz pro Acre (Flächeneinheit), das Büffeln der Struktur der neu entdeckten DNS-Spiralen und die aufgelösten Pflanzenteile im Reagenzglas mich eher von der Natur entfremdeten, als sie mir näher zu bringen. Der Wechsel zur Anthropology – das ist ganzheitliche Menschenkunde, also Völkerkunde, Urgeschichte, physikalische Anthropologie, Linguistik und Kulturanthropologie in einem – war eine Erleichterung.

Professorin Erika Bourguignon, Spezialistin für psychologische Anthropologie, hielt Vorlesungen zum Thema Schamanentum, altered states of consciousness (ASC; veränderte Bewusstseinszustände), Besessenheitsphänomene, kulturelle Prägung des Bewusstseins, Rituale, Trance-Zustände und ähnliches. Das war aufregend. Sie selber hatte Feldforschungen auf Haiti zum Thema Voodoo gemacht. Jedes ihrer Worte sog ich auf und schrieb sie eifrig mit, so dass es der Professorin fast unheimlich vorkam. Sie nahm mich unter ihre Fittiche, sie sprach auch deutsch, da sie ursprünglich aus Wien kam. 1938 hatte sie auf abenteuerlichen Wegen die Donaustadt verlassen und war nach Amerika emigriert. Professor Bourguignon leitete zur Zeit, als ich mein Studium anfing, auch ein Projekt zur wissenschaftlichen Erfassung von außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen, wie Trance, Halluzinationen, luzide Träume, schamanischer Flug, Telepathie. Das Projekt wurde von der nationalen Gesundheitsbehörde (National Institute of Mental Health) gesponsert – wie es hieß, mit ungefähr einer Million Dollar. Die Behörden wollten wissen, was es mit ASC-Zuständen auf sich hat. Sie wollten wissen, wie weit das in unterschiedlichen menschlichen Gesellschaften verbreitet war, ob es sich um Psychopathologie oder um etwas „Reales“ handle. Die Frage galt zu beantworten, ob Schamanen wirklich besondere Fähigkeiten haben oder ob sie Betrüger, Gaukler, oder gar gesellschaftlich sanktionierte Geisteskranke, Schizophrene, Hysteriker oder Epileptiker sind. Gibt es Geister oder Seelenflüge oder ist das nur Einbildung? Vorläufer derartiger Projekte gab es ja schon in den 50er Jahren. Berüchtigt war das MK-Ultra Projekt des Geheimdienstes, wo es um die Möglichkeit der Bewusstseinskontrolle ging, der Vorhersage und Steuerung des menschlichen Verhaltens mittels verschiedener Drogen, darunter Nachtschatten-Tropanalkaloide (Wahrheitsdrogen, Zombiedrogen), LSD und Meskalin. Die Sowjets führten zur selben Zeit ähnliche Programme durch. Dieses Projekt an der Ohio State University war sozusagen die Weitererkundung dieser Bereiche mittels vergleichender Ethnogaphie.

Auf persönlicher Ebene unternahm ich als Student eigene Erkundungen mit verschiedenen Bewusstseinszuständen. Es fing an, als ein Freund, der in Harvard als student assistant im psychologischen Labor eines Professors namens Timothy Leary tätig war, mir und meinem Freund Terrance Kearns ein seltsames Pülverchen schickte, das uns, als wir es einnahmen, in unbekannte psychische Dimensionen katapultierte. Erst später erfuhren wir, dass es Lysergsäurediäthylamid aus dem Labor von Albert Hofmann war. Die Dosis muss eine ziemlich hohe gewesen sein, denn das Bewusstsein durchbrach die alltäglichen Grenzen, wir kommunizierten rein telepathisch und erfuhren die verschiedenen Bewusstseinsstufen, bis hin in das Transzendentale. Auf einmal verstand ich klarer, was die neun Äste des Schamanenbaums bedeuteten, oder die Jakobsleiter, auf der die Engel auf- und absteigen. Das erweckte unsere Neugierde. Wir ließen uns noch einmal diese mysteriöse Substanz schicken. Terrance und ich wurden zu echten Psychonauten. Wir durchforsteten ethnobotanische Texte jeglicher Art und fingen an, alles zu probieren, was wohlmöglich die Fenster der Seele öffnen könnte: die Samen der Trichterwinde, die man in Samenhandlungen kaufen konnte und die von den Priestern der Azteken einst als Ololiuqui zum Hellsehen und als Kommunikationsmittel mit den Göttern benutzt wurden; von der indianischen Native American Indian Church, denen die Kommunikation mit dem Großen Geist mittels Peyote erlaubt ist, erhielten wir den heiligen Kaktus; von der Apotheke holten wir Asthma-Zigaretten, die mit Bilsenkraut versetzt waren; und beim Pastor der schwarzen Church of Christ’s glorious Resurrection im afroamerikanischen Ghetto gab’s immer weed. Auch mit Äther aus dem Chemie-Labor, Pilzen und sogar dem Insektengift Chloroform experimentierten wir. Unsere Erkundungen waren kein bloßes Auf-Trip-Gehen, kein sich Zudröhnen oder blödes Konsumieren, sondern ein Ausloten der psychischen Tiefen. Das Werk von Carl Gustav Jung und religiöse Texte aus verschiedenen Kulturkreisen halfen uns vieles besser zu verstehen. Da wir beide christlich geprägt waren, begannen wir unsere Forschungsreisen immer mit einer kleinen Zeremonie. Wir zündeten eine Kerze an und beteten zum Heiland, auf dass wir gut und sicher geführt würden. Das hatten wir nicht irgendwo gelesen, sondern der Gedanke das zu tun, kam spontan zu uns.

Es war nicht leicht und manchmal eher erschreckend, was sich einem da im Innenraum der Um- und Mitwelt zeigte. Es gab ja noch keine psychedelische Kultur, mit „Reiseführern“ und psychedelischer Musik, die einen einstimmen konnte. Es war eine seriöse Suche nach spirituellen Urgründen, ein Versuch Selbsterkenntnis zu erlangen, in einer Zivilisation, die – außer in dem Kriegseinsatz in Vietnam – kaum mehr Initiationsrituale kannte. Als sich dann kurz darauf die Hippiebewegung entwickelte und als Drogen und die Love and Peace-Bewegung zum Massenphänomen wurden, da hatten wir unsere Erfahrungen hinter uns. Wir hatten Türen geöffnet und hineingeschaut, sind aber nicht an diesen Dingen hängengeblieben. Es ist nicht ein Weg, den ich anderen raten würde zu gehen.

Im selben Jahr, als ich mit dem Studium anfing, begann auch Felicitas Goodman ihr Ethnologiestudium an der Ohio State University. Sie war älter als wir anderen Studenten und hatte schon ein Familienleben hinter sich. Felicitas war Ungarndeutsche, deren Familie aus Siebenbürgen vertrieben wurde. Sie sprach neben Deutsch auch Ungarisch, Rumänisch und einige südslawische Sprachen. Das machte sie wertvoll für diese kulturvergleichende Studie – 488 Gesellschaften wurden untersucht –, denn sie konnte die osteuropäische ethnologische Literatur übersetzen. Nach dem Studium bei Erika Bourguignon wurde sie Professorin für Kulturanthropologie und führte ihre wissenschaftlichen Studien der ASC-Zustände fort. Mit Hilfe von EEGs machte sie Messungen der Hirnströme von Menschen in Trance-Ekstasen, untersuchte das Blut und Hirn nach Epinephrinen, Norepinephrinen, und Beta-Endorphinen, analysierte Tonmuster beim Zungenreden (Glossolalie) und erstellte eine Typologie ritueller Körperhaltungen. Nach ihrer Pension kaufte sich Felicitas eine Kiva, einen verlassenen unterirdischen Kultraum der Pueblo-Indianer, in der Nähe von Santa Fe in New Mexico. Das wurde dann das Cuyamungue-Zentrum für weitere schamanische Studien.

Mit Felicitas hatte ich hin und wieder sporadischen Kontakt. Jedes Mal sah sie mehr aus wie eine Indianerfrau. Als hätte sich der Geist des Kivas ihrer bemächtigt. Als ich ihr das letzte Mal 1996 in Heidelberg beim Kongress des ECBS1 begegnete, leitete sie eine Trance-Meditation, rasselte mit ihrer Rassel und fütterte diese sogar mit Maismehl. Die Indianergeister hatten sie voll im Griff.

Als ich mit dem Grundstudium fertig war, wurde ich zum Assistent für Soziologie und Anthropologie an die Kent State University in Nord-Ohio berufen. Neben meinen Aufgaben im Institut ging ich noch einer Feldforschung nach. Ich lebte in einer Spiritualisten-Siedlung, die sich abgelegen in einem Eichenwald befand. Das waren keine normalen Spiritisten aus bürgerlichen Kreisen, die sich in mit rotem Samt tapezierten Salons trafen und sich mit Tischrücken, Quijaboards, automatischem Schreiben und Klopfphänomenen befassten. Das hier war eine Siedlung kleiner Holzhäuser, samt Versammlungssaal und Kultgebäude, die schon seit dem Ende des Bürgerkriegs im 19. Jahrhundert bestand und deren Bewohner meistens freischaffende Handwerker waren. Diese Spiritualistengruppe hielt fast täglich Séancen, in denen sie die Geister verstorbener Verwandter beschworen. Sie ließen sich in allen Lebenslagen, bei Gesundheitsproblemen und allen wichtigen Entscheidungen, von den Geistern im „Sommerland“ beraten. Die Medien kannten verschiedene Techniken und Methoden, um mit den Geistern in Kontakt zu treten. Eine Orgel, oder, wenn die Séance in einem der Häuser stattfand, ein Schallplattenspieler spielte dabei einlullende Hintergrundmusik – Musik, wie man sie in Zahnarztkliniken oder Supermärkten hört. Bei den Treffen wartete man so lange, bis die „Schwingungen“ richtig und die Geister angekommen waren. Oft verbanden sich die Medien ihre Augen, nahmen einen Gegenstand, der einem der Toten gehört hatte, in die Hände und lasen daraus die „Vibrationen“, die davon ausgingen. Manchmal sprach der Geist durch das Medium in seiner eigenen Stimme. Männer sowie Frauen waren als Medien tätig. Sie hatten alle ihre Hilfsgeister – oft waren das verstorbene Indianer –, die sie, als weise Pfadfinder, durch die jenseitige Geisterwelt führten. Sie hatten auch „Kontrollgeister“, die sie während der Trance davor beschützten, dass keine unguten Geister sich ihrer Körper bemächtigten. Es gab offensichtliche Rivalitäten zwischen den Medien, die manchmal in Dunkelséancen fast zu Handgreiflichkeiten führten. Aus dem Nichts „materialisierte“ Gegenstände flogen da durch die Luft, und kreischende Stimmen waren zu hören. Meine damalige Lebensgefährtin und ich lebten uns gut in der Gemeinschaft ein und nahmen an allen Aktivitäten teil. Nach einigen Monaten durfte ich sogar eine Schulung zum Medium mitmachen, lernte dissoziieren, Hintergründe wahrzunehmen und die Aufmerksamkeit auf die Peripherie, auf die Zwischenräume zwischen den festgesetzten kulturellen Mustern zu lenken. Als Medium habe ich mich jedoch nie betätigt.

Immer wieder berichtete ich in unserem Institut von meinen Feldforschungen. Die Kollegen in der Fakultät nahmen es mit Interesse auf, waren zugleich aber besorgt, dass es mir wohlmöglich an Objektivität mangele und ich an diese Dinge glaubte. Ihr Bedenken rührte daher, dass ich die Daten nicht gleich in ein psychologisches oder soziologisches Erklärungsmodell unterbrachte. „Keine Sorge,“ versicherte ich ihnen, „ich führe eine teilnehmende Beobachtung (participant observation) im klassischen Sinn durch. Ich versuche die Spiritualisten von ihrem Standpunkt aus zu verstehen, von innen her sozusagen, und sie nicht gleich in eine methodologische Zwangsjacke zu pressen.“

Das Thema der „anderen Wirklichkeit“, des Schamanismus, der Magie, der Bewusstseinsveränderung und des Übersinnlichen war Mitte der 60er Jahre in. Auch in den Sozialwissenschaften. Man versuchte diese Phänomene im Rahmen ihres soziokulturellen Kontextes zu verstehen. Gegen Ende meiner Feldforschung bei den Geisterbeschwörern erschien Carlos Castanedas Buch, „Die Lehren des Don Juan“ (The Teachings of Don Juan). Das Buch, angeblich Resultat einer Feldforschung des jungen Anthropologen bei dem indianischen Brujo (Zauberer) Don Juan, gab Anstoß für rege Diskussionen in der Welt der Kulturanthropologen. Auch war der Strukturalismus von Claude Lévi-Strauss Mode. Lévi-Strauss beschäftigte sich mit den Grundmustern, den Strukturen, die dem kulturellen Verhalten – den Mythen, den Regeln des Essens und Kochens, der Sprache, den Verwandschaftsverhältnissen – zugrunde liegen. Mit diesen Themen habe ich mich intensiv befasst, schon deswegen, weil es zu den inoffiziellen Aufgaben eines Assistenten gehörte, Werke zu lesen, die als wichtig gelten, aber für die die Professoren wenig Zeit zur Verfügung haben. „Eine Strukturanalyse einer Spiritualisten-Siedlung“ (1967) wurde dann auch Thema meiner Magisterarbeit. Kurz darauf wurde ich zum vollamtlichen Dozenten für Soziologie und Anthropologie berufen. Schamanismus war eines der wichtigsten Vorlesungsthemen. Gelegentlich zog ich mit Studenten in die Natur, wo wir schamanische Feldversuche mit Ritualen und Trance-Meditationen vornahmen.

Im Dezember 1970 kam ich nach Wien als post-graduate student, um mal – schnell und nebenbei – meinen Doktor zu machen. Schnell und nebenbei, weil ich davon überzeugt war, dass wir in Amerika in Sachen Anthropologie viel weiter und fortschrittlicher waren als die Europäer. Am Institut für Völkerkunde kam mir, die Hand zum Handkuss empor gehalten, die Gräfin von Hohenwart, Sekretärin des Instituts, entgegengeschwebt. In ihrem geräumigen Büro bewirtete sie mich mit türkischem Kaffee und stellte mich den ihr ergebenen Professoren vor, darunter Prof. Engelbert Stiglmayr.

„So, wie ich höre, sind Sie Schamanismusexperte,“ sprach er mich an, „was halten sie von Hans Findeisens These, dass Schamanismus eine spiritistische Religion ist?“

Selbstverständlich kannte ich Hans Findeisens klassisches Werk zum Thema Schamanentum, seine hervorragenden Feldforschungen bei den Keten und Burjaten in Mittelsibirien.

„ … Ähm, …ahm, ja, …“, stotterte ich, und merkte, dass ich seine Fragen zwar verstand, mich aber noch nie im Leben über diese Sachverhalte in deutscher Sprache unterhalten hatte. Und während ich nach den richtigen deutschen Begriffen suchte – heutzutage würde man ganz einfach frech und unverlegen auf Englisch antworten –, da machte ich einen recht dummen Eindruck. Später erkannte ich, dass das gar nicht so schlimm war. Die neuen Kollegen konnten sich entspannen, ich war für sie keine Bedrohung, kein möglicher Rivale.

Der Schatten der „Wiener Schule der Ethnologie“ war an dem Institut weitgehend verblasst und es herrschte ein Geist der akademischen Freiheit, den ich so aus Amerika nicht kannte. Pater Wilhelm Schmidt, dem Übervater der längst überwundenen Wiener Schule, hatte es daran gelegen, zu zeigen, dass sich in der Religion der einfachen Jäger- und Sammlervölker noch ein Urmonotheismus, hervorgegangen aus einer göttlichen Uroffenbarung, nachweisen ließ und dass der Katholizismus als einzige Religion dieser Uroffenbarung treu geblieben war. Das war natürlich Ideologie. Was aber blieb, war der Zugang zu der Fülle von Berichten und ethnographischen Aufzeichnungen, die die Jesuiten und Missionare über mehrere Jahrhunderte gemacht hatten.

Am liebsten hätte ich eine Dissertation über die kleinen Kräuterläden auf dem Wiener Naschmarkt geschrieben. Die Betreiber waren damals noch so etwas wie die Doktoren und Gesundheitsratgeber für das einfache Volk. Über die verwendeten Kräuterdrogen, über die „Dürrkräutler“, die diese Läden mit Kräutern versorgten und von dem Bild von Krankheit und Gesundheit, das sie sich machten, wollte ich forschen.

Es wurde mir verwehrt. „Ach hör’n Sie, Herr Magister Storl, das gehört doch nicht in die Völkerkunde, eher in die Volkskunde. Die Ethnologie befasst sich mit Fremdethnien.“ Dass die Kultur des Wiener Naschmarkts für mich als Amerikaner „fremdethnisch“ war, schien ihnen nicht klar zu sein. Mit der Volkskunde – ein Fachgebiet, das in Amerika damals stark vernachlässigt war – machte ich mich auch vertraut. Die Vorlesungen des Volkskundlers Richard Wolfram über indigenes mitteleuropäisches Brauchtum, waren hochinteressant, da er viele der heidnischen und schamanischen Wurzeln dieser Kultur nachweisen konnte.

Ich wechselte zur Universität Bern. Bei der Suche nach einem geeigneten Forschungsthema stieß ich auf eine nahezu autarke anthroposophische Gemeinschaft im Rhonetal südlich von Genf. Dort wurden geistig behinderte Menschen als „Brüder und Schwestern“ aufgenommen und Werkstätten sowie ein Hof und Garten mit biologisch-dynamischer Landwirtschaft betrieben. Als Gärtner getarnt, fing ich die Feldforschung in dieser Kommune an. Aber anstatt Daten zu ermitteln, verzauberte mich der Garten und die Lebensweise von Tag zu Tag mehr. Das Wunder der lebendigen Natur, das ich so lange vernachlässigt hatte, nahm mich wieder in Besitz. Indem ich barfuss lief, mir Bart und Haare wachsen ließ, Kühe molk, und mich von morgens bis abends mit den Pflanzen beschäftigte, verblasste zunehmend meine Interesse an dem Treiben des Ethnologie-Instituts. Beim Rühren der biodynamischen Zauberpräparate, beim endlosen Hacken der Beete – was im gewissen Sinne dem monotonen Trommeln oder Chanten des Schamanen gleicht – stellte sich eine gewisse Naturhellsichtigkeit ein. Ohne zu fantasieren oder es sich einzubilden, nahm man Dinge wahr, die außerhalb des geläufigen wissenschaftlichen Paradigmas liegen. Wenn Vollmond war, feierten wir Gärtner ganz spontan wilde Feste auf freier Flur, und ich merkte, wie die Geister durch und in uns tanzten, und wie eine Gottheit im Wind dahergerauscht kam und uns inspirierte. Oder wie am Abend, müde von der harten körperlichen Arbeit, der Geist, zwischen Wachen und Träumen schwebend, wahrnehmen konnte, welche ätherisch-seelischen Wesenheiten uns in dem Garten und auf dem Hof begleiteten. Auch das Einstimmen auf die Sicht- und Seinsweise der geistig Behinderten, der Autisten, der Menschen mit Down-Syndrom, Epileptiker und Schizophrenen öffnete neue Dimensionen. Zu all dem kam noch die Lehre des Mystikers und Sehers Rudolf Steiner, auf die sich die Gemeinschaft berief. Nicht nur wurde da ein anderes Paradigma geboten, das sich von dem materialistisch-positivistischem stark unterschied, sondern auch eine neue Sprache. Das steinersche Vokabular schenkte mir Worte und Begriffe, die besser zu meinen Erfahrungen passten als die geläufigen soziologischen und psychologischen Begriffe. Aber davon habe ich schon an anderen Stellen geschrieben.2 Schließlich, nachdem gut zwei Jahre vergangen waren, ließ mein Doktorvater Prof. Walter Dostal nach mir suchen und köderte mich mit einem Fulbright Stipendium zurück in die heiligen Hallen der akademischen Welt. Mit einer Dissertation unter dem Titel Shamanism among Americans of European Origin promovierte ich 1974 magna cum laude zum Doktor der Ethnologie an der Universität Bern. Das Thema der Doktorarbeit war ein Vergleich spiritualistischer Geisterbeschwörungen mit den schamanischen Praktiken der Irokesen und Algonquin, die einst in der Region südlich des Eriesees lebten und die mit den frühen Spiritualisten Kontakt hatten.

In den folgenden Jahren unterrichtete ich Anthropologie an verschiedenen Colleges und Universitäten, und verbrachte viel Zeit in Indien, Nepal und anderen südostasiatischen Ländern, im europäischen Alpenraum und in Nordamerika, bei Indianern wie den Klamath in Oregon und vor allem den Cheyenne in Montana. In Asien wie in Nordamerika kam ich dann mit Schamanen und schamanischen Bräuchen immer wieder in Kontakt. Aber auch das habe ich zu genüge anderswo beschrieben.

Mitte der 80er Jahre unterrichtete ich am Sheridan College in Wyoming. Die Vorlesungen zum Thema Medical Anthropology (Ethnomedizin) waren besonders beliebt und die Studenten fragen mich, ob ich ihnen die Vorlesungsnotizen zugänglich machen könnte. Ich habe sie sorgfältig aufgeschrieben und zugleich als Buchmanuskript zusammengefasst. Das Buch, Wortcunners and Wise Women, sollte an der University of California Press in Berkeley erscheinen. Ein Kollegium von Fachexperten begutachtete das Manuskript. Es wurde abgelehnt, mit folgender Begründung (Auszug aus einem Brief vom 26.9.85): „Das Buch enthält eine Fülle interessanter Daten. Problematisch ist jedoch, dass ein zeitgenössischer Gelehrter wie Sie die These aufstellt, dass ein analphabetischer Schamane eventuell mehr Wissen besitzt, als ein gut ausgebildeter Akademiker.“ Das hat anscheinend ihr Akademiker-Ego hart getroffen. Auch, dass ich die Möglichkeit von kosmischen Einflüssen auf Pflanzenwachstum oder von feinstofflichen Energien ernst nehme, und nicht als historisch längst überwundenen Aberglauben darstelle, war für den Ausschuss problematisch. Wenn ich diese wissenschaftlich unbewiesenen Themen aus dem Text entfernen würde, schrieben sie mir, dann hätte das Manuskript eine bessere Chance veröffentlicht zu werden. Für mich zeigte sich da wieder mal die Enge des offiziellen Wissensparadigmas. Diese Enge, dieser positivistische Reduktionismus, war auch der Grund, dass ich mich allmählich immer mehr von dem akademischen Betrieb entfernte. Kurz darauf habe ich das Manuskript ins Deutsche übersetzt und das Buch ist nun im Aurum Verlag unter dem Titel „Von Heilkräutern und Pflanzengottheiten“ erhältlich.

In Indien lebte ich mit meiner Frau einige Monate in einem kleinen Dorf am Gangesufer, in einem Häuschen unter einem riesigen alten Pipal-Baum, in dem die Königsgeier nisteten. Da ergriff mich eines Tages Hara3 und nahm mich mit auf eine Reise in die jenseitige Welt, nahm mich auseinander und setzte mich wieder zusammen. Von außen betrachtet war ich sterbenskrank und wurde von meiner Frau gepflegt. Nach sechs Wochen kam ich wieder zurück in meinen Körper. Seither schneide ich weder Bart noch Haare und gelobte, von nun an der inneren Stimme zu folgen, und nicht mehr meinem berechnenden Ego (was mir auch ab und zu gelingt). Und diese innere Stimme sagte, gehe zurück nach Europa, nach Deutschland. Wäre ich meinem Ego gefolgt, dann wäre ich sicherlich wieder nach Amerika gegangen und hätte weiter meine Universitätskarriere verfolgt. Aber ich hörte eher auf die Stimme des Herzens und diese führte zuletzt auf einen Berg im Allgäu. Ein uraltes Haus, das mal Teil eines Benediktiner-Klosters war, wartete dort auf uns. Dort fingen wir an, unbekannt und ohne Einkommen. Wir schliefen auf Stroh, zimmerten unsere Möbel aus altem Holz selber, aßen Wildpflanzen und was der mit viel Mühe angelegte Garten hergab. Eine Zeit der Entbehrung, eine Zeit der Prüfung. Wir lebten ganz im Geist der Benediktiner: Ora et labora, „bete und arbeite“. Die innere Stimme, die mich führte, ließ keinen Zweifel daran: Schreiben sollte ich und mich mit den Pflanzen verbinden. Das habe ich getan … und gegärtnert, Brennholz für die langen Winter aus dem Wald geholt und über mehrere Jahre das Jungvieh gehütet, das den Sommer über auf die Alpweide kommt.

Und dann eines Tages, zwölf Jahre später, erschien ein Reporter vom Geo-Magazin mit einem Fotographen. Sie machten eine Reportage über den „Schamanen aus dem Allgäu.“ Plötzlich befand ich mich im Licht der Öffentlichkeit, die Bücher verkauften sich viel besser und die Kräuterwanderungen, von denen wir lebten, wurden gut besucht. Ich wurde als Schamane gehandelt. Ich sehe mich aber nicht als Schamane, obwohl mir, als Ethnologe, das Phänomen nicht fremd ist. Ein Schamane ist eingebunden in die Gesellschaft, rasselt oder trommelt sich in Trance-Zustände und tritt als Heiler auf. Ich bin lediglich Schriftsteller, Pflanzenfreund und eine Art Christopherus, der am Rande Midgards steht und den Weg über den Strom weist.

2 Siehe, Storl, Wolf-Dieter, Ich bin ein Teil des Waldes. Stuttgart: Kosmos, 2003 (als Taschenbuch bei Heyne, München, 2008) und Der Kosmos im Garten. Aarau, Schweiz: AT-Verlag, 2008.

3Hara ist ein Beiname des indischen Gottes Shiva und bedeutet „Der Ergreifer“.

Kapitel 1:

Die Anfänge

Du hast einmal gesagt, dass man den Schamanismus als Ur-Religion bezeichnen kann. Kannst du näher erläutern, was du damit meinst?

Den größten Teil unseres Daseins auf der Erde haben wir Menschen als Jäger und Sammler verbracht. Man könnte sagen, 99 Prozent der Zeit, in der man vom Menschen sprechen kann, waren wir umherstreifende Jäger und Sammler. Und wenn man die heutigen Naturvölker sieht, dann hat man auch dort das, was wir heute als Schamanentum bezeichnen – es gibt Techniken das Bewusstsein zu verändern und zu erweitern, mit Trommeln, Räuchereien, Tanz. Und es gibt Vorstellungen, wie zum Beispiel der Gedanke, dass es sprechende Geister, sprechende Tierwesen gibt. Die Tiere werden „gefragt“, ehe sie gejagt werden. Sie werden für uns freigegeben von der Mutter oder dem Herren der Tiere.

In allen diesen Kulturen gibt es so etwas wie einen Weltenbaum oder einen Berg, der die verschiedenen Stufen des Seins darstellt. Es gibt hier nicht nur die materielle, alltägliche Eben, sondern man teilt die Welt in Mittelwelt (wo die Menschen und Tiere leben), Unterwelt und Oberwelt auf.

Das darf man aber nicht christlich verstehen als gute und böse Welten, sondern einfach als verschiedene Ebenen. In den meisten indigenen Kulturen ist die Welt dreigeteilt. Bei unseren Vorfahren, den germanischen Stämmen, ist diese Dreiteilung vervielfältigt – es gibt neun Welten, dreimal drei.

Schamanen gibt es, seit es Menschen gibt. Man findet uralte Darstellungen von Schamanen in den Höhlenmalereien.

Es gibt in der Höhle von Lascaux ein Bild, wo ein mit Speer verwundeter Bison oder Büffel zu sehen ist, ein Mann mit einem Vogelschnabel liegt auf dem Boden und ein Vogel sitzt auf der Stange. Diese Darstellung wurde oft als Jagdunfall gedeutet, ist aber höchstwahrscheinlich ein Schamane in Trance. Er liegt in Trance und seine Seele wird als Vogel oder geflügelte Gestalt dargestellt.

Insgesamt sind bislang 55 eiszeitliche Darstellungen von in Fellen gekleideter Menschen, oft in Tanzpose, in verschiedenen Höhlen entdeckt worden. Darunter, in der Höhle von Trois Frères, ein Tänzer im Bisongewand, der auf der Flöte spielt; und, am selben Ort, der große Zauberer: Hirschkopf mit Geweih, Eulengesicht, Wolfsohren, Gämsenbart, Arme wie Bärentatzen, langer Pferdeschweif, menschliche Genitalien und ebenfalls in menschlicher Tanzposition dargestellt. All dies deutet daraufhin, dass die Menschen der Steinzeit mit den Tiergeistern kommunizierten, also schamanisch tätig waren.

Das Schamanentum könnte man als paläolithische Geistesschau bezeichnen.

Ich vermute, dass man auch Rückschlüsse von den schamanischen Praktiken heutiger Jäger und Sammler auf unsere Vergangenheit ziehen kann, oder?

Selbstverständlich. Tiertänze gab es noch bis zur heutigen Zeit in den Jäger und Sammler Kulturen. Es handelt sich um Trance-Tänze, die dazu dienen, sich in Einklang mit den Tieren zu versetzen. Die Tänzer malen sich an, hüllen sich in Felle, ahmen Tierlaute und Tierbewegungen nach. Sie werden zu Tieren, und treten in unmittelbaren Kontakt mit dem Tier-Archetypus. Das ist etwas ganz anderes als die distanzierte, objektive, experimentale Beobachtung, die die Verhaltensforschung anstellt. Es ist ein Sich-in-das-Tierwesen-Hineinversetzen, ein Sich-verzaubern-Lassen, ein Hineintauchen und Einswerden mit dem Geist der Tierart. Bei den Indianern, den Cheyenne oder den Absaraki, den Krähenindianern, lockt der Antilopenschamane so die Gabelböcke oder der Büffelschamane die Bisons. Nach der Jagd ist es wichtig, dass die Tiere versöhnt werden. Ihre Geister werden freigesetzt; ihr erlegter Körper muss mit gebührender Sorgfalt behandelt werden.

Es ähnelt dem schamanischen Heilen: Auch hier bleibt der Schamane nicht bei der äußeren empirischen Betrachtung stehen, sondern er geht mit dem Kranken in Resonanz, er fühlt sich hinein, macht den Krankheitsherd, den Zauberpfeil oder den „Wurm“ ausfindig und zieht ihn dann, dank seiner magischen Kraft und Kunst heraus. Auch der Krankheitsgeist, der Wurm muss gebührend behandelt und entsorgt werden.

Du sprichst von Schamanentum, nicht von Schamanismus. Warum?

Das mache ich ganz bewusst, denn es ist ja keine politischideologische Richtung, wie Sozialismus, Faschismus oder Darwinismus – man sagt auch nicht Bauerismus, Königismus, sondern Bauerntum, Königtum oder Hirtentum. Schamanentum ist somit sprachlich korrekt.

Es geht also nicht darum, diese Begriffe sachlich voneinander zu unterscheiden oder zu zeigen, dass so etwas wie Schamanentum auch in einen „-ismus“ abgleiten kann?

Das ist ein guter Gedanke. Heutzutage gibt es wahrscheinlich sehr viel Schamanismus, aber wenig richtiges Schamanentum.

Also Schamanismus als Hobby und Ersatzreligion im Gegensatz zum Schamanentum als spiritueller Verbundenheit mit der Welt?

Die gegenwärtige Schamanismusmode, ähnlich der Guru-Welle vor 30 Jahren oder der Engelwelle, spiegelt eigentlich unsere spirituelle Not, unsere seelische Leere. Das hat natürlich kulturhistorische Wurzeln. Der Monotheismus hat die bunte Götter- und Geisterwelt gebannt, die Inquisition hat versucht, das letzte schamanische Bewusstsein zu löschen, die Aufklärung hat tabula rasa gemacht, den großen Putz, und was uns geblieben ist, ist eine graue, mechanistische Welt der unpersönlichen Naturgesetze, der Materie und Energie, der Abstraktion. Aber die menschliche Seele kann schwer damit leben, sie braucht bunte Bilder – und wahre Bilder, nicht nur Fantasie-Kitsch. Sie friert in einer entseelten Welt. Deshalb spricht der Schamanismus besonders die entwurzelten, entfremdeten Zeitgenossen an. Leider ist vieles, was auf dem Schamanismus-Markt angeboten wird, eher seelisches Junk-Food.

Du hast gesagt, dass die urzeitlichen Jäger und Sammler die Tiere „gefragt“ haben. Kann man sagen, dass im Schamanentum ein größerer Respekt vor der Natur vorhanden ist?

Das gilt nicht nur für die Schamanen, sondern überhaupt für die naturnahen Völker. Wer zum großen Teil draußen lebt, der hat einen größeren Respekt vor der Natur – und wie mir ein alter Indianer mal sagte: „Wir sind alle Kinder des Himmels und der Erde.“

Deswegen sind die Tiere auch unsere Brüder und Schwestern. Der Gedanke, dass der Mensch höher steht als die Tiere, kommt aus einer Kultur, in der es eine hierarchische oder stratifizierte Gesellschaft gibt. Der Schamane oder Naturmensch ist mit den Tieren so sehr verbunden, dass er gegebenenfalls die Welt durch ihre Augen sieht und durch ihre Sinne erfühlt. Er weiß, dass es viele unterschiedliche Möglichkeiten des Bewusstseins gibt, viele Arten und Weisen die Welt zu erleben. Und jede ist kostbar und unersetzbar. Wenn diese Bewusstseinsformen nicht da wären, wäre die Welt viel ärmer. Deswegen sagte der Häuptling Seattle vom Stamm der Squamish: „Was ist der Mensch ohne Wildtiere? Wenn die wilden Tiere alle verschwunden sind, dann wird die Seele an Einsamkeit zugrunde gehen.“

Tiere waren oder sind für die Jäger und Sammler gleichwertige Wesen. „Fragt“ man sie nicht, dann gilt das Töten der Tiere als Mord oder Raub. Der Schamane oder die Gruppe fragt den Herren oder die Mutter der Tiere, ob diese ein Tier schicken, das sie jagen dürfen. Der Schamane hat daraufhin eine Eingebung, er hört eine Stimme oder hat eine Vision, wo die Tiere zu finden sind. Das erlegte Tier ist ein Geschenk und es wird dankbar angenommen. Manchmal hinterlässt man auch einen Teil des Tieres, zum Beispiel die Leber, als Dank und Opfergabe.