Ruinenwelt - Matthias Falke - ebook

Ruinenwelt ebook

Matthias Falke

0,0

Opis

Bei der routinemäßigen Erkundung des Planeten 3Alpha-X hat es einen Zwischenfall gegeben. Das Shuttle des obersten Planetologen, Dr. Rogers, musste notlanden und hat den Kontakt zum Mutterschiff, der MARQUIS DE LAPLACE, verloren. Die BLAISE PASCAL, der modernste Explorer der Flotte, wird ausgesandt, um Rogers zu Hilfe zu kommen. Als Commander Frank und seine Crew in der Nähe von Rogers’ Shuttle heruntergehen, stellen sie jedoch fest, dass er sich um seine Rückkehr überhaupt keine Gedanken macht. Viel zu sehr beschäftigt ihn diese geheimnisvolle „Ruinenwelt“, die alles in den Schatten stellt, was Jahrzehnte der interstellaren Erkundungen entdeckt haben. Dann müssen sie zur Kenntnis nehmen, dass die rätselhaften Funde keineswegs so verlassen sind, wie es den Anschein machte, und vor allem alles andere als ungefährlich.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 434

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Matthias Falke

Ruinenwelt

© 2012 Begedia Verlag

© 2007 Matthias Falke

Umschlagbild: Alexander Preuss

Lektorat und Korrektur: Michael K. Iwoleit,

Michael Ehrt, Petra Giersche

Satz und Covergestaltung: Begedia Verlag

eBook Bearbeitung: Begedia Verlag

ISBN: 978-3-943795-09-7 (epub)

Besuchen Sie unsere Webseite

http://verlag.begedia.de

Das ENTHYMESIS-Universum

Eine Science-Fiction-Saga in sieben Trilogien

1. Laertes

2. Exploration

-Explorer Enthymesis

- Ruinenwelt

- Der actinidische Götze

3. Gaugamela

4. Zthronmic

5. Tloxi

6. Jin-Xing

7. Rongphu

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 1

Ich hatte kein gutes Gefühl. Zum einen hasse ich es, zu warten, zum anderen war bereits durchgesickert, worum es diesmal gehen würde. Die MARQUIS DE LAPLACE ist ein Dorf. In der Zehntausend-Seelen-Gemeinde, die in dem Titankoloss hauste, machten Gerüchte in wenigen Augenblicken die Runde. Es war immer wieder erstaunlich, wie rasch sich Neuigkeiten – tatsächliche oder vermeintliche – in dem riesigen Schiff ausbreiteten. Man kam von einer Exkursion zurück, kletterte von Bord des Explorers und küsste die Leichtmetallplanken des Mutterschiffs – und alle, die dort lebten und arbeiteten, waren bereits informiert. Bis man das Große Drohnendeck durchquert und sich in einer der kleinen Bars im Durchgang zur Wissenschaftlichen Abteilung den ersten Drink bestellt hatte, konnte man sicher sein, dass jeder, der hier in seinem GraviPander hing, über der Theke lehnte oder dahinter Granulat-Whiskey mixte, schon über den wissenschaftlichen Ertrag und über die amourösen Extravaganzen der Crew auf dem Laufenden war.

Vor allem aber macht es mich nervös, Termine zu haben. Ganz gleichgültig worum es geht. Ob ich mit dem Hitzkopf Kurtz zu einer Partie Holo-Billard verabredet bin, mit Jennifer im Fühlkino oder ob ich mit einem der Oberen eine Besprechung habe, ist völlig nebensächlich. Ich sehe alle paar Sekunden nach der Uhr, kann keinen klaren Gedanken mehr fassen und bin weitgehend paralysiert. Und obwohl ich diesmal sehr kurzfristig ins Kleine Besprechungszimmer der Chef-Etage gerufen worden war, hatte ich mich eine Viertelstunde vor der Zeit eingefunden, von der ich nun jede Minute einzeln verfluchte. Immerhin, konnte ich zu meiner inneren Rechtfertigung sagen, handelte es sich um eine Audienz beim Alten persönlich, der für die drei Jahre der Mission – interstellare Flugzeiten nicht mitgerechnet – die unumschränkte Befehlsgewalt über uns alle hatte und wie ein absolutistischer Fürst über sein kleines Reich von Wissenschaftlern, Piloten und Ingenieuren herrschte. Wie gesagt: dieser Umstand als solcher machte mir nichts aus. Ich stand auf gutem Fuß mit dem Alten. Aber die bloße Tatsache, dass ich jetzt noch zwölf Minuten diese Pneumo-Tür anstarren musste, während in meinem Hinterkopf ein selbsttätiges Programm die fragmentarischen Informationen, die seit ein paar Stunden über die Gänge schwirrten, zusammenzusetzen versuchte, brachte mich an den Rand der Selbstbeherrschung. Nur weil ich wusste, dass das Vorzimmer nicht nur kameraüberwacht war, sondern dass der Alte es liebte, sich die Warterituale der hier Harrenden auf den Schirm zu holen, verkniff ich es mir, aufzustehen und hin und her zu tigern. Dabei hätte ich gerne ein bisschen Bewegung gehabt. Wie mir nach langem Schweigen das plötzliche, unbefangene Plaudern besonders schwerfällt und mehrstündiges Alleinsein mir unmöglich macht, wieder auf meine Gesellschaftsrolle umzuschalten, so brauche ich auch nach dem Stillsitzen eine Weile, bis ich die Contenance wiedergewinne, die zur Aufnahme eines im Konversationston vorgebrachten Marschbefehls vonnöten sein würde.

Endlich wurde ich hineingebeten. Es war, wie konnte es anders sein, die Stimme der Komarova, die mich über den Türlautsprecher zum Eintreten aufforderte. Sie klang wie eine kleine Sprechstundenhilfe. Um mein von der Lethargie des Abwartens beschädigtes Selbstvertrauen aufzupeppen, musste ich mir sagen, dass ich hier keinesfalls als Patient vorsprechen, sondern nach allem, was zu erwarten war, eher den Notarzt würde spielen müssen.

Ich ging hinein. Die automatische Tür glitt hinter mir zu. Das Kleine Besprechungszimmer in der Obersten Etage des Verwaltungssegments, ziemlich genau in der Mitte der MARQUIS DE LAPLACE, bot zwölf, zur Not fünfzehn Personen Platz. Allerdings wurde es vom Alten ausschließlich zu Vieraugen-Gesprächen genutzt, also eigentlich Sechsaugen-Gesprächen, denn er war ja niemals ohne ihre Begleitung anzutreffen. Und es war schon eindrucksvoll. Nicht nur, dass sie ihn buchstäblich niemals allein ließ, es schien, als seien sie überhaupt niemals ohne körperlichen Kontakt zueinander. Die ganze Zeit, die ich bei diesem Briefing zubrachte, massierte sie seine Schultern, kraulte seinen Nacken, über dessen ständiges Verspanntsein er sich stundenlang auslassen konnte, und tätschelte seine Hand. Bestimmt schliefen sie auch Arm in Arm. Dass er sich, mit seiner angeblichen vorzeitigen Vergreisung kokettierend, von ihr baden ließ, war in der MARQUIS DE LAPLACE sowieso ein offenes, von ihm gewissenhaft gepflegtes Geheimnis. Er thronte also, stilvoll ergraut und ununterbrochen über seine Zipperlein klagend, in seinem großen Kommandantensessel – mehr ein Lear als ein Richard III. Ein effektbewusster Schmerzensmann. Sie wippte auf einem GraviPander hinter ihm und bearbeitete seine Halswirbel.

»Kommen Sie rein«, begrüßte er mich und wies mit einer Geste, die ebenso müde wie herablassend war, auf einen freien Stuhl.

»Mein guter alter Norton – wie lange durchkreuzen wir zwei nicht schon gemeinsam die Galaxis.«

Und es folgte die übliche Jeremiade über die Zeit, die Vergänglichkeit und die Eitelkeit alles Seienden, an deren Ende unfehlbar die Feststellung erfolgte, nach Erdzeit sei er schon über 100 Jahre alt (wovon er freilich fast die Hälfte in der Tiefschlafkammer zugebracht hatte), und die jeder an Bord der MARQUIS DE LAPLACE auswendig herunterleiern konnte.

»Jünger werden wir nicht mehr«, sagte ich larmoyant und versuchte zu ignorieren, dass Svetlana mir über seinen Grauschädel hinweg spitzbübisch zuzwinkerte. Über sie waren böse Gerüchte im Umlauf. Angeblich schwärmte sie für die Offiziere der fliegenden Crew, und wenn auch nur die Hälfte der Verleumdungen wahr war, wäre ich der einzige Staffelführer, der noch kein Verhältnis mit ihr gehabt hatte. Ich fragte mich nur, wann sie das alles arrangiert bekommen sollte, bei ihrer im räumlichen wie zeitlichen Sinne lückenlosen Symbiose mit Kommandant Wiszewsky.

»Lassen Sie uns zur Sache kommen«, lächelte ich dem Alten zu. »Wie man hört, brennt es wieder einmal.«

»Nicht unbedingt«, meinte er wegwerfend.

»Was die Leute immer so reden. Sie wissen, dass ich allen Arten von Panikmache und Alarmismus spinnefeind bin.«

Er ließ eine Pause entstehen, in der er die Augen schloss und den Kopf in den Nacken legte. Svetlana schob seine Stirnhaut hin und her, und er grunzte dazu schmerzerfüllt und wohlig.

»Wie Sie vermutlich mitbekommen haben«, erklärte er dann, »befinden wir uns seit einigen Tagen im Orbit von 3Alpha-X. Ob Sie es glauben oder nicht, die Scherzkekse von der Planetarischen haben sich tatsächlich noch keinen griffigeren Namen dafür einfallen lassen. In einem Anfall von Ungeduld, den ich nur auf sein fortgeschrittenes Alter schieben kann, hat unser lieber Dr. Rogers es sich jedenfalls nicht nehmen lassen, die Erkundung diesmal selbst vorzunehmen. Er ist gestern Morgen, lediglich in Begleitung von Joonas Jyväläinen, in einem Shuttle der Omega-Klasse zur Planetenoberfläche aufgebrochen.«

Er seufzte.

»Man sollte den Finnen diese Namen verbieten ...«

»Etwa fünf Minuten nach Eintreten in die Atmosphäre«, fuhr er nach einem Augenblick der Zerstreuung fort, »kurz vor dem Aufsetzen im Mare Silencium, einer weiten kargen Hochfläche auf der nördlichen Hemisphäre, ist der Kontakt abgebrochen.«

»Und das sagen Sie mir jetzt«, rief ich aus. »Vierundzwanzig Stunden später!?«

»Kein Grund zur Hysterie«, maulte der Alte.

»Unsere Drohnen haben registriert, dass das Shuttle wohlbehalten gelandet ist. Wir haben sogar – dies zu Ihrer Beruhigung – einen Späher-Satelliten ausgesetzt, der die Stelle fotografiert hat. Demnach hat man dort unten mit der Errichtung eines kleinen Camps begonnen. Shuttle und Besatzung sind wohlauf. Sonst hätten wir in der Tat Anlass gehabt, etwas hektischer zu reagieren. Nicht so leidenschaftlich, meine belorussische Wildkatze!«

Der letzte Satz war an die Komarova gerichtet, die mir daraufhin ein Schmollgesicht zeigte. Sie ließ von ihrer Massagearbeit ab und streichelte Wiszewsky stattdessen die geröteten Bäckchen. Er küsste ihre Hand und tätschelte sie. Es war nicht zum Aushalten.

»Nichtsdestotrotz«, ermahnte er sich schließlich, »ist es unseren Experten von der Wissenschaftlichen nicht gelungen, den Kontakt zum Shuttle und seinen Insassen wiederherzustellen. Wir müssen also davon ausgehen, dass die Technik beschädigt und die Möglichkeit eines Starts zumindest zweifelhaft ist. Wie wir unseren Dr. Rogers kennen, lässt er sich durch solche Kleinigkeiten nicht von der wissenschaftlichen Exploration des Planeten abbringen. Aber wir hätten ihn und seine Ergebnisse ja trotzdem gerne hier oben, nach getaner Arbeit.«

Er setzte sich auf und musterte mich einige Sekunden lang. Das war das untrügliche Zeichen, dass nun eine offizielle Verlautbarung erfolgen würde. Tatsächlich war alles Weinerliche aus seiner Stimme verschwunden, und in seinen Augen funkelte der alte Pioniergeist, als er – ein anderer Mensch – mit amtlichem Pathos verkündete:

»Ihr Marschbefehl lautet, Shuttle und Crew vor Ort aufzusuchen, technische Defekte womöglich zu beheben und Mannschaft und Ausrüstung hierher zurück zu bringen.«

Ich nickte und machte Anstalten, mich zu erheben.

»Nehmen Sie einen Explorer«, sagte er noch, wobei er wieder in den jammernden Ton zurückfiel. »Die üblichen fünf Mann Besatzung müssten genügen. Die Auswahl obliegt selbstverständlich Ihnen. Ich nehme an, Major Ash werden Sie nicht entbehren wollen ...«

Er grinste schlüpfrig. Ich stand auf, knallte die Hacken zusammen und salutierte. Er verzog das Gesicht zu einer schmerzlichen Grimasse. Ich wusste, dass er alles Militärische verabscheute. Aber das war sein Problem. Ich würde mir auch nicht die Dienstgradabzeichen entfernen, weil ihre Farbe ihm wider den Geschmack ging. Er wedelte mit der Hand zum Zeichen, dass ich entlassen war.

»Viel Glück, Capitan«, schnurrte Svetlana mit ihrem weichen russischen Akzent.

Ich drehte mich auf dem Absatz herum und marschierte zackig hinaus. Vierundzwanzig Stunden verstreichen zu lassen, ehe man eine Rettungsmission zusammentrommelte! Jedenfalls wusste ich Bescheid. Wenn uns etwas zustieße, würde er uns genauso hängen lassen. Mit schneller Hilfe brauchten wir dann jedenfalls nicht zu rechnen. Noch während die Tür hinter mir zurücksurrte, betätigte ich den Piepser. Eine Stunde später war die ENTHYMESIS startklar. Die Crew war an Bord. Gate I im Großen Drohnendeck glitt feierlich zur Seite. Jennifer schoss uns sanft und routiniert in den Raum hinaus.

Vor uns lag 3Alpha-X, der Planet der Relikte, wie wir ihn später taufen sollten. Aber das wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Es war eine düstere Welt aus Fels- und Geröllwüsten. Von ein wenig Eis abgesehen, das die Polkappen vernarbte, war sie wasserlos. Eine blauviolette Kugel hing im fahlen Licht der toten Sonne, denn der Zentralstern des Systems war erloschen. Er hatte seine äußere Gashülle abgestoßen, die als bläuliche, schwach leuchtende Corona die schwarzglosende Ruine des ausgebrannten Sonnenfeuers umschwebte. Aufgrund des Rotationsimpulses hatte die Gashülle sich abgeflacht und eine elliptische Spindelform angenommen. Mit dem schwarzen Stern in ihrer Mitte wirkte sie wie ein totes Auge, das starr auf die leblose Welt herabsah, welche es in gemessener Entfernung umkreiste.

3Alpha-X, das hieß: der zehnte Planet des ersten Sterns der dritten Gruppe in diesem Quadranten. Die neun inneren Planeten waren allerdings unbedeutende Planetoiden, vielleicht ursprüngliche Monde von 3Alpha-X oder von dessen Nachbarn 3Alpha-XI, einem dunkelroten Gasriesen, der in mehr als dreifachem Abstand zum Zentralstern stand. Es war denkbar, dass die katastrophischen Vorgänge beim Erlöschen der Sonne die beiden größeren Planeten des Systems ihrer Trabanten beraubt hatten. Jedenfalls war mir rätselhaft, was Rogers auf diesem Steinhaufen von achtzigprozentigem Erddurchmesser wollte. Was hatten seine Instrumente ihm gemeldet, dass er so überstürzt aufgebrochen war? Noch dazu in höchsteigener Person und lediglich in Begleitung eines Shuttle-Piloten. Die Protokolle der Beobachtungsdrohnen, die ich zusammen mit Jennifer eingesehen hatte, waren wenig  aufschlussreich. Dr. Frankel, Rogers’ Stellvertreter, der in seiner Abwesenheit die Geschäfte der Planetarischen Abteilung führte, hatte sie uns erläutert, aber aus seinem wissenschaftlichen Jargon war ich noch weniger schlau geworden als aus den nackten Zahlenkolonnen an sich. Während die ENTHYMESIS den Orbit, in dem die MARQUIS DE LAPLACE geparkt war, verließ und sich auf einer enger werdenden Spiralbahn der Planetenoberfläche näherte, sah ich in meiner Kabine die Aufnahmen durch, die die Aufklärungsdrohnen im sichtbaren Spektrum geliefert hatten. Das Shuttle war deutlich auszumachen, wie es, einem klobigen Käfer ähnelnd, in der Geröllwüste stand. Unweit davon erhoben sich einige sonderbare Strukturen, die am ehesten an riesige halb verfallene Termitenburgen erinnerten. Allerdings waren sie wesentlich größer als die maximal mannshohen Gebilde, die man aus afrikanischen Savannenlandschaften kennt. Als ich Abstandsvektoren in die Holo-Graphik eintragen ließ, ergaben sie, dass die höchsten dieser Türme fünfzehn Meter über dem Untergrund aufragten. Schließlich war noch eine blasige Konstruktion zu erkennen. Rogers hatte ein pneumatisches Kuppelzelt aufgestellt. Ich ging wieder auf die Brücke, nahm zwischen Jennifer und Lambert Platz und verfolgte den Landeanflug.

Wir hatten die Automatik auf 64fache Backups programmiert, statt der üblichen 16fachen; und die Abschirmung lief mit voller Leistung. Alle Schotten waren geschlossen. Triebwerksregulatoren und Fahrgestellsteuerung waren zudem virtuell abgekoppelt. Sie sollten selbsttätig weiterarbeiten, selbst wenn der Hauptrechner ausfiele. Bis jetzt lief alles einwandfrei. Wir waren noch etwa 20 Kilometer hoch und näherten uns vom Äquator kommend den mittleren nördlichen Breiten, in denen das Mare Silencium lag. Wir flogen nach Nordwesten. Halblinks voraus stand das tote Auge der erloschenen Sonne eine Handbreit über dem Horizont, als blicke uns der Schutzgott dieser Welt argwöhnisch zu. Der Sonnenuntergang wurde durch unsere Bewegung in seiner Position eingefroren. Ein ewiges Scheiden. Wir konnten so einmal um den ganzen Planeten herumfliegen, immer in die untergehende Sonne hinein – ein Gedanke, der mich melancholisch stimmte. Dünne streifige Wolkenschichten wurden sichtbar, als wir weiter hinuntergingen. Eine spröde, faserige Stratosphärenbewölkung. Massivere Wolkenbildung schien auf 3Alpha-X nicht vorzukommen, wie bei der Wasserarmut nicht anders zu erwarten. Eher war schon mit Sand- und Staubstürmen zu rechnen. Jennifer drosselte das Tempo und brachte uns langsam weiter herunter. Schon flogen wir nur noch Mach 20, eine lächerliche Geschwindigkeit für einen ENTHYMESIS-Explorer. Wir tauchten in die schüttere Wolkendecke ein und näherten uns den trostlosen Geröllebenen. Das automatische Positions-Radar erfasste den Zielpunkt, der nur noch einige hundert Kilometer voraus lag. Dann gingen auch schon die Warnmeldungen los.

»Störende Feldeinwirkung«, tönte die Automatik. »Abschirmung auf 110%!«

Jennifers Finger wirbelten auf der Konsole herum. Ich sah ihr interessiert von der Seite dabei zu. Ihr Gesicht war vollkommen ausdruckslos, in maskenhafter Konzentration versteinert.

»Irgendetwas blockiert massiv«, schrie Jill, deren Stimme sich hysterisch überschlug.

»Alle sekundären Systeme abschalten«, rief Jennifer. »Wir bringen sie von Hand runter.«

Ich sah mir das an wie einen spannenden und ein bisschen übertriebenen Film. Mein Urteil war nicht gefragt. Ich war zwar der Kommandant dieses Schiffes, aber in akuten Gefahrensituationen handelten die beiden Pilotinnen selbstständig.

Das Licht flackerte. Die Anzeigen auf den Konsolen wurden zu kryptischen Engrammen zerhackt, als seien die Plastinfelder gesprungen. Irgendwo röhrte eine Sirene. Ich sah nach hinten, wo Legrand und Jones in ihren Gurten hingen. Legrand krallte sich mit blassem Gesicht in die Armlehne seines gravimetrischen Sessels, während der Technische Ingenieur sich nichts anmerken ließ. Ich zwinkerte Legrand ironisch zu. Wie immer in solchen Augenblicken war ich frei von Angst. Ein vergnügtes spitzbübisches Gefühl erfüllte mich. Das Wissen, dass wir jeden Moment abstürzen und in Sekundenfrist tot sein konnten, blieb rein theoretisch. Heute Nacht, wenn ich dann noch lebte, würde ich mich in meinem Schweiß wälzen und genau diese Sequenz wieder und wieder durchleiden müssen, aber jetzt blieb ich vollkommen kalt.

»OK, Baby«, sagte Jennifer grimmig. »Wenn’s eben nicht anders geht.« Sie schaltete die Konsole ab und nahm den Steuerknüppel in die Hand.

»Auf manuell gehen«, rief sie zu Jill hinüber.

Das Schiff schlingerte und sackte einige Meter durch, als die Automatik endgültig den Geist aufgab und die virtuellen Gyroskope ausfielen. Der Flug wurde unruhig. Jennifer rüttelte uns tüchtig durch. Auf einmal schien die Ebene viel näher, unsere Geschwindigkeit kam mir wesentlich höher vor. Aber das war reine Psychologie. Das hermetische Mir-kann-nichts-passieren-Gefühl wandelte sich in adrenalinschwangere Euphorie. Als ruckelten wir in einem Jeep durch den südamerikanischen Urwald, setzte ich mich auf und beugte mich zwischen den Pilotinnen nach vorne. Zu dritt suchten wir den Horizont ab, während die beiden Schwerstarbeit vollbrachten, um das Schiff stabil zu halten.

Plötzlich wurde es ganz still. Man hörte nur noch die Qualen der ENTHYMESIS, deren Stahlleib sich ächzend wand und in den Schotten krachte. Entfernte Windgeräusche heulten aus der Gegend der Schleusen. Immerhin arbeiteten die Triebwerke einwandfrei.

»Ich weiß nicht, wie lange ich sie noch halten kann«, sagte Jennifer sachlich. Sie versuchte verzweifelt, das Tempo zu drosseln, aber das Schiff sprach nur noch unendlich langsam und schwerfällig an. Wie ein ballistisches Projektil rasten wir auf die Oberfläche zu.

Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf das Hologramm, das ich wenige Minuten zuvor betrachtet hatte. Das Mare Silencium war in Wirklichkeit eine Caldera, ein kreisrundes Kraterbecken, ringsum von bizarren Bergspitzen vulkanischen Ursprungs umgeben. Auf der Südostseite, von der aus wir einfliegen mussten, war ein stark erodierter Doppelgipfel besonders markant. Ich öffnete die Augen wieder, fasste Jennifer an der Schulter und starrte nach vorne. Wir waren keine 1.000 Meter mehr hoch und peitschten mit viereinhalb Mach über den steinernen Untergrund. Da war es!

»Der Doppelgipfel«, rief ich Jennifer ins Ohr, »der aussieht, als müsse er jeden Augenblick in sich zusammenfallen. Dahinter liegt das Mar. Flieg links darunter hindurch.«

»Sonst keine Wünsche mehr?!«, blaffte sie zurück.

Aber ich sah, dass sie grinste. Sie hatte sich jetzt auf die Aerodynamik der ENTHYMESIS eingestellt und steuerte das Schiff schon wesentlich ruhiger. Die Randberge der Caldera kamen rasch näher. Südlich des hohen Doppelmassivs, das jetzt bereits über unsere Flughöhe aufragte, fiel das Niveau stark ab. Der Krater wurde hier nur von niedrigen Hügeln gebildet. Wir schossen darüber hinweg. Vor uns öffnete sich das weite Becken des Mare Silencium, eine runde, wie mit dem Zirkel gezogene, auf dem Grund tischebene Hochfläche. Jennifer zündete manuell die Bremsraketen, die uns, ohne die gewohnte gravimetrische Abfederung, übel nach vorne schleuderten. Das Fahrgestell fuhr aus. Wir mussten uns auf unser Gehör und auf unser Gefühl für die charakteristischen winzigen Erschütterungen verlassen, denn weder die Anzeigen noch die Außenkameras funktionierten noch. Das Schiff taumelte im erhöhten Windwiderstand. Jennifer zog die Schnauze hoch.

»Da drüben«, krächzte Jill. »Das Shuttle. Auf zwei Uhr.«

»Hab’s gesehen«, knurrte Jennifer zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch, während sie mit dem bockenden Schiff wie mit einem Rodeohengst kämpfte. Wie ein Motorradfahrer in der Steilkurve warf sie uns auf die Seite, zündete noch einmal die Bremsraketen, riss uns, als packte sie uns alle zusammen am Schopfe, wieder in die Senkrechte und ließ uns dann durchsacken. Wir fielen noch fünf Meter mit erlöschenden Triebwerken. Den Rest besorgten die hydraulischen Dämpfer. Knirschend fraßen sich die Stahlkrallen in den Felsgrund.

Legrand war der erste, der eine Lebensäußerung vernehmen ließ. Er zappelte sich mit bebenden Fingern aus seinen Gurten, stand mühsam auf und wankte mit kreideweißem Gesicht von der Brücke. Er musste das Schott mechanisch entriegeln und die Tür von Hand zur Seite schieben, um hinauszukommen. Wir hörten, wie er dasselbe Manöver an der Toilettentür wiederholte, hineinstürzte und sich übergab. Lambert und Jones kletterten aus ihren Sitzen. Jennifer blies eine Haarsträhne, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hatte, aus der Stirn. Ich streichelte ihre Schulter.

»Ich weiß schon«, sagte ich leise, »warum ich dich angefordert habe. Das gibt das Große Sternenkreuz am Band, mindestens.«

Sie saß da und atmete schwer durch. Auf einmal kam sie mir so schmal und hilflos vor. Eine starke Rührung ergriff mich, als ich sah, wie ihr jetzt plötzlich der Schweiß ausbrach.

»Wenn wir hier wieder wegkommen«, stöhnte sie.

Sie stützte sich auf meinen Oberarm und kletterte über mich hinweg. Ich blieb noch eine Weile sitzen, während sie ebenfalls ins Bad ging und den Kopf unter den Wasserhahn hielt. Jenseits der Schnauze der ENTHYMESIS dehnte sich eine weite Geröllebene, die in düsterem grauviolettem Licht dalag. In etlichen Kilometern Entfernung erhoben sich die schroffen Randberge. Darüber spannte sich ein klarer Himmel, der aussah wie auf der Erde unmittelbar nach Sonnenuntergang, kurz bevor die ersten Sterne aufziehen. Wie feine Kratzer waren einige dünne Wolken in ihn eingezeichnet, die vom Widerschein der unsichtbaren Sonne in schwachem Magentarot leuchteten. Nachdem meine Augen sich an das unwirkliche Licht und an die Dimensionen der Landschaft gewöhnt hatten, erkannte ich wenig mehr als einen Kilometer vor uns einige kegelförmige Gebilde, schwarze Schlote, die aussahen, als habe man ihnen die Spitzen abgeschlagen. Wie hohle Zähne standen sie in der Ebene, kleinere und größere, in Gruppen zu drei oder auch zehn bizarren Türmen. Ganz in der Nähe davon bemerkte ich endlich das Shuttle. Lebenszeichen waren nicht auszumachen.

Kapitel 2

»So ein Wahnsinn! Einem Schiff, das abgeschmiert ist, ein zweites hinterherzuschicken, ehe die Absturzursache geklärt ist!« Jones marschierte erregt in der Messe hin und her. Er schlenkerte die bulligen Unterarme, als wolle er jedem, der sich ihm in den Weg stellte, vorsichtshalber einen Schlag ins Sonnengeflecht verpassen. »Jetzt sitzen wir auch hier unten herum. Ohne Kontakt. Ohne wieder abheben zu können!« Er raufte sich das Haar und tigerte wie ein Raubtier im Käfig auf und ab.

Ich sah ihn mitleidig an und ließ gelangweilt die Blicke von einem zum anderen schweifen. Legrand war immer noch blass. Er kauerte an seinem Platz und fummelte an seinen Fingernägeln herum. Jill wirkte verheult. Sie hatte rote Flecken im Gesicht. Ihre Stachelfrisur war durcheinander wie eh und je. Es war immer das Gleiche mit ihr. Ich hatte sie angefordert, weil sie neben Jennifer die beste Pilotin im Pool der MARQUIS DE LAPLACE war. Aber mit ihrem schwachen Nervenkostüm machte sie diese Qualifikation regelmäßig wieder zunichte. Es war eine ständige Gratwanderung, ob sie bei einer riskanten Mission noch von Nutzen war oder ob sie einem nicht erst recht das letzte bisschen Selbstbeherrschung raubte. Jennifer hatte sich von der Anstrengung des Landeanfluges erholt. Sie hatte ihren Lieblingsplatz eingenommen, die gravimetrische Liege, hatte die Lehne zurückgefahren und die langen Beine übereinandergeschlagen. Halb auf der Seite liegend, betrachtete sie mit spöttischem Lächeln unsere etwas derangierte Runde.

»Wenn jemand in Not ist, hilft man ihm«, sagte sie ruhig und lehrerhaft zu Jones. »Wenn ich jemanden ertrinken sehe, kann ich nicht erst das Wasser analysieren, in dem er gerade untergeht.«

»Wenn eine chemische Fabrik in die Luft fliegt«, brüllte er sie an, »muss man sicherstellen, um was es sich da handelt, bevor man in den Qualm marschiert.«

Ich wechselte einen ironischen Blick mit Jennifer, ehe ich sagte: »Statt diffuse Anschuldigungen zu erheben, Jones, könnten Sie lieber Meldung machen. Ich hätte gerne einen Lagebericht.«

»Lagebericht, Sir!«, zischte er. »Die Kiste ist tot. Der Hauptrechner ist ausgefallen und nicht wieder in Gang zu bringen. Ich habe überhaupt keine Möglichkeit, eine Schadensanalyse ...«

»Wir haben Licht«, sagte Legrand auf einmal, mit dessen Beistand ich momentan am allerwenigsten gerechnet hatte. »Major Ash hat uns manuell auf den Boden gebracht. Das Triebwerk arbeitete einwandfrei. Das hydraulische System ebenfalls.«

»Die sanitären Anlagen funktionieren«, setzte Jennifer hinzu. »Ebenso die Kaffeemaschine.« Sie prostete uns mit einem Becher Latte Macchiato zu.

»Na großartig«, brummte Jones und warf sich mit dem Rücken gegen einen der Wandschränke. »Dann können wir ja ein Kaffeekränzchen abhalten und hinterher in Ruhe scheißen gehen!«

»Ich bin überzeugt davon«, sagte ich, »dass wir die Ursache für den Totalausfall des Hauptrechners herausfinden und ihn wieder in Betrieb nehmen können. Um genau zu sein« – ich fasste Jones scharf ins Auge – »werden Sie das für uns tun. Legrand und Lambert werden Ihnen dabei assistieren. Wie es aussieht, arbeiten die primitiveren Systeme selbsttätig weiter. Solange Kühlschrank und Mikrowelle, Luftaustausch und Wasseraufbereitung funktionieren, besteht kein Anlass zur Panik. Dennoch sollten wir nicht unnötig Zeit verstreichen lassen, ehe wir an die Instandsetzung gehen. Meine Herren, meine Damen, das war ein Befehl. Major Ash und ich werden uns solange ein bisschen die Beine vertreten.«

»Die Situation amüsiert dich«, stellte ich fest.

»Sagen wir: ich sehe bis jetzt keinen Grund zur Hysterie.«

»Glaubst du, wir sitzen hier fest?«, fragte ich.

»Warten wir die Analyse ab«, gab sie zurück. »Es kommt darauf an, ob es möglich ist, das Triebwerk zu zünden und abzuheben. Dann müssen wir nur so weit aufsteigen, bis wir den Einfluss dieser Störung, oder was immer es ist, verlassen haben; oder bis wir den Orbit erreichen. Dort sollen sie uns auffischen. Die MARQUIS DE LAPLACE wird ja noch in Betrieb sein.«

Wir waren im Vorraum der hinteren Schleusenkammer, der einzigen, die für Notfälle konstruiert war und sich von Hand öffnen ließ. Ich wartete, bis sie ihren Anzug übergestreift und ihren Pferdeschwanz in einem Haarnetz verstaut hatte, dann setzte ich ihr den Helm auf und half ihr, ihn einrasten zu lassen.

»Die Druckflaschen funktionieren«, hörte ich ihre gedämpfte Stimme. »Aber die Elektronik nicht.«

»Wir müssen dicht beieinander bleiben«, schrie ich in ihr Visier. »Dann können wir auf die Kommunikation verzichten.«

Ich hampelte in meinen Anzug, vergewisserte mich, dass die eingebauten Sensoren und Anzeigen keine Reaktion von sich gaben, und steckte schweren Herzens den Kopf in die Plastinkugel. Als ich von Hand das Ventil öffnete, hörte und spürte ich, wie Sauerstoff anströmte. Wenn ich die Scannerdaten der Drohnen richtig im Kopf hatte – abrufen ließen sie sich aktuell nicht mehr -, dann müsste die Atmosphäre sogar atembar sein. Aber ich wollte keine Experimente veranstalten, solange die einschlägigen Instrumente in Streik getreten waren. Jennifer machte das Good-to-go-Zeichen, das ich erwiderte. Wir traten in die Schleusenkammer, schlossen die Luke hinter uns, öffneten den Ausstieg und schwangen uns schwerfällig hinaus. Die Schleuse führte zu einer Art Feuerleiter, die in die hintere Backbordstelze eingelassen war. Wir prüften den Sitz unserer Anzüge noch einmal und vergewisserten uns, dass unsere Sauerstoffzufuhr einwandfrei arbeitete. Schon ein kurzzeitiges Sauerstoffdefizit konnte zu Schwindel und Ohnmacht führen, was in der gegenwärtigen Situation unkalkulierbare Konsequenzen ergeben hätte. Alles schien OK. Dennoch wies ich Jennifer an, den Karabiner, der in der Brusttasche jedes Anzugs verstaut ist, in das Stahlseil einzuklinken, das parallel zur Leiter verlief, ehe sie sich daran machte, die zehn Meter hinunterzuklettern. Sie nickte mir zu, ließ die Sicherung einrasten und machte sich an den Abstieg.

Eine Minute später betraten wir den Boden von 3Alpha-X. Wie wir es schon auf mehreren Dutzend anderen Welten getan hatten, schüttelten wir einander die Hand, routiniert, wortlos und ohne uns dadurch auch nur eine Sekunde aufhalten zu lassen. Wir gingen in die Ebene hinaus, in nordwestlicher Richtung auf die schwarzen Felskegel zu. Nachdem wir unter der ENTHYMESIS hervorgetreten waren, deren Abmessungen hier viel beeindruckender waren als im Großen Drohnendeck der MARQUIS DE LAPLACE, blieben wir stehen und musterten das Schiff. Von den üblichen Rußspuren an den Bugschilden abgesehen, die vom Atmosphäreneintritt herrührten, war nichts Ungewöhnliches zu bemerken. Die Außenhaut des Explorers schien intakt. Sauber geparkt stand er im blauschwarzen Geröll. Die Positionslichter und Signalleuchten waren erloschen. Lediglich durch die großen Scheiben von Brücke und Messe drang das milchige Licht der Notbeleuchtung heraus. An einem der schwach erhellten Fenster, zehn Meter über uns, stand Jill Lambert und winkte uns zaghaft zu. Wir erwiderten den Gruß, dann wandten wir uns ab und stiefelten auf die Termitentürme zu.

Es war dämmerig. Die Helmlampen, über die die Anzüge eigentlich verfügten, waren nicht angesprungen. Beim Blick auf den Boden war daher anfangs kaum etwas zu erkennen. Das schiefrige Geröll entzog sich den Augen, die keine Konturen ausmachen konnten. Unbeholfen stolperten wir vor uns hin, wobei die partielle Blindheit dadurch noch irritierender war, dass sich unsere weißen Stiefel gut vom Untergrund abhoben. Nur dessen Beschaffenheit teilte sich unseren angestrengten Netzhäuten kaum mit. Hinzu kam, dass die Automatik der Anzüge nicht funktionierte, sodass wir auch die Polarisierung der Helmscheiben nicht aufheben konnten. Wir glichen Leuten, die bei Nacht mit Sonnenbrillen über ein unbekanntes und wegloses Gelände strauchelten.

»Das ist doch zu blöd«, murrte Jennifer, als sie zum dritten Mal kurz hintereinander beinahe lang hingeschlagen wäre. Ihre Stimme kam dumpf aus ihrem Helm. Ich erwiderte nichts, sondern kämpfte mich schweigend weiter. Es war wirklich dumm. Wir hätten irgendeine Peilstange mitnehmen sollen, die wir als Spazierstock und Blindenstab benutzen konnten. Langsam fing mein Visier zu beschlagen an.

»Mach langsam«, rief ich und fasste sie vorsichtshalber an der Schulter, denn mir selbst dröhnten der Puls und mein heftiges Schnaufen so in den Ohren, dass ich nicht sicher war, ob sie mich überhaupt hören konnte.

Wir blieben stehen. Noch waren wir kaum weiter gekommen, als die ENTHYMESIS selbst von der Schnauze bis zu den Triebwerken maß. Der Anblick des Schiffes, das friedlich in der Ebene hockte, war gewaltig. Jetzt, da wir außerhalb seines Komforts, mitten in der Ebene, auf uns allein gestellt und von nur eingeschränkt tauglichen Anzügen abhängig waren, bewirkte das Bild des großen Schiffes eine Beruhigung. Wie ein zuverlässiges Reittier, das uns zu diesem Einsatz getragen hatte und das nun geduldig ausharrte und auf unsere Rückkehr wartete, stand der 300 Meter lange Titankoloss in der Landschaft. Der Himmel war immer noch hell, auch wenn keine Sterne sichtbar waren. Die tote Sonne war untergegangen. Lediglich der eine Flügel ihrer deformierten Gashülle ragte noch über die Randberge am südwestlichen Horizont, wie ein bläuliches Zodiakallicht. Im Norden schraffierten einige lachsfarbene Zirrostratus den ansonsten wolkenlosen Himmel. Die vulkanischen Spitzen, die die Caldera umgaben, ragten schwarz rings um die Ebene auf. Die hohlen Spitzkegel, die nach allem, was wir bisher gesehen hatten, die einzigen Erhebungen im Inneren des riesigen Kraters waren, lagen nur noch wenige hundert Meter vor uns.

»OK?«, fragte Jennifer dicht an meiner Seite.

»Weiter«, nickte ich. Meine Augen hatten sich inzwischen an das Dämmerlicht gewöhnt. Ebenso schienen meine klobigen Stiefel sich ein bisschen mit dem Geröll ausgesöhnt zu haben. Ich atmete ruhiger und vermied so, dass die Innenseite des Helms beschlug. Wir kamen besser voran. Die schwarzen Türme und Schlote bildeten eine beklemmende Kulisse. Aber wir konnten jetzt auch das Shuttle, das westlich davor stand, und sogar das flache Kuppelzelt erkennen. Jennifer war auf einmal unmittelbar neben mir. Ihre Hand packte meinen Unterarm und brachte mich so dazu, meine Aufmerksamkeit von ihr lenken zu lassen. Keine hundert Meter vor uns bewegte sich etwas. Jetzt, da es darum ging, Einzelheiten zu unterscheiden, musste ich doch wieder feststellen, wie unzureichend das Licht war. Instinktiv griff ich nach der Offizierspistole. Ein sonderbar gebeugtes, humpelndes Wesen kam auf uns zu. Es ging gebückt und zur einen Seite geneigt. Wie schlechte Schauspieler den Quasimodo spielen. War unser Vorauskommando von den Morloks dieses Planeten gekidnappt worden? Aber dann erkannte ich, dass es Rogers selbst war, der offensichtlich außer Atem, in der eingeknickten Haltung eines Untrainierten, der starkes Seitenstechen hat, auf uns zugaloppiert kam. Er trug einen leichten Raumanzug, aber keinen Helm. Als er uns erreichte, machte er eine in Worten kaum wiederzugebende Geste, die besagen sollte, dass er gar nicht wusste, wo anzufangen.

»Phantastisch«, stammelte er. »Gut, dass ihr da seid. So etwas habe ich in dreißig Jahren nicht ...«

Er hatte uns wieder den Rücken zugewandt und sich an die Spitze unseres kleinen Trupps gesetzt. Wir hatten Schwierigkeiten, ihm zu folgen. Jennifer warf mir einen Blick zu, und obwohl ich ihr Gesicht hinter dem polarisierten Visier kaum erkennen konnte, wusste ich, dass ein spöttisches Lächeln um ihre Mundwinkel spielte.

»Rogers!«, rief ich halb belustigt, halb erzürnt. »Erklären Sie uns doch, was hier vor sich geht. Wir haben Leib und Leben riskiert, um hier herunter ...«

»Was«, machte er ungeduldig über die Schulter hinweg, ohne anzuhalten. »Ich verstehe Sie ja kaum.«

Er hastete weiter. Hinter dem Rücken beschrieb er irgendwelche wegwerfenden Handbewegungen. Als wir darauf nicht reagierten, blieb er kurz stehen, sah uns ungehalten an und fuhr sich mit dem Daumen unter dem Kinn hindurch. Wollte er uns die Kehle durchschneiden?

»Die brauchen Sie hier nicht«, rief er und rannte schon wieder weiter. »Die Helme! Setzen Sie sie doch ab.«

Wir strauchelten hinter ihm her, während er die letzten fünfzig Meter zu seinem improvisierten Camp zurücklegte. Er hatte eine selbstaufblasende Wohnkuppel aufgeschlagen, eine hellblaue Halbkugel, die geduckt im Geröll hockte. Die dünnen, aus abgesetzten Sechsecken zusammengesetzten Planen bauschten sich leicht im schwachen Abendwind. Vor der Kuppel fand sich ein ganzes Sammelsurium von Instrumenten. Ein Klapptisch und der zugehörige Hocker waren zwischen die Steine gestellt. Gasflaschen, elektronische Messinstrumente, primitive Handwerksgeräte waren darum ausgebreitet. Ich erkannte einen Spaten und eine Spitzhacke, Hammer und Meißel und anderes grobes Arbeitszeug.

Er hielt endlich an, bemerkte erstaunt, dass wir immer noch die Helme trugen, und wedelte uns ungeduldig mit der Hand vor den Gesichtern herum. Konnten wir es wirklich wagen? Vielleicht war er ja wahnsinnig geworden. Nach allem, was ich sah, hatte auch er keine Atmosphärenscanner im Einsatz. Mit einem innerlichen Seufzen betätigte ich das Halsventil und nahm den Helm ab. Danach half ich Jennifer, ihr Visier zu öffnen. Dann standen wir beieinander. Ich atmete vorsichtig und schnupperte. Die Luft war kalt. Aber sie schien trocken, geruchlos. Sie ließ sich atmen. Ein kühler Wind strich über meine Wangen. Ich schätzte die Temperatur auf knapp über dem Gefrierpunkt. Luftdruck und Feuchtigkeit entsprachen einer Höhe von vielleicht 3000 m.

»Mensch, Kinder«, fing Rogers wieder an. »Wenn ich euch sage, was wir hier ...«

Er brachte keinen Satz zu Ende. Ich sah, wie Begeisterung, Anspannung und Rührung in seinen Gesichtszügen miteinander kämpften. Seine Augen glitzerten feucht. Ob von Tränen oder aufgrund der Kälte, war nicht festzustellen. Er war völlig überreizt, hatte, wie es aussah, seit mindestens 48 Stunden nicht mehr geschlafen und explodierte schier vor neuen überwältigenden Eindrücken.

»Was soll ich euch erzählen«, stammelte er. Aber das war eine rhetorische, an sich selbst gerichtete Frage. »Mein Gott im Himmel!«

»Was ist mit dem Shuttle?«, fragte Jennifer.

»Wo ist Joonas?«, hakte ich nach.

Er sah uns verwundert an. Mitten in seinen durcheinanderhaspelnden fahrigen Bewegungen blieb er für eine Sekunde hängen wie eingefroren. Er starrte uns an wie zwei Wahnsinnige. Wir waren bescheuert. Wir waren nicht mehr zurechnungsfähig. Wir waren geisteskrank. Wir hatten Gedanken für solche Dinge!

»Dies hier ...« Er baute sich martialisch vor uns auf, deutete mit beiden Händen auf den flachen Geröllboden und sah autoritär von mir zu Jennifer und wieder zurück. »Dies ist die mit Abstand, die, was sage ich, mit weitem Abstand... Ich fliege seit über dreißig Jahren auf der MARQUIS DE LAPLACE, aber nicht annähernd ...« Er brach wieder ab. »Kommen Sie«, sagte er dann.

Er sah aus, als hätte er uns am liebsten einen Spaten in die Hand gedrückt. Ohne auf uns zu warten, stiefelte er auf die Termitentürme zu, die jetzt in bedrohlicher Nähe ihre stumpfen Kegel in den Himmel erhoben. Wir standen unschlüssig zwischen den Bergen von Equipment, die die Umgebung des Camps überfluteten. Da ergab sich eine Bewegung in einem der Segmente des Kuppelzeltes. Der pneumatische Eingang wurde geöffnet, und ein Mann im weißen Pilotendress, ebenfalls ohne Helm, kam auf uns zu. Es war Joonas Jyväläinen. Ich kannte ihn vom Sehen. Er war groß, schlank, blond. Ein harmloses Dressman-Gesicht. Einer dieser nachgeordneten Piloten, die nie ein eigenes Kommando bekommen haben, sondern ihre Tage damit fristen, kleine Shuttles und EVAs zu steuern. Die Fußtruppen der interstellaren Exploration. Als er uns sah und unsere Rangabzeichen entzifferte, salutierte er. Ich wischte das mit einer Handbewegung weg, faßte ihn am Arm und zog ihn ein paar Schritte beiseite. Jennifer kümmerte sich um Rogers, der enttäuscht von dem Ensemble der schwarzen Schlote zurückkam und sich erkundigte, warum wir ihm nicht folgten. Ich hörte, wie sie ihn aufforderte, sich zu beruhigen. Sie konnte das. Dann widmete ich mich Joonas, den ich einer ausführlichen Fragestunde unterwarf.

Kapitel 3

»Die Situation ist wirklich prekär. Wir haben nicht die Ansätze einer Hypothese, was es sein könnte. Ein Kraftfeld, eine magnetische Barriere, Überreste einer militärischen Abschirmeinrichtung, atmosphärische oder lithosphärische Einflüsse. Sonderbarerweise funktionieren die ganz primitiven Geräte, die Taschenlampe, die Umwälzpumpe, die für frische Luft sorgt, die Elastalsieder und selbstwärmenden Mahlzeiten.«

Hier hob er zur Demonstration seinen Plastinbecher, in dem frischer Kaffee dampfte. Auch wir hielten heiße Getränke in den Händen und wärmten uns die Finger in ihrem Dampf.

Wir hockten im großen Kuppelzelt beieinander. Irgendwie war es Jennifer gelungen, Rogers davon zu überzeugen, dass ein Besuch der Termitenburg noch Zeit hatte, vielleicht sogar noch aufgeschoben werden musste, solange wir so wenig Klarheit über unsere Lage und die Beschaffenheit unserer Umgebung hatten. Er saß nun schmollend und mit allen Zeichen der Ungeduld auf seinem Klappstuhl, mischte sich aber wenigstens nicht in unser Briefing mit Joonas ein.

»Zugleich«, fuhr dieser fort, »ist es auch ein bisschen paradox. Denn alle unsere Messinstrumente sind ebenfalls ausgefallen. Es gibt also kaum eine Möglichkeit, herauszufinden, welchen Einflüssen wir hier unterworfen sein könnten.«

Eine stärkere Windböe schüttelte das Zelt, dessen starre Planen knallten und krachten. Der Dampf, der aus unseren Bechern aufstieg, wurde in eckigen Bewegungen hin- und hergeschoben. Jennifers Haar verselbstständigte sich und schlängelte sich seltsam um ihren Nacken. Dann war es wieder still. Rogers seufzte laut wie ein Kind, das zum Stillsitzen verdonnert wurde und sich demonstrativ langweilt.

»Wir gleichen jemandem, der gestolpert ist und dabei die Brille verloren hat«, sagte Jennifer. »Jetzt kriecht er über den Boden und versucht herauszufinden, woran er sich gestoßen hat.«

Diese Metapher erinnerte mich an unseren Gang von der ENTHYMESIS hierher und damit auch an den Explorer selbst.

»Gewöhnliche Glühbirnen brennen«, sagte Joonas gerade, der kopfschüttelnd in einer Art verzweifeltem Selbstgespräch gefangen war, »aber Opto-Chips und Laser nicht. Der Schutzgott dieses Planeten scheint ein besonders penibler Geist zu sein.«

Während er zum dritten Mal seine Variante des Absturzes und der Notlandung schilderte und sich mit Jenny über spezielle pilotische Details austauschte, nahm ich die große konventionelle Lampe von dem wackligen Klapptisch und ging hinaus. Rogers war im Begriff aufzuspringen und mir zu folgen, um mir endlich die Termitenburg zu zeigen, aber ich hielt ihn mit einer Handbewegung zurück. Er setzte wieder sein Schmollgesicht auf und ließ sich auf seinen Hocker plumpsen. Jennifer zwinkerte mir zu, ohne ihr Gespräch mit Joonas zu unterbrechen; sie wusste, was ich vorhatte.

Ich duckte mich durch die pneumatische Schleuse und trat ins Freie. Die letzten bogenförmigen Ausläufer der toten Sonne waren untergegangen. Die Dämmerung hatte sich dadurch geringfügig vertieft. Wenn man auf den Boden sah und den Augen Zeit ließ, sich an das schwache und zugleich diffuse Licht zu gewöhnen, schienen die Felsbrocken in intensivem Violett zu leuchten. Wie faust- oder kopfgroße Kristalle von Permanganat nahm ihr dichtes Schwarz dann einen geheimnisvoll um die Bruchkanten spielenden Purpurton an. Im Norden waren einige Sterne sichtbar geworden. Von den wenigen streifigen Wolken, die den Himmel verkratzten, war der zinnoberrote Nachhall des unwirklichen Sonnenuntergangs abgefallen. Sie zogen sich in stumpfem Kobaltblau über den Zenit, der nach Süden und Westen hin in unwesentlich helleres Blaugrau überging. Der Wind schien mir aufzufrischen. In plötzlichen eruptiven Böen rempelte und stieß er die Planen des Kuppelzeltes. Ich stolperte einige Schritte weit ins Geröll hinaus, um mich aus dem Lichtkreis, der das kleine Camp umgab, zu lösen. Dann drehte ich die Lampe auf höchste Stufe, blendete die Seitenklappen ab und fokussierte das Frontokular auf unendlich. In der Ferne stand die ENTHYMESIS, ein geduckter breitschultriger Riesenkäfer, der den Schädel erschöpft auf die Erde streckte. Ich projizierte den Lichtkegel auf Brücke und Messe. Es dauerte nur wenige Augenblicke, dann glomm auch auf Höhe der Messe ein heller Lichtpunkt auf. Jemand musste nicht nur zufällig herübergesehen, sondern schon auf uns gewartet haben.

»Alles OK«, morste ich im Friedenscode der Union, um niemanden zu beunruhigen. »Nachkommen zum Campmeeting.«

Das war eine stehende Befehlsfloskel, hinter der sich ein ganzes Handbuch an mitzubringendem Material und zu treffenden Vorsichtsmaßnahmen verbarg. Nach einigem Überlegen setzte ich noch hinzu: »1 TI WO.«

Das hieß, dass Jones, der Technische Ingenieur, als Wachhabender Offizier an Bord bleiben sollte. Ich konnte mir hier draußen zwar keinerlei Bedrohung vorstellen, die es erforderlich machte, die Brücke besetzt zu lassen – zumal das Schiff tot war und sein Besitz im Moment kaum einen Wert darstellte -, aber ich hatte die Ausbildung der Akademie durchlaufen, die für solche Situationen vor allem darauf abhebt, das einzukalkulieren, was man sich nicht vorstellen kann. Außerdem ging mir sein ständiges geistfeindliches Genörgel auf die Nerven.

Ich morste die Zeichenfolge, die besagte, dass die Durchgabe beendet sei, und wartete ab. Von drüben kam die Bestätigung. Mit ausgeschalteter Lampe stand ich im Geröll, kalten Wind im Gesicht. Außer dem Stöhnen des Zeltes, das sich in seinen Verankerungen hin und her warf, war nichts zu hören. Mir kam zu Bewusstsein, dass ich seit mehreren Jahren nicht mehr im Freien, an der frischen Luft gewesen war. Nach irdischen Zeitmaßstäben, die die MARQUIS DE LAPLACE im Einsatz freilich stark deformierte, hatten wir uns ein ganzes Dezennium nur in der künstlichen Atmosphäre des Mutterschiffes, der Explorer oder – bei Exkursionen – der Raumanzüge aufgehalten. Jetzt, als die nächtlichen Böen mir das Haar in die Stirn warfen und wie kleine Kinder an meinem Anzug zerrten, begriff ich erst, wie sehr ich das vermisst hatte. Eine starke Sehnsucht kam in mir auf, eine Mischung aus Heim- und Fernweh – Heimweh nach der Erde und Fernweh nach ihren großen Wüsten, Gebirgen und Wildnissen. Mit körperlichem Schmerz, einem flauen Sog in der Magengegend, entbehrte ich plötzlich die Möglichkeit, bei ähnlich diffusem Licht wie hier eine Stunde vor Sonnenaufgang mit knirschenden Eisen einen Gletscher hinaufzusteigen oder am Abend in der tropischen Dämmerung am Ufer eines Ozeans zu stehen und auf die graue Brandung hinauszusehen.

An der ENTHYMESIS entstand eine Bewegung, die mich aus meinen melancholischen Träumereien riss. Kleine Lichtpunkte wurden im Bereich der hinteren Luftschleuse sichtbar und begannen sich entlang der Stelze nach unten zu bewegen. Sie erreichten den Grund und kamen ohne Verzögerung auf mich zu. Bald erkannte ich zwei Astronauten in weißen Raumanzügen, die schwer bepackt über die Ebene stolperten. Sie trugen keine Helme. Also mussten sie gesehen haben, dass ich ebenfalls keinen mehr aufhatte. Dazu gehörten sehr gute Augen. Oder sie hatten eine Möglichkeit gefunden, die Distanz zu überwinden, ohne den optischen Zoom der Automatik in Anspruch zu nehmen.

Jemand kam durch die Schleuse aus dem Zelt. An ihren Schritten erkannte ich Jennifer, die sich neben mir aufpflanzte und sich an meine linke Schulter hängte. Mit einem Blick erfasste sie die Situation.

»Willst du ihnen nicht entgegen gehen?«, fragte sie. Sie kannte die Ausrüstung, die Lambert und Legrand jetzt herüberzuschleppen hatten.

»Ich halte gerade meine Autorität aufrecht«, begründete ich meine Untätigkeit. »Der Kommandant kann in kritischen Momenten auch mal Hand anlegen, aber ansonsten beschränkt er sich darauf, zu delegieren.«

»Trägst du schwer an deiner Verantwortung?«, hakte sie nach, und es war nicht ganz klar, ob das besorgt oder einfach nur sarkastisch gemeint war.

Ich beschloss, die Erkundigung ernst zu nehmen.

»Die Verantwortung liegt in letzter Instanz bei Rogers«, führte ich aus. »Er ist zum einen schuld daran, dass wir überhaupt hier sind, zweitens ist er mir im Dienstgrad vorgeordnet und drittens als Chef der Planetarischen Abteilung sowieso für alles zuständig, was in dem Moment passiert, da wir die MARQUIS DE LAPLACE verlassen.«

»Du wäschst deine Hände in Unschuld«, stellte sie fest.

Ich sah zu, wie die beiden Gestalten sich über das steinige Gelände auf uns zu bewegten.

»Die Wasserversorgung wird langfristig eines der größten Probleme«, merkte ich noch an.

Jennifer boxte mich in die Seite und marschierte dann in die Ebene hinaus, um ihren beiden Kameraden zu helfen, die sich mit dem Equipment quälten. Einige Minuten später kamen die drei im Lager an. Jetzt verließ auch Joonas das große Zelt, um mit anzupacken. Nur von Rogers war einstweilen nichts zu sehen. Ich sprach mit Legrand, der ziemlich ausgepumpt wirkte, kurz die Einzelheiten ab, dann errichteten wir einige zusätzliche selbstaufblasende pneumatische Kuppeln, die wir mit Schlafsäcken und Liegematten ausstatteten. Schnell wuchs ein kleines Zeltdorf aus dem schwarzvioletten Geröll auf, das genügend Wohn- und Schlafgelegenheiten bot. Gemeinsam mit dem, das Rogers und Jyväläinen im Shuttle mitgebracht hatten, verfügten wir jetzt auch über eine ganze Menge an technischer Ausrüstung. Wir konnten daran gehen, eine Art Inventur durchzuführen.

»Das ist doch wirklich zu dämlich«, sagte Jennifer. »Man könnte meinen, der Störfaktor, der hier herrscht, sei ein besonders pingeliger und verbohrter Verwaltungsbeamter.« Sie wandte sich an Rogers, der gemeinsam mit Jyväläinen einen Allzweckscanner untersuchte.

»Haben Sie denn eine Hypothese, Sir? Schließlich ist das nicht der erste fremdartige Planet, den Sie untersuchen, und Sie sind auch schon sechsunddreißig Stunden länger hier als wir.«

Der Alte schien sich damit abgefunden zu haben, dass im Moment keiner von uns Interesse für die Termitenburg aufbrachte, sondern wir uns zunächst darum kümmerten, wie wir hier in den nächsten Tagen überleben konnten. Außerdem hatte er begriffen, dass es bereits einen Kompromiss zwischen Forschertätigkeit und Evakuierungs-bemühungen darstellte, dass wir das Camp errichtet hatten. Wir hätten uns schließlich auch in der ENTHYMESIS verschanzen und uns um deren Instandsetzung bemühen können. Er beteiligte sich also brav an unseren in Zweiergruppen durchgeführten Versuchen, einige technische Alltagsgegenstände wieder in Gang zu bringen und aus den Erfolgen, die dies eventuell zeitigte, Rückschlüsse auf die Störung zu ziehen, die 3Alpha-X aussandte.

»Eine Hypothese habe ich nicht«, sagte er und hielt den Scanner fest, während Joonas dessen Unterseite aufschraubte. »Allenfalls eine Faustregel. Je primitiver ein Gerät, desto größer ist die Chance, dass es noch funktioniert oder sich wieder in Betrieb nehmen lässt.«

»Dann machen wir uns doch gleich mal an die Nutzanwendung«, nickte Jennifer. Sie hatte ihren Helm zwischen den Knien und begann, assistiert von Jill, dessen Innenleben freizulegen. Als sie die Schnittstellen der Automatik, die die Lebensfunktionen des Anzugträgers kontrollierten, überbrückte und die Helmlampe mit der Stromquelle kurzschloss, flammte das Halogenlicht auf, als wäre nichts gewesen.

»Wie bei der Taschenlampe«, sagte Joonas, der interessiert zugesehen hatte.

»Ja«, stimmte Jennifer zu. »Strom fließt ohne Weiteres.« Sie schloss die Abdeckung wieder, nachdem sie die sinnlos gewordenen hochentwickelten Bauteile im Inneren des Helmes verstaut hatte.

»Strom fließt«, meldete Legrand sich zu Wort, der mir irgendeine Pump- und Filtervorrichtung in die Hand gedrückt hatte, an der er nun herumdokterte. »Bloß bei den sensibleren elektronischen Bauteilen wird es kritisch.«

»Das lässt«, dachte ich laut nach, um auch etwas zum Gespräch beizutragen, »an einen elektromagnetischen Impuls denken, wie er bei thermischen Explosionen freigesetzt wird.« Wie eine gut geschulte Oberschwester reichte ich Legrand Schraubenzieher und Imbusschlüssel, mit denen er an der Maschinerie operierte.

»Jenny«, fragte ich dann. »Wie war das beim Eintritt in die Atmosphäre genau? Hattest du den Eindruck eines schockartigen Ausfalls der Instrumente oder gaben sie eher allmählich den Geist auf?«

Sie hatte jetzt die Oberseite des Helmes geöffnet und dort ebenfalls einen ganzen Wust von Kleinteilen ausgebaut, die Jill auf der flachen Hand sortierte. Anscheinend untersuchte sie, ob sich das Visier wieder mit Strom versehen ließ. Dann könnten wir die Helme bei geöffneter Sichtklappe zum Schutz gegen die kalten Winde tragen, wenn wir im Freien unterwegs waren.

»Es war eher ein Übergangsfeld«, antwortete sie. »Nichts Schlagartiges jedenfalls.« Sie überlegte einen Moment, als müsse sie sich die dramatischen Augenblicke unseres Beinahe-Absturzes erst wieder vergegenwärtigen und zugleich nach den richtigen Worten für die überstürzten Vorgänge suchen.

»Es war wie ein Eindringen in einen Widerstand«, sagte sie nachdenklich. »Nicht direkt ein physischer, mechanischer Widerstand, sondern eine Art geistiger  ...«

»Der Planet will nicht, dass man ihn betritt«, wurde sie von Jill unterbrochen. Es hatte mich schon gewundert, dass diese sich bisher so friedlich und gefasst verhalten hatte. »Bestimmt ist es ein Schutzschild, das Eindringlinge abhalten soll!«

»Diese Feldtheorie«, nahm ich Jennifers Worte auf, ohne auf Lamberts Einwürfe einzugehen, »spräche gegen einen Impuls.« Ich sah ratlos zu Rogers hinüber, der sich aber gerade darauf konzentrierte, einige winzige elektronische Bauteile im Auge zu behalten, die Joonas mit der Pinzette aus dem ausgeweideten Gerät herauszog.

»Gibt es einen Impuls, der stetig ist?«, wandte ich mich damit an Legrand, auch wenn es mich Überwindung kostete, ihn so direkt um Auskunft zu bitten. Ich brachte es nur fertig, weil ich hoffte, dass Jennifer genau diese Überwindung spüren und mich in ihrem Herzen dafür loben würde. Freilich war sie gerade  intensiv mit ihrem Helm beschäftigt.

»Es sind natürlich starke Felder denkbar«, gab mein Wissenschaftlicher Offizier bereitwillig Auskunft, »die einem verstetigten Impuls entsprechen könnten; auch wenn es auf begrifflicher Ebene ein Widerspruch ist.«

»Mhm«, machte ich. Ich musste mich erst noch von der Anstrengung der Selbstüberwindung erholen. Außerdem hatte ich natürlich kein Wort verstanden.

»Hierzu wäre es wichtig«, sagte Rogers plötzlich, ohne von seinem Gefummel aufzusehen, »dass wir herausfinden, ob die empfindlicheren Bauteile, die offensichtlich als einzige ausgefallen sind, zerstört wurden oder ob sie prinzipiell intakt sind und nur aus irgendwelchen anderen Gründen nicht funktionieren.«

Legrand nickte zustimmend. »Richtig«, sagte er. »Dazu fehlen uns aber wiederum die Messinstrumente.«

»Sag ich ja«, warf Joonas ein. »Es ist wirklich verflixt. Wir haben Mikroskope, aber wir können sie nicht einsetzen, weil sie auf Elektronenstrahlen basieren. So können wir die Bauteile nicht überprüfen. Wir können sie aber auch nicht durchmessen, weil wir dazu Geräte bräuchten, die selbst auf elektronische Bauteile angewiesen sind.«

»Wir könnten nun«, sagte Legrand, »ein systematisches Programm nach trial and error entwerfen, in dem wir einzukreisen versuchen, bis zu welcher Größe, Komplexität, etcetera, Apparate noch funktionieren. Damit könnten wir uns an die Wellenlänge einer möglichen störenden Strahlung oder an die sonstige Beschaffenheit der Störung herantasten.«

»Glauben Sie, dass wir hier gefährlicher Strahlung ausgesetzt sind?«, fragte Jill erschrocken.

»Nein«, antwortete Rogers glücklicherweise sofort. »Jede lokale oder globale Strahlungsquelle wäre von den Drohnen im Vorfeld aufgespürt worden. Ich akzeptiere Begriffe wie Feld, Strahlung, Impuls zum gegenwärtigen Zeitpunkt allenfalls in metaphorischer Hinsicht.« Er ließ eine Pause entstehen und wartete, bis alle in der Runde von ihren Handarbeiten aufgesehen und ihn ihrer Aufmerksamkeit versichert hatten. Es wurde ganz still im Zelt. Nur bisweilen flappten die Planen unter einem Windstoß.

»Womit wir es hier zu tun haben«, sagte Rogers unerwartet ernst, »ist viel schlimmer als Radioaktivität oder Röntgenstrahlen – wir wissen nämlich nicht, was es ist. Wir sehen uns dem Unbekannten gegenüber. Aber es hat sich unserer gesamten drohnengestützten Vorfeldaufklärung entzogen. Gleichzeitig ist es in der Lage, selbst die Abschirmung eines Explorers der ENTHYMESIS-Klasse zu durchdringen und diesen in Augenblicken lahmzulegen.« Er fasste mich scharf ins Auge. »Auch das ist übrigens etwas, was mir in dreißig Jahren interstellarer Erkundungen nicht vorgekommen ist.« Er hielt Joonas mit der Pinzette eine winzige OptoDiode hin. »Sonderbarerweise«, fügte er noch hinzu, »beunruhigt mich das alles nicht im Geringsten. Sie mögen mich gerne für frivol halten. Ich bin überzeugt, dass wir hier nicht der allerkleinsten Gefahr ausgesetzt sind. Aber Sie wollen sich den eigentlichen Fund ja gar nicht ansehen.«

»Sagen Sie uns, was Sie wissen«, forderte Jennifer ihn überraschend schroff auf. »Und spannen Sie uns nicht so auf die Folter. Inwieweit ist es für unsere Situation hier relevant?«

»Das weiß ich noch nicht«, säuselte der Alte mit verklärter Miene. »Aber Sie müssen es sehen!«

Wenig später verabschiedeten wir uns und wünschten einander eine gute Nacht. Rogers und Jyväläinen blieben im großen Kuppelzelt, wo sie sich bereits häuslich eingerichtet hatten. Wir anderen gingen hinaus und verteilten uns auf die kleineren Schlafkuppeln. Jill warf einen ängstlichen Blick zur Termitenburg hinüber und schlüpfte dann rasch, wimmernde Töne ausstoßend, in ihr winziges Zelt. Auch Legrand kroch in eine der Einmann-Elastal-Blasen. Wir blieben allein zurück. Fröstelnd standen wir im Halbdunkel, in der kühlen Nacht von 3Alpha-X.

»Schon ein bisschen unheimlich«, flüsterte Jennifer, »findest du nicht?«

Sie sah zu den schwarzen Schloten hinüber, die keine fünfzig Schritte entfernt ihre hohlen, teilweise zertrümmerten Zähne in den farblosen Himmel reckten. Der Wind zischelte und heulte um die schlanken Gesteinsspitzen, die wie die ausgebrannten Kamine einer zerbombten Fabrikanlage wirkten.

»Glaubst du wirklich«, fragte Jenny, »dass davon keine Gefahr ausgeht?«

»Rogers hat das Gelände untersucht«, sagte ich müde. »Ich verlasse mich auf ihn.«

»Und du bist überhaupt nicht neugierig?«

»Wahrscheinlich ist es irgendeine wahnsinnig seltene geologische Formation«, improvisierte ich, »die im bekannten Universum nur dreimal vorkommt, aber noch nie in dieser speziellen Schichtfolge. Wenn Planetologen in Begeisterung ausbrechen, ist immer Skepsis geboten. In der Regel kann man als Laie nicht einmal nachvollziehen, was sie in solche Euphorie versetzt. Wir sehen es uns morgen an.«

Und damit zog ich den pneumatischen Eingang auf und kroch in unser romantisches Zweipersonen-Zelt. Jennifer kam mir nach, versiegelte den Eingang und schaltete die Stirnlampe ihres Helmes an, den sie am Fußende ihrer Liegematte auf den Boden stellte. Sie verbreitete ein schwaches indirektes Licht, in dem wir uns, nebeneinander auf unseren gravimetrischen Matratzen hockend, schweigend auszogen. Die stabilisierenden Streben dieser kleinen Pionierzelte sind normalerweise selbstleuchtend, aber anscheinend mussten wir auch hier zuerst irgendeine Kontrollautomatik überbrücken, um sie in Gang zu bringen. Wir fielen in die Frühzeiten der Elektrifizierung zurück. Allerdings war es die Frage, ob sich die Mühe bei jedem einzelnen Alltagsgegenstand lohnte.

»Wie willst du weiter vorgehen?«, fragte Jennifer und traf damit erstaunlich genau meinen eigenen Gedankengang. Sie hatte den Anzug abgestreift und war in der langen, normalerweise selbstregulierenden Unterwäsche aus künstlicher »intelligenter« Seide in den Schlafsack geschlüpft.

»Hm«, machte ich, stieg ins Bett und streckte mich lang aus. »Ich