Pink Christmas 4 - Manuel Sandrino - ebook

Pink Christmas 4 ebook

Manuel Sandrino

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Opis

Pink Christmas erscheint nun schon im 4. Jahr! Den Erfolg der letzten Jahre setzen wir fort, und auch in diesem Jahr haben wieder Autoren des Himmelstürmer Verlags ihre ganz persönlichen Weihnachtsgeschichten geschrieben. Herausgekommen ist eine bunte Mischung, voller Romantik, Erotik, und auch mit durchaus kritischen Betrachtungen. Spannend, mitfühlend oder auch hoch erotisch! Das ideale Weihnachtsgeschenk für Leser des Besonderen.

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Liczba stron: 341

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PINK CHRISTMAS 4

Etwas andere Weihnachtsgeschichten

von

Andy Claus

Andrea Conrad

Felix Demant-Eue

Martin Falken

Marc Förster

Sam Nolan

Manuel Sandrino

Kai Steiner

 

 

 

 

 

Bisher erschienen im Himmelstürmer Verlag:

Pink Christmas

ISBN print 978-3-86361-076-0 Herbst 2011

Pink Christmas 2

ISBN print 978-3-86361-184-2 Herbst 2012

Pink Christmas 3

ISBN print 978-3-86361-343-3 Herbst 2013

 

Alle Bücher auch als E-book

 

 

Himmelstürmer Verlag, Kirchenweg 12, 20099 Hamburg,

Himmelstürmer is part of Production House GmbH

 

www.himmelstuermer.de

E-mail: [email protected]

Originalausgabe, Oktober 2014

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages

Rechtschreibung nach Duden, 24. Auflage.

 

Coverfoto: shutterstock.de

 

Das Model auf dem Coverfoto steht in keinen Zusammenhang mit dem Inhalt des Buches und der Inhalt des Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Models aus. 

 

Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik-Designer AGD, Hamburg. www.olafwelling.de

E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH

 

ISBN print 978-3-86361-421-8

ISBN epub 978-3-86361-422-5

ISBN pdf: 978-3-86361-423-2

 

Die Handlung und alle Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit realen Personen wären rein zufällig.

Kai Steiner   Weihnachtliche Überraschungen …

KAI STEINER WEIHNACHTLICHE ÜBERRASCHUNGEN …

Das Spiel der Spiele.

Die Heimmannschaft gegen den Ersten der Liga. Am 23. 12. um einundzwanzig Uhr.

Palermo gegen Roma im schönsten Stadion von Sizilien, direkt am Mittelmeer. Einmalig.

Roma – Fans feiern bereits den Sieg über die kommenden Absteiger.

„Unser Weihnachtsgeschenk für die Weicheier“, skandieren Tausende von Anhängern, die mit der römischen Mannschaft angereist waren.

Eine einzige Provokation für die Einheimischen. Fünfundzwanzigtausend werden ihr Stadion zu verteidigen wissen …

 

AS Roma gilt als eine der bedeutendsten Mannschaften Europas. Siebzehn Ballakrobaten, drei, nämlich Vincenzo Fini, Paulo Fernando, Marco Macini ihre Helden, Nationalspieler und Weltmeister, Fini ihr unangefochtener Champion. Der sizilianische Club, das Aschenputtel der Tabelle. In seinen Reihen Luigi Salce, der einzige Stern im Rund seiner Spieler. Idol aller heimischen Soccerfans, mehr noch, Stolz der Inselbewohner. Zweiundzwanzig Jahre, von den Eltern im achtzehnten Lebensjahr gegen seinen Willen verheiratet mit seiner frommen Cousine Anna. Er lächelte zwar über ihr ständiges Beten und über die unendlichen Kirchengänge, aber, wenn er ehrlich wäre, waren ihm diese zuwider. Er hatte wenig mit der Religion im Sinn.

Die Hochzeit hatte Wirkungen hinterlassen. Nicht nur, dass er reifer geworden war, nein, er hatte sich zu einem fanatischen Stürmer mit unstillbarem Hunger gemausert, dem Fußball über alles ging, der trotz seiner Schnelligkeit oder gerade deshalb die hohe Kunst der Ballbehandlung erlernte. Niemand wusste eine Erklärung hierfür. Nur Luigi selbst, und diese gab er nicht preis. Sein Rechtsschuss war inzwischen gefürchtet, sein linker Fuß blieb unberechenbar.

Man bewunderte ein ums andere Mal die Leichtigkeit seiner Schlenzer von rechts und links und seinen Instinkt für Lupfer, wenn sich der Torwart zu weit aus seinem Kasten wagte.

Er war vom Nationaltrainer zum nächsten Länderspiel berufen, was ihm noch mehr Bewunderung eingebracht hatte.

„Dein Antritt, dein Tempo, die Ballführung. Und was hast du für eine Körpersprache, mein Gott, deine Entschlossenheit und schließlich deine unbändige Lust am Fußball, du bist im nächsten Länderspiel meine Hoffnung!“, ließ er den jungen Mann wissen. Sein Vereinstrainer sieht ihn auch als Dribbelkönig, der aus der Tiefe passende Flanken schlägt, nur leider wissen seine Mitspieler nicht viel mit ihnen anzufangen, ja, einige meiden ihn. Einige machen sogar aus ihrem Hass keinen Hehl.

Luigi redet kaum, wird als in sich gekehrt beschrieben, manche nennen ihn sogar hochnäsig.

Es ist schrecklich, keinen Partner zu haben, mit dem man über Fußball reden kann, denkt Luigi. Man muss doch gemeinsam ein Spiel analysieren, hören, was man gut oder schlecht oder falsch gemacht hat, wie man den Gegner narrte und narren kann. Und man muss doch mit einem Freund mal über die Stränge hauen, mit einem Fußballfreund, einem Besessenen, der so, wie man selbst, fühlt.

Er gehört seit seinem fünften Lebensjahr dem Verein an, ist fest in ihm verankert und hat nie über einen Wechsel nachgedacht. Er teilt mit fast allen Sizilianern deren besondere Eigenschaft, die der Bodenständigkeit und Treue.

Seine Eltern, seine Frau und er bewohnen eine Villa in Taormina in der Nähe des Volksgartens - Giardino publico - mit unverbaubarem Blick auf den Ätna, ein Platz, den Luigi liebt. Er wurde hier geboren.

Der junge Mann ist viel unterwegs. Was ihm entgegenkommt. Die Hälfte der Spiele findet in Arenen auf dem Festland - bis hoch nach Florenz, Udine, Mailand und Turin – statt, nur Cagliari auf Sardinien bildet eine Ausnahme.

Er trainiert mit seinen Sportfreunden im Stadion von Palermo, kehrt abends in seinem Alfa Romeo heim, wenn nicht ein Punktspiel spät angesetzt ist. Er hat den Leitsatz seines Vaters übernommen, den Ätna mindestens einmal am Tag zu sehen und zu bestaunen. Was durch seinen Beruf nicht immer klappt.

Er erfüllt der Familie gegenüber seine Pflicht. Das große Glück, von dem seine Mutter träumt, blieb ihm bisher versagt, nur auf den Fußballplätzen – und wenn ihm Tore gelingen – übermannen ihn Gefühle, die er sonst nicht kennt, erschüttern seine Seele, bringen ihn in Hochstimmung. Dann überzieht sein sonst ernstes Gesicht ein Lächeln, das Berge versetzen könnte, nur fehlt ihm dazu der Partner, ein Pendant. Seine Frau schimpft manchmal, wenn er von einem Heimspiel spät zurückkommt oder erst nächsten Morgen auf der Matte steht. Das belastet die Ehe mächtig.

 

Seit zwei Monaten hat der Trainer die siebzehnjährigen Zwillinge Roberto und Franco Falaci aus dem vereinseigenen Internat in die Mannschaft berufen. Seit sechzig Tagen trainieren sie mit den Profis. Leitung und Vorstand hoffen, sich aus der Abstiegszone zu befreien, einen sicheren Tabellenplatz zu ergattern. Beide Jungen sind begnadete Fußballspieler, impulsiv, draufgängerisch, wie Jugendliche sind, und schnell.

Robertos Vorbild ist Luigi.

Seit Jahren himmelt der junge Mann den Besten der Mannschaft an.

Nun trainiert er mit ihm, sein Glück ist fast vollkommen.

Während des Trainings, bei freiwilliger Gymnastik, im Fitnesscenter und bei Mannschaftsbesprechungen versucht Roberto, in der Nähe seines Idols zu sein. Wenn sich die Spieler den Dreck nach dem Fight vom Körper schrubben, Roberto steht neben ihm, sein Bruder in dessen Nähe. So überdeckt er seine Zuneigung zu seinem großen Vorbild. Aber dieser ist sensibler, als es die Mitspieler ahnen. Er hat längst bemerkt, dass der junge Mann seine Augen kaum von ihm lässt. Zuerst dachte Luigi, dass es einfach nur Anhänglichkeit ist, Akzeptanz und Anerkennung, seit letztem Training, als die beiden für eine Minute allein unter der Dusche standen, ist ihm bewusst geworden, dass es mehr ist, viel mehr, und das hat ihn sehr berührt.

 

Heute oder morgen erwartet Luigis Frau ein Baby, wird behauptet. Ganz Sizilien nimmt daran teil. Wenn es heute das Licht der Welt erblickt, wird ein Hubschrauber über der Arena kreisen und den Namen des Kindes verkünden. Eine Buchstabenschleife im Schlepptau.

Luigi ist überzeugt: es wird ein Junge und der kommende Kicker der sizilianischen Sportfreunde.

Der Kardinal höchst persönlich hat Luigi angehalten, auf eine Untersuchung mit Ultraschall der Mutter zu verzichten. Man muss nicht vorher wissen, was Gott mit uns Menschen vorhat, meinte er. Es ist früh genug, das Geschlecht zu erfahren, wenn das Baby zum ersten Mal kräht, denn Gott liebe alle Kinder, ob Mädchen oder Jungen. Luigi ergab sich seinem christlichen Schicksal. Mit einem Mal hatte er doch ein bisschen mehr Achtung vor der christlichen Moral. Anna dagegen war beim Arzt. Sie verschweigt das Geschlecht.

Ob das Kind heute zur Welt kommt oder während der abendlichen Messe nach dem Fight, vielleicht sogar erst am 25ten Dezember, ist gleichgültig, denkt Luigi, es ist auf alle Fälle ein Geschenk Gottes. Nicht umsonst hat auch Maria ihren Sohn Jesus zu diesem Zeitpunkt zur Welt gebracht. Sicher werden alle jetzt geborenen Kinder unter dem besonderen Schutz des Heilands stehen.

Man wird sehen. Und deshalb müssen wir gewinnen!

 

Die Arena ist zum Bersten gefüllt. Der Favorit wird gewinnen; die sizilianische Elf muss gewinnen.

Niemand gibt einen Pfifferling auf sie. Was daran liegt, dass man am Tabellenende steht und den drohenden Abstieg kaum noch entrinnen kann, trotz Luigi und trotz der beiden jungen Kicker. Den Gästen wird vorausgesagt, Meister zu werden, nur verlieren dürfen sie heute nicht.

 

Man läuft auf den Platz.

Blau die Farbe von Finis. Luigi ist Spielführer. Seine rote Binde leuchtet bis in die hintersten Plätze. Jubel, als er in die Tribünen hineinwinkt. Jeder fühlt sich mit ihm, dem besten Nationalspieler, solidarisch, nur ein Tor wollen ihm die Fans des Abstiegskandidaten nicht gönnen. Das gehe zu weit. Aber feiern solle er sich lassen. Und er tut es mit seinen Leuten. Stolz ihre Häupter, arrogant in den Bewegungen, lässig schieben sie den Ball hin und her. Einspielen ist alles, denken sie, und man müsse zeigen, was eine Harke ist. Furcht einjagen ist die einzige Methode für Angsthasen, und das sind die Heimischen. Wird’s klappen?

Diese bilden in ihren gelben Hemden und roten Hosen einen Kreis, legen die Arme auf die Schultern des Mitspielers zur Rechten und zur Linken und beugen sich tief nach unten.

Eine Gelegenheit für Roberto, der sich neben Luigi gemogelt hat. Er drückt seinen Schädel sanft gegen Luigis Kopf. Ihm ist klar, dass sich der Star nicht wehren darf. Sähen das die Mitspieler, ließen sie ihn und Luigi auf dem Feld verhungern. Roberto löst den linken Arm vom Mitspieler, greift in seine Hosentasche, holt ein kleines Herz heraus, öffnet nur Sekunden seine Hand, so dass Luigi es sehen muss.

Dieser schaltet sofort. Er blinzelt den Jungen unverhohlen von unten an und lächelt. Es ist ein echtes Lächeln, eins, das Sehnsucht verheißt. In diesem Augenblick wird dem Jungen klar, dass er einen neuen Freund gewonnen hat.

Sie alle murmeln.

Eine Art Beschwörung, eine Bitte an Gott, ihnen zu helfen. Sie drücken außerdem alle den Daumen für das Baby, das sicher den Namen Luigi Juniore haben wird … aber kräftiger für sich und die Mannschaft. Man hat den Ruf um Hilfe nötig, denn die letzten zehn Spiele gingen verloren, zwei ihrer Kicker sahen rot und sind nicht dabei, die Jüngsten müssen einspringen, Franco und Roberto Santos, die Zwillinge. Die alten Fußballer meckern über diese Trainerentscheidung, denn die Jungen sind erst siebzehn Jahre, und was wissen die schon vom Spielen und dem Leben überhaupt? Nichts.

 

Der Mannschaftsführer des Gastes hat den Münzenwurf des Schiedsrichters richtig eingeschätzt. Die Zahl liegt oben.

Will Gott uns nicht erhören, fragt man sich verzweifelt auf den Rängen? Ausgerechnet die Schwächsten verlieren die Seitenwahl und damit ihre Torseite, auf der ständig geübt wird. Man ist verzweifelt. Alle wissen, mit diesem Ergebnis müssen die Männer aus Palermo die Stärke des Gegners besonders fürchten. Man erinnert sich an viele Spiele, in denen die Heimmannschaft gleich in den ersten Minuten ins Hintertreffen geriet, und immer stand ihr Keeper im nicht gewünschten Kasten.

Tatsächlich, die Katastrophe bahnt sich nach wenigen Minuten an.

Marco Macini schießt das frühe Tor für die Römer. Eine Bombe, eine Rakete, die über das Grün flitzt und oben links im Tor einschlägt. Der Schütze tanzt auf dem Rasen, hebt seine Hände zum Himmel, das Tor für seine zehnjährige Tochter Luciana.

Gelaufen! Ein innerer Verzweiflungsschrei der Sizilianer!

Gelaufen?

Roberto lässt sich nicht beirren.

Er wieselt links und rechts, schiebt, drückt, rennt, schießt. Ein Allerweltskerl, der keine Scheu vorm Gegner hat, schon gar nicht vor Fini.

Luigi ist seinem Bewacher unvorbereitet entwichen, läuft mit dem Ball an der linken Außenlinie entlang, schlägt einen Haken, der den Gegner verwirrt, und ehe ihn dieser erreicht, hebt Luigi das Leder über Fernandos Kopf zu Roberto. Dieser hat unwillkürlich die Mittelstürmerposition eingenommen.

Der Junge denkt nicht mehr.

Er handelt.

Als er den Ball ankommen sieht, steht er mit dem Körper zum Tor gewandt. Blitzschnell dreht er ihn herum, er schnellt förmlich in die neue Position, kommt sekundenlang zum Stand mit dem Rücken zum Torwart. Drückt sich dann mit seinem linken Fuß vom Gras ab, liegt mit seiner etwas gekrümmten Wirbelsäule in der Luft, parallel zum Boden, zieht gleichzeitig sein rechtes Schienbein senkrecht nach oben und presst die Zehen nach hinten. Er trifft das in Brusthöhe heran fliegende Leder mit dem Spann. Die Kugel schlägt unhaltbar im Tor des Gegners ein. Ein klassischer Fallrückzieher. Wo hatte der Junge diesen bloß gelernt?, denkt der Trainer, und springt grölend von der Bank.

„Tor!“

Luigis Vater behauptete einen Tag später, man habe den Schrei der Sizilianer aus dem Stadion in Taormina gehört. Natürlich Unsinn, der Alte hatte wohl geträumt …

Eins zu eins!

Das Stadion kocht! Ola-Wellen bewegen die Massen. Die Fans spielen verrückt. Sie johlen, kreischen, klatschen. Ein Taumel erfasst alle.

Roberto streckt seine Arme in die Luft, macht einen Salto, landet auf dem Bauch, rutscht über den Rasen zur Außenlinie, schließt vor Freude die Augen. Was ist das? Ein Kuss. Auf den Mund. Er reißt seine Augen auf. Über ihm Luigi, grinsend.

„Cool!“, zischt dieser ihm zu und rollt sich zur Seite.

Schon liegen neun weitere Spieler über ihm, der Torwart eingeschlossen.

Luigi ist jetzt total auf Roberto fixiert.

Ein Top-Typ, sinniert er im Laufen.

Die beiden verstehen sich aus heiterem Himmel wie im Schlaf.

Der Jüngere bietet sich an, drischt die Kugel in die Mitte, wenn Luigi am Strafraum herumwuselt, schlägt Haken, läuft Kurven, setzt den Ball mit der Hacke zurück zu seinem Bruder, alles gelingt!

Er narrt seine Gegenspieler.

Ist immer ansprechbar. Das hat es seit langem nicht mehr bei den Sizilianern gegeben.

Die Menschen glauben ihren Augen nicht zu trauen. Was steckt alles in ihrer Mannschaft drin? Sie haben es immer gewusst!

Anfeuerungsrufe!

Luigi hat seine Augen nur auf den Jungen gerichtet. Er fühlt, dass diesem heute das Glück zur Seite steht.

Er schaut auf die Uhr. In zwei Minuten ist Halbzeit. Ein weiteres Tor wäre das Größte und vielleicht die Rettung! Er beobachtet, dass Franco seinem Bruder den Ball zuspielt, den dieser mit der Brust annimmt, auf seinen rechten Fuß abtropfen lässt und ihn mit Gefühl nach innen schlenzt, genau, wie er selbst es gemacht haben würde. Das Leder segelt in die Mitte, Luigi wirft seinen Kopf zurück, dann stößt er ihn mit kaum zu überbietender Kraft nach vorn, trifft die Kugel mit der Stirn und jagt sie statt oben in die Ecke, wie der Torwart vermutet, auf den Boden, neben dem Pfosten springt der Ball ins Gehäuse.

Zwei zu eins!

Im Stadion ist der Teufel los. Alles wippt, hopst, springt, umarmt sich und niemand bekommt mit, was sich vor dem Tor abspielt.

Luigi läuft auf Roberto zu, wirft seinen Arm um den Jungen, schmettert ihn zu Boden, küsst ihm die Schläfe, nimmt dessen rechte Hand, krault die Innenfläche, bis Franco auf ihnen liegt. Alle fallen über die drei her.

 

Pause.

 

Die Mannschaft ist wie ausgewechselt. Sie tanzt in der Umkleide, einige fahren Luigi durch die Haare, boxen Roberto auf die Brust, geben Franco einen Klaps.

Man muss das Ergebnis halten, sagt der Trainer. Verteidigung ist jetzt die einzige Waffe, an die ihr euch ständig erinnern müsst.

Die Atmosphäre im Stadion, die Stimmung unter den Spielern, geht’s dem Boss durch das Hirn, könnte unsere Rettung sein. Die Euphorie ist unser Jesus, der über den See Genezareth gegangen ist. Wir machen es ihm nach.

Seine Crew genießt sein Lächeln. Sie nimmt die Gewissheit mit nach draußen, dass man zu einer Einheit geworden ist.

„Wir schaffen es“, ruft der Boss hinterher!

 

Die zweite Halbzeit neigt sich dem Ende zu. Bis jetzt haben die Einheimischen ihr Tor dicht gehalten. Super! Man kämpft bis zur totalen Erschöpfung.

Noch zehn Sekunden.

Plötzlich hört man einen Hubschrauber. Die Menschen im Stadion schauen nach oben. Endlich ist das Baby da. Da taucht es in der offenen Lücke der Arena auf. Jetzt ist die Schleife sichtbar. Nicht mehr das Fußballspiel zählt, nein die Geburt rückt in den Vordergrund. Selbst die Spieler verfolgen fassungslos das Geschehen in der Luft.

Was heißt denn das? Luigia wird oben angezeigt. Mein Gott, ein Irrtum, es heißt doch Luigi. Nein, die Schleife wird länger: Luigia, Maria, Giovanna!

Drei Mädchen.

Der Schiedsrichter zeigt Größe. Auf zwei Spielsekunden muss man angesichts solcher Nachrichten verzichten.

Abpfiff.

Stille im Stadion.

Luigi liegt am Boden. Sein Gesicht fast in den Rasen gebohrt. Warum? Was ist passiert? Roberto beugt sich über ihn, Luigi sieht den Jungen an, strahlt.

„Verzweifelt?“, fragt Roberto leise.

„Warum? Drei Mädchen sind wunderbar. Du musst weiter denken, an die Zukunft.“ Roberto versteht vor Aufregung kein Wort. Dann hört er Luigi sagen: „Einen Jungen habe ich doch schon!“

Dann springt er auf, seine Mitspieler rennen hinterher, man läuft um die Aschenbahn, Luigi gestikuliert mit den Händen, wirft Handküsse in die Menge, bekreuzigt sich, ruft den Zuschauern zu, die das Stadion nicht verlassen:

„Luigia, Maria, Giovanna, gracie, gracie!“, und die Menge fällt in sein Geschrei ein.

Welch ein Glück!

Luigi lässt sich das Mikrofon geben. Was er wohl sagen wird, denkt die Menge. Seine Fans wissen: Mädchen sind für einen Verein das Größte, sie werden einmal viele Jungen zur Welt bringen, begnadete Fußballer für Sizilien, Soccer für die Zukunft.

„Lasst uns Gott danken!“, tönt es aus den Lautsprechern. „Feiert mit mir und der Mannschaft. In einer halben Stunde beten wir in unserer schönen Kathedrale, in der unser Kardinal das Dankeschön zelebrieren und uns ins Weihnachtsfest einführen wird.“

Bevor man den Innenraum der Arena verlässt, lässt sich Luigi sein Handy vom Trainer zurückgeben, das dieser vor dem Spiel einkassiert hat. Er tritt ein wenig zur Seite, um mit seiner Frau Anna zu sprechen. Roberto hat sich unauffällig zu ihm geschlichen, und Luigi hat es zugelassen.

„Anna, tausend Glückwünsche, alles Gute! Ich bin morgen früh im Krankenhaus. Wir haben für unsere Töchter gewonnen und werden Gott heute in einer Messe mit dem Kardinal danken.“

„Natürlich, Liebling!“, hört Roberto mit. Dann schaltet Luigi das Handy aus.

 

„Morgen früh?“, fragt Roberto fast tonlos, ja, ein bisschen zittert sogar seine Stimme.

„Etwa Angst?“

„Ja, dass du mich hoch nimmst!“, antwortet Roberto resignierend.

„Genau am Südstrand, ich kenne einen Pfad dahin, oder gibt es für dich keinen Grund mit mir allein zu feiern?“

 

Kai Steiner   Fin im Glück

 

186 Seiten

ISBN 978-3-86361-376-1

Auch als E-book

 

Philipp, ein Hetero in den besten Jahren, trifft auf Fin, einen dreiundzwanzigjährigen Physiotherapeut.

Die Welt steht für beide Kopf: Philipp verlässt seine hetero Welt, weiß nicht recht wie ihm geschieht. Fin erlebt sein schwules coming-out. Überschäumendes Glück  bei beiden. Anfeindungen aus ihrem Umfeld und schließlich die bange Frage nach Treue und Akzeptanz bestimmen diesen einfühlsamen Roman bis zum überraschenden Ende.

Felix Demant-Eue   El Canto de Amor

FELIX DEMANT-EUE EL CANTO DE AMOR(GESANG DER LIEBE)

Der fliegende Mann empor geschleudert wie eine Puppe, anfänglich, wie es schien, in einer ununterbrochenen Schleife immer wieder vor seinem geistigen Auge vorüber wirbelnd, kam in seinen Traumbildern nun nicht mehr vor. Dafür plötzlich andere, schönere Szenen. Zwei Augen wie Opale. Eine Reihe von Perlen, glänzende Zähne. Ein betörendes Lächeln. Eine sanfte Stimme. Aus Dunst und Nebel steigen diese Erscheinungen, diese Töne auf. Versinken jedoch stets erneut in Finsternis und Schweigen. Lindgrün gekleidete Gespenster schwanken lautlos in diffusem Schimmer umher. Dazwischen aber immer wieder: Eine graue Frau schaut unverwandt aufs Meer. Auch sie entschwindet im Dämmerlicht. Löst sich auf wie die Fischerfamilie, die eng umschlungen unbeweglich steht, Mann, Frau und Kind. Und ab und an, wie aus der Tiefe vergangener Zeiten, eine Stimme wie eine süße Melodie, sanft und beschwörend. Dazu das rhythmische Plätschern von Wellen.

Aus diesen wiegenden, ihn umschmeichelnden Wassern schwebte er nun langsam empor. Er öffnete ängstlich die Augen. Über ihm Weiß. Drähte hingen an seiner Seite und eine Plastikflasche oberhalb seines Gesichtsfelds. Aus ihr träufelte Flüssigkeit über eine dünne Röhre in seine Unterarmvene.

Die Augenlider wurden ihm wieder schwer.

Das Weiß der Zimmerdecke schwindet, die Drähte, die Flüssigkeit spendende Flasche. Alles versinkt wieder im Nebulösen.

Und dann aus der Dämmerung erneut dieses Gesicht. Er hat das schmale jungenhafte Gesicht schon gesehen. Er kennt es. Er weiß nicht woher. Es spricht.

Oh, diese Stimme!

„Endlich. Öffne die Augen. Schau mich an, Manuel. Bitte!“

Er wollte seine Augen nicht öffnen. Er hatte Angst, dass dieses schöne Gesicht seiner Träume entschwindet. Er hatte Angst, diese melodisch klingende Stimme in seinem Inneren nicht mehr hören zu können. Er wollte all diesen Zauber festhalten, mitnehmen in seine diffusen Nachtbilder.

Etwas Weiches berührte ihn. Eine sanfte Hand streichelte über seine Wange. Ein Wonneschauer durchlief seinen Körper, den er in diesem Augenblick zum ersten Mal wie neu erschaffen spürte. Er nahm sich selber wieder wahr. Er öffnete nun doch widerwillig die Augen.

Und da war dieses Gesicht dicht über dem seinen. Und das Lächeln war da und jene Augen, die wie zwei Opale glänzten. Und da war auch dieser Mund, dessen geschwungene Lippen sich öffneten und eine Perlenreihe schimmernder Zähne aufscheinen ließen. Und dieser Mund formte Worte, formte Worte mit jener Stimme, die er so sehr liebte.

Der junge Mann aus seiner Fantasiewelt war tatsächlich dicht über ihn gebeugt. Seine milden Hände streichelten ihn. Eine seiner schwarz glänzenden lockigen Haarsträhnen fiel auf seine fein gewölbte Stirn, legte sich kurz wie ein Geflecht chargierenden Samts auf feucht glänzende Haut. Die Korkenzieherlocke berührte vage die geschwungenen Augenbrauen, schwang dann wie von einem Windhauch bewegt in geringem Abstand über dem schmalen, leicht gebogenem Nasenrücken, pendelte aus, kam zur Ruhe.

All das beobachtete er wie in einem Zeitraffer. Noch immer kam ihm dieser junge Mann unwirklich vor, wie eine Fata Morgana seiner Nachtwelt. Doch dieses Traumbild sprach:

„Du warst ohnmächtig. Nicht bei Bewusstsein. Hast tief geschlafen. Aber nun bist du wieder unter den Lebenden. Oh Mann, bin ich froh. Du hast es überstanden. Gott sei Dank!“

Er wusste nicht, was er überstanden hatte. Es gab daran keine Erinnerung. Es gab nur diffuse Bilder.

Er lag, stellte er nun überrascht fest, in einem Bett. Zum ersten Mal nahm er das Krankenzimmer wahr. Er sah die beiden Fenster an seiner rechten Seite und am anderen Ende des Raumes eine Tür.

Dieser junge Mann neben seinem Bett hatte einen lindgrünen Kittel an. Er war ihm irgendwie sehr vertraut und schaute ihn liebevoll an.

Er wollte etwas sagen. Aber seine Stimme spielte nicht mit. Es kam nur ein Röcheln heraus.

Ihm fielen wieder die Augen zu.

Und wieder steht da die graue Frau im bodenlangen Kleid am Ufer. Sie hat ihre rechte Hand über ihre Augen Schatten spendend an die Stirn gelegt. Sie blickt erwartungsvoll hinaus aufs Meer.

Das Meer! Er sieht jetzt sich selbst auf der Kaimauer am Ufer stehen, nah bei dieser Frauenfigur. Sie ist über mannshoch. Neben dieser Statue wirkt er winzig wie ein Kind. Langsam wendet er sich von der Skulptur ab, schaut zum Strand hinüber. Auf hellem feinen Sandstreifen spielen junge Männer mit einem roten Ball. Sie haben Badeshorts an. Ihre von der Sonne verwöhnten Körper glänzen kupferfarben. Sie recken sich, sie beugen sich, sie rennen und lachen.

Mit geschlossenen Augen flüsterte er: „Schön.“

„Oh, Manuel, Manuel, du hast gesprochen. Was ist schön?“

„Die spielenden jungen Männer. Die sind sehr schön“, lächelte er still in sich hinein.

„Was für spielende Männer?“

Er verstand diese Frage nicht.

Da sind sie, diese Ball spielenden jungen Männer am Strand. Ihr Lachen hallt wider in seinem Ohr. Er hört es deutlich. Der rote Ball fliegt hoch in die Luft. Er scheint einen Augenblick im Blau des Himmels bewegungslos zu schweben. Dann stürzt er in einem Bogen herab. Einer der Ballspieler springt ihm nach. Er wirbelt herum, trifft den Ball mit seinem rechten Fuß. Der Schuss jagt den Ball gegen die Kaimauer und dann hinein in die Dünung. Die rote Kugel des Balls tanzt auf den Wellen. Der junge Mann ist beim Schuss rücklings in den Sand gefallen. Sein schwarzes Haar schüttelt er, Sand rieselt aus seinen Locken. Im Aufstehen schaut er lächelnd zu ihm hinüber. Zu ihm, der da still beobachtend bei der Frauenstatue steht. Dann hechtet der junge Mann in die Fluten, schnappt den Ball, kehrt ans Ufer zurück, spricht mit seinen Kumpanen, überreicht ihnen den Ball und kommt langsam auf ihn zu. Dieses Bild - der junge Mann lächelnd auf ihn zukommend, mit tropfnasser Haut, feucht die dunklen Haare, am Körper klebend die Badeshorts und so deutlich sich abzeichnend, was er zwischen seinen Schenkeln hat - dieses Bild steht jetzt klar vor seinem inneren Auge.

Und in diesem Augenblick, wurde ihm bewusst, woher er dieses Gesicht aus seinen Träumen kennt. Dieses Gesicht ist das Gesicht vom Strand, dieses Gesicht ist das Gesicht des jungen Mannes neben seinem Bett. Dieses Gesicht ist das Gesicht seines neuen Freundes.

Er nickte dankbar und lächelte. Er streckte Roberto seinen mit der Plastikflasche durch ein durchsichtiges Kabel verbundenen Arm, seine Hand vorsichtig entgegen.

Nun wusste er, wer da neben seinem Bett stand, aber immer noch nicht, warum er im Krankenhaus in einem Bett lag.

Sein Freund Roberto schien seine Gedanken zu lesen. „Du hattest einen Unfall. Du wurdest von einem Motorradfahrer angefahren, Manuel. Der Motorradfahrer wurde dabei sehr schwer verletzt. Er liegt immer noch im Koma.“

Manuel nickte nachdenklich. Jetzt erinnerte er sich. Der fliegende Mann seiner Fantasie, das war jener stürzende Motorradfahrer und er murmelte „Tut mir leid.“

„Muss dir nicht leid tun. Der Kerl ist wie der Teufel auf dem Bürgersteig herum gerast. Und das auch noch ohne Sturzhelm.“

„So ein Leichtsinn.“

„Ja, und man hat keine Papiere bei ihm gefunden. Nun weiß man nicht, wen man verständigen soll. Denn es steht noch nicht fest, ob er überhaupt durchkommt.“

„Oh, Scheiße. Weiß auch die Polizei nichts über diesen Motorradfahrer?“

„Nein. Er scheint nicht vermisst zu werden. Das Motorrad war wohl geklaut.“

„Der Arme. Hast du ihn gesehen? Wie alt schätzt du ihn?“

„Ich hab ihn bei der Einlieferung kurz gesehen. Da war er völlig eingewickelt. Soll aber ein junger Typ sein.“

„Bin ich schon lange hier?“

„Heute ist der sechste Tag.“

„Warst du oft hier bei mir?“

„Jeden Tag.“

„Wann komme ich hier raus?“

„Der Arzt sagt, dass du in den nächsten Tagen nach einer Schlussuntersuchung wahrscheinlich entlassen werden kannst.“

„In den nächsten Tagen. Schön.“ Nach einer Minute des Schweigens. „Ist es schlimm? Ich meine, hab ich bleibende Schäden, oder so?“

„Gott sei Dank, nein, nicht sehr. Eine mittelschwere Gehirnerschütterung, eine Platzwunde am Kopf. Darum auch der schöne Turban. Sieht toll aus der Kopfverband, wirklich“, lächelte Roberto. „Na ja, einige Prellungen und zwei gebrochene Rippen. Das ist alles. Der wesentliche Teil von deinem Korpus ist völlig unversehrt und ich denke, noch voll funktionsfähig. “

Manuel lächelte matt. „Woher willst du das wissen?“

„Ich hab nachgeschaut, als du ohnmächtig warst. Hab die Bettdecke hochgehoben. Und unter den Kittel geschaut. Alles noch an seinem Platz.“

„Aber zwei Rippen gebrochen. Dann können wir in nächster Zeit höchst wahrscheinlich nicht miteinander schlafen, oder?“

Roberto lachte. „Jetzt bist du wieder der Alte! Wenn man es vorsichtig macht, Schatz, warum dann nicht auch Sex mit einem Krüppel?“

„Sei nicht so frech. Nur weil ich mich jetzt nicht wehren kann.“

„Sollst dich ja auch nicht wehren“, flüsterte Roberto und gab Manuel einen Kuss auf die Stirn. Dann wandte er sich um, zog einen Stuhl herbei und setzte sich.

„Ich hatte merkwürdige Träume, Roberto“, begann Manuel. „Dauernd war da eine Frau, die aufs Meer hinaus schaute und eine Fischerfamilie. Große Figuren. Wenn ich mich aber nun recht erinnere, stehen diese Skulpturen nahe dem Strand, an dem du mit den anderen Fußball gespielt hast, richtig?“

„Richtig. Dein Gedächtnis funktioniert wieder normal. Das war unser beider Glückstag. Da lernten wir uns kennen. Und du hast völlig recht. Die Frau und die Fischerfamilie sind zwei Bronzestatuen. Sie stehen auf der Kaimauer am Ufer. Wenn man in Richtung Hafen geht, kommt man an ihnen vorbei. Du standest neben diesen Figuren und hast unverwandt zu uns, das heißt, zu mir, hinübergeschaut. Und dann hab ich dich auch gesehen. Und da hat’s geknallt. Ich hab prompt den Ball verschossen und mich augenblicklich in dich verliebt.“

„Und kamst auch gleich zu mir rüber.“

„Bis jetzt hab ich’s keine Sekunde bereut“, lächelte Roberto.

„Ich möchte meine Mutter anrufen, Roberto. Die hat sechs Tage nichts von mir gehört. Und gerade jetzt zu Weihnachten, da wartet sie bestimmt auf einen Anruf. Wird sich Sorgen machen. Gib mir bitte mein Handy. Es muss da auf dem Tischchen liegen.“

Roberto überreichte Manuel das Mobiltelefon. „Da. Ich komm nach Dienstschluss wieder vorbei. Muss jetzt auf Station.“ Er stand auf, beugte sich herab und küsste Manuel auf den Mund. „Die anderen Patienten warten. Bis dann.“ Roberto verließ den Raum.

Dieser Kuss hatte Manuels Lebensgeister endgültig geweckt. Er spürte, wie sein Schwanz steif wurde.

Bloß jetzt nicht, dachte Manuel.

Er nahm das Handy, drückte die Tasten und legte sich das Telefon ans Ohr. Ein Gespräch mit seiner Mutter, hoffte Manuel, würde ihn auf andere Gedanken bringen.

 

Nach dem Telefonat überlegte Manuel, wie alles auf dieser Vulkaninsel begonnen und sich unerwartet zum Guten gewendet hatte.

Über die Weihnachtsfeiertage hatte er sich auf Fuerteventura im Hotel „Corralejo Beach“ einquartiert. Er hatte gehofft, in dieser fremden Umgebung die überraschende und äußerst befremdliche Trennung von seinem Freund Antonio besser verwinden zu können. Eine Trennung, die zwar schon etwas länger her war, ihm aber immer noch zu schaffen machte.

Über die Weihnachtsfeiertage empfand er immer besonders stark ein diffuses trauriges Gefühl des Verlassenseins. Vor allem schmerzte Manuel nach wie vor die Art der Trennung von Antonio.

So war er, um besser vergessen zu können, über die Festtage nach Fuerteventura geflohen. Und hier im Feiertagstrubel hatte ihn nun sein Glück ereilt, Roberto:

An jenem denkwürdigen Tag am Strand streifte sich Roberto ein T-Shirt über, strich sich durch seine dunklen Locken, zog seine Sandalen an, kam zu ihm auf die Kaimauer in seinen durchnässten Shorts. Er näherte sich mit einem unverschämt herausfordernden Lächeln. Er stellte sich neben ihn, als wäre das eine Selbstverständlichkeit und sagte nur: „Roberto.“ Dann wies er auf die hölzerne Bank, die vor der bronzenen Frauenfigur steht, setzte sich und forderte ihn mit einer unmissverständlichen Geste auf, neben ihm Platz zu nehmen. Mit weichen Knien folgte Manuel dieser Bitte all zu gern. Es war um ihn geschehen. Sein Herz hatte angefangen zu rasen, seine Kehle war trocken geworden, Schweiß ihm ausgebrochen.

„Wo kommst du her?“, fragte Roberto mit seiner melodisch sanften Stimme, „wie heißt du?“

„Ich komme aus Madrid und heiße Manuel.“

„Urlaub?“

„Ja und nein. Ich suche Abwechslung und Trost.“

„Abwechslung? Dabei kann ich dir sicher helfen, was meinst du?“

„Ja. Sehr wahrscheinlich kannst du das“, stotterte Manuel und spürte, dass er einen roten Kopf bekam.

„Du bist allein?“

„Ich war allein. Jetzt nicht mehr, wie ich sehe.“

„Ich mein, hast du einen Freund?“

„Ich hatte einen Freund. Der ist verschwunden.“

„Wie verschwunden? Menschen verschwinden doch nicht einfach so.“

„Mein Freund Antonio schon. Er ist verschwunden.“ Manuel kramte sein Portmonee heraus. Er entnahm ihm ein Foto und hielt es Roberto unter die Nase. Der schaute sich das Bild an. Dann reichte er es Manuel zurück. „Nicht übel. Hast du mal bei seinen Eltern nachgefragt, ob die wissen, wo er ist?“

„Seine Eltern leben auf Kuba. Und auch sonst hat er niemanden in Spanien.“

„Oh Mann, niemanden!“ Roberto schwieg einen Augenblick. Dann sagte er träumerisch: „Ein Kubaner mit so toll blauen Augen.“ Nach einer weiteren Pause fiel ihm ein: „Vielleicht ist er ja zurück nach Kuba. Wäre doch möglich. Wie lang wart ihr denn zusammen?“

„Über vier Jahre.“

„Ob er Heimweh hatte, der Antonio?“

„Nein, sicher nicht.“

„Woher willst du das wissen?“

Manuel griff wieder in sein Portmonee und zog einen zusammengefalteten Zettel heraus. „Darum. Weil er diese paar Zeilen hinterlassen hat. Lies selbst.“

Roberto faltete das Papier auseinander. Er las: Kann nicht länger bei euch bleiben, obwohl ich euch liebe. Dank für alles. Tut mir leid, aber es geht nicht. Ich muss allein meinen Weg gehen. Sucht mich nicht. Ihr hört bestimmt von mir. Antonio.

Indem Roberto die Abschiedszeilen Antonios Manuel zurückgab, schüttelte er den Kopf: „Wirklich komisch. Und wen meint er denn mit euch?“

„Damit meint er meine Mutter und mich. Eines Abends fand ich den Zettel im Flur. Ich sah in seinem Zimmer nach. Er hat nur das mitgenommen, was er bei sich hatte, als er bei uns einzog, also so gut wie nichts. Antonio hat bei uns gewohnt. Meine Mutter mochte ihn wie einen Sohn. Er hatte sein eigenes Zimmer, das brauchte er auch. Antonio hat beinahe täglich geübt.“

„Geübt?“

„Er macht Musik. Spielt mehrere Instrumente, singt, komponiert.“

Manuel faltete das Schreiben von Antonio wieder sorgfältig zusammen. Er steckte es zurück in seinen Geldbeutel. „Antonio war beinahe immer auf seinem Zimmer, fast den ganzen Tag. Oft hab ich ihn gehört, wenn er eine neue Melodie ausprobierte und wenn er dazu seine eigenen Texte sang. Er hat eine sehr einschmeichelnde Stimme.“ Manuel schwieg in Erinnerung an diese Stimme. Dann fuhr er nachdenklich fort: „Nur manchmal abends ging er an die frische Luft. Ein komischer Kauz, ein Künstler halt.“ Wieder machte er eine Pause, dann: „Ach komm, lass uns gehen.“

„Aber du hast ihn geliebt?“

„Ich vermisse ihn noch immer. Obwohl er nun schon über ein halbes Jahr verschwunden ist.“

„Und du hast nichts mehr von ihm gehört?“

Manuel schüttelte betrübt den Kopf. „Keinen Pieps. Er ist wie vom Erdboden verschwunden.“

 

In Robertos Apartment in der Calle Gallo waren sie, kaum das sie die Wohnung betreten hatten, in wildem Rausch sexueller Lust über einander hergefallen.

Dann hatten sie gemeinsam Musik gehört. Immer noch nackt nebeneinander im breiten Bett liegend, fragte Roberto: „Kannst du länger bleiben? Was machst du eigentlich in Madrid?“

„Zwei Fragen auf einmal“, lachte Manuel. „Gut, ich entwickle Software. Speziell für Kliniken. Und insofern könnte ich überall leben. Also auch hier auf dieser Insel. Und ich bleibe vorerst auf jeden Fall bis nach Heilige Drei Könige.“

„Das ist ganz toll“, begeistert richtete sich Roberto auf. „Heilige Drei Könige fällt dieses Jahr auf einen Donnerstag, da kannst du doch auch noch das Wochenende dran hängen, oder?“

„Klar, geht in Ordnung.“

„Und ich schenk dir was.“

„Toll. Und was?“

„Meine Liebe.“

„Ich denke, die hab ich doch schon, oder?“

„Ja. Aber du bekommst mehr davon. Wenn du ganz nach Fuerteventura ziehst. Wir wohnen zusammen. Hier hast du sowieso besseres Wetter. In Madrid, hab ich im Wetterbericht gesehen, ist’s jetzt saukalt.“

„Im Prinzip hätte ich gegen einen Umzug auf diese Insel nichts einzuwenden“, stimmte Manuel lächelnd zu und küsste Roberto. „Meine Mutter wird das allerdings nicht so toll finden. Ihr einziger geliebter Sohn so weit weg“, stöhnte Manuel theatralisch.

„Deine Mutter hat dann gewissermaßen gleich zwei Söhne verloren.“

„Zwei?“

„Ja, hast mir doch erzählt, dass sie den Antonio wie einen Sohn geliebt hat. Der ist nun weg und dann demnächst auch du. Aber deine Mutter kann uns ja jederzeit besuchen.“ Nach einer Pause fragte er: „Du hast keine Geschwister?“

„Nein. Ich bin ein verhätscheltes Einzelkind“, lachte Manuel.

„Das verhätschelte Einzelkind werde ich schon ordentlich verwöhnen.“

„Und du? Hast du noch Geschwister? Wo lebt deine Familie?“, wollte Manuel wissen.

Roberto antwortete nicht, er beugte sich über Manuels Schwanz und fing an, ihn zu lutschen. Manuel stöhnte: „Mein Gott, machst du das gut. Du bist ein Meister auf dem Gebiet.“ Er schloss die Augen und überließ seinen geilen Riemen ganz Robertos kunstvoller Liebkosung.

 

Nachdem sich die beiden geduscht hatten, spazierten sie die Strada del Carmen hinunter. Überall leuchtete bunter Weihnachtsschmuck an Straßenlaternen. Lichterketten waren quer über die Fahrbahn gespannt. Roberto fragte: „Magst du diesen ganzen Kitsch?“

„Nein, eigentlich nicht, ist mir aber egal. Um diese Jahreszeit entkommt man ihm nicht. Überall derselbe Rummel.“

Die beiden Freunde gingen in Richtung Hafenviertel. Dort ließen sich die zwei Verliebten auf der Terrasse eines Fischrestaurants nieder.

„Was macht eigentlich dein Vater?“, wollte Roberto wissen, „der meine ist nämlich mit einer anderen Tussi auf und davon. Da war ich gerade zehn Jahre alt.“

„Mein Vater ist, nein, er war Stierkämpfer.“

„Hola, ein Matador. Ein berühmter? Und wieso war. Ist er tot?“

„Nein, tot ist die alte Schwuchtel nicht.“

„He Mann, wieso Schwuchtel? Immerhin ein Matador, ich bitte dich! Und dein Vater.“

„Also, berühmt war mein Vater Domingo Sandro Perez in seinen jungen Jahren schon, so viel ich weiß. Sandro Perez, sagt dir der Name etwas? Heute leitet er in der Nähe von Cordoba eine Stierkämpfer-Schule.“

„Nein, der Name sagt mir nichts“, schüttelte Roberto den Kopf. „Hab mich auch nie für diese besondere Art der Tierquälerei interessiert. Ja aber, warum nennst du deinen Vater eine Schwuchtel?“

„Du hast doch sicherlich schon einmal so eine corrida im TV gesehen, oder?“

„Na, so mehr nebenbei.“

„Also“, begann Manuel, „vor dem Haupteingang der berühmten Stierkampfarena in Madrid steht eine Skulptur. Sie ist zum Gedenken an einen in der Arena vom Stier getöteten Matador errichtet worden.“

„Hat der Stier gut gemacht“, fiel Roberto Manuel ins Wort.

„Das sehe ich eigentlich auch so“, stimmte Manuel zu, „denn so ein Stier hat überhaupt keine Chance. Es ist ein unfairer Kampf. Doch nun zu dieser Skulptur vor der Arena: Sie zeigt auf der einen Seite einen sehr schönen bronzenen Stierschädel mit mächtigen Hörnern. Dieser schöne Stierkopf ragt triumphierend aus einem Granitblock heraus. Auf der Rückseite dieses Steins ist eine Bronzetafel, die den Namen und das Todesdatum des Toreros nennt. Darunter steht ein einfacher Stuhl, auf ihm liegen die Muleta, also das rote Tuch mit dem so ein Stier gereizt wird, und natürlich auch der Degen des toten Stierkämpfers. Und neben dem Stuhl, jetzt kommt das Entscheidende, kniet ein nackter Jüngling und trauert.“

„Vielleicht soll das sein Sohn sein, der da trauert.“

„Wenn der Bildhauer den Sohn des Getöteten gemeint hätte, dann wäre der Knabe nicht nackt. Nein, mein Lieber. Das Ritual einer corrida de toros hat der Bildhauer schon sehr richtig durchschaut. Guck dir doch mal diese aufgetakelten Machos an: Sie treten auf in enger Strumpfhose, die ihre Arschbacken knackig hervorhebt und mit künstlich ausgepolstertem Genital, trippeln herum in Schühchen wie Balletttänzer, tragen mit Perlen bestickten enge Westen und Hemden mit Rüschen. Dazu dann noch eine Perücke mit einem Zöpfchen. Ich bitte dich, wenn das nicht super schwul aussieht.“

„Sie bewegen sich eigentlich auch wie Tänzer“, gibt Roberto zu

„Und die Zuschauer jubeln, wenn so eine Tunte den zuvor schon völlig verstörten und geschwächten Stier abmurkst. Lächerlich, das Ganze.“

„Warst du schon mal beim Stierkampf?“

„Erst als ich älter war. Meine Mutter wollte nämlich nicht, dass ich als Kind so etwas sehe. Und als ich dann später doch einmal in der Arena in Madrid war und sah, was da tatsächlich geschieht, da war ich meiner Mutter für ihre Umsicht im Nachhinein dankbar.“

„In einigen Regionen ist der Stierkampf ja inzwischen verboten. Gott sei Dank. Und auf den Kanaren hat es so etwas nie gegeben“, betonte Roberto.

„Und du kommst von hier? Bist hier geboren?“

„Ja! Vor dreiundzwanzig Jahren. Ein echter Kerl von der Insel Fuerteventura“, antwortete Roberto schmunzelnd.

 

Während sich Manuel an das Gespräch mit Roberto auf der Terrasse des Restaurants erinnert, tritt ein Arzt an sein Bett. „Na, wie haben wir denn geschlafen?“

Manuel braucht eine Weile, um aus der Erinnerung in die Gegenwart zurück zu finden. Er hat den Weißkittel nicht kommen gehört. Es dauert eine Zeit, bis er realisiert, dass diese Frage nicht zu seiner Fantasiewelt gehört.

Der Arzt beugt sich über ihn und misst seinen Puls. Dann schaut er ihm in die Pupillen. Manuel hört, wie eine Krankenschwester hereinkommt. Sie schiebt einen Rollstuhl ins Zimmer. Sie trägt einen lindgrünen Kittel. Sie grüßt den Arzt und lächelt Manuel zu.

Der denkt, warum der Rollstuhl?

Und das Blut stockt ihm in den Adern.

Einen Rollstuhl für mich? Bin ich doch schwerer verletzt als Roberto es mir gesagt hat?

Der Arzt tritt einen Schritt zurück. Die Schwester befreit Manuel vom Tropf. „So, jetzt versuchen wir mal aufzustehen. Aber vorsichtig“, sagt sie und greift Manuel unter die Arme. Manuel richtet sich langsam auf. Ihm wird schwindelig.

„Noch benommen?“, fragt der Arzt, „das wäre kein Wunder bei einer Gehirnerschütterung.“

Manuel, immer noch mit der Frage beschäftigt, warum man für ihn einen Rollstuhl ins Zimmer geschoben hat, reagiert nicht. Den Rollstuhl hat der Arzt jetzt dicht neben das Bett gestellt. Die Schwester nimmt das Mobiltelefon, das immer noch da liegt, wo Manuel seinen Kopf auf dem Kissen gelagert hatte, und tut es auf das seitliche Schränkchen. Sitzend dreht sich Manuel nun der Bettkante zu und lässt sich dann, von der Schwester gestützt, in den Rollstuhl gleiten.

„Jetzt geht’s ab zur Untersuchung“, verkündet die Schwester, und breitet eine Decke über Manuels Knie und Unterkörper aus. Danach stellt sie sich hinter den Rollstuhl und bugsiert den in eine Decke eingehüllten Patienten aus dem Zimmer. Der Arzt folgt auf leisen Sohlen dem Krankentransport.

Manuel hat Angst. Während er im Bett lag, die letzten Tage, da hat er seine Beine nicht gespürt, fällt ihm jetzt mit Schrecken ein. Wenigstens kann er sich nicht erinnern, sie bewegt zu heben. Manuel hat Angst, gelähmt zu sein. Er hat Angst, traut sich aber nicht zu fragen. Er fürchtet die Antwort.

„Immer schön ruhig sitzen“, mahnt ihn die Schwester, „jetzt fahren wir zuerst einmal zum Röntgen, dann sehen wir weiter.“

 

Und man hat dann weiter gesehen.

Manuel ist jetzt wieder zurück auf seinem Krankenzimmer. Er sitzt aufrecht im Bett und denkt über sein Schicksal nach. Er kann sich jetzt wieder genau an den Unfall erinnern.