Planetenroman 28: Ein Befehl für Hamiller - Arndt Ellmer - ebook

Planetenroman 28: Ein Befehl für Hamiller ebook

Arndt Ellmer

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Die BASIS und ihre Besatzung - in den Wirren der Kosmischen Katastrophe Im 5. Jahrhundert Neuer Galaktischer Zeitrechnung treibt die Milchstraße einer großen kosmischen Katastrophe entgegen. Neue Feinde tauchen auf, und unerklärliche Naturphänomene bedrohen die Lebewesen der Galaxis. Auch die BASIS, das legendäre Fernraumschiff der Menschheit, ist von diesen Entwicklungen betroffen. Als vorgeschobener Beobachter und mobiler Stützpunkt steht sie im Mittelpunkt der Geschehnisse. Doch die Ereignisse geraten außer Kontrolle und bedrohen sogar das mächtige Raumschiff. Inmitten des Chaos startet die Hamiller-Tube, das zentrale Rechengehirn des Schiffes, eine unheilvolle Aktion. Sie verweigert sich den Befehlen der Menschen und entfaltet eigene, zerstörerische Pläne. Damit beginnt der Kampf der 12.000 Besatzungsmitglieder um ihr Überleben und um die weitere Existenz ihrer fliegenden Heimat ..

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Planetenroman

Band 28

Ein Befehl für Hamiller

Die BASIS und ihre Besatzung – in den Wirren der Kosmischen Katastrophe

Arndt Ellmer

Im 5. Jahrhundert Neuer Galaktischer Zeitrechnung treibt die Milchstraße einer großen kosmischen Katastrophe entgegen. Neue Feinde tauchen auf, und unerklärliche Naturphänomene bedrohen die Lebewesen der Galaxis.

Auch die BASIS, das legendäre Fernraumschiff der Menschheit, ist von diesen Entwicklungen betroffen. Als vorgeschobener Beobachter und mobiler Stützpunkt steht sie im Mittelpunkt der Geschehnisse. Doch die Ereignisse geraten außer Kontrolle und bedrohen sogar das mächtige Raumschiff.

Inmitten des Chaos startet die Hamiller-Tube, das zentrale Rechengehirn des Schiffes, eine unheilvolle Aktion. Sie verweigert sich den Befehlen der Menschen und entfaltet eigene, zerstörerische Pläne. Damit beginnt der Kampf der 12.000 Besatzungsmitglieder um ihr Überleben und um die weitere Existenz ihrer fliegenden Heimat ...

Eine Insel im Chaos?

Der Chronist betrachtet die Ereignisse um die Zerlegung der BASIS keinesfalls als Ereignis von gehobener Bedeutung. Sicherlich, das größte Fernraumschiff, das jemals im Solsystem gebaut wurde, hat kosmische Geschichte geschrieben. Mit kaum einem Raumschiff in der Geschichte der Menschheit – mit Ausnahme der SOL – verbinden sich so viele Legenden, Erlebnisse und Mythen. Noch zu Zeiten der Aphilie geplant und in Auftrag gegeben, entstanden die Teile der BASIS noch kurz vor Einführung der Neuen Galaktischen Zeitrechnung tief unter der Oberfläche Lunas.

Danach war die BASIS lange Zeit am Brennpunkt kosmischer Geschehnisse unterwegs. Sie diente als fliegender Stützpunkt Perry Rhodans während seiner Zeit als Ritter der Tiefe, als autarker Stützpunkt in den Weiten des Universums. Während der Besetzung der Milchstraßen durch die Ewigen Krieger kam ihr eine neue Rolle zu: die des geheimen Hauptquartiers und Forschungszentrums des Galaktischen Widerstands. Hinter vorgehaltener Hand flüsterten die Galaktiker vom »Großen Bruder«, der die Macht der Krieger brechen sollte.

Im Jahr 448 Neuer Galaktischer Zeitrechnung zeichnete sich durch den von den beiden Superintelligenzen ES und ESTARTU verursachten Transfer der vom Untergang bedrohten Galaxis Hangay aus dem sterbenden Universum Tarkan die Kosmische Katastrophe ab. Zu diesem Zeitpunkt war die Rolle des bereits fast 450 Jahre alten Trägerschiffes immer noch die einer Forschungs- und Beobachtungsstation, positioniert an einem zwar nicht unwichtigen, aber für den Verlauf der Geschehnisse der nächsten Jahrzehnte nebengeordneten Schauplatz: X-DOOR, achtzig Lichtjahre von dem Hangay umgebenden Strangeness-Wall und 10.080 Lichtjahre vom Rand der neuen Galaxis selbst entfernt.

Von hier aus fanden erste Vorstöße nach Hangay statt, bei denen die BASIS als Ausgangspunkt fungierte. Zudem starteten von X-DOOR aus sowohl der von Atlan geführte »Tarkan-Verband«, dessen Ziel es war, den nach Tarkan verschlagenen Perry Rhodan zu finden, als auch die Hilfsexpedition von Reginald Bulls CIMARRON. Ab dann wartete man in der BASIS auf die Rückkehr des Tarkan-Verbandes – der aber nie an der erwarteten Position auftauchte. Als die Kosmische Katastrophe einsetzte, verlor sich das Schicksal des Schiffes einstweilen in den weitaus größeren Wirren, die die ganze Galaxis ins Chaos stürzten.

Der Tarkan-Verband wurde bekanntlich durch die Kosmische Katastrophe 695 Jahre in einem Stasisfeld eingeschlossen, sodass Perry Rhodan erst wieder im Jahr 1143 NGZ ins Geschehen eingreifen konnte. Seine erste Maßnahme bestand im Anflug von X-DOOR, welches der kleine Verband am 18. März 1143 NGZ erreichte. Da keine Spur der BASIS zu finden war, wies Rhodan seine Schiffe an, den Weltraum im Umkreis von 1000 Lichtjahren abzusuchen. 500 Lichtjahre von X-DOOR entfernt stieß die CASSIOPEIA auf ein großes Feld aus Raumschiffsfragmenten, die sich seit mindestens sechshundert Jahren an diesem Ort befinden mussten. Die Trümmer entpuppten sich als die Bestandteile der BASIS.

Die Gründe für die Zerlegung des Schiffes ergaben sich erst nach und nach ...

Kapitel 1

Das gleichmäßige Wummern des überlasteten Feldantriebs verhieß nichts Gutes. Anthea beugte sich nach vorn und schaltete auf manuelle Bedienung um. Sie wollte auf die Fähigkeiten des Syntrons nicht verzichten, sich aber gleichzeitig die letzte Entscheidung vorbehalten, wenn es auszuweichen oder zu fliehen galt.

Es begann schon wieder. Keine achtzehn Stunden war es her, und der Lärm aus dem Triebwerksbereich wuchs ins Unerträgliche. Der Syntron schaltete eine zusätzliche Akustikdämmung ein, aber sie verbot es ihm. Eine Sekunde später hatte sie erneut dieses Hämmern in ihren Ohren. Es verursachte ihr nicht genau definierbare Schmerzen, eine Art Migräne, und die Tefroderin verfluchte sich und ihr Schicksal, dass sie ausgerechnet in dieser schwierigen Zeit Dienst für die Kosmische Hanse tat. Eine Rückkehr nach Andromeda wäre ihr lieb gewesen, doch die neuesten Meldungen, die von dort eintrafen, besagten, dass alle Galaxien der Lokalen Gruppe von den Auswirkungen der Phänomene betroffen waren.

Also blieb sie und biss sich durch. Das Wummern ließ ihre Trommelfelle schwingen, aber es lullte sie nicht ein, wie das unter der Einwirkung einer Lärmdämmung hätte geschehen können. Sie wehrte sich innerlich gegen den Lärm und schnitt eine Grimasse, die sogar einen humorlosen Terraner zu einem Lachkrampf veranlasst hätte.

Ihr selbst war gar nicht zum Lachen. Mühsam befeuchtete sie mit der Zunge die Lippen und fuhr sich durch die schwarzen Haare, die sie rund um den Kopf zu fünfzehn winzigen Zöpfen geflochten hatte, zwischen denen eine gewundene Locke wie ein Turm emporragte. Die samtbraune Haut ihres Gesichts glühte; ihre Augen wurden starr und traten ein wenig aus ihren Höhlen hervor.

»Jäger fünf an Koordination«, stieß sie hervor und nannte ihre Position. »Diesmal weist die Strukturerschütterung Störungsmerkmale auf, wie wir sie am vorletzten Junitag bereits einmal erlebten. Ich bitte um Anweisungen!«

»Hier Einsatzleitung«, kam die Antwort eines robotischen Systems. »Ziehe dich auf die Koordinaten des Geschwaderparks zurück und warte dort!«

»Verstanden!«

Der Syntron lieferte ihr gleichzeitig die Daten für den kürzesten Rückflug. Sie betrachtete sie eine Sekunde zu lange. In diesem kurzen Zeitraum vergrößerte sich die Strukturerschütterung um das Zehnfache und nahm gleichzeitig an Intensität zu. Als Ergebnis stellte Anthea fest, dass ihr Raumjäger zur Seite geschleudert wurde, als sei er gegen eine unsichtbare Wand geprallt. Der Feldantrieb kreischte fürchterlich und schaltete sich wegen Überlastung ab. Ein Fesselfeld verhinderte, dass die sechzigjährige Tefroderin wie ein Geschoss aus ihrem Sessel in die Holoprojektoren flog und sich verletzte. Eine Sirene ließ ihr jämmerliches Gewinsel hören, und aus den Akustikfeldern kam die Anfrage des Einsatzleitung-Roboters, ob ihr etwas geschehen sei.

»Nichts!«, stieß sie nach einem kurzen Blick auf die Systemwerte hervor. »Es ist alles in Ordnung. Sieh lieber zu, dass die anderen Jäger nicht in Gefahr geraten!«

»Das ist ein Problem, Anthea«, erwiderte der Automat. »Aber wir werden ...«

Die gleichmäßige Stimme brach ab, und unvermittelt klang das raue Idiom eines Terraners auf.

»An alle!«, verkündete sie. »Die Schiffsleitung will kein Risiko eingehen. Kehrt sofort zu den Koordinaten Zwölf-Null-Vierzig zurück. Das ist ein Befehl!«

Anthea erkannte Mehldau Sarko an der Stimme. Der Hangarmeister hatte in diesen schwierigen Wochen und Monaten die Verantwortung für die Einsatzgeschwader übernommen.

»Zurzeit gibt es keine weiteren Erschütterungen, Mehldau«, antwortete sie. »Ich halte Ausschau nach den Positionen einundneunzig bis vierundneunzig. Die Jäger müssen in meiner Nähe sein. Ich schalte den Interferenzschutz der Ortung ab!«

»Du hast deinen Befehl, basta!«, kam die Antwort des Mannes, dann herrschte Stille in der Funkverbindung.

Nach einer Weile erst meldete sich die robotische Stimme wieder und gab Daten durch. Sie stimmten mit denen überein, die die Tefroderin in ihrem Syntron hatte. Sie bestätigten ihr, dass sie sich an einer relativ ruhigen Position befand. Weitere Strukturerschütterungen traten in einer Entfernung von mehr als zwanzig Lichtsekunden auf und berührten sie und den Jäger nicht einmal am Rande.

»Verstanden, ich kehre zurück!«

Sie öffnete den Mund und wollte dem Syntron die Anweisung geben, den Rückflug automatisch durchzuführen. Der Mund blieb ihr offen, und ihre Augen fraßen sich an dem fest, was sie plötzlich auf dem Bildschirm sah. Den lauter werdenden Alarm überhörte sie in dieser Situation einfach.

Backbord voraus rasten Lichtblitze durch die Schwärze des intergalaktischen Raumes. Sie nahmen ihren Ursprung an unterschiedlichen Stellen und waren nicht länger als zwölfhundert Kilometer. Dann erloschen sie ohne Ausnahme und hinterließen kleine Masseechos, die sich auf unregelmäßigem Kurs fortbewegten. Anthea war so gebannt von dem, was sie sah, dass sie nicht auf die erneute Warnung aus der Einsatzleitung reagierte.

»Schiffe!«, schrie sie plötzlich. »Ich habe Schiffe in der Ortung!«

Auf einmal existierte auch der Funkverbund mit den anderen Jägern des Patrouillengeschwaders wieder. Die Meldungen überlagerten sich, und aus der Einsatzleitung kam das Rot-Signal. Es setzte automatisch jede Manuellsteuerung außer Kraft und holte die Jäger zum Ausgangspunkt zurück.

Die Koordinaten Zwölf-Null-Vierzig, das war der Hangar in der rechten Seitenflanke ihrer Heimat, mit der sie vor langer Zeit an der denkwürdigen Position vor Anker gegangen waren.

Der Raumsektor hieß X-DOOR.

Ihre Heimat war die BASIS.

Anthea war kein Kind der BASIS. Sie war Medizinerin und Kosmopsychologin aus Andromeda und hatte sich in ihrem bisherigen Leben mit Hunderten verschiedener Spezies beschäftigt und sie studiert. Sie konnte mitfühlen und verstehen, was die BASIS allen diesen Wesen bedeutete, die seit Jahrzehnten mit ihr flogen.

Ja, sie identifizierte sich damit, seit sie Lakoitse kannte. Jeffrey Lakoitse, den Möchtegernterraner von Pinterville.

»Dies ist ein Notfall!«, suggerierte sie ihrem Syntron. »Dort drüben befinden sich Lebewesen in tödlicher Gefahr. Die Gefahr durch die Strukturerschütterungen hingegen ist zurzeit vernachlässigbar.«

Das Wunder geschah. Der Syntron folgte ihrer Argumentation und blockte den Funkbefehl aus der BASIS ab, leitete ihn zu einem seiner Nebenspeicher um, wo er abgelagert wurde. Anthea behielt die Kommandogewalt über den Jäger und beschleunigte in Richtung des Strangeness-Walls. Sie ortete insgesamt achtzehn Einheiten von der Größe mittlerer Transportschiffe bis hin zu winzigen Rettungskapseln. Und sie erkannte, dass sich sechs weitere Jäger dem Rot-Signal entzogen und demselben Ziel zustrebten wie sie.

Sie funkte sie an und machte Vorschläge. Sie teilten das Einsatzgebiet unter sich auf, und Anthea erhielt einen Bereich, der sich ihr am nächsten befand. Sie benötigte keine zehn Minuten, bis sie sich dem ersten der Objekte auf wenige Kilometer angenähert hatte und es abtastete. Es reagierte auf keinen Funkanruf, und als sie dieses Gebilde endlich in einer Rasterung auf dem Monitor hatte, da durchzuckte es sie wie ein elektrischer Schlag.

Ihre Ahnung bestätigte sich. Hastig aktivierte sie den Traktorstrahl und holte das kleine Ding an den Jäger heran. Es war nicht größer als eine Raumlinse, und das Fremdartige daran waren die buckelartigen Wölbungen oben und unten. Sie bremste die Geschwindigkeit des Objekts ab und riss es am Zugstrahl hinter sich her. Sie näherte sich dem nächsten Gebilde und sah, dass es zerplatzt war. Dort drüben gab es keine Atemluft und kein Leben mehr, dennoch ging sie auf Nummer sicher und gliederte die Trümmer in den Bereich ihres Zugstrahls ein.

In diesem Augenblick schlugen die übergeordneten Kräfte mit aller Gewalt zu. Aus dem Nichts heraus entstand selbst für die Hyperorter überraschend eine Strukturverdrängung, die ihren Ursprung viele Tausend Lichtjahre entfernt hatte, und riss alles von der Stelle. Anthea konnte einen der Raumer beobachten, der seine Kugelform verlor und zu einer platten Scheibe wurde. Eine unsichtbare Faust beschleunigte ihn mit Wahnsinnswerten und ließ ihn gegen die sich aufstauende Mauer aus Energie rasen. In einem Lichtblitz verschwand er aus dem Normalraum und kehrte nicht mehr zurück.

Die Tefroderin hatte beschleunigt und verließ das gefährdete Gebiet. Sie wusste, dass sie nicht zu viel wagen durfte. Einer der Jäger in ihrer Nähe hatte weniger Glück als sie. Er wurde von den Ausläufern der eng begrenzten Verdrängung gestreift und auseinandergerissen. In drei brennenden Teilen trudelte er davon, quer zu ihrer eigenen Flugbahn. Sie verzögerte und behielt den Kollisionskurs bei. Sie unterschied den Triebwerksteil, den Laderaum und den Bug.

»Leo, hörst du mich?«, rief sie in das Mikrofeld. »Dein Syntron ist ausgefallen. Bist du bei Bewusstsein?«

Es traf keine Antwort bei ihr ein, und sie setzte voraus, dass der Pilot bewusstlos geworden war. Zur Sicherheit fing sie alle drei Teile ein und schleppte sie in Richtung BASIS. Nochmals schlug das Phänomen der Strukturverdrängung zu, und der Jäger und seine Beute wurden von den Ausläufern durchgeschüttelt und aus der Bahn geworfen. Für kurze Zeit brach die Energieversorgung für den Traktorstrahl zusammen, und die Tefroderin stieß einen Fluch in ihrer Muttersprache aus, der gut und gern aus der Zeit hätte stammen können, als die Lemurer noch gegen die Haluter gekämpft hatten. Mühsam stabilisierte der Syntron den Kurs und fing die Trümmer dort draußen wieder ein.

Wenig später aktivierte Anthea den altertümlichen Linearantrieb ihres Jägers und vollführte eine Minietappe bis zu ihrem Ziel. Knapp vierzigtausend Kilometer über der BASIS tauchte sie in den Normalraum zurück und verzögerte. Eine Viertelstunde später schwebte sie mit ihren Trümmern im Schlepptau in einen der Großhangars ein. Sie übergab die geretteten Teile an das interne Traktorsystem und parkte den Jäger auf der vierten Ebene, wo sie das Fahrzeug verließ und mit einem Antigrav hinunter zur zweiten Ebene glitt. Roboter hatten sich der strahlungsfreien Trümmer angenommen und untersuchten sie bereits. Anthea folgte ihnen in den Bug des zerstörten Jägers, wo der Pilot schlaff in einem Rettungsfeld hing. Als sie sich über ihn beugte, schlug er gerade die Augen auf.

»Das war knapp, wenn ich mich nicht irre«, grinste Leo Dürk, seines Zeichens Waffenmeister der BASIS. »Darf ich dich bei Gelegenheit zu einem Bier einladen, Anthea?«

Die Tefroderin lächelte kurz, dann wurde sie übergangslos ernst. »Nein danke, Leo! Aber vielleicht hast du irgendwann mal Gelegenheit, dich zu revanchieren.«

Sie klopfte ihm auf die Schulter und machte, dass sie hinauskam. Dürk war wohlbehalten, mehr hatte sie nicht wissen wollen.

Etwas anderes hingegen interessierte die Medizinerin und Pilotin weitaus mehr.

Er tauchte völlig unerwartet unter dem Tor des medizinischen Labors auf. Zuerst war sein großer Spitzschädel zu erkennen, eingerahmt von einem Kranz aus farblosem Flaum. In dem fahlen Gesicht wirkten die roten Albinoaugen wie zwei glühende Kohlen, und der durchdringende Blick hatte schon so manchen dazu bewogen, die Blicke zu senken.

Nicht so Anthea. Um ihren Mund spielte ein Lächeln, während sie ihn herausfordernd musterte.

Sie hatte sich gedacht, dass er kommen würde. Er musste die Sensation förmlich gerochen haben. Er war zu intelligent, um eine solche Kleinigkeit wie den Überlebenden aus der Rettungskapsel zu übersehen.

Er trat an die Liege heran, tastete den Hauri von oben bis unten ab und schloss dann die Augen. Er sagte kein Wort und nickte ihr zu, mit ihrer eigenen Untersuchung fortzufahren.

So war er eben, und Anthea schätzte an Herth ten Var vor allem die Verschwiegenheit und die Unauffälligkeit, mit der er sich in den meisten Fällen im Hintergrund hielt. So manche Station in der riesigen BASIS hätte sich glücklich geschätzt, einen solchen Chef zu haben.

Sie schloss den Fremden an die Geräte an und führte eine umfassende Analyse durch. Die Syntrons bestätigten ihre Vermutung. Der Hauri befand sich in einer Art Koma, aus dem er voraussichtlich nicht so schnell erwachen würde. Er war der einzige Überlebende aus den Schiffen, die materialisiert waren.

»Strangeness-Schock«, sagte sie. »Die Symptome sind die gleichen, die von den Geräten angemessen wurden, als damals Nikki Frickel zum ersten Mal nach Hangay eindrang. Merkwürdig!«

Wieder nickte Herth ten Var stumm. Er blickte sich suchend um und heftete seine Augen auf den kleinen Monitor, auf dem das in sich verschlungene Symbol der Hamiller-Tube auftauchte.

»Es besteht kein Zweifel, dass sich dieser Fall mit zwei oder drei anderen Fällen deckt, die sich in den letzten Tagen an der Peripherie des Walls ereignet haben«, sagte der Ara mit rauer Stimme. »Blues und Akonen berichteten davon. Es sieht so aus, als versuchten größere Gruppen von Hauri, in den Bereich außerhalb des Walls zu gelangen. Es ist nicht verwunderlich. Sie fliehen vor den Beben in Hangay und deren katastrophalen Auswirkungen. Hangay ist das Zentrum der Vorgänge. Die Jünger des Hexamerons scheinen nicht zu wissen, dass ihre Immunität flöten gegangen ist.«

Das war es. Anthea zuckte unter der Erkenntnis wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Sie hatte sofort beim Anblick des reglosen Hauri ein merkwürdiges Gefühl gehabt. Jetzt wusste sie, woher es rührte.

»Sie haben recht, Sir«, klang die Stimme Hamillers auf. »Eines der Relaisschiffe meldet, dass mehrere Hauri-Raumer am Rand von Fornax aufgetaucht sind. Alle Insassen sind bewusstlos. Die Schiffe treiben auf die Kleingalaxis zu und werden von Patrouillenbooten begleitet. Es soll verhindert werden, dass eines der Schiffe einer Sonne zu nahe kommt und mitsamt den Insassen vernichtet wird. Warum diese nicht mehr immun sind, ist nicht feststellbar!«

»Mit anderen Worten, Hamiller, die Hauri haben ihre Immunität gegenüber der unterschiedlichen Strangeness verloren!«, stellte die Tefroderin fest.

»Das ist korrekt, Madam«, erwiderte die Tube. »Die Ursachen sind nicht bekannt!«

Die beiden Wissenschaftler blickten sich nachdenklich an.

»Herth«, sagte Anthea nach einer Weile, »wenn die Hauri den Strangeness-Schock nicht mehr neutralisieren können, dann besteht auch keine Chance, dass sie nach dem Abbau der Strangeness weniger unter der langsam voranschreitenden Degeneration leiden. Wir müssen dann nicht befürchten, dass sie unsere Galaxien mit den Feuern des Herrn Heptamer überschwemmen.«

»Hoffentlich behältst du recht. Was soll mit dem Hauri geschehen?«

Anthea überlegte. Sie hatte ihn an Bord gebracht, und sie hielt es für das Beste, wenn er wie die Patienten anderer Völker aus den letzten Wochen und Monaten hierblieb und unter der Obhut der Besatzung gepflegt wurde. Irgendwann, und wenn es erst nach fünf Monaten war, würde er erwachen. Dann konnten sie ihn befragen.

»Er bleibt hier im Labor«, gab sie zur Antwort. »Hamiller, wie sieht es draußen aus?«

»Es ist ruhig. Keine Struktureinbrüche mehr. Aber wir erhalten einen Notruf aus Sektor OFF-SHORE II. Der Tender KUKULKAN befindet sich in Gefahr!«

Anthea hob die Hand zum Gruß und stürmte aus dem Labor hinaus. Aus den Augenwinkeln bekam sie noch mit, wie der Ara den Gruß erwiderte. Dann hatte sie bereits andere Gedanken im Kopf. Ihre Schicht in der Staffel war noch nicht zu Ende, und der Alarm, mit dem sie rechnete, erreichte sie kurz vor dem nächsten Antigrav.

Das Geschwader wurde aufgefordert, den Hangar zu verlassen und draußen in einen der Schweren Kreuzer der THEBEN-Klasse einzuschleusen. Javier hatte ohne Zögern auf den Notruf der KUKULKAN reagiert und schickte seine Schlachtschiffe los.

Niemand konnte sagen, was bei dem Tender los war.

Als der Jäger 5 endlich in seiner Halterung in Hangar 2 der NEPTUN ruhte, lehnte die Tefroderin sich entspannt zurück. Sie atmete tief durch und verlangte eine Verbindung mit der endophysikalischen Abteilung der BASIS. Jeffrey hatte Dienst, und als er ihr Gesicht sah, merkte sie ihm deutlich die Erleichterung an.

»Es geht wieder los, Jeff«, sagte sie. »Wir sehen uns wohl erst morgen früh wieder.«

»Schade! Viel Glück, Maus!«

»Ciao! Und gib Marna und Bodo Upmark Bescheid. Wir treffen uns wie üblich im Schwimmbad!«

Sie unterbrach die Verbindung und beobachtete auf dem Frontmonitor, wie sich das Schlachtschiff vom Untergrund löste und in den Raum hinaufstieg. Die Oberfläche der BASIS raste scheinbar immer schneller davon und nahm Konturen an. Irgendwann, kurz nachdem sie das riesige Gebilde in seiner vollen Größe gesehen hatte, verschwand es vom Schirm.

Die NEPTUN war in den Hyperraum gewechselt, und Anthea weilte mit ihren Gedanken beim Sinn oder Unsinn der Tatsache, dass die BASIS noch immer bei X-DOOR stationiert war.

Der Heimatkalender zeigte Mitte August 448 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Seit dem Auftauchen des vierten Viertels von Hangay waren fünfeinhalb Monate vergangen, und noch immer gab es keine Nachricht von den Verschollenen. Sie waren nicht erschienen, obwohl die AURIGA bereits Anfang März die unmittelbar bevorstehende Rückkehr der übrigen dreizehn Schiffe angekündigt hatte.

Die Tarkan-Flotte, wie sie genannt wurde, blieb verschwunden. Es gab keine Spur von ihr.

Und das, obwohl man von der AURIGA wusste, dass der Strangeness-Faktor eine untergeordnete Rolle spielte. Die Tarkan-Flotte hatte das Phänomen im Griff.

Auch die SORONG war nicht zurückgekehrt, deren Besatzung gegen die Wirkung der Strangeness immun war.

Dennoch oder gerade deswegen behielt die BASIS ihre Position bei X-DOOR bei.

NATHAN und die Verantwortlichen auf Terra, allen voran Galbraith Deighton, hatten es für richtig gehalten.

Hangay!, dachte Anthea. Die Galaxis wird zum Fluch für die gesamte Lokale Gruppe.

Nach der Ankunft des letzten Viertels der Galaxis aus Tarkan war eine bis dahin rein hypothetische Masse überschritten worden, und das Standarduniversum im Bereich der Lokalen Gruppe hatte angefangen, sich gegen den vollendeten Transfer zur Wehr zu setzen.

Lein Sinnfein lümmelte sich träge in einem Sessel.

Seit acht Wochen hatte sich nichts ereignet. Es gab nichts, was erwähnenswert gewesen wäre.

Keine Meteoriten, keine anderen Hindernisse in der weiten Leere zwischen den Galaxien.

Da war buchstäblich nichts, und es fiel keinem Schiff ein, in diesen Sektor zu fliegen und ein wenig Abwechslung in den Alltag der Tenderbesatzung zu bringen.

OFF-SHORE II war mit Sicherheit der langweiligste und unbedeutendste Sektor des Universums, und der Kommandant fragte sich, was er verbrochen hatte, dass er von seinen Vorgesetzten hierher abkommandiert worden war.

Sinnfein strich sich über das unrasierte Kinn. Ein paar Haarsträhnen hingen ihm in die Stirn, und er hatte die Zähne nicht geputzt. Wahrscheinlich hatte er es auch unterlassen, sich zu waschen, aber das fiel bei der zerknitterten und durchgeschwitzten Kombination am wenigsten auf. Er kaute auf einem Plastikstreifen herum, der sich durch den Speichel langsam zersetzte und zu einem süßlichen, leicht nach Minze schmeckenden Brei wurde. Er schob ihn mit der Zunge genüsslich im Mund herum und schluckte ihn in kleinen Portionen hinunter.

»Archie, wie weit sind wir vom Relais Starion entfernt?«, fragte er und unterbrach seine Nahrungsaufnahme für kurze Zeit.

»Achthundert Lichtjahre, Lein«, kam die Antwort des Ortungschefs. »Wir haben fast keine Fahrt, so, wie du es angeordnet hast!«

»Ich habe gar nichts angeordnet«, grunzte Sinnfein. »Alles geschieht auf höheren Befehl. Ich frage mich, worauf wir hier noch warten sollen! Wir müssten dringend einen Planeten anfliegen, um Frischwasser aufzunehmen. Das angeforderte Versorgungsschiff ist seit zwei Wochen überfällig. Setze bitte einen Hyperfunkspruch an das Relais ab. Die Botschaft nach Terra läuft zwar über den Kugelhaufen M 13, aber immerhin läuft sie!«

»Geht in ...!« ... Ordnung wollte Benson sagen, aber das Wort blieb ihm im Hals stecken. Im nächsten Augenblick war überhaupt nichts mehr in Ordnung. Die Taster registrierten an die sechzig Reflexe, die übergangslos auftauchten. Da waren Schiffe aus dem Hyperraum gekommen, und sie formierten sich. Sie entdeckten den Tender und änderten beinahe ohne Zeitverzögerung den Kurs.

Lein sprang auf und starrte den Bildschirm an, als könnte er seinen Augen nicht trauen.

»Ortung!«, bellte er. »Ich will genaue Details!«

»Du kannst den Werten glauben«, zischte Archie Benson. »Die dreifache Gliederung der Schiffe lässt keinen Zweifel zu. Es sind Hauri. Die verrückten Werber des Hexamerons soll der Teufel holen!«

Sinnfein schüttelte den Kopf, als wolle er ein lästiges Insekt loswerden.

Der Hauptsyntron hatte längst Alarm gegeben, und die Besatzung des Tenders hastete zu ihren Sicherheitspositionen. Die Zentrale füllte sich innerhalb einer halben Minute, und als der letzte Transmitterbogen knisternd in sich zusammenfiel, nahm der Kommandant es mit einem Achselzucken zur Kenntnis.

Draußen, über der Landeplattform des Tenders, lag der dünne Film des Schutzschirms, und an den Ecken des Raumfahrzeugs fuhren die Türme aus und begannen zu glühen.

Die KUKULKAN hatte alle ihre Defensivsysteme aktiviert und wartete auf das, was sich ereignen würde.

»Gib mir eine Funkverbindung, Tara!«, verlangte Sinnfein.

Tara Ukutsa neigte den Oberkörper nach vorn.

»Verbindung steht. Gültiger Kode. Wir senden in Interkosmo, Kartanisch und Hangoll. Sie müssen uns also verstehen!«

»Hier terranischer Tender KUKULKAN!«, begann Lein Sinnfein. »Bitte identifiziert euch. Woher kommt ihr? Und was sucht ihr in diesem Sektor?«

Die Automatik wiederholte den Spruch in kurzen Abständen, aber keines der Schiffe gab eine Antwort. Der Pulk strebte auseinander und bildete eine Staffelformation, die sich dem Tender aus drei Richtungen näherte.

»Hölle, Tod und Teufel!«, fluchte Sinnfein. »Die haben vollends den Verstand verloren. Fahrt auf fünfzig Prozent LG! Abdrehen auf Ypsilon-vierzig und Zett-zwanzig!«

Der Tender änderte seine Flugbahn und beschleunigte mit aufglühenden Triebwerken. Die Hauri-Schiffe änderten sofort ihren Kurs. Das Manöver war zu eindeutig, um missverstanden zu werden.

»Alle Mann in die Boote!«, brüllte Sinnfein. Er wühlte in seinen fettigen Haaren und rannte zu der Box, in der sich sein SERUN befand. »Nur die Zentralebesatzung bleibt auf ihrem Posten! Vollzugsmeldung in zwei Minuten!«

Es kam kein Bestätigungssignal, aber auf den Monitoren sah der Terraner, wie die Männer und Frauen zu den Transmittern eilten und sich in die Hangars abstrahlen ließen. Es dauerte vier Minuten, bis der Letzte ein Boot betrat und sich das Schott hinter ihm schloss.

»Alarmstart vorbereiten!«, wies Sinnfein die Syntrons an. »Achtung, für die letzte Schlafmütze unter den Mechanikern: Dies ist keine Übung! Ich wiederhole: Dies ist keine Übung!«