Planetenschleuder - Matthias Falke - ebook

Planetenschleuder ebook

Matthias Falke

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Opis

Die MARQUIS DE LAPLACE liegt zur Wartung im Neptun-Orbit. Ein gefährlicher Meteoritenschauer stört die beschauliche Ruhe des Etappendaseins. In einem halsbrecherischern Manöver gelingt es Commander Frank Norton und seiner Crew, die navigationsunfähige MARQUIS DE LAPLACE aus der Gefahrenzone zu bringen.Dann erst stellt sich heraus, was den Meteoritenhagel ausgelöst hat: eine überschnelle Warp-Sonde der Sineser, die ins Sonnensystem eindringt und auf der Höhe des Jupiters einen Annihilator zur Explosion bringt. Der Planet wird destabilisiert und droht erdwärts zu stürzen. Die Enthymesis wird in Marsch gesetzt, um die Drift des Jupiters zu beeinflussen. Es beginnt ein verzweifelter Kampf gegen die Zeit. Der dichte Vorbeizug des Jupiter droht den Mond zu zermalmen und die Erde zu zerstören. Und in dieser Situation ist Jennifer plötzlich verschwunden.

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Matthias Falke

Planetenschleuder

© 2013 Begedia Verlag

© 2007 Matthias Falke

Umschlagbild - Alexander Preuss

Covergestaltung und Satz - Begedia Verlag

Lektorat - André Skora

ebook-Bearbeitung - Begedia Verlag

ISBN-13 - 978-3-95777-028-8 (epub)

Besuchen Sie unsere Webseite

Das ENTHYMESIS-Universum

Eine Science-Fiction-Saga in sieben Trilogien

1. Laertes

2. Exploration

3. Gaugamela

     - Planetenschleuder

- Museumsschiff

   - Schlacht um Sina

4. Zthronmic

5. Tloxi

6. Jin-Xing

7. Rongphu

Der Autor:

Matthias Falke wurde 1970 in Karlsruhe/Baden geboren. Nach Abitur und Grundwehrdienst studierte er Musikwissenschaft, Literaturwissenschaft und Philosophie an den Universitäten Karlsruhe und Freiburg/Breisgau. Seit 1999 ist er freier Autor, Herausgeber und Übersetzer. Sein Stück »Kassandra-Szenen« wurde 2007 beim Ersten Autorenwettbewerb des Sandkorn-Theaters Karlsruhe mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Nach Ausflügen in nahezu alle literarischen Gattungen und Genres konzentriert sich Falke in den letzten Jahren zunehmend auf die Science Fiction. Seine Texte wurden mehrfach für den renommierten Kurd-Laßwitz-Preis nominiert.  

Falkes Novelle »Boa Esperanca« wurde 2010 mit dem Deutschen-Science-Fiction-Preis als Beste Kurzgeschichte ausgezeichnet.

Matthias Falke ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen. Er lebt in Karlsruhe.

Teil I - Die Bedrohung

Kapitel 1. Kosmischer Hagel

Jennifer lag uneinholbar vorne. Obwohl ich kilometerweit abgeschlagen war, machte es Spaß, ihr zuzusehen. Sie war die beste Pilotin der Union, und sie ließ ihr ganzes Raumgefühl in das Spiel einfließen. Ohne, dass es sie eine Anstrengung gekostet hätte, vertraute sie ihrer Intuition für komplexe dreidimensionale Bewegungen. Was wir auf komplizierte und fehlerhafte Weise berechnen mussten, das schüttelte sie aus dem Handgelenk. Sie bildete mit dem Queue ebenso eine organische Einheit wie mit der Steuerkonsole der Enthymesis, wenn sie diese sanft und millimetergenau in die Hangars des Großen Drohnendecks bugsierte. Sie vollführte ein lautloses, feierliches und elegantes Ballett, das nur vom Klacken des Zählmechanismus' interpunktiert wurde. Ihre Punktestand näherte sich rasch den Hunderttausend. Wenn das Reglement es zugelassen hätte, hätte sie in einer Simultanpartie gegen uns anderen als Team antreten können – und sie hätte uns vernichtend geschlagen. Selten habe ich sie so geliebt wie jetzt, da sie wie eine Katze um den Spielkäfig herumschlich, mit all der Gewandtheit, die sie ihrer Nahkampfausbildung verdankte, das virtuelle Queue hob, mir zuzwinkerte und dabei zum Schein die Stirn in Falten legte – ganz als ob sie sich konzentrieren müsse –, und dann den Stoß anbrachte, der den roten Superball aufleuchten und ihr Konto um weitere 1000 in die Höhe schnellen ließ.

»Das gibt's doch gar nicht«, fluchte Reynolds, der nicht wusste, ob er lachen oder heulen sollte. Er ließ das Queue sinken, das er schon ungeduldig gehoben hatte.

»Sie darf nochmal«, grinste Jill. Sie lag noch hinter mir, was man nicht einmal mehr als abgeschlagen bezeichnen konnte. Seit einer Viertelstunde war sie gar nicht mehr zum Zug gekommen, sodass sie sich ganz auf die Rolle der Beobachterin reduziert hatte. Und da sie offen mit Jennifer sympathisierte und es nicht wagte, gegen mich als ihren Vorgesetzten zu polemisieren, ließ sie ihren Spott auf Reynolds herabregnen, der mit jeder Runde nervöser und verbissener wurde.

»Ich darf nochma-hal«, flötete Jennifer. Sie stolzierte um den Käfig herum und ließ uns bei ihren Überlegungen zusehen, wie sie eine möglichst vertrackte Situation herbeiführen könnte. Ihr kastanienbrauner Pferdeschwanz wippte selbstgewiss. Ihre weiße Freizeituniform mit den schlichten Schulterstücken leuchtete in der bunten Dämmerung des Spielsalons, dessen rasch wechselnde Farbsignale und Holo-Anzeigen sie widerspiegelte.

An den anderen Billard-Käfigen und Spieltischen, wie auch an den Glücksspielrobotern und Scheibenholometern hatten die Spieler eine Pause eingelegt. Sie standen da, ihre Queues oder Scheibenschläger in den Händen, oder lehnten gegen die gravimetrischen Sockel ihrer Barhocker und sahen zu uns herüber. Sie alle hatten Respekt vor Jennifer und kaum einer dieser Captains oder Sergeanten hätte ihr in einer dienstlichen Situation in die Augen zu sehen gewagt, aber ihr Ruhm als gefürchteter Schwebebillard-Spielerin eilte ihr weit voraus, und wenn sie nun ihren WO und den Kommandanten dazu in einer spektakulären Partie deklassierte, war das ein Vergnügen, das man sich nicht entgehen ließ.

Ich fing einen resignierten Blick von Reynolds auf, während Jennifer vor der gegenüberliegenden Front des Käfigs in die Hocke ging und das Queue anlegte, um zum vernichtenden Stoß auszuholen. Gebannt sah ich auf ihre Fingerspitzen, die die Stoßrichtung in hauchfeinen Nachführbewegungen justierten und auch in der zehnfachen Verlängerung des Spielgeräts kein bisschen zitterten. In der zusammengekauerten Haltung, die an einen antiken Diskuswerfer erinnerte, erstarrte Jennifer zu einer ausdrucksstarken Statue.

»Was war das?«, flüsterte sie.

Irgendetwas stimmte nicht. Auch ich hatte etwas registriert, obwohl ich nicht zu sagen vermocht hätte, was es war.

In Zeitlupe ließ Jennifer ihr Queue sinken und richtete sich auf.

Ich spürte ein Frösteln, wie es mich überläuft, wenn sich in meinem Rücken eine Tür öffnet.

»Da ...!«, zischte sie und hob die Hand, als wäre es nötig, uns zur Aufmerksamkeit zu mahnen. Wie ein Dirigent den leisesten Misston seines Orchesters auffängt, der dem Publikum und selbst den Aufzeichnungsgeräten verborgen bleibt, und wie ein Ingenieur jede Unreinheit aus dem gleichmäßigen Summen seiner Maschinen heraushört, so hatten auch wir etwas gehört, das am untersten Horizont der Sinnenwelt angesiedelt war, aber dennoch den heiter gekräuselten Spiegel unserer Ausgelassenheit durchschlug ließ wie ein Stein den Spiegel eines unberührten Weihers.

Wir alle hatten als Offiziere und Piloten, als Wissenschaftsastronauten, Techniker und Kommandanten eine tief eingewurzelte Vorstellung davon, welche Geräusche an Bord eines Schiffes erwünscht und welche unerwünscht waren, welche alltäglich waren, welche besorgniserregend und welche gefährlich, welche beruhigend – und welche ganz und gar unmöglich. Diese Kategorien waren seit Jahrzehnten zu unserer zweiten Natur geworden. Eine minimale Abweichung innerhalb ihres Schemas würde uns aus dem tiefsten Rausch, aus dem Liebesspiel, aus dem Schlaf und aus der Bewusstlosigkeit geweckt haben.

Ein Geräusch, wie das, das nun an der untersten Schwelle unserer Wahrnehmungsfähigkeit kratzte, hatten wir noch niemals gehört. Das war das Allerschlimmste. Es ließ uns zusammenfahren. Jede Fiber unserer Körper wurde mit Konzentration geschwemmt, bereit, den Atem anzuhalten oder in Schreien auszubrechen. Ein fernes Grollen, das sich durch einen kilometerlangen Stahlleib arbeitete.

Außerhalb der Situation hätte es mich an ein Himalaya-Gewitter oder an einen Magnetsturm auf Siriana III erinnern können, aber wir befanden uns weder auf der Erde noch auf dem bizarren Eismond mit seinen violetten Blizzards, sondern an Bord der MARQUIS DE LAPLACE, die nach ihrer Rückkehr vom Sirius-System in einer Parkbahn im Neptun-Orbit überholt und gewartet wurde. Ein Stöhnen und Bersten, das sich durch zwölf Kilometer eines Titan-Corpus' fraß, von Segment-Kupplungen gedämpft, von Eigenresonanzen verstärkt. Die Herkunft des Geräusches war unerklärlich. Seine Echos und Interferenzen brachen und überlagerten sich und schwollen dabei an. Auch an den anderen Tischen ließen die Spieler ihre Queues und Schläger sinken. An der Bar setzten die Gäste ihre Gläser ab.

Zugleich erfasste uns der charakteristische Schwindel, den wir alle schon hundertmal verspürt hatten und von dem jede Zelle unseres Wesen wusste, dass er von überlasteten Gyroskopen herrührte. Panik malte sich auf die Gesichter. Jill verwandelte sich in eine gläserne Marionette. Reynolds sah aus wie jemand, der unbedacht auf eine dünne Eisfläche geraten ist und nun, vom ersten Knacken aufgestört, nicht mehr zu blinzeln wagt. Der anfeuernde Zuruf, den ich eben noch an Jennifer gerichtet hatte, gefror mitten in der Luft und fiel klirrend zwischen unseren Füßen zu Boden. In Zeitlupe musste ich mit ansehen, wie allen die Augen aus den Höhlen traten, als habe das Vakuum des schlingernden Raumes sich einen Weg in das Innere unseres Mutterschiffes gebahnt. Das Vergnügungsdeck der MARQUIS DE LAPLACE bog und dehnte sich wie ein Objekt vor einem Zerrspiegel. Der Raum und alles, was sich in ihm befand, wurde gekrümmt wie auf einem fehlerhaften Holo. Wir starrten uns an und wünschten aus diesem bösen Traum zu erwachen.

In diesem Augenblick setzte die Musik aus, die uns im Nachhinein plötzlich unerträglich banal erschien. Die Billardkugeln surrten automatisch auf ihre Nullpositionen in den zwölf Ecken des Schwebekäfigs zurück. Auch an den anderen Tischen erloschen die Anzeigen. Die feurigen Räder der Scheiben-Holos verblassten. Das Licht wurde um mehrere Stufen heller; zugleich büßte es seinen warmen orangeroten Farbton ein und wurde flammend weiß. Es war, als würde eine warme Decke fortgezogen, und der unerbittliche kalte Tag stand zum Fenster herein.

Mit wohlvertrautem Summen meldete sich die Automatik.

»Alarmstufe II«, verkündete eine emotionslose Serienstimme.

Wir hörten, wie sich überall im Schiff die selbsttätigen Schotte aus Titanstahl schlossen. Ein rhythmisches, in raschen Sprüngen näherkommendes Krachen, dem das schmatzende Saugen der Vakuumpumpen folgte. Mit kaum wahrnehmbarem Übergang flackerte das Licht und erstrahlte dann wieder in der vorherigen Schärfe. Die einzelnen Segmente der MARQUIS DE LAPLACE waren nun hermetisch voneinander getrennt, in ihrer Energie- und Sauerstoffversorgung autark und nur noch über einige Serviceschächte und die Steuerung der Automatik miteinander verbunden. Aber auch diese Kupplungen konnten im Notfall in Sekundenbruchteilen gekappt werden. Der Zusammenhalt des Schiffes wäre dann aufgehoben. Die zwölf Segmente würden, von kleinen Aggregaten getrieben, auseinander schweben, jedes mehrere Kubikkilometer an Volumen bergend und manövrierunfähig, aber in Sicherheit, falls es zum Beispiel einen schweren Strahlenunfall im Reaktorblock gegeben haben sollte.

Was mochte geschehen sein? In den wenigen Augenblicken, die wir wie angewurzelt dastanden, mit unserem irritierten Gleichgewichtssinn kämpften und auf weitere Durchsagen warteten, blitzten in rascher Folge mögliche Ursachen der Störung durch mein Hirn, die ebenso schnell vorgeführt wie verhandelt und abgeurteilt wurden. Eine Kollision oder ein sonstiger externer Grund konnte ausgeschlossen werden. Die einzige Möglichkeit, die mir plausibel schien, war ein Unfall bei Reparaturarbeiten. In einem der vorderen Segmente, dem langen Weg nach zu urteilen, den die Geräusche bis zu uns genommen hatten, musste es eine Explosion gegeben haben.

Jennifer hatte ihr Queue abgeschaltet und den Holo-Stick in den Billardkäfig geworfen, wo er von selbst in der Stand- By-Position einrastete. Intuitiv hatten wir alle eine breitbeinige Stellung eingenommen, die wir mit abgewinkelten Armen ausbalancierten.

Ein Knistern war in der Leitung. Dann löste Dr. Rogers' texanischer Dialekt das nervtötende Summen der schweigenden Automatik ab.

»An alle«, donnerte er in grimmigem Kasernenton. »Ein unbekanntes Objekt hat das Zentrale Steuermodul der MARQUIS DE LAPLACE getroffen. Der Schaden wurde lokalisiert und eingedämmt. Ihn zu beheben, wird allerdings länger dauern. Grund zur Beunruhigung besteht keiner – wenn man davon absieht, dass wir auf absehbare Zeit manövrierunfähig sind.«

Obwohl er nur den Audiokanal benutzte, sah ich ihn vor mir, wie er ein diabolisches Grinsen aufsetzte, als er noch hinzufügte: »Wird also nichts aus dem Wochenendtrip nach Luna III.«

Mit einem Knall, der an zusammengeschlagene Hacken erinnerte, ließ er den Kanal zuschnappen. Für einen Augenblick waren wir alle wieder Kadetten, die unter seinen gebrüllten Kommandos zusammenzuckten.

Die Automatik verlas nun lange Durchsagen, in denen Rettungs- und Reparatureinheiten in die oberen Decks von Segment I beordert wurden. Der Tatsache, dass keine Sanitäter angefordert wurden, entnahmen wir, dass Menschen nicht zu Schaden gekommen waren. Die Antriebs- und Steuermodule in Segment I arbeiteten, ebenso wie die Reaktorblocks in den Segmenten X - XII, vollkommen automatisch. Nur alle paar Tage verirrte sich ein Servicetrupp dorthin. Andererseits schien der Schaden beträchtlich zu sein. Nicht nur ganze Geschwader von Technikern wurden nach Segment I kommandiert, sondern auch eine Gruppe an Bordingenieuren.

Reynolds fragte an, ob er sich zur Verfügung stellen solle, behielt aber den groben Bescheid, man komme ohne ihn zurecht. Ich vermutete dahinter die alte Rivalität zwischen den »Festen« von der Planetarischen und der fliegenden Crew, die einander gegenseitig für unfähige Drückeberger hielten. Es musste einer der beiden Parteien das Wasser schon bis zum Haaransatz stehen, ehe sie die andere um Hilfe bat. Hier, an Bord der MARQUIS DE LAPLACE, waren wir Enthymesis-Offiziere im Urlaub. Frontsoldaten in der Etappe, die es längst aufgegeben haben, die Langweiler vom Nachschub mit ihrem Seemannsgarn beeindrucken zu wollen.

Reynolds schaltete fade lächelnd seinen Kommunikator ab und zuckte mit den Schultern. Er wäre auch eine Weile unterwegs gewesen von den Vergnügungsdecks in Segment VI, wo wir uns befanden, zur Steuerungseinheit am Bug des Schiffes, mehr als fünf Kilometer entfernt, zumal die Schotte geschlossen waren und er sich im Servicetunnel Block für Block hätte nach vorne arbeiten müssen. Eigentlich beschäftigte uns auch etwas ganz anderes.

Langsam nur stieg ein lähmendes Prickeln aus der Magengrube auf und verzweigte sich über den Rücken, bis es die Zonen des Bewusstseins erreichte. Es gibt Situationen, in denen man längst wahrgenommen hat, was als Gefahr erst mit Verspätung begriffen wird, etwa wenn man in einer fremden Stadt unterwegs ist und mit einem Mal feststellt, dass man die Orientierung verloren hat und in ein zwielichtiges Viertel geraten ist. Plötzlich wird es dunkel, man befindet sich in einer Sackgasse und aus den Haustüren glotzen einen finstere Gestalten an.

Jennifer hatte den Impulsgeber vom Bord genommen und spielte damit herum, ein Zeichen von Nervosität. Ich kannte sie gut genug, um zu spüren, dass sie außerordentlich beunruhigt war.

»Wie konnte das geschehen?«, fragte sie.

Ihr Blick war der einer Ausbilderin, die einen Rekruten fragt, warum seine Uniform so vorschriftswidrig sitzt.

Tatsächlich war kaum zu begreifen, wie ein solcher Impakt möglich sein sollte. Die MARQUIS DE LAPLACE war das größte und modernste Schiff der Union. Das Deepfield-Radar ihrer Vorfeldaufklärung griff Millionen Kilometer tief in den Raum aus; ihre automatische Überwachung kontrollierte die Flugbahnen mehrerer tausend Objekte. Diese überscharfen Sinne waren auf Sub-Warp-Passagen berechnet, auf die Durchquerung des Kuipergürtels oder der Oortschen Wolke. Dass ihnen auf der öden Höhe der Neptunbahn ein herumschwirrendes Steinchen entgangen sein sollte, war kaum vorstellbar. Langsam und widerstrebend, wie man in eiskaltes Wasser eintaucht, mussten wir uns klarmachen, dass der aktuelle Schaden gar nicht das eigentliche Problem darstellte, sondern nur Symptom eines wesentlich gravierenderen war.

Das Schlingern und Krängen, das das Schiff durchzitterte, hielt an. Als langjährigen Mitgliedern der fliegenden Crew konnte es uns physisch nicht viel ausmachen. Dafür erfüllte es uns mit einer umso größeren seelischen Qual. Wir spürten, wie die virtuellen Gyroskope auf Hochtouren liefen. Verzweifelt wie ein Boxer, der einen betäubenden Schlag aufs Ohr erhalten hat, rang unser Schiff darum, seine Bahn zu halten. Oder, wie es mich plötzlich durchzuckte, einer weiteren Bedrohung auszuweichen.

»Sie kämpft«, sagte Lambert. »Aber sie kommt vom Kurs ab.«

Reynolds schüttelte langsam den Kopf. Es sah aus wie eine rätselhafte Pantomime.

»Nein«, sagte er in seiner gedehnten Sprechweise, die immer, wenn er einer Sache auf der Spur war, zu einem langgezogenen Band aneinanderhängender Vokale wurde. »Sie versucht zu reagieren.«

Jennifer nickte aufgeregt. In rascher Folge ließ sie den Impulsgeber in ihrer Hand aufleuchten und wieder verschwinden.

»Sie will nicht beharren, sondern fliehen.«

Ich sah das Bild einer waidwunden Gazelle vor mir, die mit zerrissenen Läufen in der afrikanischen Steppe liegt und ein Rudel Hyänen auf sich zukommen sieht. Entsprach diese Vision unserer gegenwärtigen Situation?

Wir befanden uns in einem der Innendecks, ohne freie Sicht nach draußen. Die Monitore waren erloschen. Und obwohl mit bloßem Auge sowieso nicht zu erkennen gewesen wäre, wenn ein faustgroßer Brocken mit 30 000 Stundenkilometern auf uns zuraste, erfüllte es mich mit einem panischen Gefühl, dass ich über keine Informationen verfügte. Auf der Brücke der Enthymesis war ich mit allen Instrumenten so verwachsen, dass ich mich ihrer wie meiner eigenen Sinne bedienen konnte, und zudem reagierte dort meine Crew so sensibel auf meine Befehle, dass diese ausgeführt waren, ehe ich sie ausgesprochen hatte. Hier fühlte ich mich blind. Mit verbundenen Augen saßen wir auf der Ladefläche eines Lastwagens, der steuerlos in ein Minenfeld hinausfuhr. Ich betätigte den Piepser.

»Es ist noch nicht vorbei«, sagte Jennifer, der ich am liebsten den Holo-Stick aus der Hand geschlagen hätte.

»Das war erst der Anfang«, bestätigte Reynolds.

Lamberts Gesicht, das noch nie hübsch gewesen war, aber manchmal ganz drollig wirkte, verwandelte sich in eine verwüstete Landschaft, auf der der Steppenbrand der Verzweiflung wütete.

Endlich knirschte es im Kommunikator.

»Das ist nicht der geeignete Zeitpunkt«, schnauzte Rogers.

»Was ist los?«, fragte ich, ohne auf sein Gebrüll einzugehen. »Wir haben den Eindruck, das Schiff ist nicht stabil ...«

»Ihr Eindruck ist goldrichtig«, tobte er. »Und Sie können von Glück sagen, wenn es in einer Stunde noch ein Schiff ist, und nicht einige Teratonnen wertlosen Weltraumschrotts!«

Damit kappte er die Leitung. Ein unangenehmes Stöhnen war zu hören. Der riesige Stahlleib der MARQUIS DE LAPLACE wand sich in der verzweifelten Anstrengung. Hilflos sahen wir von einem zum anderen.

»Wir müssen etwas unternehmen«, beschloss Jennifer.

Während die anderen Offiziere, die ihren freien Nachmittag auf Vergnügungsdeck VI C 22 verbracht hatten, mit schicksalsergebenen Mienen an den Spieltischen lehnten oder in ihre Gläser starrten, stürmten wir los.

Die Ordonanzen, die neben der Ausgangstür Stellung bezogen hatten, salutierten und gaben die Verriegelung frei, als wir auf sie zumarschierten. Die kleinen Schotte, die innerhalb der Decks die Durchgänge sicherten, glitten zischend auseinander. Ein Zittern lief durch das Schiff, und irgendwo, kilometerweit entfernt, war ein hohles Aufheulen zu hören, das an einen verwundeten Wal denken ließ, der seine Qual in den dunklen Ozean hinausschrie. Unwillkürlich hatten wir alle einen Ausfallschritt gemacht und das Taumeln des Schiffes, auch wenn es von den Gyroskopen abgefedert wurde, aus dem Oberschenkel aufgefangen. Im Gänsemarsch, wie wir hintereinander herrannten, musste das aussehen wir das Manöver einer modernen Ballett-Truppe.

Innerhalb des Decks konnten wir uns als Mitglieder der fliegenden Crew frei bewegen, und es sollte uns auch möglich sein, die über und unter uns liegenden Decks zu erreichen. Allerdings war unsere Bewegungsfreiheit durch die Alarmstufe auf das Segment beschränkt, in dem wir uns gerade befanden. Die Schotte in den Segment-Kupplungen konnten nur vom Kommandanten oder seinem Stellvertreter geöffnet werden. Und letzterer hatte schon durchblicken lassen, dass er auf unsere Stellungnahmen keinen Wert legte.

Jennifer rannte vorweg. Ich erhaschte immer gerade noch das Bild ihres Pferdeschwanzes, dann war sie um die nächste Ecke verschwunden. Reynolds und Lambert folgten ihr. Ich bildete den Schluss. Ich glaubte inzwischen zu wissen, wo sie hinwollte. Im Grunde gab es nur eine Möglichkeit. Allerdings war mir schleierhaft, was sie dort ausrichten zu können meinte.

Atemlos rannte ich hinter ihr her durch das Labyrinth, das das vordere Drittel des Decks einnahm. Zwischen Serviceschächten und Titanstahlstreben ging es in schmalen verwinkelten Gängen dahin. Durch das wilde Zickzack, das wir zu laufen gezwungen waren, kam es mir vor, als ob das Schiff schwanke. Wie ein Trawler auf hoher See schien es sich von einer Seite auf die andere zu werfen. Ich konzentrierte mich. Es war tatsächlich so. Die MARQUIS DE LAPLACE krängte wie ein leckgelaufener Frachter unter dem Anprall mächtiger Wogen.

In den elastilverkleideten Säulen, die an den Kreuzungspunkten jedes Blocks standen, kreischten die Feldgeneratoren, die die virtuellen Gyroskope steuerten und die künstliche Schwerkraft mit Energie versorgten. Eben sackte das Schiff wieder zur Backbordseite durch wie eine Verkehrsmaschine, die durch eine Abfolge von Luftlöchern taumelt. Wir hatten keine Sicht nach draußen, da wir uns tief in den Eingeweiden des Segments befanden, daher konnte ich die Stärke der Schlingerbewegung nur abschätzen. Die künstliche Schwerkraft verhinderte, dass wir herumgeschleudert würden. Sie lief auf 120%, um uns fester an den Fußboden zu pressen. Ich spürte in den Knien, wie sich mein Gewicht erhöhte und meine Bewegungen teigiger wurden. Dennoch revoltierte mein Gleichgewichtssinn, wie ich es kaum jemals bei Explorer-Einsätzen verspürt habe. Ich taxierte die seitlichen Ausscherbewegungen des Schiffes auf mindestens 20 Grad. Bei der ungeheuren Masse der MARQUIS DE LAPLACE war es ein Wunder, dass sie nicht längst in Stücke gebrochen war. Was für Kräfte mochten das sein, die dieses Schiff so in Bedrängnis brachten?

Wir rannten weiter. Dann erreichten wir die Kommandozentrale, deren es mehrere auf jedem Segment gab. Von hier aus waren alle Funktionen des Hauptcomputers aufrufbar. Für den Fall, dass die Segmentkupplungen gelöst werden müssten, gab es hier die Steuerung des Segmentes VI. Wir befanden uns in einem oktogonalen Raum. In vier der acht Wände waren die vertikalen Serviceschächte eingelassen. Von hier führten generatorgetriebene Aufzüge zu den 120 Decks, die sich unter uns befanden, und zu den mehr als 200 über uns. VI war eines der flacheren Segmente. Es bildete die schlanke Taille der MARQUIS DE LAPLACE, eine Wespentaille, wenn man die bulligen Segmente IV und VII oder die Reaktorblocks zum Vergleich heranzog.

Die übrigen Wände bargen Monitore und Bedienfelder. Es war eine selbstständige Brücke, die im Notfall ein Zwölftel MARQUIS DE LAPLACE befehligte. Jennifer riss die Schutzfolien aus mattschwarzem Elastin von den Konsolen und herrschte die Automatik an, online auf den Hauptrechner des Mutterschiffs zu gehen. Die Apparaturen begannen zu booten. Offensichtlich waren sie sehr lange nicht mehr online gewesen. Die Stickstoffkühlung für die Null-Ohm-Rechner brauchte geraume Zeit, ehe sie die nötige Betriebstemperatur hergestellt hatte. Außerdem war zu spüren, dass die Feldgeneratoren in diesem Block an der Belastungsgrenze waren. Sie schienen jedes einzelne Ampère nur widerwillig herauszurücken.

Ich warf Reynolds einen kritischen Blick zu. Er zog die Stirn kraus und zuckte mit den Schultern.

»Ich habe schon ungefähr 50 Eingaben deswegen geschrieben ...«

Jennifer trommelte mit den Fingern auf der Konsole, vor der sie nervös von einem Bein aufs andere trat. Jill stand abseits, die Hände ineinander verkrallt und schnitt ein Gesicht wie ein Baby, das sich gerade in die Hose macht.

Endlich erschien auf dem Hauptschirm der Gefechtsstand der MARQUIS DE LAPLACE. Im Profil erkannten wir Dr. Rogers, der mit blaurotem Kopf gerade drei WO's zusammenstauchte, die ihn um zwei Haupteslängen überragten und wie begossene Pudel vor ihm standen. Leider dauerte es ein paar Sekunden zu lang, bis auch der Audio-Kanal aufgebaut war, als dass wir seine Gardinenpredigt hätten verstehen können. Unmittelbar vor dem Schirm, der das Bild übermittelte und unsere Konterfeis auf die andere Seite überspielte, erkannten wir Dr. Frankel, der wie immer seinen weißen Laborkittel trug. Er wirkte wie ein Oberarzt, der gerade aus der Visite abberufen wurde. Zu Rogers' cholerischem Wesen bildete er einen angenehmen Gegenpol. Ich atmete auf, als ich ihn sah. Er wandte sich verwundert um, als wir auf seinem Schirm sichtbar wurden.

»Was, bitteschön, wird das?«, fragte er in seiner korrekten Aussprache, die so britisch wirkte, dabei aber nur neuenglisch war. Selbst jetzt, da unser Schiff von unerklärlichen Kräften fast zerrissen wurde, ließ er sich nichts anmerken, sondern verströmte die Coolness und Langeweile eines Gentleman auf einer englischen Gartenparty.

»Wir wollten uns selbst ein Bild von der Lage machen«, blaffte Jennifer.

»Die Lage ist beschissen«, brüllte Rogers über Frankels Schulter hinweg. Er hatte die WO's, die wie gemaßregelte Internatszöglinge abgezogen waren, weggeschickt und wandte sich nun einem Techniker zu, der ölverschmiert auf die Brücke gewankt kam und vor ihm Meldung machte. Leider konnten wir den Bericht, den der Mechaniker schwer atmend vorbrachte, nicht verstehen, da im gleichen Augenblick Frankel wieder das Wort ergriff.

»Sie können online auf den Statusbericht gehen«, sagte er freundlich, als handele es sich um Wahlprognosen oder Footballergebnisse. »Wir haben im Augenblick noch zuwenig Informationen. Momentan sind wir damit befasst ...«

Ich versuchte ihm mit rudernden Armbewegungen zu verstehen zu geben, dass er das Sichtfeld freigeben sollte. Dann brüllte ich in den Schirm hinein.

»Rogers! Hier ist Norton. Gibt es irgendetwas, das wir tun können?«

Ein neuerliches Beben lief durch das Schiff. Wir sahen auf dem Monitor, wie die Besatzung der Brücke schwankte und mit dem Gleichgewicht kämpfte. Dann erst hörten wir das ferne Stöhnen. Abermals etliche Augenblicke später hatte die Bewegung uns erreicht und brachte uns zum Taumeln. In dem großen Maschinenblock jenseits der Konsolen jaulte der Feldgenerator auf. Mir wurde wieder bewusst, wie riesig das Schiff war und wie es sich entlang seiner Längsachse verwinden musste. Wie ein nasses Handtuch, aus dem jemand das Wasser herauswringt, schien es in gegensätzliche Richtungen verdreht zu werden.

Während wir uns noch an den Rechnerschränken festkrallten, hatten sie auf der Brücke schon das Gleichgewicht wiedererlangt.

»Sie können mich am Arsch lecken«, tobte Rogers. »Sehen Sie nicht, dass wir zu tun haben?!«

Der Mechaniker salutierte zackig, wirbelte auf dem Absatz herum und stapfte mit schweren Seemannsschritten davon. Rogers stand da, die Fäuste in die Seite gestemmt, und blickte wutschnaubend um sich. Eigentlich sah er nicht aus wie jemand, der gerade besonders viel zu tun hat. Eher schien er Ausschau zu halten, wen er als Nächstes zusammenstauchen könnte.

Jennifer hatte unterdessen wild auf ihrer Konsole herumgetippt.

»Ich hab's«, verkündete sie.

Ich beugte mich über die Anzeigen, während Jill und Reynolds sich den Statusbericht auf einen zweiten Schirm holten.

»Sieht böse aus«, zischte sie zwischen den Zähnen, als sie in Windeseile die Reports der letzten Minuten herunterscrollte.

Ich wandte mich wieder dem großen Monitor zu. Im Hintergrund sah ich Rogers davonstapfen. Er ging an einen der Nebenbedienplätze und klemmte einen Kommunikator ans Ohr. Ich vermutete, dass er auf einem geschlossenen Kanal mit den Reparaturtrupps vor Ort Kontakt aufnehmen wollte.

In Krisensituationen hatte ich ihn auch schon souveräner erlebt. Vor Persephone hatte er es als Kommandant eines zusammengewürfelten Kampfverbandes mit einer ganzen sinesischen Flotte aufgenommen. Der siegreiche Ausgang der Schlacht für die Unionstruppen hatte den Krieg entschieden und die sinesischen Ambitionen ein für alle Mal beendet. Aber heute hatte er es mit einer Sache zu tun, die nicht unbedingt größer, aber unheimlicher war. Er wusste nicht, wer oder was ihm gegenüberstand, das machte ihn nervös. Und dass man ihn dabei ertappte, machte ihn noch viel nervöser.

»Wir haben einen Treffer in Segment I erhalten«, begann Frankel. »Das zentrale Steuermodul. Wie es aussieht, wurde es vollständig zerstört.«

»Was für ein Objekt?«, fragte Reynolds, noch ehe Frankel den letzten Satz beendet hatte. Der WO der Enthymesis hatte die Daten vor sich auf dem Schirm, aber er schien davon auszugehen, dass der stellvertretende Leiter der Planetarischen Abteilung über aktuellere Informationen verfügte. Ich fand es typisch für einen Techniker, dass er der Technik mißtraute und sich im Zweifel lieber an eine menschliche Person wandte.

»Masse circa eine Tonne«, sagte Frankel. »Wurde natürlich vollständig pulverisiert. Wir können nur den Impuls rekonstruieren, den die Feldgeneratoren der vorderen Segmente nach dem Einschlag kompensiert haben. Nicht sehr groß, Medizinball-Format ungefähr.«

Er malte mit den Händen den Umfang einer Wassermelone in die Luft.

»Also sehr schwer«, fuhr er fort. »Hohes spezifisches Gewicht.«

»Ein Artefakt«, entfuhr es mir. »Am Ende ein Torpedo?«

»Das wohl nicht«, lächelte Frankel wie der Moderator eine Rateshow, der leider einen weiteren Kandidaten nach Hause schicken muss. »Wir denken an einen Eisenmeteoriten oder an einen kleinen, sehr dichten Asteroiden.«

Ich versuchte diese Information unterzubringen, fand aber keine Schublade, in der ich sie hätte verstauen können.

»Wir glauben mit dieser Annahme relativ sichergehen zu können«, sagte Frankel, aber Jennifer setzte die Ausführung an seiner statt fort:

»Weil wir seither von zwei weiteren Körpern dieser Art beinahe gestreift worden wären«, rief sie.

Sie sah von ihrer Konsole auf. Ihr Gesicht nahm einen fleckigen Rotton an, von dem sich der blonde Flaum ihrer Wangen weiß abhob. »Einer in tausend, einer in nur hundertzwanzig Metern Abstand. Beide waren über dreißigtausend Kilometer schnell und hatten Massen von mehreren Tonnen.«

Ich spürte, wie in mir etwas wegsackte. Es war wie auf der Akademie, wo wir mit Handgranatenattrappen hantiert hatten und erst hinterher erfuhren, dass sie scharf gewesen waren. Ich versuchte mir auszumalen, was geschähe, wenn ein solcher Trümmer in eines der Wohn- oder Wissenschaftssegmente raste. Dann schob ich die Vorstellung beiseite.

Ich blickte auf die Uhr. Seit dem Einschlag war keine Viertelstunde vergangen. Wenn in dieser Zeit drei der rätselhaften Objekte unsere Bahn gekreuzt hatten ... Ich führte auch diesen Gedanken nicht zu Ende.

»Wir sind in ein Trümmerfeld geraten«, jammerte Lambert. »Ein Asteroidensturm. Wir werden von Meteoritenhagel zersiebt!«

Ich fragte mich wieder einmal, wie diese Frau, die eine großartige Pilotin war, aber ein miserables Nervenkostüm hatte, sich zur fliegenden Crew hatte melden können – und wie sie es dort so lange ausgehalten hatte.

Die Beinahe-Kontakte erklärten immerhin die gequälten Bewegungen der MARQUIS DE LAPLACE. Das Schiff, geblendet und mit Schlagseite im Raum dümpelnd, hatte sich mit letzter Kraft zwischen dem Bombardement hindurchgewunden. Allerdings paßte zu dieser Theorie nicht, was Jennifer noch aus den Reports herauslas.

»Die letzten beiden Asteroiden wurden erst registriert, nachdem sie an uns vorbeigepfiffen waren.«

Das war bedenklich, und die Erklärung, die Frankel dafür bereit hatte, vermochte nicht, das ungute Gefühl zu zerstreuen, das sich in meiner Magengrube anstaute.

»Wie ich bereits sagte«, säuselte er in den Monitor, »ist unser zentrales Steuermodul durch den Treffer vollständig zerstört worden. Wir sind vollkommen blind und auf einem Ohr ertaubt. Der Schlag war außerordentlich präzise geführt. Man könnte schon fast an Perfidie denken, wenn das gegenüber einem natürlichen Objekt nicht albern wäre. Ein Großteil der automatischen Hauptsteuerung ist ausgefallen. Wir arbeiten momentan daran, die Trimmung des Schiffes über die Quantenrechner der Planetarischen Abteilung zu koordinieren, um es zu stabilisieren und zu verhindern, dass es wie ein Bambusrohr auseinanderbricht.«

Er machte das anschaulich vor, in dem er einen imaginären Stab zwischen den Händen bog und dann ruckartig zerknickte, dass wir es förmlich dabei krachen hörten.

»Die Intelligenz«, führte er weiter aus, »der Hauptsteuerung ist glücklicherweise holistisch organisiert. Sie kann sich frei über ihre kybernetischen Substrate bewegen. Deshalb sind wir dabei, die übrigen Rechnerkapazitäten, mit denen unsere gute alte MARQUIS DE LAPLACE zum Glück nicht allzu sparsam ausgestattet ist, zu einem virtuellen Ersatz zusammenzuschalten.«

Er blinzelte. So unterschiedlich er und Rogers vom Temperament her waren, so glichen sie sich doch in ihrer Vorliebe für lange Vorlesungen. Sie hörten sich beide einfach zu gern reden.

»Schwieriger«, fiel ihm gerade noch ein, »sieht es da allerdings mit den zerstörten Sensoren aus. Auch wenn es unseren zerebralen Narzißmus kränken mag: Ein defekter Hirnlappen ist weniger schwer zu ersetzen als ein kaputtes Auge ...«

Die Frage, die mich beschäftigte, war dabei noch nicht einmal angeschnitten worden. Ich richtete mich auf und sah mich in der Runde um. Jennifer tippte wieder an der Konsole. Sie hatte auf Frankels letzte Ausführungen nicht mehr achtgegeben. Jill stand, krampfhaft an einen Rechnerschrank gekrallt, neben mir und starrte mit erloschenem Blick vor sich hin. Reynolds hatte das Kinn in die Faust gestützt und eine Pose angestrengten Nachdenkens eingenommen.

Das Schiff war jetzt ruhig. Lautlos lag die MARQUIS DE LAPLACE auf ihrer Bahn im Neptun-Orbit. Die Feldgeneratoren summten leise vor sich hin. Alles war friedlich. Die Situation schien unter Kontrolle.

Eines hatten Frankels weitschweifige Erklärungen nicht erklärt: Wie hatte der Treffer selbst, der uns in diese missliche Lage gebracht hatte, passieren können. Wieso war der Anflug des ersten Asteroiden von den damals unzerstörten Instrumenten nicht gemeldet worden?

Ich sah Reynolds an. Er legte mir die Hand auf die Schulter und schob sich dicht an mich heran.

»Es gäbe eine Erklärung für All das«, knurrte er hinter vorgehaltener Hand. »Sie mag unwahrscheinlich klingen, und sie wäre in der Tat wenig erbaulich, aber ...«

Ich brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. Wir haben uns nicht immer gut verstanden. Bis jetzt haben wir uns noch bei jeder Mission zusammengerauft, und ich weiß, dass ich mich, wenn es hart auf hart kommt, zu einhundert Prozent auf ihn verlassen kann. Andererseits nervt sein Getue, sein Bescheidwissertum, seine Marotte des »Jetzt erkläre ich euch mal schnell die Welt«. Ich würgte das ab. Unsere Aufmerksamkeit wurde von Jennifer auf sich gezogen, die sich mit einem Ruck aufrichtete und mit der flachen Hand auf die Konsole schlug. Schwer zu sagen, ob das eine Geste der Resignation oder des Triumphes war.

»Was ist los?«, fragte ich.

Selbst Frankel auf der anderen Seite des Schirms zog interessiert die Brauen hoch. Dann tippte er etwas auf einem seiner Monitore.

»Das Deepfield-Radar kommt wieder«, rief Jennifer aus. »Die Automatik hat die Scanner der hinteren Segmente synchronisiert. Außerdem greift sie auf die Kapazitäten der vier Enthymesis-Explorer zu.«

»Die«, schmunzelte ich, »verdutzt in ihren Hangars im Großen Drohnendeck stehen und sich fragen, was das hier in der Etappe für eine Unruhe ist.«

»Reichweite und Auflösung entsprechen nicht ganz dem Deepfield, wie wir es gewohnt sind«, sagte Jennifer, die mir fröhlich zulächelte und mit einem Auge weiter die herunterratternden Anzeigen mitlas, »aber wir haben doch wieder ein halbwegs scharfes Sensorium.«

Auch Frankel wirkte sehr zufrieden. Er beugte sich über einen seiner Rechner und verschwand dadurch aus dem Bild. Nur noch sein gekrümmter Rücken und seine rechte Schulter waren als weiße Hügellandschaft am unteren Rand des Monitors zu sehen. Im Hintergrund ging Rogers erregt hin und her und sprach wie wild auf den Kommunikator ein.

»Tolle Leistung«, rief ich übermütig in den Schirm. »Gratulation an Ihre Truppe!«

Er hielt für einen Moment auf seiner Wanderung inne, starrte mit stechendem Blick herüber und hob die Hand zu einer Geste, die genauso gut »Keine Ursache« wie »Leck mich!« heißen konnte. Dann redete er auf dem geschlossenen Kanal weiter.

»So weit so gut«, strahlte Jennifer. »Jetzt haben wir immerhin wieder einen gewissen Überblick. Das ist in einer Situation wie dieser gar nicht zu ver ...«

Sie stockte mitten im Wort. Ihr Blick wurde starr und sonderbar saugend. Als sei ein physischer Kontakt zwischen ihrem Auge und dem Monitor geknüpft, der nun langsam verstärkt wurde, neigte sie sich an die Konsole heran.

»Wie es aussieht, haben wir wieder ein Bild«, sagte ich.

Auch Reynolds, der die Daten an einem anderen Schirm mitverfolgte, bekam plötzlich ganz spitze Lippen und eine hohe Stirn.

»Was ist denn los?«, wimmerte Jill. »Ihr kuckt auf einmal so wie ...«

Die Suche nach dem passenden Wort wurde ihr abgenommen.

»Wieder was im Anflug«, brummte Jennifer.

»Verdammte Scheiße«, hörten wir einen von Dr. Frankel ungewohnten Fluch, ohne dass wir den stellvertretenden Leiter der Planetarischen gesehen hätten.

»Was?«, fragte ich.

Ich sah nur Zahlenkolonnen über die Konsolen rasen.

»Moment.« Jennifer klang, als würde sie gleichzeitig rauchen und Nägel kauen. »Die Daten kommen verzögert rein. Sie müssen erst compiliert werden.«

»Und warum dauert das so lange?«, entfuhr es mir. »Die Kapazitäten eines ganzen Schiffes! Da wäre Onkel Lu mit seinem Abakus schneller!«

Auf dem großen Schirm wurde Frankel sichtbar, der sich abrupt aufrichtete und sich verstört nach Dr. Rogers umsah. Der hatte jetzt ebenfalls mitbekommen, dass etwas nicht stimmte. Er feuerte den Kommunikator auf eine der Konsolen und kam mit einschüchternden Schritten auf seinen Stellvertreter zugestiefelt. In seinem Blick, den er durch den Schirm auf uns abfeuerte, lag etwas wie »Das habt ihr jetzt davon«. Dann tauchte auch er unter den Bildausschnitt hinab, als er sich neben Frankel über dessen Bedienplatz beugte.

»Was ist denn jetzt?!«, brüllte ich, wohl wissend, dass sich Jennifer durch meine Tobsuchtsanfälle noch weniger beeindrucken ließ als durch diejenigen unseres gemeinsamen Vorgesetzten.

Einige quälende Sekunden vergingen. Es war still. Die Feldgeneratoren säuselten. Die Rechner klickten und surrten leise vor sich hin. Vier Menschen im Servicemodul und zwei weitere, die fünf Kilometer entfernt waren, atmeten schwer.

»Hier!«

Jennifers Ausruf war wie ein Vogelschnabel, der nach einer Made hackt. Sie deutete auf einen grün hervorgehobenen Eintrag, der rasch vorüberratterte.

»Nummer vier«, hörten wir Rogers knurren.

»Ein Meteorit«, bestätigte Jennifer.

»Haben wir ein Bild?«, fragte ich.

»Noch nicht«, sagte Jennifer. »Und es wird wohl auch schwer werden, eins zu bekommen. Aber wir haben eine Bahnberechnung.«

Wie über den Gartenzaun hinweg schielte sie auf den großen Schirm, wo Rogers und Frankel sich jetzt erhoben hatten und ungute Blicke miteinander tauschten. Frankel kaute auf der Unterlippe und schob die Zunge im Mund herum, als sei sie etwas, das er am liebsten ausgespuckt hätte. Er zog die Augenbrauen hoch und ließ sie dann wie eine überschwere Last wieder herunterfallen. Sein Ausatmen kam so gequält über den Kanal, dass ich glaubte, seinen Atem im Gesicht spüren zu können.

»Ein Eisenmeteorit«, sagte er. »Er zielt genau auf unseren Rumpf.« Er ließ ein Holo-Bild der MARQUIS DE LAPLACE auf dem Schirm erscheinen. »Hier. Zentral auf Segment IV.«

Ich betrachtete die grünschimmernde Grafik, auf die ein rubinroter Lichtstrahl zustach und sich mitten durch das bohrte, was bei einem sehr großgewachsenen Menschen der Brustkorb gewesen wäre. Genau auf unser Herz.

»Was soll das heißen«, greinte Jill, »er zielt?«

»Das war nur eine Redensart«, wischte Rogers sie von der Bildfläche. Dann wandte er sich an Frankel und katechisierte ihn mit schnell hintereinander abgeschossenen Fragen, während er uns ignorierte. Frankels Auskünfte waren ernüchternd. Alle möglichen Fehlerquellen waren ausgeschlossen worden. Die Toleranz, die in der Berechnung der Bahndaten enthalten war, gestattete keinen Spielraum für Hoffnungen.

»Wie viel Zeit bleibt uns?«, wollte Rogers wissen.

»Was sollen wir jetzt tun?«, jammerte Lambert vor sich hin. »Wir können uns ja nicht mehr rühren.«

»Wir stehen gefesselt am Marterpfahl«, nickte Reynolds, dessen Vorliebe für zynische Bilder mir neu war, »und müssen einen Treffer nach dem anderen einstecken.«

»Nicht alle durcheinander«, sagte Jennifer, die sich über ihre Konsole hermachte wie über ein italienisches Nudelgericht. Ohne uns anzusehen, hob sie die Hand in dem Versuch, uns zum Schweigen zu bringen. Trotzdem redete jeder weiter vor sich hin.

»Vielleicht«, schien Frankel laut nachzudenken, »war es ja doch keine bloße Redensart. Mit rechten Dingen geht das jedenfalls nicht zu.«

»Wie meinen Sie das?«, fragte ich.

»Wo kommt denn das Scheißding her?!«, tobte Rogers im Hintergrund, der wieder angefangen hatte, mit stampfenden Schritten hin und her zu gehen.

»Major Ash, bitte«, flehte Jill.

Normalerweise wäre es meine Aufgabe gewesen, einen Lagebericht anzufordern, und auf der Brücke der Enthymesis hätte ich den entsprechenden Befehl auch in dieser Sekunde erteilt. So irritiere mich die seltsame Kommunikationssituation. Wir standen in einem Winkel, wo sonst Putzroboter parkten oder Mechaniker die Verschalungen der Feldgeneratoren überprüften, sich aber kaum jemals ein Offizier der fliegenden Crew hinverirrte, starrten auf behelfsmäßige Konsolen, die ich mir als Standardausstattung des primitivsten Shuttles verboten hätte und über die die kryptischen Daten improvisierter Programme liefen, während wir über einen Schirm mit der Brücke verbunden waren, wo ein cholerischer Dr. Rogers schimpfend und tobend auf und ab tigerte.

»Wir waren eine halbe Stunde offline«, erläuterte Jennifer, als erkläre sie am Tag der offenen Tür einem Zivilisten die Funktionsweise eines 100-Millionen-Dollar-Cockpits. »Bei seiner Geschwindigkeit und der Entfernung hätte der Meteorit vor« - sie überschlug die Daten im Kopf -, »vor mindestens 20 Stunden auf den Schirmen unseres Deepfieldradars auftauchen müssen.«

»Das verstehe ich nicht«, wimmerte Lambert. »Er kann doch nicht aus dem Nichts kommen ...«

»Eben«, donnerte Rogers auf der anderen Seite wieder los. Jills Einlassungen brachten ihn immer besonders in Rage. Ich stimmte ihm darin zu, dass sie schwer zu ertragen war, hatte mich aber in zahllosen gemeinsamen Enthymesis-Einsätzen schon daran gewöhnt.

»Physikalisch gesehen gibt es zwei Möglichkeiten«, begann Reynolds in näselndem Tonfall. »Entweder das Objekt war sehr viel schneller, annähernd Lichtgeschwindigkeit, sodass es in den 30 Minuten unserer Blindheit so dicht an uns herankam und dann seine Geschwindigkeit verringerte ...«

»Klingt blödsinnig«, warf Rogers ein. »Oder?«

»Oder es kommt aus einer Dimension des Hyperraums.«

»Dann wäre es wirklich ein Beschuß«, rief Frankel aus, der sich über diese Möglichkeit zu freuen schien. Um seine Metapher vom Zielen gerechtfertigt zu finden, fand ich den in Kauf genommen Aufwand allerdings etwas hoch.

»Und von wem?«, schaltete ich wieder in die Debatte ein.

»Eine Warp-Schleuder?«, fragte Jennifer wie aus einem tiefen Traum erwachend.

»Und was glauben Sie, wer dahintersteckt?«, fragte Frankel, der umso begeisterter wurde, je absurder die zur Verfügung stehenden Theorien wurden.

»Das tut jetzt nichts zur Sache«, donnerte Rogers. Er stand breitbeinig da, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, ein Kommandant auf seinem Schiff, das in die Schlacht fährt. »Die philosophischen Implikationen klären wir später. Jetzt sitzen wir als manövrierunfähig fest, und ein massereiches Objekt kommt mit staunenerregender Geschwindigkeit direkt auf uns zu.« Er wiederholte die letzte Frage: »Wie viel Zeit bleibt uns?«

»Keine dreißig Minuten mehr«, sagte Frankel mit einem Blick auf seine Konsole.

»Wie groß ist das Objekt?«, erkundigte ich mich, auch wenn es mir einen vernichtenden Grunzer von Rogers eintrug.

»zehn Komma sieben Tonnen«, war die Antwort, die Jennifer und Frankel simultan erteilten.

»Das hat er nicht gefragt«, brauste Rogers auf. »Die Abmessungen?!«

»Ein mal eins Komma zwei mal zwei Meter«, las Jennifer von ihrem Monitor ab. Die Messergebnisse hatten sich stabilisiert. Obwohl sie alle paar Sekunden aktualisiert wurden, gaben sich Veränderungen nur noch bei den Stellen hinter dem Komma. Das galt leider auch für die Bahnberechnung, die bei jedem Update noch um ein paar Zentimeter präziser auf den Schwerpunkt von Segment IV zielte.

»Gar nicht mal so groß«, meinte sie. »Mit starker Unwucht rotierend, weshalb in der Bahnberechnung auch noch eine minimale ...«

Sie kam nicht dazu, ihre Eingabe zu beenden. Rogers explodierte mit solcher Wucht, dass ich mich fragte, ob der Einschlag des Meteoriten wirklich die größte Gefahr war, der wir ausgesetzt waren.

»Gar nicht mal so groß«, äffte er und tobte dabei vor sich hin, dass ich froh war, ihn kilometerweit entfernt im vorderen Bereich des Schiffes zu wissen. »Zehn Tonnen massives Eisenerz kommen mit fünfunddreißigtausend Sachen auf uns zugerauscht, und Madame findet, das sei gar nicht so schlimm!«

Er rang nach Luft, wobei ein rasselndes Geräusch zu hören war, das mich um seine Gesundheit fürchten ließ. Sein Gesicht war dunkelrot. An den Schläfen traten dicke blaue Knoten hervor. Er sah aus, als wolle er sich die geäderten Augäpfel aus dem Schädel pressen.

»Das Ding schlägt uns in der Mitte durch wie der Handkantenschlag eines Kung-Fu-Kämpfers einen dürren Ast.« Er fasste Jennifer durch den Schirm hindurch scharf ins Auge. »Ihre geliebten Enthymesis-Explorer werden gleich in ihren Hangars pulverisiert, dass man die Detonation noch auf der Erde sehen kann!«

»Dann sollten wir es nicht so weit kommen lassen«, sagte Jennifer ungerührt und erhob sich von ihrer Konsole.

»Was haben Sie vor?«, fragte Frankel mit panischem Unterton in der Stimme. Er war einer dieser rechtschaffenen Bürger, die, während ihr Haus in Flammen steht, die Feuerwehrleute ermahnen, den Rasen nicht zu zertrampeln. Und er kannte Jennifer gut genug, um zu wissen, dass sie eine Vabanque-Spielerin war. Bei zahllosen Enthymesis-Einsätzen hatte sie bewiesen, dass sie in ausweglosen Situationen zu einer Künstlerin wurde, die mit graziöser Anmut Manöver von großer Eleganz und noch größerem Risiko vorführte.

»Wir lösen die Segmentkupplung zwischen IV und V«, riet ich.

»Das werden Sie schön bleiben lassen«, donnerte Rogers. Er schien gewachsen zu sein oder einen halben Meter über dem Boden zu schweben, anders konnte ich es mir nicht erklären, dass er über Frankel hinweg, der größer war als er und dichter am Schirm stand, in den Monitor brüllen konnte. »Sie würden unsere ohnehin fragile Automatik amputieren, wenn sie den Kontakt zwischen der Brücke und der Wissenschaftlichen unterbrächen. Außerdem dauert das Wiederankoppeln Stunden, und solange wären wir noch hilfloser als jetzt.« Sein Blick wurde schwarz und eng wie die Mündung einer kleinkalibrigen Strahlenwaffe. »Nur für den Fall, dass das Spiel mit Nummer vier nicht schon vorbei ist!«

Das war eine der Äußerungen, an denen man den ehemaligen General und Strategen erkannte. Aus Sicht des einfachen Soldaten, der auf verlorenem Posten verheizt wurde, schien es zwar Irrsinn zu sein, eine Schlacht verloren zu geben, um sich auf die nächste vorbereiten zu können, die kaum weniger verlustreich werden würde, aber an solchen ungerührten Gedankengängen erwies sich eben der kühne und weitblickende Schlachtenlenker.

Ich sah auf die Uhr. Die kostbaren Minuten rannen dahin. Mit einer Geschwindigkeit, die in dem Moment, da sie auf eine feste Bezugsgröße prallte, tödlich wurde, raste ein Objekt von der Masse einer Drohne heran, und wir standen da und debattierten. Sollten wir nicht langsam in die Boote gehen? Aber auf dem Oberdeck der Titanic wurde um die bequemsten Sitzplätze gefeilscht, während man sich im Bauch des Schiffes um die Buttervorräte stritt.

Wie immer, wenn die Situation schon nervenzerraspelnd genug war, meldete sich Jill mit einem absurden Vorschlag zu Wort.

»Warum zünden wir nicht einfach das Haupttriebwerk und schleichen uns aus der Schußbahn davon?«, fragte sie arglos. Es war ein weiteres Beispiel für ihre Unfähigkeit, unter Stress das logische Denken beizubehalten. Dinge, die ihr als Zweiter Pilotin klar sein mussten und die sie in der Messe beim Kaffee auch parat gehabt hätte, entfielen ihr, sowie es nur hoch her ging. Reynolds, der im Gegensatz dazu immer noch ruhiger und geduldiger wurde, je mehr die Dinge in Schieflage kamen, erklärte es ihr.

»Der Reaktorblock ist zu Wartungsarbeiten heruntergefahren, seit wir hier in die Parkbahn eingeschwenkt sind«, sagte er, als hätten wir alle Zeit zur Verfügung, solche Albernheiten auch noch ernsthaft durchzudiskutieren. »Ihn jetzt wieder anzuwerfen, würde mehrere Stunden in Anspruch nehmen. Außerdem wäre es Wahnsinn, den Reaktor bei dem instabilen Zustand unserer Automatik hochfahren zu wollen.«

Lambert wischte sich Rotz und Tränen aus dem Gesicht und funkelte ihn finster dabei an.

»Wahnsinn, ja?!«, schniefte sie. »Aber auf dem Präsentierteller sitzen zu bleiben, ohne sich zu rühren, ist kein Wahnsinn?!«

Es war einsichtig, dass ihre Widerspenstigkeit nur das Mäntelchen war, dass sie über den Lapsus ihrer grotesken Fehleinschätzung breiten wollte. Auf der Enthymesis hätte ich sie von der Brücke entfernen lassen.

»Darling«, sagte ich leise und legte Jennifer die Hand auf die Schulter, die ungerührt neben mir stand. Sie hatte sich an dem letzten Wortgefecht nicht mehr beteiligt, sondern stattdessen rasch einige Berechnungen durchgeführt und mehrere Downloads aktiviert, die von der Automatik der MARQUIS DE LAPLACE direkt auf die Rechner der Enthymesis überspielt wurden. Auf der Konsole hatte sie die Updates verfolgt, die die Bahndaten des heranrasenden Meteoriten aktualisierten. Jetzt richtete sie sich mit einem Ruck gerade, salutierte förmlich zum Schirm hin und sah Rogers mit so wildem Ausdruck an, dass selbst der alte Haudegen unwillkürlich einen Schritt zurückwich.

»Dr. Rogers«, sagte sie in militärischem Tonfall, »erbitte das Kommando für Rettungsmaßnahmen in Segment IV. Alle Einheiten des operativen Sektors müssen mir für die« – sie sah auf die Uhr –, »für die nächsten 15 Minuten unterstellt werden.«

»Was haben Sie vor, Major?«

Rogers zögerte. Ich schnappte seinen Blick auf, der plötzlich trübe und greisenhaft war. Dabei rannen uns weitere kostbare Sekunden durch die Finger, wie der sonderbare Quarzsand auf Gamma Centauri III, der so fein war, dass er durch die Haut in das Gewebe eindrang und die Kapillaren verödete. Mehrere Männer meiner Crew sind damals qualvoll an Herzkranzödemen und Thrombosen gestorben.

Jennifer machte das einzig Richtige: statt weitschweifige Erläuterungen abzugeben, ging sie zum Befehlston über und erteilte Anweisungen.

»Setzen Sie Alarmstufe I«, schnarrte sie, als schicke sie einen Unteroffizier zum Latrinendienst. »Evakuieren Sie Segment IV mit Ausnahme der Angehörigen der fliegenden Crew. Lassen Sie das Große Drohnendeck vollständig räumen und leiten Sie Zündungssequenz für alle Enthymesis-Explorer ein.«

Sie wollte sich auf dem Absatz herumwerfen und davonwirbeln, um den Eindruck zu erwecken, dass es weiter nichts zu besprechen gäbe. Fakten zu schaffen war schon immer das Patentrezept im Umgang mit zauderlichen Vorgesetzten.

Während ich überlegte, was sie vorhaben mochte, erschien auf unserem zweiten Monitor das Bild Commodore Wiszewskys. Er wirkte wie ein Ludwig XVI., den man aus dem Mittagsschlaf geweckt hat, um ihm mitzuteilen, dass leider schon wieder ein Krieg ausgebrochen ist. Sein Haar stand in Strähnen um seinen Schädel, wie eine verrutschte Krone, und sein Blick war unpräzise und zerstreut.

»Da habe ich wohl noch ein Wörtchen mitzureden«, gähnte er.

Er hing in seinem gravimetrischen Sessel und legte nun zunächst eine größere rhetorische Pause ein, um seinen nachfolgenden Worten das größtmögliche Gewicht zu verleihen.

»Ich lausche ihrem Disput schon eine ganze Weile«, sagte er und klimperte demonstrativ auf der Armlehne, wo die Bedienfelder für die Kommunikation eingelassen waren.

Das war natürlich geheuchelt. Es war weder von Anfang an, noch zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf dem laufenden. Aber er hatte recht: so lange er an Bord war und das Oberkommando innehatte, konnte nur er über die Verhängung der höchsten Alarmstufe entscheiden; diese war normalerweise dem Gefechtszustand vorbehalten. Auch Evakuierungsmaßnahmen unterstanden seiner Anordnung.

»Selbstverständlich«, knirschte Rogers. »Ich wollte Ihren Befehlen nicht vorgreifen. Wir versuchen seit«, er stockte, »seit Ausbruch der Krise, Sie zu erreichen.«

»Ich weiß«, sagte Wiszewsky gelangweilt. »Aber ich fühle mich heute ein bisschen – indisponiert.« Er sah für mehrere Sekunden stumpf vor sich hin. Ein alter Mann mit leerem Blick. »Ich traute Ihnen zu, dieses kleine Missgeschick selbstständig zu beheben«, sagte er. »Aber wenn Major Ash nun zu der Auffassung gelangt ist, dass derart radikale Maßnahmen notwendig sein sollten, stehe ich nicht an, mich meiner Verantwortung für das gesamte Schiff zu entziehen.«

Die sensorielle Lehne seines Sessels gab nach. Er rutschte nach hinten. Zugleich drehte sich der schwenkbare gravimetrische Thron ein wenig. Die weiße Rundung eines nackten Pos kam für einen Moment ins Bild. Er konnte nur zu Svetlana Komarowa gehören, die sich auf der breiten gepolsterten Armlehne räkelte. Wiszewsky beeilte sich, den Sessel wieder gerade zu rücken. Er ließ sich nichts anmerken, aber für einen Augenblick hatte er wie ein zerknautschter Herrgott ausgesehen, der beim Schäkern mit seinem Lieblingsengel überrascht worden ist.

»Nun«, räusperte er sich. »Schwierige Situationen erfordern unkonventionelle Maßnahmen.«

Während ich hoffte, dass er an dieser Politikerfloskel ersticken möge, hatte ich Jennifer am Arm ergriffen. Schritt für Schritt stahlen wir uns nach rückwärts davon. Durch sparsame Kopfbewegungen gab ich Jill und Reynolds zu verstehen, dass sie sich bereithalten sollten, jeden Augenblick mit uns loszusprinten, sowie wir das offizielle GO! hatten. Uns blieben keine zwölf Minuten mehr.

»Major Ash«, setzte Wiszewsky seine Sonntagsrede fort, »Sie scheinen in der Ihnen eigenen Geistesgegenwart einen Notfallplan improvisiert zu haben. Sie wollten uns nicht einweihen, und vermutlich wäre es jetzt auch der falsche Zeitpunkt, eine ausführliche Darlegungen Ihrer Absichten einzufordern.«

Mit sichtlichem Stolz ließ er dieses Glanzstück seiner Eloquenz und seiner Auffassungsgabe auf uns wirken. Jennifer und ich standen mit dem Rücken zum Gang an der Gabelung, wo der direkte Weg zum Servicetunnel abzweigte. Aus zehn Metern Entfernung nickten wir unterwürfig und unter Vollführung angedeuteter Diener zum großen Schirm hin.

»Ich erteile Ihnen daher«, sagte Wiszewsky, »das kommissarische Kommando für die Durchführung dieser Aktion. Ich weiß nicht, was Sie ausgeheckt haben, und vielleicht ist es besser, wenn ich über die Details nicht näher informiert bin, aber ich vertraue Ihnen die Ausführung dieser für uns alle so entscheidenden Mission vorbehaltlos an.« Er überlegte. »Commander Norton wird Ihnen dabei assistieren«, fiel ihm dann noch ein.

Wir rannten los. Mit dem letzten Wimpernschlag hatte ich noch gesehen, wie Rogers bei Wiszewskys abschließender Bemerkung ein süffisantes Grinsen nicht unterdrücken konnte. Für ihn wäre eine Welt zusammengebrochen, wenn er das Kommando bei einer so brisanten Mission hätte abgegeben müssen – und noch dazu an eine Frau. Ich fand die Anweisung des Commodore, so tatterig er sich auch präsentiert hatte, plausibel.

Faktisch würde sich nur wenig ändern. Denn wenn wir uns an Bord der Enthymesis befanden und Jennifer an der Konsole der Ersten Pilotin Platz genommen hatte, handelte sie in der Regel sowieso vollkommen selbstständig. Ich ließ ihr freie Hand. Und da wir seit zwei Jahrzehnten ein eingespieltes Team waren, wusste ich, dass ich mich vollständig auf sie verlassen konnte.

»Gehen Sie auf einen lokalen Kanal«, hatte Jennifer noch in den Schirm gebrüllt und mit dem tragbaren Kommunikator gewedelt, ehe wir um die Ecke bogen und in dem langen grünlich erleuchteten Gang verschwanden.

»Erhöhen Sie die Abschirmung von Segment IV auf 125 Prozent«, schrie sie in ihr Sprechgerät, während wir nebeneinander den Gang hinunterrannten. »Und öffnen Sie sämtliche Hangars!«

Ich vergewisserte mich, dass Lambert und Reynolds uns in geringem Abstand folgten.

»Wie kommen wir da hin?«

Vor meinem inneren Auge sah ich in einer Art holographischer Ausschnittvergrößerung das Innere des Segments VI vor mir. Ein dreidimensionales Labyrinth von über 300 Decks auf der Fläche einer Kleinstadt. Und die vier winzigen Punkte, die sich langsam durch seine peripheren Regionen bewegten, waren wir.

»Rogers«, keuchte Jennifer in den Kommunikator, »geben Sie den Service-Schacht frei.«

Obwohl sie besser trainiert war als ich, kamen ihre Worte atemlos und abgehackt. Wir rannten so schnell wir konnten, um endlich diesen endlosen Verbindungsgang hinter uns zu bringen. Ich sah mich um. Jill hielt noch gut mit; sie legte ihre ganze Panik in ihre Beine. Obwohl sie kleingewachsen und sehr schmächtig war, ließ sie sich von uns nicht abhängen. Auch das kannte ich von ihr: Wenn es darauf ankam, konnte sie über sich hinauswachsen. Nur der stets etwas langsamere Reynolds war schon ziemlich abgeschlagen; er hatte in letzter Zeit etwas angesetzt und stolperte weit hinter uns um die Biegungen des Ganges.

»Jennifer«, versuchte ich mich mit hervorgestoßenen Sätzen verständlich zu machen. »Wir müssen Segment V durchqueren, das dauert eine halbe Stunde!«

Innerlich fluchte ich vor mich hin. Dieses riesige Schiff, und es verfügte über kein horizontales Beförderungssystem. Hallen, in denen man Flugschauen veranstalten konnte, kilometerlange Gänge, stundenweite Wege. Während der monatelangen Flugphasen, in denen man Zeit genug hatte und um ein wenig Bewegung froh war, mochte das angehen, aber in Situationen wie dieser, wo es um Minuten ging, vielleicht sogar um Sekunden, waren wir so beweglich, dass ein Supertanker neben uns wendig erschien.

»Wir gehen nicht über V«, gab Jennifer im Rhythmus ihrer tiefen Atemzüge zurück. »Wir gehen nach VII!«

Ich stutzte. Jetzt erst fiel mir auf: Ich war blind der Richtung gefolgt, die sie eingeschlagen hatte, wir liefen nach hinten, zum Heck der 12 Kilometer langen Konstruktion der MARQUIS DE LAPLACE.

»Was willst du denn im Kleinen Drohnendeck?«