Regensburg im Fadenkreuz - Rolf Peter Sloet - ebook

Regensburg im Fadenkreuz ebook

Rolf Peter Sloet

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Opis

Ein mysteriöser Scharfschütze tötet anscheinend grundlos Menschen an verschiedenen Orten in Deutschland. Erst als er einen Mann in Regensburg erschießt, erkennt die Polizei die Zusammenhänge. Und dann gerät Anita Schmöke, frisch ernannte Hauptkommissarin bei der Kripo Regensburg, in die Gewalt des Schützen und ihr Leben hängt an einem seidenen Faden. Eine ultrageheime Gruppe von Polizisten richtet Mädchenmörder und Drogendealer, die Camorra macht einem jungen Wirt ein Angebot, das er besser nicht ablehnen sollte, ein Rentner tötet seine Frau auf Verlangen und ein junger Student findet sich nach einem One-Night-Stand mit einer Unbekannten in einem Verlies wieder. Neunzehn spannende Kriminalgeschichten aus Regensburg, die man tunlichst nicht vor dem Einschlafen lesen sollte. Und wer meint, dass das Gute immer siegt und die Bösen bestraft werden, der wird sich wundern!

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Rolf Peter Sloet

Regensburg im Fadenkreuz

Kriminalgeschichten aus der Domstadt

Ich danke folgenden Personen: Meinem Freund Norbert, der für eine Geschichte seinen Namen zur Verfügung stellte, Herrn Riebel, der mir erlaubte, eine Geschichte in den Räumen seines Geschäfts spielen zu lassen und Frau Corinna Schaller, die mir wertvolle Informationen zum Steuerrecht gab. Mein Dank gilt insbesondere meiner Frau und meiner Tochter, die sich die Geschichten kritisch anhörten und mir viele gute Tipps gaben.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

ISBN 978-3-86646-350-9

© MZ-Buchverlag in der Battenberg Gietl Verlag GmbH, Regenstauf

Datenkonvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

www.gietl-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Inhalt

Im Fadenkreuz

Sie bekommen Ihre Rache!

Der Spanner

Crystal Meth

Norbert

Das Penthaus

Du hättest besser auf deine Frau aufpassen sollen!

Barek

Wiedervergeltung

Du stirbst jetzt!

Vernehmungen

Einen Espresso, bitte

Papa, ich muss aufs Klo!

Der Föhn

Der Lichtschacht

Breitling & Co

Der Kambodschaner

Das kleine, rote Coupé

Auszüge aus Anitas Tagebuch

Als Zugabe: Die Dreizehn

Vorwort

Bis auf Herrn Günter Riebel, den Juwelier aus Regensburg, sind alle Personen, die in meinen Geschichten vorkommen, frei erfunden. Ähnlichkeiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Wenn ich Wahrzeichen, Stadtteile und Straßen in Regensburg schildere, entsprechen diese nur soweit der Wirklichkeit, solange dadurch keine Rückschlüsse auf dort lebende Personen gezogen werden können. Aus dem Grund stimmen in der Regel Hausnummern und Beschreibungen von Häusern nicht, wenn in Geschichten Regensburger Straßen vorkommen.

Im Fadenkreuz

„Nachdem Jon nicht zurückgekommen ist, war ich so lange alleine“, weinte Melanie, „und jetzt gehst du und bestimmt kommst du auch nicht zurück.“ Sie war völlig verzweifelt und schlug ihre Hände vor das Gesicht.

Der Mann wollte zu ihr gehen, sie an sich ziehen und ihr zärtliche Worte ins Ohr flüstern, ihren Rücken streicheln. Aber das ging nicht. Es war die Zeit gekommen – die Zeit zu handeln.

„Ich verspreche dir, ich komme wieder.“ Die Worte kamen ihm fest und sicher von den Lippen. „Ich hoffe“, dachte er, „dass ich mein Versprechen halten kann. Und ich hoffe, es beruhigt sie.“

Er musste gehen, weil er wusste, warum Jon nicht zurückgekehrt war.

Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.

Melanie schaute nicht aus dem Fenster. Sie wollte nicht sehen, wie er fortfuhr. Lange saß sie auf der Couch und weinte. Schließlich schlief sie dort ein.

Der Mann fuhr bei der Auffahrt Straubing auf die A3 und erreichte nach etwas mehr als einer halben Stunde das Autobahnkreuz Regensburg. Dort bog er auf die A93 in Richtung Norden ab.

Seine erste Pause machte er kurz vor Berlin. Er trank etwas Wasser und aß zwei Müsliriegel. Dann zog er einen Zettel aus seiner Jackentasche und betrachtete ihn nachdenklich. Auf ihm standen fünf Namen:

Denis Oppermann

Mario Fischer

Gürsel Acatay

Peter Machmann

Gerhard Strom

Nachdem der Mann den Zettel wieder eingesteckt hatte, drehte er die Rückenlehne nach hinten und schlief genau dreißig Minuten tief und fest. Wie an den meisten Tagen im Dezember wehte auf Rügen ein steifer Wind aus Nordwesten, der viel Feuchtigkeit mit sich brachte. Die Temperatur lag bei vier Grad an diesem frühen Sonntagmorgen und die wenigen Leute, die unterwegs waren, trugen warme Wintersachen und Wollmützen.

Denis Oppermann hatte seine Laufsachen angezogen und strebte mit langen, lockeren Schritten über den sandigen Weg von Bakenberg in Richtung Strand. Rechts ließ er das Camp Mövenort liegen. Er erreichte die Treppe, die zum Strand führte, und lief, immer drei Stufen auf einmal nehmend, hinunter.

Am Ende der Treppe zog er sich bis auf eine kurze Laufhose aus und legte seine Sachen, die lange Laufhose, Schuhe, Funktionsshirt und -jacke, auf den kleinen Rucksack, den er sich bis dahin auf den Rücken geschnallt hatte. In ihm befanden sich eine zweite, kurze Laufhose und ein großes Handtuch.

Ruhig schritt Oppermann vor zum Wasser und ging, unbeeindruckt von den Temperaturen, so weit hinein, bis es ihm bis zur Brust reichte. Dann drehte er sich um zum Strand und tauchte einmal ganz unter.

Das tat Oppermann im Winterhalbjahr fast an jedem Morgen. Er hielt sich dadurch fit und härtete sich ab.

Rechts oberhalb der Treppe, gut fünfzig Meter über der Ostsee, beobachtete der Mann, perfekt verborgen zwischen dichten Büschen, den Schwimmer durch das Präzisions-Zielfernrohr eines Gewehrs vom Typ G22. Der Zeigefinger der rechten Hand lag auf dem Druckpunkt und der Mann atmete ruhig und konzentriert. Der Gegenwind würde die Flugbahn des Geschosses vom Kaliber .300 Magnum nur wenig beeinflussen. Die Abweichung lag unter einem Zentimeter und konnte auf diese Entfernung vernachlässigt werden. Vorne, auf dem Lauf, war ein Schalldämpfer aufgeschraubt, der den Mündungsknall und das Mündungsfeuer weitgehend verschleiern würde. Der Überschallknall des Geschosses ließ sich nicht dämpfen, aber um diese Zeit bei den Geräuschen, die Wind und Wellen verursachten, war es unwahrscheinlich, dass ihn jemand hörte.

Als Oppermann untertauchte, atmete der Schütze aus. Zwei Sekunden später durchbrach Oppermann wieder die Wasseroberfläche und im selben Augenblick drückte der Mann in der Tarnkleidung ab.

Das Vollmantel-Weichkerngeschoss durchschlug die Stirn, faltete sich im Schädel auf und sprengte den gesamten Hinterkopf weg.

Oppermann ging geräuschlos unter.

Drei Tage später wurde seine Leiche bei Vitt, südlich von Kap Arkona, an den Strand gespült.

Die Kriminalpolizei aus Stralsund stand vor einem Rätsel. Niemand hatte etwas gesehen oder gehört, man fand keinerlei Hinweise auf den Mörder und man konnte sich nicht erklären, warum der Inhaber einer großen Versicherungsagentur ermordet worden war.

Lenzen an der Elbe ist ein kleines, verschlafenes Städtchen im äußersten Nordwesten Brandenburgs an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen.

„Wie lange möchten Sie bleiben?“, fragte die Vermieterin, eine ältere, alleinstehende Frau, nachdem der Mann das kleine Apartment besichtigt hatte.

„Ich buche eine Woche“, antwortete er. „Es gefällt mir bei Ihnen. Ich zahle im Voraus.“ Er überreichte ihr die ausgemachten einhundertachtzig Euro.

Die Frau freute sich. Normalerweise hatte sie im Dezember keine Gäste und das Geld konnte sie gut gebrauchen. Sie zeigte auf die längliche Tasche, die der Mann auf der Bank vor dem Haus abgelegt hatte. „Wollen Sie im Rudower See angeln?“

Der Mann lachte. „Richtig. Ich gehe auf Hecht und Zander. Beim Angeln kann ich mich gut erholen und dann bin ich wieder fit für den Job in der Bank.“

Nach drei Tagen hatte der Mann alle Informationen zusammen und er wusste, wann und wo er Mario Fischer töten würde.

Fischer war Jäger und saß an diesem Samstagnachmittag auf einem Ansitz am Rande eines kleinen Wäldchens, der einen freien Blick auf die Elbauen bot. Zu der Jahreszeit durften Schmalrehe geschossen werden und bei dem klaren, kalten Wetter bestand eine gute Chance, dass ihm ein Stück Wild vor die Flinte lief.

Der Mann lag fünfhundert Meter entfernt in einem Gebüsch, das sich entlang eines kleinen Entwässerungsgrabens hinzog. Er schaute durch das Zielfernrohr. Mit der 12-fachen Vergrößerung hatte er den Jäger auf dem Ansitz formatfüllend in der Mitte des Fadenkreuzes. Bei dem trockenen, windstillen Wetter war diese Entfernung für einen geübten Schützen mit dem G22 kein Problem.

Der Schütze atmete ein paar Mal ruhig durch, atmete aus, hielt den Atem an. Sein Finger fand den Druckpunkt und der Schuss brach. Der Mann auf der Kanzel sackte zusammen und kippte nach rechts aus dem Sichtfeld.

Noch bevor es ganz dunkel wurde, klingelte der Mann an der Haustür der Vermieterin. „Entschuldigen Sie bitte die späte Störung. Meine Frau hat angerufen. Sie macht sich große Sorgen. Unsere kleine Tochter ist krank und sie hat mich gebeten heimzukommen. Ich muss sofort nach Hause fahren.“ Er drückte ihr den Schlüssel in die Hand. „Danke vielmals. Vielleicht komme ich im Frühjahr noch einmal.“

„Gute Fahrt“, antwortete die Frau und schaute dem Mann nach, der in den Wagen stieg und losfuhr. „Der Arme muss jetzt noch bis Stuttgart fahren. Das sind sicher sechs- oder siebenhundert Kilometer“, überlegte sie.

Der Tote wurde erst am nächsten Morgen gefunden. Zuständig für die Ermittlungen war die Polizeiinspektion Nord in Neuruppin.

Der leitende Ermittler, ein Hauptkommissar, ließ routinemäßig beim Bundeskriminalamt nachfragen, ob dort andere Fälle bekannt waren, bei denen jemand mit dem schweren Kaliber .300 Magnum erschossen worden war.

Die Nachfrage landete auf dem Schreibtisch eines Beamten, der am Tag zuvor eine Anfrage aus Stralsund bekommen hatte. Eine Leiche mit einem Kopfschuss war aus der Ostsee gefischt worden. Der Einschuss in der Stirn ließ auf ein Kaliber aus der Familie der .30er-Geschosse schließen, aber ob es ein .308 oder ein .300 Magnum gewesen war, das war nicht feststellbar.

Auf den ersten Blick hatten die beiden Toten nichts miteinander zu tun:

1. OPPERMANN Denis, 34 Jahre alt, Wohnort Bakenberg auf Rügen, selbstständiger Versicherungsmakler, ledig, geordnete wirtschaftliche Verhältnisse, keine Vorstrafen, keine Erkenntnisse über die Zugehörigkeit zu verfassungswidrigen Organisationen.

2. FISCHER Mario, 32 Jahre alt, Wohnort Lenzen an der Elbe, Angestellter bei der Arbeitsagentur Lenzen, geschieden, eine Tochter (lebt bei der Mutter in Neuruppin), geordnete wirtschaftliche Verhältnisse, keine Vorstrafen, keine Erkenntnisse über die Zugehörigkeit zu verfassungswidrigen Organisationen.

Der dritte Mord, den der Scharfschütze beging, wurde anfangs nicht in Verbindung mit den beiden ersten gebracht.

Erst nach dem vierten Mord erkannten die Ermittler die Zusammenhänge.

Direkt neben dem Art Inn am Bahnhofsplatz in Dinslaken fand der Mann einen freien Parkplatz für seinen silberfarbenen VW Golf Variant. „Kann ich dort kostenfrei parken?“, erkundigte er sich an der Rezeption, als er eincheckte.

„Sicher“, antwortete ihm die freundliche Rezeptionistin und händigte ihm die Magnetkarte für das Zimmer im zweiten Stock aus. „Wenn dort besetzt ist, können Sie Ihren Wagen beim Bahnhof auf dem kostenlosen Park & Ride Parkplatz abstellen.“ Sie reichte ihm einen Stadtplan und markierte mit einem Kreuz, wo er parken konnte. „Sie bleiben drei Nächte?“

„Mindestens“, antwortete er. „Ich zahle im Voraus mit der Option auf Verlängerung.“

„Gerne“, war die Antwort, „und herzlich willkommen in Dinslaken. Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt.“ Der Gast gefiel ihr ausnehmend gut. Der Stadtteil Lohberg im Nordosten von Dinslaken ist fest in türkischer Hand und er hat bei der Polizei und den Geheimdiensten einen äußerst schlechten Ruf. Dort, wo früher die Bergleute wohnten, die in der Lohberger Zeche ihr Geld verdienten, wähnt man sich heute in Klein-Istanbul: Frauen mit Kopftüchern und langen Mänteln, die in Geschäften mit türkischer Werbung einkaufen. Alte Männer sitzen vor Cafés, trinken Tee und rauchen Wasserpfeife, während ihre Enkel, einheitlich gekleidet in Adidas-Klamotten, in aufgemotzten BMWs durch die Straßen rollen und lauten Türk-Pop hören. Kein Deutscher geht freiwillig durch die Straßen des alten Bergarbeiterviertels und die Polizei wagt sich nur zu viert dorthin. Islamistische Prediger rufen in Hinterhofzimmern zum Kampf gegen die Ungläubigen auf und Werber requirieren junge Männer für den IS im Irak und in Syrien.

Beinahe hätte der Mann Gürsel Acatay nicht wiedererkannt. Der ehemals drahtige, mittelgroße Typ mit Millimeterhaarschnitt trug nun eine gestrickte, türkische Mütze, einen zotteligen Vollbart und über der Hose ein langes, dunkles Hemd, das ihm bis zu den Knien reichte. Außerdem hatte er einige Kilo zugelegt.

In dieser Woche musste Acatay Spätschicht arbeiten, das heißt von 14 bis 22 Uhr. Zwanzig Minuten nach Schichtende bei einer großen Dinslakener Firma, die Rohre für die Erdölindustrie herstellte, lief er über den dunklen Parkplatz zu seinem Auto, einem alten Ford Focus.

Der Mann beobachtete das schon den dritten Abend. Heute war, außer Acatay, niemand auf dem Parkplatz zu sehen und er tauchte wie ein Schatten hinter dem Türken auf. Mit der linken Hand hielt er ihm von hinten den Mund zu, während er Acatays Körper mit aller Kraft ruckartig an sich zog. Das scharfe Messer vollführte einen Halbkreis von Ohr zu Ohr und dann klappte er den sich windenden, blubbernden Acatay nach vorne. Den Kofferraum des Wagens hatte er vorher mit einem passenden Werkzeug geknackt und es dauerte nur wenige Sekunden, um den Sterbenden darin zu verstauen und den Kofferraumdeckel zu schließen.

„Schön, dich mal wieder gesehen zu haben, Gürsel“, flüsterte er und verschwand im Dunkel der kalten, feuchten Nacht. Ehe er in sein Auto stieg, zog er den Einmal-Overall, die Plastiküberzieher für die Schuhe und die Gummihandschuhe aus und steckte sie in einen blauen Plastiksack.

Am folgenden Morgen checkte er im Hotel aus, fuhr an den Rhein und warf den Sack, beschwert mit ein paar Steinen, in den Fluss. Das Messer folgte im hohen Bogen.

„Schade um das gute Messer“, dachte er. „Jetzt muss ich mir ein neues kaufen.“

In einem Geschäft für Outdoor-Artikel in Duisburg fand der Mann ein passendes Messer. Er zahlte bar und fuhr dann auf die A3 in Richtung Süden. Nach vier Stunden Fahrt machte er eine Pause. Er holte den Zettel aus seiner Jackentasche und malte ein Kreuz hinter den dritten Namen.

Denis Oppermann †

Mario Fischer †

Gürsel Acatay †

Peter Machmann

Gerhard Strom

Er verließ die Autobahn bei Aschaffenburg und folgte den Anweisungen des Navis in Richtung Hammelburg.

Bei Karsbach wäre seine Mission beinahe vorzeitig zu Ende gewesen. Der Mann fuhr hinter einem Mazda Kombi her, dessen Fahrer sich strikt an die Geschwindigkeitsbeschränkungen hielt. Ihm passte das. Er konnte es sich nicht leisten, geblitzt und angehalten zu werden. Im Autoradio liefen Rock-Klassiker auf Bayern 1 und er fühlte sich sicher und entspannt.

Von hinten erschien ein Audi A3, dessen Fahrer sehr schnell unterwegs war und der Anstalten machte zu überholen. Wegen einer Kurve musste er den Vorgang abbrechen und sich wieder hinter dem Golf Variant einordnen.

Direkt hinter der Kurve stand auf einem kleinen Parkplatz ein Polizeiwagen und zwei Polizisten beobachteten die herankommenden Fahrzeuge. Die Kelle kam raus und alle drei Autos wurden rechts rangewunken.

„Scheiße!“, dachte der Mann und überlegte fieberhaft, während ein Polizist sich vom Fahrer des Mazda die Papiere geben ließ und der zweite die Überprüfung sicherte. Die Stuttgarter Nummernschilder des Variant waren geklaut und das Fahrzeug auch. Er hatte es vor einem halben Jahr in Österreich kurzgeschlossen und danach in der Garage stehen gehabt. Im Kofferraum lagen das Gewehr, die Munition, die Tarnkleidung … Ihm blieben drei Möglichkeiten:

1. Umdrehen und Vollgas geben. Der Polizeiwagen war ein 5er BMW und der würde seinen lahmen Diesel schnell einholen. Davon abgesehen, dass die Polizisten über Funk schnell Verstärkung herbeirufen konnten.

2. Er konnte die Polizisten erschießen. Das wollte er nicht. Sie taten nur ihre Pflicht, hatten vielleicht Familie und waren arglos.

3. Selbstmord. Seine Hand tastete nach der Pistole, die in der Kartentasche der Fahrertür steckte. Er würde sich auf keinen Fall vor Gericht bringen lassen und lebenslänglich bekommen.

Der Polizist gab dem Fahrer des Mazda die Papiere zurück und kam auf sein Auto zu. Jetzt musste er sich entscheiden.

Der Fahrer des A3 nahm ihm die Entscheidung ab. Plötzlich heulte der Motor auf, der Fahrer wendete mit quietschenden Reifen und brauste davon.

Der Polizist winkte dem Mann zu, er solle weiterfahren und lief los. Sein Kollege saß bereits im Auto und einen Moment später raste der BMW mit Blaulicht und heulender Sirene dem Flüchtenden hinterher.

Nach seinem Ausscheiden aus der Bundeswehr hatte Peter Machmann ein Waffengeschäft mit Schießstand im Gewerbegebiet Thulbafeld im Nordwesten von Hammelburg eröffnet. Zusätzlich verkaufte er militärische Kleidung und Ausrüstungsgegenstände, die die Bundeswehr ihren Soldaten, die zu Auslandseinsätzen geschickt wurden, nicht in dieser Qualität liefern konnte. Dazu gehörten Funktionswäsche, vernünftige Strümpfe und besonders leichte Schuhe mit Kevlarverstärkungen.

Die Geschäfte liefen richtig gut.

Als Machmann an diesem Abend, kurz vor halb elf, die Eingangstür zum Schießstand abschloss, stand er für einen Moment im Licht der Lampe, die durch einen Bewegungsmelder eingeschaltet wurde. Gleichzeitig nahm eine Kamera auf, wie er die drei Sicherheitsschlösser verriegelte.

Das Geschoss traf ihn in den Rücken, streifte das Rückgrat, zerriss das Herz und verließ den Körper durch eine faustgroße Ausschussöffnung, um dann die fünf Zentimeter dicke Metalltür zu durchschlagen und in der gegenüberliegenden Wand steckenzubleiben.

Der Aufprall warf Machmanns Körper gegen die Tür, an der er langsam runterrutschte. Auf dem Film konnten die Polizisten der Polizeiinspektion Hammelburg später deutlich erkennen, dass sich die linke Hand noch zweimal reflexartig bewegte. Nach einer Minute schaltete sich die bewegungsgesteuerte Kamera aus.

Der Schütze war zufrieden mit sich. Bei diesen Lichtverhältnissen auf fünfhundert Meter präzise zu treffen, das war nicht einfach. Es bedurfte eines langen Trainings und vieler Übungsschüsse.

Auf einem Parkplatz an der Autobahn hielt er an und holte den Zettel heraus. Sorgfältig malte er sein viertes Kreuz. Jetzt war nur noch ein Name übrig. Nach genau dreißig Minuten Schlaf fuhr er weiter. Er wollte noch vor dem Morgen wieder in Straubing sein.

Die Meldung, dass erneut ein Mann mit einem Gewehr im Kaliber .300 Magnum erschossen worden war, erreichte das BKA über das Polizeipräsidium Unterfranken. Der Hinweis von der PI Hammelburg, der Ermordete sei vor zwei Jahren aus der Bundeswehr ausgeschieden, ließ die Ermittler vom BKA eine Mail an das Verteidigungsministerium schreiben.

Die Antwort kam schnell. Ein Oberst von Arnberg bestätigte, dass Denis Oppermann, Mario Fischer und Peter Machmann bei der Bundeswehr gedient hatten, aber zu ihren Verwendungen und Einsätzen könne das BMVg keine Angaben machen, da diese als GEHEIM klassifiziert seien.

„Das ist ja ein Ding“, meinte Hauptkommissar Schmitt, der beim BKA die Ermittlungen koordinierte. „Hört sich so nach KSK an. Über deren Einsätze erfährt man nie etwas.“

„KSK?“, wollte sein Kollege wissen.

„Kommando Spezialkräfte. Die kann man mit den amerikanischen Special Forces vergleichen. Wenn wir weitere Informationen bekommen wollen, muss von ganz oben angefragt werden.“

Er ließ sich einen Termin beim Präsidenten geben.

Der Präsident hörte sich die Geschichte an. „Ich kümmere mich darum, Herr Schmitt“, sagte er.

Zwei Tage später war Schmitt unterwegs nach Berlin zu einer Besprechung ins Bundesministerium der Verteidigung.

„Bitte lesen Sie die Formulare sorgfältig durch und unterschreiben Sie an den markierten Stellen“, sagte ein Referent und schob ihm einen Stapel Papiere zu. „Und denken Sie daran, Herr Schmitt, Sie sind jetzt Geheimnisträger.“

Schmitt seufzte und machte sich an die Arbeit.

Nach einer halben Stunde wurde er ins Büro des Oberst von Arnberg gebeten und erhielt die Informationen, die er benötigte.

Am nächsten Morgen belehrte Hauptkommissar Schmitt seine beiden Kollegen über die Geheimhaltungspflicht und dann schrieb er die Namen und Informationen, die er erhalten hatte, auf ein Whiteboard und markierte die Erschossenen:

Denis Oppermann, OL † (Leiter der Teams in Afghanistan)

Mario Fischer, OF † (Leiter Team 1)

Peter Machmann, SU † (Scharfschütze)

Gürsel Acatay, HG (Sicherung)

Gerhard Strom, HF (Leiter Team 2)

Maximilian Steinreither, F (Scharfschütze)

Jon Nielsson, SG † (Sicherung)

Auch hinter dem Namen Nielsson machte er ein Kreuz. „Stabsgefreiter Nielsson ist während eines Einsatzes der beiden Gruppen in Afghanistan gefallen. Genaueres wurde mir nicht mitgeteilt.“

Es klopfte an der Tür und eine junge Kollegin kam herein. „Ich habe eine Mail erhalten, die ich an euch weiterleiten soll.“

Sie legte ein Blatt Papier vor Schmitt auf den Tisch und verabschiedete sich mit einem „Tschüss“.

Schmitt las das Schreiben durch. „Das ist ja interessant“, kommentierte er. „Verdammt interessant.“ Er blickte auf. „Die Kreispolizeibehörde Wesel teilt uns auf Anfrage mit, dass ein gewisser Gürsel Acatay vor einer Woche in Dinslaken tot im Kofferraum seines Wagens aufgefunden wurde. Jemand hatte ihm den Hals von einem Ohr bis zum anderen aufgeschlitzt. Man hat bisher keine verwertbaren Spuren gefunden, was auf die Arbeit eines Fachmanns hindeutet. Acatay gehörte der Lohberger Islamistenszene an und stand unter Beobachtung des Staatsschutzes. Man ging bisher von einem Racheakt innerhalb der islamistischen Szene aus.“

„Ich glaube, das wissen wir jetzt besser“, meinte einer der beiden Oberkommissare, während Schmitt ein Kreuz hinter den türkischen Namen machte.

„Jetzt sind noch zwei Namen übrig“, sagte Jens Soluthum, der dritte Kollege. „Wir sollten die beiden Männer sofort warnen. Scheinbar hat es jemand auf die Soldaten dieser Spezialeinheit abgesehen.“

Schmitt überlegte. „Oder einer der beiden Überlebenden ist der Mörder, Jens. Feldwebel Steinreither war schließlich ausgebildeter Scharfschütze des KSK.“

„Wo wohnt Hauptfeldwebel Strom?“, wollte Soluthum wissen.

„In Regensburg. Und Steinreither kommt aus Bad Abbach. Das liegt nur zehn oder zwölf Kilometer von Regensburg entfernt.“

„Welch ein Zufall!“

„Ich rufe die Kollegen der KPI in Regensburg an.“ Schmitt erhob sich.

Von alledem ahnte ich nichts, als wir an einem Freitagnachmittag mit einem Glas Sekt auf meine Beförderung und den neuen Posten anstießen. Ich war am Vortag zur Hauptkommissarin befördert worden und heute hatte ich meine Aufgabe als Stellvertretende Leiterin des Kommissariats 1 der KPI Regensburg übernommen. Von der Öffentlichkeit wird das K1 oft als „Mordkommission“ bezeichnet, wobei unsere Aufgaben nicht nur die Ermittlungen bei Mordfällen umfassen. Aber ich finde, dass die Bezeichnung gut passt.

Natürlich ist es nicht üblich, Alkohol im Dienst zu trinken, aber in solchen Fällen wird ein Glas, so kurz vor Dienstschluss, toleriert.

Hätte ich geahnt, was da auf mich zukam, wäre mir der Sekt sauer aufgestoßen.

Es klopfte an der Tür und die Sekretärin kam herein. „Frau Schmöke. Da ist ein Hauptkommissar vom BKA in der Leitung. Soll ich das Gespräch durchstellen oder wollen Sie zurückrufen?“

„Stellen Sie es bitte durch in den Nebenraum.“ Ich zeigte auf das Nachbarbüro, das ich mir mit dem Leiter des K1, Erster Kriminalhauptkommissar David Bauer, teilte. Die Kollegen blickten mir fragend nach, als ich nach nebenan ging.

Als das Telefon klingelte, hob ich ab. „Hauptkommissarin Anita Schmöke, K1.“

„Hauptkommissar Walther Schmitt, BKA, zentrale kriminalpolizeiliche Dienste. Liebe Kollegin, wir haben da eine Sache, die mit hoher Wahrscheinlichkeit euch in Regensburg betrifft oder betreffen wird. Haben Sie etwas zu schreiben?“

„Klar. Papier und Stift liegen bereit. Fangen Sie an, Herr Kollege.“

„Wäre Anita in Ordnung?“

„Dann leg los, Walther.“

Fünf Minuten später winkte ich durch das Glasfenster zum Nebenraum, in dem die Kollegen immer noch auf mich und den Feierabend warteten.

Peter Zumricht kam rüber. „Was gibt es?“

„Sag allen Bescheid. Kein Feierabend jetzt. Und ruf David an. Wir brauchen ihn hier.“ Zumricht machte ein langes Gesicht, aber es half nichts. In solchen Fällen muss die ganze Mannschaft Überstunden machen.

Ich ließ mich noch ein paar Minuten vom Kollegen des BKA mit Informationen füttern. Dann bat ich ihn, mir alles per Mail zu schicken.

„Kommt sofort, Anita“, sagte er. „Und ein schönes Wochenende noch.“

Ich verkniff es mir zu überlegen, ob er das ironisch gemeint hatte.

Mein nächster Anruf galt Jan. Er war schon zu Hause und alberte mit Jan-Henrik, unserem Sohn, herum.

„Pass auf dich auf, Schatz. Wir warten auf dich.“ Jan war auch Polizist und wusste, dass es Tage gab, an denen man den Feierabend vergessen konnte.

David Bauer kam genau zwanzig Minuten später in den Konferenzraum. Alle Kollegen saßen am großen Tisch und starrten mich an. Das war mein erster großer Auftritt als Stellvertretende Leiterin K1.

„Schieß los, Anita“, war seine knappe Anweisung. Er war kein Mann vieler Worte.

Ich warf die Mail vom BKA per Beamer an die Wand und verteilte an jeden eine Kopie mit den Namen, Daten und Bildern der sieben Soldaten. Auf den Fotos schauten die Männer in ihren Tarnfleckuniformen ernst oder auch skeptisch in die Kamera. Alle waren kurzgeschoren und glattrasiert. Nur Acatay trug einen dünnen, schwarzen Schnurrbart, nicht dicker als ein Bleistift. Hauptfeldwebel Strom war mit dreiundvierzig Jahren der Älteste der Gruppe, Stabsgefreiter Jon Nielsson der Jüngste.

Es folgten die Informationen über die Morde: Datum, Ort, Art … Eben alles, was man so wissen musste. Die Polizisten lasen die Unterlagen sorgfältig und machten sich Notizen an den Rand.

„Wie gehen wir vor, Anita?“, fragte mich David.

Ich musste nicht lange überlegen. „Peter hat die Adressen von Gerhard Strom und Maximilian Steinreither besorgt. Strom wohnt im Postblock in der Von-Reiner-Straße, Hausnummer drei, im zweiten Stock rechts. Er ist verheiratet, wohnt aber alleine dort. Seine Frau und seine Tochter sind unter dieser Adresse nicht gemeldet. Steinreither hat eine kleine Eigentumswohnung in Bad Abbach in der Goethestraße.“

„Wer geht wo hin?“

„Peter und Jenny …“, Kriminalkommissarin Jenny Andreesen war das jüngste Mitglied des Teams, „sprechen mit diesem Gerhard Strom. Ich habe für ihn Personenschutz für die nächsten achtundvierzig Stunden beantragt. Fred, Bernhard und ich fahren nach Bad Abbach und reden mit Steinreither, falls wir ihn antreffen.“

David überlegte einen Moment. „Du bist erst seit einem Jahr verheiratet, Anita, und hast einen kleinen Sohn. Du und Bernhard, ihr sprecht mit Strom. Die drei anderen fahren nach Abbach. Zieht die Schutzwesten an und bitte keine Heldentaten! Ruft ein Einsatzkommando, wenn ihr meint, es wäre notwendig. Klar?“

Ich ersparte mir eine Diskussion. David hatte recht.

David Bauer erhob sich. Plötzlich wirkte er nervös. „Ich muss jetzt weg. Es ist bald soweit und ich soll bei der Entbindung dabei sein. Mann, hätte ich das bloß schon hinter mir.“ Seine Frau Beate erwartete ihr gemeinsames Kind und Bauer hatte sie am Nachmittag ins Krankenhaus St. Josef gebracht. „Drückt mir die Daumen!“ Er verschwand, ohne sich noch einmal umzusehen.

Die beiden ältesten Kollegen, Bernhard Graf und Herbert Bündchen, grinsten. Sie hatten das auch schon mitgemacht. Besser: mitmachen müssen.

Bernhard und ich benötigten nur fünf Minuten bis zur Von-Reiner-Straße. Wir fanden einen Parkplatz direkt vor dem Eingang mit der Nummer drei und klingelten. Keine Reaktion.

Plötzlich öffnete sich die Haustür und ein älterer Mann in Jogginghosen schaute heraus. „Ich habe euch klingeln gehört. Wen sucht ihr denn?“

„Wir wollen zu Herrn Strom. Wissen Sie …“

„Der kommt erst morgen Abend wieder. Ist mit dem VdK unterwegs.“ Mit diesen Worten schlug er uns die Tür vor der Nase zu.

„Von formellen Anreden hält der auch nicht viel“, meinte Bernhard.

Mein Handy klingelte. Es war Peter Zumricht.

„Der Hausmeister der Wohnanlage hat uns in das Apartment von Steinreither gelassen. Es stehen ein paar Möbel drin, aber wenig Persönliches. Der Kühlschrank ist leer, es gibt keine Pflanzen, keine Bilder, keine Schreiben oder Dokumente, nur ein paar Bücher. Im Schrank hängen zwei Uniformen und in den Regalen liegen Unterwäsche und weitere Ausrüstungsgegenstände von der Bundeswehr. Scheinbar ist das seine Reservistenausrüstung. Der Hausmeister meinte, er kenne Steinreither, aber der sei nur selten da.“

„Gut. Kommt zurück und macht Feierabend. Wir versuchen es morgen noch einmal.“

So kam ich doch noch vor zwanzig Uhr nach Hause und konnte unseren Sohn zu Bett bringen. Der Rest des Abends verlief gemütlich.

Hätte ich nur die geringste Ahnung gehabt, was mich an dem Samstag erwartete, wäre ich am nächsten Morgen im Bett liegengeblieben.

Steinreither lag auf dem Rücken und schaute durch das Fenster in die Nacht hinaus. Es war stockdunkel, ein kalter, böiger Wind pfiff um das Haus und ließ die Eingangstür in ihrem Rahmen rappeln. Sie lag direkt neben der Wand des Schlafzimmers und die Geräusche hatten ihn anfangs gestört. Jetzt war er daran gewöhnt und er beachtete sie nicht mehr.

Melanie lag links neben ihm, ganz eng an ihn gekuschelt. Sie atmete ruhig und gleichmäßig.

„Sie schläft fest“, dachte er. „Sie braucht den Schlaf.“

„Bleibst du jetzt für immer hier?“, fragte sie plötzlich.

„Einmal muss ich noch fort. Einmal noch, dann ist alles vorbei. Zwei, maximal drei Tage und wenn ich zurückkomme, bleibe ich für immer bei dir.“

„Was wirst du tun, Max?“

„Ich habe die zur Rechenschaft gezogen, die Schuld an Jons Tod sind. Einer fehlt noch.“

„Hast du ihnen etwas getan, Max?“

„Mach dir keine Gedanken darüber, Melanie.“

Beide schwiegen eine Weile.

„Ich muss aufs Klo“, sagte Melanie. „Schlaf ruhig. Du weißt, ich brauche immer lange.“

„Soll ich dir helfen?“

„Nein. Es geht schon. Ich komme alleine zurecht.“

Die Matratze gab leise Geräusche von sich, als sie sich langsam und mühselig erhob. Steinreither lauschte ihren Schritten. „Lange wird sie nicht mehr laufen können“, dachte er. „Es wird von Woche zu Woche schlimmer.“

Die Idee war mir kurz nach dem Aufwachen gekommen. In den Unterlagen stand, dass Jon Nielssons Witwe, Melanie Nielsson, in Straubing in der Obermaierstraße wohnte. Ich beschloss, bei ihr vorbeizuschauen.

„Du bist verrückt, Anita“, meinte Jan, als ich ihm von dem Vorhaben erzählte. „Du müsstest David anrufen und die Dienstreise bei der Dienststelle anmelden. Du verlässt den Bereich des Polizeipräsidiums Oberpfalz. Du bist nicht im Dienst und du willst eventuelle Zeugen befragen. Und alleine solltest du das auf keinen Fall machen! Außerdem ist heute Samstag, du hast deinen freien Tag und wir wollten mit JaHe ins Westbad zum Kinderschwimmen gehen.“

Wir nennen unseren Sohn Jan-Henrik normalerweise nur JaHe.

„Dann fahrt schon mal los. Ich komme nach. Es dauert nicht lange.“ Und schon war ich unterwegs.

Es war nicht ganz einfach, die Einfahrt in den Innenhof der rechteckigen Wohnanlage zu finden. Als ich endlich vor dem richtigen Eingang stand und klingeln wollte, öffnete sich die Eingangstür zum Haus und ein großer, gutaussehender Mann in den Dreißigern kam heraus. Er trug Jeans, eine warme, schwarze, halblange Daunenjacke und zog einen großen, dunkelgrauen Trolley hinter sich her.

„Bitte, meine Dame“, sagte er und hielt mir die Tür auf.

Während ich die drei Stufen zu den beiden Wohnungen im Erdgeschoss hinauflief, fiel hinter mir die Eingangstür ins Schloss. „Der hat es gut“, dachte ich. „Der fährt in den Urlaub. Sicherlich irgendwo dorthin, wo es warm ist.“

Das Namenschild verriet mir, dass Melanie Nielsson rechts wohnte. Ich klingelte und hörte von innen Geräusche. Jemand verschob einen Stuhl und ich vernahm ein dumpfes, regelmäßiges Klacken. Nach einer Weile wurde die Wohnungstür geöffnet und eine junge Frau mit einem schmalen Gesicht, braunen Augen und langen, dunklen Haaren lächelte mich freundlich an.

„Es geht bei mir nicht schneller“, sagte sie und deutete auf den Stock, den sie in der Linken hielt. „Ich bin Melanie Nielsson. Kommen Sie herein.“

„Danke. Aber Sie kennen mich doch gar nicht.“

„Macht doch nichts. Wir werden uns schon kennenlernen. Sie schauen aus, als ob Sie eine Tasse Tee vertragen könnten.“

Da hatte Melanie Nielsson recht.

Als sie mir einen Platz am Küchentisch anbot und den Tee eingoss, zeigte ich auf den Stock. „Hatten Sie einen Unfall, Frau Nielsson?“

„Melanie. Sagen Sie einfach Melanie zu mir.“

„Ja, gerne.“ Ich zog meinen Ausweis hervor. „Anita Schmöke von der KPI Regensburg.“

Sie schaute sich den Ausweis genau an. „Sie sind Hauptkommissarin, Frau Schmöke?“

„Ja. Aber ich bin fast privat hier. Also sagen Sie ruhig Anita zu mir.“

Wir tranken beide einen Schluck Tee.

„Hatten Sie einen Unfall?“

Melanie schüttelte ihren Kopf. „Nein. Es ist MS. Noch kann ich laufen. Aber es wird schlimmer. Ich bin sechsundzwanzig und werde in wenigen Jahren tot sein.“ Sie lächelte ein trauriges Lächeln. „Und warum kommen Sie zu mir, Anita? Fast privat.“

„Erzählen Sie mir, was mit Ihrem Mann, mit Jon, passiert ist.“

Es dauerte fast zwei Stunden und ich hörte geduldig zu. Ich erfuhr, wie sie Jon kennengelernt hatte, der als Freiwilliger bei der Bundeswehr diente. Dass er nach Afghanistan musste und sie zwei Tage vor dem Abflug heirateten. Von ihren Telefongesprächen und davon, dass er niemals erzählte, was er machte. Das wäre geheim, hatte er erklärt.

An einem Sonntagmorgen erschienen dann zwei Offiziere und ein Militärpfarrer und sie wusste sofort, was das bedeutete: Jon war tot.

Als ihre Geschichte zu Ende war, weinte sie.

Es war eine traurige Geschichte und die Erinnerung nahm Melanie sehr mit. Doch eine Frage musste ich ihr noch stellen. „Wann haben Sie Maximilian Steinreither zum letzten Mal gesehen?

Sie überlegte. „Er kommt manchmal und besucht mich. Wenn er Zeit hat. Ich glaube, es ist sechs Wochen her.“

Auf der Rückfahrt überlegte ich, ob Melanie gelogen hatte. Auf der Spüle hatten zwei Tassen, zwei kleine Teller, zwei Eierbecher und benutztes Besteck für zwei Personen gelegen. Sie war beim Frühstück nicht alleine gewesen.

Dann dachte ich an den gutaussehenden Mann, der mir die Tür geöffnet hatte. Trotz der Kälte trug er keine Mütze und ich erinnerte mich an seine mittelblonden, lockigen, kragenlangen Haare.

Ich fuhr durch bis in die Bajuwarenstraße. Der Kopierer fabrizierte eine Vergrößerung von Steinreither Bild, das wir vom BKA bekommen hatten. In der Schublade fand ich einen Faserstift und übermalte die millimeterlangen Haare des Soldaten mit Locken.

Es war eindeutig Steinreither gewesen, der mich ins Haus gelassen hatte. Die Kollegen, die Dienst hatten, waren schnell zusammengetrommelt und wir lösten die Fahndung nach Steinreither aus. Auch die Warnung ging raus, dass der Ex-Elitesoldat bewaffnet und gefährlich sei. Die grünen Kollegen wurden informiert und bald sah man überall in Regensburg Polizeifahrzeuge, die langsam durch die Straßen fuhren. Auch die Kollegen in Straubing wurden alarmiert. Das war Routine.

Mein Telefon klingelte. Es war David Bauer und seine Stimme klang froh und glücklich: „Wir haben eine Tochter. Eine kleine Melissa. Es ging heute Morgen ganz schnell und meine beiden Mädchen sind wohlauf.“

So sehr er sich auch freute, ich musste ihm mitteilen, dass Steinreither wahrscheinlich in der Stadt war.

„Kommst du alleine zurecht, Anita?“, fragte er.

„Sicher, David. Bleib bei deinen Mädchen. Wir machen das schon.“

Anschließend musste ich Jan anrufen und ihm die erfreuliche Mitteilung machen, dass der Samstag gelaufen war.

„Pass auf dich auf!“, bat er mich.

Ich wusste, was in ihm vorging, kannte seine Angst. Er hatte vor drei Jahren bei einem Einsatz seine Kollegin und Partnerin verloren.

Kurz nach siebzehn Uhr riefen die Kollegen an, die in der Von-Reiner-Straße Stroms Wohnung observierten.

„Strom ist gerade nach Hause gekommen. Er humpelt übrigens und benutzt beim Laufen einen Stock.“

„Weiter beobachten. Ich komme sofort.“

Meine Weste und die Waffe lagen bereit und ich legte alles an. Bernhard Graf war schon fertig und nahm den Autoschlüssel vom Haken.

„Tut mir leid, dass ich dir den Samstag versaue, Bernhard.“

Er grinste. „Ich hätte sonst meiner Frau beim Ausweißen helfen müssen. Dann lieber ein paar Überstunden.“

Die Kollegen im alten A4, die vor den Garagen auf der anderen Seite der schmalen Straßen parkten, winkten uns zu, als wir bei Strom klingelten. Der Türöffner summte, wir liefen hinauf in den zweiten Stock und hielten Strom unsere Ausweise unter die Nase.

„Dürfen wir reinkommen? Wir müssen dringend mit Ihnen reden, Herr Strom.“

„Bitte. Gehen Sie vor. Dort ist das Wohnzimmer.“ Er folgte uns und bot uns Platz auf der Couch an, dann ließ er sich in einen abgenutzten Sessel fallen. „Kann nicht so gut stehen. Habe einen künstlichen Unterschenkel.“ Er klopfte auf das Schienbein. Es hörte sich nach Kunststoff an.

„Ist das in Afghanistan passiert?“, fragte Bernhard.

„Das wäre besser für mich gewesen. Dann wäre die Rente viel höher. Es war ein ganz normaler Motorradunfall direkt nach der Rückkehr. Ich war nicht mehr so an unsere Straßen gewöhnt und etwas zu schnell dran. Das Hinterrad der Maschine rutschte weg und die Leitplanke hat mir einen Teil des Beins abgetrennt. Aber Sie wollten mir etwas sagen.“

Die Geschichte von den ermordeten Kameraden hörte er sich schweigend an. „Was können Sie uns dazu sagen? Trauen Sie Steinreither die Morde zu?“

Seine Antwort verblüffte uns doch sehr.

„Ich kann bestätigen, dass ich in Afghanistan war. Was ich dort gemacht habe, ist geheim. Ich darf Ihnen noch nicht einmal bestätigen, dass ich diese Kameraden gekannt habe und mit ihnen im Einsatz gewesen bin. Das ist auch geheim.“

Mehr war nicht aus ihm herauszubekommen. Auch der Hinweis, dass uns das BMVg die Informationen gegeben hatte, nützte nicht. Er dürfe niemals über Geheimes reden. Was das Ministerium mache, sei dessen Sache.

„Gut, Herr Strom. Wir sehen eine Gefährdung für Sie und für die nächsten Tage haben Sie immer zwei Polizisten, die in einem Auto vor Ihrem Haus stehen. Wenn Sie etwas Ungewöhnliches bemerken, dann rufen Sie uns bitte an.“

Ich legte meine Visitenkarte auf den Couchtisch.

„Wo steht der Polizeiwagen?“, wollte er wissen und ging hinüber zum Fenster.

Ich folgte ihm und zeigte auf den Audi, der dort unten stand.

Ich weiß, ich hätte ihn zurückhalten müssen, aber der Gedanke kam mir zu spät. Dem Schützen genügte dieses winzige Zeitfenster, um abzudrücken.

Es gab einen lauten Schlag, Glassplitter flogen mir entgegen und ich fühlte kleine Stiche, so als bekäme ich man Eisregen ins Gesicht.

Strom taumelte zurück, fiel krachend um und lag auf dem Rücken. Instinktiv hatte ich mich auch auf den Boden geworfen und erfasste mit einem Blick, dass Bernhard unter dem Couchtisch Schutz gesucht hatte und mich anstarrte.

„Bist du verletzt?“, flüsterte er.

Ich schüttelte den Kopf.

Neben mir gab Strom blubbernde Geräusche von sich. Seine weit aufgerissenen Augen starrten an die Decke, aus dem geöffneten Mund kamen kleine, rote Bläschen, die mit leisen Geräuschen auf den Lippen zerplatzten, während sich unter ihm schnell eine Blutlache ausbreitete. Dann lief ein Zittern durch seinen Körper und er lag still.

„Die Kirche!“, rief ich. „Die Antoniuskirche gegenüber. Der Turm. Er muss oben auf dem Turm sein. Komm Bernhard!“

Ich sprang auf und rannte hinaus. Bernhard folgte mir und überholte mich, als ich den Kollegen, der aus dem Auto ausgestiegen war und mich fassungslos anblickte, anschrie: „Verstärkung! Wir brauchen das SEK und einen Krankenwagen!“

Bernhard war schon auf der anderen Straßenseite, als ich wegen des Verkehrs warten musste. „Hier rein!“, rief er mir zu. „Hier beim Pfarramt kommt man in die Kirche.“

Die Lücke im Feierabendverkehr reichte mir, um über die Straße zu sprinten. Bernhard verschwand vor mir in einem Durchgang. Dann hörte ich etwas krachen, und er fluchte fürchterlich.

Mit der Waffe in der Hand schaute ich vorsichtig um die Ecke.

Mein Kollege lag neben einer umgestürzten Schubkarre und hielt sich das Bein. „Ich bin über die Mist-Schubkarre gefallen. Ich glaube, ich habe mir das Bein gebrochen. Scheiße, tut das weh!“, stöhnte er.

„Hast du dein Handy griffbereit? Kannst du selbst anrufen, Bernhard?“

„Ja, sicher. Du bleibst hier und gehst auf keinen Fall alleine, Anita. Anita!“ Seine Stimme klang verzweifelt.

Da war ich schon in der Kirche, hielt meine Pistole schussbereit und sicherte nach allen Seiten. Niemand war in dem diffusen Licht zu sehen, das durch die Kirchenfenster fiel. Links neben dem Altar gingen ein paar Stufen hinauf und dort war eine braune Holztür weit nach innen geöffnet. Dahinter erkannte ich die Treppe zum Turm.

Ein vorsichtiger Blick in den kleinen Vorraum: nichts. Langsam durchquerte ich ihn, näherte mich der Tür, blieb für einen Moment stehen, lauschte und konzentrierte mich auf die enge Wendeltreppe vor mir, schaute nach oben. Zögernd trat ich ein. Dabei unterlief mir der dümmste aller dummen Anfängerfehler. Ich vergaß, hinter die braune Tür zu schauen.

Ein leises Geräusch hinter mir, dann sagte jemand: „Heben Sie langsam Ihre Hände. Nehmen Sie den Finger aus dem Abzug, greifen Sie mit der Linken den Lauf der Waffe und legen Sie sie auf den Boden. Ganz langsam bitte und lassen Sie dabei den linken Arm mit der Waffe ausgestreckt. Wenn Sie sich schnell bewegen, erschieße ich Sie.“

Eine ruhige, selbstbewusste, sehr angenehme Stimme hatte dieser Maximilian Steinreither. Ich tat, was er von mir verlangte. Dabei dachte ich an Jan und unseren Sohn.

Hinter mir drückte er die Tür ins Schloss. „Gehen Sie drei Stufen hinauf. Bleiben Sie stehen und stützen Sie sich mit den Händen an der Wand ab.“

Da stand ich nun, hörte wie er meine Pistole aufhob und wurde mit einer Hand professionell abgetastet, während er mir seine Waffe in die rechte Niere drückte.

Draußen registrierte ich Sirenen, die rasch näherkamen.

„Gehen Sie hinauf. Lassen Sie Ihre Hände hinter dem Kopf verschränkt. Ich nehme an, Sie wissen, wer ich bin. Machen Sie bitte keinen Blödsinn. Ich würde Sie nur sehr ungern erschießen.“

So stieg ich die Wendeltreppe hinauf, kletterte durch die geöffnete Luke in den Glockenraum, immer gefolgt von Steinreither, der sich stets außerhalb der Reichweite meiner Beine hielt. Er wusste genau, was er tat. Er war, im Gegensatz zu mir, ein absoluter Profi.

Dort oben verbreitete eine winzige LED-Lampe schwaches Licht und ich erkannte ein Scharfschützengewehr, das auf einer Matte auf dem Boden lag.

Steinreither musste meine Gedanken geahnt haben. „Denken Sie einfach nicht daran. Das Gewehr ist zwar geladen, aber ich bezweifle, dass Sie mit einem G22 umgehen können. Noch ehe Sie es aufgenommen haben, sind Sie tot.“

Er wies mich an, die stabile, hölzerne Klappe zu schließen und mich auf sie zu setzen.

„So“, sagte er. „Jetzt möchte ich erst einmal wissen, wer Sie überhaupt sind und dann sehen wir weiter.“

Für Steinreither war es ein Leichtes gewesen, auf den Turm zu gelangen. Als es dunkelte, ging er wie selbstverständlich mit dem Trolley durch den Durchgang neben dem Pfarrbüro zur gegenüberliegenden Eingangstür. Das Standard-Zylinderschloss war kein wirkliches Problem. Er benötigte keine zehn Sekunden, um es zu öffnen. Er drehte sich noch einmal um und zog die Tür hinter sich zu, ohne sie abzuschließen.

In der Kirche war es bereits dunkel, doch fiel durch die Glasfenster noch genügend Licht von der Straßenbeleuchtung, um ohne Lampe zurechtzukommen.

Steinreither kannte sich in der Kirche aus. Rechts lag der Altar und dahinter folgten ein paar Stufen, die zu einem Raum führten, in der sich ein weiterer Altar befand. Rechts davon versperrte eine kleine, braune Holztür den Zugang zur Wendeltreppe.

Das Schloss war Baumarktware und er entsperrte es mühelos. Eine Minute später erreichte Steinreither den Raum unter den Glocken. Die Matte auszubreiten und das Gewehr schussfertig zu machen, war Routine und er schaute zum ersten Mal durch das Zielfernrohr zu dem Fenster hinüber, hinter dem, wie er wusste, Stroms Wohnzimmer lag. Trotz der hohen Bäume, die links und rechts zwischen den Häusern wuchsen, hatte er ein freies Schussfeld.

Steinreither munitionierte auf, machte die Waffe schussfertig und legte sich hin. So wie jetzt hatte er in Afghanistan viele Stunden unbeweglich bei Hitze und Kälte ausgeharrt. Er war das Warten gewöhnt. Das Warten auf die eine Chance. Nur drei bis fünf Sekunden – die würden ihm genügen. Im Wohnzimmer brannte Licht und er konnte im Hintergrund jemanden erkennen, der dort umherlief. Plötzlich kam Unruhe auf. Zwei weitere Personen erschienen in dem Raum und setzten sich auf die Couch. Strom nahm in dem Sessel Platz, der mit dem Rücken zum Fenster stand und nicht voll einsehbar war. Sollte er den Risikoschuss wagen? Einen Zentimeter am rechten Mauerrand vorbei, dann müsste er eigentlich den Mann im Sessel …

Auf einmal erhob sich Strom und kam auf das Fenster zu. Eine der beiden Personen, die auf der Couch saßen, folgte ihm und nun standen sie nebeneinander hinter der Glasscheibe. Die Frau kam ihm bekannt vor. Direkt links daneben befand sich Strom, der sein Gesicht der Frau zuwandte. Er redete mit ihr.

Steinreither drückte ab.

Strom fiel um und im selben Augenblick verschwand die Frau aus dem Sichtfeld; auch die zweite Person hatte sich auf den Boden geworfen. Steinreither sah nur die Füße, die unter dem Tisch hervorragten. Plötzlich sprangen beide Besucher auf und rannten geduckt aus dem Raum.

Er schwenkte das Zielfernrohr nach unten, zur Haustür, die aufsprang und einen Mann und eine Frau ausspuckte. Spätestens jetzt wurde ihm klar, dass es sich um Polizisten handeln musste.

Sie waren auf dem Weg zu ihm und er hatte keine Chance mehr, rechtzeitig aus der Kirche zu entkommen. Er hatte damit gerechnet, dass das passieren konnte. Sorgfältig stellte er das Gewehr ab, anschließend überprüfte und entsicherte er seine Pistole.

Dann rannte er, so schnell er konnte, die enge Wendeltreppe hinunter.

„Was soll es?“, dachte Maximilian Steinreither, als er unten ankam und hörte, wie die Kirchentür geöffnet wurde. „Ich habe meine Mission erfüllt.“ Ich saß auf der harten Holzklappe und fror. „Herr Steinreither. Sie haben keine Chance, hier rauszukommen. Geben Sie auf. Strom ist tot – und das ist doch das, was Sie wollten.“

Steinreither nickte. Richtig, Frau … Geben Sie mir bitte Ihren Dienstausweis. Sie bekommen ihn zurück.“

Ich tat, was er verlangte.

„Anita Schmöke. Hauptkommissarin. Als Soldatin wären Sie Hauptmann. Nicht schlecht für eine junge Frau wie Sie.“

Ich erhielt den Ausweis zurück.

Er zündete sich eine Zigarette an. „Möchten Sie auch eine?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich habe Sie heute Morgen gesehen“, meinte er und lächelte mich an. „Sie sind wahrscheinlich bei Melanie Nielsson gewesen.“

„Richtig. Und Sie haben mir freundlicherweise die Tür aufgehalten. Das war sehr höflich von Ihnen.“

Plötzlich zog Steinreither meine Dienstpistole aus dem hinteren Hosenbund. Ohne hinzuschauen, entfernte er das Magazin, entleerte es und schob es zurück. Er kickte die Patronen mit der Fußspitze an das Mauerwerk. Dort befand sich ein Spalt im Holzboden, durch den sie nach unten fielen und ich hörten sie klackend auf der Holztreppe aufschlagen.

Ich holte tief Luft. Im ersten Augenblick hatte ich angenommen, er würde mich mit meiner Waffe erschießen.

Steinreither bemerkte mein Erschrecken. Er lachte nicht, sondern blieb ernst. „Keine Angst, Frau Schmöke. Ich werde Ihnen nichts tun.“

Für einen Moment stoppte unsere Unterhaltung und wir lauschten dem Kreischen der Sirenen unten vor der Kirche. Ich konnte mir gut vorstellen, was da jetzt los war.

Das Klingeln meines Handys riss mich aus meinen Gedanken. „Darf ich?“

Er nickte. „Bitte.“

„Schmöke.“

Es war David Bauer. „Anita. Bist du okay?“

„Ich bin in Ordnung. Ich …“

„Sagen Sie Ihrem Kollegen, dass Sie auf der Holzklappe sitzen. Wenn ein Einsatzkommando eindringen will und die Klappe sprengt, werden Sie in Stücke gerissen. Sagen Sie, Sie rufen später wieder an.“

Ich gab die Informationen weiter und beendete das Gespräch. „Warum haben Sie die Männer erschossen, Herrn Steinreither?“

„Sie kennen die Namen?“

„Alle. Oppermann, Fischer, Acatay, Machmann, Strom und Nielsson.“

„Jon Nielsson habe ich nicht getötet. Das waren die anderen.“

„Nicht die Taliban?“

Steinreither setzte sich mir gegenüber auf den Boden, lehnte sich mit dem Rücken an die Außenwand und beobachtete mich einen Moment. „Sie frieren, Frau Schmöke.“ Er zog seine Jacke aus, nahm das Gewehr, stellte es neben sich ab und schob die Matte und die Jacke zu mir rüber.

„Nein, nicht die Taliban. Ich werde Ihnen erzählen, was vorgefallen ist. Vielleicht verstehen Sie mich dann.“

„Ich höre.“

„Wir hatten zusammen mit amerikanischen Marines einen Einsatz hinter uns. Die Amerikaner hatten Verluste erlitten und sie forderten fünf MRAPs an, die uns abholen sollten …“

„MRAPs?“

„Gepanzerte Transportfahrzeuge der US Marines. Zwei für uns und drei für die Amerikaner. Als die in der Nähe des Grabens stoppten, in dem wir in Deckung lagen, wurden sie mit AT-4 beschossen, die oberhalb, unerreichbar für uns, in den Bergen versteckt waren. Das sind russische Panzerabwehrraketen. Eine Rakete traf das erste Fahrzeug mit den Marines und es flog in die Luft. Alle tot. Dann wurde das zweite Fahrzeug getroffen und auch hier gab es Tote. Wir konnten uns ausrechnen, wann wir dran waren. Oppermann befahl uns, schnellstens einzusteigen und er verschwand als Erster im Fahrzeug. Er war ein Feigling, ein schlechter Offizier. Jon und Acatay sicherten, während wir aufsaßen. Als sie uns folgen wollten, wurde Jon getroffen. Er fiel um und sein Gesicht war sofort voller Blut. Ich wollte wieder raus, um ihn zu holen, denn wir halten es wie die US Marines: Wir lassen niemals einen Kameraden zurück.“

Steinreithers Stimme stockte und er musste tief Luft holen.

„Jon war mein bester Freund und er hätte mich nie zurückgelassen. Als ich hinausspringen wollte, schrie mich Oppermann an und befahl mir, im Fahrzeug zu bleiben. Nielsson sei tot, das könne doch jeder sehen.

Dann brüllte er den Fahrer an: ‚Go, man! Fucking go, man!‘

Wieder eine kleine Pause. Er schien das alles noch einmal zu erleben.

Meine Antwort war: ‚Fick dich selbst. Ich gehe jetzt!‘

In dem Augenblick drückte mir Strom wortlos die Pistole gegen den Kopf, während die anderen schrien: ‚Bleib hier, du Arsch!‘ und der Wagen losfuhr. Ich saß ganz hinten, schaute durch das kleine Fenster hinaus und sah, wie Jon seinen Kopf drehte, uns hinterherschaute und eine müde Bewegung mit seiner Hand machte. Er lebte noch und wir überließen ihn den Taliban. Dann hörte ich, wie Acatay verächtlich ein türkisches Wort sagte: Kafir.“

„Was heißt das?“

„Ungläubiger. Ihm machte es nichts aus, dass Jon starb. Jon war ohne Religionszugehörigkeit und Acatay verachtete ihn, weil er ein gottloser Mensch war.“

„Und deswegen haben Sie die Leute getötet?“

„Genau deswegen. Sie werden mich nicht verstehen, Frau Hauptkommissarin. Aber das müssen Sie auch nicht.“

Ich gab ihm keine Antwort. Er hätte mir sowieso nicht geglaubt.

„Die Geschichte hatte ein Nachspiel. Wir bekamen ein Paket mit Jons Kopf darin. Die Ärzte stellten fest, dass er noch gelebt haben musste, als man ihm den Kopf abschnitt.“ Steinreither schwieg.

Plötzlich fühlte ich mich richtig beschissen.

Nach einem Moment der Stille zog er meine Pistole aus dem Hosenbund. „Hier.“ Er schob sie mir rüber. „Sie bekommen Probleme, wenn Sie Ihre Waffe verlieren. Sie können gehen. Sofort!“

Ich klappte die Tür hoch und kletterte durch die Luke. Bevor ich ganz verschwand, drehte ich mich noch einmal um.

„Sie kommen nicht mit?“

Er schüttelte den Kopf.

Auf der Treppe kamen mir die Kollegen vom SEK in voller Ausrüstung lautlos entgegen. Der Erste starrte mich an wie einen Geist. „Wo ist der Mann?“, flüsterte er.

Ich zeigte nach oben. In diesem Augenblick fiel dort ein Schuss.

Nach Steinreithers Beerdigung habe ich Melanie Nielsson noch einmal besucht. Ein älteres Ehepaar, das sich als ihre Eltern vorstellte, packte gerade die Reste von Melanies persönlichen Sachen ein. Die Möbel waren schon fort.

Melanie umarmte mich. „Ich wusste nichts davon. Max hatte seine Wohnung in Bad Abbach verkauft und das Geld in eine Zweizimmer-Wohnung in einer betreuten Wohnanlage investiert. Dann hat er mich als Alleinerbin eingesetzt.“

Dann begann sie zu weinen und ihre Eltern schauten mich vorwurfsvoll an. Ich drückte sie an mich und wir hielten uns für einen langen Moment in den Armen.

Dann drehte ich mich um und ging, ohne ein Wort zu sagen. Vor Melanie und ihren Eltern wollte ich nicht in Tränen ausbrechen. Sie hätten es falsch verstanden.

Als ich in meinem Auto saß, konnte ich mich nicht mehr beherrschen. Erinnerungen kamen in mir auf, von denen ich glaubte, sie längst vergessen zu haben.

Ich benötigte lange Minuten, bis ich mich in der Lage fühlte loszufahren.

Steinreither hatte gar nicht ahnen können, wie gut ich ihn verstand.

Zu Hause sah mir Jan sofort an, wie ich mich fühlte. Wir setzten uns wortlos auf die Couch und er hielt meine Hand. Sonst nichts tat er nichts, außer darauf zu warten, dass ich anfing zu sprechen.

Jetzt endlich hielt ich es für angebracht, ihm zu erzählen, was damals auf dem Parkplatz, als mein Kollege getötet wurde, wirklich passiert war.

Was damals passierte, erfahren Sie im ersten Band „Im Schatten des Doms zu Regensburg“, in der Geschichte „Anita“

Sie bekommen Ihre Rache!

Es war ganz einfach gewesen. Noch einfacher, als er es sich vorgestellt hatte. Jeden Donnerstag, immer kurz nach Mittag, öffneten sich die Schranken für einen weißen Kastenwagen. Der hielt vor dem Gebäude und dann stand der Fahrer mit zwei Packen voller Zeitschriften vor der streng bewachten Eingangstür. Einer der Aufseher öffnete und nun brachte der Mann einen Packen Station 7.1 (EG) und den zweiten eine Treppe höher nach 7.2 (1. OG).

Wie viele andere Sachen war Papier auf den Stationen streng verboten und natürlich durften die Insassen auch keine Streichhölzer oder Feuerzeuge besitzen.

Jens Stratmann besaß ein Feuerzeug. Ein Besucher musste es auf der Toilette verloren haben und Jens war der glückliche Finder. Für ein Feuerzeug bekam man mindestens sechs Gläser Nescafé oder sechs Schachteln Zigaretten. Beides war Gold wert in der forensischen Abteilung des Bezirksklinikums.

Hier saßen nur kranke Typen: Brandstifter, Drogenabhängige, Mörder und ähnliche Verbrecher. Dass man Stratmann dort auch eingesperrt hatte, ohne Aussicht auf Entlassung oder Milderung der Unterbringung, fand er selbst ungerecht. Er war doch nicht krank. Das waren nur die anderen.

Gut, die Sache mit dem Mädchen hätte nicht so laufen dürfen. Er wollte sie nur etwas befummeln und dann drehte das dumme Ding durch, versuchte ihn zu beißen und zu treten und schrie sich die Seele aus dem Leib. Da musste er ihr doch den Mund zuhalten! Und dass sie hinterher so schlaff auf dem Boden gelegen und sich nicht mehr gerührt hatte, das war ein Unfall gewesen. Ihn deshalb in die Forensik einzuweisen und zu diesen völlig abgefuckten Typen zu stecken, war absolut ungerecht, so befand er.

Stratmann wollte nur eins: raus hier.

Obwohl Papier verboten war, lag der Packen mit den Zeitschriften jeden Donnerstag mindestens eine halbe Stunde unbeaufsichtigt im Gang, bevor ihn die Pfleger abholten. Stratmann beschloss, etwas für die Allgemeinheit zu tun: Er meldete sich freiwillig für den Säuberungsdienst im Flur während der Mittagsruhe.

Nach ein paar Wochen ließen ihn die Pfleger gewähren. Er konnte ja nichts anstellen und außerdem arbeitete Stratmann verlässlich und ordentlich.

An diesem Donnerstag setzte er seinen Plan in die Tat um. Kaum lag der Packen im Flur, riss er das Deckpapier ab, zerknüllte es und legte es unter einen dieser Kunststoffstühle, die überall hier rumstanden. Ein paar Zeitschriften folgten und dann zündete Stratmann das Papier an.

Die Wirkung war erstklassig. Das Papier brannte hellauf und der Stuhl schmolz innerhalb kürzester Zeit. Der schmelzende Kunststoff entzündete sich rasch und setzte die Wandtapete einschließlich der dahinterliegenden Isolierung in Brand. Der Qualm, der dabei entstand, war schwarz und ätzend.

Stratmann stand direkt neben der Tür und lauschte mit verzücktem Gesichtsausdruck dem Heulen der Feuermelder. Die Sprinkleranlage sprang an, aber das Wasser erreichte die Ecke nicht, in der sich der Brand weiter ausbreitete.

Die Aufseher kamen hereingestürzt, die Feuerwehr näherte sich mit lautem Tatütata und, als die ersten Feuerwehrmänner mit ihren Löschutensilien in das 1. OG stürmten, spazierte Jens Stratmann hinaus. Keiner kümmerte sich um ihn.

Wie schon gesagt, es war ganz einfach gewesen.

Stratmann beobachtete das Mädchen schon seit ein paar Tagen. Morgens kam sie gegen 7.30 Uhr mit dem Bus zur Schule, am Nachmittag hatte sie bis um 16.15 Uhr Unterricht und dann holte ihre Mutter sie ab. Nur freitags war die Schule schon um 13 Uhr aus und das Mädchen ging in die Stadt, wo sie sich mit Freundinnen traf. Beatrice hieß sie. Das hatte Stratmann schnell herausgefunden.

Kurz vor 17 Uhr stieg sie in den Bus nach Mintraching, den sie am Ortsrand in der Nähe des Sportgeländes wieder verließ. Dort würde Stratmann auf sie warten.