Profitwahn - Christian Kreiß - ebook

Profitwahn ebook

Christian Kreiß

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Opis

Die Finanzwirtschaft ist längst mächtiger als die Politik, in unserer Demokratie entscheidet nicht mehr der Mensch, sondern das Geld. Christian Kreiß tritt an gegen die Diktatur der Finanzmärkte und gegen seine eigene Zunft - die Wirtschaftsexperten. Sie beraten die Regierungen der Welt und beeinflussen, was der Öffentlichkeit als wissenschaftliche Wahrheit verkauft wird. Mit historischen Fakten und aktuellen Zahlen entlarvt Kreiß das zu bitterem Ernst gewordene Monopoly-Spiel der Finanzindustrie. Er veranschaulicht, wie in der Vergangenheit jede wirtschaftliche Wachstumsphase in sozialen Unfrieden und Chaos umschlug. Seine erschreckende Bilanz: Wir selbst befinden uns am Ende einer solchen Periode. Es ist höchste Zeit für eine Gesellschaftsordnung, die Mensch und Umwelt gerecht wird. Auf dem Spiel stehen ein menschenwürdiges Dasein und echte Demokratie.

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Christian Kreiß

Profitwahn

Christian Kreiß

Profitwahn

Warum sich eine menschengerechtereWirtschaft lohnt

Christian KreißProfitwahnWarum sich eine menschengerechtere Wirtschaft lohnt© Tectum Verlag Marburg, 2013(Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter der ISBN 978-3-8288-3159-9 im Tectum Verlag erschienen.)eISBN: 978-3-8288-5657-8Mobi ISBN: 978-3-8288-5658-5

Umschlagabbildungen: fotolia.com © shyshka (Wassermotiv);fotolia.com © Yuriy Panyukov (Haken)Umschlaggestaltung: vogelsangdesign.deSatz und Layout: Norman Rinkenberger | Tectum Verlag

Alle Rechte vorbehalten

Besuchen Sie uns im Internetwww.tectum-verlag.de

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Statements

PROF. DR. MAX OTTE

(Erfolgsautor u.a. des Bestsellers Der Crash kommt)

»Äußerst kenntnis- und faktenreich beschreibt Christian Kreiß das Grundübel der modernen Wirtschaft: die extreme Ungleichverteilung des Vermögens. Diese hat mittlerweile Ausmaße angenommen, die mit Fug und Recht von einem neuen Adelsstand sprechen lassen – den Superreichen, der Plutokratie oder ‚Finanzoligarchie‘, wie sie der berühmte amerikanische Verfassungsrichter Louis Brandeis bereits 1912 identifiziert hatte, als wir eine ähnliche Ungleichverteilung hatten.

All dies geschieht im Namen der Marktwirtschaft oder des Kapitalismus, eines angeblich effizienten und fairen Systems. Kreiß weist nach, dass dieses System keinesfalls fair und stabil ist, sondern in vielen Bereichen krebsartige Tendenzen aufweist, die ungefähr alle 70 Jahre zu Krisen führen. Er befindet sich dabei in guter Gesellschaft: John Maynard Keynes oder John Kenneth Galbraith sehen dies ähnlich.

Die Lösung dieser Probleme wäre keine Utopie, wenn der politische Wille vorhanden wäre. Ein faires Steuersystem mit progressiver Besteuerung und einer signifikanten Erbschaftssteuer würde erheblich dazu beitragen, die Mängel des Systems zu beheben. Da waren wir in der alten Bundesrepublik schon einmal weiter, wie auch das Grundgesetz ‚Eigentum verpflichtet‘ und viele Länderverfassungen zeigen.

Es ist zu hoffen, dass das Buch viele Leserinnen und Leser findet.«

MATTHIAS WEIK / MARC FRIEDRICH

(Erfolgsautoren des Wirtschafts-Bestsellers Der größte Raubzug der Geschichte)

»Christian Kreiß ist es mit seinem hervorragenden Buch gelungen, die Finanzblasen der Vergangenheit zu erörtern und einleuchtend zu erklären, warum es immer wieder crasht. Er zeigt aber auch wegweisende Alternativen auf, die wir in Zukunft implementieren müssten.«

PROF. DR. MARGRIT KENNEDY

(Gründerin von Occupy Money, Autorin u.a. des Erfolgsbuches Geld ohne Inflation und Zinsen)

»Dieses Buch bietet eine große Überraschung: Es ist einem Wirtschaftswissenschaftler endlich gelungen, sein Berufsfeld mit der nötigen Distanz und gleichzeitig Unvoreingenommenheit zu sehen, die ihm erlaubt, genau die Schwachstellen aufzudecken, die unsere Wirtschaft in den letzten Jahren immer deutlicher in den Abgrund führen, und darüber hinaus auch (noch) gangbare Wege aufzuzeigen, wie dies verhindert werden kann. Ein äußerst seltener Glücksfall! Profitwahn ist für Fachleute und Laien ein unverzichtbares und zukunftsweisendes Werk.«

HANS WELL

(Biermösl Blosn)

»Es ist schon frappierend zu lesen, dass in der Wirtschaft solche Übertreibungen und Blasenbildungen schon immer da waren, immer wiederkehren und regelmäßig ungut ausgehen. Dieses Buch analysiert präzise die Zutaten für die jetzige (Euro-)Krise. Fach- und Sachbücher sind meist schon durch ihre Sprache einem Fachbuch-Publikum vorbehalten. Das Besondere an diesem Buch ist die Missachtung dieser Regel. Scheinbar komplizierte Zusammenhänge werden hierin auf eine auch Laien verständliche Art und Weise nachvollziehbar dargestellt. Dieses Buch erscheint genau zum richtigen Zeitpunkt. Die Auswirkungen einer sozial ungerechten Umverteilungs- und unsoliden Haushaltspolitik wird in einen logischen Zusammenhang zur ungesunden Blähung des Euro-Raumes gestellt. Fragen Sie bezüglich der Erkrankung unserer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Balance und wie diese therapiert werden kann lieber nicht ihren Arzt oder Apotheker, sondern lesen Sie dieses Buch!«

PROF. DR. PHIL, DR. RER. POL. M.A. (ECON) WOLFGANG BERGER

(Leiter Business Reframing Institute, ehem. Personalchef der Schering AG)

»Christian Kreiß deckt Wahrheiten auf, die für die Glaubenskrieger unangenehm sind: Unsere Finanz- und Eigentumsordnung führt zu extremem Reichtum auf der einen und zunehmender Armut auf der anderen Seite. Diese Entwicklung beschleunigt sich historisch etwa alle siebzig Jahre und endet immer in einer großen Krise – einem großen Krieg oder einer gewaltigen Katastrophe mit ähnlicher Zerstörungswirkung. Kreiß belegt diesen Zusammenhang mit historischen Fakten und aktuellen Zahlen.

Mit diesem Buch beweist der Wirtschaftswissenschaftler Christian Kreiß großen Mut. Er stellt sich gegen das Establishment seiner Zunft und widerlegt zentrale Glaubenssätze der ‚Mainstream-Ökonomen‘ – also derjenigen Fachkollegen, die über Berufungen auf gut dotierte Lehrstühle entscheiden, die die Regierungen der Welt beraten und deren Lehre der Öffentlichkeit von den Medien als ‚wissenschaftliche Wahrheit‘ verkauft wird.

Damit befindet er sich in der guten Gesellschaft mit einer Reihe anderer Außenseiter seines Fachs:

1.dem Nobelpreisträger George Stigler, der auf einen mathematischen Ableitungsfehler im Standardmodell der Volkswirtschaftslehre hingewiesen hat,

2.Steve Keen, der in seinem Buch Debunking Economics nachweist, dass die Aussagen über die positiven Effekte der Globalisierung sich nach der Korrektur dieses Fehlers in ihr Gegenteil verkehren,

3.Jürgen Kremer, der in seinem Buch Grundlagen der Ökonomie zeigt, dass es in der Standard-Volkswirtschaftslehre (die er nicht als Wissenschaft, sondern als „Ideologie“ sieht) kein Modell eines langfristig stabilen Wirtschaftssystems gibt.

Es ist zu befürchten, dass Christian Kreiß – gerade weil das, was er nachweist, für das Establishment unangenehm ist – das Schicksal seiner ‚Vorgänger‘ teilen muss: Totgeschwiegen zu werden.

Die Realwirtschaft sichert unsere materiellen Lebensgrundlagen. Die Finanzwirtschaft macht aus Geld mehr Geld. Eine extreme Vermögenskonzentration koppelt Geldvermögen von der Realwirtschaft ab und zerbricht den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Finanzwirtschaft ist längst mächtiger als die Politik. Es besteht die Gefahr, dass sie die Realwirtschaft mit in den Abgrund zieht und den gesellschaftlichen Frieden zerstört. Kreiß präsentiert die Fakten und weist auf Zusammenhänge hin, die erst wenige sehen. Eine Pflichtlektüre für jeden, der seinen Kindern und Enkeln eine lebenswerte Welt hinterlassen will.«

Vorwort

Massenarbeitslosigkeit in Spanien und Griechenland, neue Höchststände der Arbeitslosigkeit und schwache Wirtschaftslage im Euroraum. Labile Wirtschaftsentwicklung und hohe verdeckte Arbeitslosigkeit in den USA, Japan kämpft seit Jahren mit Stagnation und Deflation. Die 2007 ausgebrochene weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise will und will in den Industrieländern nicht aufhören, obwohl die wichtigsten Notenbanken der Welt frisches Geld in nie dagewesenem Ausmaß drucken, obwohl die meisten Regierungen der Welt weit mehr ausgeben als sie einnehmen und dadurch die Wirtschaft stützen. Ohne diese historisch einzigartigen Stützungsmaßnahmen befände sich die Weltwirtschaft vermutlich schon längst in einer großen Depression.

Warum will die Krise einfach nicht aufhören?

Im vorliegenden Buch wird dafür ein Erklärungsansatz geliefert, den es in der gängigen Ökonomietheorie nicht gibt: Wir befinden uns derzeit in der Schlussphase eines langen, mächtigen, knapp 70-jährigen Wachstumszyklus, der sich nun mit innerer, eiserner Notwendigkeit seinem Ende zuneigt.

Solange wir die Kräfte und Prozesse, die diesen 70-jährigen Zyklen zugrunde liegen nicht erkennen, können wir auch wenig dagegen tun. Zweck des vorliegenden Buches ist daher, diese in der Geschichte unerbittlich wirksamen Mächte und Prozesse aufzuzeigen und damit eine Diagnose für die derzeitigen Krankheitszustände in großen Teilen der Weltwirtschaft zu liefern. Denn ohne richtige Diagnose keine richtige Therapie.

Ändert sich die Einsicht in die bestehenden Kräfte und Prozesse, ändern sich die ökonomischen und gesellschaftlichen Denkansätze und damit die gesellschaftlichen Weichenstellungen, so lassen sich neue, menschliche Wege in eine menschen-, tier- und umweltgerechte Zukunft beschreiten. Hierzu möchte das vorliegende Buch beitragen.

Unsere sozialen und ökonomischen Zustände sind nicht das notwendige Resultat von anonymen Marktgesetzen, sondern die Ergebnisse von Regeln und Gesetzen, die Menschen gemacht haben. Unsere sozialen Gegebenheiten sind nicht die Folge von Naturgesetzen, sondern von Menschengesetzen. Wir können diese Regeln und Gesetze jederzeit in Richtung mehr Menschlichkeit ändern. Die Zukunft liegt in unserer Hand.

Aalen, April 2013

Inhalt

1Die Botschaft des Buches

2Der Grund für die Misere: Unsere Eigentumsordnung

2.1Zur Anschauung: Grund und Boden

2.2Vermögen kommt zu Vermögen

2.3Zur Anschauung: Brot

2.4Geld kommt zu Geld

2.5Ein Blick in die Geschichte: Altes Testament

2.6Krebsgeschwür Vermögenswachstum: Die Wellen wiederkehrender Blasen und Zusammenbrüche

2.7Ein Blick in die Geschichte: Friedrich Schiller über das antike Griechenland

2.8Die desaströse Gewalt ungehemmter Eigentumsanhäufung

2.9Déjà-vu: Die wirtschaftliche Situation 1914 und 1929

3Fakten zur Entwicklung der Ungleichverteilung

3.1Deutschland

3.2USA

3.3Ungleichverteilung, Steuerbetrug und Steueroasen

3.4Ein Blick in die Geschichte: Die Große Depression 1929–1940

3.5Lehren aus der Geschichte?

4Die Weltwirtschaftslage 2013:Die Bereinigung (wie 1929) ist längst überfällig

4.1Der Einbruch steht bevor

4.2Hohe Überkapazitäten weltweit

4.3Die Entstehung der Fehlentwicklungen

4.4Globale Blasenbildungen

5Die Kehrseite: Weltweite Überschuldung von Privathaushalten bis zu Nationen

6Geopolitische Ursachen

7Geistige Hintergründe: Macht, Angst und Unfreiheit

7.1Auf dem Weg in die Plutokratie

7.2Ein Blick in die Geschichte: Die Gewinner der Weltwirtschaftskrise von 1907

8Das Versagen der Wirtschaftswissenschaft

8.1Fehlprognosen des IWF

8.2Fehlprognosen des US-Congressional Budget Office (CBO)

8.3Fehlprognosen des Sachverständigenrates zur Begutachtung der deutschen Wirtschaft

8.4Fehlprognosen von Deutsche Bank Research

8.5Ursache für das Versagen der Wirtschaftswissenschaft: Der Glaube an weltanschauliche Axiome

9Weichenstellungen in eine menschengerechte Wirtschaft und Gesellschaft

9.1Bisherige Maßnahmen zur Bekämpfung der Krise

9.2Die fatalen Auswirkungen der bisherigen Rettungsaktionen

9.3Wege in eine menschengerechte Wirtschaft durch gesellschaftliche Weichenstellungen

Exkurs: Hintergründe der Eurokrise, Fallbeispiel Spanien

10.Schlusswort: Auf friedlichem Wege die Krise vermeiden

Literatur

Anmerkungen

1Die Botschaft des Buches

Unsere Wirtschaftsordnung führt dazu, dass sich etwa alle 70 Jahre periodisch wiederkehrende Blasen bilden, die schmerzlich bereinigt werden müssen, sei es über Wirtschafts- und Finanzkrisen, die Elend und Not mit sich bringen, oder zerstörerische Prozesse wie Aufruhr, Chaos, Bürgerkrieg oder sogar Krieg. Auch die derzeitige Finanz- und Wirtschaftskrise ist das Ergebnis ungehemmter, unhaltbarer, krebsartiger Akkumulationsprozesse der letzten knapp 70 Jahre seit 1945, die nun zu einer Bereinigung drängen:

Ungleichverteilung und ökonomische Machtkonzentration nahmen im Zuge dieser Akkumulationsprozesse in den letzten Jahrzehnten weltweit kontinuierlich zu. Kapital konzentriert sich seit mehr als einer Generation in immer weniger Händen, viele Länder bewegen sich hin zu einer Plutokratie, der Geldherrschaft von wenigen Menschen über die große Mehrheit der Bevölkerung. Enorme Fehllenkungen von Kapital- und Güterströmen weltweit, krebsartige Strukturen sowie eine kommende dramatische und sehr schmerzhafte Bereinigung dieser traurigen Missstände mit sozialen und politischen Erschütterungen sind die Folgen dieser Entwicklungen.

In Artikel 151 der Bayerischen Verfassung heißt es: „Alle wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl“ doch unsere Wirtschaftsordnung hat schon lange nichts mehr mit dem Gemeinwohl zu tun. Es sollen daher – nach einer ausführlichen Analyse der bestehenden Fehlentwicklungen – Wege zu gesellschaftlichen Rahmenbedingungen aufgezeigt werden, die Mensch und Umwelt gerecht werden, Maßnahmen, die zu Chancengleichheit und einer wirklich freiheitlichen Gesellschaftsordnung führen können, sowie Weichenstellungen, die ein menschenwürdiges Dasein und echte Demokratie ermöglichen.

Jetzt hätten wir die Gelegenheit, durch die konkrete Einführung vermögensumverteilender Maßnahmen auf friedlichem Wege einen wirtschaftlichen Zusammenbruch, der nach der obengenannten 70-Jahre-Regel nun kurz bevorzustehen scheint, zu vermeiden. Dies wäre auch im Sinne der vermögendsten Schichten, da sie bei einer geordneten Vermögensumverteilung weniger Einbußen hinnehmen müssten als durch eine große Depression, soziale Unruhen oder gar Kriege.

2Der Grund für die Misere:Unsere Eigentumsordnung

»Ich für meinen Teil glaube, dass es eine soziale und psychologische Rechtfertigung für die signifikante Ungleichverteilung von Einkommen und Wohlstand gibt – allerdings nicht für derart große Missverhältnisse, wie sie heute existieren.«

John Maynard Keynes, britischer Ökonom1

Ungehemmte Vermögenskonzentration ist ganz legal

Unsere Eigentumsordnung – sowie die fast aller anderen Länder – erlaubt mengenmäßig und zeitlich unbegrenztes Eigentum an den drei Hauptvermögensarten 1. Grund und Boden mit den darauf befindlichen Immobilien, 2. Produktionsvermögen (Eigentum an Unternehmen in Form von Aktien oder anderen Unternehmensanteilen) sowie 3. Geldvermögen.2

Dadurch können sogenannte Ultra High Net Worth (UHNW) Households entstehen, also superreiche Haushalte mit einem Nettovermögen von über 100 Mio. US-Dollar. Es gibt weltweit etwa 9.000 solcher Haushalte (entsprechend etwa 0,0005 % aller Menschen auf der Erde), auf die, global gesehen, etwa 8 % des Weltvermögens entfallen.3

Was bedeutet nun mengenmäßig und zeitlich unbeschränktes Eigentum?

39 % des weltweiten Vermögens befinden sich in den Händen von lediglich 0,9 % der Weltbevölkerung

Einzelne Bürger können Verfügungsgewalt über Ressourcen in Form von Geld, Produktionsanlagen, Grund und Boden in beliebiger Höhe und ohne jegliche Rechtsgrenzen anhäufen und dadurch beliebig große ökonomische Macht erringen. Und in der Tat ist die ökonomische Verfügungsgewalt über Ressourcen weltweit äußerst ungleich verteilt. Eine sehr kleine Gruppe von Menschen verfügt über die weitaus größten Teile der weltweiten Ressourcen.4

Der deutsche Boden ist in Händen von 11 % der Bevölkerung

Beispielsweise kann Grund und Boden mit den gegebenenfalls darauf befindlichen Immobilien – wie Wohnhäuser oder Gewerbeimmobilien – von einzelnen Menschen in beliebiger Höhe erworben werden. Es gibt keinerlei rechtliche Beschränkungen für Großgrundbesitz landwirtschaftlichen oder anderweitig genutzten Bodens. Einzelne Menschen können tausende Hektar Ackerboden oder zehntausende von Wohnungen besitzen. Tatsächlich befindet sich der größte Teil des deutschen Bodens in Händen von etwa einem Zehntel der Bevölkerung.5 Gleiches gilt für Unternehmensanteile: einzelne Menschen können Millionen, ja Milliarden von Aktien oder andere Anteile an verschiedenen Unternehmen besitzen. Die gesamten deutschen Unternehmen, soweit sie in Besitz von Inländern sind, gehören ebenfalls etwa einem Zehntel der deutschen Bevölkerung.6 Dasselbe gilt für Eigentum an Geldvermögen wie Staatsanleihen, Unternehmensanleihen oder Bankeinlagen, die ebenfalls sehr ungleich verteilt sind.7 Für alle Arten von Vermögen gibt es keinerlei rechtliche mengenmäßige Eigentumsbeschränkungen.

Die unentgeltliche Weitergabe von Eigentum an natürliche Personen, insbesondere die eigenen Kinder, in Form von Schenkungen oder Vererbung abzüglich Erbschafts- oder Schenkungssteuer, ist in fast allen Ländern der Erde in beliebiger Höhe rechtlich erlaubt,8 so dass auch zeitlich aus Familien- bzw. Sippensicht der Verfügungsgewalt über Eigentum keinerlei rechtliche Grenzen gesetzt sind.

2.1Zur Anschauung: Grund und Boden

Ein stark vereinfachtes Grundmodell kann aufzeigen, wie bei einer bestehenden anfänglichen Ungleichverteilung ein Trend zu immer stärkerer Ungleichverteilung existiert. Die unten stehende Tabelle soll als Ausgangsbasis für ein stark vereinfachtes Modell zu unserer Eigentumsordnung an Grund und Boden dienen:

Knapp 60 % der Deutschen wohnen zur Miete

Fünf Familien wohnen in fünf Häusern. Die Familien 3 bis 5 sind nicht Eigentümer ihrer Häuser, sondern bewohnen sie zur Miete. Die Häuser befinden sich im Eigentum der Familien 1 und 2, wobei Familie 1 vier Häuser besitzt und Familie 2 eines, dasjenige, das sie selbst bewohnt. Diese Eigentumsverteilung an Häusern gibt sehr grob die tatsächliche Eigentümerstruktur in Deutschland wieder: Bei uns wohnen ca. 60 % der Menschen zur Miete, die Eigenheimquote liegt bei etwa 40 %9 und damit deutlich unter dem Durchschnitt anderer OECD-Länder.

In der Tabelle wird stark vereinfacht unterstellt, dass alle fünf Familien ein Arbeitseinkommen von 1.000 Einheiten pro Jahr erzielen. Die Miete betrage 30 % des Einkommens, was für einen großen Teil der Haushalte tatsächlich zutrifft.10 Dadurch, dass die Familien 3 bis 5 in Wohnungen leben, die Familie 1 gehören, fließen die Mietzahlungen von diesen drei Familien an die Familie 1. Familien 3 bis 5 haben dadurch nur noch ein Nettoeinkommen von 700, Familie 1 dagegen ein Nettoeinkommen von 1.900.11

Unterstellt man, dass wohlhabendere Haushalte eine höhere Sparquote haben, wofür es zahlreiche empirische Belege gibt,12 so zeigt sich, dass Familie 1 im obigen Modell pro Zeiteinheit etwa 600 Geldeinheiten sparen kann. Familie 2, die weder vermietet noch selbst mietet, könnte demnach etwa 200 Geldeinheiten pro Jahr sparen, die Familien 3 bis 5 hingegen deutlich weniger, etwa zwischen 10 und 70 Geldeinheiten pro Jahr, obwohl für diese deutlich geringere Konsumausgaben angenommen werden. Durch die höhere Ersparnisbildung wird im Laufe der Zeit ein immer höheres Vermögen von Familie 1 kumuliert, die Ungleichverteilung nimmt strukturell zwingend immer mehr zu.

Natürlich gibt es individuelle menschliche Unterschiede, so dass die zunehmende Ungleichverteilung nicht zwangsweise auf alle einzelnen Familien zutreffen muss. Manche wohlhabenden Menschen verausgaben trotz hoher Einkommen möglicherweise mehr, als sie einnehmen, und verarmen. Manche sehr sparsam lebende Familie mit geringem Einkommen baut sich im Laufe ihres Lebens ein kleines oder größeres Vermögen auf. Aber strukturell wirken starke ökonomische Kräfte auf einen Trend hin zu ständig steigender Ungleichverteilung. Zahlungen für Bodeneigentum stellen ökonomisch betrachtet sogenannte „Renteneinkommen“ dar, das heißt Zahlungen, denen keine ökonomische Gegenleistung in Form von Arbeitsleistung gegenübersteht.13

2.2Vermögen kommt zu Vermögen

»Die Privatvermögen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt. So verfügen die Haushalte in der unteren Hälfte der Verteilung nur über gut ein Prozent des gesamten Nettovermögens, während die vermögensstärksten zehn Prozent der Haushalte über die Hälfte des gesamten Nettovermögens auf sich vereinigen.«

4. Armuts- und Reichtumsbericht der deutschen Bundesregierung15

Die unteren 50 % in Deutschland besitzen kein Vermögen

Obiges Schaubild16 zeigt die Vermögensverteilung in Deutschland in den Jahren 2002 und 2007. Demnach hatten die reichsten 10 % der deutschen Haushalte („10. Dezil“) 2007 etwa 61 % des deutschen Nettovermögens (Vermögen abzüglich Schulden). Die ärmsten 10 % der deutschen Haushalte hatten hingegen netto Schulden, die 1,6 % des Gesamtvermögens entsprechen. Die unteren 50 % der deutschen Haushalte zusammengenommen, also gut 40 Mio. Menschen, hatten demnach 2007 netto praktisch kein Vermögen. Die oberen 20 % der Deutschen, also knapp 8 Mio. Menschen, hatten gut 80 % des Gesamtvermögens. Die Ungleichverteilung hat sich dabei laut DIW von 2002 bis 2007 verstärkt.17

Im 4. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung vom September 2012 heißt es zu der Vermögensverteilung wörtlich:

Die unteren 50 % der deutschen Bevölkerung besitzen 1 % des Vermögens

„Die Privatvermögen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt. So verfügen die Haushalte in der unteren Hälfte der Verteilung nur über gut ein Prozent des gesamten Nettovermögens, während die vermögensstärksten zehn Prozent der Haushalte über die Hälfte des gesamten Nettovermögens auf sich vereinigen. Der Anteil des obersten Dezils ist dabei im Zeitverlauf immer weiter angestiegen.“18

Das nachfolgende Schaubild19 zeigt diesen Tatbestand sowie die Entwicklung von 1998 bis 2008 auf.

Die Nicht-Arbeits-Einkommen in Deutschland betragen gut 500 Mrd. Euro pro Jahr

Praktisch alle Vermögensarten bringen Ertrag: Für Eigentum an Grund und Boden bzw. Immobilien erhält man Pachten oder Mieten, Unternehmensanteile erzielen Dividenden oder Ausschüttungen bzw. ermöglichen Entnahmen, Geldvermögen erzielt Zinserträge. Diese Einkünfte stellen Renten dar, also Einnahmen, denen keine Arbeitsleistung gegenübersteht. Der Sachverständigenrat der deutschen Wirtschaft (die „5 Weisen“) beziffert die bereinigte Höhe dieser „Nicht-Arbeits-Einkommenszuflüsse“ oder Rentiereinkommen für die Jahre 2006 bis 2008 auf durchschnittlich 27,9 % des Volkseinkommens bzw. € 518 Mrd. pro Jahr bei einem durchschnittlichen Volkseinkommen von € 1.860 Mrd. pro Jahr in diesen drei Jahren. Bezogen auf die Konsumausgaben der privaten Haushalte von durchschnittlich 1.361 Mrd. Euro in diesen drei Jahren beträgt die Abgabenquote der privaten Haushalte an die Rentiers 38,1 %. Häufig wird hierfür auch verkürzt der Ausdruck „Zinsanteil“ in den Produkten genannt. Tatsächlich ist damit der Anteil des Produktpreises aller privaten Konsumausgaben gemeint, der auf die Kapitalkosten entfällt.20

»Und er [der Zins nimmt] leidet darüber keine Gefahr, weder an Leib, noch an Ware; er arbeitet nicht, sondern er sitzt hinter dem Ofen und brät Äpfel.«

Martin Luther21

Die Umverteilung von unten nach oben erfolgt automatisch

Wem fließen diese € 518 Mrd. pro Jahr zu? Der größte Teil davon, nämlich 80 %, fließt den oberen 20 % der deutschen Haushalte zu, da diese gut 80 % des deutschen Nettovermögens besitzen, wie das obige Schaubild veranschaulicht. Also flossen etwa € 415 Mrd. pro Jahr im Durchschnitt der Jahre 2006 bis 2008 in Form von Nicht-Arbeits-Einkommen an die wohlhabendsten 20 % der deutschen Haushalte. Man könnte in diesem Zusammenhang von einer – den meisten Menschen nicht bewussten – „Reichen-Steuer“ sprechen: Die wohlhabenden Haushalte erhalten vom erwirtschafteten Sozialprodukt vorab ohne Arbeitsleistung einen Anteil von über 25 % von den weniger wohlhabenden Haushalten. Solange diese „Reichen-Steuer“ greift, wird sich zwangsläufig die Ungleichverteilung weiter erhöhen. Wie sie abgeschafft werden kann schildert der hintere Teil des Buches.

Wie kommen diese Nicht-Arbeits-Einkommens-Umverteilungsflüsse bzw. Rentenzuflüsse konkret zustande? Außer durch die soeben erwähnten Boden- bzw. Mietrenten geschieht dies etwa durch folgende tagtäglich stattfindende ökonomische Transaktionen.

2.3Zur Anschauung: Brot

Jeder von uns zahlt Zins, auch wenn er gar keinen Kredit aufgenommen hat

Jedes Produkt, das wir kaufen, enthält Kapital- und Arbeitsanteile. Man kann dies am Beispiel von Brot verdeutlichen. Um das Korn für Brot zu ernten, benötigt man Boden, Kapital (Saatgut, Traktor, Dünger etc.) und Arbeitskraft (den Landwirt, der sät, pflegt und erntet). Für den Boden muss Pacht gezahlt werden, falls der Boden dem Landwirt nicht selbst gehört. Gehört der Boden dem Landwirt, so muss er dafür kalkulatorische Kosten in Höhe der Pacht ansetzen. Für die eingesetzten Maschinen muss der Landwirt entweder Zinsen zahlen, falls die Maschinen fremdfinanziert sind oder bei Eigenfinanzierung kalkulatorische Eigenkapitalkosten ansetzen. So ruht auf jedem geernteten Korn eine bestimmte Summe von Kapitalkosten bzw. Kapitalentgelt in Form von kalkulatorischen oder tatsächlichen Kosten für Pachten, Zinsen und Eigenkapital.

Gleiches gilt für den Mahlvorgang: Die Mühle, die das Korn mahlt, steht auf Grund und Boden, für den kalkulatorische oder tatsächliche Pacht entrichtet werden muss. Die Getreidemühle selbst stellt ein Kapitalgut dar, für das kalkulatorische oder tatsächliche Zinsen und/oder Eigenkapitalrendite gezahlt werden muss.

Beim Bäcker wiederholt sich der Vorgang erneut: Die Bäckerei steht auf Grund und Boden, benötigt Kapital in Form von Backöfen, Inneneinrichtung, Vorräte etc., wofür wiederum Pacht und Kapitaldienst entrichtet werden müssen.

In Summe enthält also der Brotpreis einen bestimmten Anteil von Kapitalvergütung. Für jeden Laib Brot, für jede Semmel, die wir kaufen, entrichten wir eine bestimme Summe Geldes an diejenigen Eigentümer, deren Boden und Kapital am Produktionsprozess beteiligt sind, ohne dass diese Menschen durch Arbeit zum Produktionsprozess beitragen.

Jedes Jahr bekommen die wohlhabendsten 20 % in Deutschland wie von unsichtbarer Hand gut 415 Mrd. Euro von den unteren 80 % der Bevölkerung

Im Durchschnitt ruhen für alle Produkte und Dienstleistungen, die in Deutschland gekauft werden, nach Berechnungen von Helmut Creutz brutto etwa 35 % Kapitalanteil,22 die zu 80 % an die oberen 20 % der deutschen Haushalte fließen. Da auch die oberen 20 % der Haushalte Güter und Dienstleistungen konsumieren, fließt netto – als reiner Umverteilungsfluss – ein geringerer Betrag, nämlich die vom Sachverständigenrat errechneten etwa € 415 Mrd. pro Jahr ohne Arbeitsleistung an die wohlhabendsten 20 % der Bundesbürger.23

Kleiner Exkurs: Geplante Obsoleszenz

Durch verwerfliche, Ressourcen verschwendende Lebenszeitverkürzung Mehrabsatz und höhere Gewinne!?!

Unter „geplantem Verschleiß“ oder „geplanter Obsoleszenz“ wird der geplante, vorzeitige Verschleiß von Produkten, die eigentlich viel länger halten könnten, verstanden. Das heißt, wir Konsumenten müssen Produkte öfter kaufen, als eigentlich nötig. Verteilungspolitisch stellt geplante Obsoleszenz eine Art Verbrauchssteuer für alle Endverbraucher dar. Die Unternehmen, die diese Produktpolitik verfolgen, erzielen hierdurch höhere Gewinne. Der Gewinn aus dieser „Steuer“ fließt den Eigentümern von Unternehmen, also beispielsweise den Aktionären von Großunternehmen zu. Unter Verteilungsgesichtspunkten stellt also geplante Obsoleszenz eine Umverteilung von allen Endverbrauchern zu der vergleichsweise kleinen Gruppe der Aktionäre von Großunternehmen dar. Der Kaufkraftentzug bei uns Endverbrauchern durch diese Unternehmensstrategie dürfte deutschlandweit eine Größenordnung von etwa 100 Mrd. Euro pro Jahr haben.14

2.4Geld kommt zu Geld

Die Geschichte vom Josephspfennig

Zur Verdeutlichung der Problematik sei hier die Geschichte vom „Josephspfennig“ erwähnt: Wenn im Jahre 1 unserer Zeitrechnung bei der Flucht nach Ägypten von Maria und Joseph ein Pfennig zu einem Zinssatz von 4 % angelegt worden wäre, so wäre daraus bis zum Jahre 1750 über Zins und Zinseszins ein Geldbetrag im Wert von einer Erdkugel aus Gold geworden. Bis zum Jahr 1990 wären daraus 890 solche Kugeln geworden.24 Es ist offensichtlich, dass eine solche Kapitalvermehrung nur zu Lasten anderer Menschen möglich ist. Alle Arten von Zinseszins führen im Verlauf langer Zeiträume über die Exponentialfunktion zu explosionsartigem Wachstum, das durch die reale Wirtschaft nicht gedeckt werden kann.

Hierbei handelt es sich um eine Systemfrage, nicht um die Frage, ob einzelne besonders wohlhabende Menschen ihr Vermögen mehr oder weniger professionell selbst verwalten oder gegebenenfalls auch durch Fehlinvestitionen oder einen luxuriösen Lebensstil verlieren. Ein großer Teil der weltweiten Vermögen wird heute durch hochintelligente, professionelle Vermögensmanager, z. B. von Investmentbanken, verwaltet,25 so dass sich Eigentum und Verwaltung von Kapital zunehmend trennen und zu immer mehr anonymisierten Kapitalentscheidungen führen.

122.800 Mrd. $ professionell verwaltete Vermögen weltweit

Durch die Professionalisierung der Vermögensverwaltung26 während der letzten etwa 30 Jahre wurden die großen Vermögen immer effizienter gemanaged, während sich viele Kleinanleger und Sparer nicht zuletzt aus Unkenntnis häufig mit geringen Einlagezinsen zufrieden geben. Dadurch erzielen die professionell verwalteten Vermögen in der Regel höhere Renditen zu Lasten der Kleinanleger, was wiederum die Ungleichverteilung von Vermögen verstärkt. So erhöhte sich beispielsweise im Jahr 2011 das Vermögen der besonders reichen Haushalte (Haushalte mit einem Nettovermögen von über $ 100 Mio.) mit einer Wachstumsrate von 3,6 %, während die durchschnittliche Wachstumsrate aller Vermögen lediglich 1,7 % betrug.27 Dies – sowie insbesondere unterschiedliches Konsum- und Sparverhalten der einzelnen Menschen – führt dazu, dass selbst dann, wenn die Realzinsen nicht über der realen Wachstumsrate des Sozialproduktes liegen, die Ungleichverteilung der Vermögen strukturell zunehmen muss.

2.5Ein Blick in die Geschichte: Altes Testament

Bereits im Alten Testament wurde erkannt, dass eine Eigentumsordnung, die den unbegrenzten Erwerb von Vermögen durch einzelne Menschen erlaubt, zwangsweise zu immer stärkerer Ungleichverteilung und schließlich zu einer Gefährdung des sozialen Friedens bzw. der sozialen Ordnung überhaupt führt. U. a. deshalb wurde in 3. Mose 2528 das sogenannte große Erlassjahr alle 50 Jahre eingeführt:

3. Mose 25:

Das Große Erlassjahr im alten Israel gab es alle 50 Jahre

„Und ihr sollt das fünfzigste Jahr heiligen und sollt eine Freilassung ausrufen im Lande für alle, die darin wohnen; es soll ein Erlassjahr für euch sein. Da soll ein jeder bei euch wieder zu seiner Habe kommen und zu seiner Sippe kommen. Als Erlassjahr soll das fünfzigste Jahr euch gelten. […] Das ist das Erlassjahr, da jedermann wieder zu dem Seinigen kommen soll. […] Darum sollt ihr das Land nicht verkaufen für immer; denn das Land ist mein und ihr seid Fremdlinge und Beisassen bei mir. Und bei all eurem Grundbesitz sollt ihr für das Land die Einlösung gewähren.“

Ähnliche Regelungen finden sich in 5. Mose und Nehemia.29 Offensichtlich wurden diese Gesetze auch umgesetzt und angewandt.30 So führte etwa Nehemia, um 440 v. Chr. jüdischer Statthalter in Judäa, Schuldenstreichungen durch und setzte Obergrenzen für Zinsen fest.31

Der tiefere Sinn dieser Regelungen liegt auf der Hand: Um den sozialen Frieden bzw. die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung zu gewährleisten, muss ein gewisses Mindestmaß an Gleichverteilung oder Vermögens-Obergrenzen für das individuelle Eigentum existieren. Ansonsten wird durch die oben aufgezeigten Umverteilungsflüsse über einen Zeitraum von vielleicht zwei bis drei Generationen die Gesellschaftsordnung gefährdet.

Back to Mesopotamia?

Im alten Mesopotamien um 2.400 v. Chr. und bei den Sumerern waren offenbar ähnliche Mechanismen des Schuldenerlasses gängig: „Dieses System [der Überschuldung der Bauern] wirkte sich so aus, dass es die Gesellschaft oft zu zerreißen drohte. Fiel die Ernte einmal schlecht aus, geriet ein Großteil der Bauern in Schuldknechtschaft; Familien zerbrachen. […] Angesichts der Gefahr eines vollkommenen Zerfalls der Gesellschaft verkündeten die sumerischen und später die babylonischen Könige in regelmäßigen Abständen Generalamnestien. […] Solche Dekrete erklärten üblicherweise ausstehende Konsumentenschulden für null und nichtig (geschäftliche Schulden waren nicht tangiert), gaben alles Land den ursprünglichen Besitzern zurück und erlaubten allen Schuldknechten, zu ihren Familien zurückzukehren.“32

Graeber weist darauf hin, dass „in den letzten 5.000 Jahren mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit Volksaufstände auf gleiche Weise begonnen [haben]: mit der rituellen Zerstörung von Schuldverzeichnissen – Tafeln, Papyrusrollen, Kontobüchern, wo immer die Schulden zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort verzeichnet waren.“ So hätten alle revolutionären Bewegungen in der Antike ein einziges Programm gehabt: „Streicht alle Schulden und verteilt das Land neu.“33 Die Geschichte ist voll mit Beispielen von Forderungen nach gerechter Neuverteilung des Landes.

Es stellt sich die Frage: Warum nur lernen wir nicht aus der Geschichte?

2.6Krebsgeschwür Vermögenswachstum: Die Wellen wiederkehrender Blasen und Zusammenbrüche

»Eine Bakterienkultur kann nur für eine gewisse Zeit exponentiell wachsen, aber irgendwann reicht der Nährstoff nicht mehr und sie bricht zusammen.«

Dr. Alexander Dibelius,

Chef von Goldman Sachs Deutschland34

Vermögen, das sich ohne Arbeitsleistung durch den Zinseszinseffekt ungehemmt immer weiter vermehrt, stellt einen sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Sprengstoff dar: sozial, weil dadurch die Ungleichverteilung gemäß den oben geschilderten Umverteilungsprozessen immer stärker wird; ökonomisch, weil es zu periodisch wiederkehrenden Überinvestitionskrisen etwa alle 70 Jahre führt; ökologisch, weil die natürlichen Ressourcen mit diesem Wachstum auf Dauer nicht Schritt halten können: Unterstellt man einen Nominalzins von 7 % pro Jahr, so bedeutet dies eine Verdoppelung des eingesetzten Vermögens nach etwa elf Jahren. Nach 70 Jahren würde das Vermögen auf über das 100-Fache (exakt: das 106,5-Fache) anwachsen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürfte die Situation sozialpolitisch kritisch werden. In den 30 Jahren bis Ausbruch der Finanzkrise 2007 wurde laut Wall Street Journal eine reale, inflationsbereinigte Durchschnittsrendite von 8 % pro Jahr auf das eingesetzte Kapital durch professionelle Vermögensverwalter erzielt. Das bedeutet, dass sich in diesen 30 Jahren die Vermögen real verneunfacht haben.

Bakterien und Krebszellen wachsen exponentiell

Exponentiell wachsende Vermögen gleichen einer Bakterien- oder Vireninfektion. Bakterien und Viren wachsen im Körper vor Ausbruch der Krankheit eine gewisse Zeit exponentiell. Erst wenn eine gewisse biologische Schwelle erreicht ist, wird die Krankheit manifest und bricht auch äußerlich aus. Ähnlich verhält es sich bei Krebsgeschwüren. Dort vermehren sich einzelne Zellgruppen während gewisser Zeiträume exponentiell, bevor die Krankheit offen zutage tritt. In dem Moment, wo die Krankheit offen ausbricht, ist es oft zu spät. Eine wirksame Prophylaxe, wirksame Gegenmaßnahmen sollten im Vorfeld der Krankheit, also frühzeitig, ergriffen werden. Krebs in fortgeschrittenem Zustand ist häufig tödlich. Der Arzt und Chef von Goldman Sachs Deutschland, Dr. Alexander Dibelius, sieht das ähnlich, aber sein Fokus liegt darauf, wie man den Nährboden möglichst lange ausnutzen kann: „Eine Bakterienkultur kann nur für eine gewisse Zeit exponentiell wachsen, aber irgendwann reicht der Nährstoff nicht mehr und sie bricht zusammen.“

Auch Warren Buffett greift das Phänomen der exponentiellen Vermehrung von Bakterien auf:

„Carl Sagan hat dieses Phänomen unterhaltsam beschrieben, als er über das Schicksal von Bakterien sinnierte, die sich alle 15 Minuten durch Teilung vermehren. Sagan sagt: »Das bedeutet vier Verdoppelungen pro Stunde und 96 pro Tag. Obwohl eine Bakterie nur rund ein Billionstel Gramm wiegt, werden ihre Nachkommen nach einem Tag […] so viel wie ein Berg wiegen […] in zwei Tagen mehr als die Sonne – und binnen kurzem wird das ganze Universum aus Bakterien bestehen.« Kein Grund zur Sorge, sagt Sagan: »Es gibt immer Hindernisse, die diese Art von exponentiellem Wachstum vereiteln. Den Bazillen geht die Nahrung aus, oder sie vergiften einander oder sie schämen sich, sich öffentlich zu vermehren.«“35

Vermögen und Schulden wachsen krebsartig

Ähnlich verhält es sich im sozialen Organismus. Die oben geschilderten ungehemmten und unbeschränkten – und daher in der Endphase krebsartigen – Wachstumsmechanismen (man denke an obige Beispiele von Semmel, Mieten, Josephspfennig) laufen lange Zeit weitgehend unbemerkt unter der Oberfläche des sozialen Geschehens ab, nehmen im Zeitverlauf aufgrund der Exponentialfunktion eine immer größere Wucht an und brechen schließlich unübersehbar im sozialen Leben auf, wie es seit 2007 geschieht und weiter geschehen wird. Auch hier wäre es sehr viel klüger gewesen, frühzeitig prophylaktisch, vorbeugend einzugreifen, anstatt das Ausbrechen der Krankheit 2007 abzuwarten, die auch weiterhin andauert. Solange nicht an die Ursachen des Phänomens, besser: der Krankheit gegangen wird, wird sich auch die derzeitige Finanz- und Wirtschaftskrise nicht bessern oder lösen lassen. Im Gegenteil: Solange man nicht die oben angesprochenen Ursachen bearbeitet, kann sich die derzeitige Krise nur weiter verschlimmern.

Wie die Prozesse konkret ablaufen, kann man gut am Schaubild links36 von Helmut Creutz Geldvermögen und Schulden in Deutschland sehen. Das Bild zeigt, dass sowohl die Geldvermögen, unter die hier auch Anteile an Unternehmen gerechnet werden, wie auch die Schulden 1950 jeweils deutlich unter 70 % des BIP lagen. Im Laufe der Zeit stiegen beide Größen deutlich stärker als das Wachstum des realen BIP. Sie wuchsen über weite Strecken exponentiell, wie das Schaubild rechts37, ebenfalls von Helmut Creutz, sehr gut demonstriert, so dass 2010 die Geldvermögen 360 % vom BIP betrugen und die Schulden 332 % vom BIP. Geldvermögen und Schulden wuchsen im betrachteten Zeitraum also 5 Mal so stark wie die Wirtschaftsleistung. Über Jahrzehnte, bis etwa 1980 oder 1990, war die Umverteilungswirkung aus diesen Kapitaleinkommensflüssen vergleichsweise noch wenig spürbar, da die Masse sowohl der Vermögen wie der Schulden, gemessen an der realen Wirtschaftskraft – dem BIP – noch nicht groß genug war, um akut als Krankheit wahrgenommen zu werden.

2007: Der seit langem gewachsene Krebs tritt nun auch äußerlich sichtbar auf

Die Phase bis 1980 oder 1990 könnte man daher mit einem Bazillen- oder Krebswachstum in der frühen Phase vergleichen: Die Krankheit wächst, ist aber noch nicht stark genug, um den sozialen Organismus aus der Bahn zu werfen. Ab den 1980er/90er Jahren spitzt sich die Situation zu, verschlimmert sich erheblich, bis die Krankheit dann 2007 offen ausbricht: Das obige rechte Schaubild Zuwachsraten im Vergleich zeigt, wie sowohl das Wachstum der realen Wirtschaftskraft (BIP) als auch das Wachstum der Nettolöhne gegenüber dem Wachstum der Geldvermögen und der Zinsgutschriften immer weiter zurückbleiben. Zwischen 1991 und 2007 stieg das Volkseinkommen in Deutschland um 61 %, die Bruttolöhne und -gehälter erhöhten sich um 38 %, die Nettolöhne und -gehälter um 30 %. Der Geldvermögensbestand (inklusive Aktienvermögen) wuchs dagegen um 157 %, die Zinseinkommen auf Bankeinlagen um 111 %.38 Hier baut sich durch zunehmende Umverteilung zu Gunsten der wohlhabenden Menschen sozialer Sprengstoff auf, der langfristig explodieren muss.

Was heißt „explodieren“ bzw. wohin führen diese in das Wirtschaftssystem eingebauten, automatisch wirkenden Umverteilungsmechanismen auf Dauer? Hier kann ein Blick in die Historie sehr aufschlussreich sein.

2.7Ein Blick in die Geschichte: Friedrich Schiller über das antike Griechenland

Friedrich Schiller veranschaulicht in seiner 1790 verfassten Schrift Die Gesetzgebung des Lykurgus und Solon