Perry Rhodan Kompakt 2: 60 Jahre Arndt Ellmer - Arndt Ellmer - ebook

Perry Rhodan Kompakt 2: 60 Jahre Arndt Ellmer ebook

Arndt Ellmer

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Opis

Am 26. Februar 2014 feiert Arndt Ellmer seinen sechzigsten Geburtstag, ein besonderes Jubiläum für den dienstältesten PERRY RHODAN-Autor. Als Geburtstagsglückwunsch der besonderen Art gibt's ein PERRY RHODAN-Kompakt, eine kleine Zusammenstellung von Arndt-Ellmer-Romanen. Zwei Planetenromane sowie vier Heftromane rücken das Werk dieses Schriftstellers in den Vordergrund, dazu kommen Fotos und ergänzende Texte. Folgende Romane sind enthalten: - PERRY RHODAN-Planetenroman Band 4: "Griff nach der BASIS" - PERRY RHODAN-Planetenroman Band 28: "Ein Befehl für Hamiller" - PERRY RHODAN-Erstauflage Band 1429: "Hamillers Herz" - PERRY RHODAN-Erstauflage Band 1430: "Hamillers Puzzle" - PERRY RHODAN-Erstauflage Band 1614: "Beauloshairs Netz" - PERRY RHODAN-Erstauflage Band 1615: "Jaobouramas Opfergang"

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Kompakt 2

60 Jahre Arndt Ellmer

Eine kleine Werkschau

zum PERRY RHODAN-Kosmos

des beliebten Schriftstellers

Vorwort

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

der Grund für dieses zweite PERRY RHODAN-Kompakt liegt auf der Hand: Am 26. Februar 2014 konnte Arndt Ellmer seinen sechzigsten Geburtstag feiern, ein besonderes Jubiläum für den dienstältesten PERRY RHODAN-Autor.

Als Geburtstagsglückwunsch der besonderen Art präsentieren wir dieses PERRY RHODAN-Kompakt, eine kleine Zusammenstellung von Arndt-Ellmer-Romanen. Zwei Planetenromane sowie vier Heftromane rücken das Werk dieses Schriftstellers in den Vordergrund, dazu kommen Fotos und ergänzende Texte.

Seit den frühen 80er-Jahren schreibt der Autor für das Perryversum; von ihm stammen zahlreiche Romane und Kurzgeschichten. Die stilistische und inhaltliche Bandbreite ist dabei enorm – aber jeder Autor hat seine Schwerpunkte. Bei Arndt Ellmer sind das vor allem seltsame Außerirdische.

Dazu zählen die Blues, über die er in den 90er-Jahren bereits einmal eine Multimedia-CD-ROM zusammenstellte, ebenso die wolfsähnlichen Wlatschiden oder die spinnenähnlichen Arcoana. Sie alle wurden von ihm stets sehr feinfühlig und mit augenzwinkerndem Humor geschildert.

Zu den Figuren, die er in seinen Romanen gerne verwendete, gehören darüber hinaus Wissenschaftler und ihre »Forschungsergebnisse«. Am riesigen Raumschiff BASIS, seiner Besatzung und ihrem Schicksal fand er stets besonderes Interesse.

Aus diesem Grund haben wir für dieses PERRY RHODAN-Kompakt die zwei Planetenromane ausgewählt, die die BASIS ins Zentrum der Geschichte stellen. »Ein Befehl für Hamiller« und »Griff nach der BASIS« (hier nicht in der Reihenfolge der Bandnummern, sondern in der Reihenfolge der geschilderten Ereignisse genannt) präsentieren ebenso eine Chronik dieses Raumschiffes, wie dies die Heftromane »Hamillers Herz« und »Hamillers Puzzle« tun.

Bei den PERRY RHODAN-Fans galten stets die sogenannten Arcoana-Romane als besonders spannend und lesenswert; aus diesem Grund sind sie in diesem PERRY RHODAN-Kompakt enthalten: »Beauloshairs Netz« und »Jaobouramas Opfergang« erzählen die Geschichte einer interstellaren Zivilisation, die auf anderen Prinzipien basiert als jede menschliche Kultur – eine faszinierende Reise in eine ferne Galaxis und in ebenso ferne Zeiten ...

Sechzig Jahre Wolfgang Kehl, über dreißig Jahre Arndt Ellmer, davon 25 Jahre im Dienst der Leser – der ehemalige Jungautor ist längst ein erfahrener Schriftsteller geworden, der mit seiner Erfahrung eine Stütze des PERRY RHODAN-Teams ist.

Arndt Ellmer:

Der dienstälteste PERRY RHODAN-Autor

Seit einem Vierteljahrhundert hält er den direkten Kontakt zu den PERRY RHODAN-Lesern: Wolfgang Kehl, im Südschwarzwald wohnhaft und unter dem Pseudonym Arndt Ellmer seit 1983 als Autor an der PERRY RHODAN-Serie beteiligt. Jede Woche erscheinen in den PERRY RHODAN-Romanen Leserkontaktseiten, auf denen Fans diskutieren und kommunizieren. Seit 1989 werden sie von Arndt Ellmer betreut.

»Bei PERRY RHODAN genießen die Leserbriefe erste Priorität«, so charakterisiert Arndt Ellmer seine Aufgabe. »Ohne den direkten Kontakt zu den Lesern wäre die Serie nie so weit gekommen.« Woche für Woche treffen Dutzende Leserbriefe und E-Mails in der PERRY RHODAN-Redaktion ein. Daneben ist der Leserkontakter auch noch in Foren und auf Facebook aktiv, um mitzubekommen, »wie die Leser ticken«.

Arndt Ellmer fasst die Essenz der Leserbriefe wöchentlich zur Leserkontaktseite (LKS) zusammen, beantwortet aber ebenso sorgfältig jedes Schreiben. »Die Leser erwarten auf jeden Fall eine Antwort, sowohl auf Kritik als auch auf Lob und Anregungen.« Das ist nicht immer einfach: »Für manche Leser bin ich fast eine Art Beichtvater, in diesen Briefen spiegelt sich häufig die persönliche Situation der Verfasser wider.« Kein Wunder, dass Arndt Ellmer in Fan-Kreisen längst den Spitznamen »der LKS-Onkel« verliehen bekommen hat.

Wobei Arndt Ellmer, Jahrgang 1954, den Bezug zur Science Fiction schon recht früh herstellte: »Mit acht Jahren entdeckte ich gewissermaßen die Sterne. Ich sah, dass es sie tatsächlich gab, die fernen Sonnen. Ein kleines Buch über den Sternenhimmel vervollständigte meinen Traum von der Unendlichkeit. Bis heute hält er mich gefangen.« Wohl auch aus diesem Grund verlor Ellmer in all den Jahren der Schule und des Studiums der Sprachwissenschaften nie den Kontakt zur phantastischen Literatur.

Erste Fangeschichten erschienen in den 70er-Jahren; sein erster Roman wurde 1980 im Zauberkreis-Verlag publiziert. Rasch kamen weitere Titel auf den Markt. Ebenfalls 1980 erschien das PERRY RHODAN-Taschenbuch Nummer 213 »Weg in die Unendlichkeit«. 1981 stieg Ellmer in die ATLAN-Serie ein. 1983 kam dann PERRY RHODAN hinzu. Daneben entstanden zahlreiche Einzelromane, unter anderem der beliebte Zyklus um die »Sternenkinder«.

In diesen Jahren und Jahrzehnten veröffentlichte er weit über 200 PERRY RHODAN-Romane; dazu kamen Dutzende von ATLAN-Romanen, über zwanzig PERRY RHODAN-Taschenbücher, ein abgeschlossenes Hardcover unter dem Titel »Im Netz der Nonggo, einen Roman zu PERRY RHODAN NEO sowie zahlreiche Kurzgeschichten. Mit der CD-ROM »Die Blues«, die eines der exotischsten Völker der PERRY RHODAN-Serie präsentierte, setzte der Autor schon in den 90er-Jahren Maßstäbe in Sachen Multimedia.

Neben Science-Fiction-Romanen arbeitete der Autor erfolgreich in anderen Genres. So schrieb er für Serien wie »Der Hexer«, »Die Ufo-Akten«, »Vampira«, »Dämonenland« und andere. Daneben erschienen Krimis, Frauenromane sowie Hörspiele unter verschiedenen Pseudonymen.

Planetenroman

Band 28

Ein Befehl für Hamiller

Die BASIS und ihre Besatzung – in den Wirren der Kosmischen Katastrophe

Arndt Ellmer

Im 5. Jahrhundert Neuer Galaktischer Zeitrechnung treibt die Milchstraße einer großen kosmischen Katastrophe entgegen. Neue Feinde tauchen auf, und unerklärliche Naturphänomene bedrohen die Lebewesen der Galaxis.

Auch die BASIS, das legendäre Fernraumschiff der Menschheit, ist von diesen Entwicklungen betroffen. Als vorgeschobener Beobachter und mobiler Stützpunkt steht sie im Mittelpunkt der Geschehnisse. Doch die Ereignisse geraten außer Kontrolle und bedrohen sogar das mächtige Raumschiff.

Inmitten des Chaos startet die Hamiller-Tube, das zentrale Rechengehirn des Schiffes, eine unheilvolle Aktion. Sie verweigert sich den Befehlen der Menschen und entfaltet eigene, zerstörerische Pläne. Damit beginnt der Kampf der 12.000 Besatzungsmitglieder um ihr Überleben und um die weitere Existenz ihrer fliegenden Heimat ...

Eine Insel im Chaos?

Der Chronist betrachtet die Ereignisse um die Zerlegung der BASIS keinesfalls als Ereignis von gehobener Bedeutung. Sicherlich, das größte Fernraumschiff, das jemals im Solsystem gebaut wurde, hat kosmische Geschichte geschrieben. Mit kaum einem Raumschiff in der Geschichte der Menschheit – mit Ausnahme der SOL – verbinden sich so viele Legenden, Erlebnisse und Mythen. Noch zu Zeiten der Aphilie geplant und in Auftrag gegeben, entstanden die Teile der BASIS noch kurz vor Einführung der Neuen Galaktischen Zeitrechnung tief unter der Oberfläche Lunas.

Danach war die BASIS lange Zeit am Brennpunkt kosmischer Geschehnisse unterwegs. Sie diente als fliegender Stützpunkt Perry Rhodans während seiner Zeit als Ritter der Tiefe, als autarker Stützpunkt in den Weiten des Universums. Während der Besetzung der Milchstraßen durch die Ewigen Krieger kam ihr eine neue Rolle zu: die des geheimen Hauptquartiers und Forschungszentrums des Galaktischen Widerstands. Hinter vorgehaltener Hand flüsterten die Galaktiker vom »Großen Bruder«, der die Macht der Krieger brechen sollte.

Im Jahr 448 Neuer Galaktischer Zeitrechnung zeichnete sich durch den von den beiden Superintelligenzen ES und ESTARTU verursachten Transfer der vom Untergang bedrohten Galaxis Hangay aus dem sterbenden Universum Tarkan die Kosmische Katastrophe ab. Zu diesem Zeitpunkt war die Rolle des bereits fast 450 Jahre alten Trägerschiffes immer noch die einer Forschungs- und Beobachtungsstation, positioniert an einem zwar nicht unwichtigen, aber für den Verlauf der Geschehnisse der nächsten Jahrzehnte nebengeordneten Schauplatz: X-DOOR, achtzig Lichtjahre von dem Hangay umgebenden Strangeness-Wall und 10.080 Lichtjahre vom Rand der neuen Galaxis selbst entfernt.

Von hier aus fanden erste Vorstöße nach Hangay statt, bei denen die BASIS als Ausgangspunkt fungierte. Zudem starteten von X-DOOR aus sowohl der von Atlan geführte »Tarkan-Verband«, dessen Ziel es war, den nach Tarkan verschlagenen Perry Rhodan zu finden, als auch die Hilfsexpedition von Reginald Bulls CIMARRON. Ab dann wartete man in der BASIS auf die Rückkehr des Tarkan-Verbandes – der aber nie an der erwarteten Position auftauchte. Als die Kosmische Katastrophe einsetzte, verlor sich das Schicksal des Schiffes einstweilen in den weitaus größeren Wirren, die die ganze Galaxis ins Chaos stürzten.

Der Tarkan-Verband wurde bekanntlich durch die Kosmische Katastrophe 695 Jahre in einem Stasisfeld eingeschlossen, sodass Perry Rhodan erst wieder im Jahr 1143 NGZ ins Geschehen eingreifen konnte. Seine erste Maßnahme bestand im Anflug von X-DOOR, welches der kleine Verband am 18. März 1143 NGZ erreichte. Da keine Spur der BASIS zu finden war, wies Rhodan seine Schiffe an, den Weltraum im Umkreis von 1000 Lichtjahren abzusuchen. 500 Lichtjahre von X-DOOR entfernt stieß die CASSIOPEIA auf ein großes Feld aus Raumschiffsfragmenten, die sich seit mindestens sechshundert Jahren an diesem Ort befinden mussten. Die Trümmer entpuppten sich als die Bestandteile der BASIS.

Die Gründe für die Zerlegung des Schiffes ergaben sich erst nach und nach ...

Kapitel 1

Das gleichmäßige Wummern des überlasteten Feldantriebs verhieß nichts Gutes. Anthea beugte sich nach vorn und schaltete auf manuelle Bedienung um. Sie wollte auf die Fähigkeiten des Syntrons nicht verzichten, sich aber gleichzeitig die letzte Entscheidung vorbehalten, wenn es auszuweichen oder zu fliehen galt.

Es begann schon wieder. Keine achtzehn Stunden war es her, und der Lärm aus dem Triebwerksbereich wuchs ins Unerträgliche. Der Syntron schaltete eine zusätzliche Akustikdämmung ein, aber sie verbot es ihm. Eine Sekunde später hatte sie erneut dieses Hämmern in ihren Ohren. Es verursachte ihr nicht genau definierbare Schmerzen, eine Art Migräne, und die Tefroderin verfluchte sich und ihr Schicksal, dass sie ausgerechnet in dieser schwierigen Zeit Dienst für die Kosmische Hanse tat. Eine Rückkehr nach Andromeda wäre ihr lieb gewesen, doch die neuesten Meldungen, die von dort eintrafen, besagten, dass alle Galaxien der Lokalen Gruppe von den Auswirkungen der Phänomene betroffen waren.

Also blieb sie und biss sich durch. Das Wummern ließ ihre Trommelfelle schwingen, aber es lullte sie nicht ein, wie das unter der Einwirkung einer Lärmdämmung hätte geschehen können. Sie wehrte sich innerlich gegen den Lärm und schnitt eine Grimasse, die sogar einen humorlosen Terraner zu einem Lachkrampf veranlasst hätte.

Ihr selbst war gar nicht zum Lachen. Mühsam befeuchtete sie mit der Zunge die Lippen und fuhr sich durch die schwarzen Haare, die sie rund um den Kopf zu fünfzehn winzigen Zöpfen geflochten hatte, zwischen denen eine gewundene Locke wie ein Turm emporragte. Die samtbraune Haut ihres Gesichts glühte; ihre Augen wurden starr und traten ein wenig aus ihren Höhlen hervor.

»Jäger fünf an Koordination«, stieß sie hervor und nannte ihre Position. »Diesmal weist die Strukturerschütterung Störungsmerkmale auf, wie wir sie am vorletzten Junitag bereits einmal erlebten. Ich bitte um Anweisungen!«

»Hier Einsatzleitung«, kam die Antwort eines robotischen Systems. »Ziehe dich auf die Koordinaten des Geschwaderparks zurück und warte dort!«

»Verstanden!«

Der Syntron lieferte ihr gleichzeitig die Daten für den kürzesten Rückflug. Sie betrachtete sie eine Sekunde zu lange. In diesem kurzen Zeitraum vergrößerte sich die Strukturerschütterung um das Zehnfache und nahm gleichzeitig an Intensität zu. Als Ergebnis stellte Anthea fest, dass ihr Raumjäger zur Seite geschleudert wurde, als sei er gegen eine unsichtbare Wand geprallt. Der Feldantrieb kreischte fürchterlich und schaltete sich wegen Überlastung ab. Ein Fesselfeld verhinderte, dass die sechzigjährige Tefroderin wie ein Geschoss aus ihrem Sessel in die Holoprojektoren flog und sich verletzte. Eine Sirene ließ ihr jämmerliches Gewinsel hören, und aus den Akustikfeldern kam die Anfrage des Einsatzleitung-Roboters, ob ihr etwas geschehen sei.

»Nichts!«, stieß sie nach einem kurzen Blick auf die Systemwerte hervor. »Es ist alles in Ordnung. Sieh lieber zu, dass die anderen Jäger nicht in Gefahr geraten!«

»Das ist ein Problem, Anthea«, erwiderte der Automat. »Aber wir werden ...«

Die gleichmäßige Stimme brach ab, und unvermittelt klang das raue Idiom eines Terraners auf.

»An alle!«, verkündete sie. »Die Schiffsleitung will kein Risiko eingehen. Kehrt sofort zu den Koordinaten Zwölf-Null-Vierzig zurück. Das ist ein Befehl!«

Anthea erkannte Mehldau Sarko an der Stimme. Der Hangarmeister hatte in diesen schwierigen Wochen und Monaten die Verantwortung für die Einsatzgeschwader übernommen.

»Zurzeit gibt es keine weiteren Erschütterungen, Mehldau«, antwortete sie. »Ich halte Ausschau nach den Positionen einundneunzig bis vierundneunzig. Die Jäger müssen in meiner Nähe sein. Ich schalte den Interferenzschutz der Ortung ab!«

»Du hast deinen Befehl, basta!«, kam die Antwort des Mannes, dann herrschte Stille in der Funkverbindung.

Nach einer Weile erst meldete sich die robotische Stimme wieder und gab Daten durch. Sie stimmten mit denen überein, die die Tefroderin in ihrem Syntron hatte. Sie bestätigten ihr, dass sie sich an einer relativ ruhigen Position befand. Weitere Strukturerschütterungen traten in einer Entfernung von mehr als zwanzig Lichtsekunden auf und berührten sie und den Jäger nicht einmal am Rande.

»Verstanden, ich kehre zurück!«

Sie öffnete den Mund und wollte dem Syntron die Anweisung geben, den Rückflug automatisch durchzuführen. Der Mund blieb ihr offen, und ihre Augen fraßen sich an dem fest, was sie plötzlich auf dem Bildschirm sah. Den lauter werdenden Alarm überhörte sie in dieser Situation einfach.

Backbord voraus rasten Lichtblitze durch die Schwärze des intergalaktischen Raumes. Sie nahmen ihren Ursprung an unterschiedlichen Stellen und waren nicht länger als zwölfhundert Kilometer. Dann erloschen sie ohne Ausnahme und hinterließen kleine Masseechos, die sich auf unregelmäßigem Kurs fortbewegten. Anthea war so gebannt von dem, was sie sah, dass sie nicht auf die erneute Warnung aus der Einsatzleitung reagierte.

»Schiffe!«, schrie sie plötzlich. »Ich habe Schiffe in der Ortung!«

Auf einmal existierte auch der Funkverbund mit den anderen Jägern des Patrouillengeschwaders wieder. Die Meldungen überlagerten sich, und aus der Einsatzleitung kam das Rot-Signal. Es setzte automatisch jede Manuellsteuerung außer Kraft und holte die Jäger zum Ausgangspunkt zurück.

Die Koordinaten Zwölf-Null-Vierzig, das war der Hangar in der rechten Seitenflanke ihrer Heimat, mit der sie vor langer Zeit an der denkwürdigen Position vor Anker gegangen waren.

Der Raumsektor hieß X-DOOR.

Ihre Heimat war die BASIS.

Anthea war kein Kind der BASIS. Sie war Medizinerin und Kosmopsychologin aus Andromeda und hatte sich in ihrem bisherigen Leben mit Hunderten verschiedener Spezies beschäftigt und sie studiert. Sie konnte mitfühlen und verstehen, was die BASIS allen diesen Wesen bedeutete, die seit Jahrzehnten mit ihr flogen.

Ja, sie identifizierte sich damit, seit sie Lakoitse kannte. Jeffrey Lakoitse, den Möchtegernterraner von Pinterville.

»Dies ist ein Notfall!«, suggerierte sie ihrem Syntron. »Dort drüben befinden sich Lebewesen in tödlicher Gefahr. Die Gefahr durch die Strukturerschütterungen hingegen ist zurzeit vernachlässigbar.«

Das Wunder geschah. Der Syntron folgte ihrer Argumentation und blockte den Funkbefehl aus der BASIS ab, leitete ihn zu einem seiner Nebenspeicher um, wo er abgelagert wurde. Anthea behielt die Kommandogewalt über den Jäger und beschleunigte in Richtung des Strangeness-Walls. Sie ortete insgesamt achtzehn Einheiten von der Größe mittlerer Transportschiffe bis hin zu winzigen Rettungskapseln. Und sie erkannte, dass sich sechs weitere Jäger dem Rot-Signal entzogen und demselben Ziel zustrebten wie sie.

Sie funkte sie an und machte Vorschläge. Sie teilten das Einsatzgebiet unter sich auf, und Anthea erhielt einen Bereich, der sich ihr am nächsten befand. Sie benötigte keine zehn Minuten, bis sie sich dem ersten der Objekte auf wenige Kilometer angenähert hatte und es abtastete. Es reagierte auf keinen Funkanruf, und als sie dieses Gebilde endlich in einer Rasterung auf dem Monitor hatte, da durchzuckte es sie wie ein elektrischer Schlag.

Ihre Ahnung bestätigte sich. Hastig aktivierte sie den Traktorstrahl und holte das kleine Ding an den Jäger heran. Es war nicht größer als eine Raumlinse, und das Fremdartige daran waren die buckelartigen Wölbungen oben und unten. Sie bremste die Geschwindigkeit des Objekts ab und riss es am Zugstrahl hinter sich her. Sie näherte sich dem nächsten Gebilde und sah, dass es zerplatzt war. Dort drüben gab es keine Atemluft und kein Leben mehr, dennoch ging sie auf Nummer sicher und gliederte die Trümmer in den Bereich ihres Zugstrahls ein.

In diesem Augenblick schlugen die übergeordneten Kräfte mit aller Gewalt zu. Aus dem Nichts heraus entstand selbst für die Hyperorter überraschend eine Strukturverdrängung, die ihren Ursprung viele Tausend Lichtjahre entfernt hatte, und riss alles von der Stelle. Anthea konnte einen der Raumer beobachten, der seine Kugelform verlor und zu einer platten Scheibe wurde. Eine unsichtbare Faust beschleunigte ihn mit Wahnsinnswerten und ließ ihn gegen die sich aufstauende Mauer aus Energie rasen. In einem Lichtblitz verschwand er aus dem Normalraum und kehrte nicht mehr zurück.

Die Tefroderin hatte beschleunigt und verließ das gefährdete Gebiet. Sie wusste, dass sie nicht zu viel wagen durfte. Einer der Jäger in ihrer Nähe hatte weniger Glück als sie. Er wurde von den Ausläufern der eng begrenzten Verdrängung gestreift und auseinandergerissen. In drei brennenden Teilen trudelte er davon, quer zu ihrer eigenen Flugbahn. Sie verzögerte und behielt den Kollisionskurs bei. Sie unterschied den Triebwerksteil, den Laderaum und den Bug.

»Leo, hörst du mich?«, rief sie in das Mikrofeld. »Dein Syntron ist ausgefallen. Bist du bei Bewusstsein?«

Es traf keine Antwort bei ihr ein, und sie setzte voraus, dass der Pilot bewusstlos geworden war. Zur Sicherheit fing sie alle drei Teile ein und schleppte sie in Richtung BASIS. Nochmals schlug das Phänomen der Strukturverdrängung zu, und der Jäger und seine Beute wurden von den Ausläufern durchgeschüttelt und aus der Bahn geworfen. Für kurze Zeit brach die Energieversorgung für den Traktorstrahl zusammen, und die Tefroderin stieß einen Fluch in ihrer Muttersprache aus, der gut und gern aus der Zeit hätte stammen können, als die Lemurer noch gegen die Haluter gekämpft hatten. Mühsam stabilisierte der Syntron den Kurs und fing die Trümmer dort draußen wieder ein.

Wenig später aktivierte Anthea den altertümlichen Linearantrieb ihres Jägers und vollführte eine Minietappe bis zu ihrem Ziel. Knapp vierzigtausend Kilometer über der BASIS tauchte sie in den Normalraum zurück und verzögerte. Eine Viertelstunde später schwebte sie mit ihren Trümmern im Schlepptau in einen der Großhangars ein. Sie übergab die geretteten Teile an das interne Traktorsystem und parkte den Jäger auf der vierten Ebene, wo sie das Fahrzeug verließ und mit einem Antigrav hinunter zur zweiten Ebene glitt. Roboter hatten sich der strahlungsfreien Trümmer angenommen und untersuchten sie bereits. Anthea folgte ihnen in den Bug des zerstörten Jägers, wo der Pilot schlaff in einem Rettungsfeld hing. Als sie sich über ihn beugte, schlug er gerade die Augen auf.

»Das war knapp, wenn ich mich nicht irre«, grinste Leo Dürk, seines Zeichens Waffenmeister der BASIS. »Darf ich dich bei Gelegenheit zu einem Bier einladen, Anthea?«

Die Tefroderin lächelte kurz, dann wurde sie übergangslos ernst. »Nein danke, Leo! Aber vielleicht hast du irgendwann mal Gelegenheit, dich zu revanchieren.«

Sie klopfte ihm auf die Schulter und machte, dass sie hinauskam. Dürk war wohlbehalten, mehr hatte sie nicht wissen wollen.

Etwas anderes hingegen interessierte die Medizinerin und Pilotin weitaus mehr.

Er tauchte völlig unerwartet unter dem Tor des medizinischen Labors auf. Zuerst war sein großer Spitzschädel zu erkennen, eingerahmt von einem Kranz aus farblosem Flaum. In dem fahlen Gesicht wirkten die roten Albinoaugen wie zwei glühende Kohlen, und der durchdringende Blick hatte schon so manchen dazu bewogen, die Blicke zu senken.

Nicht so Anthea. Um ihren Mund spielte ein Lächeln, während sie ihn herausfordernd musterte.

Sie hatte sich gedacht, dass er kommen würde. Er musste die Sensation förmlich gerochen haben. Er war zu intelligent, um eine solche Kleinigkeit wie den Überlebenden aus der Rettungskapsel zu übersehen.

Er trat an die Liege heran, tastete den Hauri von oben bis unten ab und schloss dann die Augen. Er sagte kein Wort und nickte ihr zu, mit ihrer eigenen Untersuchung fortzufahren.

So war er eben, und Anthea schätzte an Herth ten Var vor allem die Verschwiegenheit und die Unauffälligkeit, mit der er sich in den meisten Fällen im Hintergrund hielt. So manche Station in der riesigen BASIS hätte sich glücklich geschätzt, einen solchen Chef zu haben.

Sie schloss den Fremden an die Geräte an und führte eine umfassende Analyse durch. Die Syntrons bestätigten ihre Vermutung. Der Hauri befand sich in einer Art Koma, aus dem er voraussichtlich nicht so schnell erwachen würde. Er war der einzige Überlebende aus den Schiffen, die materialisiert waren.

»Strangeness-Schock«, sagte sie. »Die Symptome sind die gleichen, die von den Geräten angemessen wurden, als damals Nikki Frickel zum ersten Mal nach Hangay eindrang. Merkwürdig!«

Wieder nickte Herth ten Var stumm. Er blickte sich suchend um und heftete seine Augen auf den kleinen Monitor, auf dem das in sich verschlungene Symbol der Hamiller-Tube auftauchte.

»Es besteht kein Zweifel, dass sich dieser Fall mit zwei oder drei anderen Fällen deckt, die sich in den letzten Tagen an der Peripherie des Walls ereignet haben«, sagte der Ara mit rauer Stimme. »Blues und Akonen berichteten davon. Es sieht so aus, als versuchten größere Gruppen von Hauri, in den Bereich außerhalb des Walls zu gelangen. Es ist nicht verwunderlich. Sie fliehen vor den Beben in Hangay und deren katastrophalen Auswirkungen. Hangay ist das Zentrum der Vorgänge. Die Jünger des Hexamerons scheinen nicht zu wissen, dass ihre Immunität flöten gegangen ist.«

Das war es. Anthea zuckte unter der Erkenntnis wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Sie hatte sofort beim Anblick des reglosen Hauri ein merkwürdiges Gefühl gehabt. Jetzt wusste sie, woher es rührte.

»Sie haben recht, Sir«, klang die Stimme Hamillers auf. »Eines der Relaisschiffe meldet, dass mehrere Hauri-Raumer am Rand von Fornax aufgetaucht sind. Alle Insassen sind bewusstlos. Die Schiffe treiben auf die Kleingalaxis zu und werden von Patrouillenbooten begleitet. Es soll verhindert werden, dass eines der Schiffe einer Sonne zu nahe kommt und mitsamt den Insassen vernichtet wird. Warum diese nicht mehr immun sind, ist nicht feststellbar!«

»Mit anderen Worten, Hamiller, die Hauri haben ihre Immunität gegenüber der unterschiedlichen Strangeness verloren!«, stellte die Tefroderin fest.

»Das ist korrekt, Madam«, erwiderte die Tube. »Die Ursachen sind nicht bekannt!«

Die beiden Wissenschaftler blickten sich nachdenklich an.

»Herth«, sagte Anthea nach einer Weile, »wenn die Hauri den Strangeness-Schock nicht mehr neutralisieren können, dann besteht auch keine Chance, dass sie nach dem Abbau der Strangeness weniger unter der langsam voranschreitenden Degeneration leiden. Wir müssen dann nicht befürchten, dass sie unsere Galaxien mit den Feuern des Herrn Heptamer überschwemmen.«

»Hoffentlich behältst du recht. Was soll mit dem Hauri geschehen?«

Anthea überlegte. Sie hatte ihn an Bord gebracht, und sie hielt es für das Beste, wenn er wie die Patienten anderer Völker aus den letzten Wochen und Monaten hierblieb und unter der Obhut der Besatzung gepflegt wurde. Irgendwann, und wenn es erst nach fünf Monaten war, würde er erwachen. Dann konnten sie ihn befragen.

»Er bleibt hier im Labor«, gab sie zur Antwort. »Hamiller, wie sieht es draußen aus?«

»Es ist ruhig. Keine Struktureinbrüche mehr. Aber wir erhalten einen Notruf aus Sektor OFF-SHORE II. Der Tender KUKULKAN befindet sich in Gefahr!«

Anthea hob die Hand zum Gruß und stürmte aus dem Labor hinaus. Aus den Augenwinkeln bekam sie noch mit, wie der Ara den Gruß erwiderte. Dann hatte sie bereits andere Gedanken im Kopf. Ihre Schicht in der Staffel war noch nicht zu Ende, und der Alarm, mit dem sie rechnete, erreichte sie kurz vor dem nächsten Antigrav.

Das Geschwader wurde aufgefordert, den Hangar zu verlassen und draußen in einen der Schweren Kreuzer der THEBEN-Klasse einzuschleusen. Javier hatte ohne Zögern auf den Notruf der KUKULKAN reagiert und schickte seine Schlachtschiffe los.

Niemand konnte sagen, was bei dem Tender los war.

Als der Jäger 5 endlich in seiner Halterung in Hangar 2 der NEPTUN ruhte, lehnte die Tefroderin sich entspannt zurück. Sie atmete tief durch und verlangte eine Verbindung mit der endophysikalischen Abteilung der BASIS. Jeffrey hatte Dienst, und als er ihr Gesicht sah, merkte sie ihm deutlich die Erleichterung an.

»Es geht wieder los, Jeff«, sagte sie. »Wir sehen uns wohl erst morgen früh wieder.«

»Schade! Viel Glück, Maus!«

»Ciao! Und gib Marna und Bodo Upmark Bescheid. Wir treffen uns wie üblich im Schwimmbad!«

Sie unterbrach die Verbindung und beobachtete auf dem Frontmonitor, wie sich das Schlachtschiff vom Untergrund löste und in den Raum hinaufstieg. Die Oberfläche der BASIS raste scheinbar immer schneller davon und nahm Konturen an. Irgendwann, kurz nachdem sie das riesige Gebilde in seiner vollen Größe gesehen hatte, verschwand es vom Schirm.

Die NEPTUN war in den Hyperraum gewechselt, und Anthea weilte mit ihren Gedanken beim Sinn oder Unsinn der Tatsache, dass die BASIS noch immer bei X-DOOR stationiert war.

Der Heimatkalender zeigte Mitte August 448 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Seit dem Auftauchen des vierten Viertels von Hangay waren fünfeinhalb Monate vergangen, und noch immer gab es keine Nachricht von den Verschollenen. Sie waren nicht erschienen, obwohl die AURIGA bereits Anfang März die unmittelbar bevorstehende Rückkehr der übrigen dreizehn Schiffe angekündigt hatte.

Die Tarkan-Flotte, wie sie genannt wurde, blieb verschwunden. Es gab keine Spur von ihr.

Und das, obwohl man von der AURIGA wusste, dass der Strangeness-Faktor eine untergeordnete Rolle spielte. Die Tarkan-Flotte hatte das Phänomen im Griff.

Auch die SORONG war nicht zurückgekehrt, deren Besatzung gegen die Wirkung der Strangeness immun war.

Dennoch oder gerade deswegen behielt die BASIS ihre Position bei X-DOOR bei.

NATHAN und die Verantwortlichen auf Terra, allen voran Galbraith Deighton, hatten es für richtig gehalten.

Hangay!, dachte Anthea. Die Galaxis wird zum Fluch für die gesamte Lokale Gruppe.

Nach der Ankunft des letzten Viertels der Galaxis aus Tarkan war eine bis dahin rein hypothetische Masse überschritten worden, und das Standarduniversum im Bereich der Lokalen Gruppe hatte angefangen, sich gegen den vollendeten Transfer zur Wehr zu setzen.

Lein Sinnfein lümmelte sich träge in einem Sessel.

Seit acht Wochen hatte sich nichts ereignet. Es gab nichts, was erwähnenswert gewesen wäre.

Keine Meteoriten, keine anderen Hindernisse in der weiten Leere zwischen den Galaxien.

Da war buchstäblich nichts, und es fiel keinem Schiff ein, in diesen Sektor zu fliegen und ein wenig Abwechslung in den Alltag der Tenderbesatzung zu bringen.

OFF-SHORE II war mit Sicherheit der langweiligste und unbedeutendste Sektor des Universums, und der Kommandant fragte sich, was er verbrochen hatte, dass er von seinen Vorgesetzten hierher abkommandiert worden war.

Sinnfein strich sich über das unrasierte Kinn. Ein paar Haarsträhnen hingen ihm in die Stirn, und er hatte die Zähne nicht geputzt. Wahrscheinlich hatte er es auch unterlassen, sich zu waschen, aber das fiel bei der zerknitterten und durchgeschwitzten Kombination am wenigsten auf. Er kaute auf einem Plastikstreifen herum, der sich durch den Speichel langsam zersetzte und zu einem süßlichen, leicht nach Minze schmeckenden Brei wurde. Er schob ihn mit der Zunge genüsslich im Mund herum und schluckte ihn in kleinen Portionen hinunter.

»Archie, wie weit sind wir vom Relais Starion entfernt?«, fragte er und unterbrach seine Nahrungsaufnahme für kurze Zeit.

»Achthundert Lichtjahre, Lein«, kam die Antwort des Ortungschefs. »Wir haben fast keine Fahrt, so, wie du es angeordnet hast!«

»Ich habe gar nichts angeordnet«, grunzte Sinnfein. »Alles geschieht auf höheren Befehl. Ich frage mich, worauf wir hier noch warten sollen! Wir müssten dringend einen Planeten anfliegen, um Frischwasser aufzunehmen. Das angeforderte Versorgungsschiff ist seit zwei Wochen überfällig. Setze bitte einen Hyperfunkspruch an das Relais ab. Die Botschaft nach Terra läuft zwar über den Kugelhaufen M 13, aber immerhin läuft sie!«

»Geht in ...!« ... Ordnung wollte Benson sagen, aber das Wort blieb ihm im Hals stecken. Im nächsten Augenblick war überhaupt nichts mehr in Ordnung. Die Taster registrierten an die sechzig Reflexe, die übergangslos auftauchten. Da waren Schiffe aus dem Hyperraum gekommen, und sie formierten sich. Sie entdeckten den Tender und änderten beinahe ohne Zeitverzögerung den Kurs.

Lein sprang auf und starrte den Bildschirm an, als könnte er seinen Augen nicht trauen.

»Ortung!«, bellte er. »Ich will genaue Details!«

»Du kannst den Werten glauben«, zischte Archie Benson. »Die dreifache Gliederung der Schiffe lässt keinen Zweifel zu. Es sind Hauri. Die verrückten Werber des Hexamerons soll der Teufel holen!«

Sinnfein schüttelte den Kopf, als wolle er ein lästiges Insekt loswerden.

Der Hauptsyntron hatte längst Alarm gegeben, und die Besatzung des Tenders hastete zu ihren Sicherheitspositionen. Die Zentrale füllte sich innerhalb einer halben Minute, und als der letzte Transmitterbogen knisternd in sich zusammenfiel, nahm der Kommandant es mit einem Achselzucken zur Kenntnis.

Draußen, über der Landeplattform des Tenders, lag der dünne Film des Schutzschirms, und an den Ecken des Raumfahrzeugs fuhren die Türme aus und begannen zu glühen.

Die KUKULKAN hatte alle ihre Defensivsysteme aktiviert und wartete auf das, was sich ereignen würde.

»Gib mir eine Funkverbindung, Tara!«, verlangte Sinnfein.

Tara Ukutsa neigte den Oberkörper nach vorn.

»Verbindung steht. Gültiger Kode. Wir senden in Interkosmo, Kartanisch und Hangoll. Sie müssen uns also verstehen!«

»Hier terranischer Tender KUKULKAN!«, begann Lein Sinnfein. »Bitte identifiziert euch. Woher kommt ihr? Und was sucht ihr in diesem Sektor?«

Die Automatik wiederholte den Spruch in kurzen Abständen, aber keines der Schiffe gab eine Antwort. Der Pulk strebte auseinander und bildete eine Staffelformation, die sich dem Tender aus drei Richtungen näherte.

»Hölle, Tod und Teufel!«, fluchte Sinnfein. »Die haben vollends den Verstand verloren. Fahrt auf fünfzig Prozent LG! Abdrehen auf Ypsilon-vierzig und Zett-zwanzig!«

Der Tender änderte seine Flugbahn und beschleunigte mit aufglühenden Triebwerken. Die Hauri-Schiffe änderten sofort ihren Kurs. Das Manöver war zu eindeutig, um missverstanden zu werden.

»Alle Mann in die Boote!«, brüllte Sinnfein. Er wühlte in seinen fettigen Haaren und rannte zu der Box, in der sich sein SERUN befand. »Nur die Zentralebesatzung bleibt auf ihrem Posten! Vollzugsmeldung in zwei Minuten!«

Es kam kein Bestätigungssignal, aber auf den Monitoren sah der Terraner, wie die Männer und Frauen zu den Transmittern eilten und sich in die Hangars abstrahlen ließen. Es dauerte vier Minuten, bis der Letzte ein Boot betrat und sich das Schott hinter ihm schloss.

»Alarmstart vorbereiten!«, wies Sinnfein die Syntrons an. »Achtung, für die letzte Schlafmütze unter den Mechanikern: Dies ist keine Übung! Ich wiederhole: Dies ist keine Übung!«

Die Aufnahmen aus dem All wurden in alle Boote übertragen. Jeder konnte sich ein Bild von dem machen, was sich draußen ereignete.

Die Hauri-Flotte holte den beschleunigenden Tender ein, und ein Teil der Schiffe legte sich ihm vor den Bug. Die KUKULKAN änderte erneut den Kurs, aber der Tender war zu massereich. Er kam nur langsam von der Stelle, und die Geschwindigkeitsanzeige kletterte träge in den gewünschten Bereich.

Noch immer jagte der Funkspruch hinaus, ohne dass sich jemand meldete.

Sinnfein hatte sich längst in den Pilotensessel fallen lassen. Er sprudelte eine Anweisung nach der anderen hervor, und die Syntrons führten sie aus. Nur einmal streikten sie, weil die Anweisung keinen Sinn ergab. Der Kommandant hatte sich versprochen und korrigierte sich rasch.

»Etwas ist faul«, stellte er dann fest. »Da drüben ist etwas nicht in Ordnung. Wieso fliegen die Hauri fast mit Seitenberührung? Kann mir das einer sagen?«

Die dreigeteilten Raumer hatten sich zu einer engen Mauer zusammengezogen. Die Zwischenräume betrugen höchstens zwanzig bis dreißig Meter. Das war nach allen Regeln der galaktischen Raumfahrt ein Unding.

Benson lachte auf und nahm den Blick von den Anzeigen.

»Wenn die so weitermachen, haben wir bald kein Problem mehr mit ih... Mensch, passt doch auf!«

Die letzten Worte schrie er. Auf dem Bildschirm entstand eine Lohe aus glühender Energie, und sie schlug in den Defensivschirm des Tenders ein. Die Männer und Frauen in der Zentrale hielten den Atem an.

Die KUKULKAN schüttelte sich. Der Tender erbebte bis ins Innerste, aber der Paratronschirm hielt.

»Alle sechsundzwanzig Schiffe haben in derselben Nanosekunde geschossen«, meldete der Syntron. »Die Abstimmung ist perfekt. Auch die Flugmanöver verlaufen völlig identisch.«

Das war nichts Außergewöhnliches, aber in Verbindung mit dem nahen Abstand kam Lein Sinnfein ein bestimmter Verdacht.

»Roboter!«, stieß er hervor. »Ich will meine Großmutter fressen, wenn die Schiffe nicht robotisch gesteuert werden!«

Die Anwesenden hielten vor Überraschung den Atem an, und die Stille wurde nur von einem erneuten Schrei des Ortungschefs unterbrochen.

Alle drei Verbände eröffneten das Feuer auf den Tender. Die Feuerkraft von achtundfünfzig Schiffen konzentrierte sich auf einen bestimmten Punkt des Tenders hinter der Hauptplattform.

Automatisch legten die Syntrons alle Energien auf den Paratron. Aber das Schirmsystem erwies sich der Modulationstechnik der haurischen Waffen als nicht gewachsen.

»Mist!«, fluchte der Kommandant. »Wir hätten längst die Projektoren gegen neue austauschen sollen. Aber in diesen lausigen Zeiten bekommt man ja nirgends, was man braucht.«

Es war nicht gerade das Chaos in der Lokalen Gruppe ausgebrochen, aber die hyperphysikalischen Erscheinungen mit ihren Auswirkungen auf den Normalraum verunsicherten die Völker und Planeten. Alle dachten nur an ihren eigenen Schutz, die Aufrufe und Appelle des Galaktikums verhallten nur zu oft unbeachtet.

Der Paratronschirm brach zusammen. Im selben Augenblick traf die volle Energie der Strahlwaffen den Tender.

»Ausschleusen!«, gab Sinnfein noch durch. Sein SERUN schloss sich und aktivierte den Individualschirm.

Die KUKULKAN brach auseinander. Ein Notruf verließ die Hyperfunkantenne, wiederholte sich mehrmals und brach ab, als die Antenne unter der Hitze schmolz, die den Tender innerhalb von Sekunden in eine Gluthölle verwandelte. Die Zentrale zerbarst, und die Insassen wurden wie Puppen hinaus in das Vakuum geschleudert.

Lein Sinnfein erkannte in der grellen Helligkeit, wie mehrere SERUNS in seiner Nähe trotz Energieschirm zerplatzten. Er selbst prallte gegen ein Stück einer Wand und wurde in eine andere Richtung geschleudert. Hinter ihm gingen die Meiler des Tenders hoch, und der Kommandant nahm flüchtig wahr, dass ein Teil der Hauri-Schiffe in dem entfesselten Orkan ebenfalls zerstört wurde. Vereinzelte Lichtreflexe in mehreren Richtungen deuteten auf die fliehenden Beiboote des Tenders hin.

»Ihr werdet es bereuen«, zischte Sinnfein. Sein Körper bebte voll ohnmächtigem Zorn über den heimtückischen Überfall. Vor seinem geistigen Auge standen noch immer die Ortungsergebnisse, die der Syntron beim Auftauchen der Schiffe geliefert hatte.

»Der Vektor!«, stieß der Terraner betroffen hervor. »Der verdammte Vektor!« Er sah einen Schatten, der sich ihm näherte.

»Achtung!«, schrie er in den Helmfunk. »Wer mich hört: Die Schiffe kommen aus Hangay, es gibt keine andere Möglichkeit!«

Der Schatten erreichte ihn.

Sinnfein trudelte zu sehr. Alle Energie lag auf dem Schirm. Er konnte nicht ausweichen. Der Zusammenprall brachte den Schirm zum Erliegen.

Etwas krachte gegen seine Helmscheibe.

Um Lein Sinnfein wurde es dunkel.

Also spricht Heptamer, Sohn der Götter und Herrscher der Eshraa Maghaasu, und belehrt solcherart die Unwissenden: Der Sechste Tag ist das Ende des Anfangs. Es werden Zeichen sein, die die Klugen zu deuten wissen, um den Beginn des Sechsten Tages zu erkennen. Girratu, die Göttin des Feuers, wird ihr Haupt erheben und Hitze verbreiten!

»Schaltet den Quatsch endlich ab!«, beschwerte Anthea sich. Sie schleuste an fünfter Position aus, und jetzt, da der Jäger den freien Raum gewann und sich rasch vom Schiff entfernte, war das ganze Ausmaß der Katastrophe zu erkennen. Außer den Trümmern des Tenders, der an der typischen Ausstrahlung seines Beta-Ynkeloniums zu erkennen war, maßen die Taster die Überreste von mindestens zehn weiteren Schiffen an. Die gegnerische Flotte hatte sich in eine Entfernung von gut einem Viertellichtjahr zurückgezogen, aber die Botschaft, die von ihr ausgestrahlt wurde, war unmissverständlich. Die Prediger des Hexamerons hatten ihren Einzug in den Sektor OFF-SHORE II gehalten. Und sie predigten nicht nur Feuer, sie entflammten es auch. Die Tefroderin hätte bei dem Anblick der Trümmer aus der Haut fahren können.

»Irgendwann werden wir etwas dagegen unternehmen, dass diese Wesen sich in der Lokalen Gruppe ungestraft als Meuchelmörder bewegen können«, zischte sie. »Und wenn wir eine Art Schutzwall um die Galaxien errichten müssen, ähnlich dem Strangeness-Wall!«

»Was hast du gesagt?« Die Frage stammte von Dagmar Joestel, einer der Beibootkommandantinnen. Sie gehörte nicht zu Antheas Geschwader, aber sie befand sich offenbar mit im Einsatz. Wenig später entdeckte die Tefroderin auch die Space-Jet, die über den Jägern flog und sich den Trümmern näherte.

»Nichts«, entgegnete sie. »Ich habe nur laut gedacht.«

»Die Ortung ist abgeschlossen. Wir sind zunächst unbehelligt. Man wird uns gewähren lassen. Wir beginnen mit der Bergung der Opfer!«, sagte Dagmar Joestel. »Anschließend kümmern wir uns um die Hauri!«

Der Syntron des Jägers erhielt Anweisungen und steuerte einen bestimmten Bereich an. Anthea schaltete die starken Scheinwerfer ein und leuchtete in die Schwärze des intergalaktischen Raumes hinein. Sie musterte die Trümmer und schaltete den Infrarotsucher auf höchste Intensität. Noch strahlten die Trümmer des Tenders starke Hitze ab, und die Körper von Menschen waren dazwischen nur schwer auszumachen. Anthea stellte sich auf eine lange Suche ein.

Noch immer klangen die Worte in ihren Ohren. Die Hauri-Schiffe funkten pausenlos.

Abermals wird der Himmel über den Sternen seine Farbe ändern, und er wird leuchten wie das kostbare Erz Sarttu. Es wird keinen Streit mehr darüber geben, ob die Glut ringsum von Girratu ausgegossen sei. Denn die wenigen, die zu Beginn des Vierten Tages noch leben, wissen, dass alles, was geschieht, im Plan des Hexamerons vorgesehen ist und der Vollendung dient.

Nein und nochmals nein!

Anthea schlug mit der Faust gegen eine Konsole. Über der Kanzel des Jägers glitt ein Schatten vorbei, und sie hatte für einen kurzen Augenblick den Eindruck, als habe er sich bewegt.

»SERUN-Ortung«, meldete der Syntron.

»Traktor einschalten! SERUN am Jäger verankern!«, rief sie.

Ein Energiestrahl holte den Raumanzug heran, und die Tefroderin tastete ihn ab und versuchte, mit dem Pikosyn zu kommunizieren. Es gelang ihr nicht. Der Raumanzug war beschädigt. Die Helmscheibe war zerstört, der Träger lebte nicht mehr. Die Energie des SERUNS war verloren gegangen, vermutlich bei dem Versuch verbraucht, den Träger am Leben zu erhalten. Die optische Kennung des Anzugs blieb im Dunkeln; es ließ sich vorerst nicht erkennen, wer der Tote war.

Ein Lichtblitz ließ Anthea zusammenzucken. Sie schaltete die Scheinwerfer aus und den Paratron ein. Keine tausend Kilometer entfernt war urplötzlich eines der Hauri-Schiffe aufgetaucht.

Anthea kannte den Kode nicht, den es auf seinem Funk benutzte. Sie begriff nur, dass die nervtötende Sendung des Hexamerons erloschen war. Stattdessen meldete sich eine robotische Stimme auf Hangoll.

Und diese Stimme bat im Namen des Hexamerons um Hilfe für die Hauri.

»Das ist eine Falle!«, schrie Anthea. »Zieht euch zurück!«

Sie raste mit dem Jäger davon und sah zu, dass sie in den Schutz der NEPTUN kam. Dort belegte sie zusammen mit Dutzenden anderen Jägern die Wartepositionen.

Ihre Befürchtung erwies sich als unbegründet. Die Bitte um Hilfe war ernst gemeint.

Und es machte sich die NEPTUN auf, um den Hauri zu helfen, während die Jäger und andere Beiboote weiter nach Überlebenden aus dem Tender und den anderen zerstörten Schiffen suchten.

Anthea nahm es mit zusammengepressten Lippen zur Kenntnis.

Übergangslos war ihre ganze Einsatzfreude dahin. Sie sehnte sich nach einer schnellen Rückkehr zur BASIS.

Kapitel 2

»Ich kann mir denken, was jetzt in Ihrem Kopf herumgeht, Sir«, erklärte die Hamiller-Tube. An der silbernen Wand in dem kleinen Raum neben der eigentlichen Kommandozentrale blinkten etliche Dutzend Lichter.

Waylon Javier schwieg und starrte auf seine Kirlian-Hände. Seit einem Laborunfall, den er in jungen Jahren erlitten hatte und über den er nie sprach, schimmerten sie in einer bläulichen Aura und waren transparent. Er bewegte nacheinander die Finger, dann legte er die Hände zusammen und faltete sie.

»Meine Finger sind in Ordnung«, stellte er fest. »Auch sonst fühle ich mich gut.«

»Mit Verlaub, Ihr Gesicht ist da anderer Meinung, Sir!«

Jetzt erst schien der Kommandant der BASIS die Gegenwart der Syntronik wahrzunehmen.

»Ah, Hamiller, du bist es. Was willst du?«

»Ich vollziehe Ihre Gedanken nach, Mister Javier.«

»Und worüber denke ich nach?«

»Über die beiden Superintelligenzen!«

»Es gehört nicht viel dazu, darauf zu kommen, Hamiller. Sollte ich mich lieber mit der Frage beschäftigen, ob in dir das Gehirn von Payne Hamiller steckt?«

»Nein, Sir. Diese Frage ist absolut überflüssig. Sprechen Sie lieber über ES und ESTARTU!«

»Nein. Wenn, dann denke ich darüber nach. Meine Meinung dazu teile ich dir ein andermal mit.«

Dass die Tube auf dieses wichtige Thema hinwies, war kein Zufall. Die Raumbeben und Strukturverdrängungen nahmen von Woche zu Woche zu. Zunächst hatte man an Bord der BASIS und auch anderswo geglaubt, dass die Begleiterscheinungen des endgültigen Auftauchens von Hangay in diesem Universum rasch abflauen würden.

Inzwischen konnte niemand mehr die Anzeichen übersehen, dass es anders war.

»Es kommt über die Relaiskette Starion eine Anfrage aus der Milchstraße. Deighton und Adams wollen wissen, ob es etwas Neues gibt.«

»Hast du geantwortet?«

»Selbstverständlich, Sir!«

»Gut. Sobald wir etwas in Erfahrung bringen, setzen wir uns sofort mit Terra in Verbindung!«

ES und ESTARTU!

Der Coup der beiden Superintelligenzen hatte vor rund fünfzigtausend Jahren mit einem Hilferuf aus dem Universum Tarkan begonnen. Eigentlich hätte er mit dem Auftauchen des letzten Viertels der Galaxis Hangay beendet sein müssen.

Er war es nicht. Waylon hatte im Gegenteil den Eindruck, dass ihnen die schlimmsten Ereignisse noch bevorstanden.

Der Mann mit den Kirlian-Händen begriff es nicht.

Wie konnten zwei Superintelligenzen sich zu so etwas hinreißen lassen?

In den Medo-Centern 7 bis 11 im hinteren Bereich der BASIS lagen knapp siebenhundert Hauri im Koma. Sie stammten in der Hauptsache aus den achtundfünfzig Schiffen, die die KUKULKAN vernichtet hatten. Die übrigen viertausend Werber des Hexamerons waren beim Eintreffen der Rettungsmannschaften bereits tot gewesen. Nach dem Ausfall der Besatzungen beim Durchqueren des Walls hatten die Automatiken die Steuerung übernommen, was zu einer Fehleinschätzung der Lage und zur Vernichtung des Tenders geführt hatte.

Von der Besatzung des Tenders hatten achtzig Prozent überlebt. Die Insassen der Zentrale allerdings waren ohne Ausnahme ums Leben gekommen. Die Ingenieure der BASIS hatten mit den Computern der Hauri-Schiffe kommuniziert und dabei in Erfahrung gebracht, dass innerhalb von  Hangay die Auswirkungen der Strukturverdrängungen und Gravitationsbeben weitaus stärker waren als außerhalb des Strangeness-Walls.

Kein Wunder, dass gerade die Hauri in ihrem Bekehrungseifer alle Hebel in Bewegung setzten, dem Hexenkessel zu entkommen.

Sie wussten nicht, dass sie nicht mehr gegen den Strangeness-Schock immun waren.

Das war das erste Steinchen für Waylon Javier, das er zu einem Puzzle hinzurechnete, dessen Ausmaße er noch nicht erahnen konnte.

»Wie können zwei Superintelligenzen ein solches Chaos anrichten?«, wunderte er sich unvermittelt. »Wieso greifen die Kosmokraten nicht ein? Hamiller, ich sehe die Zusammenhänge, aber ich bringe keine Logik hinein!«

»Die Handlungen übergeordneter Intelligenzen sind für einen Normalsterblichen nur schwer fassbar und meist unverständlich. Ich gebe Ihnen einen Rat, Mister Javier: Kümmern Sie sich um die BASIS und deren Wohlergehen und versuchen Sie nicht, sich in die Gedanken von Superintelligenzen hineinzudenken. Diese bewegen sich kaum in menschlichen Bahnen!«

»Danke für die Belehrung!«

Javier wandte sich ab und strebte dem Ausgang zu. Wie immer trug er einen Rollkragenpulli, Kordhosen mit ausgebeulten Knien und Stiefel mit abgetretenen Sohlen. Der graue Kittel, der seinen Körper umhüllte wie ein Sack, besaß ein gutes Dutzend Flicken und war völlig verwaschen. Javiers Glatze leuchtete im gelben Licht, das im Raum herrschte.

Zum ersten Mal seit Ende Februar wurde ihm bewusst, wie dringend er Nikki Frickel und die SORONG benötigte. Sie und ihre Mannschaft waren gegenüber dem Strangeness-Schock bereits immun. Sie wären in der Lage gewesen, nach Perry und der Tarkan-Flotte zu suchen, die sich nach Auskunft der AURIGA eindeutig im vierten Viertel von Hangay aufgehalten und zusammen mit ihm den Transfer von Tarkan nach Meekorah mitgemacht hatten.

Unter der Tür warf er einen schiefen Blick zurück zur silbernen Wand. »Hamiller?«

»Ja, Sir?«

Javier vergrub seine Hände in den ausgeleierten Außentaschen des Kittels und ließ die Schultern nach vorn fallen. »Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Ausbleiben der Tarkan-Flotte etwas mit dem Ausbleiben der beiden Superintelligenzen zu tun hat?«

»Eine gute Frage. Ich habe sie soeben durchgerechnet. Die Antwort wird Sie kaum beruhigen. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch. Ich tendiere dazu, mich dieser Interpretation anzuschließen. Prognosen gebe ich allerdings nicht ab.«

»Es ist wohl besser so.«

Javier betätigte den Öffnungskontakt der Tür und trat hinaus auf den Korridor.

»Sir!«, rief die Tube ihm nach.

»Was gibt es noch?«

»Irgendwann in letzter Zeit muss Ernst Ellert im Solsystem gewesen sein«, berichtete die Syntronik. »Es gibt Gerüchte. Sie besagen aber nichts Genaues. Jemand will festgestellt haben, dass Ellert auf Luna war!«

»Ellert!«, stieß Waylon ein wenig betroffen hervor. »Wenn jemand wissen kann, was aus den Verschollenen geworden ist, dann ist er es. Wo befindet er sich jetzt, und woher weißt du es?«

»Die erste Frage lässt sich nicht beantworten. Die zweite eher. Ein Kurierschiff ist angekommen. Es kommt von Terra!«

Javier richtete sich kerzengerade auf.

»Wer kommt?«

»Sheela Rogard, die Galaktische Rätin Terras!«

Waylon stieß einen schrillen Pfiff aus.

»Ich bin unterwegs. Wo treffe ich sie?«

»Sie kommt über einen Transmitter in die Hauptleitzentrale. Jetzt ist sie bereits da, Sir!«

Javier rannte los.

Dort, wo Hangay lag, war das Weltall schwarz. Nichts deutete darauf hin, dass sich dort eine Galaxis befand. Das Licht der Sterne hatte bei der Materialisation der vier Viertel jeweils am Strangeness-Wall geendet und sich seither lediglich um die Strecke von ein paar Monaten ausgedehnt, wie das Licht eben in dieser Zeit vorankam. Allein in die nahe gelegene Galaxis Pinwheel würde es 880.000 Jahre unterwegs sein, bis es wenigstens die Planeten der Randzone erreichte und Hangay als Lichtfleck am Firmament auftauchte: von einer Sekunde auf die andere, ein phantastisches Ereignis, das bisher zumindest in der Lokalen Gruppe kein Lebewesen je beobachtet hatte.

Falls es in dieser weiten Zukunft überhaupt noch Lebewesen in diesem Teil des Universums gab.

Sandra Bougeaklis hatte da so ihre Zweifel.

Bisher dokumentierte sich die Anwesenheit Hangays lediglich im Hyperspektralbereich. Die Galaxis befand sich 2.130.000 Lichtjahre von der Milchstraße entfernt, 1.170.000 von Andromeda und 1.970.000 von Fornax. Ihre Gesamtmasse belief sich auf 230 Milliarden Sonnenmassen, verteilt auf 200 Milliarden Sterne. Ihr Durchmesser betrug 130.000 Lichtjahre, und mit diesen Werten ließ sich die Spiralgalaxis durchaus mit der heimatlichen Milchstraße vergleichen.

Über zwei Millionen Jahre würde es dauern, bis Hangay auch auf Terra zu sehen war.

Sandra biss bei dem Gedanken unwillkürlich die Zähne zusammen.

Zwei Millionen Jahre ohne ES, war es das, wie sie befürchtete? Konnte es so etwas überhaupt geben?

Sie verneinte es. So, wie sie den Aufbau des Universums begriffen hatte, würde es im Höchstfall ein paar Tausend Jahre dauern, bis eine andere Superintelligenz in das Vakuum vorstoßen würde oder bis sich an irgendeinem Ort in der Mächtigkeitsballung eine neue Superintelligenz gebildet hatte. Woraus auch immer sie entstehen mochte.

War es wirklich so einfach?

Sie widmete ihre Aufmerksamkeit wieder den Impulsen, die von den Messsonden hereinkamen, die sie zusammen mit ihrem Team entlang des Walls in Position gebracht hatte. Zweihundert Strukturveränderungen zählte sie in der laufenden Stunde. Sie waren von geringem Ausmaß und zeitigten keine spürbaren Folgen für die Umgebung. Sie waren klein und unbedeutend, aber sie hatten in den letzten zwei Wochen um fast dreißig Prozent zugenommen. Die Phänomene schaukelten sich auf, und niemand konnte sagen, wann dieser Prozess zum Stillstand kommen würde.

Sie beugte sich in die Richtung, in der sie ein unsichtbares Mikrofonfeld wusste. Sie streckte die Hand danach aus und berührte es. Es war kaum festzustellen. Es gab kein Knistern, dazu war die Luft in dem Raum nicht feucht genug. Ein kaum spürbares Kribbeln zeigte ihr die genaue Position.

»Ich brauche Les«, sagte sie. »Er soll sich bei mir melden!«

Les Zeron, aufgrund seiner Hängebacken mit dem Spitznamen »Backenhörnchen« bedacht, traf zwei Minuten später aus dem Haupthangar ein. Er kam mit dem Transmitter. Der Multiwissenschaftler und Koordinator aller in der BASIS vertretenen wissenschaftlichen Richtungen grinste aus dem runden Gesicht und fuhr sich durch die wenigen hellen Haare, die sein Haupt zierten. Bei Les befand sich immer der ganze Körper in Bewegung; er spiegelte die Lebhaftigkeit seiner Gedanken wider.

»Du brauchst meinen Rat!«, stellte er fest. »Hast du Probleme mit deinem heimlich Angebeteten?«

Jeder wusste, dass sie Javier liebte, sich ihm aber noch nie offenbart hatte.

Sandra Bougeaklis fuhr zurück und öffnete den Mund. Sie wollte ihm eine geharnischte Antwort geben. Dann aber entdeckte sie den Schalk in seinen Augen und schluckte den Unmut hinunter.

»Etwas geht mir gegen den Strich«, antwortete sie. »Ich kann nicht beschreiben, was es ist. Schau hierher!«

Per Zuruf holte sie alle bisherigen Messergebnisse auf den Schirm und deutete auf verschiedene Sektoren rund um den Strangeness-Wall, der Hangay einhüllte. In regelmäßigen Abständen zueinander waren die Positionen von Schiffen zu erkennen, die mit wissenschaftlichem Auftrag unterwegs waren und die Phänomene anmaßen.

»Dass das vollständige Auftauchen Hangays zu schweren Erschütterungen im fünfdimensionalen Bereich führt, wissen wir«, fuhr Sandra fort. »Wenn ich es mit den Worten aus der historischen Atomphysik beschreiben wollte, würde ich sagen, dass die kritische Masse überschritten worden ist. Man könnte mit vorübergehenden Störungen rechnen oder gar mit einem Ausfall physikalischer Gegebenheiten. Aber das, was sich da abspielt, ist nichts Halbes und nichts Ganzes.«

»Ich habe mit Torymon und Caldwell gesprochen, Sandra. Sie haben alle Messungen ausgewertet und Hamiller vorgelegt. Willst du wissen, was Hamiller dazu sagt?«

»Heißt das, es gibt etwas, das Hamiller mir nicht erzählt hat?«

»Die Ergebnisse sind noch keine Viertelstunde alt. Du kannst sie noch nicht wissen.«

»Also gut. Was ist herausgekommen?«

»Es hängt mit DORIFER zusammen. Das Kosmonukleotid reagiert auf den Vorgang. Was sich genau abspielt, können wir nicht sagen. Wir haben keine Möglichkeit eines Zugriffs auf DORIFER. Wir können nur die Ergebnisse oder Auswirkungen betrachten und daraus unsere Schlüsse ziehen.«

»Und welche haben du und deine Kollegen gezogen, Les?«

Zeron machte eine bedeutungsvolle Pause und befeuchtete die Lippen, ehe er weitersprach. »Es wird schlimmer werden. Es schaukelt sich auf. Wir gehen einer gewaltigen Katastrophe entgegen. Terra wurde bereits benachrichtigt!«

Ein Schauer rann Sandra den Rücken hinab. Es waren weniger die Worte, die ihn verursachten, sondern der ernste und düstere Ton, in dem Les sie aussprach. Unwillkürlich suchte sie nach einem Halt und fand ihn in der Lehne ihres Pilotensessels.

»Weißt du genau, was du da sagst?«

Er wusste es, und sie sah es ihm an.

»Syntron, wir fliegen Position sieben an!« Der Automat bestätigte; das Schiff verließ seine bisherige Position und bereitete den Metagrav-Flug vor.

»Du willst es wissen«, erkannte Zeron.

»Ich will vor allem wissen, was wir dagegen tun können. Besteht die Möglichkeit herauszufinden, in welcher Weise DORIFER die Vorgänge beeinflusst?«

»Ja, sie besteht. Aber wir wissen zu wenig über das Kosmonukleotid, als dass wir genaue ...«

»Vorerst genügt es!«

Zeron wandte sich um und wollte sich entfernen, aber ein Zuruf der Stellvertretenden Kommandantin der BASIS und derzeitigen Einsatzleiterin der kleinen Flotte, die einzig und allein aus Schiffen der THEBEN-Klasse bestand, hielt ihn zurück.

»Alarm, Les«, erklärte sie. »Da vorn ist was los!«

Die Hyperortung maß in sechzig Lichtjahren Entfernung eine überstarke Strukturveränderung an.

»Vielleicht der Anfang vom Ende«, orakelte Zeron düster und erschreckte Sandra damit.

»Du wirst blass«, stellte er fest.

Sie gab keine Antwort. Stumm deutete sie auf die enormen Messwerte. Danach hob sie ruckartig den Kopf.

Eine Meldung traf ein. Sie kam von der TITAN REX, einem der Schiffe auf der Ostseite der unsichtbaren Galaxis. Die TITAN REX gab Gravitationsalarm.

Das Galaktikum tagte ununterbrochen. Die Völker der Blues, die Arkoniden, Antis und viele andere stellten Flottenverbände zusammen, die nur auf den Befehl warteten, sich in Richtung Hangay in Bewegung zu setzen. Auf Terra und Luna fanden Krisensitzungen der Kosmischen Hanse statt, und Homer G. Adams beorderte zwei der Kosmischen Basare in den Bereich zwischen Wega und Sol, um dort Hilfsgüter zu laden und diese nach Möglichkeit in die Hände der Völker der Kansahariyya gelangen zu lassen, des Zusammenschlusses der 22 Völker Hangays, welche es sich zum Ziel gesetzt hatten, ihre Galaxis aus dem sterbenden Universum Tarkan in die Nähe der Milchstraße zu retten.

Galbraith Deighton kritisierte dieses Vorgehen, denn es bedeutete, dass die Bewohner von Terra und den anderen Planeten und Monden des Solsystems sich nicht mehr auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren konnten.

Diese bestanden nach Deightons Auffassung in der Absicherung der Menschheit und aller galaktischen Völker gegen mögliche Gefahren von außen.

Und je weiter die Zeit voranschritt, je älter das Jahr wurde, desto deutlicher zeichnete sich ab, dass Adams und Deighton, neben Waringer die beiden einzigen Aktivatorträger, die nicht in Hangay verschollen waren, nicht an einem Strang zogen, sondern unterschiedliche Wege beschritten, um die Übersicht zu behalten.

»Das Galaktikum gibt Deighton recht«, sagte Sheela Rogard. »Zunächst einmal steht die Sicherheit aller Milchstraßenvölker an erster Stelle. Handelspolitische Erwägungen können später noch getroffen werden. Es ist ungefähr bekannt, wie lange der Strangeness-Wall benötigt, bis er völlig abgeklungen ist und sich die Strangeness dem Wert in unserem Universum angepasst hat.«

Waylon Javier hielt Fäuste und Unterarme in den tiefen Taschen seines Kittels vergraben und nagte an der Unterlippe. Er musterte die attraktive Frau in ihrem goldfarbenen Gewand, mit grün gefärbten Haaren, die ihr bis auf die Brust reichten.

»Wir sind hier Forscher«, stellte er fest. »Wir halten unsere Position aus wissenschaftlichen Gründen. Zudem warten wir noch immer auf einen Hinweis oder eine Botschaft Perrys und aller anderen Freunde. Vierzehn Raumschiffe können nicht spurlos verschwinden. Sie können nur gehindert sein, endlich den Weg in die Heimat anzutreten.«

Der Kommandant der BASIS hätte viel darum gegeben, wenn Geoffry Abel Waringer aufgetaucht wäre und wenigstens eine Idee gehabt hätte, wie man die Auswirkungen der unterschiedlichen Strangeness neutralisieren konnte. Aber Waringer befand sich zurzeit auf einem Flug irgendwo in der Milchstraße. Javier wunderte sich darüber, denn er hatte fest damit gerechnet, dass sich der Wissenschaftler mit dem Problem des Walls beschäftigen würde. Stattdessen tat er so, als gäbe es wichtigere Dinge zu tun.

Und auch Adams war seit Anfang März nur ein einziges Mal auf der BASIS gewesen. Deighton hatte sich überhaupt nicht blicken lassen.

Javier wechselte das Thema. »Was war mit Ernst Ellert? Gibt es wirklich keine Einzelheiten über seinen Besuch auf Luna?«

»NATHAN streitet den Besuch ab. Ellert wurde jedoch beim Anflug auf das Sonnensystem bei einem Kontrollanruf identifiziert. Sprachliche Eigenheiten wiesen eindeutig auf ihn. Er hat die Heimat nach seinem Besuch auf dem Mond mit unbekanntem Ziel verlassen. Noch etwas anderes konnte ich auf Umwegen in Erfahrung bringen: Anson Argyris hat kurz nach Ellert Luna verlassen und sich mit einem Schiff in Richtung Hundertsonnenwelt aufgemacht. Ob er dort angekommen ist, weiß ich nicht zu sagen. Es liegt jedoch nahe, dass es sich um eine Geheimmission handelt. NATHAN hat auch die Anwesenheit des Vario-500 auf Luna dementiert. Und es gibt keinen absoluten Beweis, dass die beiden tatsächlich bei ihm waren. Niemand hat sie von Angesicht zu Angesicht gesehen. Aufzeichnungen liegen nicht vor. Und Deighton tut, als wüsste er überhaupt nichts.«

Javier schüttelte den Kopf. Er wollte das alles nicht recht glauben. Tief in seinem Innern spürte er, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Als er Sheela wieder ansah, schien sein Blick die Frau zu durchbohren.

»Warum bist du gekommen?«, fragte er leise. »Du hast mir den eigentlichen Grund noch nicht genannt!«

»Ich bringe dir eine Anweisung des Galaktikums, Waylon. Kein Schiff darf den Versuch wagen, nach Hangay vorzudringen. Es erscheint zu gefährlich. Wir wissen nicht, was da drüben los ist. Ferner empfehlen die Galaktischen Räte, alle Forschungsschiffe aus dem Bereich des Strangeness-Walls zurückzuziehen.«

»Was, verdammt, ist los?«, brüllte der Kommandant.

»Ich habe keine Ahnung«, gestand Sheela Rogard. »Aber du weißt, dass ich dir gegenüber weisungsbefugt bin. Das Gebot des Galaktikums ist verpflichtend!«

»Die BASIS ist ein Schiff der Hanse. Ich nehme Weisungen und Hinweise von Adams entgegen.«

»Die BASIS ist ein Menschenschiff, Waylon. Das weißt du genau. Ich vertrete die Bevölkerung des Solsystems.«

Javier seufzte. »Ich werde die Schiffe zurückbeordern, sobald sie ihren Auftrag ausgeführt haben.«

»Sir, ich darf zu bedenken geben, dass es bald zu spät sein könnte«, meldete sich die Hamiller-Tube, die bisher stummer Zeuge des Gesprächs gewesen war. »Die TITAN REX sendet Gravitationsalarm.«

»Danke, Hamiller!« Javier wandte sich an die Galaktische Rätin. »Ich nehme an, du bleibst vorerst hier und passt auf, dass wir auch wirklich alle Schiffe zurückziehen.« Seine Stimme hob sich und wurde lauter. »Was geschieht hier demnächst, Sheela?«

»Ich bin keine Hellseherin. Ich kenne nur die dringliche Warnung von NATHAN. Die Syntronik auf dem Mond weiß immer, was sie sagt und tut, Waylon.«

»Ja, ja.« Natürlich war es ihm klar. Aber er hätte dennoch gern gewusst, was auf die BASIS und alle Lebewesen im Bereich von Hangay zukam. »Wieso wird die BASIS nicht gleich ganz abgezogen?«

Darauf wusste die Galaktische Rätin keine Antwort.

Dafür meldete sich erneut die Hamiller-Tube. »Mister Javier, ich darf Sie darauf aufmerksam machen, dass der Bordsyntron des Kurierschiffs mir eine Nachricht von NATHAN übermittelt hat. Sie lautet, die BASIS auf keinen Fall von ihrem derzeitigen Standort zu entfernen. Dies gilt bis auf Widerruf.«

Zwei Lichtmonate vor der unsichtbaren Strangeness-Mauer strahlte Hangay in der ganzen Pracht der zweihundert Milliarden Sterne. Das grelle Glitzern der lediglich zehntausend Lichtjahre und zwei Monate entfernten Sterneninsel blendete. Dennoch verbot Sandra dem Syntron, die Lichtfülle abzuschirmen. Sie wollte den Anblick genießen. Deutlich zeigten sich die spiralig gewundenen Zentrumsstrukturen Hangays und die einzelnen Äste, die sich wie dünne Fäden entlang der Hauptarme zogen und dem Spiralnebel das Aussehen eines wirren Netzes verliehen, in dem es nicht gelungen war, Ordnung zu schaffen.

Es war Ordnung, was die Terranerin sah, kosmische Ordnung. Hangay lag als glitzerndes Juwel inmitten der Schwärze, viel näher als die angestammten Galaxien der Lokalen Gruppe. Und doch ließ sich diese Sterneninsel nicht erreichen.

»LUCIUS GRAY an TITAN REX«, sagte sie. »Wir sehen euch. Wir sind auf der anderen Seite des Phänomens aufgetaucht und halten den Sicherheitsabstand ein.«

Ein Hologramm baute sich vor ihr auf. Es blieb unvollkommen, die Impulsübertragung aus dem anderen Schiff wurde durch die Strukturverdrängung beeinflusst. Sandra musterte das Abbild von Rinus Vance, einem der vielen Schiffsführer aus der BASIS. Vance war ein erfahrener Mann und hatte bereits einhundertsechsundsechzig Jahre auf dem Buckel. Sandra kannte ihn von mehreren Einsätzen und aus den Fitnesscentern des Mutterschiffs. Was sie jetzt allerdings vor sich sah, erinnerte nur wenig an diesen großen, wuchtigen Mann.

Das Holo zeigte einen verzerrten Kopf, an dem ein Teil fehlte. Die Augen standen schief, der Mund ebenso, und der eisgraue Schnurrbart hüpfte zwischen Augen und Ohren hin und her. Ein Hals war nicht zu erkennen, und der linke Arm fehlte ganz. Der Körper wirkte seltsam gestaucht, Beine besaß er nicht. Lediglich zwei Stiefel hingen schräg hinter dem Torso und vollführten einen geisterhaften Tanz in der Luft. Vances Mund bewegte sich unnatürlich, die Bewegungen passten nicht zu den Worten, die klar und deutlich aus der Projektion an ihre Ohren drangen.

»Wir ziehen uns zurück, Sandra. Es bahnt sich etwas an, was wir nicht abschätzen können!«

Die Stellvertreterin von Waylon Javier bestätigte knapp und verfolgte mit, wie sich die TITAN REX aus dem Nahbereich des Phänomens entfernte. Sie warf einen flüchtigen Blick um sich. Außer ihr hielten sich noch vier weitere Personen in der Zentrale des Schiffes der THEBEN-Klasse auf. Sie arbeiteten zusammen mit den Syntrons an den Auswertungen der Messungen. Sie hatte sie Sekunden später bereits auf dem Hauptschirm, wo sie in einem Endlosband entlangliefen.

»Danke!«, sagte sie, und das Band erlosch. Sie entnahm der Aufzeichnung, dass sich im Zentrum des Gravitationsbebens ein starkes Energiepotenzial entwickelte, das sich irgendwann in einer Eruption entladen würde.

Über den Bildschirm raste ein greller Lichtblitz. Er kam aus einer anderen Richtung, und er blendete so stark, dass Sandra die Augen schloss. Der Syntron sah sich jetzt nicht mehr an ihre Weisung gebunden und dämpfte die Energieflut.

Die TITAN REX übermittelte einen Warnimpuls, der in der Zentrale der LUCIUS GRAY als schrilles Klingeln zu hören war. Die Worte von Vance kamen als unverständliches Blubbern an.

Sandra spürte den sanften Andruck, mit dem ein Schwerefeld sie übergangslos in den Sessel presste. Dennoch klammerten sich ihre Hände automatisch um die Lehnen.

»Fluchtkurs!«, zischte sie. Der Syntron gab keine Bestätigung. Längst hatte er gemäß seinem Programm ein Flugmanöver eingeleitet, das den Kugelraumer aus der Gefahrenzone bringen sollte. Das Schiff bockte und schlingerte und musste sich einem plötzlich entstandenen Sog entgegenstemmen. Es beschrieb einen engen Bogen und entfernte sich träge vom Zentrum der Erscheinung.

Die Entfernung vom Strangeness-Wall allerdings veränderte sich nicht. Sie blieb gleich, obwohl der Syntron alles versuchte, um das Schiff aus dem gefährlichen Bereich zu bringen.

»Keine Angst!«, klang die Stimme von Vance in der Zentrale der LUCIUS GRAY auf. »Wir holen euch heraus!«

»Bleibt, wo ihr seid!«, schrie Sandra Bougeaklis lauter als beabsichtigt. Sie schloss die Augen, denn ein zweiter Blitz blendete sie. Erst nach einigen Sekunden bemerkte sie, dass sie ihn nicht mit den Augen wahrgenommen hatte.

Der Blitz war in ihr gewesen.

Benommen schüttelte sie den Kopf. Sie spürte, wie die Lähmung ihren Körper empor- und hinabkroch. Sie ächzte und riss die Augen auf. Sie nahm ihre Umgebung nur undeutlich wahr.

»Jenna!«, stieß sie hervor. »Was ist los?«

Außer einem Keuchen der Funkerin vernahm sie keine Antwort. Der Syntron meldete sich und gab ihre Körperwerte durch. Medoroboter rollten herein und nahmen neben den Kontursesseln Aufstellung. Sie verabreichten den Anwesenden ein Serum, das die Folgen des Schocks linderte.