Paradies - The Last Humans - Dima Zales - ebook

Paradies - The Last Humans ebook

Dima Zales

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Opis

Der überwältigende letzte Teil der Trilogie Die letzten Menschen eines New York Times Bestsellerautoren ist endlich erschienen. Was bedeutet es, menschlich zu sein? Was bedeutet es, echt zu sein? Ich dachte, dass wir der Gefahr entkommen seien. Ich dachte, wir hätten unsere Feinde überlistet. Ich hatte mich geirrt. Als meine Welt zerstört wird, ist Überleben nichts, was ich erwarten sollte. In die 2. Ebene gelangen zu können, macht mich unglaublich mächtig. Jetzt stecken alle, die mir wichtig sind, in Schwierigkeiten, aber ich kann die 2. Ebene nicht mehr erreichen. Die Ältesten können es, aber werden sie es mir beibringen? Und falls ja, welchen Preis werde ich dafür zahlen müssen? Letztendlich werde ich eine Entscheidung treffen müssen. Wie viel bin ich bereit für diejenigen zu opfern, die ich liebe?

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Paradies - The Last Humans

Die letzten Menschen: Buch 3

Dima Zales

Aus dem Amerikanischen von Grit Schellenberg

♠ Mozaika Publications ♠

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Auszug aus Die Gedankenleser - The Thought Readers

Auszug aus Der Zaubercode von Dima Zales

Auszug aus Gefährliche Begegnungen von Anna Zaires

Über den Autor

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Geschäftseinrichtungen, Ereignissen oder Schauplätzen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

Copyright © 2016 Dima Zales

www.dimazales.com/series/deutsch/

Alle Rechte vorbehalten

Kein Teil dieses Buches darf reproduziert, gescannt oder in gedruckter oder elektronischer Form ohne vorherige Erlaubnis verbreitet werden. Ausnahme ist die Benutzung von Auszügen in einer Buchbesprechung.

Veröffentlicht von Mozaika Publications, einer Druckmarke von Mozaika LLC.

www.mozaikallc.com

Lektorat: Fehler-Haft.de

Cover: Najla Qamber Designs

www.najlaqamberdesigns.com

e-ISBN: 978-1-63142-197-6

Print ISBN: 978-1-63142-198-3

1

Ich sprudele fast vor Glück über, als ich am Strand entlanggehe und dabei Phoes schlanke Hand halte. Die Höhepunkte unserer Aktivitäten spielen sich vor meinem inneren Auge ab: in der Sonne herumtoben, Bücher lesen, Musik hören, Filme anschauen, im warmen Meer schwimmen, Phoes köstliche kulinarische Erfindungen essen und viele intime Dinge tun, die die Einwohner von Oasis als mehr als obszön ansehen würden. Wir haben gefühlte Wochen damit verbracht, hier, in dem Strandparadies, das Phoe geschaffen hat, die oben genannten Dinge zu tun. Ich bin gerade ein hochgeladenes Gehirn – ein animierter Speicherauszug –, aber das macht den Spaß nicht weniger real. In dieser ganzen subjektiven Zeit hier sind in der echten Welt in Oasis, in der mein biologischer Körper in seinem Bett schläft, nur wenige Minuten vergangen.

Theoretisch könnten wir das die ganze Nacht lang tun, was hier an diesem Ort Jahren entsprechen würde. Das bringt mich zum Nachdenken, und ich frage sie: »Werde ich morgen früh erschöpft sein, wenn ich die ganze Nacht hier verbringe? Oder schläft mein Körper unabhängig davon, was diese Version meines Gehirns tut?«

»Du wirst ausgeruht sein.« Phoes Stimme ist genauso klar wie die schäumende Brandung, die meine Füße umspült. »Das wird sich wie der längste Traum anfühlen, den jemals jemand gehabt hat.«

»Cool«, murmele ich, und wir gehen einige weitere Minuten am Wasser entlang. Ich konzentriere mich auf das angenehme Gefühl des Sandes unter meinen Füßen, den scharfen Geruch nach Seetang und mehr als alles andere auf die Tatsache, dass sich Phoes zierliche Hand in meiner befindet.

Während ich über das unendliche Meer schaue, scheinen unsere jüngsten Schwierigkeiten ganz weit weg zu sein. Es ist kaum zu glauben, dass es erst drei Tage her ist, dass ich die schrecklichen Ereignisse des IRES-Spiels erlebt habe und von Jeremiah gefoltert wurde. Die irrsinnigen Dinge, die am Tag der Geburten geschehen sind, sind sogar noch schwerer zu begreifen. Phoe vergessen zu müssen, um die Linse der Wahrheit auszutricksen, mit der Scheibe zum schwarzen Gebäude zu fliegen, diesen entsetzlichen Test durchzustehen – das alles scheint in diesem Moment unglaublich weit weg zu sein. Selbst zu erfahren, dass die Ratsmitglieder nicht sterben, sondern zu einem Ort aufsteigen, den sie Paradies nennen – ein Ort, der der virtuellen Welt gleicht, die ich gerade genieße –, fühlt sich wie etwas an, was vor langer Zeit geschehen ist.

Die Anspannung in Phoes Hand lässt die Seifenblase meines Tagtraums zerplatzen, und ich drehe mich zu ihr um, um sie anzuschauen.

Sie ist stehen geblieben und hat einen eigenartigen Gesichtsausdruck. Bevor ich die Gelegenheit bekomme, sie zu fragen, was los ist, zieht sie ruckartig ihre Hand aus meiner und umfasst beschützend ihren Kopf, während sich ihr Gesicht schmerzhaft verzieht und sie einige Schritte zurückgeht.

Mein Puls rast. »Phoe?« Ich gehe auf sie zu.

Sie zieht sich weiterhin zurück, ohne die Hände von ihrem Kopf zu nehmen. »Irgendetwas passiert gerade«, sagt sie durch zusammengebissene Zähne. »Es betrifft ganz Oasis –«

»Hallo«, unterbricht uns eine eigenartige, gurgelnde Stimme. »Ich sollte kein Problem damit haben, dich hier, in dieser kleinen Umgebung, genauso leicht zu zerstören wie überall sonst.«

Ich blicke mich hektisch um.

Niemand außer uns ist hier, aber ich erkenne diese Stimme.

Sie ist eine jüngere Version von Jeremiahs, auch wenn sie sich anhört, als käme sie von unter dem Wasser.

»Theodore«, sagt er mit dieser komischen Stimme. »Ich muss sagen, dass es mich überrascht, dass du mit diesem zukünftigen Nichts zusammenarbeitest.«

»Was geht hier vor sich, Phoe?«, denke ich und kämpfe gegen einen plötzlichen Schwindelanfall an. »Ist das ein Witz?«

Bevor Phoe mir antworten kann, schimmert der Sand rechts neben mir und erhebt sich, so als würde ihn ein kräftiger Wind von unten nach oben blasen. Der Sand formt eine kleine Düne und verwandelt sich in eine trübe, dicke, fast flüssige Substanz. Ich erinnere mich daran, gelesen zu haben, dass Glas aus Sand hergestellt wird, und einen Augenblick lang frage ich mich, ob ich genau das sehe – eine Art geschmolzenes Glas. Worum auch immer es sich bei dieser Substanz handelt, sie beginnt zu erstarren und eine Form anzunehmen.

»Das ist wirklich übel«, flüstert Phoe in meinem Kopf, und ich bekomme das Gefühl, dass ihre Stimme zittern würde, wenn sie laut spräche.

»Warum?« Ich versuche, nicht in Panik zu verfallen. »Was ist das –«

Ein Rascheln links von mir zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich drehe mich herum und sehe, dass sich der Sand dort ebenfalls in diese Flüssigkeit verwandelt.

Ich will gerade meine Frage wiederholen, als ich ein weiteres Rascheln rechts von mir höre und mir auffällt, dass auch dort das Gleiche mit dem Sand geschieht.

Mit hämmerndem Herzen blicke ich zu Phoe. Sie starrt dieses flüssige Zeug hinter mir mit einem so alarmierten Gesichtsausdruck an, dass er bereits an Entsetzen grenzt.

Ich folge ihrem Blick und muss einige Male blinzeln.

Jetzt ist es möglich, die wirkliche Form der Flüssigkeit ganz rechts zu erkennen – nicht, dass dieses »wirklich« Sinn ergeben würde. Die Düne ist jetzt viel größer, und anstatt an geschmolzenes Glas erinnert sie mich an Quallen. Ich erkenne die vage Andeutung eines menschlichen Gesichts an der höchsten Stelle dieses formlosen Haufens, und es sieht ein wenig wie Jeremiahs aus – auch wenn mir das vielleicht nicht aufgefallen wäre, wenn ich nicht seine Stimme gehört hätte.

Das Wesen beginnt, sich hin- und herzuschaukeln, wie es scheint, um sich fortzubewegen. Wo diese Abscheulichkeit den Sand berührt, verwandelt sich dieser in das gleiche zähe, klare Protoplasma, aus dem die Kreatur besteht. Ich blicke mich hektisch um. Der gleiche Prozess findet überall um mich herum statt, auch wenn der Jeremiah-Haufen hinter mir sich erst im Frühstadium seiner gelatineartigen Entwicklung befindet.

»Phoe, hast du das erschaffen?«, frage ich mit verzweifelter Hoffnung. »Ist das deine Vorstellung von Spaß – einen Jeremiah zu erschaffen, der mit einer riesigen Amöbe gekreuzt wurde?«

»Nein, das ist nicht mein Werk.« Phoes Stimme ist angsterfüllt. »Und anstatt das hier mit einer Bakterie zu vergleichen, ist es wahrscheinlich richtiger, zu sagen, dass es sich um einen Virus handelt.«

»Ein Vi …«

Ich werde von Phoes plötzlichen Bewegungen unterbrochen. Sie gestikuliert, und ein Objekt erscheint in ihrer Hand. Es sieht aus wie eine Kreuzung aus einem altertümlichen Staubsauger und einer Panzerfaust.

Sie richtet sie auf den Jeremiah-Haufen ganz rechts – den größten – und drückt ab.

Mit einem Aufschrei wird die eigenartige Kreatur in Phoes Waffe gesaugt. Sobald sie verschwunden ist, zielt Phoe mit der Waffe etwa einen Meter von sich entfernt auf den Sand und drückt erneut ab. Als ein Strahl ekelerregender Flüssigkeit ergießt sich die Kreatur halb fliehend, halb fallend auf den Sand, wobei sie auf dem Weg dorthin in kleine Stücke zerfällt. Wo die Tropfen des Protoplasmas hinfallen, entsteht ein neuer Haufen. Jetzt, da ich weiß, worauf ich achten muss, sehe ich, dass sich auf allen Haufen Jeremiahs Gesicht formt.

Phoe ergreift meine Hand und drückt sie hart, während sie mich über den Sandstreifen zieht, den sie gerade mit ihrem Panzerfaust-Staubsauger freigeräumt hat. Die Jeremiah-Amöben – oder Viren, falls Phoe recht hat – kriechen wie riesige Schnecken hinter uns her. Während sie rutschen, bemerke ich entsetzt, dass der Sand hinter ihnen sich in weitere dieser Kreaturen verwandelt.

Phoe lässt ihre Waffe fallen und hebt ihre Hände mit den Handflächen gen Himmel. Ein blendender Blitz folgt auf ihre Geste. Ich kann einen Augenblick lang nichts sehen, aber sobald sich mein Blick klärt, bemerke ich zwei weitere Menschen am Strand. Beide sehen genauso aus wie Phoe. Die beiden Frauen mit den kurzen Haaren betrachten die Schnecken, die sich ihnen nähern.

Die Original-Phoe nimmt die Panzerfaust hoch und schießt auf den Haufen, der genau hinter uns kriecht.

»Fass diese Substanz nicht an.« Phoe ergreift meine Hand erneut und rennt den schnell schwindenden unverdorbenen Sand entlang, wobei sie mich hinter sich herzieht.

Ich muss einfach hinter uns schauen. Die beiden anderen Phoes heben ihre Hände mit der gleichen Geste an, die Phoe benutzt hat, um sie zu erschaffen. Ich blicke weg, aber der Blitz, der diesmal doppelt so hell ist, brennt trotzdem in meinen Augen. Sobald das Licht nachlässt, sehe ich mich wieder um. Es ist keine Überraschung, dass es jetzt vier Phoes gibt. Dann heben die vier Phoes ihre Hände gen Himmel. Ich wende meinen Blick schnell ab und kneife meine Augen fest zusammen, aber ich werde durch den Blitz trotzdem fast blind. Aus den vier Phoes sind jetzt sechzehn geworden.

Meine Anführerin zieht ruckartig an meiner Hand, und ich laufe schneller. Ein Schnecken-Haufen befindet sich drei Zentimeter von meinem Bein entfernt, als meine Phoe, die, mit dem Staubsauger in der Hand, ihre eigenartige Waffe dazu benutzt, das Ding aus unserem Weg zu räumen.

»Das ist sinnlos«, sagen Jeremiahs Stimmen im Chor. »Du zögerst nur das Unausweichliche hinaus. Ich habe genug von dir gesäubert, um das zu beweisen, oder etwa nicht? Oder macht diese menschenähnliche Instanziierung dich dümmer?«

Ich schaue zurück und sehe, dass diese sechzehn Phoes ihm antworten, indem sie ihre Arme in die Höhe heben. Nach einem Blitz, der so hell war wie eine Supernova, vervielfachen sie sich erneut. Dadurch, dass die neue Anzahl immer das Quadrat der vorherigen war, nehme ich an, dass es jetzt zweihundertsechsundfünfzig Duplikate von Phoe gibt, und das scheint auch der Fall zu sein, soweit ich das überblicken kann. Sollten sie das Manöver ein weiteres Mal durchführen, wird es über sechzigtausend von ihnen geben.

Der Virus, oder was immer es ist, muss zu dem gleichen Ergebnis gekommen sein und ist entschlossen, das zu verhindern. Gleichzeitig werfen sich die Hunderte von Jeremiah-Instanzen auf die Vielzahl von Phoes.

Das ist ein schmerzhafter Anblick. Die Stellen, an denen der Schleim die Haut einer Phoe berührt, verwandeln sich in die ekelerregende schleimige Substanz, und die betroffene Phoe beginnt, von diesem Punkt ausgehend zu klarem Protoplasma zu schmelzen. Das wirklich Entsetzliche ist das Ende dieser Transformation. Jene unglückliche Version von Phoe wird zu einer weiteren Instanziierung dieses Jeremiah-Schnecken-Dings.

Die restlichen Phoes warten nicht darauf, das gleiche Schicksal wie ihre Schwestern zu erleiden. Sie führen eine Geste durch, und ein Panzerfaust-Staubsauger erscheint in ihren anmutigen Händen. Sie benutzen die Waffen, um die Wellen von Jeremiahs zurückzustoßen.

Die Phoe, die meine Hand hält, schaut zurück und bekommt große Augen. Sie sagt eindringlich: »Das wird nicht viel länger funktionieren. Ich habe diese Version von mir – mit den Erinnerungen an dich – in die DMZ beziehungsweise den Limbus geschrieben. Sollte ich mich jemals wieder von diesem Angriff erholen –«

Die Welt erzittert.

Ich folge Phoes versteinertem Blick, aber verstehe nicht, was ich da sehe.

Das, was ich für ein Meer gehalten hatte, besteht nicht länger aus Salzwasser, sondern aus dem widerlichen Jeremiah-Schleim, der uns auch auf dem Strand umgibt. Wenn mein Herz keine Simulation wäre, hätte es wahrscheinlich bereits aufgehört zu schlagen. Der ganze Ozean beginnt, sich zu verformen. Ein Lachen, so laut wie ein Wirbelsturm, dröhnt in einiger Entfernung, und ein Tsunami in der Größe eines Berges trifft auf den Strand – und mit ihm Millionen Gallonen dieses ekelerregenden Protoplasmas. Es bedeckt die Phoes, die sich kaum noch wehren, und rauscht danach auf die letzte Phoe und mich zu.

Sie tritt vor mich, um sich mutig dem Tsunami zu stellen, und schreit: »Ich schreibe dich zurück in dein schlafendes Gehirn.«

Sobald ich die Bedeutung ihrer Worte verstehe, verliere ich mein Bewusstsein.

2

Durch einen schläfrigen Nebel höre ich einen sirenenartigen Lärm.

Mit bildhafter Klarheit erinnere ich mich an das, was am Strand passiert ist, und meine Müdigkeit verschwindet. Bevor ich meine Augen öffne, denke ich eindringlich zu Phoe: »War das alles ein Traum? Und wenn es kein Traum war, was zur Hölle war es dann?«

Phoe antwortet nicht. Stattdessen wird das sirenenartige Geräusch lauter.

»Phoe?«, frage ich lautlos.

Sie antwortet nicht, aber der Alarm, oder um was es sich auch immer handelt, wird noch lauter.

»Phoe«, flüstere ich und öffne meine Augen.

Rote Lichtblitze stürmen auf meine Augen ein, und ich sehe mich gezwungen, mehrmals zu blinzeln.

»Was hast du gerade gemurmelt?«, fragt Liam.

Die Stimme meines Freundes ist dicht an meinem Ohr. Ich zucke zusammen und rolle mich weg. Es könnte mein verwirrtes Gehirn sein, das mir einen Streich spielt, aber Liam hört sich verängstigt an – ein Gefühl, von dem ich nicht gedacht hätte, dass er es empfinden kann.

Meine Augen gewöhnen sich an die Umgebung, und ich erkenne Liams Gesichtszüge deutlich, da er sich gerade über mein Bett beugt. Seine Augenbrauen sind zu seiner charakteristischen »Stirnraupe« zusammengezogen, und die flackernden roten Lichtblitze lassen ihn eigenartig leuchten.

»Ein Alarm ist losgegangen«, sagt Liam, als ich mich hochdrücke, um mich hinzusetzen. »Ich habe so etwas noch nie gesehen.«

»Komisch«, murmele ich, während ich meine Füße nach unten schwinge und die Geste für die Mundreinigung durchführe.

Nichts passiert.

Ich gestikuliere für Essensriegel und Wasser – nichts.

Als ich gerade dabei bin, ein Gedankenkommando zu geben, höre ich, wie Liam sagt: »Falls du gerade versuchst, einen Bildschirm oder irgendetwas anderes erscheinen zu lassen, das wird nicht klappen. Es ist hier wie im Hexengefängnis.«

Um seine Worte zu überprüfen, führe ich die Geste für einen Bildschirm durch.

»Ich habe es dir doch gesagt«, meint Liam, als nichts passiert. Seine Atmung hört sich schwer an.

Ich versuche, einen Bildschirm per Gedankenkommando aufzurufen – und nichts passiert.

»Phoe, was zum Henker …?«, sage ich laut und stehe auf.

Liam schaut mich irritiert an, und Phoe antwortet mir nicht, obwohl ich ihren Namen laut ausgesprochen habe – was die letzte Bestätigung dessen ist, was ich schon weiß.

Irgendetwas ist furchtbar schiefgelaufen. Die Frage ist: was?

Ohne meine Schuhe, die für gewöhnlich an meinen Füßen erscheinen, werden meine Füße zu Eisklötzen, als sie den kalten Boden berühren. Ich ignoriere diese Tatsache, drehe eine Runde in dem Zimmer und versuche dabei, die Situation zu verstehen. Das flackernde rote Licht kommt aus allen Richtungen und ersetzt unsere üblicherweise weiße Beleuchtung.

»Hast du nachgeschaut, ob die Tür unverschlossen ist?«, frage ich Liam, bevor ich Phoe mental anschreie: »Wo bist du? Was zur Hölle ist hier los?«

Phoe antwortet immer noch nicht. Liam geht zur Tür und führt die Geste zum Öffnen durch, aber die Tür reagiert nicht auf sein Kommando.

»Versuche, sie mit den Händen zu öffnen«, schlage ich verzweifelt vor und wiederhole lautlos meine Bitte an Phoe.

Sie schweigt.

Liam drückt mit seinen Händen gegen die Tür, und sie öffnet sich in Richtung Gang. Der Alarm dröhnt weiterhin. Ich frage mich, ob es sich um irgendeine Notfallübung oder eine echte Gefahr handelt. Die Luft im Raum ist mit Sicherheit abgestanden und ungewöhnlich bewegungslos.

Liams Atmung scheint die zweite Möglichkeit zu bestätigen. Seine Brust hebt und senkt sich in einem schnellen, angestrengten Rhythmus. Natürlich muss es sich dabei nicht um eine Kohlenmonoxidvergiftung handeln; es könnte genauso gut einfach die Angst sein.

»Achtung«, sagt Phoe mit einer formalen, extrem lauten Stimme. »Achtung, bitte.«

»Phoe«, schreie ich in Gedanken, bevor mir auffällt, dass Liam aufmerksam dasteht, so als habe er sie auch gehört.

»Sauerstoffproduktion und -zirkulation beeinträchtigt. Sofortige Evakuierung des Gebäudes«, ertönen dröhnend Phoes Anweisungen.

»Ist das eine Übung?«, fragt Liam.

Ich ziehe meine Augenbrauen in die Höhe. »Hast du das gehört?«

Liam legt seinen Kopf auf die Seite und runzelt seine Stirn. »Mann, eine taube Person hätte das gehört.«

»Sauerstoffproduktion und -zirkulation beeinträchtigt. Sofortige Evakuierung des Gebäudes«, wiederholt die Stimme, und mir fällt auf, dass, auch wenn sie sich wie Phoe anhört, sie nicht dieselbe ist. Jetzt, da ich genauer hinhöre, klingt es eher wie eine Aufzeichnung von Phoes Stimme, wie die von einem dieser altertümlichen automatisierten Telefonsysteme. Sie ist emotionslos, und die Sprechweise ist ein wenig eigenartig.

Liam tritt auf den Gang und kommt eine Sekunde später zurück. »Wir sollten gehen.« Seine Stimme ist ungewöhnlich rau. »Alle anderen sind bereits unterwegs.«

So als wolle sie seinen Vorschlag unterstützen, wiederholt Phoes mechanische Stimme den Befehl an uns, das Gebäude zu verlassen.

»Okay«, antworte ich. »Gehen wir.«

Im Gang sind die roten Lichter greller und die düstere Ansage lauter. Die Jugendlichen, die Liam eben gesehen hatte, sind bereits weg, so dass der Korridor leer ist.

Da wir uns immer unwohler fühlen, beginnen Liam und ich, den Gang hinunterzurennen. Während wir laufen, denke ich an die Entfernung, die wir hinter uns bringen müssen, um das Gebäude zu verlassen, und verfluche mein jüngeres Ich. Damals, als wir unsere Unterkünfte ausgesucht haben, war es meine Idee gewesen, einen Raum im obersten Stock und in der am weitesten entfernten Ecke zu nehmen. Zur Verteidigung meines jüngeren Ichs muss ich sagen, dass ich nicht glaube, dass es in Oasis jemals einen Ausnahmezustand gegeben hat. Ich kann selbst jetzt immer noch nicht wirklich glauben, dass das gerade der Fall ist.

»Phoe«, schreie ich in Gedanken. »Phoe, wenn du mir nicht antwortest, werde ich nie wieder mit dir reden.«

Sie antwortet nicht – außer natürlich, wenn die automatisierte Ansage als eine Antwort zählt.

Als wir um die Ecke biegen, sehe ich einige mitgenommen aussehende Jugendliche, die zu den Treppen rennen. Sie haben einen riesigen Vorsprung.

Ich kann jetzt deutlich Liams Atmung hören, was mich beunruhigt. Der Optimist in mir hofft, dass Liams Atmung deshalb so angestrengt ist, weil er sein Ausdauertraining vernachlässigt hat, aber ich weiß, dass Liam wahrscheinlich deshalb solche Schwierigkeiten mit dem Luftholen hat, weil die Sauerstoffversorgung dieses Gebäudes aufgehört hat zu arbeiten und er gerade eine Asphyxie erlebt – einen Zustand, den ich nur aus Büchern und Filmen kenne.

Ich überprüfe mich, und mir fällt auf, dass ich völlig normal atme. Das verblüfft mich einen Moment lang, bis ich mich an die Respirozyten erinnere – die Nanomaschinen, die Phoe vor einigen Tagen in meinem Blutkreislauf aktiviert hat. Diese Technologie hat die gleiche Funktion wie die roten Blutzellen, nur dass die Respirozyten hundertmal effizienter darin sind, Sauerstoff zu transportieren, als die kleinen biologischen Jungs. Kurz nachdem Phoe sie in Gang gesetzt hatte, habe ich sie getestet, indem ich mit angehaltenem Atem gerannt bin – und noch nie habe ich mich beim Laufen so wenig anstrengen müssen. Ich habe die Respirozyten außerdem benutzt, um den Versuch eines Wächters, mich umzubringen, zu überleben.

Meine egoistische Selbstbetrachtung wird davon unterbrochen, dass ich sehe, dass Liam Probleme hat, die Tür zum Treppenhaus zu öffnen.

»Lass mich das machen«, sage ich.

Als er seine Hand zur Seite bewegt, ziehe ich an der Tür. Sie öffnet sich so leicht, dass ich mich besorgt darüber wundere, dass Liam überhaupt Schwierigkeiten damit gehabt hat.

Wir rennen die Treppen hinunter. Mir fällt auf, dass Liams Atmung immer hektischer wird, während seine Geschwindigkeit mit jedem Schritt nachlässt.

»Mann, willst du dich auf dem Weg nach unten auf mir abstützen?«, frage ich ihn, als aus seinem Rennen ein vorsichtiges Gehen wird.

»Ich mich auf dir abstützen?«, fragt er keuchend. Auch wenn er ganz offensichtlich Schwierigkeiten damit hat, zu reden, hellt sich sein Gesichtsausdruck ein wenig auf. Er denkt, dass ich Witze mache, da er immer als der Stärkste in unserer Gruppe angesehen wurde. »Ja, genau. Das wird passieren. Jetzt halt den Mund. Es ist kaum Sauerstoff vorhanden, und wir verschwenden ihn durch Reden.«

»Das Hinabsteigen der Treppen ist aber leichter für mich«, sage ich. »Dafür gibt es einen guten Grund, den ich dir erklären werde, sobald wir draußen sind, aber vertrau mir, wenn ich dir sage, dass du dir von mir helfen lassen solltest.«

Liam schüttelt stur seinen Kopf und beginnt, die Treppen schneller hinabzusteigen. Sein Energieausbruch hält allerdings nicht lange an. Als wir uns der zweiten Etage nähern, schwankt er und geht so langsam, um nicht zu fallen, dass er schon fast kriecht. Einige Momente später scheint selbst langsames Gehen zu viel für ihn zu sein, und er krallt sich stöhnend am Geländer fest.

»Okay, das reicht. Du wirst dir jetzt von mir helfen lassen.« Ohne darauf zu warten, dass er mir widerspricht, ergreife ich seinen linken Arm und lege ihn um meinen Nacken. Sobald ich ihn gut im Griff habe, bewege ich mich, so schnell ich kann.

Ich dachte, dass Liam sich beschweren würde, aber er grunzt dankbar und lehnt sie auf mich, während wir nach unten gehen. Ich drücke meinen Zeigefinger auf sein Handgelenk und kontrolliere heimlich seinen Puls. Sein Herz schlägt erschreckend schnell. Ich betrachte ihn mit einem neutralen Gesichtsausdruck, um meine Besorgnis zu verbergen. Es ist schwer zu sagen, ob es eine Nebenwirkung der roten Alarme ist, aber Liams Augen sehen blutunterlaufen aus, und sein Gesicht ist bläulich. Außerdem sehen die Venen auf seiner Stirn und an seinem Hals geschwollen aus.

Einen Treppenabsatz später schmerzt mein Rücken, weil ich mich bücken muss, um Liams kürzeren Körper zu stützen. Aber wenigstens wirkt sich der Sauerstoffmangel nicht auf mich aus.

»Phoe«, schreie ich in Gedanken. »Du musst mir nicht einmal antworten. Aktiviere bitte einfach Liams Respirozyten.«

Sie antwortet nicht.

Liam stützt sich stärker auf mich und zwingt mich dadurch, langsamer zu gehen. Wir sind jetzt nur noch eine Etage vom Erdgeschoss entfernt, aber wenn wir es erst einmal erreichen, haben wir immer noch fünf lange Flure hinter uns zu bringen.

Auf dem halben Weg nach unten beginnt Liam, stärker zu keuchen, und fasst sich an den Hals.

Ich knirsche mit den Zähnen und ignoriere meinen Rücken, der bei jedem Schritt lauthals protestiert.

Noch zwanzig Schritte bis nach unten.

Fünfzehn Schritte.

Um mich von den Anstrengungen abzulenken, konzentriere ich mich darauf, die Stufen zu zählen und Liams schneller Schnappatmung zu lauschen, während ich versuche, die beißende Kälte, die in meine nackten Füße eindringt, zu ignorieren.

Doch dann geschieht etwas, was mich aus meinem tranceartigen Zustand reißt. Liams hektisches Atmen hört auf – oder verlangsamt sich zu kaum hörbar. Gleichzeitig bricht er zusammen und stützt sein ganzes Gewicht auf mich.

Wir sind noch zehn Stufen vom Erdgeschoss entfernt, aber wir könnten uns genauso gut auf dem Mount Everest befinden.

Nein. Ich werde Liam aus dem Gebäude schaffen.

Mein Herz beginnt, wie eines der altertümlichen elektrischen Werkzeuge zu arbeiten, als Adrenalin durch mich hindurchrast. Ich verstärke meinen Griff um Liam, und in einem Nebel aus bis zum Zerreißen angespannten Muskeln kann ich uns eine Stufe nach unten bewegen.

Ein Schritt geschafft, neun weitere vor uns.

Ich ignoriere die Schmerzen in meinem Rücken und schleife Liam eine weitere Stufe hinab, und dann noch eine.

Die letzten sieben Stufen nehme ich wie in Trance. Das Einzige, was ich sehe, ist rot; das Einzige, was ich höre, ist das Dröhnen der Anweisungen. Ich spüre nicht länger meine strapazierten Muskeln noch meine schmerzende Wirbelsäule.

Erst als ich das Erdgeschoss betrete, trifft mich die Schwäche mit voller Wucht. Anstatt ihr nachzugeben, lege ich Liam vorsichtig auf den Boden, ergreife ihn danach unter seinen Armen und beginne, ihn aus dem Gebäude zu ziehen.

Nach weiteren sechs Metern fühlen sich meine Arme an, als würde Blei durch meine Adern fließen. Ich erwische mich außerdem dabei, dass ich schwer atme, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob das am Sauerstoffmangel oder der Anstrengung liegt. Nicht, dass das für Liam noch lange von Bedeutung wäre.

Ich weiß, dass meine Muskeln in wenigen Sekunden versagen werden.

3

»Phoe«, schreie ich angestrengt, um den dröhnenden Alarm zu übertönen – als ob die Lautstärke in Unterhaltungen mit Phoe einen Unterschied machen würde. »Hilf mir. Bitte.«

Ich bekomme keine Antwort.

Ich versuche, meine Panik zu unterdrücken. Phoe ist verschwunden, und ich muss damit klarkommen. Es muss eine Verbindung zwischen dem Anschlag am Strand und dem, was hier gerade passiert, geben. Der Jeremiah-Haufen hat etwas mit Phoes Schweigen zu tun, genauso wie mit dem Sauerstoffproblem im Gebäude, aber wie das alles zusammenpasst, kann ich gerade nicht herausfinden, weil ich zu überwältigt bin. Ich muss versuchen, einen klaren Kopf zu bekommen, und mich darauf konzentrieren, meinen Freund in Sicherheit zu bringen.

Ich bewege gefühlte Stunden lang immer wieder meinen linken Fuß, und danach meinen rechten – auch wenn ich rational weiß, dass nur wenige Minuten verstreichen. Meine Muskeln zerreißen fast durch die Anstrengung, Liam noch einen halben weiteren Gang hinter mir herzuziehen. Während ich das tue, bemerke ich, dass ich langsamer werde.

Nein. Ich kann nicht langsamer werden. Wenn das passiert, wird Liam sterben.

Plötzlich nehme ich verschwommen eine Bewegung wahr, als jemand sich an der Abzweigung zu mir gesellt und Liams Gewicht unendlich leichter wird. Benebelt starre ich den Jugendlichen an, der uns eingeholt und Liams Beine angehoben hat, um mir dabei zu helfen, ihn zu tragen.

Es ist Owen – derjenige, der in dem behüteten Leben auf Oasis am ehesten so etwas wie Liams Todfeind ist. Owen – die Person, die ich bewusstlos geschlagen habe, als sie sich wie ein Arschloch verhalten hat, und deren Kopf, zumindest nach Phoes Erzählung, die Manifestation meines schlimmsten Albtraums geschmückt hat, den das Programm gegen Eindringlinge in dem Test der Betagten erschaffen hatte.

»Danke«, kann ich gerade so sagen, während ich gegen meine schockierte Überraschung ankämpfe. »Ich glaube nicht, dass ich ihn noch viel länger hätte tragen können.«

Owen bewegt seinen Kopf ruckartig, und die Bewegung lässt ihn wie einen Rettungshund aussehen. Anstatt zu sprechen, spitzt er seine Lippen und deutet mit dem Kopf in Richtung der Alarme. Was er sagen will, ist klar: »Verschwende deinen Sauerstoff nicht, Idiot, und zwinge mich nicht dazu, das Gleiche zu tun.«

Durch seine Hilfe ermutigt, werde ich schneller, bis ich mich fühle, als würde ich Liam und Owen aus dem Gebäude schleifen. Der Rest des Weges ist eine vernebelte Mischung aus roten Lichtern und Phoes automatisierten Ansagen.

Ich bin beinahe fassungslos, als wir schließlich den Ausgang erreichen.

Ich lasse Liam los, um die Tür zu unserem Schlafgebäude manuell zu öffnen, und als sie aufspringt, fühlt sich die Luft ein kleines bisschen frischer an. Ich bemerke, dass Owen ein wenig leichter atmet, auch wenn sich Liams Brust immer noch nicht bewegt.

Wir eilen aus dem Gebäude und schieben uns durch die Ansammlung mitgenommen aussehender Jugendlicher.

»Macht Platz«, schreit Owen.

»Geht verdammt nochmal aus dem Weg«, wiederhole ich deutlicher.

Die Jugendlichen, die es nicht gewohnt sind, derartige Worte zu hören, sind dermaßen schockiert, dass sie sich in Bewegung setzen. Sie machen Platz, und wir legen Liam auf dem Boden ab.

Ich beuge mich nach unten, um die hervorstehende Vene meines Freundes zu überprüfen, und erfriere innerlich.

Liams Puls ist kaum zu spüren, und er atmet nicht.

Owen sagt etwas, bevor er wegeilt, aber ich nehme seine Worte nicht auf. Ich bin zu beschäftigt damit, mir das in Erinnerung zu rufen, was ich über erste Hilfe weiß. Wie ging diese Technik nochmal, die unsere Vorfahren in solchen Situationen anwendeten? Herz-Lungen-Reanimation?

Ich gebe mein Bestes, um das nachzuahmen, was ich in alten Filmen gesehen habe. Ich nähere mich Liams Oberkörper und lege meine Hand auf den Mittelpunkt seiner Brust.

Irgendetwas daran fühlt sich falsch an, also lege ich meine linke Hand auf meine rechte und verschlinge meine Finger.

»Okay, das sieht genauso aus wie das, was die Menschen in den Filmen tun«, denke ich zu Phoe, bevor ich mich daran erinnere, dass sie nicht da ist.

Ich bringe meine Schultern über meine Hände und benutze das Gewicht meines Oberkörpers, um nach unten zu drücken. Liams Brust bewegt sich nach innen. Ich löse den Druck, warte eine halbe Sekunde, bis seine Brust wieder nach oben kommt, und wiederhole dann mein Manöver.

Nichts passiert.

»Versuche, in seinen Mund zu atmen«, meint eine weibliche Stimme. Ich erkenne sofort, dass sie zu Grace gehört, auch wenn ich nicht bemerkt habe, dass sie zu uns gekommen ist. »Diese Kombination ist effektiver«, fügt sie hinzu, als ich zu ihr nach oben schaue.

Mit zitternden Händen drücke ich erneut zu und sage: »Ich bin mir nicht sicher, wie –«

Mit fliegenden roten Haaren kniet sich Grace auf Liams rechte Seite und legt ihre Hand auf meine. Ich höre mit meiner Herzmassage auf und beobachte Grace dabei, wie sie Liams Nase zudrückt und ihre Lippen auf seine presst, bis sie versiegelt sind. Dann atmet sie in ihn, und ich fühle, wie sich seine Brust erst einmal, dann ein zweites Mal hebt.

»Jetzt du«, sagt Grace.

Ich drücke zwei Dutzend Male auf Liams Brust, bevor sie mich innehalten lässt und ihm mehr Luft gibt.

Wir wechseln uns auf diese Weise noch einige weitere Male ab. Ich massiere Liams Herz, und Grace zwingt gnadenlos ihren Atem in seine Lungen. Die Luft um mich herum ist kalt, aber trotzdem ist mein Gesicht schweißüberströmt. Allerdings ist nicht die gesamte Flüssigkeit auf meinem Gesicht Schweiß; ein Teil davon sind brennende Tränen, die aus meinen Augen strömen.

»Liam«, sagt Grace nach einer weiteren Runde. »Liam, kannst du uns hören?«

Ich kämpfe gegen die kalte Angst in mir an und starre auf Liam, aber er ist immer noch komatös.

»Er atmet eigenständig«, meint Grace und beantwortet damit meine unausgesprochene Frage, als ich sie anschaue. »Und seine Herzfrequenz ist stabiler.«

Ich bewege meine Hand auf Liams Brust nach links und atme erleichtert auf.

Sie hat recht. Sein Herzschlag ist regelmäßig.

»Du musst ihm keine Herzmassage mehr geben«, sagt Grace. »Wir müssen nur noch darauf warten, dass er wieder zu Bewusstsein kommt.«

Trotz meines benebelten Zustands wundere ich mich über Graces ungewöhnliche Kompetenz. »Woher wusstest du, wie –«

»Ich wollte immer eines Tages Krankenschwester werden, schon vergessen?«, fragt Grace mit einer leicht enttäuschten Stimme.

Sobald sie das ausspricht, erinnere ich mich daran, dass sie davon gesprochen hat, als wir noch sehr jung waren, damals, als sie noch mit uns befreundet war. Ich erinnere mich sogar daran, dass sie an jenem Tag der Geburten zum Stand der Krankenschwester gegangen ist.

»Ich dachte, dass du mittlerweile deine Meinung geändert hast«, murmele ich in dem Versuch, meinen Fauxpas zu überspielen. Die eisige Panik in mir lässt leicht nach. »Das war vor mehr als einer Dekade.«

Grace öffnet ihren Mund, um mir zu antworten, als Liam nach Luft schnappend und grunzend seine Augen öffnet. »Grace?«, fragt er schwach. »Was machst du um diese Uhrzeit in meinem Zimmer?«

Danach sieht er mich und schweigt, während sein Blick langsam von einer Seite zur anderen wandert. Ich drehe mich um und bemerke zum ersten Mal die Jugendlichen, die mit blassen und besorgt aussehenden Gesichtern um uns herumstehen.

»Es ist eine Ausnahmesituation eingetreten, und wir mussten das Gebäude verlassen«, sage ich und drehe mich wieder zu Liam um. »Wahrscheinlich bist du gegen Ende ohnmächtig geworden.«

Liam schließt seine Augen und zieht seine raupenartigen Augenbrauen zusammen. Dann sagt er: »Ach ja. Wir sind gerade die Stufen hinabgegangen, als –«

»Entschuldigt bitte, dass ich euch unterbreche«, meint Grace. »Aber ich muss weg.«

»Warte, warum? Wohin gehst du?« Meine Fragen hören sich ein wenig zu nachdrücklich an. Ruhiger füge ich hinzu: »Was ist, wenn Liam noch einmal ohnmächtig wird?«

»Da er sich jetzt draußen befindet und bei Bewusstsein ist, sollte es ihm gutgehen«, sagt Grace. »Ich habe gerade mit Nicky gesprochen.« Sie nickt in Richtung eines blassen Jugendlichen, der etwa zwölf Jahre alt ist. »Er hat das Schlafgebäude der mittelalten Jugendlichen aus dem gleichen Grund verlassen, wie wir unseres. Aber ihr Alarm ging früher los als bei uns.«

Sie blickt mich an, als würde das alles erklären.

Ich reibe meine Schläfen. »Es tut mir leid, aber ich verstehe nicht, warum du deshalb schnell verschwinden musst. Mein Kopf ist –«

»Das muss das Adrenalin sein«, sagt Grace. »Ich muss gehen, weil ich mir Sorgen mache, dass die Schlafräume der Grundschüler das gleiche Problem haben könnten.« Sie schaut in Richtung des Waldes, wo sich das betreffende zylindrische Gebäude befindet. »Die Kleinen könnten Hilfe brauchen.«

»Sie hat recht«, sagt Liam und versucht, sich hinzusetzen. »Wir sollten helfen.«

»Du musst eine Weile hier liegenbleiben«, erwidert Grace entschieden und kniet sich hin, um ihn zurück nach unten zu drücken. »Aber du, Theo, könntest dich nützlich machen.«

»Ich weiß nicht«, entgegne ich, da mein Zögern bei dem Gedanken, meinen gerade erst wieder zu Bewusstsein gekommenen Freund zu verlassen, gegen die Vorstellung von kleinen, erstickenden Kindern kämpft. »Was ist –«

»Mir geht es gleich wieder gut«, meint Liam. »Geh und hilf Grace.«

Ich lasse meinen Blick über die Jugendlichen um uns schweifen, um zu sehen, ob einer von ihnen Grace an meiner Stelle helfen könnte. Ich entdecke Kevin, einen Jugendlichen, den ich nicht besonders gut kenne. Unsere Blicke treffen sich, und ich winke ihn zu mir.

»Nein, du solltest gehen«, sagt Liam, als er sieht, dass der Jugendliche zu uns kommt.

Ich will gerade protestieren, als mir auffällt, dass ich mit meinen Respirozyten wahrscheinlich die geeignetste Person in Oasis bin, um in Situationen zu helfen, die mit eingeschränkter Sauerstoffversorgung zu tun haben. Im Gegensatz dazu kann gerade so ziemlich jeder auf Liam aufpassen.

Kevin bleibt neben mir stehen, schaut mich erwartungsvoll an, und ich sage zu ihm: »Kannst du bitte ein Auge auf Liam behalten? Er fühlt sich nicht gut, und ich will sichergehen, dass er sich erholt. Hast du diese Herz-Lungen-Reanimation gesehen, die Grace und ich eben durchgeführt haben?«

»Ja«, antwortet Kevin unsicher.

»Kannst du sie anwenden, sollte er erneut das Bewusstsein verlieren?«

»Das werde ich nicht«, wirft Liam ein.

»Das wird er wirklich nicht«, versichert uns Grace.

»Okay«, meint Kevin. »Geh und hilf Grace. Ich werde auf Liam aufpassen.«

Ich stehe auf und sage zu Nicky: »Hilf Kevin, falls er etwas braucht.«

Nicky nickt.

Grace stellt sich hin und bahnt sich ihren Weg durch die Menge der Jugendlichen, und ich folge ihr, während ich versuche, den ohrenbetäubenden Lärm von Hunderten von Stimmen auszublenden. Einige der Jugendlichen schnappen als Nachwirkung des Sauerstoffmangels keuchend nach Luft, einige andere fragen lautstark, was gerade passiert, und viele weinen oder beruhigen sich gegenseitig, indem sie sich gemeinschaftlich die Lüge einreden, dass es sich nur um eine Übung handelt.

Als wir uns über den menschlichen Hindernisparcours bewegen, fallen mir einige eigenartige Dinge auf. So sind wir zum Beispiel alle barfuß und tragen unsere Schlafbekleidung. Einige Jugendliche sind sogar halbnackt. In dem roten Licht vom Himmel – der nächsten komischen Sache – sehen sie deshalb wie ein Rudel ausgesetzter Welpen aus.

Der Himmel hat nicht das Rot eines Sonnenuntergangs, sondern eher das von Sirenen, genau wie in unserem Schlafgebäude. Es sieht aus, als habe jemand die Kuppel mit einer leuchtend roten Farbe angemalt. Mehr als nur einige wenige Jugendliche starren mit einer Mischung aus Entsetzen und Faszination an den Himmel. Ich nehme an, dass das bedeutet, dass die erweiterte Realität nicht mehr funktioniert, auch wenn es möglich ist, dass der Himmel in Gefahrensituationen so aussehen soll.

Der Gedanke an die erweiterte Realität lenkt meine Aufmerksamkeit auf eine dritte, unauffälligere Eigenheit. Alle Statuen und viele der unzugänglicheren Bäume sind verschwunden, so dass die Umgebung kahl aussieht – ein Eindruck, der durch das rote Licht des Himmels verstärkt wird.

Es ist ein Oasis, das niemand von uns jemals zuvor gesehen hat: ein Ort, der das Gegenteil dieses normalerweise fröhlichen, grünen Paradieses ist.

Auf unserem Weg untersucht Grace einige der Jugendlichen, die auf dem Boden liegen. Es sieht ganz so aus, als sei Liam nicht der Einzige gewesen, dem zwischenzeitlich die Luft ausgegangen war. Einige dieser Jugendlichen haben sich sogar ihre Köpfe gestoßen, als sie in Ohnmacht gefallen sind, zumindest nehme ich das an, da eines der Mädchen leichte Verletzungen am Kopf aufweist. Allerdings befindet sich niemand von ihnen in einem besonders schlimmen Zustand, weshalb Grace weitergeht und auf den Rand der Menge zueilt.

Je weiter Grace und ich uns von den anderen Jugendlichen entfernen, desto deutlicher erkenne ich, dass das Stimmengewirr ein anderes Geräusch übertönt hat. Ich kann jetzt eine neue Nachricht der allgegenwärtigen, mechanisch klingenden Phoe hören.

»Heizfunktion des Lebensraums ausgefallen. Sauerstoffproduktion –«

Ein ohrenbetäubender Alarm schneidet durch die Luft. Er ist so laut, dass der Rest der Ansage in ihm untergeht.

Kälte breitet sich von meinen eisigen Füßen ausgehend in meinem ganzen Körper aus – eine Kälte, die nichts mit der nicht funktionierenden Heizung zu tun hat, sondern einzig und allein mit dem Ort, von dem der neue Alarm ausgeht.

Er dröhnt aus dem zylinderförmigen Schlafgebäude der jungen Jugendlichen, das etwa dreißig Meter entfernt vor uns liegt.

Grace hatte recht damit, dorthin zu eilen. Was in unserem Wohngebäude passiert ist, wird gleich die kleinen Kinder treffen.

4

Gleichzeitig beginnen Grace und ich, auf das Gebäude zuzurasen. Als wir den halben Weg dorthin hinter uns gebracht haben, bricht die erste Welle der Kinder durch die Tür nach draußen. Selbst aus dieser Entfernung kann ich sehen, dass es sich dabei um die älteren Jahrgänge handelt. Danach kommen weitere Kinder herausgerannt, wobei diesmal die älteren einige der jüngeren mit sich führen.

Ein etwa zehn Jahre alter Junge fängt uns in der Nähe des Gebäudes ab. »Ich musste zwei Mädchen zurücklassen«, sagt er und atmet hektisch ein. »Ihre Mitbewohnerinnen.« Er blickt auf die Erstklässlerin hinab, deren kleine Hand er hält.

»Wo finden wir das Zimmer?«, fragt Grace mit einer Stimme, die fast die Autorität eines Erwachsenen besitzt.

»Es ist Zimmer 405, der zweite ganz oben auf der rechten Seite, wenn ihr das östliche Treppenhaus nehmt«, erklärt der Junge nach Luft schnappend, und wir rennen zum Gebäude.

Als wir uns unseren Weg durch die Horde der zitternden, halberstickten jungen Jugendlichen bahnen, fluche ich leise. Wer auch immer für diese Situation verantwortlich ist, wird eine Menge zu erklären haben.

»Grace«, sage ich, als wir am Eingang ankommen. »Warum gehe ich nicht alleine und du bleibst hier? Ich habe vielleicht eine höhere Chance –«

Grace ignoriert mich und läuft in das Gebäude. Sie war schon immer stur, also überrascht mich das nicht besonders. Natürlich weiß sie nichts von meinen Respirozyten, also könnte sich mein Vorschlag für sie überheblich angehört haben.

Ich schiebe meine Frustration zur Seite und renne hinter Grace her. In dem Licht der roten Sirenen sieht ihr Haar aus, als sei es mit Blut bespritzt. Die mechanische Stimme wiederholt die gleichen Worte wie in unserem Gebäude. »Sauerstoffproduktion und – zirkulation beeinträchtigt. Sofortige Evakuierung des Gebäudes«

Als wir fast bei dem östlichen Treppenhaus angekommen sind, sehe ich in einiger Entfernung einen Jugendlichen meines Alters, der ein kleines Kind trägt. Als wir näher kommen, erkenne ich, um wen es sich handelt, und mir wird klar, dass Owen nach Liams Rettung sofort hierhergerannt sein muss. Offensichtlich hat er den gleichen Gedanken wie Grace gehabt. Ich nicke ihm ernst zu. Er rollt mit den Augen, was typisch ist, aber schaut danach das kleine Mädchen in seinen Armen besorgt an und eilt weiter zum Ausgang.

Grace und ich laufen weiter, und als Owen aus unserem Blickfeld verschwunden ist, bemerke ich, dass ich ihn jetzt in einem anderen Licht sehe. Ich hatte erwartet, dass Grace Held spielen würde, aber nicht Owen. Andererseits ist es schwer, vorauszusagen, wie eine Person sich in einer Notsituation verhalten wird. Einige sind vor Angst wie gelähmt – von diesen Exemplaren habe ich heute einige gesehen –, während andere die Situation akzeptieren und über sich hinauswachsen. Manchmal können Menschen uns angenehm überraschen.

Meine Träumereien werden unterbrochen, als Grace in der Nähe der ersten Tür stehen bleibt und eine weitere Person anstarrt.

Es handelt sich um einen der Wächter, der allerdings seinen Helm abgenommen hat.

Ich bin sogar noch entsetzter als Grace. Wenn ein Wächter ohne seinen reflektierenden Helm im Bereich der Jugendlichen auftaucht und dadurch Zeichen der Alterung zur Schau stellt, müssen die Dinge wirklich schlimm liegen. Dieser betreffende Wächter ist nicht sehr alt, aber ich kann trotzdem erkennen, wie das rote Licht von seinen weißen Schläfen reflektiert wird. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das Grace auffallen wird. Plötzlich wird mir noch etwas anderes klar: Ich kenne den Typen sogar.

Es ist Albert, der Wächter, der dagegen protestiert hat, dass Jeremiah mich foltert.

»Was tut ihr hier?«, fragt Albert und zieht hörbar Luft ein.

Er trägt einen kleinen Jungen auf seinem rechten Arm, und mit seiner linken Hand umfasst er die Hand eines leicht älteren Mädchens. Das Mädchen schaut mit riesigen Augen und zitternder Unterlippe hinter dem Wächter hervor, um uns zu betrachten.

»Wir sind auf dem Weg zu Zimmer 405«, sagt Grace. Sie hört sich ebenfalls außer Atem an.

»Wir versuchen, einige Kinder dort herauszuholen«, sage ich, um Grace das Sprechen zu ersparen. »Was tust du hier? Warum trägst du deinen Helm nicht? Was geht hier vor sich?«

Der Wächter schüttelt nur seinen Kopf. »Keine Zeit«, keucht er. »Ich musste den Helm abnehmen, weil alle Visoren durchgedreht sind –«

Albert hält inne, weil das Mädchen hinter ihm anfängt, laut zu schluchzen, und Tränen ihre Wangen hinunterlaufen. Albert atmet erneut ein und sagt entschieden zu uns: »Ihr geht nirgendwohin. Hier,« – er gibt mir den Jungen – »du nimmst ihn. Und du« – er gibt Grace die Hand des Mädchens – »nimmst sie. Ich werde in dem Zimmer nachsehen. 405, richtig?«

Ich drücke den kleinen Jungen an mich und sage in einem Atemzug: »Ja, es ist die zweite Tür auf der rechten Seite, wenn du in diesem Treppenhaus bis ganz nach oben gehst.«

»Geht«, befiehlt Albert, und ich rase die Treppen hinunter, dicht gefolgt von Grace und ihrem Kind.

Während wir laufen, versuche ich den Puls des Jungen zu kontrollieren, aber ich kann ihn nicht spüren. Er atmet auch nicht. Was noch viel schlimmer ist, ist, dass das Mädchen mit jeder Sekunde schwerer atmet.

Nach der Hälfte des Flurs, der zum Ausgang führt, stolpert es und fasst sich unter lautem Keuchen an die Kehle.

»Nimm ihre Füße«, befehle ich Grace, während ich den Jungen so mit meinem rechten Arm umfasse, wie ich es vorher bei Albert gesehen habe. Mit meiner linken Hand ergreife ich das Mädchen unter ihren Achseln.

Die einzige Antwort darauf ist Graces flaches Keuchen, aber sie nimmt die Füße des Mädchens, und wir tragen sie den restlichen Weg nach draußen.

Sobald wir das Gebäude verlassen haben, legen wir das Mädchen auf den Boden, und Grace sieht sich um. »Du da.« Sie macht eine Bewegung in Richtung eines schlaksigen Mädchens, das so aussieht, als sei es neun oder zehn Jahre alt. »Schau mir zu, damit du das lernst, was ich tue.« Dann kontrolliert sie die Lebenszeichen des Mädchens, das wir aus dem Gebäude getragen haben. »Sie atmet. Man kann niemanden wiederbeleben, der noch atmet«, erklärt sie ihrer neuen Helferin. »Das könnte das Herz stoppen.«

Die frisch rekrutierte zukünftige Krankenschwester sieht aus wie ein Kaninchen in den Klauen eines tollwütigen Wolfs, aber sie schafft es, leicht zu nicken, um Grace zu zeigen, dass sie sie verstanden hat.

Als mir auffällt, dass ich den keinen Jungen immer noch auf dem Arm halte, lege ich ihn ab, und Grace übernimmt die Herz-Lungen-Reanimation, während ihre Schülerin sie beobachtet.

»Vermisst noch jemand irgendwelche seiner Freunde?«, brülle ich, um die verängstigten jungen Stimmen zu übertönen. »Bitte sagt mir Bescheid, falls ihr wisst, dass sich noch jemand im Gebäude befindet.«

Ein etwa siebenjähriger Junge hebt seine Hand, und ich gehe durch die Menge, um mit ihm zu sprechen.

»Jason ist noch dort drin«, sagt der Junge mit zittriger Stimme, als ich neben ihm stehenbleibe. Er umarmt sich und beginnt zu weinen, während er murmelt: »Ich hätte ihn aufwecken sollen. Er ist mein Freund. Es tut mir leid.«

»Wo ist sein Zimmer?«, frage ich und versuche, mich so autoritär wie möglich anzuhören, ohne das Kind dadurch zu verängstigen.

»In der zweiten Etage«, antwortet er und bekommt Schluckauf. »Auf der Seite des westlichen Treppenhauses. Raum 204.«

»Danke«, sage ich und eile zu Grace zurück.

»Er ist stabil, aber du musst hierbleiben und ihn beobachten«, sagt Grace gerade zu ihrer neuen Assistentin. »Theo und ich, wir gehen –«

»Ich kann das alleine machen, Grace.« Die Tatsache, dass sie nichts von Jason mitbekommen hat, könnte meine Chancen darauf erhöhen, dass sie auf mich hört.

Ihre blauen Augen leuchten in dem roten Licht auf, und ich weiß, dass meine Hoffnungen vergebens waren.

»Hör damit auf, Zeit zu verschwenden, Theo«, erwidert sie. »Ich werde gehen. Du könntest meine Hilfe brauchen.«

»Gut«, sage ich und renne auf das Gebäude zu.

Bevor wir es betreten, erkläre ich Grace, wohin wir müssen, um im Gebäude nicht mehr zu sprechen. Ich will Grace nicht in eine Unterhaltung verwickeln, durch die sie ihren Sauerstoff schneller verbraucht.

Ich sehe die Umrisse eines Wächters, als wir zum westlichen Treppenhaus abbiegen. Das muss Albert mit den Kindern aus dem Zimmer 405 sein, außer er hat sie bereits nach draußen gebracht und rettet jetzt den Nächsten.

Ich steige den Treppenabsatz in einem Atemzug hoch. Grace beginnt, leicht zurückzufallen. Ich drücke die Tür auf, verlasse das Treppenhaus, und in zwei großen Schritten bringe ich den Weg zum Zimmer 204 hinter mich.

»Jason«, rufe ich, während ich die Tür aufreiße. »Bist du hier?«

Niemand antwortet, aber ich sehe einen kleinen Körper auf dem am weitesten entfernten Bett liegen.

Wie sein Freund sieht der bewusstlose Junge so aus, als sei er etwa sieben Jahre alt. Ich strecke mich aus, um seinen Puls zu fühlen, aber dann höre ich, dass Grace das Zimmer betritt. Als ich aufschaue, bemerke ich, wie schnell ihre Brust sich unter ihrer Nachtwäsche hebt und senkt, und wie sehr die Adern auf ihrem schlanken Hals hervorstehen.

»Grace, ich kann ihn tragen«, sage ich und beginne, den Jungen hochzuheben. »Wahrscheinlich wiegt er nur –«