Punschkrapfen, Kipferl und ein Mord - Sonja Birgmann - ebook

Punschkrapfen, Kipferl und ein Mord ebook

Sonja Birgmann

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Opis

Emma Wolf hat alle Hände voll zu tun: Ein Filmteam aus Deutschland möchte über ihre österreichische »Lustbäckerei« berichten. Doch die Dreharbeiten werden jäh unterbrochen, als ein Mitglied der Crew tot aufgefunden wird – tiefgefroren in Emmas Kühlschrank. Und damit nicht genug: Emma ist eine der Hauptverdächtigen. Beherzt wischt sie sich den Puderzucker von den Händen und macht sich auf die Jagd nach dem Täter.

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Sonja Birgmann ist im Mühlviertel groß geworden, hat aber die Reise nach Wien gewagt, um dort Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien zu studieren. Seit Schulzeiten von Büchern und Erzählungen fasziniert, schrieb sie ihre ersten Kurzgeschichten für Wettbewerbe und brachte einen Kurzroman im Eigenverlag heraus, bevor sie nach ihrem Studium weiter an ihrer Schriftstellerkarriere feilte. »Punschkrapfen, Kipferl und ein Mord« ist ihr erster Kriminalroman.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

©2017 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: shutterstock.com/MG Drachal/ Rauf Aliyev/wenani Umschlaggestaltung: Nina Schäfer Lektorat: Marit Obsen eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-96041-182-6 Originalausgabe

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Für Silvia, die das Buch nach zwei Stunden durchgelesen haben wird, und für Wolfgang, dem ich es gern vorlese

Eins

Auf halbem Weg durch ihr Interview machte sich Emma Wolf keine Gedanken mehr darüber, dass Kameras ungefähr fünf Kilo dicker machten. Im Gegenteil, je länger sie über ihre Arbeit plauderte, desto mehr freute sie sich auf die Ausstrahlung von »In80Bäckereien um die Welt«. Mit jedem Take wurde sie selbstbewusster und beantwortete entspannt die Fragen des Reporters.

Eine junge Blondine namens Leyla, zuständig für die Kostüme, hatte ihr eine karierte Schürze in Grün und Weiß über ihr ebenso grünes Kleid gebunden. Zu Beginn ihres Fernsehabenteuers hatten sie gemeinsam den Kleiderschrank in Emmas Schlafzimmer durchwühlt, um zu sehen, mit welchen Klamotten sie sich vor der Kamera am wohlsten fühlte, ohne dabei wie ein Trampel oder übertrieben ausstaffiert auszusehen, und schließlich das perfekte Outfit gefunden.

»So kommen deine roten Locken richtig zur Geltung«, hatte Leyla gesagt, als Emma sich prüfend im Spiegel angesehen und eine Pirouette um die eigene Achse gedreht hatte. Sie musste ihr recht geben. Das Kleid war schlicht, rief »Rockabilly!«, und das Blattgrün passte perfekt zu ihrer hellen Haut und dem roten Haarschopf. Nur war es bis jetzt immer zu hübsch gewesen, um es in der Küche anzuziehen. Aber für die Kamera, so fand sie, durfte man sich rausputzen.

An die Anwesenheit des Fernsehteams hatte sich Emma inzwischen gewöhnt, sie war aber nach wie vor überfordert von den vielen Menschen, die seit zwei Tagen hektisch durch ihre Bäckerei liefen, laut rufend miteinander kommunizierten und ihr beim Backen über die Schulter sahen.

Die vertrauten Gerüche von Zucker, Obst, Zimt, heißem Teig und Gewürzen hatten sich mit denen von tonnenweise Kaffee, Schweiß und stickiger Luft vermischt. Ihre sonst so aufgeräumte Bäckerei mit den sonnengelben Wänden, der dunklen Holztheke und den Regalen mit Kostproben und Produkten war kaum noch wiederzuerkennen. Graue Kabel pflasterten den Boden. Überall hinter der Kamera lagen Müll, Zubehör und technische Geräte, wuselten Menschen und waren Scheinwerfer aufgestellt. Man konnte sich keinen Schritt bewegen, ohne etwas umzuwerfen. Man stolperte, wurde geblendet oder blieb im Müll kleben.

Obwohl es wahnsinnig viel Spaß machte, bei einer Fernsehshow dabei zu sein, freute Emma sich jetzt schon darauf, »Lust& Sahne« wieder für sich zu haben. Noch immer war sie überrascht, dass das deutsche Fernsehteam gerade ihren kleinen Laden für die Sondersendung ausgewählt hatte. Allerdings wusste sie nicht so recht, ob sie sich darüber freuen sollte, dass sie nun mit ihrer »Lustbäckerei«, wie das Team den Laden nannte, in die Fernsehgeschichte eingehen würde. Der eigentliche Name »Lust& Sahne« wurde kaum erwähnt. Dennoch, so fand sie, würde das Ganze eine phantastische Werbung sein.

»Okay, Emma, das war fabelhaft«, erklärte Viktoria, die permanent schlecht gelaunte Aufnahmeleiterin, und gestikulierte dabei schon wieder wild in die andere Richtung. Sie genehmigte sich einen Schluck Kaffee aus ihrem Becher, blickte missmutig auf ihr Klemmbrett und bellte die nächsten Befehle durch den kleinen Laden. »Leute, macht euch bereit für die letzte Szene für heute! Wir sehen Emma beim Backen ihrer… äh… wie nennen Sie die Dinger noch mal, Schätzchen?«

»Punschmöpschen«, antwortete Emma, was den Kameramann zum wiederholten Mal zum Schmunzeln brachte.

»Die Punschmöpschen in zehn Minuten!«, rief Viktoria, ohne eine Miene zu verziehen, ignorierte die endgültige Zerstörung ihrer Frisur durch ein Richtmikrofon, gegen das sie beim Umdrehen knallte, und stöckelte von dannen.

Erschöpft ließ Emma sich auf den einzigen Stuhl in ihrem Laden sinken. Ihre Bäckerei war nicht nur wegen des großartigen Geschmacks der darin zubereiteten Leckereien, sondern vor allem wegen ihrer Nischenprodukte, der erotischen Backwaren, ausgewählt worden. In den letzten Minuten hatte sie Auskünfte über die das Sortiment ergänzenden Köstlichkeiten in den offenen Wandschränken aus dunklem Holz gegeben. Als da wären: eine bunte Sammlung an Pralinen in der Form von männlichen Genitalien und Brüsten, gefüllt mit verschiedenen Likören und Schnäpsen. Karamellsoßen in kurvigen Flaschen mit Spitzenunterwäsche-Dekor, die man von der Haut lecken konnte. Außerdem Keks-Ausstechformen mit muskulösen Konturen, die selbst gebackene Traummänner versprachen, essbare Unterwäsche und so weiter. Einige besonders realistisch aussehende Leckereien aus eigener Herstellung verbargen sich zum Schutz unschuldiger Kinderaugen in schwarzen, mit Stoff bezogenen Boxen. Darauf war in Limettengrün das Logo von »Lust& Sahne« gestickt, ein simples kleines Herz mit dem Namen der Bäckerei.

Emma konnte sich noch genau daran erinnern, wie es gewesen war, als sie beschlossen hatte, das Haus am Stadtrand zu kaufen und daraus sowohl ihre Bäckerei als auch ihren Lebensmittelpunkt zu machen. Die Renovierung hatte ihre gesamten Ersparnisse aufgefressen, war aber jeden Cent wert gewesen. Auch der Kredit, den sie zusätzlich hatte aufnehmen müssen, war nicht ohne. Dennoch bereute sie ihre Entscheidung keine Sekunde lang.

»Da willst du einziehen?«, hatte ihre beste Freundin Melanie besorgt gefragt, als sie damals das erste Mal zusammen vor der Bruchbude standen, die seit Jahren niemand betreten hatte. Emma glücklich und grinsend wie ein Honigkuchenpferd, Melanie eher ratlos. Eingepfercht zwischen einem türkischen Obst- und Gemüsehändler zur linken und einer Second-Hand-Buchhandlung zur rechten Seite, war das heruntergekommene Gebäude als Schandfleck der Nachbarschaft verschrien.

Doch Emma hatte nicht die bröckelnde Fassade, die kaputten Fenster, das undichte Dach oder den nur noch zur Hälfte erhaltenen Balkon gesehen. Ihre Augen hatten ihr ein Bild gemalt von einem Verkaufsraum mit einem großen Glasfenster an der Front, einem knarrenden Holzboden, einem Ausgabefenster für Laufkundschaft, altmodischen Fliesen, einer Theke aus Kirschbaumholz und einer Landhauseinrichtung zum Verlieben. Im hinteren Teil des Hauses hatte sie nicht den verwahrlosten Raum mit abgerissenen Tapeten und veralteter Elektrik gesehen, sondern eine moderne Küche mit sämtlichem Schnickschnack und eine Tür, die zu einem kleinen Kräutergarten führte.

»Und ob ich das will«, hatte sie geantwortet, den Vorschlaghammer in die Hand genommen, ausgeholt und die kaputte Vordertür aus den Angeln geschlagen.

Über ein Jahr hatte die Renovierung des Hauses gedauert. Melanie, die eigentlich in der Nähe von Wien lebte, war so oft wie möglich nach Linz gekommen, um zu helfen. Während Emma eine Frau war, die ohne Zögern im Dreck wühlte und sich gern um das Grobe kümmerte, hatte ihre beste Freundin sich, gemäß ihrem Charakter, den Feinheiten gewidmet.

Melanie war eine kleine, zierliche Person. Ihr sonnenblondes Haar brachte sie in einem modernen Kurzhaarschnitt zur Geltung, dazu kleidete sie sich farbenfroh und stets nach der neuesten Mode. Auf der Baustelle war sie aber immer in Latzhosen erschienen, hatte sich Putzlappen, Farbpinsel und Sonstiges geschnappt und war im oberen Teil des Hauses verschwunden, um für Emma eine schöne Wohnung zu zaubern.

Sosehr sie ihrer Freundin auch für all ihre Hilfe dankbar war, in der letzten Phase der Bauarbeiten hatte Emma sie dann doch ein wenig bremsen müssen. Mit der erfolgreichen Modedesignerin für Baby- und Kinderkleidung gingen gern mal die Pferde durch, wenn sie die Gelegenheit bekam, etwas süß zu dekorieren oder kunstvoll zu verzieren. Und schließlich wollte Emma nicht eines schönen Tages in einer pinken Wohnung mit Kitschmöbeln aufwachen und das Gefühl haben müssen, in der Vagina einer verzauberten Disney-Prinzessin zu wohnen.

»Keine Sorge, meine Liebe.«

Aus ihren Gedanken gerissen, sah Emma verwirrt zu dem älteren Mann auf, der sein Gesicht die meiste Zeit des Tages hinter der Kamera verbarg. Otto Maier war Spezialist auf seinem Gebiet und mit achtundfünfzig der Älteste im Team.

»Nur noch zwei Drehtage, dann ziehen wir weiter nach Italien. Dort unten scheint es eine Trattoria zu geben, in der man Pizza mit Lakritzstangen belegt.«

Emma drückte den Rücken durch, während sie langsam ihren Kopf kreisen ließ, um die Nackenmuskulatur zu entspannen, und stieß einen Seufzer aus. »Ach, Otto, dich werde ich am meisten vermissen. Du bist der Einzige, der hier keinen Stress macht.«

»Und ich werde deine Schaumrollenpenisse vermissen.– Gott, das hört sich ja furchtbar an«, entgegnete Otto und lachte.

Emma nahm das Kompliment schmunzelnd an. Dem Kameramann schien die Dokureihe zu gefallen, denn laut seinen Berichten hatte er schon vier Kilo zugelegt, und das in nur drei Bäckereien auf Sylt, in Berlin und in Kopenhagen. Was Emmas Köstlichkeiten zusätzlich auf die Waage bringen würden, blieb abzuwarten. An ihr und ihren Backkünsten hatte er jedenfalls einen Narren gefressen. Die »Lust& Sahne«-Bäckerei nicht mitgezählt, hatte das Fernsehteam allerdings noch sechsundsiebzig Bäckereien vor sich und Otto schon jetzt Angst um seinen Blutzuckerspiegel.

Er nahm seine Kamera und fuhr damit vom Verkaufsraum nach hinten in die große Küche, wo die letzte Szene des heutigen Tages gedreht werden sollte.

Eine Praktikantin reichte Emma ein Glas Wasser, der Stylist erneuerte das Fernseh-Make-up, und die Kostümbildnerin zupfte noch einmal Emmas Schürze zurecht, ehe Viktorias schrille Stimme alle ans Küchen-Set bat.

Dort füllte der Duft von frischem Orangenpunsch, den Emma für ihre Punschmöpschen verwendete, den Raum. Anders als vorn im Verkaufsraum war die Luft hier hinten nicht stickig, sondern noch genießbar. Trotzdem hatte Emma ein bisschen Angst um ihre Wirkungsstätte, die zwar für eine Person viel zu groß, für knapp zehn aber viel zu klein war. Überall Helfer, Kabel, Scheinwerfer: das absolute Chaos.

Der Orangenpunsch, besonders beliebt im Winter, köchelte seit mehreren Stunden auf kleiner Flamme genüsslich vor sich hin und war nun für die Aufnahme bereit. Der intensive Duft der Orangen und die Aromen von Nelken, Zimt und Blaubeeren vermischten sich mit der kühlen Luft, die im Moment noch in der Küche herrschte. Schon jetzt konnte Emma aber die brennende Hitze der Scheinwerferlampen in ihrem Nacken spüren.

Sie nahm ihren Platz hinter der Küchentheke ein und schlüpfte unauffällig aus ihren cremefarbenen Stöckelschuhen. Sie konnte keinen Schritt mehr in den Mördertretern laufen, in der letzten Szene waren ihre Beine aber Gott sei Dank nicht zu sehen. Ein tiefer Atemzug, um die Ruhe vor dem Sturm zu genießen, und Emma war kampf- und kamerabereit. Das Backen und die Kamera machten ihr dabei keine Sorgen. Eher schon ihr Interviewpartner, von dem am Set im Moment noch nichts zu sehen oder zu hören war.

Nur noch ein paar Aufnahmen, dachte sie im Stillen und wünschte sich die Kraft, während der Dreharbeiten nicht die Geduld zu verlieren und dem unausstehlichen Moderator vor laufender Kamera in einem Anfall von Wut die Nase zu brechen. Nachdem Benedikt Diebenkorn sich bereits bei ihrem ersten Treffen arrogant und exzentrisch gegeben und seine Attitüde sich nicht gebessert hatte, fiel es ihr schwer, ihm gegenüber freundlich zu bleiben. Ihre Nerven wurden in der Nähe des Mannes mehr und mehr strapaziert.

»Wo zum Teufel ist Benedikt?«, rief Viktoria ungehalten. »Er war doch gerade noch da. BENEDIKT!«

Die Hintertür, die aus der Küche in Emmas Garten führte, schwang auf. Die Türschnalle knallte krachend gegen die Wand und hinterließ eine bröckelnde Delle, die Emmas Geduldsfaden weiter spannte und beinahe das Fass zum Überlaufen brachte. Wie konnte der Typ es wagen!

Benedikt Diebenkorn schleuderte den Stummel einer Zigarette nach draußen und blies seinen ekelhaften Rauch in die wohlig duftende Küche. Emma hätte ihm am liebsten den Hals umgedreht.

»Ja, ja, ich komm ja schon. Kann man hier nicht mal in Ruhe eine rauchen?«

Benedikt war das Gesicht der Sendung, der »sympathische«, gut aussehende Reporter. Für Emma sah er aus wie ein italienisches Unterwäschemodel. Sein Äußeres wirkte engelsgleich, aber sein Inneres war unerträglich. Sein braunes Haar war gestriegelt wie das Fell eines Zuchthengstes, das hellblaue Jackett saß wie angegossen über seinen breiten Schultern und muskulösen Armen, und sein Lächeln blitzte so hell, dass jede Zahnfee vor Begeisterung in Ohnmacht gefallen wäre. Nur hinter der Kamera, da, wo die Musik des Lebens spielte, verhielt sich dieser Mr.Perfect wie der letzte Arsch.

Leyla, das Kostümmädchen, ging zu ihm, um seine Fliege zu richten, die er für seine Rauchpause gelöst hatte. Er bedachte sie mit einem kecken Lächeln, aber sein Blick war kalt. In den letzten Tagen hatte er in einer Minute schamlos mit ihr geflirtet, nur um sie im nächsten Moment brüsk von sich wegzuscheuchen.

Auch jetzt schob er sie achtlos beiseite, kaum dass sie ihm die Fliege gebunden hatte. Die junge Frau trollte sich wie ein Kätzchen, das man gerade nass gespritzt hatte, und schien Tränen zurückzuhalten. Ob sie beim Sender fest angestellt war? Musste sie etwa jeden Tag mit den Schimpftiraden und dem unmöglichen Benehmen dieses Mannes leben?

Der Stylist wollte Benedikts Make-up erneuern, wurde aber mit einer ungeduldigen Handbewegung weggeschickt. Benedikt schien zu wissen, dass er perfekt aussah, und wollte den Dreh offenbar schnell hinter sich bringen.

Er setzte sein bestes Fernsehlächeln auf und ging zu Emma, um die letzte Szene des Tages anzugehen. »Versauen Sie es diesmal nicht, ja? Ich hab noch eine Verabredung und kann es mir nicht leisten, zu spät zu kommen«, raunte er ihr schlecht gelaunt ins Ohr und schnupperte mit angewidertem Gesichtsausdruck in Richtung Orangenpunsch. Dass er die Luft mit seinem Zigarettendunst verpestete, schien ihm nicht in den Sinn zu kommen.

»Alle bereit? Ruhe bitte. Und… Aufnahme läuft in drei…« Viktoria zählte die letzten beiden Zahlen des Countdowns mit den Fingern ab und gab dann ihrem Reporter das »Go«-Signal.

»Wir haben in den letzten Tagen Emma Wolf bei– Moment, nein, ich fang noch mal an. Der Scheiß-Dampf aus dem Topf ist mir im Weg. Kann man das ausmachen?«

Emma stellte seufzend die Herdplatte ab und hob den Deckel, um den Dampf entweichen zu lassen. Ein anerkennendes »Mhhhh« war in der Küche zu hören, welches Benedikt wenig zu beeindrucken schien. Nach ein paar Sekunden Wartezeit beschloss er, dass es weitergehen konnte, und Viktoria gab erneut das Signal.

»Wir haben in den letzten Tagen Emma Wolf bei ihrer interessanten Arbeit in ihrer erotischen Bäckerei beobachtet. Und nun dürfen wir sogar bei der Herstellung ihres Kassenschlagers dabei sein.«

Würde man den Honig, den Benedikt dem Publikum ums Maul schmierte, zum Backen verwenden, könnte man wenigstens ein Dutzend Honigkuchen machen.

»Emma, würden Sie uns erklären, was Sie heute für uns backen werden?«

»Ich werde heute meine Punschmöpschen für Sie zubereiten«, entgegnete Emma und zwinkerte der Kamera, also Otto, spielerisch zu. Der hob im Off den Daumen. »Das sind Punschkrapfen in der Form von weiblichen Brüsten.«

»Interessant«, antwortete Benedikt. »Könnten Sie unseren Zuschauern vielleicht erklären, was Punschkrapfen sind? Da wir in achtzig Bäckereien um die Welt reisen, kann ich mir gut vorstellen, dass nicht jeder diese Backware kennt.«

Das war Emmas Stichwort, unter die Theke zu greifen und einen vorbereiteten Teller hervorzuholen.

»Wir Österreicher sagen, wenn wir unter uns sind, eigentlich ›Punschkrapferl‹, aber dieses Törtchen ist auch bei anderen mittlerweile sehr beliebt und daher besser bekannt unter der hochdeutschen Bezeichnung ›Punschkrapfen‹.« Emma stellte den Teller auf der Theke ab und drehte ihn so, dass Otto eine schöne Aufnahme machen konnte. »Ich habe schon mal ein Paar Punschmöpschen vorbereitet, um den Zuschauern zeigen zu können, worum es sich handelt.«

Auf dem geblümten Teller– Otto hatte die Kamera geschultert und zeigte nun die Kalorienbomben in Großaufnahme– war ein Paar runder rosaroter Kuchenbrüste mit Marzipannippeln zu erkennen. Emma nahm ein Messer zur Hand und teilte eines der Brüstchen, um das Innere zu zeigen. Tropfen von Marillenmarmelade blieben am Messer kleben. Hinter der Kamera knurrte ein Magen. Der Geruch des Orangenpunschs, der in den Teig eingearbeitet worden war, wurde durch das Aufschneiden noch einmal kräftiger.

»Das Rezept für die Punschkrapfen ist typisch österreichisch. Sie werden aus einem Biskuitteig hergestellt, in dem entweder Rum enthalten ist oder Punsch, und sind mit Marillenmarmelade gefüllt«, erklärte sie und teilte das Küchlein ein zweites Mal, um Otto eine bessere Detailaufnahme zu ermöglichen.

Als Nächstes präsentierte Emma die vorbereiteten Zutaten und begann mit der Zubereitung. Nach drei Durchläufen aus verschiedenen Kameraperspektiven war die Szene im Kasten.

Emma hatte Benedikt vorgeführt, wie sie ihren Biskuitteig und den Orangenpunsch herstellte, wie sie die Marmelade für die Füllung kochte und wie sie die zähflüssige rosarote Zuckermasse verarbeitete, die die Punschbrüste umhüllte.

»Das Formen der Marzipannippel ist anstrengende Detailarbeit«, erklärte sie zum Schluss. »Aber es ist gerade diese Detailarbeit, die besonders viel Spaß macht.«

»Und Cut!«, rief Viktoria. »Okay, Leute, das war’s für heute. Morgen um Punkt acht machen wir zunächst mit den letzten beiden Szenen hier in der Küche weiter, bevor es noch mal nach draußen geht. Also keine Saufgelage heute Abend. Und stopft euch nicht mit Frau Wolfs Punschmöpschen voll, ich brauche euch nüchtern!«, ordnete sie an und biss selbst genüsslich von einer der Kreationen ab.

Benedikt ging ohne ein Wort der Verabschiedung in den Garten hinter dem Haus, wahrscheinlich, um weiterzupaffen, während alle anderen auf einmal wieder geschäftig durch den Raum wuselten. Emma schnürte erleichtert ihre Schürze auf und reichte sie der Kostümdame, die nervös zu einem gut aussehenden Mann mit blonden Haaren, Bart und grünen Augen sah, der in der Tür lehnte und die letzte Szene beobachtet hatte.

»Emma, wer ist das? Hast du noch eine Verabredung?«

Die zierliche Leyla– sie trug ein geblümtes Kleid und blonde Engelslöckchen– wurde sofort rot wie eine Tomate, als sie bemerkte, dass der Mann zu ihnen herübersah und ihr zuzwinkerte.

Emma lachte. »Das ist mein Bruder Hendrik. Keine Angst, er beißt nicht.«

»Dein Bruder?« Sie faltete die Schürze vorsichtig. »Ihr seht euch gar nicht ähnlich.«

Das stimmte. Während Hendrik aussah wie ein in Jeans und Lederjacke gekleideter Wikingerriese, war sie eine kurvige, sommersprossige, mittelgroße Person mit bleicher Haut und feuerroten Haaren. Fünf Jahre und zwei Länder trennten die beiden, und trotzdem fühlte Emma sich bei niemandem sicherer als bei ihrem Bruder.

»Das passiert, wenn man verschiedene Väter hat«, erklärte Emma.

Hendrik hatte seinen Vater nie kennengelernt. Ihre Mutter Marla war nach einer Urlaubsromanze in Schweden ahnungslos nach Österreich zurückgekehrt. Jegliche Versuche, den Vater von Hendrik ausfindig zu machen, nachdem sie erfahren hatte, dass sie schwanger war, waren ohne Ergebnis geblieben, sie hatte außer seinem Vornamen und der Stadt, aus der er stammte, kaum etwas über ihn gewusst.

Emma hatte ihren Vater zwar kennengelernt, hätte aber gut und gern auf diese Bekanntschaft verzichten können. Ihr Erzeuger saß irgendwo am anderen Ende Österreichs wegen schweren Diebstahls im Gefängnis und war es nicht wert, dass man sich um ihn sorgte. Sie hatte nur wenige schöne Erinnerungen an ihn und verband mit ihm eher ein Gefühl der Verwirrung und Vernachlässigung. Verwirrung, da sie nicht gewusst hatte, warum die Polizisten ihren Papa mitten in der Nacht abholten, als sie sechs war. Vernachlässigung wegen vieler Momente davor, in denen er kein Interesse an seiner Tochter oder seinem Stiefsohn gehabt hatte.

Hendrik schloss Emma in die Arme und schnappte sich dabei unauffällig eine Punschbrust von dem Blech, das sie für den Dreh gebacken und vor der Kamera verziert hatte. »Du warst phantastisch, Schwesterherz«, sagte er mit vollem Mund und krümelte sein T-Shirt voll.

Leyla war vor der Testosteronwelle, die auf sie zugerollt war, geflohen und sammelte seufzend Benedikts Jackett, das er unachtsam hatte fallen lassen, vom Boden auf.

»Du hast die Arme erschreckt mit deinem Holzfällerauftreten«, tadelte Emma ihn und sah auf die Uhr. »Oje, so spät schon? Wir wollten vor einer Stunde losfahren.«

Hendrik zuckte mit den Schultern. »Das passiert einem schon mal als Fernsehstar«, witzelte er und erntete dafür einen Schlag auf seine muskulöse Schulter. »Das Abendessen wird uns nicht davonlaufen. Aber ich schlage vor, du ziehst dich um. Du weißt, was passiert, wenn du hungrig bist und feine Klamotten anhast.«

Emma hasste es, ihrem Bruder recht geben zu müssen, aber die vielen Flecken von Soßen, Dressings und Säften auf ihren diversen Kleidern waren Beweis genug für ihre Tollpatschigkeit. Zum Glück hatte sie es nicht weit zu ihrer Wohnung.

Sie verließ die Küche, bog kurz vor dem Verkaufsraum links ab und stieg die alte hölzerne Treppe hoch, die in den ersten Stock führte und bei jedem Schritt gefährlich knarzte. Ursprünglich war geplant gewesen, eine neue Treppe einzubauen, aber Emma hatte sich bei den Bauarbeiten so sehr an das Geräusch gewöhnt und sich in den Altbau-Charme verliebt, dass sie das Vorhaben wieder verworfen hatte.

Hinter der schweren Wohnungstür aus Eiche befand sich ein großes, einladendes Wohnzimmer, das durchquert werden musste, um zum Schlafzimmer zu gelangen. Da sie für ihren Beruf noch vor den Hühnern aufstehen musste, war jede Minute, die sie auf ihrem Weg zur Arbeit sparte, Gold wert. Barfuß spürte sie im Wohnzimmer abwechselnd den Holzboden und einen kuscheligen Teppich unter ihren Sohlen, dann den im Schlafzimmer neu verlegten Parkettboden und schließlich noch kurz die kühlen Fliesen im Bad. Eine locker sitzende Jeans, ein T-Shirt und eine Bluse später trottete sie zurück, die Treppe hinunter, und schlüpfte, unten angekommen, in bequemes Schuhwerk.

Hendrik wartete vor dem Laden auf sie. Die TV-Truppe hatte alles stehen und liegen lassen und war durch den Garten getürmt, um den späten Feierabend zu genießen.

»Müssen wir Mama noch abholen?«, fragte Emma ohne große Hoffnung, zog die Tür hinter sich zu und sperrte den Laden ab. Am liebsten hätte sie die Tür weit aufgerissen, um die stickige Luft entweichen zu lassen. Zu ihrer Überraschung nickte Hendrik. Ihre Mutter beim monatlichen Familienessen dabeizuhaben, war eine Seltenheit, auf die Emma sich nun riesig freute. Auch wenn Marla Wolf aufgrund ihres Charakters sehr schnell sehr anstrengend sein konnte.

Hendrik hatte direkt vor dem Haus geparkt. Emma ließ sich im nagelneuen BMW ihres Bruders auf den Beifahrersitz fallen und pfiff anerkennend. »Zahlt die Mordkommission so gut, dass du dir so eine Karosse leisten kannst? Ich hab mir wirklich den falschen Beruf ausgesucht.«

Hendrik nahm hinter dem Steuer Platz und lachte grunzend. »Mein Wagen ist in der Werkstatt, das ist ein Leihwagen.«

»Ein piekfeiner BMW als Leihwagen?«, fragte Emma neugierig.

»Mein Polizeiausweis scheint sie wohl dazu gebracht zu haben. Anschnallen, das Ding hat mächtig Stoff unter der Haube.«

Hendrik trat auf die Tube, und Emma klammerte sich an ihren Sitz. Der Abend versprach rasant zu werden.

»Ich bin dagegen.«

Weder Emma noch Hendrik hielten Marla Wolf für eine Vorzeigemutter. Das bedeutete nicht, dass Emma die Frau nicht bedingungslos liebte, sie wünschte sich nur manchmal, Marla würde es ihr weniger schwer machen.

Die Stimmung beim Abendessen war eisig, und Emma hatte sich innerlich bereits auf ein Streitgespräch mit ihrer Mutter eingestellt– leider nicht das erste und sicher auch nicht das letzte in ihrem Leben.

»Aber natürlich bist du dagegen«, entgegnete sie daher sarkastisch und zwickte mit ihren Essstäbchen ein Stück Ente aus ihrem Gericht heraus.

Marla Wolf war eine Frau, die von der Meinung anderer wenig hielt, wenn es um sie ging, dafür aber sehr darauf achtete, was die Gesellschaft über ihre Kinder dachte. Ihre Locken hatte sie an Emma vererbt, allerdings waren ihre braun und etwas krauser.

»Es ist schon schlimm genug, dass du nicht auf mich gehört hast, als es um die Entscheidung für deine Sexbackerei ging.«

Die Ente entglitt den Stäbchen, als Emma intuitiv die Hand zur Faust ballte. Sexbackerei. Mal davon abgesehen, dass das Wort gar nicht existierte, hasste sie es, wenn ihre Mutter ihren Beruf so abwertete.

»Mama–«, hob Hendrik an, doch Marla ignorierte ihn.

»Jetzt willst du auch noch der ganzen Welt unter die Nase reiben, was du so machst? Mit dieser Einstellung wirst du nie einen Mann abkriegen, Emma.«

Wieder einmal war der kritische Punkt erreicht. Hendriks Gesicht verlor an Farbe, und er starrte betreten auf seinen Teller mit Sushi.

Das Thema Mann hatte für Emma eigentlich nie auf der Prioritätenliste gestanden. Ja, sie hätte gern einen Partner, aber nein, sie hatte es nicht eilig damit. Und schon gar nicht wollte sie exzessiv nach einem suchen. Ihre Mutter, die technisch gesehen ja immer noch mit ihrem im Gefängnis sitzenden Vater verheiratet war, war ihrem Lebensstil treu geblieben und traf sich immer noch häufig mit Männern. Mit etwas zu vielen, wie Emma fand.

»Fang nicht wieder damit an, Mama. Du weißt, was beim letzten Mal passiert ist. Und ich will dir nicht schon wieder Gemeinheiten an den Kopf werfen«, sagte Emma frustriert.

»Ach, du meinst so Sachen wie ›Wenigstens kenne ich die Namen der Männer, mit denen ich schlafe‹ oder ›Immerhin lasse ich mich nicht von einer Urlaubsromanze schwängern‹?«

Emma schwieg.

»Ich habe in meinem Leben ein paar Fehler gemacht. Aber, meine Lieben, wenn ich diese Fehler nicht gemacht hätte, würden wir drei heute nicht hier sitzen und schlechtes chinesisches Essen in uns hineinschaufeln.«

Das konnte Emma auf keinen Fall abstreiten, also entschied sie sich für eine Strategie, die meistens funktionierte: Sie ratterte ihre Liste an Argumenten herunter.

»Mama, ich sag es dir noch einmal: Ich hab dich lieb. Aber ich mag meinen Beruf, und zwar so, wie ich ihn mache. Nur weil ich zurzeit keinen Mann habe, heißt das nicht, dass ich allein sterben werde. Und zum hundertsten Mal: Nein, ich bin nicht lesbisch, und Melanie und ich sind kein Paar.«

Marla machte ein Gesicht, als hätte sie auf Granit gebissen, und verkniff sich eine Antwort. Sie mochte es nicht, sich auf öffentlichem Terrain mit ihren Kindern zu streiten, das war ihr peinlich. Ein Umstand, der Emma zum Vorteil gereichte, da sie so keine Angst haben musste, dass die Situation eskalierte.

»Ich sage ja nur, dass ich die Geschichte mit dem Fernsehen nicht gut finde. Was, wenn sie dich als Freak darstellen?«

»Das werden sie nicht.«

»Aber–«

»Mama, lass es gut sein. Wir wollen in Ruhe essen«, schaltete Hendrik sich nun doch noch ein. Mit einer Bemerkung über Marlas Ohrringe schaffte er es tatsächlich, die Frau vom Thema abzubringen. Er war nicht umsonst ihr Vorzeigesohn, mit dem sie bei ihren Freundinnen angab.

Marla kleidete sich gern glitzernd. Es gab kaum ein Outfit, bei dem nicht etwas auffällig glänzte oder funkelte. Bling-Bling musste sein. Heute war sie zu Emmas Freude eher dezent gekleidet, sie trug goldene Leggings zu einem überraschend schlichten schwarzen Pullover und großen goldenen Ohrringen. Selbst das Parfüm, von dem sie gern eine Note zu viel auflegte, war heute beinahe unaufdringlich zu nennen.

Der Rest des Abends war für Emma dann doch noch ganz angenehm. Es passierte nicht oft, dass ihre Mutter mit zum Essen ging, und Meinungsverschiedenheiten waren dann an der Tagesordnung, trotzdem hätte Emma ihre Mutter um nichts in der Welt hergeben wollen. Denn bei all den Unterschieden, die die beiden trennten, fielen Emma in Zeiten des Streits auch immer wieder die Dinge ein, die sie an Marla Wolf bewunderte. Zum Beispiel die Tatsache, dass sie nach der Verhaftung ihres Mannes zwei Kinder allein großgezogen hatte. Oder dass sie sich nie unterkriegen ließ und stets versuchte, das Leben in vollen Zügen zu genießen.

Zwei

Kinder lieben Süßigkeiten. Und Erwachsene auch. Sie lieben Kuchen, Muffins, Waffeln, Karamell, Schokolade, Eiscreme, Donuts– einfach alles, woraus ein talentierter Bäcker leckeres Teufelszeug zaubern kann, das sich für immer und ewig an den Hüften festsetzt.

Als Emma ihre Bäckerei konzipiert hatte, war dabei natürlich auch ihre Laufkundschaft von ihr berücksichtigt worden. Für Kunden, die wenig Zeit hatten, errichtete sie eine kleine Theke mit Ausgabefenster, hinter der eine große Auswahl an zuckerbeladenen Leckereien bereitstand sowie frisches Brot und Gebäck am Morgen. Mittlerweile wurde das Ausgabefenster aber fast nur noch von Kindern genutzt.