Quell der Einsamkeit - Radclyffe Hall - ebook

Quell der Einsamkeit ebook

Radclyffe Hall

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Opis

»Quell der Einsamkeit« erzählt die Geschichte von Stephen Gordon, einer Frau aus der britischen Oberschicht, die eigentlich ein Sohn hätte werden sollen. Von Kind an hat Stephen das Gefühl, dass mit ihr etwas nicht stimmt - dass sie anders ist: Sie trägt gern Männerkleidung, begeistert sich für Fuchsjagd und Fechtkunst und verliebt sich von früher Jugend an in Frauen - zunächst in das Hausmädchen Collins, später in die mondäne Angela Crossby, deren eifersüchtigen Ehemann Stephen durch ihre Bewunderung seiner Rosenzucht zu beschwichtigen sucht. Als Krankenwagenfahrerin im Ersten Weltkrieg lernt Stephen schließlich Mary Llewellyn kennen und lieben. Die beiden Frauen gehen in den zwanziger Jahren nach Paris, schaffen sich zusammen ein Heim und schließen Freundschaften, doch ihr gemeinsames Glück ist massivem gesellschaftlichen Druck ausgesetzt ... »Quell der Einsamkeit« ist ein bis heute faszinierender historischer Roman und kann als ein Vorläufer von Leslie Feinbergs »Stone Butch Blues« gelten. Er löste Debatten über Sexualität, Homosexualität und Geschlechterrollen aus, die noch immer andauern.

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FRAUEN IM SINN

Verlag Krug & Schadenberg

Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

rund um das lesbische Leben

Radclyffe Hall

Quell der Einsamkeit

Roman

Für uns drei

BUCH I

Erstes Kapitel

1.

Unweit von Upton-on-Severn, genau genommen zwischen Upton-on-Severn und den Malvern Hills, liegt der Landsitz der Gordons of Bramley; wohlversehen mit Nebengebäuden und Umzäunungen, mit Waldungen und Gewässern, versorgt durch einen Bach, der sich gerade an der rechten Stelle gabelt, um zwei große Teiche auf dem Besitztum zu speisen.

Das Haus selbst ist ein roter Ziegelbau im Stil des achtzehnten Jahrhunderts mit entzückenden kreisförmigen Dachfenstern unter dem Giebel. Es atmet Würde und Stolz, ohne sich damit zu brüsten; spricht von Selbstsicherheit, ohne deswegen arrogant zu wirken, Ruhe ohne Trägheit; ein Zug leiser Zurückhaltung macht es denen, die seinen Geist kennen, als Heim doppelt lieb. Und tatsächlich gleicht es gewissen liebenswerten Frauen, die, gealtert, zu einer vergangenen Generation zählen – Frauen, die in ihrer Jugend bei aller Zurückhaltung doch leidenschaftlich waren; schwer zu gewinnen, aber einmal gewonnen, Erfüllung bedeuteten. Sie kommen und gehen dahin; ihre Heimstätten bleiben. Solch eine Heimstatt ist Morton.

Lady Anna Gordon hielt als Braut von knapp zwanzig ihren Einzug ins Herrenhaus Morton. Schön war sie, wie nur eine Irin schön sein kann. Ausgeglichenheit und stolze Ruhe lagen in ihrem Auftreten, sehnsüchtiges Verlangen in ihrem Blick. Ihr Körper war lockendes Versprechen. Sie war das Urbild der vollkommenen Frau, die Gott geschaffen und für gut befunden hat.

Sir Philip hatte Anna Molloy weit weg von hier in County Clare kennengelernt. Sie war damals ein schlankes Geschöpf, unberührt und rein. Gleich einem erschöpften Vogel, der auf sein Nest zuflattert, flüchtete er sich an ihre Brust, wie es ihren Worten nach wirklich einmal ein Vogel getan hatte, der vor den Gefahren eines Sturmes Schutz bei ihr suchte.

Sir Philip war ein Mann von hoher Statur und einnehmendem Äußeren. Doch entsprang sein Charme weniger dem Äußeren als einer gewissen Weitherzigkeit, einer nachsichtigen, duldsamen Haltung, die fast die Bezeichnung großmütig verdiente, und nicht zuletzt der Art seiner tiefliegenden haselnussbraunen Augen, die eine chevalereske Traurigkeit zeigten. Das feste Kinn war leicht gespalten, die Stirn durchgeistigt, sein Haar goldbraun überschimmert. Seine weit geschwungenen Nasenflügel deuteten auf ein heftiges Temperament, aber seine schön geschwungenen, sensitiven und von Leidenschaft zeugenden Lippen wiesen ihn als einen Träumer und einen Liebenden aus.

Als er mit neunundzwanzig heiratete, hatte er sich bereits gehörig die Hörner abgestoßen, doch in ihrem sicheren Instinkt vertraute Anna ihm vollkommen. Ihr Vormund, dem er missfiel, war gegen die Verbindung gewesen; aber schließlich hatte sie ihren Kopf durchgesetzt. Und wie sich dann herausstellte, erwies sich ihre Wahl als glücklich. Denn selten hatten zwei Menschen einander so lieb wie sie. Sie liebten sich mit einer Glut, der die Zeit nichts anhaben konnte. Mit der Reife ihrer Jahre reifte auch ihre Liebe.

Sir Philip hatte nie geahnt, wie sehr es ihn danach verlangte, einen Sohn zu bekommen. Als Anna etwa zehn Jahre nach ihrer Vermählung in anderen Umständen war, hielt er es für die Vollendung seines Glücks, für die Erfüllung aller Wünsche, auf die sie beide gewartet hatten. Als sie es ihm erzählte, fand er keine Worte, um seiner Rührung Ausdruck zu verleihen; er konnte sich nur abwenden und an ihrer Schulter weinen. Es schien ihm keinen Augenblick in den Sinn zu kommen, dass Anna ihm sehr wohl auch eine Tochter schenken könnte. Er sah in ihr nur die Mutter von Söhnen, ihre beschwörenden Bedenken fruchteten nicht das Geringste. Er taufte das ungeborene Kind Stephen, weil er die Kühnheit jenes Heiligen bewunderte. Da er von Haus aus nicht religiös war und eher etwas von einem Gelehrten an sich hatte, sah er die Bibel als Schöne Literatur. Der Heilige Stephan hatte es seiner Phantasie angetan. So kam er denn häufig auf die Zukunft ihres Kindes mit Worten zu sprechen wie »Ich meine, ich werde Stephen nach Harrow schicken«, oder »Es wäre mir lieb, Stephen bildete sich im Ausland aus – das weitet den Horizont.«.

Wenn Anna ihn so sprechen hörte, ließ sie sich immer mehr überzeugen. Seine Sicherheit war dazu angetan, ihre unklaren Ahnungen zu zerstreuen. Sie sah sich bereits mit dem kleinen Stephen spielen, bald im Kinderzimmer, bald im Garten, dann auf der Wiese mit ihrem süßen Duft. ›Er, der liebenswerte junge Mann‹, sagte sie wohl in Gedanken an die gefühlvolle irische Ausdrucksweise ihrer Landsleute. ›Er, in dessen Augen das Sternenlicht funkelt und dessen Herz vom Mut eines Löwen erfüllt ist.‹

Wenn sich das Kind in ihr regte, dachte sie wohl, es stieße deshalb so kräftig, weil es ein tapferes männliches Geschöpfchen war, das sie trüge. Bei solchen Anlässen weitete sich ihr Sinn, und ihre Zuversicht, ein männliches Kind zur Welt zu bringen, wuchs ins Unermessene. Oft lag ihre Handarbeit auf dem Schoß, während ihr Blick in die Ferne auf die Hügelkette gerichtet war, die sich längs des Severn-Tales hinzog. Es verlangte sie danach, von ihrem Lieblingsplatz unter einer alten Zeder die Malvern Hills in ihrer ganzen Schönheit zu erblicken; ihre schwellenden Anhöhen schienen plötzlich eine andere Bedeutung anzunehmen. Sie wirkten auf sie wie schwangere Frauen mit schweren Brüsten, wie große, tapfere, mit Grün umgürtete Mütter herrlicher Söhne. So saß sie all die Sommermonate über da und blickte nach den Bergen. Gewöhnlich saß Sir Philip neben ihr, und gewöhnlich saßen sie Hand in Hand. Voller Dankbarkeit gab sie den Armen reichlich, und Sir Philip ging sogar in die Kirche, was er sonst höchst selten zu tun pflegte, und der Pfarrer erschien zum Dinner, und gegen das Ende hin kam manch ältere Frau herbei, um Anna gute Ratschläge zu erteilen.

Jedoch: ›Der Mensch denkt, Gott lenkt.‹ So kam es, dass Anna zu Weihnachten von einer Tochter entbunden wurde, einer schmalhüftigen, breitschultrigen kleinen Kröte von Tochter, die drei Stunden lang schrie und schrie, ohne aufzuhören, als sei es eine Zumutung, dass sie in die Welt gesetzt wurde.

2.

Anna Gordon stillte ihr Kind. Während es trank, wurde ihr schwer ums Herz; hatte ihr Mann sich doch so sehr einen Sohn gewünscht! Angesichts ihres Kummers verbarg Sir Philip seine Enttäuschung. Er herzte und hätschelte die Kleine und betrachtete ihre Fingerchen.

»Welch eine Hand!«, sagte er dann wohl. »An allen zehn Fingerchen hat sie tatsächlich schon Nägel – richtige rosige kleine Nägel!«

Dann trocknete Anna ihre Tränen und liebkoste das winzige Händchen mit ihren Lippen.

Er bestand hartnäckig darauf, das Kleine Stephen zu nennen, ja, es sogar auf diesen Namen taufen zu lassen. »Jetzt haben wir sie schon so lange Stephen gerufen«, sagte er zu Anna, »dass ich nicht einsehen kann, weshalb wir nicht dabei bleiben sollen.«

In Anna regten sich Zweifel, aber Sir Philip blieb dickköpfig, wie er es zeitweilig sein konnte, wenn er einer Marotte nachhing.

Der Pfarrer fand das ziemlich ungewöhnlich. Um ihn zu beschwichtigen, mussten sie weibliche Vornamen hinzufügen. So wurde das Kind dann in der Dorfkirche auf die Namen Stephen Mary Olivia Gertrude getauft. Sie gedieh, wurde kräftig, und als ihr das Haar wuchs, war es vom gleichen Kastanienbraun wie das Sir Philips. Auch ihr Kinn hatte schon eine winzige Spaltung, zuerst so winzig, dass es wie ein Schatten wirkte. Als eine Weile später die Augen ihre Bläue, wie sie jungen Hunden und anderen jungen Geschöpfen eigen ist, verloren, entdeckte Anna, dass sie sich ins Haselnussbraune veränderten und – wie sie meinte – den Ausdruck des Vaters annahmen. Alles in allem war sie ein wohlgeratenes Kindchen dank ihrer zweifellos guten körperlichen Verfassung. Abgesehen von ihrem ersten energischen Protest bei der Geburt schrie sie sehr wenig.

Ein Kindchen in Morton bedeutete wahres Glück. Das alte Haus schien freundlicher zu werden, wenn das Kind, das rasch wuchs und laufen lernte, die Dielen, die schon so lange Jahre Kinderart kannten, entlang stolperte, krabbelte oder taumelte. Kam Sir Philip von oben bis unten beschmutzt von der Jagd, dann lief er, bevor er noch die Stiefel auszog, ins Kinderzimmer und ließ sich auf alle viere nieder, und Stephen kletterte auf seinen Rücken. Sir Philip stellte sich dann, als sei er ein kraftvolles Pferd; er bockte, bäumte sich auf, schlug heftig aus, so dass Stephen sich in sein Haar krallen oder an seinem Hals festhalten musste und ihn mit ihren frechen kleinen Fäusten bearbeitete. So fand Anna sie gewöhnlich, von dem Radau herbeigelockt, und deutete dann auf den schmutzigen Teppich.

Sie rief: »Genug jetzt, Philip, genug jetzt, Stephen! Es ist Zeit für euren Tee!«, so als ob alle beide ihre Kinder wären. Dann erhob sich Sir Philip, warf Stephen ab und gab ihrer Mutter einen Kuss.

3.

Der erhoffte Sohn schien lange auf sich warten zu lassen. Er war immer noch nicht da, als Stephen schon sieben Jahre alt war. Allerdings hatte Anna auch keiner weiteren Tochter das Leben geschenkt. Auf diese Weise blieb Stephen Hahn im Korbe.

Ob ein Einzelkind beneidenswert genannt werden kann, lässt sich stark bezweifeln. Einzige Kinder sind zur Selbstbeobachtung verurteilt; sie haben niemanden in ihrem Alter, dem sie sich anvertrauen können, außer sich selbst. Man kann kaum behaupten, dass der Geist einer Siebenjährigen von ernsthaften Problemen in Anspruch genommen wird, aber er beginnt schon zu tasten und kann schon kleine Anfälle von Schwermut erleiden, kann sogar bereits darum ringen, sich mit dem Leben auseinanderzusetzen – dem begrenzten Leben seiner Umgebung. Mit sieben Jahren gibt es Liebe und Hass en miniature, die aber trotzdem drohend ihr Haupt erheben, einen aus der Fassung bringen und verwirren. In diesem Alter mag sogar ein dumpfes, unklares Gefühl von Enttäuschung und Verkrampfung da sein, und Stephen wurde sich tatsächlich häufiger solchen Gefühls bewusst, obwohl sie außerstande war, es in Worte zu fassen. Um damit fertig zu werden, ließ sie sich von Zeit zu Zeit zu plötzlichen, heftigen Temperamentsausbrüchen hinreißen, wobei sie über alltägliche Dinge, die sie im Allgemeinen kalt ließen, in Erregung geriet und sich in diese hineinsteigerte. Es erleichterte sie, beim ersten Zeichen von Widerstand, den man ihr entgegensetzte, mit den Füßen aufzustampfen und daraufhin in Tränen auszubrechen. Nach solchen Exzessen fühlte sie sich heiterer und fand es beinahe leicht, gefügig und gehorsam zu sein. Mit ihrem undefinierbaren kindlichen Vorgehen schlug sie gegen das Leben zurück, und das stellte ihr Selbstbewusstsein wieder her.

Anna wandte sich an ihr aufsässiges Kind und sagte dann: »Stephen, Liebling, Mama ist dir nicht wirklich böse; vertrau dich Mama an, sag ihr, was dich so reizt und in Zorn bringt. Sie verspricht dir, sich Mühe zu geben und dich zu verstehen, wenn du es ihr sagst.«

Aber obwohl ihre Stimme sanft klang, blickten ihre Augen kalt, und ihre Hand zögerte, wenn sie Stephen widerwillig streichelte. Und die Hand musste sich überwinden, sie zu liebkosen; aber Stephen merkte das. Sah sie dann hoch und blickte in das ruhige, liebliche Gesicht, dann erfüllte sie starke Zerknirschung, durchzuckte sie ein jähes, tiefgehendes Gefühl eigener Unzulänglichkeit. Sie sehnte sich danach, mit allem, was sie bedrückte, vor der Mutter herauszuplatzen, aber ihre Zunge war wie gelähmt, und sie brachte keine Silbe hervor. Denn beide waren einander gegenüber sonderbar gehemmt; ihre Befangenheit wirkte grotesk, da sie doch Mutter und Kind waren. Anna spürte das immer, auch Stephen, so jung sie noch war, ahnte es. So kam es ganz von selbst, dass die, die am stärksten verbunden sein sollten, einander meistens auswichen.

Stephen, mit ihrem lebendigen Sinn für Schönheit, empfand unklar den Wunsch, Ausdruck für das Gefühl der Verehrung zu finden, das das Gesicht ihrer Mutter in ihr erweckte. Anna jedoch erging es anders. Während ihr Blick ernst auf ihrer Tochter ruhte und sie deren volles kastanienbraunes Haar, die tapferen haselnussbraunen Augen betrachtete, die so sehr denen des Vaters glichen – wie auch das Verhalten und Auftreten des Kindes –, wurde in ihr plötzlich Widerstand gegen sie wach, der hart an Abscheu grenzte.

Nachts fuhr sie oft aus dem Schlaf hoch und schlug sich mit diesen Dingen herum. In einem Anfall von Zerknirschung durchstand sie wahre Qualen, beschuldigte sich der Härte, hielt sich für eine unnatürliche Mutter. Beim Gedanken daran, dass ihr Stephen unverständlich war, vergoss sie manchmal heimliche Tränen.

Sie dachte: Ich sollte auf die Ähnlichkeit stolz sein; stolz, glücklich und froh, sooft ich sie sehe. Kaum hatte sie es gedacht, als die eigentümliche Feindseligkeit erneut von ihr Besitz ergriff und sich zu Angstvorstellungen auswuchs.

Anna glaubte darüber verrückt zu werden. Denn diese Ähnlichkeit mit ihrem Mann – obwohl die arme, unschuldige siebenjährige Stephen, gewissermaßen eine Karikatur Sir Philips, einen fehlerhaften, unzureichenden, entstellten Abklatsch darstellte – berührte sie wie etwas Frevelhaftes. Gleichzeitig war sie sich darüber im Klaren, dass Stephen hübsch war. Aber dann wieder kamen Zeiten, wo das weiche Fleisch des Kindes sie abstieß, wo die Art und Weise, wie Stephen sich bewegte oder dastand, ihr verhasst war, verhasst wie die gewisse Großspurigkeit, die Stephen zu eigen war, wie ein gewisser auffallender Mangel an Grazie in ihren Bewegungen, wie eine gewisse unbewusste Herausforderung, die sie an den Tag legte. Dann dachte sie wohl an die Zeit zurück, da sich dieses selbe Geschöpf an ihre Brust klammerte und sie dazu brachte, es wegen seiner ohnmächtigen Schwachheit zu lieben. Bei diesem Gedanken füllten sich ihre Augen erneut mit Tränen, entstammte sie doch selbst einem Geschlecht zärtlich-hingebungsvoller Mütter.

Zweites Kapitel

1.

Ungefähr um diese Zeit empfand Stephen zum ersten Mal einen unentrinnbaren Drang zu lieben. Ihren Vater betete sie an; aber das war etwas ganz anderes. Er war ein Teil von ihr, war immer dagewesen; ohne ihn konnte sie sich die Welt einfach nicht vorstellen.

Mit Collins, dem Hausmädchen, verhielt sich die Sache nicht so. Collins war, was man das ›Zweitmädchen‹ von den drei weiblichen Hilfskräften nennt, und durfte hoffen, eines Tages befördert zu werden. Im Übrigen war sie das blühende Leben selbst, mit vollen Lippen und vollen Brüsten – für eine Zwanzigjährige allerdings reichlich üppig. Doch ihre Augen waren ungewöhnlich blau und bestrickend, voll reizender Neugier zudem. Stephen hatte Collins zwei Jahre lang die Treppen fegen sehen und war ganz unbemerkt an ihr vorübergegangen. Aber eines Morgens – Stephen war knapp über sieben – schaute Collins hoch und lächelte sie plötzlich an. Da wusste Stephen im selben Moment, dass sie Collins liebte – eine bestürzende Offenbarung!

Collins sagte höflich: »Guten Morgen, Miss Stephen.«

Sie hatte stets »Guten Morgen, Miss Stephen« gesagt, aber bei dieser Gelegenheit klang es lockend, so lockend, dass Stephen Lust bekam, Collins zu berühren. Ziemlich unsicher streckte sie ihre Hand aus, um ihr über den Ärmel zu streichen.

Collins griff nach der Hand und sah scharf darauf. »Lieber Himmel!«, rief sie. »Was für dreckige Fingernägel!« Wobei Stephen aus Scham tief errötete und die Treppe hoch stürzte, um die Sache in Ordnung zu bringen.

»Legen Sie augenblicklich diese Schere fort, Miss Stephen!«, ließ sich die Nurse mit gebieterischer Stimme vernehmen, während ihr Schützling sich eifrig weiter kosmetisch betätigte.

Stephen gab fest zurück: »Ich mach’ mir die Nägel sauber, weil sie Collins nicht gefallen … Sie sagte, sie sind schmutzig!«

»Was für eine Frechheit!«, fauchte die Nurse. »Der werde ich beibringen, ihre Nase in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken!«

Nachdem Mrs. Bingham die große Schneiderschere schließlich in Sicherheit gebracht hatte, machte sie sich auf die Suche nach der Übeltäterin. Sie gehörte nicht zu den Menschen, die auch nur den geringsten Eingriff in die Erhabenheit ihrer Stellung dulden. Sie entdeckte Collins noch auf der oberen Treppenflucht und begann sie unverzüglich abzukanzeln. Die Nurse nannte das, ›sie auf ihren Platz verweisen‹. Sie tat das so gründlich, dass das Zweitmädchen in weniger als fünf Minuten alle ihre Fehler zu hören bekam, die einer Beförderung entgegenstanden.

Stephen war in der offenen Tür des Kinderzimmers stehengeblieben. Sie fühlte ihr Herz gegen die Rippen pochen. Es pochte vor Zorn und aus Mitleid mit Collins, die kein Wort erwiderte. Sie kniete, die Scheuerbürste in der halberhobenen Hand, den Mund leicht geöffnet und die Augen voller Schrecken. Als sie endlich Worte fand, klang ihre Stimme unterwürfig und furchtsam. Sie war von Natur aus ängstlich, und die scharfe Stimme der Nurse war im ganzen Haus sprichwörtlich.

Collins sagte: »Ihrem Kind in die Quere kommen – ich? Oh, ich nicht, Mrs. Bingham, niemals! Da kenn’ ich hoffentlich meine Stellung besser. Miss Stephen selber zeigte mir ihre schmutzigen Nägel. Sie sagte: ›Schau mal her, Collins, sind meine Nägel nicht schrecklich schmutzig?‹ Und ich sagte: ›Da müssen Sie Nanny fragen, Miss Stephen.‹ Sieht das so aus, als wollte ich mich in Ihre Angelegenheiten mischen? So eine bin ich nicht, Mrs. Bingham.«

O Collins – Collins mit den hübschen blauen Augen und dem lustigen, betörenden Lächeln! Stephens eigene Augen weiteten sich vor Staunen, dann trübten sie sich mit plötzlichen Tränen der Desillusion. Denn viel schlimmer als Collins’ geistige Armut war die fürchterliche Ungerechtigkeit ihrer Lügerei, und doch schien gerade diese Ungerechtigkeit sie zu Collins hinzuziehen. Trotz ihrer Verachtung konnte Stephen sie immer noch lieben.

Finster grübelte sie den Rest des Tages über Collins’ Würdelosigkeit. Dennoch verlangte es sie den ganzen Tag über weiter nach Collins. Jedes Mal, wenn sie ihr begegnete, ertappte sie sich bei einem Lächeln, völlig außerstande, mutig ihre Missbilligung durch finstere Miene auszudrücken. Und Collins lächelte sie, wenn die Nurse es nicht sah, genau so an. Sie hielt ihre dicken roten Finger hoch, wies auf ihre Nägel und schnitt hinter dem Rücken der Nurse eine Grimasse. Der Anblick machte Stephen verlegen und unglücklich – nicht so sehr um ihretwillen als Collins wegen. Dieses Gefühl verstärkte sich so sehr, dass es Stephen beim bloßen Gedanken an sie heiß den Rücken hinunterlief.

Als Collins abends den Tee bereitete, gelang es Stephen, sie allein zu erwischen. »Collins«, flüsterte sie, »du hast die Unwahrheit gesagt – ich habe dir nie meine schmutzigen Nägel gezeigt.«

»’türlich nicht«, murmelte Collins. »Irgendwas musste man ja sagen. Sie nehmen’s mir doch nicht übel, Miss Stephen, nicht?«

Und als Stephen sie zweifelnd ansah, beugte sich Collins plötzlich zu ihr hinab und küsste sie.

Sprachlos vor reiner Freude stand Stephen da; alle ihre Skrupel waren wie weggeblasen. In diesem Augenblick wusste sie weiter nichts als ›Schönheit‹ und ›Collins‹, und dies beides war wie eines, und dieses Eine war Stephen und doch nicht Stephen, sondern etwas Größeres, für das der siebenjährige Geist keinen Namen fand.

Die Nurse erschien und brummte: »Nun mal los, Miss Stephen. Stehen Sie nicht da, als seien Sie verdreht! Gehen Sie und waschen Sie sich Gesicht und Hände vor dem Tee – wie oft muss ich Ihnen das noch sagen?«

2.

Von da an hielt Stephen Einzug in eine ganz neue Welt, die sich um die Achse Collins drehte, eine Welt steter aufregender Abenteuer, voller Beschwingtheit, Freude, unsagbarer Traurigkeit, aber im Ganzen eine schöne Welt, in der man herumschwirren konnte wie der Falter um die Kerze …

Auf und ab schwangen die Tage, wie eine Schaukel, die hoch empor über die Wipfel der Bäume aufstieg und dann wieder in die Tiefe zurückstürzte, aber selten nur, wenn überhaupt, in halber Höhe hing. Und mit ihnen schwang sich Stephen. Morgens erwachte sie mit einem Schauer ungewisser Erregung – jener Art Erregung, die von Rechts wegen nur zu Geburtstagen, zum Christfest, zum Besuch einer Pantomime in Malvern gehörte. Sie schlug dann wohl die Augen auf und sprang schnell aus dem Bett, noch zu schläfrig, um sich darauf zu besinnen, warum sie sich so beschwingt fühlte. Aber dann kehrte ihr wohl die Erinnerung zurück, und sie würde wissen: Heute, wirklich, würde sie Collins sehen. Die Vorstellung allein ließ sie in ihrem Sitzbad planschen, vor lauter Hast von ihren Kleidern die Knöpfe abreißen und ihre Fingernägel mit solcher Verve bearbeiten, dass sie allmählich wund wurden.

In ihren Unterrichtsstunden begann sie höchst unaufmerksam zu werden – sie sog an ihrem Federhalter, starrte aus dem Fenster oder, was weit schlimmer war, hörte überhaupt nicht mehr hin, außer auf Collins’ Schritte. Die Nurse schlug sie dafür auf die Hände, stellte sie in die Ecke und gab ihr keine Marmelade mehr. Aber alles umsonst, denn Stephen lächelte bloß, verbarg ihr Geheimnis nur noch fester. Es war es wert, für Collins bestraft zu werden.

Sie wurde zunehmend nervöser. Nichts konnte sie dazu bewegen, auf ihrem Stuhl ruhig zu sitzen, nicht einmal dann, wenn ihr die Nurse etwas vorlas. Früher hatte sie sich gern vorlesen lassen, besonders über Heldentaten. Aber jetzt reizten solche Geschichten ihren Ehrgeiz so sehr, dass sie nur brennend wünschte, sie selbst zu erleben. Sie, Stephen, sehnte sich jetzt danach, ein Wilhelm Tell, ein Nelson zu sein oder gleich der ganze Reiterangriff bei Balaklava. Und das verlockte sie dazu, im Restekorb ihres Kinderfräuleins zu stöbern, Kleidungsstücke zu erjagen, die früher zu Scharaden gedient hatten; es führte zum Schwadronieren und Lärmen, zum Stolzieren und Posieren und zu langen Blicken in den Spiegel.

Die Folgen davon waren heillose Unordnung und ein allgemeines Durcheinander. Das Kinderzimmer sah aus, als wäre es von einem Erdbeben heimgesucht worden. Stühle und Fußboden waren mit Resten und Abfällen bedeckt, die Stephen zwar ausgegraben, aber wieder verworfen hatte. Hatte sie sich dann verkleidet, so schritt sie wohl großartig davon, winkte die Nurse gebieterisch beiseite und stolzierte, wie stets auf der Suche nach Collins, oft bis ins Souterrain.

Manchmal machte Collins mit, besonders wenn Stephen als Nelson erschien. »Herrje, sehen Sie vielleicht prächtig aus!«, konnte sie ausrufen. Und dann, zur Köchin gewandt: »Kommen Sie doch mal her, Mrs. Wilson! Sieht Miss Stephen nicht richtig wie ’n Junge aus? Ich glaube, sie ist wirklich ’n Junge – bei diesen Schultern und diesen komischen staksigen Beinen!«

Stephen sagte dann mit Ernst: »Klar bin ich ein Junge. Ich bin der junge Nelson und sage: ›Furcht! Was ist das?‹ Verstehst du, Collins, ich muss ein Junge sein, weil ich mich genau so fühle – wie Jung-Nelson oben auf dem Bild fühl’ ich mich.«

Dann lachte Collins, und Mrs. Wilson lachte gleichfalls. Nachdem Stephen wieder fort war, hielten sie wohl einen Schwatz miteinander, wobei Collins etwa sagen mochte: »Sie ist ein sonderbares Gör. Immerzu verkleidet sie sich und spielt Theater – komisch!«

Aber Mrs. Wilson gab manchmal ihrem Befremden Ausdruck: »Ich bin nicht für so ’n Unsinn, nicht bei einer jungen Dame. Miss Stephen ist so ganz anders als andere junge Damen – sie hat gar nicht die richtig nette Art wie ’n Mädchen. Es ist ein Jammer.«

Es gab aber Zeiten, da Collins mürrisch schien und Stephen sich vergebens als Nelson kostümierte. »Ach, lassen Sie mich in Ruh, Miss, ich muss mich um meine Arbeit kümmern!« Oder: »Gehen Sie und zeigen Sie sich der Nurse – ich weiß ja, dass Sie ein Junge sind. Ich hab’ zu tun. Gehen Sie schon!«

Dann blieb Stephen nichts anderes übrig, als wieder nach oben zu schleichen. Sie kam sich klein und hässlich vor. Tief unglücklich und schrecklich gedemütigt musste sie ihre Kostümierung abstreifen, die sie so liebend gern antat, und ihre verhassten Kleidungsstücke wieder anziehen. Oh, wie sie die weichen Kleider und seidenen Schärpen verabscheute und dünne Korallenketten und durchbrochene Strümpfe! In Hosen fühlten sich ihre Beine frei und wohlig. Sie schwärmte für Taschen, und die waren ihr verboten, zumindest solche, die wirklich brauchbar waren. Verdrossen saß sie im Kinderzimmer herum, weil Collins ihr die kalte Schulter gezeigt hatte; weil sie empfand, wie verkehrt alles war; weil sie sich sehnsüchtig wünschte, jemand Wirkliches zu sein statt immer nur Stephen, die Nelson spielte. So ging sie in einem Anfall von Jähzorn zum Schrank, riss alle ihre Puppen heraus und begann sie zu quälen. Sie hatte stets bloß Verachtung für diese idiotischen Kreaturen übrig gehabt, die dennoch pünktlich an jedem Weihnachten und an jedem Geburtstag auftauchten.

»Ich hasse euch! Ich hasse euch! Ich hasse euch!«, knurrte sie dann und schlug auf ihre unschuldigen Gesichter ein.

Eines Tages schien Collins, als sie sich unfreundlicher denn je gezeigt hatte, von plötzlicher Reue ergriffen. »Is’ nur wegen meinem Knie«, vertraute sie Stephen an. »Nicht wegen Ihnen, nur wegen meinem schlimmen Knie, von der Hausarbeit, Liebes.«

»Ist das gefährlich?«, fragte das Kind und blickte sie erschrocken an.

Getreu den Gewohnheiten ihres Standes erklärte Collins: »Schon möglich … Es kann ’ne grausige Operation werden, aber operieren lassen will ich mich nicht.«

»Was ist eine Operation?«, wollte Stephen wissen.

»Hach, sie werden mich zerschnippeln«, ächzte Collins. »Sie werden mich aufschlitzen müssen, um das Wasser rauszulassen.«

»Was denn für Wasser? O Collins!«

»Das Wasser in meiner Kniescheibe – Sie können’s fühlen, Miss Stephen, wenn Sie draufdrücken.«

Sie waren allein in dem geräumigen Kinderschlafzimmer, wo Collins humpelnd das Bett machte. Es war eine der ganz seltenen und köstlichen Gelegenheiten, bei denen Stephen ungestört mit ihrer Göttin reden konnte, denn die Nurse war ausgegangen, um einen Brief aufzugeben. Collins rollte einen groben Wollstrumpf hinunter und zeigte ihr die kranke Stelle, die fleckig und geschwollen und keineswegs anziehend war, aber Stephens Augen füllten sich mit jähen Tränen der Angst, während sie das Knie mit den Fingern berührte.

»Da!«, rief Collins. »Sehen Sie diese Delle? Das ist das Wasser!« Sie fügte hinzu: »Das tut so weh – es macht mich ganz krank. Und das kommt alles nur vom Bodenaufwischen, Miss Stephen. Ich dürfte diese Fußböden eigentlich gar nicht putzen.«

Stephen sagte ernst: »Ich wünschte, das bekäme ich! Bekäme ich doch dein schlimmes Hausarbeitsknie! Dann könnte ich die Schmerzen für dich leiden. Für dich, Collins, würde ich gern ganz furchtbar leiden, weißt du, wie Jesus für die Sünder gelitten hat. Wenn ich nun tüchtig bete, glaubst du, dass ich’s dann kriege? Oder wenn ich mein Knie an deinem reibe?«

»Gott behüte!«, lachte Collins. »So was ist ja nicht wie die Masern! Nein, Miss, das kommt vom Fußboden.«

An diesem Abend wurde Stephen sehr nachdenklich. Sie versenkte sich in die Biblischen Geschichten für Kinder und studierte das Bild, das Jesus am Kreuz zeigte. Sie spürte, dass sie ihn verstand. Oft hatte sie sich eher den Kopf über ihn zerbrochen, denn sie selbst fürchtete sich vor Schmerzen. Wenn sie sich am Gartenkies das Schienbein aufschürfte, fand sie es nicht immer leicht, die Tränen zurückzuhalten. Und doch hatte sich Jesus entschieden, für die Sünder Schmerzen zu tragen, wo er doch ohne weiteres alle Engel hätte herbeirufen können! O ja, sie hatte sich immer sehr über ihn gewundert, aber jetzt wunderte sie sich nicht mehr.

Wenn ihre Mutter vor dem Einschlafen zu ihr hereinkam, um sie, wie üblich, ihr Gebet aufsagen zu hören, fehlte es Stephens Worten durchaus an Überzeugung. Aber wenn Anna ihr dann den Gutenachtkuss gegeben und das Licht gelöscht hatte, betete Stephen für sich allein in tiefem Ernst und mit solcher Inbrunst, dass sie in Schweiß geriet durch die Orgie des Betens.

»Bitte, Herr Jesus, gib doch mir anstatt Collins ein ›Dienstmädchenknie‹, tu’s, Herr Jesus, bitte. Bitte, Jesus, ich würde so gern alle Schmerzen von Collins auf mich nehmen, wie du es getan hast, und ich brauche auch keine Engel! Ich möchte Collins in meinem Blut, Herr Jesus, ich möchte für Collins ein Heiland sein. Ich liebe sie und möchte Wunden tragen, wie du, bitte, lieber Herr Jesus, bitte! Bitte, gib mir doch ein Knie, das ganz voll Wasser ist, so dass ich Collins’ Operation haben kann. An ihrer Stelle möchte ich sie haben, weil sie Angst davor hat. Ich aber habe kein bisschen Angst!«

Sie wiederholte ihr Flehen, bis sie einschlief und träumte, dass sie auf wunderliche Weise selbst Jesus wurde, Collins vor ihr niederkniete und ihr die Hand küsste. Denn sie, Stephen, hatte es fertiggebracht, sie dadurch zu heilen, dass sie ihr das Knie mit einem Brieföffner herausschnitt und es sich selbst aufpfropfte. Der Traum war eine Mischung von Verzückung und Unbehagen und klang lange in Stephen nach.

Am nächsten Morgen erwachte sie mit jenem beschwingten Gefühl, wie man es nur im Augenblick felsenfesten Glaubens hat. Aber eine genaue Untersuchung ihrer Knie im Bad ergab, dass sie makellos waren, abgesehen von alten Schrammen und einem braunen Schorf, der von einem kürzlichen Sturz herrührte. Das war freilich eine große Enttäuschung. Sie riss den Schorf ab, und das tat ihr etwas weh, aber bestimmt nicht so weh, sagte sie sich, wie ein ›Dienstmädchenknie‹. Trotzdem entschloss sie sich, das Beten fortzusetzen und sich nicht so leicht unterkriegen zu lassen.

Über drei Wochen lang schwitzte und betete sie und plagte die arme Collins Tag für Tag mit endlosen Fragen: »Ist dein Knie noch nicht besser?«

»Findest du nicht, dass mein Knie geschwollen ist?«

»Glaubst du an …?«

»Weil ich nämlich dran glaube …«

»Tut’s dir weniger weh, Collins?«

Doch Collins antwortete stets dasselbe: »Danke, Miss Stephen, aber es is’ nicht besser geworden.«

Am Schluss der vierten Woche stellte Stephen abrupt das Beten ein und sprach: »Jesus, du liebst Collins nicht! Aber ich liebe sie und werde schon ein schlimmes Knie kriegen. Du wirst es sehen!« Darüber erschrak sie und fügte demütig hinzu: »Ich wollte sagen, ich möchte gern … Du hast doch nichts dagegen, Herr Jesus, nicht?«

Den Fußboden im Kinderzimmer bedeckte ein Teppich – für Stephens Absichten ein unglücklicher Umstand. Wäre es wie im Salon und im Studierzimmer nur Parkett gewesen, hätte es ihren Zwecken besser entsprochen. Gleichwohl, wenn man lange genug darauf kniete, war es hart, sogar so hart, dass Stephen die Zähne zusammenbeißen musste, wenn sie länger als zwanzig Minuten in dieser Haltung verharrte. Das war viel schlimmer, als sich im Garten die Schienbeine aufzuschürfen, viel schlimmer sogar noch, als sich den Schorf abzureißen! Nelson stand ihr ein wenig zur Seite. Sie dachte: Jetzt bin ich Nelson. Ich bin mitten in der Schlacht von Trafalgar. Ich habe Schüsse ins Knie bekommen. Aber dann fiel ihr ein, dass Nelson von solcher Qual verschont geblieben war. Aber eigentlich hatte es etwas Gutes zu leiden – das schien ihr Collins sicher näherzubringen und weckte in ihr das Gefühl, sie habe nun aufgrund ihrer fleißigen Askese mehr Anrecht auf sie.

Der alte Kinderzimmerteppich hatte zahllose Flecken, und Stephen konnte vorgeben, sie wolle sie entfernen. Stets darauf bedacht, Collins’ Bewegungen genau nachzuahmen, rieb sie hin und her und stöhnte dabei leise. Wenn sie endlich aufstand, musste sie ihr linkes Bein festhalten und – immer noch unter leisem Stöhnen – humpeln. In ihren Strümpfen zeigten sich riesengroße neue Löcher, durch die sie ihre schmerzenden Knie besichtigen konnte. Das brachte ihr scharfe Verweise ein. »Hören Sie auf mit dem Unsinn, Miss Stephen! Einfach skandalös, wie Sie Ihre Strümpfe zerreißen!« Aber Stephen lächelte nur grimmig und fuhr, angespornt von ihrer Liebe, die sie zu offenem Trotz ermutigte, in ihrem törichten Treiben fort. Am achten Tag jedoch wurde Stephen klar, dass sie Collins unbedingt den Beweis ihrer Verehrung zeigen müsse. Ihre Knie waren an diesem Morgen ziemlich verschrammt, und so hinkte sie denn los auf die Suche nach dem ahnungslosen Hausmädchen.

Collins erstarrte: »Guter Gott, was ist los? Was haben Sie denn da bloß angestellt, Miss?«

Stephen erwiderte nicht ohne verzeihlichen Stolz: »Ich habe ein schlimmes Knie von der Hausarbeit bekommen, grad’ wie du, Collins!« Und als Collins ein törichtes, ja bestürztes Gesicht machte, fuhr sie fort: »Siehst du, ich wollte deine Schmerzen mit dir teilen. Erst hab’ ich lange gebetet, aber Jesus wollte nicht hören, und dann hab’ ich mich auf meine eigene Weise um ein schlimmes Knie bemüht – auf Jesus kann ich nicht länger warten!«

»Pst, pst«, machte Collins völlig konsterniert. »So was dürfen Sie nicht sagen. Das is’ Sünde, Miss Stephen.« Aber wider Willen musste sie lächeln, und plötzlich zog sie das Kind innig ans Herz.

Gleichwohl nahm Collins am Abend all ihren Mut zusammen und sprach mit der Nurse über Stephen. »Ihre Knie waren ganz rot und geschwollen, Mrs. Bingham. Haben Sie schon jemals so ein sonderbares Kind gesehen? Betet sogar für mein krankes Knie. Sie ist ’n komisches Ding! Und nun will sie doch tatsächlich selber eins kriegen! Na, wenn das nicht wahre Liebe is’, dann kenn’ ich mich nicht mehr aus.« Und Collins brach in leises Lachen aus.

Nach dieser Unterredung setzte Mrs. Bingham ihre ganze Macht ein – der selbstauferlegten Folter wurde gewaltsam ein Ende bereitet. Collins wurde beauftragt zu lügen, wenn Stephen mit ihrer Fragerei fortfahren sollte. So log Collins denn tapfer: »Es ist besser, Miss Stephen. Es muss an Ihrem Beten liegen. Jesus hört Sie also doch, wie Sie sehen. Ich bin sicher, Sie haben ihm leid getan, als er Ihre Knie sah – ich weiß doch, wie mir’s war, als ich sie sah.«

»Sagst du mir auch ganz bestimmt die Wahrheit?«, fragte Stephen zweifelnd und konnte noch immer nicht jenen ersten Tag des jungen Liebestraumes vergessen.

»Aber natürlich sag’ ich Ihnen die Wahrheit, Miss Stephen.« Und damit musste sich Stephen zufriedengeben.

3.

Nach der Geschichte mit dem schlimmen Knie wurde Collins liebevoller. Sie konnte gar nicht umhin, ein neues Interesse an Stephen zu zeigen; nun war es für sie und die Köchin ausgemacht: Das Kind war ›sonderbar‹. Stephen sonnte sich jetzt in manch erschlichener Zärtlichkeit, und ihre Liebe zu Collins wuchs täglich mehr.

Der Frühling kam, die Jahreszeit zarter Gefühle. Erstmals in ihren jungen Jahren erlebte Stephen den Frühling bewusst. Auf eine noch unklare, kindliche Weise wurde sie sich seines süßen Duftes gewahr. Das Haus langweilte sie; sie sehnte sich hinaus nach den Wiesen und den Hügeln, die weiß von Schlehdorn waren. Ihr lebhafter junger Körper steckte voller Unruhe, während ihre Seele in einem milden Nebel schwamm – ein Zustand, den sie, so sehr sie es auch Collins gegenüber versuchte, nicht in Worte fassen konnte. All das war ein Teil von Collins und doch auch etwas anderes – es hatte nichts zu tun mit Collins’ breitem Lächeln, nichts mit ihren roten Händen, nichts mit ihren blauen Augen. Und doch! All das war Collins, Stephens Collins – war auch ein Teil dieser langen warmen Tage, ein Teil der Dämmerung, die ins Zimmer drang und leise verschwebte, noch stundenlang, nachdem Stephen zu Bett gebracht worden war; und es war auch ein Teil – doch das wusste Stephen nicht – des erwachenden Bewusstseins ihrer Sinne. Zum ersten Mal rührte sie der Kuckucksruf, und sie lauschte ganz still, den Kopf schräg gegen die Schultern geneigt. Die Lockung, die aus der Ferne von diesem Rufen ausging, sollte sie ihr ganzes Leben hindurch nicht wieder verlassen.

Es gab Zeiten, wo sie sich weit weg von Collins wünschte, und es gab andere, in denen sie sich heftig danach sehnte, ihr nahe zu sein; dann wollte sie die Erwiderung erzwingen, die ihr Lieben forderte, die ihr aber klugerweise nur selten geschenkt wurde.

Sie sagte wohl: »Collins, ich habe dich ganz entsetzlich lieb. Ich habe dich so lieb, dass ich schreien möchte.«

Collins entgegnete dann: »Seien Sie doch nicht albern, Miss Stephen«; was nicht gerade befriedigend war, durchaus nicht befriedigend.

Dann versetzte ihr Stephen in hellem Zorn unvermutet einen Puff. »Du bist ein Biest! Wie ich dich doch hasse, Collins!«

Jetzt hatte sich Stephen angewöhnt, nachts wach zu bleiben und sich Bilder auszumalen, Bilder von allen möglichen glücklichen Situationen in Gemeinschaft mit Collins. Hand in Hand gingen sie im Garten spazieren oder blieben am Hang stehen, um dem Kuckuck zuzuhören; oder sie glitten über ein blaues Meer dahin in einem seltsamen Schiffchen mit einem dreieckigen Segel, wie im Märchen vom Feenland. Manchmal malte Stephen sich aus, dass sie beide ganz allein in einem niedrigen, strohgedeckten Häuschen an einem Mühlbach lebten – sie hatte ein solches Häuschen unweit von Upton gesehen –, und das Wasser floss rasch dahin und murmelte beredt; auf dem Wasser trieben manchmal welke Blätter. Dies Bild war ihr ganz und gar vertraut bis in letzte Einzelheiten; es fehlten nicht einmal die roten chinesischen Porzellanhunde, die an beiden Seiten des hohen Kaminsimses standen, und ebenso wenig die Standuhr mit ihrem lauten Ticken. Collins saß vor dem offenen Feuer und hatte die Schuhe ausgezogen. ›Meine Füße sind so geschwollen und schmerzen‹, äußerte sie. Dann ging Stephen und schnitt reichlich Brot, bestrich es mit Butter – dünn Brot und dick Butter wie zu Hause –, sie setzte den Wasserkessel auf und brühte Tee für Collins, die ihn sehr stark und kochendheiß schätzte, so dass sie ihn aus der Untertasse schlürfen musste. In diesem Phantasiegebilde sprach Collins von Liebe, und Stephen wies sie freundlich, aber bestimmt zurück.

»Na, na, Collins, sei doch nicht albern, du bist ’n sonderbares Ding!« Dabei würde sie sich die ganze Zeit danach sehnen, ihr zu sagen, wie berauschend das sei, unaussprechlich süß wie etwa der Geruch der Geißblattblüte oder der starke Heuduft frischgemähter Wiesen in der prallen Sonne. Vielleicht würde sie es ihr sogar sagen, ganz am Schluss, bevor das letzte Bild verblich und sich verflüchtigte.

4.

Zu dieser Zeit schloss Stephen sich enger an ihren Vater an. Das geschah in gewisser Hinsicht Collins’ wegen. Warum das so war, wusste sie nicht zu sagen; sie empfand nur, es war so. Sir Philip und seine Tochter unternahmen gemeinsame Spaziergänge durch Schwarzdorngestrüpp und jungen grünen Farn auf den Abhängen. Wenn sie Hand in Hand dahinschritten, spürten sie, dass sie sich in ihrer Freundschaft restlos verstanden.

Sir Philip wusste alles über wilde Blumen und Beeren, von jungen Füchsen und Kaninchen und all solchem Volk. Auch viele seltene Vögel gab es auf den Hügeln nahe Malvern, und immer wieder machte er Stephen darauf aufmerksam. Er lehrte sie die einfacheren Gesetze der Natur, die, so einfach sie waren, ihn stets mit Bewunderung erfüllten: das Gesetz vom Emporsteigen der Säfte in Ästen und Zweigen, die Gesetze der Witterung, von denen der Auftrieb der Säfte abhing, das Lebensgesetz der Vögel, die Ordnung, die ihrem Nestbau zugrunde lag, die Verschiedenheiten im Kuckucksruf, der im Juni ein Kucku-kuk wird. Er lehrte aus Liebe zu beidem: zum Gegenstand wie zur Schülerin. Und während er so lehrte, beobachtete er Stephen.

Manchmal, wenn ihr das Herz von dem, was sie bewegte, zum Zerspringen voll war, musste sie ihre Probleme erzählen, in kleinen, stolpernden Sätzen, musste ihm sagen, wie sehr sie sich sehnte, anders zu sein, zum Beispiel so ähnlich wie Nelson.

Sie fragte: »Meinst du nicht, es wäre möglich, dass ich ein Mann werde, Papa? Wenn ich nun sehr daran denke – oder bete?«

Dann lächelte Sir Philip und zog sie ein bisschen damit auf. Er sagte ihr wohl, eines Tages würde sie sich ganz von selbst hübsche Kleider wünschen. Wenn er sie foppte, tat er es stets mit größter Behutsamkeit, damit es ihr nicht wehtat.

Aber zwischendurch ruhte sein Blick nachdenklich auf seiner Tochter, während er sein kräftiges gespaltenes Kinn fest auf die hohle Hand stützte. Er beobachtete sie beim Spiel mit den Hunden im Garten, verfolgte die auffallende Kraft ihrer Bewegungen, sah die Länge ihrer Glieder – sie war groß für ihr Alter – und die Haltung ihres Kopfes auf den ungewöhnlich breiten Schultern. Dann runzelte er wohl die Stirn und verlor sich in Gedanken, oder er rief sie plötzlich an:

»Komm mal her, Stephen!«

Sie kam freudig herbeigelaufen, voller Erwartung, was er ihr zu sagen hatte, doch meistens drückte er sie nur kurz an sich und ließ sie jäh wieder gehen. Dann erhob er sich und begab sich ins Haus in sein Studierzimmer, um hier den Rest des Tages über seinen Büchern zu hocken.

Eine sonderbare Mischung, dieser Sir Philip – halb Sportsmann, halb Gelehrter. Er besaß eine der schönsten Bibliotheken in ganz England und hatte sich neuerdings angewöhnt, halbe Nächte mit Lesen zu verbringen, was bis dahin nicht seine Gewohnheit gewesen war. Mit sich allein in diesem ernsten, stillen Studierzimmer, schloss er eine Schublade seines riesigen Schreibtisches auf und entnahm ihr einen schmalen, erst kürzlich erworbenen Band. Er versenkte sich immer wieder in ihn, während lautlose Stille um ihn herum herrschte. Der Verfasser war ein Deutscher mit Namen Karl Heinrich Ulrichs. Beim Lesen trat in Sir Philips Augen ein Ausdruck der Verwirrung; er griff zur Feder und versah die freien Seitenränder mit kurzen Notizen. Dazwischen sprang er von seinem Armstuhl hoch und durchmaß den Raum mit raschen Schritten, blieb zwischendurch stehen und starrte auf ein Bild – das Bild von Stephen mit ihrer Mutter, das Millais im Vorjahr gemalt hatte. Er sah die anmutige Schönheit Annas, die so vollkommen, so völlig beruhigend wirkte; und daneben dann Stephen mit diesem undefinierbaren Zug, der sie in den Kleidern, die sie trug, so deplaciert erscheinen ließ, gerade als ob sie kein Recht darauf hätte – und auch kein Recht auf Anna. Nach einer Weile stahl er sich ins Bett, sorgsam darauf bedacht, möglichst leise aufzutreten, um seine Frau nicht zu wecken, die vielleicht fragen könnte: ›Philip, Liebster, es ist ja so spät. Was hast du gelesen?‹ Er verspürte nicht die geringste Lust, ihr darauf zu antworten, ihr die Wahrheit zu sagen, deshalb musste er so leise auftreten.

5.

Als der Frühling seinen Höhepunkt erreicht hatte und es auf den Sommer zuging, wurde Stephen sich bewusst, dass sich mit Collins eine Veränderung vollzog. Die Wandlung war zunächst kaum spürbar, aber Kinder haben einen untrüglichen Instinkt. Der Tag kam, wo Collins sie heftig anfuhr, ohne sich lange um eine Ausrede wegen ihres Knies zu bemühen.

»Laufen Sie mir nicht immer vor den Füßen herum, Miss Stephen. Schleichen Sie mir nicht ständig nach, und starren Sie mich nicht ewig an. Ich hasse es, wenn man mich beobachtet – laufen Sie hinauf ins Kinderzimmer! Junge Damen gehören nicht ins Souterrain.«

Solche Abweisungen passierten nun immer häufiger, wenn Stephen in ihre Nähe kam.

Elendes Rätsel! Stephen versuchte verzweifelt, es zu lösen. Sie tastete sich wie ein kleiner Maulwurf, der ewig im Dunkeln lebt, blind voran. Sie war tief bestürzt; dabei wuchs ihre Liebe durch solch scharfes Beschneiden nur noch stärker. Sie versuchte Collins zu bezirzen, indem sie ihr kugelige Bonbons und Schokoladendrops offerierte. Die Magd nahm sie auch, weil sie sie gern aß. Übrigens war Collins gar nicht zu verurteilen, wie es den Anschein hatte, denn jetzt war sie ihrerseits ein Opfer der Gefühle geworden.

Der neue Diener war groß und von betont gutem Aussehen. Er hatte ein Auge auf Collins geworfen und ihr bedeutet: »Schluss mit dem verdammten Gör, das dir ständig am Rockzipfel hängt. Es bringt uns sonst nur ins Gerede.«

Stephen fühlte sich jetzt zutiefst vereinsamt, hatte sie doch niemanden mehr, dem sie sich anvertrauen konnte. Sie scheute sogar davor zurück, sich mit ihrem Vater auszusprechen; er könnte sie missverstehen, könnte über sie lächeln, könnte sie foppen. Wenn er sie aufzog – mochte er es auch noch so behutsam tun –, sie wusste, diesmal könnte sie die Tränen nicht zurückhalten. Sogar Nelson war plötzlich abgemeldet. Was hatte sie davon zu versuchen, Nelson zu sein? Was nützte es denn, sich zu kostümieren, sich selbst etwas vorzumachen? Sie verlor ihren Appetit, wurde blass und matt, bis Anna in größter Sorge den Arzt kommen ließ. Er erschien und verordnete ihr ein Abführmittel; er fand, dass seiner Patientin nichts Ernsthaftes fehle. Stephen schluckte das widerliche Zeug ohne den leisesten Widerspruch herunter, beinahe als tränke sie es gern.

Das Ende kam, wie das oft der Fall ist, unerwartet plötzlich. Es kam, als das Kind sich allein im Garten aufhielt und kläglich grübelte über Collins, die ihr nun schon tagelang ausgewichen war. Stephen schlenderte zu einem alten Geräteschuppen hin – und entdeckte wen? Collins und den jungen Diener. Sie schienen sehr ernsthaft miteinander zu reden und waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie Stephen nicht kommen hörten. Dann aber ereignete sich etwas Katastrophales. Henry packte Collins derb an den Handgelenken, riss sie ebenso rau an sich und küsste sie voll auf den Mund.

Stephen schoss das Blut ins Gesicht, ihr schwindelte. Blinde, unverständliche Wut stieg in ihr hoch; sie wollte losschreien, aber ihre Stimme versagte. Ein unglaubliches Gestotter war alles, was sie zustande brachte. Bereits im nächsten Moment hatte sie einen zerbrochenen Blumentopf ergriffen und schleuderte ihn mit aller Kraft gegen den Diener. Er traf ihn ins Gesicht und schnitt ihm die Wange auf, über die nun langsam das Blut nach unten rann. Er stand wie betäubt da und wischte vorsichtig an der Wunde herum, während Collins Stephen sprachlos anstarrte. Niemand sprach ein Wort; ihr Schuldgefühl war zu groß und – ihre Verblüffung.

Dann drehte sich Stephen auf dem Absatz herum und rannte in wilder Flucht davon. Fort, nur fort von hier, irgendwie, irgendwohin, so weit weg, dass sie die beiden nicht mehr sehen musste! Sie schluchzte im Laufen und bedeckte ihre Augen, zerriss sich die Kleider am Gebüsch, zerfetzte die Strümpfe und verletzte sich die Haut an den Zweigen.

Plötzlich fühlte sich das Kind von starken Armen aufgefangen. Ihr Gesicht schmiegte sich an das ihres Vaters, und Sir Philip trug sie ins Haus zurück und durch den breiten Gang ins Studierzimmer. Er setzte sie sich auf die Knie und fragte nichts. Zunächst kroch sie in sich zusammen wie ein stummes kleines Tier, das sich irgendwie verwundet hat, aber ihr Herz war zu jung, um diese neue Verwirrung der Gefühle bei sich zu behalten. Es fühlte sich zu schwer, zu überlastet. So wallte denn der Kummer vom Grunde ihres Herzens empor und wurde an Sir Philips Schulter gebeichtet.

Er hörte ihr sehr ernsthaft zu, während er ihr übers Haar strich. »Ja – ja«, sagte er weich, und: »Sprich nur weiter, Stephen.« Als sie zu Ende war, blieb er eine Weile stumm, während er fortfuhr, ihr übers Haar zu streichen. Dann ließ er sich vernehmen: »Ich glaube, Stephen, ich verstehe dich. Die Sache kommt dir schlimmer vor als alles andere, was je vorgefallen ist – viel, viel schlimmer. Aber du wirst sie überwinden und schließlich ganz vergessen – versuch mir zu glauben, Stephen. Und jetzt will ich zu dir reden wie zu einem Jungen. Ein Junge muss immer tapfer sein, das weißt du ja. Das soll nicht etwa heißen, du wärst feige. Warum auch, wo ich doch weiß, dass du tapfer bist. Morgen werde ich Collins entlassen, hast du verstanden, Stephen? Ich werde sie fortschicken. Ich werde nicht unfreundlich zu ihr sein, aber morgen wird sie gehen müssen, und ich möchte nicht, dass du sie bis dahin noch einmal siehst. Du wirst sie zuerst vermissen, das ist nur natürlich, aber nach einiger Zeit wirst du feststellen, dass du alles vergessen hast, was mit ihr zu tun hatte; dein Kummer wird dir dann wie nichts vorkommen. Ich sage dir die Wahrheit, mein Herz, ich schwör’s dir. Wenn du mich brauchst, dann vergiss nicht, dass ich immer für dich da bin. Du kannst zu mir in mein Studierzimmer kommen, wann immer du möchtest. Immer, wenn du dich unglücklich fühlst und einen Kameraden brauchst, kannst du mit mir reden.«

Er schwieg, dann schloss er unvermittelt: »Quäle deine Mutter nicht damit, Stephen, komm direkt zu mir.«

Stephen, die noch nach Atem rang, sah ihm gerade ins Gesicht. Sie nickte, und Sir Philip sah im tränenüberströmten Gesicht seiner Tochter seine eigenen traurigen Augen. Nur ihre Lippen lagen fester aufeinander, und der Einschnitt in ihrem Kinn prägte sich stärker aus. Das wirkte wie ein neuer kindlicher Vorsatz, tapfer zu sein.

Er beugte sich zu ihr nieder und küsste sie schweigend, gerade als besiegele er damit einen schmerzlichen Pakt.

6.

Anna fand bei ihrer Rückkehr ihren Mann in der Halle auf sie wartend, da sie zur Zeit der Katastrophe nicht dagewesen war.

»Stephen war ungezogen; sie ist oben im Kinderzimmer. Sie hatte wieder einen Wutanfall.«

Obwohl er offensichtlich darauf gewartet hatte, Anna abzufangen, sprach er in gelassenem Ton. Er teilte ihr mit, dass Collins und der Diener das Haus verlassen hätten. Was Stephen betreffe, habe er bereits eingehend mit ihr gesprochen; am besten, Anna ließe die Dinge ihren Lauf nehmen. Es habe sich nur um kindischen Zorn gehandelt.

Anna eilte die Treppe zu ihrer Tochter hinauf. Sie selbst war nie ein aufsässiges Kind gewesen; Stephens Ausbrüchen stand sie hilflos gegenüber. Sie war auf das Schlimmste gefasst. Aber sie fand Stephen ruhig dasitzend. Das Kinn auf die Hand gestützt, sah sie zum Fenster hinaus. Ihre Augen waren noch geschwollen und ihr Gesicht sehr bleich; sonst war ihr keine Erregung anzumerken. Ja, sie lächelte Anna sogar an; es war allerdings ein verkniffenes, armseliges Lächeln. Anna sprach freundliche Worte, und Stephen hörte sie an; ab und zu nickte sie zustimmend. Doch Anna fühlte sich verlegen, denn es kam ihr vor, als wolle aus irgendeinem Grunde das Kind eigentlich sie beruhigen; jenes Lächeln hatte Stephen als Beschwichtigung gemeint – so merkwürdig unkindlich war es gewesen.

Die Mutter setzte alles daran, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Aber über ihre Liebe zu Collins wollte Stephen nicht sprechen; in diesem Punkt blieb sie fest und schwieg hartnäckig. Weder entschuldigte noch rechtfertigte sie ihr Vorgehen, einen zerbrochenen Blumentopf gegen den Diener geschleudert zu haben.

Sie versucht mir irgendetwas zu verheimlichen, dachte Anna, die sich mit jeder Minute verlegener fühlte.

Zuletzt ergriff Stephen die Hand ihrer Mutter und begann sie wie zum Trost zu streicheln. Sie sagte: »Mach dir keine Sorgen, weil sich auch Vater sonst sorgt. Ich verspreche dir, dass ich mir in Zukunft Mühe geben werde, nicht mehr jähzornig zu sein. Aber versprich auch du mir, dass du dir keine Sorgen mehr um mich machst.«

Drittes Kapitel

1.

Stephen kam nie in das Studierzimmer ihres Vaters, um von ihrem Kummer über Collins zu reden. Eine in ihrem Alter ungewöhnliche Zurückhaltung, verbunden mit einem ganz neuen eigensinnigen Stolz, verschloss ihr den Mund, so dass sie ihren Kampf mit sich allein ausfocht, und Sir Philip ließ sie gewähren. Collins verschwand und mit ihr der Diener. Anstelle von Collins erschien ein neues Stubenmädchen, eine Nichte Mrs. Binghams, die noch furchtsamer als ihre Vorgängerin war und gar nicht sprach. Sie war hässlich und hatte kleine runde schwarze Rosinenaugen – keine neugierigen blauen wie Collins.

Mit zusammengepressten Lippen und zugeschnürtem Hals sah Stephen diesen Eindringling hin- und hergehen und Collins’ Arbeit verrichten. Sie saß da und warf der armen Winefred finstere Blicke zu und entsann kleine Quälereien, ihr die Arbeit zu erschweren – etwa damit, dass sie ihr auf die Kehrichtschaufel trat und ihren Inhalt auskippte oder dass sie Besen, Bürsten und Spültücher versteckte, bis die völlig verstörte Winefred sie schließlich an den unmöglichsten Stellen fand.

»Wie kommen diese Spültücher bloß hierher!«, murmelte sie dann betroffen vor sich hin, wenn sie sie unter einem Kissen im Kinderzimmer entdeckte, und ihr Gesicht wurde vor lauter Furchtsamkeit fleckig, während sie einen raschen Blick auf Mrs. Bingham warf.

Aber nachts, wenn das Kind einsam und schlaflos im Bett lag, erschienen ihm diese Taten, die vormittags getröstet hatten und die einer Art verzweifelter Treue zu Collins entsprangen – nachts schienen diese Taten gewöhnlich, albern und nutzlos. Denn Collins erfuhr und sah ja nichts davon. Dann quollen unter Stephens Lidern die Tränen hervor, die sie tagsüber zurückgehalten hatte. Aber in diesen einsam durchwachten Nachtstunden brachte sie auch nicht genügend Mut auf, den Herrn Jesus zu tadeln, der, wie sie im Gefühl hatte, recht gut hätte helfen können, wenn er nur gewollt und es ihm beliebt hätte, ihr ein ›schlimmes‹, ein ›Dienstmädchen‹-Knie zu bewilligen.

Sie dachte dann wohl: Er liebt weder mich noch Collins! Er will alles Leiden ganz für sich behalten; er will es nicht mit anderen teilen.

Doch dann kam die Reue. »O entschuldige, Herr Jesus, ich weiß doch genau, dass du alle elenden Sünder liebst.« Und die Vorstellung, gegen Jesus vielleicht ungerecht gewesen zu sein, führte zu neuen Tränen.

Schrecklich waren diese tränenreichen Nächte, in denen sie die Zweifel am Herrn und seiner Dienerin Collins heimsuchten. Die Stunden schleppten sich mühselig in unerträglichem Dunkel dahin, das Stephens Körper eng zu umklammern schien und sie abwechselnd heiß und kalt werden ließ. Die Standuhr im Treppenhaus war so laut, dass sie von ihrem unnatürlichen Ticken Kopfschmerzen bekam. Wenn sie schlug, und das tat sie jede Stunde und jede halbe, schien ihr Klang das ganze Haus mit Schrecken zu durchdröhnen, bis Stephen unter die Bettdecke kroch, um sich vor etwas Unbekanntem zu verbergen. Doch bald, wenn sie zusammengekuschelt unter der Decke lag, spürte sie ein warmes Gefühl der Sicherheit. Und während ihr Körper in der einschläfernden Weichheit des Bettes erschlaffte, entspannten sich auch ihre Nerven. Plötzlich ein tiefes, wohltuendes Gähnen, noch einmal und noch einmal, bis Finsternis, Collins, hohe, bedrohliche Uhren und Stephen selbst ineinander übergingen und sich auflösten in allgemeiner und freundlicher Harmonie ohne Furcht und Zweifel – in den segensreichen Wahn, den wir Schlaf nennen.

2.

In den Wochen nach Collins’ Fortgehen versuchte Anna sehr sanft mit ihrer Tochter umzugehen. Sie hatte sie häufiger um sich und mühte sich, zärtlicher als sonst zu ihr zu sein.

Mutter und Tochter gingen im Garten spazieren, oder sie wanderten zusammen durch die Wiesen. Unwillkürlich dachte Anna an den Sohn ihrer Träume, mit dem sie auf diesen Wiesen gespielt hatte. Für einen Moment verdunkelte tiefe Traurigkeit ihre Augen. Während sie auf Stephen herabblickte, erfüllte sie grenzenloses Bedauern. Stephen, die diese Traurigkeit rasch gewahr wurde, drückte mit ihren dünnen Fingern angstvoll Annas Hand. Sie hätte so gern gefragt, was ihre Mutter bedrückte, doch aus Scheu blieb sie stumm.

Beide konnte der Geruch, der den Wiesen entstieg, dieser merkwürdige scharfe Geruch, den die Hundstage mit ihrer Hitze hervorbringen, stark erregen: der Geruch der Butterblumen, die blassgrün wie das Gras waren, und dann das Mädesüß, das dicht bei den Hecken wuchs. Ab und zu musste Stephen ihre Mutter einfach heftig am Ärmel zupfen – unmöglich, das Betäubende dieses Duftes allein zu ertragen.

Eines Tages sagte sie: »Bleib stehen, sonst tust du ihm weh! Es ist überall um uns herum. Es ist ein weißer Duft, er erinnert mich an dich.« Dabei errötete sie und warf Anna einen raschen Blick zu, voller Furcht, sie möchte sie auslachen.

Aber ihre Mutter sah sie nur merkwürdig ernst an, bis ins Innerste verwirrt über dieses Geschöpf, das aus lauter Widersprüchen zu sein schien, einmal so hart, ein andermal so weich war, weich bis zur Zärtlichkeit. Der Duft, der ihr vom Mädesüß unter den Hecken entgegenschlug, erregte Anna genau wie ihr Kind. Denn in der Hinsicht waren sich Mutter und Tochter gleich – beide hatten warmes keltisches Blut in ihren Adern, das solche Dinge spürte. Und eben solch schlichte Dinge hätten ein festes Band zwischen ihnen knüpfen können, hätten sie nur die geringste Ahnung davon gehabt.

Auf dieser sonnenhellen Wiese kam plötzlich ein starker Wille zu lieben über Anna Gordon. Beiden ging es so, während sie dicht beieinander standen, und die Kluft zwischen Reife und Kindheit schien überbrückt. Sie hatten sich angesehen, als verlangten sie nach etwas, als suchten sie etwas – eine bei der anderen. Dann schwand der Augenblick dahin, sie gingen stumm weiter, ohne sich auch nur einen Schritt nähergekommen zu sein.

3.

Bisweilen fuhr Anna mit Stephen zum Einkaufen nach Great Malvern; ihren Lunch nahmen sie dann im Hotel Abbey, gewöhnlich kaltes Roastbeef und nahrhaften Reispudding. Stephen verabscheute diese Ausflüge, zu denen man sich so herausstaffieren musste, aber sie fügte sich und genoss die Ehre, ihre Mutter zu begleiten, zumal durch die Church Street, wo man von allen gesehen wurde. Hüte wurden mit offensichtlicher Hochachtung gelüftet, während bescheidenere Hände sich nur an den unbedeckten Kopf hoben. Frauen verneigten sich, und ein paar knicksten sogar vor der Herrin von Morton – Frauen vom Lande mit großen fleckigen Sonnenhüten, die genau wie ihre Hennen aussahen, und mit freundlichen Gesichtern gleich braunen verrunzelten Äpfeln. Dann musste Anna stehenbleiben und sich nach ihren Kälbern, ihren Kindchen und Fohlen erkundigen, kurz nach allem, was auf Bauerngehöften lebt und gedeiht; ihre Stimme wurde weich dabei, denn sie liebte alle jungen Geschöpfe.

Stephen hielt sich dann unmittelbar hinter ihr und dachte, wie schön und anmutig sie doch war. Heimlich verglich sie ihre schmalen aristokratischen Schultern mit dem arbeitsschweren Nacken einer alten Mrs. Bennett, mit dem hässlichen krummen Rücken einer jungen Mrs. Thompson, die beim Sprechen immer hustete und dann ›Verzeihung!‹, sagte, als wäre sie sich wohl bewusst, dass man in Gegenwart einer Göttin wie Anna nicht zu husten hatte.

Nach kurzer Zeit sah sich Anna nach Stephen um. »Oh, da bist du ja, Liebling! Wir müssen jetzt zu Jackson und Mutters Bücher umtauschen«, oder: »Nanny braucht noch ein paar Untertassen; wir wollen weitergehen und sie bei Langley kaufen.«

Stephen wurde plötzlich die Aufmerksamkeit in Person, zumal wenn es galt, die Straße zu überqueren. Sie hielt rechts und links nach einem Verkehr Ausschau, der lediglich in ihrer Einbildung existierte. Dabei ergriff sie Anna beim Ellbogen.

»Komm mit mir mit«, befahl sie, »und achte auf die Pfützen, sonst kriegst du nasse Füße. Halte dich nur an mich, Mama.«

Anna spürte den festen Zugriff der kleinen Hand an ihrem Ellbogen. Sie dachte: Was für erstaunlich kräftige Finger sie hat, stark und geschickt wie die Sir Philips – und das missfiel ihr irgendwie. Doch sie lächelte Stephen an und ließ sich von dem Kind zwischen den Pfützen hindurchgeleiten.

Sie sagte, wobei sie versuchte, sich ihr Missfallen nicht anmerken zu lassen: »Ich danke dir, Liebes, du bist stark wie ein Löwe!«

Sehr fürsorglich und achtsam benahm sich Stephen immer, wenn sie mit ihrer Mutter allein unterwegs war. All ihre sonstige seltsame Scheu konnte sie nicht davon abhalten, sie beschützen zu wollen, wie auch Annas eigene Scheu sich dieser Protektion nicht entziehen konnte. Sie sah sich gezwungenermaßen einer stummen Überwachung unterworfen, die ebenso gewissenhaft war wie ritterlich, aber von äußerster Hartnäckigkeit. Doch war das wirklich Liebe? Anna fragte sich das oft. Sie war sicher, dass es nichts mit der vertrauensvollen Hingabe zu tun hatte, die Stephen ihrem Vater entgegenbrachte. Es lief mehr auf eine Art instinktiver Bewunderung hinaus, verbunden mit großmütigem, nachsichtigem Wohlwollen.

Wollte sie doch nur mit mir so sprechen wie mit Philip, grübelte Anna vor sich hin; es berührt einen so eigenartig, nichts von ihrem Denken und Fühlen zu wissen und zu argwöhnen, dass sie ständig etwas vor einem verborgen hält.

Ihre Heimfahrten von Malvern verliefen für gewöhnlich schweigsam. Stephen hatte das Gefühl, ihre Aufgabe erfüllt zu haben und dass die Mutter ihres Schutzes nicht länger bedürfe, da ja nun der Kutscher für sie beide Sorge trug – er und die hochmütig wirkenden grauen Pferde, die so manierlich und sanft dahintrabten. Anna selbst lehnte seufzend in der Ecke. Sie war es leid, noch länger zu versuchen, ein Gespräch in Gang zu bringen. Sie fragte sich, ob Stephen wohl müde war oder gerade schlechter Laune oder vielleicht doch nur gelangweilt. Ob sie Mitleid mit dem Kind haben müsste? Sie war sich nie ganz im Klaren darüber.