Ostereier - Ruth Gogoll - ebook

Ostereier ebook

Ruth Gogoll

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Opis

Ostereier müssen gewöhnlich erst einmal gesucht werden, ehe man in ihren Genuss kommt. Und manche sind so gut versteckt, dass sie regelrecht Rätsel aufgeben - was Vi schmerzlich erfahren muss. Recht zufrieden im Singledasein eingerichtet, läuft ihr Ilka über den Weg, attraktiv und rätselhaft. Ilka taucht voller Leidenschaft auf und verschwindet sehr schnell wieder. Welches Geheimnis verbirgt sich hinter ihrem schönen, traurigen Gesicht? Was versteckt sie so gut, dass Vi alle Kraft ihrer Liebe aufwenden muss, um es aufzudecken?

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Ruth Gogoll

OSTEREIER

Roman

Originalausgabe: © 2007 ePUB-Edition: © 2013édition el!es

www.elles.de [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

»Mami, Mami, ich will die Ostereier!«

Das Kind stampfte wütend mit dem Fuß auf dem Boden auf.

»Es ist noch nicht Ostern.«

Die Mutter nahm dem Kleinen die bunte Tüte wieder ab und legte sie ins Supermarktregal zurück.

»Bääh!« Der Junge schrie los, dass es die ganze Supermarkthalle erschütterte.

Die Mutter schaute zweifelnd auf die Tüte im Regal, entschied sich dann aber – pädagogisch klug – dafür, die strafenden Blicke der anderen Kunden im Laden in Kauf zu nehmen, statt sich von ihrem Sprössling erpressen zu lassen.

»Manchmal bin ich schon froh, dass ich keine Kinder habe«, sagte eine Stimme hinter mir.

Ich drehte mich um. Eine junge Frau blickte immer noch in Richtung des strampelnden kleinen Krawallmachers, der mittlerweile von seiner Mutter zur Kasse gezogen wurde.

»Ich auch«, sagte ich.

Die junge Frau wandte aufgeschreckt ihren Blick zu mir. »Oh Gott«, sagte sie. »Habe ich das etwa laut ausgesprochen?«

»Wenn ich nicht plötzlich Gedanken lesen kann, ja«, bestätigte ich lächelnd.

»Das . . . das wollte ich nicht.« Sie stammelte herum, als ob sie etwas außerordentlich Schlimmes getan hätte.

Ich zuckte die Schultern. »Wir sind ja einer Meinung«, sagte ich.

Sie starrte mich einen Augenblick lang stumm an. Schöne Augen hatte sie, stellte ich fest, grün und gold gesprenkelt, so dass es beinahe so aussah, als würde die Sonne hie und da einen Lichtpunkt in einem frühlingsfrischen Wald aufblitzen lassen.

Sie räusperte sich. »Tut mir leid«, sagte sie. »Ich wollte Sie nicht mit meinen Gedanken belästigen.«

Süß. Sie war einfach süß.

»Das tun Sie nicht«, sagte ich. »Schreiende Kinder gehen wohl jedem auf die Nerven, und wahrscheinlich haben viele Leute im Laden dasselbe gedacht wie Sie.«

»Aber sie haben es nicht ausgesprochen«, sagte sie verlegen.

»Ist das ein Unterschied?« fragte ich. »Und außerdem –«, ich beugte mich verschwörerisch zu ihr, »hat es außer mir niemand gehört.« Ich schmunzelte sie an.

»Was denken Sie jetzt von mir?« sagte sie unglücklich.

Was hatte sie nur für ein Problem? Ich kannte sie doch gar nicht. Selbst wenn ich mir aufgrund dieses einen Satzes ein Urteil über sie gebildet hätte, konnte es ihr doch egal sein.

»Ich denke, dass Sie anscheinend ein vernünftiger Mensch sind«, sagte ich, um sie zu beruhigen, auch wenn ich nicht wusste, warum das nötig sein sollte.

»Wirklich?« fragte sie. Sie runzelte die Stirn.

Ich fand sie immer süßer.

»Wissen Sie«, sagte ich, »wenn Sie sich darüber Gedanken machen, schlage ich vor, wir gehen zusammen einen Kaffee trinken. Da können wir uns dann ausführlich miteinander unterhalten.«

Sie sah mich an, und in ihre Augen trat ein Ausdruck, den ich nicht deuten konnte. Er schien gequält und doch wieder nicht. Neugierig und gleichzeitig ablehnend. »Vielen Dank«, sagte sie, »aber . . . nein . . . ich glaube . . . lieber nicht.« Sie drehte sich schnell um und verschwand im nächsten Gang.

Schade, dachte ich. So etwas Süßes ist mir schon lange nicht mehr über den Weg gelaufen. Ich seufzte bedauernd. Die attraktivsten Frauen waren einfach immer schon besetzt oder standen anderweitig nicht zur Verfügung. Das war der Lauf der Welt.

Ich begab mich zur Kasse und versuchte, sie im Laden zu entdecken, aber sie hatte entweder schon bezahlt oder hielt sich im hinteren Teil des Geschäfts auf, der von der Kasse aus nicht einzusehen war. Ich legte meine Einkäufe auf das Band und folgte langsam der Bewegung, mit der die Waren zur Kassiererin transportiert wurden. Dabei träumte ich vor mich hin. Ihre Augen waren wirklich einmalig. Wie sie wohl aussahen, wenn sie lächelte? Das hatte sie kein einziges Mal getan.

»Fünfunddreißig achtzig, bitte.«

Die Stimme der Kassiererin riss mich aus meinen Gedanken. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich schon dran war. Schnell zerrte ich mein Portemonnaie hervor und zog einen Fünfziger heraus.

»Achtzig Cent vielleicht?« Die Kassiererin blickte mich fragend an.

»Ja, sicher.« Ich öffnete das Kleingeldfach. Ein paar einzelne Ein-Cent- und Zwei-Cent-Münzen kupferten mich an und ein einsames Zwanzig-Cent-Stück goldete. »Äh, nein, tut mir leid«, entschuldigte ich mich. »Sonst habe ich immer so viel Kleingeld, aber heute . . .«

»Hier.« Eine Hand streckte sich über das Warenband. »Ein Euro. Nützt Ihnen das etwas?«

Die Kassiererin nickte und griff nach der Münze.

Ich folgte der schönen Hand, die den Euro gereicht hatte, mit meinem Blick den Arm hinauf bis zum Gesicht der süßen Frau von eben.

»Danke«, sagte ich. »Meistens ärgere ich mich, dass ich das Portemonnaie kaum zukriege vor lauter Münzen, aber wenn man mal eine braucht . . .«

»Das kenne ich«, sagte sie. »So ist es immer.« Sie streifte mich nur mit einem kurzen Blick, als sie antwortete. Dann legte sie ihre Einkäufe aufs Band und sah mich nicht mehr an.

Ich nahm mein Wechselgeld in Empfang und verstaute es in meinem Portemonnaie, bis auf zwanzig Cent, die ich ihr reichte. »Das gehört Ihnen«, sagte ich, »und für den Rest müssen Sie mir jetzt einfach erlauben, Sie zu einem Kaffee einzuladen. Wie soll ich meine Schulden sonst begleichen?«

»Das . . . das ist nicht so wichtig.« Sie blickte auf. »Achtzig Cent machen mich nicht arm.« Zum ersten Mal lächelte sie . . . ein wenig.

Dennoch war es berauschend. Ich konnte mich kaum davon losreißen. »Das habe ich gehofft, dass das nicht Ihr letzter Euro war, den Sie für mich hingegeben haben«, lachte ich sie an. »Aber dennoch – ein einziger Kaffee wird mich auch nicht arm machen. Hier vorn im Markt kann man einen trinken. Ein paar Minuten werden Sie doch Zeit haben.«

»Das ist wirklich nicht nötig«, sagte sie. Sie bezahlte ihre Einkäufe mit einer Kreditkarte und unterschrieb auf der Rückseite des Belegs.

»Vielen Dank, Frau Sommer«, sagte die Kassiererin, nachdem sie den Namen auf der Karte gelesen hatte, »und ein schönes Wochenende.«

»Danke gleichfalls.« Sie steckte die Kreditkarte ein und verpackte das Portemonnaie sorgfältig wieder in ihrer Handtasche.

Sie hatte nicht viel gekauft, ein bisschen Obst und Gemüse, Salat, Joghurt und Saft. Ein typischer Fraueneinkauf. Ich nahm eine Einkaufstüte und packte alles hinein. Bevor sie protestieren konnte, griff ich mir die Tüte und ging damit nach vorn zum Café. Sie musste mir folgen, wenn sie ihre Einkäufe wiederhaben wollte.

Eine halbe Minute später war sie bei mir. »Was tun Sie da?« fragte sie verwirrt.

»Kidnapping«, erwiderte ich so ernsthaft wie möglich. »Ihre Einkäufe gegen eine Tasse Kaffee.« Ich bog ins Café ein.

Sie war überrascht stehengeblieben, kam mir dann aber nach. »Ich habe den Wert einer Tasse Kaffee anscheinend bislang unterschätzt«, sagte sie, während sie mich mit undefinierbarem Blick musterte.

»Ganz sicher«, sagte ich. Ich reichte ihr ihre Tüte. »Sie müssen nicht, wenn Sie nicht wollen. War eine dumme Idee von mir.«

Sie nahm die Tüte und stellte sie neben einem Tisch im Café ab. »Wenn wir schon einmal hier sind . . .«, sagte sie. »Plötzlich habe ich auch Lust auf Kaffee.«

Luftsprung! Na ja, im Kopf . . .

»Milch und Zucker?« fragte ich. »Espresso, Kaffee, Cappuccino?«

»Latte macchiato«, sagte sie. »Wenn es das gibt.«

»Gibt’s«, sagte ich. »Habe ich hier schon mal getrunken.« Ich düste ab zur Theke, um unsere Getränke zu holen, denn eine Bedienung gab es nicht.

Als ich mit den beiden Latte-macchiato-Gläsern zurückkam, saß sie tatsächlich immer noch am Tisch. Insgeheim hatte ich befürchtet, dass sie die Gelegenheit nutzen würde zu gehen. Ich hatte sie doch ziemlich überrumpelt.

Ich atmete innerlich auf und setzte die Gläser ab. »Wissen Sie, dass Latte macchiato in Italien Kinderkaffee heißt?« fragte ich lachend. »Nur Kinder trinken das dort. Ganz viel Milch und sehr wenig Kaffee.«

Sie nahm ihr Glas und sah mich kurz an. »Dann sind wir wohl beide noch nicht erwachsen«, sagte sie und nippte an dem hellbraunen Gemisch.

»Könnte sein«, sagte ich schmunzelnd. Ich nahm auch einen Schluck und beobachtete sie aus dem Augenwinkel. Sie schien ganz in sich versunken, beinahe als ob sie nicht da wäre. »Geht es Ihnen nicht gut?« fragte ich. »Sie wirken so abwesend.«

Sie blickte ruckartig auf. »Oh . . . nein . . . alles in Ordnung«, sagte sie.

»Entschuldigen Sie«, sagte ich. »Ich wollte Sie nicht ausfragen.«

»Nein.« Sie straffte ihre Schultern mit einer plötzlichen Bewegung. »Ich muss mich entschuldigen. Wir wollten uns ja unterhalten, und nun sitze ich so stumm hier herum.«

Es ist reizend, dass du überhaupt hier sitzt. »Meine Schuld«, sagte ich. »Sie wollten ja eigentlich gar nicht.« Ich lächelte sie an. »Aber nun konnte ich meine Schulden bezahlen, und es geht mir viel besser.«

»Jetzt habe ich aber Schulden bei Ihnen«, sagte sie, »denn der Kaffee hier kostet mehr als achtzig Cent.«

»So können wir ewig weitermachen!« Ich lachte. »Lassen wir es gut sein. Es war mir nur so peinlich, dass Sie mir aushelfen mussten.«

»Gern geschehen«, sagte sie. Sie sah mich kurz an, dann floh ihr Blick wieder in die hinterste Ecke.

Was hatte sie nur? Warum konnte sie mich nicht länger als den Bruchteil einer Sekunde anschauen? Sah ich denn so schrecklich aus? »Sie müssen nicht hierbleiben«, sagte ich. »Wenn Sie etwas anderes zu tun haben . . . ich will Sie nicht aufhalten.«

Sie ließ das Glas los, das sie verkrampft umklammert gehalten hatte, und lehnte sich zurück. »Ich bin furchtbar unhöflich«, sagte sie, »ich weiß. Es tut mir leid.«

»Es geht Ihnen offenbar etwas im Kopf herum«, sagte ich. »Ich störe Sie dabei, nehme ich an.«

»Nein, Sie –« Zum ersten Mal sah sie mich etwas länger an. »Sie stören mich nicht. Es war nur – Ihre Bemerkung über Kinder vorhin . . .« Sie senkte den Blick kurz zu Boden, dann richtete sie ihn auf den Gang vor dem Cafébereich und beobachtete die Leute, die den Supermarkt betraten oder hinausgingen.

»Sie haben keine, und ich habe auch keine«, sagte ich. »Das ist nicht besonders ungewöhnlich.«

»Nicht?« Sie blickte mich auf einmal direkt an. »Ich kenne nur Frauen, die –« Sie brach ab. »Verzeihen Sie«, sagte sie. Sie erhob sich hastig und ging.

Ich drehte mich auf dem Stuhl um und schaute ihr nach. Am liebsten wäre ich ihr hinterhergelaufen, aber das hatte wohl keinen Sinn. Unser kleines Intermezzo hatte den erwarteten schnellen Abschluss gefunden.

Worüber sie sich wohl so aufgeregt hatte? Immer gequälter hatte sie zum Schluss gewirkt, und ihre Stimme hatte leicht gezittert, als sie Verzeihen Sie sagte und ging.

Ich trank den Rest von meinem Latte macchiato und blickte dabei nachdenklich auf ihr halbleeres Glas. Als mein Blick sich etwas mehr zur Seite verirrte, bemerkte ich die Einkaufstasche, die sie zuvor unter den Tisch gestellt hatte. Sie hatte sie vergessen.

Würde sie zurückkommen? Ich blickte zum Eingang. Nein, irgendwie glaubte ich das nicht. Sie hatte so abwesend gewirkt, wahrscheinlich würde sie erst zu Hause merken, dass sie ihre Einkäufe nicht mitgenommen hatte.

Ich blickte wieder auf die Tasche. Wenn ich sie mitnahm, würde ich ein ungewöhnlich gesundes Wochenende verbringen. Aber nein, das war nicht in Ordnung. Es waren ihre Sachen.

Ich nahm die Tasche und ging zu der Kassiererin, bei der wir beide bezahlt hatten. Als sie einmal kurz aufblickte, hielt ich die Tasche in die Luft. »Frau Sommer hat ihre Einkäufe vergessen«, sagte ich. »Wissen Sie, wo sie wohnt? Dann bringe ich sie ihr.«

Die Kassiererin blickte mich erstaunt an. »Frau Sommer? Kenne ich nicht.«

»Sie haben sie beim Namen genannt, als sie vorhin hier bezahlt hat. Mit ihrer Kreditkarte.«

»Ach so.« Die Kassiererin entspannte sich. »Ich nenne alle Kunden beim Namen, die mit Kreditkarte bezahlen. Das ist so Vorschrift. Aber sobald ich den Namen auf der Karte gelesen habe, vergesse ich ihn wieder. Ich kenne die Kundin nicht.«

Hm. War wohl nichts. »Kauft sie öfter hier ein?« fragte ich. »Wissen Sie das?« Das wäre dann eventuell ein Indiz dafür, dass sie hier in der Gegend wohnte. Was mich allerdings auch nicht weiterbringen würde.

Die Kassiererin zuckte die Schultern. »Nein, weiß ich nicht«, sagte sie. »Ich arbeite noch nicht so lange hier.«

»Sie kauft ab und zu hier ein«, meldete sich ihre Kollegin von einer Kasse weiter. »Nicht viel und meistens nur zum Wochenende.«

Ich wandte mich ihr zu. Sie war eine ältere Frau mit einem freundlichen Gesicht, einer Brille und weißen Haaren. »Aber wo sie wohnt, wissen Sie auch nicht?« fragte ich.

»Doch«, sagte sie. »Sie wohnt da, wo ich es mir nicht leisten kann.« Sie schmunzelte.

Frau Sommer war teuer angezogen gewesen, das war mir so am Rande auch aufgefallen. Ich seufzte. »Da ist Obst, Gemüse und Joghurt in der Tüte«, sagte ich. »Das sollte gekühlt werden. Falls sie doch noch zurückkommt, um es abzuholen.«

»Sie können die Tüte bei der Information lassen«, sagte die ältere Kassiererin mit skeptischem Blick. »Aber ich fürchte, in ein paar Stunden ist es verdorben. Kühlen können sie es da nämlich nicht. Und heute ist Samstag. Bis Montag ist der Joghurt sicher hin. Wollen Sie es nicht lieber mitnehmen?«

»Es gehört mir nicht«, sagte ich.

»Aber bevor es verdirbt . . .« Die ältere Kassiererin versuchte mich zu überzeugen. »Wenn Sie wollen, können Sie ja Ihre Adresse bei der Information lassen, dann kann Frau Sommer es bei Ihnen abholen, wenn sie doch noch kommen sollte.«

Wenn . . .

»Das ist zumindest eine Möglichkeit«, sagte ich. »Vielen Dank.« Ich nickte ihr zu und begab mich zur Information hinüber, hinterließ Namen, Adresse und Telefonnummer und bat darum, diese an Frau Sommer weiterzugeben, falls sie auftauchen sollte. Auch im Café sagte ich Bescheid und hoffte, sie würden nach unter Tischen nach ihren Einkäufen suchenden Frauen Ausschau halten.

Mit Frau Sommers Tüte in der einen Hand und meiner eigenen in der anderen verließ ich den Supermarkt. Noch als ich bei meinem Auto stand, schaute ich mich nach ihr um, aber dann stieg ich seufzend ein und sah es ein: Diese Frau war nicht für mich bestimmt.

~*~*~*~

Am Wochenende knabberte ich Paprika und aß wundervoll süße und saftige Äpfel, deren Namen ich zuvor noch nie gehört hatte. Frau Sommer war eine wesentlich größere Ernährungsexpertin als ich, das musste ich zugeben.

Nun ja, ich war gar keine. Ich aß alles, was schnell ging und satt machte – und nicht allzu eklig schmeckte.

Sie stand wahrscheinlich selbst am Herd und bereitete gesunde und schmackhafte Mahlzeiten zu.

Ich sah sie vor mir, mit einer Küchenschürze und – ich verschluckte mich fast und wurde rot – mit einer Küchenschürze und sonst gar nichts.

Das war unverschämt, ganz und gar unpassend. Ich kannte sie doch überhaupt nicht.

Aber sie sah auch unverschämt gut aus – das zumindest konnte ich zu meiner Verteidigung vorbringen. Und wenn ich so in einen dieser süßen Äpfel biss . . . Genauso musste sie schmecken . . . oder noch süßer.

Mir lief das Wasser im Munde zusammen. Ihre Lippen taten sich vor mir auf und – Also jetzt ist aber Schluss! Eine wildfremde Frau!

Ich grinste in mich hinein. Sie wäre nicht die erste. Aber bei ihr war es . . . eben unpassend.

Ich packte die restlichen Sachen wieder in den Kühlschrank. Heute war schon Sonntag. Sie würde nicht mehr kommen. Der Supermarkt war geschlossen, und nichts würde geschehen. Alles, was ich je von ihr haben würde, waren ein wenig Obst und Gemüse und ein paar Joghurts. Trauriges Schicksal.

Das Telefon klingelte. Ich sprintete hin und ließ eine Staubwolke hinter mir. Sie!

»Na, du Faulpelz? Warst du heute schon mal draußen?«

»Ach, du bist’s, Amelie.«

»Oh, ich danke für die Begeisterungsstürme«, sagte Amelie leicht beleidigt. »Da raffe ich mich auf, um dich aus deinem Bau zu locken, und das ist der Dank?«

»Tut mir leid.« Ich entschuldigte mich zerknirscht. »Ich hatte nur –«

»Einen anderen Anruf erwartet?« Sofort war Amelies Neugier geweckt. »Wie heißt sie?«

Wenn ich dir das sage, lachst du dich tot, dachte ich. »Es ist nichts«, sagte ich. »Ich habe gerade ein bisschen Obst und Gemüse gegessen –«

»Du hast was?« Amelie platzte fast vor Glucksen. »Waren die Fertiggerichte im Supermarkt alle?«

»Nein, ich –« Ich wurde trotzig. Was hielt sie denn von mir? Konnte ich nicht auch einmal etwas Gesundes essen? »Ich habe einfach mal ein bisschen Obst und Gemüse gekauft. Darf ich das etwa nicht?«

»Wie heißt sie?« wiederholte Amelie schmeichelnd. »Für wen willst du fit und knackig sein?«

Ich antwortete nicht.

»Oder ist sie es?« fuhr Amelie fort. »Kocht sie so was für dich?«

»Ich bin allein«, sagte ich. »Hier ist niemand, der kocht.«

»Ooh«, sagte Amelie. »Wie schade. Sagst du mir auch die Wahrheit?«

»Du kannst gern vorbeikommen«, erwiderte ich patzig, »und dich davon überzeugen.«

»Dann ist sie sicher längst aus dem Bett gesprungen«, sagte Amelie. »Also los, sag schon, wie heißt sie?«

»Sie –« Ach, es hatte ja doch keinen Sinn. »Sommer«, knirschte ich zwischen den Zähnen hervor.

»Sommer? Ist das ihr Nachname?« fragte Amelie. »Und ihr Vorname?«

»Keine Ahnung.« Ich bellte fast wie ein Hund. »Sie heißt Frau Sommer, das ist alles.«

»Frau Sommer?« Ich hörte, wie sich der Sturm in Amelie vorbereitete, der gleich aus ihr herausbrechen würde. »Frau Sommer?« wiederholte sie, und sie konnte schon kaum mehr sprechen vor unterdrücktem Lachanfall. »Du schläfst mit einer Frau, die du Frau Sommer nennst? Siezt ihr euch dabei?« Der Sturm brach los.

Ich hielt den Hörer etwas von meinem Ohr weg, damit mir nicht das Trommelfell platzte, und wartete ab, bis Amelie sich wieder beruhigt hatte. »Ich schlafe nicht mit ihr«, sagte ich dann. »Das hast du falsch verstanden.«

»Du schläfst nicht mit ihr, aber sie kocht für dich?« fragte Amelie. »Auch ganz nett, wenn auch nicht voll befriedigend.«

»Sie kocht auch nicht für mich, sie hat die Sachen nur eingekauft«, korrigierte ich erneut. »Das ist alles.«

»Du hast neuerdings eine Frau Sommer, die für dich einkauft? Nobel geht die Welt zugrunde«, sagte Amelie. »Woher hast du so viel Geld?«

»Ich habe kein Geld – jedenfalls nicht mehr als üblich«, sagte ich. »Wenn du mir mal einen Augenblick zuhören würdest, könnte ich dir erzählen, um was es geht.«

»Oh ja, erzähl.« Amelie spitzte hörbar die Ohren. »Och, wie langweilig«, sagte sie zwei Minuten später. »Das war alles?«

»Sagte ich ja«, bestätigte ich. »Es ist nichts passiert.«

»Na ja.« Amelie dachte nach. »Warum wolltest du sie unbedingt zum Kaffee einladen?«

»Sie –« Ich seufzte und atmete tief durch. »Sie hat mir gefallen, das gebe ich ja zu«, sagte ich.

»Wie sieht sie aus?« fragte Amelie. »Kleidergröße, Haarfarbe, Sonstiges?«

Ich musste lachen. »Was verstehst du denn unter ›Sonstiges‹?«

»Nun sag schon, wie groß?« drängte Amelie. »Kleiner als du oder größer?«

»Ungefähr so groß wie ich«, sagte ich.

»Also mittel«, sagte Amelie. »Und der Rest? Kleidergröße?«

»Also wirklich, Amelie . . . woher soll ich das wissen?« wand ich mich.

»Na hör mal, du kannst doch eine 38 von einer 50 unterscheiden, würde ich annehmen«, behauptete Amelie.

»Eine 50 ist sie sicherlich nicht«, sagte ich lachend. »36, würde ich vermuten. Untenherum. Obenherum . . . hm . . . ein bisschen mehr.« Ich sah Frau Sommer wieder vor mir und vergaß alle Zurückhaltung.

»Wow!« sagte Amelie. »Eine zierliche Frau, aber etwas . . .«, sie räusperte sich, »breit in den Schultern.«

Ich wusste, dass sie nicht die Schultern meinte. »Ja«, sagte ich. »So könnte man sagen.«

»Und sie sieht gut aus?« Amelie konnte sich vor Neugier kaum halten.

»Sie ist sehr . . . elegant«, sagte ich. »Teuer angezogen. Sicherlich nicht von der Stange. Der Supermarkt ist ja auch nicht der billigste.«

»Haare?« fragte Amelie detektivisch weiter.

»Golden«, sagte ich verträumt. »Wie ihre Augen. Die sind gold und grün.«

»Eine Elfe«, stellte Amelie trocken fest. »Direkt aus dem Wald geflogen.«

»Du nimmst mich auf den Arm«, erwiderte ich gekränkt.

»Nein«, sagte Amelie, »ich gebe nur das wieder, was ich bei dir spüre. Und so eine Frau hast du laufenlassen?« fuhr sie vorwurfsvoll fort.

»Was sollte ich denn tun?« Verzweiflung ergriff mich. »Hätte ich sie festhalten sollen?«

»Vielleicht«, sagte Amelie.

»Du hast sie nicht gesehen«, sagte ich deprimiert. »Sie ist keine Frau für –«

»Für gewisse Stunden, oder was meinst du?« hakte Amelie nach.

»Sie ist . . . ich weiß nicht . . . irgendwie traurig«, sagte ich nachdenklich. »Irgend etwas ging ihr durch den Kopf. Aber sie wollte nicht darüber reden.« Ich lachte resigniert. »Verständlich. Mit einer Fremden.«

»Immerhin hat sie sich von dir zum Kaffee einladen lassen«, sagte Amelie.

»Nicht wirklich.« Ich dachte darüber nach. »Sie wollte eigentlich nicht, ich habe sie quasi dazu gezwungen.«

»Hört sich an, als hätte sie eine Freundin nötig«, sagte Amelie.

»Ich weiß nicht, ob sie –« Ich biss mir auf die Unterlippe. »Sie macht nicht den Eindruck«, sagte ich. Leider, dachte ich.

»Hetero?« fragte Amelie.

»Ich denke«, sagte ich.

»Hm«, sagte Amelie.

»Ich weiß!« Die Verzweiflung brach aus mir heraus. »Neunzig Prozent der Frauen sind hetero, und wir müssen das akzeptieren und uns auf die restlichen zehn Prozent beschränken, ist mir schon klar.«

»Nicht nur zehn Prozent«, sagte Amelie. »Da gibt es noch diejenigen dazwischen, die beides sind. Das sind mehr.«

»Bi?« sagte ich. »Selbst wenn sie das wäre . . .«

»Wäre es dir nicht recht«, sagte Amelie. »Ich weiß.«

»Du kennst meine Erfahrungen«, sagte ich zähneknirschend. »Das möchte ich nicht noch mal erleben. Da ist es mir schon lieber, wenn sie eindeutig hetero ist. Dann weiß ich wenigstens, woran ich bin.«

»Also dann geh davon aus, sie ist hetero, und vergiss sie«, sagte Amelie abschließend.

Ich dachte an die Äpfel im Kühlschrank. »Gar nicht so einfach«, sagte ich.

»Mach einen Spaziergang mit mir«, schlug Amelie vor, »damit du von dem leidigen Thema wegkommst. Es ist strahlendes Wetter, und ein bisschen Bewegung tut dir gut.«

»Ein bisschen Bewegung?« Ich lachte. »Du mit deinem Power-Walking, das ist mehr als ein bisschen Bewegung. Das nimmt schon olympische Ausmaße an.«

»Nicht, wenn du dabei bist«, sagte Amelie. »Ich werde Rücksicht auf dich nehmen. Und zur Not kannst du dich immer noch zwischendrin auf einen Baum setzen und warten, bis ich zurückkomme.«

»Sehr unterhaltsam«, sagte ich spöttisch. »Aber gut . . .« Ich seufzte. »Du hast recht. Hier herumzusitzen bringt mir auch nichts.«

»Meine Worte«, sagte Amelie. Sie wollte schon auflegen. »Ach«, sagte sie dann, »und lass dein Handy zu Hause. Sie wird nicht anrufen.« Nun legte sie endgültig auf.

Ich blickte auf das Handy, das neben meinem Festnetztelefon lag. Ich hatte ihm schon die ganze Zeit zugeblinzelt. Nur deshalb hatte ich Amelies Vorschlag so schnell zugestimmt. Sie hatte mich durchschaut. Wir kannten uns einfach zu lange.

Seufzend drehte ich mich um und zog meine Sportklamotten an. Microfaser, damit der Schweiß nicht gleich in Strömen herunterrann, wenn ich mit Amelie loszog, die viel besser in Form war als ich. Die Nordic-Walking-Stöcke, die in der Ecke standen, waren auch ein Ergebnis meiner Freundschaft mit Amelie. Ohne sie hätte ich mir so etwas garantiert nie angeschafft.

Aber ich musste ihr dankbar sein. Ohne sie hätte ich bestimmt den ganzen Nachmittag grübelnd und wartend verbracht – auf einen Anruf, der nicht kam.

~*~*~*~

Das Ende der Woche nahte mit Riesenschritten. Amelie hatte beschlossen, ein Trainingsprogramm mit mir durchzuziehen, das mich von meinen trüben Gedanken abbringen sollte, und mich jeden Tag nach der Arbeit bereits mit einsatzbereiten Stöcken vor der Tür erwartet. Sie hielt die Sache offenbar für ernst. Für eine kleine Liebelei tat sie so etwas nicht.

»Du brauchst dich nicht so für mich ins Zeug zu legen«, keuchte ich auf dem letzten Abstieg an diesem Samstag, der das Programm beenden sollte – jedenfalls, wenn es nach mir ging.

»Vielleicht tue ich es ja gar nicht für dich«, sagte Amelie grinsend. Sie keuchte natürlich nicht ein bisschen. »Vielleicht tue ich es für Frau Sommer. Vielleicht ist sie meine heimliche Geliebte.«

»Ha!« Ich lachte. »Waren wir uns nicht einig, dass sie hetero ist?«

»Ist sie das?« Amelie grinste noch mehr. »Habe ich bisher gar nicht gemerkt.«

»Hör auf, Amelie«, sagte ich, blieb stehen und stützte mich schweratmend auf die Stöcke. »Das macht mich nicht gerade besonders glücklich.«

»Entschuldige«, sagte Amelie. »Ich dachte, du wärst drüber hinweg. Immerhin hast du sie nur einmal gesehen.«

Und immer noch ein paar Äpfel von ihr im Schrank, dachte ich. »Wäre ich vielleicht«, sagte ich, »wenn du mich nicht gerade daran erinnert hättest.«

»Tut mir leid.« Amelie sah tatsächlich zerknirscht aus. »Sie muss wirklich eine besondere Frau sein, wenn ein paar Minuten einen solchen Eindruck bei dir hinterlassen haben.«

»Ich glaube, das ist sie«, sagte ich. Ich starrte in die Luft. »Ihr Mann muss sehr glücklich mit ihr sein. Ich beneide den Scheißkerl, verdammt!« Ich warf die Stöcke zur Seite, setzte mich auf einen Baumstamm und stemmte den Kopf in die Hände.

Amelie setzte sich neben mich und legte mir den Arm um die Schulter. »Ich wusste nicht, dass es so schlimm ist«, sagte sie. »Ich dachte wirklich –«

»Ich bin doch richtig doof, oder, Amelie?« Ich sah sie an. »Ich denke an sie, ich rieche sie, ich sehe in ihre Augen, im Traum, und möchte sie küssen. Mein Herz klopft bis zum Hals, wenn ich sie mir vorstelle. Ich könnte zerspringen vor Sehnsucht. Und dabei kenne ich sie gar nicht. Ich weiß nichts von ihr außer ihrem Nachnamen.« Ich lachte bitter auf. »Ich habe das ganze Telefonbuch durchgesucht. Es gibt eine Menge Sommers. Aber die kann ich doch nicht alle anrufen. Und selbst wenn –«

»Wäre sie wohl ziemlich überrascht«, sagte Amelie mitfühlend.

»Zumindest«, sagte ich.

Amelie stand auf. »Wir verlängern das Programm um eine weitere Woche. Das ist das einzige, was mir dazu einfällt.«

»Noch eine Woche?« Ich starrte sie an.

»Plus Krafttraining im Fitnessstudio. Männer sollen damit angeblich ihre Gelüste in den Griff bekommen«, sagte Amelie grinsend.

»Ihr Mann braucht das nicht«, sagte ich und stand auf. »Er hat sie.«

»Jetzt hör auf«, sagte Amelie streng. »Das bringt doch nichts.«

»Nein, das bringt nichts«, stimmte ich zu und schob das Bild von mir weg, auf dem ich gesehen hatte, wie sie . . . mit ihm . . . »Ein Sprint«, sagte ich, »bis zum Haus«, und lief los.

~*~*~*~

Der Sonntag belohnte mich mit Muskelkater und einem angebrochenen Fußknochen für meine Mühe. Ich war gestürzt, und Amelie hatte mich ins Krankenhaus bringen müssen, wo man mir einen so festen Verband verpasst hatte, dass es genausogut ein Gips hätte sein können.

Ein paar Tage nicht auftreten, nicht laufen, nicht springen. Immerhin war ich damit von Amelies Programm erlöst, was mir angesichts der Schmerzen allerdings kein Trost war. Ich humpelte durch die Wohnung und versuchte, mit den Stöcken, die man mir im Krankenhaus geliehen hatte, zurechtzukommen. Gut, dass ich so viel Nordic Walking hinter mir hatte. Zumindest war mir das Tragen von Stöcken prinzipiell nicht fremd.

»Als Mann hättest du dir vielleicht den Schwanz gebrochen, wie Dieter Bohlen«, hatte Amelie mich lachend beim Abschied getröstet. »Sei froh, dass es nur der Fuß ist!«

Ich hatte mich mit einem gemeinen Schlag revanchiert, der leider in der Luft landete, weil ich mich nicht richtig bewegen konnte.

»Bis morgen!« rief Amelie, als sie den Gang zur Treppe entlanglief. »Ich bringe dir was Gesundes zu essen mit, damit du wieder groß und stark wirst!« Ich hörte ihr Lachen verklingen, als sie die Treppe leichtfüßig hinuntersprang.

»Gesund, gesund«, brummelte ich vor mich hin, während ich die Wohnungstür mit dem Hintern zuschob. »Ein Hamburger mit Pommes wäre mir lieber.«

Ich hüpfte auf einem Bein vor den Fernseher und angelte nach der Fernbedienung. Das würde wohl meine Hauptbeschäftigung sein in den nächsten Tagen.

Leider verlief meine Genesung nicht so reibungslos, wie ich es erhofft hatte. Eine Woche später konnte ich immer noch nicht laufen, und Amelie brachte mich erneut ins Krankenhaus, weil sie sich Sorgen machte.

»Ich kann allerdings nicht bleiben«, sagte sie. »Wir haben ein Volleyball-Turnier heute, ich muss spielen.«

»Du wirst dich noch mal umbringen mit deinem vielen Sport«, sagte ich. »Sieh mich an.«

»Das tue ich, und deshalb mache ich weiter.« Sie grinste. »Wird schon werden«, sagte sie. »Du bist hier in guten Händen. Selbst wenn du nicht laufen kannst. Die Krankenschwestern sind erste Sahne. Da hast du auf jeden Fall was zum Gucken, damit dir nicht langweilig wird.« Sie grinste noch mehr.

»Das nützt mir viel«, sagte ich säuerlich.

»Bestimmt«, sagte Amelie. Sie amüsierte sich köstlich, im Gegensatz zu mir. »Also eben habe ich da draußen eine gesehen, die war absolut Zucker. Die wird dir den Aufenthalt hier garantiert versüßen. Sie sah zum Anbeißen aus in ihrer Uniform.«

»Du hast zu viele Pornos gesehen«, sagte ich. »Krankenschwestern sind in Wirklichkeit hart arbeitende Frauen und nicht irgendwelche Sexobjekte aus perversen Männerphantasien.«

»Oh, das hast du aber schön gesagt«, schmunzelte Amelie. »So richtig politisch korrekt. Na, vielleicht hast du ja Pech, und sie arbeitet gar nicht auf dieser Station. Draußen habe ich nämlich auch eine gesehen, die hat mich schwer an Oberschwester Hildegard erinnert. Wenn die für dich zuständig ist, hast du nichts zu lachen.« Sie blickte auf ihre Uhr. »Oh Mann, ich muss los! Die Mädels spielen sich schon ein, und ich bin nicht da! Also dann bis morgen!« Und weg war sie.

Ich lag in einem strahlend weißen Bett in einem strahlend weißen Zimmer und fühlte mich einsam. Obwohl noch zwei weitere Betten in dem Zimmer standen – schließlich war ich nur Kassenpatientin und konnte mir kein Einzelzimmer leisten –, war ich allein. Die beiden anderen Betten waren nicht belegt.

Das hatte den Vorteil, dass ich den Platz am Fenster bekommen hatte, der mir einen sehr stark eingeschränkten Ausblick auf den Krankenhausgarten erlaubte. Wenigstens ein Hauch von Grün in diesem sterilen Weiß.

Ich blickte hinaus und fragte mich, wie ich je hatte so dumm sein können, mich von Amelie zu sportlichen Aktivitäten überreden zu lassen. Mein Chef war nicht begeistert, dass ich so lange krankgeschrieben war, und mir selbst tat es auch nicht gut, immer nur zu Hause herumzusitzen und zu grübeln. Das Fernsehprogramm hatte mich kaum fesseln können und war keine Ablenkung von meinen trüben Gedanken gewesen.

Ich wollte endlich wieder arbeiten gehen! Da hatte ich wenigstens die Kollegen, mit denen der Tag nicht ganz so eintönig verlief.

»So, dann wollen wir mal sehen.«

Ein Arzt kam herein und steuerte auf mein Bett zu. In seinem Schlepptau eine Schwester, die voll und ganz meiner Vorstellung von Oberschwester Hildegard entsprach, genauso, wie Amelie es mir angedroht hatte.

»Das Röntgenbild sieht leider nicht gut aus«, sagte der Arzt, ein junger Mann, wahrscheinlich ein Assistenzarzt. Er streckte eine Hand aus, und Oberschwester Hildegard reichte ihm das Röntgenbild, das er gegen das Licht des Fensters hielt, um es noch einmal zu betrachten.

»Gar nicht gut«, sagte er. »Hoffentlich müssen wir nicht operieren.«

»Operieren?« Ich schoss alarmiert aus dem Bett hoch. »Ich denke, der Fuß ist nur angebrochen?«

»Scheint so«, sagte der Arzt, »aber der Verband ist nicht ganz korrekt angelegt worden. Das hat die Sache verschlimmert. Es ist eine Entzündung hinzugekommen.«

»Antibiotika?« fragte ich hoffnungsvoll.

»Tja, mal sehen.« Der Arzt wirkte skeptisch. »In manchen Fällen ist das auch kein Allheilmittel.«

Ich kam mir vor wie eine Todeskandidatin kurz vor dem Gang zur Guillotine. »Der Knochen wird doch wieder zusammenwachsen?« fragte ich.

»Ohne Hilfe vielleicht nicht«, sagte er. »Eventuell müssen wir nageln.«

Oh Gott! Ich sah mich wie Jesus am Kreuz hängen mit Nägeln durch Hände und Füße. Schließlich war die Zeit vor Ostern, Passion. Und Passion heißt Leiden. Ich hatte gehofft, meine Leidenszeit wäre vorbei, aber vielleicht fing sie gerade erst an.

»Nageln?« flüsterte ich.

Er lachte ein wenig. »So schlimm ist das nicht! Das haben schon Millionen Menschen vor Ihnen durchgemacht. Ist nur ein kleiner Eingriff. Und bis jetzt ist kaum jemand daran gestorben.« Er lachte wieder. Medizinerhumor.

»Na, Sie machen mir Mut«, sagte ich säuerlich.

»Wir warten noch ein bisschen ab. Jetzt sind Sie ja hier, in unserer Obhut, da können wir den Verlauf täglich beobachten«, sagte er. »Bei manchen Patienten erledigt sich die Sache dann von selbst. Nur die Hoffnung nicht aufgeben.« Er drehte sich um und gab Oberschwester Hildegard das Röntgenbild zurück. Ein paar unverständliche medizinische Ausdrücke folgten, die die Schwester notierte.

»In drei Tagen«, der Arzt wandte sich wieder an mich, »schauen wir uns die Sache noch einmal an. Schwester Heidi wird sie solange gut betreuen.« Er lächelte.

Schwester Heidi? Oh, Oberschwester Hildegard war Schwester Heidi. Schwester Heidi! Nichts hätte unpassender sein können.

»Drei Tage«, sagte ich dumpf. Wie lange sollte sich diese ganze Geschichte noch hinziehen? Ich wollte endlich wieder raus, ins normale Leben! »Kann ich nicht nach Hause gehen?« fragte ich. »Letzte Woche ging das doch auch.«

»Das ist möglicherweise der Grund, warum Sie jetzt hier sind«, sagte der Arzt. »Nein, ein paar Tage müssen Sie noch bleiben. Wenn wir nicht operieren müssen, können Sie dann vielleicht nach Hause. Wenn wir operieren müssen, müssen Sie danach noch mindestens eine Woche hierbleiben, bevor wir Sie entlassen können.«

Das waren ja schöne Aussichten! Ich hätte mir den Fuß am liebsten abgehackt, um gleich gehen zu können. Oder wohl besser hüpfen, mit nur einem Fuß. Nein, alberne Gedanken. »Ist gut«, sagte ich schicksalsergeben. »Es ist wohl nicht zu ändern.«

»So ist es«, sagte der Arzt. »Also dann, bis in drei Tagen.« Er wandte sich ab und rauschte hinaus, hinter ihm Schwester Heidi, den Arm voller Unterlagen.

Ich kam mir vor wie zu Folter verurteilt. Drei Tage! In diesem öden Krankenhaus! Und dann vielleicht noch eine Woche! Ich stöhnte auf. Amelie, ich bringe dich um!

Schwester Heidi kam zurück. »Die Essensliste«, sagte sie und legte mir einen Zettel auf den Bettkasten. »Heute und morgen bekommen Sie einfach irgend etwas, weil Wochenende ist, aber ab Montag bekommen Sie dann das, was Sie auf der Liste angekreuzt haben.«

Ab Montag! Ich war für lange, lange Zeit verurteilt! Die Tage kamen mir jetzt schon endlos vor. »Danke«, sagte ich und schluckte.

»Sie können Wasser haben oder Tee«, fuhr Schwester Heidi in einem stereotypen Tonfall fort. Sie hatte das schon Tausenden von Patienten vor mir erzählt, und es langweilte sie. »Steht beides auf dem Gang. So weit können Sie ja laufen.«

»Wird schwer sein, es ins Zimmer zu bringen. Ich habe ja keine Hand frei mit den Stöcken«, sagte ich.

Sie starrte mich an wie eine widerwärtige Fliege. »Ich bringe Ihnen etwas«, sagte sie.

Sie wandte sich um und kam gleich darauf mit einer Plastikflasche Wasser zurück. Sie setzte sie mit einem deutlichen Geräusch auf meinem Bettkasten ab.

Ich hatte das Gefühl, wenn ich sie noch um etwas bitten würde, würde sie mich erwürgen. Möglicherweise liebte sie ihren Beruf, aber auf keinen Fall die Patienten.

»Danke«, sagte ich erneut und lächelte freundlich. Schließlich wollte ich es mir nicht endgültig mit ihr verderben.

»Hm.« Sie grunzte, drehte sich um und verließ das Zimmer.

Erleichtert ließ ich mich in das weiße Krankenhauskissen zurückfallen. Meine nächsten Tage mit Schwester Heidi zu verbringen war wirklich keine schöne Perspektive. Was hatte Amelie gesagt? Irgend etwas von ›den Aufenthalt hier versüßen‹. Schwester Heidi bestimmt nicht. Gegen die war ein Kilo Zitronen süß.

Aber ich musste mich damit abfinden. Ich war an dieses Bett gefesselt, bis mein verdammter Fuß es mir erlauben würde, diese alptraumhafte Stätte zu verlassen.

~*~*~*~

Das Abendessen war ein Alptraum für sich. Wer erwartete, in einem Krankenhaus ausgewogen ernährt zu werden, weil es ja ums Gesundwerden ging, war auf dem Holzweg. Trockenes Brot, fettige Wurst und Käse von einer unbestimmbaren gummiartigen Konsistenz waren alles, was man hier serviert bekam.

Aber ich war ja auch nicht hier, um mich zu mästen. Ich trank den dünnen Hagebuttentee, um wenigstens etwas in den Magen zu bekommen, den Rest ließ ich zurückgehen. Morgen würde ich mir eine Pizza bestellen, wenn das so weiterging.

Mein Schlaf verlief unruhig. Zuerst konnte ich nicht einschlafen, weil mir alles fremd war und mein Fuß wehtat. Dann schlief ich rein vor Erschöpfung ein, wachte aber immer wieder auf. Meine Schmerztabletten-Ration hatte ich schon längst aufgebraucht. Was hatten die bloß mit meinem Fuß gemacht? Die ganze Woche hatte er nicht so wehgetan.

Gegen drei Uhr morgens hielt ich es nicht mehr aus. Ich zitterte am ganzen Leib und war schweißgebadet. Schluss mit dem Heldentum! Ich schaltete das Licht über meinem Bett an und suchte nach dem Knopf für die Schwester. Sie musste mir einfach noch etwas geben.

Nachdem ich den Knopf gefunden und gedrückt hatte, leuchtete ein Licht über der Eingangstür auf. Ich starrte darauf, als ob es mir sagen könnte, wie lange es wohl dauern würde, bis die Schwester kam. Vielleicht vergnügte sie sich gerade mit dem jungen Assistenzarzt im Bereitschaftszimmer und kam überhaupt nicht. Oder erst in Stunden.

Ich biss die Zähne zusammen. Nein, das waren nur Hirngespinste aus irgendwelchen Krankenhausserien. So etwas gab es nur im Fernsehen, nicht in Wirklichkeit. Wenn die Schwestern so aussahen wie Schwester Heidi, war das zumindest sehr unwahrscheinlich.

Die Tür ging auf. Ein Lichtstrahl fiel ins Zimmer und ließ die Schwester wie einen dunklen Scherenschnitt erscheinen. Sie schaltete das Deckenlicht nicht an. Das Licht über meinem Bett leuchtete ihr wohl genug.

»Ja?« fragte sie. »Sie haben gerufen?«

Sehr angenehme Stimme. Eindeutig nicht Schwester Heidi.

»Ich habe Schmerzen«, sagte ich gequält. »Tut mir leid, dass ich Sie belästigen muss. Ich dachte, ich könnte es aushalten, aber ich glaube, ich brauche noch etwas. Ich kann einfach nicht schlafen.«

»Einen Moment«, sagte sie.

Die Tür blieb offen, aber sie verschwand.

Einen Augenblick später kehrte sie zurück. Sie kam an mein Bett. »Leider –«, sagte sie und verstummte in dem Moment, als sie mich ansah.

»Frau Sommer!« rief ich überrascht aus.

»Schwester Ilka«, erwiderte sie lächelnd. Sie hatte sich schneller von ihrer Überraschung erholt als ich mich von meiner. »Hier im Krankenhaus.«

Ich starrte sie nur an. Das hatte ich nun wirklich nicht erwartet.

»Leider«, nahm sie ihren ursprünglichen Satz wieder auf, »haben Sie die gesamte Ihnen verschriebene Dosis an Schmerzmitteln schon aufgebraucht. Ich müsste den Arzt rufen, damit er Ihnen mehr verschreibt. Das kann ich allein nicht entscheiden.« Sie sah mich mitfühlend an. »Tut es wirklich so weh?«

Nein, gar nicht, hätte ich am liebsten gesagt, seit Sie hier sind. Aber leider stimmte das nicht. Zwar hatte ich den Schmerz im kurzen Moment der Überraschung tatsächlich vergessen, aber nun kehrte er wieder.

»Ja«, sagte ich und biss die Zähne zusammen.

»Die Ärzte sind alle im OP«, sagte sie. »Notfalloperation. Eine Massenkarambolage auf der Autobahn. Es wird so schnell keiner kommen können.«

»Schöne – Schöner Mist!« stieß ich gequält hervor.

»Es tut mir furchtbar leid«, sagte sie, und sie klang, als ob es ihr genauso wehtäte wie mir.

»Ich werde nicht sterben an den Schmerzen«, sagte ich mühsam. Ich lachte hohl. »Jedenfalls hat das der Arzt behauptet! Ich kann nicht verlangen, dass sie da unten eventuell jemand verbluten lassen, nur damit ich schlafen kann.«

»Tabletten sind sowieso nicht immer das Wahre«, sagte sie.

»Ich wäre jetzt ganz dankbar für eine«, quetschte ich hervor. Gerade hatte mich wieder der Schmerz überfallen. Vielleicht war das mit dem Fußabhacken doch keine so schlechte Idee gewesen.

»Geben Sie mir Ihre Hand«, sagte sie.

Ich stutzte. Was?

»Geben Sie sie mir ruhig.« Sie lachte leicht. »Ich tue Ihnen nicht weh. Versprochen.«

»Oh, ich habe nicht gedacht –« Ich war etwas durcheinander. Sie wollte mir die Hand halten? Oder was sollte das? »Ich – Natürlich.« Endlich streckte ich ihr meine Hand hin.

Sie nahm sie. Es fühlte sich an, als würden Engelsflügel mich berühren. Ihre Finger waren so weich und sanft wie ein Seidenkissen, das mich schmeichelnd einhüllte.

»Es gibt eine Stelle hier in der Kuhle am Daumen«, sagte sie leise und beruhigend, »das ist ein Akupressurpunkt. Er wirkt auf die Schmerzempfindlichkeit.« Langsam streichelte sie über meine Haut zwischen Daumen und Zeigefinger.

Wenn sie mir die Schmerzen wegstreicheln wollte, hatte ich nichts dagegen, aber sie wusste vermutlich nicht, was ihre Berührungen in mir auslösten – trotz Schmerzen.

Sie streichelte weiter, und ich dachte, dass mir das schon genügen würde. Es war einfach himmlisch.

»Sagen Sie mir, wenn es an einer Stelle mehr wehtut als an den anderen«, sagte sie. »Das ist dann der Punkt, auf den ich drücken muss.«

Es tut mir gar nichts mehr weh, du musst nicht drücken, dachte ich kaum, da fuhr ich schon hoch. »Au!« stieß ich gepeinigt hervor. »Da.«

»Gut«, sagte sie und verstärkte den Druck.

Zuerst fühlte es sich unangenehm an, aber dann nahm der Schmerz immer mehr ab, zuerst in meiner Hand und endlich auch in meinem Bein und meinem Fuß. Das Pochen und Ziehen, das mich wachgehalten hatte, verschwand nicht völlig, aber es reduzierte sich auf ein erträgliches Maß.

»Besser?« fragte sie nach einer Weile mit ihrer samtweichen Stimme, die nur noch teilweise an mein Ohr drang, ich schlief schon fast.

»Ja«, hauchte ich, und das war das letzte, was ich tat. Ich kippte einfach weg.

~*~*~*~

Leider ist in einem Krankenhaus nicht nur das Essen einer Genesung in keinem Fall förderlich, sondern auch die Weckzeiten.

Mit einem dröhnenden »Guten Morgen!« stürmten um fünf Uhr früh zwei Schwestern in mein Zimmer.

Das Deckenlicht wurde angeschaltet und überflutete mich mit unangenehmen Empfindungen, weil es durch meine Augenlider stach, die ich in Verweigerung jeglicher anderen Beschäftigung als Schlaf zusammengepresst hatte.

»Na, noch nicht wach?«

Eine fröhliche Schwester, die ich noch nie gesehen hatte, trompetete durch den Raum.

»Ich bin erst . . .« Ich räusperte mich, weil meine Stimme klang wie ein außer Betrieb gestelltes Sägewerk, das nach langer Zeit wieder angelassen wurde. »Ich bin erst nach drei Uhr eingeschlafen«, sagte ich mühsam.

»Nach dem Frühstück können Sie weiterschlafen«, verkündete die Schwester lautstark, während sie schon an meinem Bett herumzupfte. »Jetzt gehen Sie einfach mal ins Bad und waschen sich. Dann kann ich solange Ihr Bett richten.«

Ich fühlte mich in meine früheste Kindheit zurückversetzt. Und genauso wie damals gehorchte ich einfach. Ich stand auf, hüpfte ins Bad und schloss die Tür.

Dunkelheit! Gott sei Dank. Das Stechen in meinem Kopf, das zu dem im Fuß hinzugekommen war, ließ nach. Einen kurzen Moment ruhte ich mich aus, da war die Seligkeit schon wieder vorbei. Das Licht flammte auf.

»Sie können ja gar nichts sehen!« verkündete die Schwester hilfsbereit von draußen.

Warum mussten Lichtschalter zu Badezimmern immer außen sein? Ich knurrte.

»Soll ich Ihnen irgendwie helfen?« fragte die Schwester. »Den Rücken waschen?«

Das hatte mir gerade noch gefehlt! »Nein, danke«, rief ich durch die Tür. »Das kann ich schon allein.«

»Dann Guten Appetit!« rief die Schwester.

Ich zählte bis drei und öffnete dann vorsichtig die Badezimmertür. Die beiden waren verschwunden. Ich atmete erleichtert auf.

Während die eine das Bett gemacht hatte, hatte die andere mir das Frühstück auf den Bettkasten gestellt, das mich nun erwartete. Stilvoll dekoriert mit einer Tablettenschachtel, in der ein paar Schmerztabletten lagen, nach denen ich heute Nacht so sehnsüchtig verlangt hatte.

Ich wollte sie schon nehmen, da bemerkte ich, dass ich sie gar nicht brauchte. Ein leichtes Ziehen im Fuß war alles, was ich spürte.

Dennoch etwas mühsam kletterte ich wieder aufs Bett – warum müssen Krankenhausbetten so hoch sein, dass man einen Bergsteigerpass braucht, um hinaufzugelangen? – und musterte die einzelnen Bestandteile des Frühstücks. Es war genauso wenig verführerisch wie das Abendessen vor zwölf Stunden.

Aber ich hatte Hunger. Meine letzte Mahlzeit war nun schon eine ganze Weile her, und so ergab ich mich in mein Schicksal und aß das meiste auf. Die Reste des staubtrockenen Brötchens spülte ich mit einer halben Kanne Pfefferminztee hinunter.

Eine ganze Weile später, als ich schon fast wieder eingeschlafen war, hörte ich lautes Klappern auf dem Flur, und kurz darauf trat die zweite Schwester ein, die die erste heute morgen begleitet hatte.

»Hat’s geschmeckt?« fragte sie wenig interessiert an meiner Antwort und griff nach meinem Tablett.

»Nein«, sagte ich, »aber der Hunger treibt’s rein.«

Sie blickte mich erstaunt an. Anscheinend sagte ihr selten jemand die Wahrheit.

»Ist Schwester Ilka da?« fragte ich schnell, bevor sie sich von ihrer Überraschung erholte hatte und mit dem Tablett verschwunden war.

»Schwester Ilka arbeitet nur nachts«, sagte sie. »Sie hat gerade die Übergabe gemacht und ist gegangen.«

Ohne noch einmal nach mir zu sehen. Wie schade. Ich seufzte. Wo sie wohl hinging, wenn ihr Dienst vorbei war? Bestimmt zu ihrer Familie. Sie hatte keine Kinder, soviel wusste ich über sie, aber sie hatte bestimmt einen Mann, Eltern, Schwiegereltern, Geschwister, Onkel, Tanten, Neffen, Nichten . . . ich stellte mir eine halbe Kleinstadt vor.

Und sie mittendrin, engelsgleich, die goldenen Haare sanft um den Kopf gelegt, jede seidige Strähne ein Gedicht und die Augen wie strahlende Sterne.

Ach, das war ja alles Unsinn! Sie war niemand, niemand, niemand! Nur eine Frau, die ich zufällig im Supermarkt getroffen hatte und die mir gefiel.

Die mir gefiel . . . Genau das war der Punkt. Ich bekam sie einfach nicht mehr aus dem Kopf. Die chemischen Verbindungen in meinem Gehirn waren irgendwie falsch gepolt. Sie sollten nur auf Lesben anspringen, nicht auf Heterofrauen, das hatte doch sowieso keinen Sinn.

Ich ließ mich seufzend ins Bett zurücksinken. Vielleicht konnte ich ein bisschen Schlaf nachholen, bis das Mittagessen kam. Obwohl Nahrungszufuhr hier ja eigentlich fast überflüssig war, wo man den ganzen Tag nur herumlag.

Mein Magen knurrte. Er war offensichtlich anderer Meinung. »Nur ein paar Tage«, beruhigte ich ihn. »Dann kannst du wieder zuschlagen. Du musst dich einfach noch ein bisschen gedulden. Ich verspreche dir eine Familienpizza mit extra viel Käse, wenn wir wieder zu Hause sind. An der kannst du dich dann gütlich tun.« Er äußerte sich nicht dazu, anscheinend dachte er über meinen Vorschlag nach.

Ich döste ein, weil ich nichts anderes zu tun hatte. In einem Traum sah ich Schwester Ilka, Frau Sommer, Ilka Sommer – ich wusste noch nicht einmal im Traum, wie ich sie nennen sollte –, die auf mich zukam und mich anlächelte. Sie lächelte wie ein Engel, sie sah aus wie ein Engel, sie war ein Engel. Fehlten nur noch die Flügel.

Das Mittagessen weckte mich mit einem Knall, das heißt, das Essen selbst knallte nicht, aber das Tablett, als die Schwester es auf meinen Bettkasten stellte. Als ich ein Auge öffnete, schwebte das Tablett schon wieder über mir.

»Sie sind ja nicht bettlägerig, Sie können am Tisch essen«, verkündete eine Stimme entschlossen. »Ich stelle es da hin.«

Das Tablett entschwand. Schwester Heidis breiter Rücken offenbarte sich meinem zweiten Auge, als ich es endlich überreden konnte, sich ebenfalls zu öffnen. Ich überlegte, ob ich so tun sollte, als ob mich der Krach nicht geweckt hätte, aber ich nahm an, dass Schwester Heidi das nicht zulassen würde. Sie würde darauf bestehen, dass ich aufstand.

Ich stöhnte.

»Schmerzen?« Schwester Heidi kam zu mir und warf einen schnellen Blick auf meinen Pillenvorrat. »Sie haben Ihre Tabletten nicht genommen«, verkündete sie vorwurfsvoll.

»Ich hatte keine Schmerzen«, erwiderte ich, nun halbwegs wach. Ich richtete mich auf. »Jedenfalls keine besonders starken. Aber gestern Nacht war es schlimm. Falls es heute wieder so wird, kann ich mir die Tabletten ja dafür aufheben.«

Die Aussicht beruhigte mich in der Tat. Wenn Schwester Ilka keinen Dienst hatte – was ich annahm –, war das wohl auch die einzige Aussicht, die ich hatte.

»Es ist verboten, Tabletten zu horten«, sagte Schwester Heidi streng. »Das können wir nicht zulassen.«

»Ich horte sie ja nicht.« Mühsam schob ich mich auf die Bettkante und griff nach meinen Stöcken. »Ich hebe sie nur auf, für den Fall, dass ich mehr Schmerzen habe als jetzt.« Ich schaute sie an. »Es müsste doch in Ihrem Sinne sein, wenn man nicht dauernd Tabletten nimmt«, sagte ich und schwang mich mit Hilfe der Stöcke zwar nicht elegant, aber doch einigermaßen zweckmäßig vom Bett.

»Die Tabletten hat Ihnen der Arzt verschrieben«, sagte Schwester Heidi. Was wohl heißen sollte: Wenn der Arzt so etwas verschrieb, hatte die Patientin das auch gefälligst zu nehmen, egal ob sie es brauchte oder nicht.

Während ich zum Tisch humpelte, schüttelte Schwester Heidi hinter meinem Rücken mein Kissen auf und zog das Bettlaken glatt. »Danke«, sagte ich, während ich mich setzte. Ich wusste, es hatte keinen Sinn, freundlich zu ihr zu sein, aber es lag nun einmal in meiner Natur.

»Grr-hm.« Schwester Heidi gab einen ihrer mir nun schon vertraut erscheinenden Grunzlaute von sich. Böse Zeitgenossen hätten sicherlich behauptet, sie müsse einmal ein Schwein gewesen sein.

Ich hob den Deckel von dem Teller auf meinem Tablett ab und seufzte.

»Wenn Ihnen das Essen nicht schmeckt, nehme ich es wieder mit«, sagte Schwester Heidi, und eine gut gepolsterte, kräftige Hand griff nach meinem Tablett.

Und verhungern, oder was? »Nein, nein«, sagte ich schnell. »Man kann nun einmal in einem Krankenhaus keine haute cuisine erwarten, das ist mir schon klar.«

»Keine was?« Sie starrte mich an.

»Das Essen ist gut«, sagte ich und nahm zum Beweis meine Gabel auf. Ich steckte sie in den Bereich des Essens, der wohl den Fleischanteil darstellen sollte. Genau konnte ich es nicht sagen, die verschiedenen Bereiche unterschieden sich nur farblich ein wenig, hätten ansonsten aber aus demselben Topf stammen können. »Sehen Sie?« Ich schnitt ein kleines Stück ab und steckte es mir in den Mund. »Ich esse schon.« Beim Kauen hatte ich das Gefühl, meine Zähne an einem Gummiball zu versuchen, aber was machte das schon? Hauptsache, Schwester Heidi war zufrieden.

»Hm.« Vielleicht was sie es, vielleicht auch nicht, vielleicht hätte ich ihr den Tag durch eine langwierige Diskussion versüßen sollen, ich wusste es nicht, und Schwester Heidis doch sehr ähnlich klingende Laute gaben auch keine Auskunft. »Hm«, fügte sie noch einmal hinzu. Dann warf sie einen man könnte sagen verachtungsvollen Blick auf mich und verließ das Zimmer.

Ich atmete auf und ließ die Gabel fallen. Ob ich das, was vor mir auf dem Tablett stand, wirklich essen wollte, würde ich später entscheiden. Im Moment reichte mir die Erleichterung, Schwester Heidis vernichtenden Blicken entronnen zu sein, vollkommen, um keinerlei Appetit zu verspüren.

Es gab einen Fernseher im Zimmer, der oben fast an der Decke angebracht war, aber um ihn benutzen zu können, musste man anscheinend extra bezahlen, denn eine Fernbedienung hatte ich nirgendwo gefunden. Mit meinem angebrochenen Fuß und ohne jegliche Hilfsmittel hinaufklettern zu wollen, um ihn anzuschalten, wäre wohl ein hoffnungsloses Unterfangen gewesen. Ich überlegte, wie ich an eine Telefonkarte käme, denn ohne eine solche funktionierte das Telefon auch nicht, und die Benutzung von Handys war im Krankenhaus verboten.

Keine Unterhaltung, keine Abwechslung und erneut heftige Schmerzen im Fuß – das war der Stand der Dinge.

Das Essen würde kalt noch schlechter schmecken als ohnehin schon, also würgte ich einen Teil davon in mich hinein und hob mir den Becher mit Erdbeerjoghurt für später auf, in der Hoffnung, dass das bunte Bildchen auf der Verpackung den Inhalt richtig wiedergab.

Seufzend begab ich mich zurück ins Bett, ohne jegliche Chance, dem Tag etwas anderes abgewinnen zu können als Langeweile und Frust. Es dauerte nicht lange, da war ich erneut eingeduselt, das einzig Sinnvolle, was man hier tun konnte. Es verkürzte wenigstens die Aufenthaltsdauer, die man bewusst wahrnahm.

Meine Träume hatten sich auf meine Wünsche eingestellt und boten mir nur ein Thema an. Also wen sah ich? Richtig. Ich fühlte, wie ein Lächeln mein Gesicht überzog, und bemerkte ein wohlbekanntes Kribbeln an verschiedenen Körperstellen. Es war so schön. Wohlig räkelte ich mich im Gras – eine Wiese im Sommer mit Frau Sommer. Ich musste über meinen Einfall lachen – und blickte in den Himmel, der über mir blaute.

Ihr Gesicht – ihr Gesicht. Ich seufzte – beugte sich über mich und lächelte auf diese einfühlsame, fürsorgliche Art, wie es auch gelächelt hatte, als sie mir mit ihrem Streicheln die Schmerzen nahm. Es lag so viel in diesem Lächeln, viel mehr, als ich mir je erhofft hatte. Süße Düfte kitzelten meine Nase. Was war das, was da so süß duftete? Die Wiese oder sie?