Sarahs Töchter - Elana Dykewomon - ebook

Sarahs Töchter ebook

Elana Dykewomon

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Opis

Nach einem Pogrom im zaristischen Russland emigriert die junge Chawa, Tochter eines Rabbi, nach New York. Dort begegnet sie Gutke wieder, der Hebamme aus der alten Heimat, die ihr viele Jahre zuvor auf die Welt geholfen hat. Gutke lebt mit der erfolgreichen Bankerin Dovida zusammen, die als Mann durchs Leben geht und entsprechende Freiheiten genießt. Chawa baut sich eine neue Existenz auf. Sie findet Arbeit in einer Buchbinderei. Und verliebt sich in die stille Näherin Rose, die ihre Gefühle erwidert. In der Neuen Welt sind die Einwanderinnen vor Verfolgung sicher, doch auch dort sind die Straßen nicht mit Gold gepflastert ... »Sarahs Töchter« ist ein berührender Roman, der auf faszinierende Weise die Geschichte jüdischer Lesben erzählt.

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FRAUEN IM SINN

Verlag Krug & Schadenberg

Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

rund um das lesbische Leben

Elana Dykewomon

Sarahs Töchter

Roman

Vorbemerkung

Die öffentlichen Personen (PolitikerInnen, GewerkschafterInnen, AutorInnen), die in Sarahs Töchter erscheinen, basieren auf historischen Personen. Die Frauen, die im Zusammenhang mit der Women’s Trade Union League genannt werden – mit Ausnahme von Lena Resnikow – haben alle gelebt.

Ein winziges Schofar

Ich bin das ursprüngliche Alphabet.

Von meinem Rückgrat aus

entfalten sich Buchstaben

und ritzen Zeichen in

die Zellen meiner Mutter.

Ich lese mein Schicksal

auf den runzligen Wänden

dieses ersten Raumes

und umklammere

in meiner geröteten Faust

Fetzen der Prophezeiung.

In Kischinjow ist der Fluss Bîc gefroren. Der Ofen ist voller Kohle, doch Miriam liegt zitternd auf einem schmalen Bett in einem der wenigen Steinhäuser in der Gostinajastraße und verflucht die Wände: »Alles wird herausgerissen. Stein – warum hast du dich aus dem Berg schlagen lassen, wozu bloß? Ich kann nicht, ich stehe das nicht noch einmal durch. Stein …«

Gutke streicht Miriam das dunkle, feuchte Haar zurück, fasst es zusammen und schiebt es ihr in den Nacken. Ihre Fingerspitzen gleiten über die weichen Furchen auf Miriams Stirn, als könne sie die Anstrengung fortwischen. Eines von Gutkes Augen ist so schwarz wie Miriams Augen, das andere ist goldgesprenkelt. Miriam starrt in das eine Auge, dann in das andere, versucht, ein Rätsel zu ergründen, lässt den Blick der Hebamme in sich ein, den ganzen Weg bis zu dem zweiten Herzschlag. Ihr Atem wird ruhiger.

Gutke gießt aus einem Krug ein wenig Wein auf einen Lappen und streicht damit über Miriams Lippen. »Nur zu, schrei es aus. Es hört niemand außer mir. Frauen gebären unter Schmerzen. Wir erfüllen das Wort, Gottes Urteil über Eva.«

»Ich bin nicht Eva. Ich verdiene diese Schmerzen nicht.« Sie krallt ihre Finger in Gutkes fleckigen Rock.

Gutke zuckt die Schultern. »Du weißt doch, dass es nicht darum geht, ob man den Schmerz verdient hat oder nicht. Wir werden es gemeinsam durchstehen. Schau mir in die Augen.«

»Was geben Sie ihr?« Rabbi Isaak hält in seinem Auf- und Ablaufen inne, legt die Hände an den Türrahmen und schiebt seinen Oberkörper in den Raum, wobei er den Kopf einzieht, um nicht anzustoßen.

»Nur ein wenig Wein.«

»Sie redet doch jetzt schon wirr. Geben Sie ihr nur Wasser.«

»Rabbi, bei allem Respekt, ich mache das tagaus, tagein. Vielleicht würde ein Psalm das Haus beruhigen. Sie haben doch sicher den rechten parat, nu? Kommen Sie, tragen Sie uns etwas vor, oder gehen Sie, und ich rufe nach Ihnen, wenn ich Ihre Hilfe brauche.«

Isaak verzieht sich wieder, stapft im Nebenraum umher und wirbelt den Staub von der nackten Erde auf. Warum wieder Gutke? Es gibt doch noch andere Hebammen. Selbst seine Mutter Malka hatte sich angeboten, doch Miriam hatte auf Gutke bestanden, deren Vater nicht Jude gewesen war. Starrsinnig. So streiten sie sich immer: Musst du so starrsinnig sein? – Ich, starrsinnig? Du bist es doch …

Er sollte jetzt in der schul sein, nah am Ofen sitzen und den wöchentlichen Midrasch auslegen. Er könnte immer noch gehen. Niemand würde ihn dafür tadeln. Die anderen Männer würden sagen, er sei Zoll für Zoll ein Rabbi – seine Frau daheim in den Wehen, doch hält ihn das davon ab, den Allmächtigen zu preisen?

Die Jungen sind im cheder, die kleine Esther ist bei seiner Schwester Scheindl. Aber wenn Miriam ihn doch brauchte? Es wäre nicht klug, sie mit Gutke allein zu lassen. Natürlich kann man die Frau nicht für die Sünden ihrer Mutter tadeln. Niemand hat sich je über Gutke als Hebamme beschwert, doch sie könnte Zauber wirken. Es ist Aufgabe eines Rabbi, dafür Sorge zu tragen, dass Lilith keine Öffnung findet. Na gut, na gut, vielleicht hat Gutke recht, also ein Psalm. Er seufzt, als er daran denkt, dass das Buch Hiob dem Buch der Psalmen vorausgeht. Alles ist von Bedeutung durchdrungen, und ganz gewiss das Wort des Ewigen. Dies ist seine Botschaft, um seinen Geist dem Ereignis zu beugen.

Gutke hört das Gemurmel aus dem Nebenzimmer und ist erleichtert. Miriam kneift die Augen zusammen, dreht ihren Kopf von der Wand weg und öffnet die Augen wieder. Als Isaak im Türrahmen stand, konnte Miriam jedes Wort, das er dachte, hören. Alles ist klarer, deutlicher, wenn du gebärst – oder vielleicht, wenn Gutke kommt. Ein zweischneidiger Segen. Als sie ihr zweites Kind bekam, hatte sich Miriam Isaak gefügt. Die jüdische Hebamme, hatte er beharrt. Gutke ist eine gute Jüdin, hatte sie eingewandt. Doch er war damals gerade in die Gildensynagoge berufen worden; seine Nerven waren nicht die besten gewesen. Sie hatte ihm Eitelkeit vorwerfen wollen, es aber nicht gewagt.

Rührend, ich fand es so rührend, wie stolz er war, wenn es um mich ging, dachte Miriam. Eine Woche später war Chajim gestorben. Man lernt, im Leiden zu den Seinen zu stehen. Was sonst? Manche der Frauen dulden Gutke nicht in ihrem Haus; sie haben Angst. Na schön, sie sieht Dinge, wenn das Baby kommt. Nicht viel, im Grunde, oder vielleicht sieht sie mehr, als sie sagt, macht nur Andeutungen. Ich mag Andeutungen. Ich möchte alles wissen, was ich nur kann. Doch vielleicht erfindet sie diese Dinge nur. Esther, hat sie gesagt, würde kasche und Spitze sein. Kasche – das ist für ein Mädchen leicht genug zu prophezeien. Mein Abraham, er würde ein Ölzweig in Zion sein. Das hätte ich ihr auch sagen können. Doch Daniel, was hat sie über Daniel gesagt? Er wird sich in Tinte versenken, wie sich ein Trunkenbold ins Weinfass stürzt. Wie kann man einer Mutter so etwas sagen – o nein …

Plötzlich sind Miriams Augen weit geöffnet, ihr Atem geht stoßweise wie der Hammer des Hufschmieds. Sie setzt sich auf.

»Diese Haltung ist besser. Es ist noch nicht lange her. Siehst du, dein Körper erinnert sich«, sagt Gutke. »Höre nur auf deinen Körper. Vor mir brauchst du dich nicht zu schämen. Im Sitzen wird es leichter gehen. Dreh dich zur Seite, dann stecke ich ein Kissen zwischen dich und die Wand. Es dauert nun nicht mehr lange.« Miriams Wehen folgen rasch aufeinander. Gutke klemmt zwei Stühle zwischen das Fußende des Bettes und die Wand. Miriam stemmt ihre nackten Füße gegen das Holz und ist dankbar für den Widerstand. Ihre Beine sind mit Baumwolltüchern umhüllt, das Federbett liegt um ihren Körper wie eine Stola. Doch sie zittert immer noch. Die Kälte greift durch die Wände nach ihr.

Gutke runzelt die Stirn.

»Was ist? Stimmt was nicht mit meinem Baby?«

»Es ist zu früh, um das zu sagen. Wir wissen, dass es mit den Füßen zuerst kommen wird.« Die Öffnung hinten klafft. Miriam hat sich immer weit genug geöffnet, es war nie notwendig, zum Messer zu greifen. Doch die Form der Wölbung stimmt nicht, sie ist nicht rund wie eine Faust, die an das Tor zur Welt pocht, so, wie sie sein sollte. Und der Geruch ist nicht ganz in Ordnung. Gutke kennt die gesamte Bandbreite an Gerüchen. Sie mag den Geruch, die Verdichtung von Frausein – Urin, Schweiß, Blut, Sekrete, die den Weg des Babys schmieren. Sie kann sich erinnern, wie Miriam mit Esther gerochen hat – stark, einfach. Dieser Geruch hier ist ein wenig eigentümlich – rauchig, beinahe. Weil das Baby mit den Füßen zuerst kommt, oder hat es einen anderen Grund? Gutke drückt Miriam einen trockenen, verknoteten Lappen in die Hand.

»Du musst mir vertrauen. Lass die Beine gespreizt, ja, genau so. Das Baby wird ein bisschen mehr Hilfe als gewöhnlich brauchen.«

Miriam ist schweißgebadet. Sie stößt einen Schrei aus. »Meine kischke – es zerreißt mir das Gedärm!«

Die Öffnung scheint Gutke zuzuzwinkern, macht ihr Hoffnung. Ja, das Baby liegt verkehrt herum, aber genau einmal gedreht, und das ist besser als quer. Hier kommt ein kleines Füßchen, wie eine Flagge, ergibt sich, und hier ist das andere. Sie legt ihre Hände um die Füßchen. Man darf nicht ziehen, und doch hängt alles davon ab, den Kopf schnell hindurchzubekommen.

»Atmen und pressen. Das nennst du pressen? Deine kleine Esther könnte stärker pressen. Gut, atme tief ein. Du wirst pressen, und ich werde dir helfen.« Auf diese Weise tut es mehr weh. Kommt der Kopf zuerst, ist die Öffnung anfangs am weitesten. Dann ist es leichter, und die Mutter kann ein wenig verschnaufen, während sich das Baby den Weg zum Licht bahnt. Doch dies hier – Gutke kann den Schmerz in ihrem eigenen Becken spüren.

»Schrei ruhig, das ist gut. Gut, schrei noch mal. Das Baby will dich einfach nicht verlassen, will nicht in diese Welt kommen, und warum auch?« Eine Hand liegt um die Schenkel des Babys, und als Miriam erneut presst, stützt Gutke den Rücken des Babys mit der anderen Hand. Miriams Haut reißt ein, doch Gutke hat keine Zeit, sich darum zu kümmern.

»Allmächtiger Gott ich halt das nicht aus ich halt das nicht …« Miriams Lippen sind geschwollen, bluterfüllt, ihre Bräune wirkt beinahe tiefrot. Das Baby kommt heraus, wie eine Nudel, streckt sich, lang und dünn und dann … Schultern und Kopf bleiben stecken.

»Pressen, Miriam, pressen. Du bist stark, du willst, dass dein Baby lebt.« Gutke, noch immer ruhig, hält die Nabelschnur fest am Körper, damit sie sich nicht verheddert. Sie zieht und dreht gleichzeitig, kräftig. Das Kinn des Babys kommt jetzt heraus, das Gesicht nach unten gewandt. »Noch einmal …«, dann ist das Baby draußen. Gutke löst die Nabelschnur vom Hals und lässt das Baby seinen ersten Purzelbaum schlagen.

»Gott sei Dank.« Miriam schluckt heftig, stöhnt. Isaaks Gebete sind lauter geworden, eindringlicher und voller Angst. Doch Gutke hört nichts in diesem Augenblick. Dies ist das Beste, diese vollkommene Stille, bevor das Baby anfängt zu schreien. Und dann der Schrei selbst, eine neue Stimme, ein winziges Schofar, das sein erstes neues Jahr verkündet. Gutke und Miriam atmen zusammen aus, sobald das Baby zu schreien beginnt. Miriam ist gerissen und blutet, aber der Riss ist nur einen halben Zoll lang.

»Ist es gesund?«

Gutke glättet das Gesicht des Babys, streicht die butterartige Schmiere über Beine, Bauch, Schultern.

»Es ist gesund. Du hast ein kleines Mädchen bekommen, geboren am zweiundzwanzigsten Schewat im Jahre 5649, einem Dienstag, ein Mädchen, so hässlich, dass der Fluss gefroren bleibt, wenn du es ihm zeigst, so hässlich, dass der Frühling in diesem Jahr nicht kommt.« Das müsste den bösen Blick von diesem hübschen Kind fernhalten, denkt Gutke.

Miriam lacht – trocken, tonlos, dankbar. Mit dem Baby ist alles in Ordnung! Sie spürt es auf ihrem Bauch; ihre Hände finden die Hände ihrer Tochter; sie umschließt sie mit ihren Fäusten, lernt ihre Tochter durch ihre Konturen, ihre Beschaffenheit, ihren Hunger kennen. Miriam schaudert, die Laken sind schweißgetränkt, das Zittern lässt nach. Gutke klemmt nun die Nabelschnur ab, so wie sie es Hunderte von Malen getan hat, wenn das Blut zwischen Mutter und Neugeborenem ruhig fließt, nicht mehr heftig pulsiert. Sie nimmt einen glatten Schnitt vor, bindet das Ende dicht am Nabel des Babys ab, beugt sich über Miriam, wischt ihr die Stirn ab, betupft ihre Lippen wieder mit dem weingetränkten Lappen.

Dann fädelt sie einen festen Faden ein, den sie für diesen Zweck selbst herstellt. Sie wartet. Miriams Arm legt sich fest um ihre Tochter, als sie grunzend die Nachgeburt ausstößt. Schnell näht Gutke den Riss.

»Es tut weh.«

»Das ist meine Schuld. Ich hoffe, du wirst mir vergeben – ich hatte nicht gedacht, dass ein Schnitt nötig wäre. Jetzt tut es ein bisschen länger weh. Du wirst ein paar Tage im Bett bleiben müssen, damit es gut verheilt und nicht wieder aufreißt. Könnte deine Schwiegermutter herkommen und sich um die Kinder kümmern? Wirst du dafür sorgen, damit ich mich mit meinem Gewissen aussöhnen kann?«

»Um deines Gewissens willen. Es wird eine mizwe für mich sein.« Miriam streichelt ihrer winzigen Tochter den Kopf, streicht ihr über das schwarze Haar.

Gutke lächelt, während sie Miriam säubert, ihre Schenkel abwischt, ihre Lippen, die Naht, die Unterseite ihrer Backen. Sie presst ihren Handteller gegen Miriams Vagina, schließt die Augen und sieht Wasser – Wasser vom Ausmaß des Schwarzen Meeres. Noch größer. Das ist nicht ungewöhnlich, sie sieht diesen Ozean oft. Doch diesmal ist das Wasser hell, als ob es von unten beleuchtet würde, scharf und dampfend, zu heiß, um es zu berühren. Einen Moment lang ist ihr schwindelig. Genug, sagt sie zu dem Wasser, genug. Dann zieht sie die Laken hoch und wäscht sich in der Schüssel die Hände. Miriam hält ihr Baby im Arm und beobachtet Gutke. Als Gutke sich ihr wieder zuwendet, greift sie nach ihrer Hand und presst sie beinahe so fest, wie sie während der Geburt gepresst hat.

»Was hast du für meine Tochter vorausgesehen?«

»Eine lange, schwierige Reise. Doch sie wird treu sein und Mut beweisen.«

»Mut?« Miriam leckt sich die trockenen Lippen. Noch ein bisschen Wein, warum nicht? »Ist das eine Art Fluch? Jeder Jude, jede Jüdin hat Mut.«

»›Die einen werden auf Wanderschaft gehen, die anderen werden daheim bleiben.‹ Ich schreibe das Buch des Lebens nicht, ich lese es bloß, und auch das nur aus großer Ferne. Vielleicht hat es auch nichts zu bedeuten.«

»Ich bin sehr müde«, sagt Miriam und streicht mit den Fingern über Gutkes Handteller, als wolle sie eine dort niedergelegte verschlüsselte Botschaft entziffern.

»Ruh dich ein wenig aus.« Gutke fährt Miriam durch das Haar. Sie atmen im Einklang, langsam, vertraut. »Rabbi Meir!«, ruft Gutke dann und richtet sich auf. »Sie haben noch ein kleines Mädchen bekommen.«

Isaak ist im Nu durch die Tür getreten. Er greift nach Miriams Hand, doch Miriam schlingt ihre Finger in seinen drahtigen Bart. Er sollte sie jetzt nicht berühren; sie ist nidda vom Gebären. Später wird er in die mikwe gehen.

»Ich möchte sie Chawa nennen, nach der Schwester meiner Großmutter«, sagt Miriam. »Sie wird unser Leben bereichern. Sie ist mit den Füßen zuerst gekommen, Isaak, stell dir vor! Aber es ist alles in Ordnung mit ihr, alles in Ordnung. Meine kleine Chawele.«

»Mit den Füßen zuerst? Also darum das ganze Geschrei. Ich dachte schon, du würdest sterben.« Er lacht und löst Miriams Hand aus seinem Bart. »Chawa also. Chawa ist gut. Sie ist ganz deine Tochter, sehr hübsch auf eine hässliche Art und Weise.« Zwei Jungen, zwei Mädchen. Er fügt sich. Er ist gut darin, sich zu fügen, doch er macht sich Sorgen, er könnte vielleicht nicht mehr so mächtig sein wie zuvor, nicht mehr so von Gott begünstigt.

»Ja, nicht wahr? Ich werde jetzt schlafen. Denk daran, Gutke zu bezahlen.«

Er streicht seiner Tochter über das schwarze Haar, ganz sachte, als fürchte er, sich zu verbrennen. Dann lässt er seine Hand auf ihrem Haupt ruhen. Einen Moment später zieht er sie rasch zurück und schlägt sich auf die Knöchel seiner Faust. Es ist gut. Es ist reichlich da. Miriam kann noch zehn Kinder bekommen. Der Herr wird Sorge tragen. Mädchen – Mädchen sind gut. Es ist gut für Esther, eine Schwester zu haben; es wird ihr gefallen.

Gutke räuspert sich.

Er betrachtet die robuste, ernste Frau, die vor ihm steht. Seine Mutter wäre mit einem Baby, das mit den Füßen zuerst auf die Welt kam, gewiss überfordert gewesen. »Es ist also alles in Ordnung?«

»Ja, und mein Lohn beträgt drei Rubel.«

»Drei? Für ein Mädchen? Bei Daniel waren es nur zwei.«

»Wir schreiben jetzt das Jahr 1889, Rabbi Meir, und die Geburt von Daniel war leicht. Ich berechne Ihnen nicht einmal etwas zusätzlich dafür, dass Ihre Tochter uns so in Angst und Schrecken versetzt hat.«

»Chawele«, singt Miriam, »kleine Chawele, du weißt nicht, dass deine Mutter dich neben einer Wand aus Stein zur Welt gebracht hat. Kleine Chawele, kleine Chawele, Wein ist süß, und Stein ist hart, die Welt ist kalt und der Fluss gefroren, mögest du leben, um unter blühenden Pflaumenbäumen zu wandeln.«

»Was singt sie dem Baby da vor?«, fragt Isaak.

»Nichts weiter, nur ein Wiegenlied«, erwidert Gutke und steckt die Rubel in ihre Rocktasche.

Die Worte dafür

Die Christen sagen, wir nähern uns dem zwanzigsten Jahrhundert, dem Beginn eines neuen Zeitalters der Menschheit. Möge es Gott gefallen, dass es ein besseres Zeitalter als das vorherige wird. Ich, Gutke Gurwitsch, habe das große Glück gehabt, die letzten einundvierzig Jahre zu leben. Ich möchte meine Erinnerungen bewahren, sie bündeln, so wie die Weizenhalme auf dem Feld zusammengebunden werden, auf dass sie Teil der Ernte meines Lebens sein mögen. Ich bin eine einfache Frau, die das Auge der Schöpfung wiederholt gesehen hat, indem ich den Frauen beim Gebären geholfen habe. Ich selbst habe nie ein Kind geboren, und deshalb möchte ich etwas in Jiddisch erschaffen, für mich und meine wenigen liebsten Freundinnen. Vielleicht werden, wie bei Glückel von Hameln, meine Worte späteren Generationen helfen, sich ein Bild davon zu machen, wie es damals bei uns in Bessarabien gewesen ist. Doch falls es künftige Generationen unerhört finden sollten, dass eine arme Frau die chuzpe besessen haben sollte, ihr Leben niederzuschreiben nun, vieles in meinem Leben erscheint vielleicht unerhört, je nachdem, wer es beurteilt. Ich verbringe meine Tage damit, anderen zu helfen. Auf diesen Seiten tue ich, was mir beliebt.

Worüber ich am liebsten schreiben möchte: Pesah Kohn, meine große Gönnerin möge sie in diesem Augenblick im Himmel singen. Doch wie jede Frau muss ich mit meiner Mutter beginnen.

Meine Mutter seligen Angedenkens, Feigele Gurwitsch aus Kamenka am Dnjestr, ein gesprenkeltes Schilfrohr von Frau, wurde verheiratet, als sie gerade dreizehn und der Junge vierzehn war. Man stelle sich das vor! Als ob die Familie es nicht hätte erwarten können, sie loszusein. Doch das war nichts Ungewöhnliches zu jener Zeit, kurz nach dem Tod von Zar Nikolaus.

Der Junge war der Sohn eines Schankwirtes, der gute Beziehungen zur örtlichen Polizei unterhielt, und so gelang es seiner Familie, ihn vor der Einberufung zum Militär zu bewahren. Manchmal schnappten sich Häscher Soldaten oder Vagabunden, die einen Rubel für ihre Mühe bekamen Jungen kaum älter als acht und sperrten sie mit Priestern zusammen ein, die ihnen wer weiß was antaten, damit sie vergaßen, dass sie Juden waren. Wenn sie auch nur ein einziges Mal sagten: »Also gut, ich bekenne mich zu eurer Kirche« nur damit sie mit ihrer Salbaderei aufhörten , dann war es um sie geschehen. Es gab kein Zurück mehr. Eine schreckliche Sache, so etwas; die Familie betrauerte sie, als ob sie gestorben wären.

Die Familie meiner Mutter war arm, aber sehr fromm irgendwo unter den entfernten Verwandten gab es einen Rabbi , obwohl mein Großvater bloß ein einfacher Mann war, der dieses und jenes verkaufte, ein Händler. Alles, was meine Mutter je über ihn sagte, war, dass er nach Fisch roch. Feigele war die Älteste, und nach ihr kam noch eine Tochter, ein Jahr jünger, die eine Schönheit war. Sie wollten zuerst meine Mutter verheiraten, damit sie für meine Tante einen noch besseren Fang machen konnten.

Natürlich hatte Feigele ihren Ehemann vor der Hochzeit nicht gekannt, wie auch? Sie hat gearbeitet, seit sie neun Jahre alt war. Sie machte eine sehr gute Partie. Der Junge war gelehrsam, und alle sagten, sie habe großes Glück, denn ihre Familie konnte ihr keine Mitgift geben außer zwei Ziegen, einem Sack Kartoffeln und ein paar Rubeln. Sie einigten sich darauf, dass der Junge der Tradition gemäß Kost und Logis erhalten sollte, während er weiterlernte. Und so heirateten die beiden. Er zog ein, und sie machte weiter wie bisher und wusch noch die Wäsche anderer Leute, um ihre Familie zu ernähren.

Sechs Monate lang lebten sie so. Ich habe nie herausgefunden, ob sie einander als Mann und Frau erkannt haben. Als ich alt genug war, um danach zu fragen, hatte meine Mutter ihn in eine Legende verwandelt: gütig, freundlich, klug, schüchtern; die Propheten hätten Nektar von seinen Lippen getrunken. Sie waren noch Kinder, die in den Kleidern von Erwachsenen herumliefen. Manchmal ist das so. Du läufst in den großen Schuhen deiner Mutter herum, und wenn du das nächste Mal hinuntersiehst, sind deine Füße wund und geschwollen und die Schuhe passen kaum noch. Doch dann ist es zu spät zu sagen, dass alles nur ein Spiel war.

Schon lange vor Katharinas Regentschaft führten die Juden in Russland stets dasselbe Leben. Wir haben uns unter einem Zar geduckt und unter dem nächsten ein wenig aufgerichtet. Dann starb Zar Nikolaus, meine Mutter heiratete den Sohn des Schankwirtes, und dieser dachte vielleicht, er müsse die Polizei nicht länger mit Schutzgeld bestechen. Es ist eine Illusion zu glauben, dass du vor der Obrigkeit jemals sicher bist. Sie machen sich einen Spaß daraus, herauszufinden, wie viel Leid ein Jude ertragen kann. Und die Juden sie erdulden es. Ich habe nichtjüdische Frauen über ihren Christus reden hören. »Halte die andere Wange hin«, soll er gesagt haben. Wenn das stimmt, muss er wirklich ein Jude gewesen sein.

Soldaten zogen durch Kamenka und machten sich über die Juden lustig. Feigeles junger Ehemann verteidigte seinen Glauben. Sie lachten. »Wir müssen diesem Judenbengel zeigen, was es heißt, ein Mann zu sein, ein christlicher Mann! Er sieht aus wie achtzehn. Was denkt er sich dabei, Bücher unter dem Arm zu tragen, statt Mütterchen Russland zu verteidigen!« Sie nahmen ihn mit. Vielleicht hatten sie noch nicht gehört, dass Nikolaus tot und die Zwangsaushebung abgeschafft war; vielleicht brauchten sie bloß einen Juden, der ihnen die Stiefel wichste. Also kam er zur Armee. Sein Vater versuchte, ihn freizukaufen, gab wer weiß wie viele Rubel aus, aber das Geld wanderte in die Taschen des Provinzgouverneurs und der Ehemann meiner Mutter blieb in der Armee.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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