Reisebriefe vom Kriegsschauplatz Böhmen - Theodor Fontane - ebook

Reisebriefe vom Kriegsschauplatz Böhmen ebook

Theodor Fontane

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Opis

Fontanes gesammelte Aufzeichnungen seiner Reisen in das Böhmen nach dem großen Feldzug 1866. Er berichtet u.a. aus Prag, Podoll, Gitschin und Münchengrätz.

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Reisebriefe vom Kriegsschauplatz Böhmen 1866

Theodor Fontane

Inhalt:

Theodor Fontane – Biografie und Bibliografie

Reisebriefe vom Kriegsschauplatz Böhmen 1866

I Dresden

II Nach Prag

III Ankunft in Prag. Im »Alten Ungeld«

IV Prag

V Fahrt durchs Land

VI Land und Leute

VII Podoll

VIII Münchengrätz

IX Nach Gitschin

X Gitschin

XI Sadowa-Chlum

Reisebriefe vom Kriegsschauplatz Böhmen, T. Fontane

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849613037

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Theodor Fontane – Biografie und Bibliografie

Dichter und Essayist, geb. 30. Dez. 1819 in Neuruppin, gest. 20. Sept. 1898 in Berlin, war, ursprünglich zum Apotheker bestimmt, 1840–43 in der Neubertschen und Struveschen Apotheke in Leipzig und Dresden tätig und machte während dieser Zeit wichtige literarische Bekanntschaften. 1844 bereiste er England, ließ sich dann in Berlin nieder, wo er sich seit 1849 ausschließlich literarischer Tätigkeit widmete. 1852 unternahm er eine zweite Reise nach England, um die altenglische Balladenliteratur an Ort und Stelle zu studieren; es entstand daraus: »Ein Sommer in London« (Dessau 1854). Ein dritter Aufenthalt da selbst (1855–59) war dem Studium der englischen Theater, Kunst und Literatur gewidmet; seine Frucht war: »Aus England. Studien und Briefe« (Stuttg. 1860) und »Jenseits des Tweed. Bilder und Briefe aus Schottland« (Berl. 1860, zusammen mit »Ein Sommer in London« nach Fontanes Tod neu herausgegeben u. d. T.: »Aus England und Schottland«, das. 1899). Von 1860–70 war F. Redakteur des englischen Teiles an der »Neuen Preußischen Zeitung«, daneben durchreiste er seine Heimat, die Mark Brandenburg, durchforschte ihre Städte, Dörfer, Klöster und Schlachtfelder, woraus seine klassischen, in vielen Auflagen erschienenen »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« (Berl. 1862–82, 4 Bde.) entstanden. Später beschrieb er die Waffenerfolge des preußischen Heeres in Schleswig und Böhmen: »Der schleswig-holsteinische Krieg im Jahr 1864« (Berl. 1866) und »Der deutsche Krieg von 1866« (das. 1869–71, 2 Bde.; 2. Aufl. 1871), besuchte 1870 den Kriegsschauplatz in Frankreich und wurde Anfang Oktober in Domremy von Franktireurs gefangen genommen und erst nach drei Monaten vieler Leiden wieder freigelassen. Seine Erlebnisse schilderte er mit ergreifender Kunst in dem Werke: »Kriegsgefangen. Erlebtes 1870« (Berl. 1871, 6. Aufl. 1904). Später schrieb er: »Aus den Tagen der Okkupation; eine Osterreise durch Nordfrankreich und Elsaß-Lothringen« (Berl. 1872, 2 Bde.); »Der Krieg gegen Frankreich 1870–1871« (das. 1874–76, 2 Bde.). Auch als origineller Theaterkritiker (für die Vossische Zeitung) genoss F. großes Ansehen (1870–1890). Wegen seiner Verdienste um die deutsche Dichtkunst wurde ihm 1891, da der Schillerpreis nicht verteilt werden konnte, vom deutschen Kaiser eine Prämie von 3000 Mark verliehen. 1894 ernannte ihn die philosophische Fakultät der Berliner Universität zum Ehrendoktor. Als Dichter ist F. schon 1851 mit »Gedichten« (8. Aufl., Stuttg. 1902) hervorgetreten, doch ist er erst im Alter zu größeren Erfolgen als Erzähler gelangt. Seine »Balladen« (Berl. 1861) zeichnen sich durch große Kraft in der knappsten sprachlichen Form aus. Seine lyrische Muse ist spröde und weich zugleich, darum trifft sie den Soldatenton so gut. Sein origineller Prosastil ist von großer Anschaulichkeit, natürlich und farbenreich. F. erzählt realistisch treu bis zur Rücksichtslosigkeit und doch voller Gemüt. Er wird herb, um ja nicht sentimental zu erscheinen, sein Humor ist echt plattdeutsch. In seinen Erzählungen hat er alle Gesellschaftsschichten Norddeutschlands geschildert; die hervorragendsten sind: »Vor dem Sturm«, Roman aus dem Winter 1812–13 (Berl. 1878, 4 Bde., 3. Aufl. 1898); die Novellen: »Grete Minde« (das. 1880), »Ellernklipp« (das. 1881), »L'Adultera« (Bresl. 1882, 4. Aufl. 1903), »Schach von Wuthenow« (Leipz. 1883, 4. Aufl. 1901); die Romane: »Graf Petöfy« (4. Aufl., das. 1903), »Unterm Birnbaum« (Berl. 1885), »Cecile« (das. 1887, 3. Aufl. 1900), »Irrungen, Wirrungen« (das. 1888, 8. Aufl. 1902), »Stine« (das. 1890, 4. Aufl. 1901),»Quitt« (das. 1891), »Unwiederbringlich« (das. 1891, 4. Aufl. 1902), »Frau Jenny Treibel« (das. 1892, 7. Aufl. 1903), »Effi Briest« (das. 1895, 11. Aufl. 1902), »Die Poggenbühls« (das. 1896, 6. Aufl. 1902) und »Der Stechlin« (das. 1899, 10. Aufl. 1903), »Von, vor und nach der Reise«, Plaudereien und kleine Geschichten (das. 1893). Ferner schrieb er: »Christ. Friedr. Scherenberg und das literarische Berlin von 1840–1860« (Berl. 1885) und »Meine Kinderjahre«, autobiographischer Roman (das. 1894, 4. Aufl. 1903), dazu als Fortsetzung: »Von Zwanzig bis Dreißig« (das. 1898). Die »Gesammelten Romane und Novellen« Fontanes erschienen in 12 Bänden (Berl. 1890–91). Aus seinem Nachlass gab Schlenther »Causerien über Theatereindrücke« heraus (Berl. 1904). Vgl. Servaes, Theo dor F. (Berl. 1900); Erich Schmidt, Charakteristiken, Bd. 2 (das. 1901).

Reisebriefe vom Kriegsschauplatz Böhmen 1866

I Dresden

Also nach dem Kriegsschauplatz! Die Wege waren geebnet und entgegenkommendes Vertrauen hatte mir sogar die »weiße Binde mit dem rothen Kreuz« eingehändigt. Sie war ein Freipaß, aber vielfach doch auch die Quelle von Beschämung und Verlegenheiten. »Wir wünschen Ihnen Glück zu Ihrem schönen Beruf«, mit diesen Worten nahm man im Coupé mehr denn einmal Abschied von mir, und dieser »schöne Beruf« bestand doch nur darin, gelegentlich über Kranke zu schreiben, nicht Kranke zu pflegen. Die weiße Binde führte auch zu diskreten Mittheilungen, die meine Situation fast noch peinlicher machten. Man appellirte, so zu sagen, an eine höhere Instanz. »Denken Sie sich, mein Neffe stürzt bei Königgrätz vom Pferde. Er fällt sich den Arm aus, schlimm genug, aber der Doktor nimmt es für Knochenbruch. Also Gypsverband. Ach, diese ewigen Gypsverbände! Nun liegt der arme Junge in Magdeburg und verbringt seine Tage zwischen Chloroform und Flaschenzug.« Gegen Mittag lag Dresden im Sonnenscheine vor uns. Es scheint mein Schicksal, immer nur im Gefolge preußischer Regimenter in die sächsische Hauptstadt einzuziehen. Zuletzt 1849. Die Maitage waren damals eben vorüber, die Granitstein-Barrikaden Sempers eben weggeräumt und die an Eisenstangen hängenden Gewerks- und Wirthshausschilder in der Scheffelgasse waren von preußischen Kugeln noch wie durchsiebt.

Das war vor siebzehn Jahren. Heute fehlten die Kugelspuren, und doch eine eroberte Stadt! Die Neustädter Wache war von 24er Landwehr besetzt und eine mächtige schwarzweiße Fahne hing vom Dach bis zu den Treppenstufen nieder. Ein leiser Wind bauschte sie auf, wie ein Segel. Nun, Glück auf und gute Fahrt!

Wir nahmen Quartier im Hotel Bellevue. Oberst v. Mertens (der Befestiger Düppel-Alsens) war mit zu Tisch; an der Wand uns gegenüber befanden sich drei Konsolen und die Büsten König Johann's und seiner beiden Prinzen sahen auf die bunte Reihe preußischer Uniformen nieder.

Erster Ausflug natürlich auf die Brühl'sche Terrasse. Ich fand hier Alles schwärzer, rußiger geworden, nichts von der Heiterkeit und Eleganz, die sonst hier wohl ihre Stätte hatten. Aber die Aussicht war schöner denn je. Nach beiden Seiten hin hat sie gewonnen, nach rechts hin durch die drei großen weißschimmernden Schloßbauten, die den Namen der Albrechts-Burgen führen, nach links hin durch die schöne Eisenbahnbrücke, die – ähnlich wie die Glienicker Brücke bei Potsdam – eine überaus malerische Linie durch den Strom zieht.

Das Dresdener Leben scheint sich seit den vierziger Jahren immer mehr an das Elbufer gezogen zu haben. Das Hotel Bellevue ist entstanden, das bescheidene »italienische Dörfchen« ist zu einer großen Anlage geworden, die Bildergallerie – und das ist die Hauptsache – hat ihren Platz auf dem Neumarkt aufgegeben und sich in einem neu und prächtig errichteten »Museum«, das die beiden alten Zwinger-Flügel verbindet, niedergelassen. Ein Regenschauer gab mir anderen Tages eine erwünschte Gelegenheit zu einem flüchtigen Besuch der Gallerie. Ich begnügte mich mit einem Anschauen der bekannten Prachtstücke und zwischen den beiden Madonnen, der deutschen und der italienischen, schritt ich durch die lange Reihe der Säle ein paar Mal auf und ab. Ueber die Sixtina, die ja immer wieder dazu auffordert, in ihre tiefdunklen, dabei in beinahe hektischem Glanze leuchtenden Augen eine Welt hineinzugeheimnissen, kein Wort weiter; aber über die Holbein'sche Madonna eine kurze Bemerkung. Die Stiche, selbst die besten, geben den Ausdruck ihres Kopfes nur unvollkommen wieder. In all diesen Nachbildungen überwiegt ein strenger, deutsch-matronenhafter, fast ans Hausmütterlich-Philiströse streifender Zug, während das Original vor Allem auch einen Zug von höherer Schönheit, Lieblichkeit und selbst Jugendlichkeit aufweist, wodurch die Gesammt-Erscheinung, aus dem blos Hausmütterlichen heraustretend, erst in Wahrheit zur Madonna wird. Die preußische Herrschaft ist inzwischen noch einen Schritt weiter gegangen und hat den weiten unregelmäßigen Platz, der zwischen Schloß, Theater und Zwinger liegt, zu einem Parade- und Exerzierplatz umgeschaffen. Erst ein Märkisches (Ruppin), dann ein Thüringisches (Erfurt) Landwehr-Bataillon schwenkte in Zügen und Halbzügen auf und ab, wobei die preußischen Trommeln von einem neu-kreirten Musik-Corps nothdürftige Unterstützung empfingen. Von Publikum hatte sich wenig eingefunden. Vielleicht war der Sonnenbrand Schuld. Andere sagen, die Dresdener grollten, daß man ihnen nicht einmal eine volle Regiments-Kapelle zurückgelassen habe.

Wir nahmen einen Wagen und fuhren in den großen Garten, dann rechts hinüber in den Plauenschen Grund. Die Befestigungen, die den großen Garten dicht umzirken, mögen dem sächsischen Auge eine Pein sein, aber nirgends hat der Garten selbst unter diesen Anlagen gelitten. An einzelnen Punkten stiegen wir aus und gesellten uns zu den kaffeetrinkenden Gruppen. Ein Gespräch vermieden wir. Was uns immer wieder und wieder auffiel, war eine gewisse Kärglichkeit der äußeren Erscheinung. Ich wählte absichtlich diesen mildesten Ausdruck, weil ich ein tiefes Mitgefühl mit den Sachsen habe und weil ich die ohnehin Schwergekränkten nicht auch noch durch Bemerkungen über ihr Aeußerliches (worin die Menschen immer am empfindlichsten sind) kränken möchte. Aber es läßt sich die Sache nicht ganz verschweigen. Man begegnet – nicht in einzelnen Exemplaren, sondern gruppenweise – völlig aztekenhaften Erscheinungen und es drängt sich Einem mehr und mehr auf, daß diese stagnirenden Verhältnisse durchaus eines starken Luftstroms von außen her, einer Regeneration bedürfen. Es ist wahr, daß diese Dinge, wie richtig die unmittelbare Beobachtung sein mag, dennoch oft täuschen. In einzelnen Schweizer-Kantonen hat man der kleinen, hageren, blutlosen Bevölkerung gegenüber, auch den Eindruck des Degenerirten und trotz alledem sind es – Schweizer. Auch die Sachsen, in so vielen Kämpfen bewährt, dürfen eben jetzt wieder auf die Tage von Gitschin und Königgrätz hinweisen, wo sie musterhaft alle soldatischen Tugenden geübt, aber es ist eine alte Wahrnehmung aus Römertagen her, daß das, was sich bis zuletzt hält, bis zuletzt die Kraft vergangener Zeiten repräsentirt, das Heer ist. Eine Armee kann noch Nerv haben, wenn das Volk als Ganzes längst um diesen Nerv gekommen ist.

Wir kehrten in die Stadt zurück. Die sonst so entgegenkommende Bevölkerung – die übrigens auch jetzt an ihrer traditionellen Höflichkeit festhält – bewährte überall eine sehr reservirte Haltung. Ich muß das loben und ich begreife meine Landsleute nicht, die beständig über Abwehr, kalte Glätte oder gar über Tücke klagen. Es will mir durchaus erscheinen, daß die Beklagten in dieser Kontroverse mehr Recht haben, als die Kläger, und daß es hart ist, von dem Besiegten die heitere Weltanschauung des Siegers zu verlangen. Unsere Soldaten verfahren dabei vollständig bona fide, aber dadurch wird die Sache um kein Haar breit geändert. Alle Preußen – auch die Malkontenten, die zu Haus eine beständige, ihren Nerven und ihrer Verdauung wohlthuende Opposition machen – sind im Grunde genommen stolz darauf, Preußen zu sein, und betrachten ihre Ueberlegenheit als etwas so Ausgemachtes und Weltkundiges, daß sie überall Böswilligkeit vermuthen, wo sie einer entgegenstehenden Stimmung begegnen. Sie sprechen in solchem Falle ohne Weiteres von Eigensinn und Tücke und thun nicht das Geringste, um der Empfindungswelt des Besiegten auch nur annähernd gerecht zu werden. Welche Bemerkungen habe ich äußern, welche kurzgefaßten Kritiken – ohne jede Rücksicht auf sächsische Ohren und Herzen – über die Table d'hote hinüber machen hören! und nicht etwa leise, sondern mit der ganzen, einschneidenden Deutlichkeit des märkisch-preußischen Accents. Alles wurde angezweifelt: Treue, Glauben, Sitte, selbst Herr v. Beust und – die Brühlsche Terrasse; und das Letztere wenigstens ist unerhört!

Unter allen Umständen aber sollten wir dessen eingedenk sein, daß es für gefrühstückte Leute leicht ist, über Hunger zu plaudern, und daß diejenigen, deren Patriotismus eben von einer guten Mahlzeit kommt, nicht allzu hart urtheilen sollten über diejenigen, deren Vaterlandsgefühl durch bittere Tage der Entbehrung gegangen ist.

II Nach Prag