Nicht mehr Ich - Doris Wagner - ebook

Nicht mehr Ich ebook

Doris Wagner

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Opis

Als sie mit 19 in ein Kloster eintrat, hoffte sie auf eine schöne Zukunft. Sie wurde Ordensschwester in einer jungen und charismatischen Gemeinschaft. Als sie diese Gemeinschaft 2011 wieder verließ, war sie depressiv, praktisch mittellos und hatte keine sozialen Kontakte mehr. Sie war kontrolliert, manipuliert, sexuell missbraucht und unter Druck gesetzt worden. Ihre Oberen hatten sie entmündigt, als billige Haushaltskraft eingesetzt, vor sexuellen Übergriffen nicht geschützt und nicht versorgt, wenn sie krank war. Dafür hatten sie die junge Frau als Aushängeschild benutzt: Sie hatte unzähligen Bischöfen den Ring geküsst und die päpstliche Wohnung von innen kennengelernt. Bei einem Aufenthalt auf der Terrasse des päpstlichen Palastes hätte sie sich einmal fast das Leben genommen. Nur das Glück, in der tiefsten Verzweiflung einen Freund zu finden, rettete ihr schließlich das Leben.

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Doris Wagner: Nicht mehr ich

Alle Rechte vorbehalten

© 2014 edition a, Wien

www.edition-a.at

Cover: Kyungmi Park

Gestaltung: Cojothe

Gesetzt in der Premiéra

Gedruckt in Europa

2  3  4  5  6  —  17  16  15  14

ISBN 978-3-99001-109-6eBook-ISBN 978-3-99001-117-1

eBook-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Inhalt

Was dieses Buch will

Geleitwort

1. Das rote Kreuz

2. Der Eintritt

3. Rom

4. England

5. Die erste große Krise

6. Zurück in Rom

7. Die Chormantelfeier

8. Die Katastrophe

9. Die Begegnung

10. Der Kampf um eine bessere Königsfamilie

11. Die Masken fallen

12. Freiburg

13. Das Ende

Allen, die Ähnliches erlebt haben.

WAS DIESES BUCH WILL

Dieses Buch ist keine Traumabewältigung und kein Racheakt. Es möchte nicht um Mitleid werben und nicht zum Kampf aufrufen. Es hat nur ein Ziel: die Dynamik von Ideologie, Manipulation und Missbrauch zu veranschaulichen, der Menschen in bestimmten katholischen Gruppierungen zum Opfer fallen.

Es widerstrebt mir, die extremen und zum Teil intimen Erfahrungen, die ich gemacht habe, ins Licht der Öffentlichkeit zu stellen. Ich habe lange gezögert, dieses Buch zu schreiben. Wenn ich meine Geschichte nun dennoch erzähle, dann tue ich das im Namen all derer, die Ähnliches oder sogar noch Schlimmeres erleben mussten als ich. Für mich selbst habe ich nichts Gutes davon zu erwarten. Daher habe ich mich auch entschlossen, sämtliche Namen im Buch zu verändern, außer denen von Personen öffentlichen Interesses.

Es gibt eine ganze Reihe neuer geistlicher Gemeinschaften und Bewegungen in der katholischen Kirche, die in den letzten Jahrzehnten von sich reden gemacht haben. Sie sind charismatisch und lehramtstreu. Sie ziehen Scharen junger begeisterter Menschen an und werden von Würdenträgern als der »Neuaufbruch« in der Kirche gefeiert. Aber die wenigsten wissen um die Opfer, die diese Gemeinschaften produzieren. Diesen Opfern möchte ich eine Stimme geben, indem ich meine Geschichte stellvertretend erzähle.

Ich erwarte nicht ernsthaft, dass diese Gemeinschaften sich besinnen oder dass die Kirche diesen Gruppen ihre Unterstützung entzieht. Ich hoffe nur, dass mancher Bischof oder Priester ihnen kein vorbehaltloses Vertrauen mehr entgegenbringt, dass immer mehr Eltern ihre Kinder vor dem Eintritt in eine solche Gemeinschaft bewahren können, vor allem aber, dass junge gläubige Menschen sich nicht mehr von ihnen verführen lassen. Wenn mein Buch nur einen Menschen vor dem Schicksal bewahrt, das ich erlitten habe, hat es sein Ziel erreicht.

Besonderer Dank gebührt an dieser Stelle Prof. Dr. Wolfgang Beinert, der mich zum Schreiben dieses Buches ermutigt hat und es mit seinem Vorwort ehrt. Er gehört zu jenen wenigen Menschen in der Kirche, von deren Seite ich Verständnis und moralische Unterstützung erfahren habe. Schon 1991 hat er ein Buch herausgegeben, das sich mit der Problematik des »katholischen« Fundamentalismus beschäftigt. Wenn Entscheidungsträger in der katholischen Kirche damals auf warnende Stimmen wie die seine gehört hätten, dann hätten manche der leidvollen Erfahrungen, die ich gemacht habe, verhindert werden können. Es bleibt zu hoffen, dass sie vereint mit den Stimmen der Opfer wenigstens in Zukunft Gehör finden.

Doris Wagner, Oktober 2014

GELEITWORT

Von Wolfgang Beinert

Ein guter Kollege hatte das Gespräch vermittelt. Nun saßen wir einander gegenüber, und Doris Wagner erzählte, stockend erst, dann immer flüssiger, stets aber leidenschaftslos, von ihren Erlebnissen in einer »Gemeinschaft des geistlichen Lebens« im Rahmen der römisch-katholischen Kirche. Mit wachsender Erschütterung, mit zunehmendem Entsetzen vernahm ich eine horrende Geschichte von Entwürdigung, Erniedrigung, Entmenschlichung. Sie hatte sich im Schatten des Petersdomes in Rom abgespielt. Schnell wurde deutlich: Da wollte nicht eine Aussteigerin sich ihren Frust von der Seele reden oder eine Abrechnung mit der Vergangenheit ausfertigen. Ihren Lebensweg offenbarte sie nicht vorrangig zwecks Bewältigung eines fürchterlichen Schicksals, sondern um der Sache willen. So habe ich sie zu diesem Buch ermutigt. Die Leserinnen und Leser bekommen einen eindrücklichen Einblick in die dunklen Seiten des Christentums. Es legt etwas von dem Unwesen offen, das sich, augenscheinlich untrennbar vom Wesen der Religion, in deren Umkreis oft und oft findet. Wo der Mensch unbedacht das Absolute anvisiert, ist er auch dem absolut Bösen nahe. Wo er sich ganz auf Seiten Gottes wähnt, glaubt er sich auch als Besitzer göttlicher Allmacht. In der Sprache des hl. Ignatius von Loyola: Der Engel der Finsternis kann sich auch als Lichtengel zeigen (»Die geistlichen Übungen« Nr. 331). Davor ist zu warnen.

Was auf den folgenden Seiten an Fakten berichtet wird, verdient vollen Glauben. Es ist so gewesen. Das hat ein junges Mädchen in der Kirche unserer Tage wirklich erfahren. Nicht mit der Wirklichkeit stimmen alle dort genannten Namen überein, abgesehen von jenen der Personen des öffentlichen Lebens. Nicht in offener Rede wird außerdem von jener »geistlichen Familie« gesprochen, in der die Verfasserin gelebt hat. Nur so viel: Sie wird unter jene »neuen geistlichen Gemeinschaften« gerechnet, die, meist in der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts entstanden, unter den Pontifikaten von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. ihre größte Entfaltung erreichten und sich in vielfältiger Form und Weise des Wohlwollens der Kirchenleitung erfreuen durften. Zahlreiche Schlüsselpositionen wurden mit ihren Mitgliedern besetzt. Die Gemeinschaften weisen untereinander viele Ähnlichkeiten auf. Vor allem halten sie sich gerne nicht nur für die Speerspitze des geistlichen Lebens aufgrund signifikanter Spiritualität, wie andere Orden und Gemeinschaften auch, sondern für die wahre, die eigentliche Kirche, das echte, das vollkommene Werk Gottes in der verdorbenen Welt. Damit hängt zusammen, dass sie sich keiner konkreten Aufgabe in der Kirche verpflichtet fühlen, wie etwa der Mission oder dem Krankenapostolat. Sie sind eben einfachhin und auf allen Wirkungsfeldern von Kirche die eigentliche und echte Verwirklichung des Willens Gottes.

Man kann diese Anonymisierung bedauern. Man kann sie auch zu verstehen suchen. Sie hat zwei Gründe. Die Autorin fürchtet Repressalien. Das tut sie nicht von ungefähr. Wichtiger ist der andere Grund: Ihr ist bewusst geworden, dass die Zeit ihres Lebens in der geistlichen Gemeinschaft nicht einfach bloß eine Art Betriebsunfall gewesen ist, verschuldet durch die eine oder die andere oder auch beide Seiten, sondern dass sie in Strukturen eingebunden wurde, die sie als dem Katholizismus systemimmanent empfunden hat. Sie will darauf aufmerksam machen, um der Kirche und ihrer Erneuerung willen. Es geht nicht darum, konkrete Gruppierungen, oder bestimmte Personen an den Pranger zu stellen, sondern darum, auf einen folgenschweren Webfehler aufmerksam zu machen, der sich in die Textur der Glaubensgemeinschaft eingeschlichen hat.

Am Anfang aller dieser Bewegungen, und somit auch am Anfang der hier betrachteten, steht eine überzeugte und viele andere überzeugende Frömmigkeit, die sich meistens an den überkommenen Formen des nachreformatorischen Katholizismus orientiert. Sie ist gewöhnlich mit einer glühenden Kirchlichkeit verbunden, die sich in unkritischer Ergebenheit gegenüber dem geistlichen Amt, insbesondere dem Papsttum, äußert. Dieses hat sich deswegen auch immer gern und ebenfalls unkritisch der angebotenen Unterstützung bedient. Zahlreiche Mitglieder der neuen geistlichen Gemeinschaften sind aus diesem Grund, wie schon bemerkt, in höchste Ämter aufgestiegen. Am Anfang finden wir also eine anziehende Spiritualität, die sich in hellem Kontrast zu den beklagenswerten Verfallserscheinungen darbietet, welche die Gegenwart der Kirche aufweist. Wer zu apokalyptischem Denken neigt, kann leicht geneigt sein, die Rettung der Kirche aus dem vermeintlich totalen Relativismus gerade von solchen Bewegungen zu erwarten.

Wie kommt es aber dann zu den schrecklichen Perversionen, wie sie dieses Buch beschreibt und wie sie in der Entwicklung vieler dieser Bewegungen an den Tag treten? Um an die Wurzeln zu kommen, müssen wir bis ins 5. Jahrhundert zurückgehen, in die Zeit des großen Gnadenstreites, der mit den Namen des afrikanischen Bischofs Augustinus (354-430) und des irischen Mönches Pelagius (um 350-420) verbunden ist. Er hat in vielen Formen die ganze Geschichte der westlichen Kirche über die Reformation des 16. Jahrhunderts bis ins ausgehende 20. Jahrhundert nachdrücklich und nachhaltig geprägt. Gesiegt hat der Bischof von Hippo, der größte christliche Denker des Altertums, mit wirkkräftigem Einfluss auf nahezu die gesamte Theologie bis heute. Nach ihm ist die Heilsgeschichte ein gigantischer Kampf zwischen dem gnadenvollen Willen Gottes und dem aufs Böse gerichteten Willen Satans. Mitten in ihn hineingestellt ist der Mensch, der aus böser Geschlechtslust erbsündig empfangen wird und darum bereits von Natur aus seinen Willen gegen den göttlichen stellt. Die Erlösung, die nur wenigen aus der Masse der an sich Verdammten zuteil wird, besteht darin, dass die Gnade über den kreatürlichen Willen siegt, dass Gottes Souveränität letztlich an seine Stelle tritt. Die menschliche und die göttliche Freiheit werden als Konkurrenten verstanden. In dem Maße, in dem die eine groß wird, wird die andere klein. Gott kann folgerichtig nur dann Gott sein, wenn der menschliche Wille de facto verlischt.

In dieser Konzeption gibt es ein Problem: Wer stellt fest, was Gottes Wille ist? Die Antwort lautet: Die Kirche, welche die Hüterin und Interpretin der göttlichen Offenbarung als der Kundgabe der Dekrete seines Wollens ist. Konkret geschieht das durch das kirchliche Amt, die Männer des gesalbten Lebens, denen jene Menschen, Männer ebenso wie Frauen, zur Seite treten, die eine besondere Berufung zum geweihten Leben in der Kirche für sich beanspruchen. Damit halten sie sich allein für befähigt und befugt, die Interpretationshoheit über den Willen Gottes für sich zu reklamieren und in der Folge auch die Autorität zu dessen Einforderung. Was sie sagen, ist mithin zu tun. So bleibt einer auf der sicheren Seite. Je rückhaltloser, je totaler jemand auf eigene Willensäußerungen verzichtet und sich bedingungslos unterwirft, um so frömmer und christlicher ist er. Vollendetes Christentum ist vollendeter und streng hierarchischer Gehorsam. Die düstere Seite dieser Ideologie: Da auch die Oberen sündige Menschen bleiben, also ebenfalls darauf aus sind, ihren eigenen Willen zu verabsolutieren, sind sie in ständiger Versuchung und Gefahr, eben diesen als Gottes Willen zu erklären. Damit verfallen sie aber genau jener bösen Strukturwirklichkeit, aus der sie angeblich befreien wollen. Der Mensch will sein wie Gott – das ist das Baugesetz menschlicher Sünde. Nichts anderes als das aber beanspruchen sie zu sein: zu sein wie Gott gegenüber den anderen Gliedern der Gemeinschaft. Als Inkarnationen des Absoluten relativieren sie alles andere in wahrhaft universaler Bemächtigung.

Man kann diese Verhaltensweisen auf den folgenden Seiten wieder und wieder antreffen. Die Angehörigen der »Familie« werden gnaden- und schutzlos den Manipulationen der »Verantwortlichen« ausgesetzt. Diesen ist bedingungsloser Gehorsam und die Eröffnung der eigenen Intimität geschuldet. Die Adepten werden in bewusster Unwissenheit und Unkenntnis über die Konstitutionen der Gemeinschaft gehalten, der sie angehören wollen, sowie über die Destination, in der sie sich ihm dienlich erweisen sollen. Steter Zweifel nagt an ihnen, ob sie dem Ideal der »Familie« genügen, verbunden mit nie weichender Angst vor deren Liebesentzug, der sie haltlos machen würde, unselbstständig wie sie sind. Die höheren Grade der Binnenhierarchie, zuvörderst die »Verantwortlichen« aber auch generell die Priester, haben immer recht. Gottes Souveränität repräsentieren diese vollkommen. Sie sind im Prinzip fehl- und makellos, werden bedroht allenfalls durch den ungezähmten Willen der an sich schon sündhaften Frauen innerhalb (und natürlich auch außerhalb) der Gruppierung. Das schrecklichste Begebnis in diesem Buch, die Vergewaltigung durch ein herausragendes Mitglied der Gemeinschaft, ist in diesem fahlen Licht nicht eine bloße Triebabfuhr aus unbewältigter Sexualität, sondern schließlich und letztlich ein pädagogisches Unternehmen zur Versklavung eines bösen Wollens seitens des Opfers, des Opfers Schuld also. Das Signal lautet: Der Wille der Vergewaltigten ist immer noch nicht ganz konform mit dem Willen der Gemeinschaft, sprich: mit Gott. Die Gewalt ist also eigentlich heilsam.

Die tragische Perversität solchen Denkens zeigt sich hüllenlos. Man kann einwenden: Viele der Initiationspraktiken, wie sie hier geschildert werden, wurden ehedem auch in den etablierten Institutionen des geweihten Lebens, ja sogar in manchen Priesterseminaren geübt. Selbstverständlich verfügten die Insassen nicht über den Hausschlüssel, selbstverständlich unterstanden sie vom Aufstehen zur vorgeschriebenen Zeit bis zum hausordnungsgeregelten Schlafengehen der Aufsicht der Oberen und hatten deren sinnvolle wie sinnfragliche Befehle zu befolgen. Zu welchen Schauder erregenden Exzessen es dabei kommen konnte, hat Hubert Wolf in dem Berichtsband »Die Nonnen von Sant’Ambrogio. Eine wahre Geschichte«, (München 2013) zu Protokoll gegeben. Das ist alles vorgekommen, ist alles so gewesen, doch sind derlei Praktiken in den »alten« Institutionen Vergangenheit. Heute verhält es sich in der Regel anders. Die geistliche Formung ist deswegen nicht laxer geworden, doch trägt sie der theologischen Einsicht Rechnung, dass das augustinische Konstrukt mit seiner Mischung aus Platonismus und Dualismus auf einem Fehlschluss beruht, dessen Konsequenzen damit grundlos werden. Gottes Gnade und des Geschöpfes Freiheit sind keine Gegenspieler, vielmehr ermächtigt die Gnade die Freiheit aus der Schöpfungs- wie aus der Erlösungsordnung. Der Grund-Satz der christlichen Anthropologie lautet: »Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn« (Gen 1,27a). Worin anders aber könnte diese Gottebenbildlichkeit bestehen, als in der Teilhabe an seiner Freiheit? Erst sie ermöglicht es, dass er Gottes Mandatar in der Schöpfung wird (Gen 1,28 f.). In der Sünde setzt der Mensch diese Freiheit aufs Spiel, doch gerade die katholische Tradition hat stets darauf bestanden: Er verliert sie nicht ganz. Die Erlösung durch Christus ist die Wiederherstellung der ursprünglichen Freiheit: »Zu Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen!«, fasst Paulus die fundamentale christliche Soteriologie zusammen (Gal 5,1). Der geistliche Mensch wird also dem Evangelium entsprechend geformt, wenn und indem er zur Freiheit der Kinder Gottes geführt wird, wenn und indem ihm der Raum der Selbstverwirklichung als Gottes Gleichbild eröffnet wird, wenn genau jene Lebensordnung aufgegeben wird, die die hier anvisierten Bewegungen ihren Mitgliedern aufzwingt. Sie ist unchristlich. Sie ist auch wider die Menschenrechte, die ihre Wurzeln wesentlich in diesem Denken verantworteter Freiheit haben.

Der folgende Lebensbericht macht in schonungsloser Klarheit deutlich: In der Kirche beanspruchen Denk- und Lebensweisen Geltung, die dem widersprechen. Deswegen verdient er höchste Beachtung, fordert er faire Auseinandersetzung mit dem System, ermutigt er dringend zur Korrektur. Es geht darum, eine genuin christentumsförmige neue geistliche Bewegung zu schaffen, hin zu den Ursprüngen und von dort zur effektiven Verwirklichung der Freiheitsbotschaft des christlichen Evangeliums. Solches Werk hat die Kirche, hat die Welt in der Tat nötig.

Prof. Dr. Wolfgang Beinert ist katholischer Priester,emeritierter Hochschullehrer und Publizist.

„Was ihr für einen meiner geringsten Brüdergetan habt, das habt ihr mir getan.Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getanhabt, das habt ihr auch mir nicht getan.“Mt 25,40.45

„Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohneKleidung ist und ohne das tägliche Brotund einer von euch zu ihnen sagt:Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch!Ihr gebt ihnen aber nicht,was sie zum Leben brauchen – was nützt das?“Jak 2,15-16

1. DAS ROTE KREUZ

Die Kindheit

Ich wollte ins Kloster, seit ich 15 war. Diese Entscheidung war für mich beinahe natürlich, denn ich hatte den Glauben gewissermaßen mit der Muttermilch aufgesogen. Er war die alles bestimmende Größe in meinem Leben, wie er es im Leben meiner Eltern war. Sie waren überzeugte Lutheraner und brauchten den Glauben zum Leben wie die Luft zum Atmen, denn sie hatten so viel Not zu ertragen, dass sie wohl daran zerbrochen wären, wenn sie nicht gewusst hätten, dass Gott diese Last mit ihnen trägt. Gott war immer da, und sie konnten ihn bitten, ihnen Kraft zu geben oder Rat – manches Mal auch Geld. Er war ihre Hoffnung und ihr Trost. Deswegen hatte ihr Glauben auch nichts Aufgesetztes und Unbehagliches. Er war völlig authentisch. Er bestand auch in den Augen von uns Kindern nicht aus lästigen Pflichten und unliebsamen Erziehungsmaßnahmen, sondern er war der unsichtbare Hintergrund, der das tägliche Leben mit einer unzerstörbaren Schutzhülle umgab. Gott war da, um uns zu beschützen und für uns zu sorgen. Er war wie der gute Hirte hinter dem Eingang in der Kirche, der ein verletztes kleines Lamm behutsam auf seinen Schultern trägt.

Mein Vater arbeitete als Dreher, obwohl er in seiner Jugend gerne das Gymnasium besucht und Theologie studiert hätte. Wenn er sich abends nach getaner Arbeit an den Küchentisch setzte und Psalmen las, spürte ich, dass sich diese Worte wie Balsam auf seine zermürbte Seele legten. Es war ein heiliger Augenblick. Gottes Gegenwart wurde greifbar, hier in unserer kleinen Küche. Fast jeden Abend saß er so, sorgenschwer und doch getröstet, über das Buch gebeugt, in dessen dünnen Seiten er mit seinen von der Arbeit schwieligen Händen blätterte. Die aufgeschlagene Seite hielt er dicht vor seine kurzsichtigen Augen, wobei er die zum Lesen ungeeignete Brille in die Stirn schob. Oft nahm er dabei eines seiner Kinder auf den Schoß und las laut vor. Mir wurde sehr feierlich zumute bei diesen schwer verständlichen und darum umso mächtigeren Worten, mit denen die Widersacher Gottes verflucht und die Frommen gesegnet wurden. Und ich empfand vage, dass mein Vater wie der Psalmist in Not war, von unheimlichen Feinden bedrängt, und dass Gott ihn schützen musste, ihn und uns alle, vor bösen Menschen und dem grausamen Schicksal. Und wenn dann die jubelnden und glücklichen Verse folgten, war ich selig über das Siegeslied der Gerechten, die Gott lobten und ihm dankten, weil er ihnen so wunderbar geholfen hatte. Und ich wusste: Solange Gott da war, konnte uns nichts geschehen.

Der Glaube an Gott war mir darum heilig, und ich reagierte empfindlich, wenn er infrage gestellt wurde. Als ich in den Kindergarten kam, stellte ich fest, dass nicht alle Kinder an Gott glaubten. Jedenfalls schien es mir so, denn sie hatten andere Helden als ich. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie ich einmal einen Jungen, der ein begeisterter Batman-Verehrer war, zu überzeugen versuchte, dass der Herr Jesus viel mächtiger sei als Batman und dass Batman ihm im Notfall nicht helfen könnte, weil es ihn gar nicht wirklich gibt.

Auf die Spitze getrieben wurde meine kindliche Empörung aber immer dann, wenn der Glaube zur Freizeitgestaltung degradiert wurde. Als wir in der Grundschule zur Kinder-Bibel-Woche gingen und dort ein Zauberkünstler auftrat, der im Handumdrehen drei verschiedenlange Seile in gleichlange verwandelte und uns dabei erklärte, dass es vor Gott keine kleinen und großen Sünden gäbe, sondern alle gleich groß wären, war ich dermaßen entrüstet, dass ich den Saal verließ. Erstens war es falsch, was er gesagt hatte, denn es gab sehr wohl Sünden, die schwerer wogen als andere. Zweitens steht in der Bibel, dass man nicht zaubern darf, und drittens – was am schwersten wog – hatte er die religiöse Deutung nur vorgeschoben, um seinen Trick vorführen zu können. Dieser oberflächliche Umgang mit dem Glauben verletzte mich sehr. Ich litt darunter, weil er ja der Schutzwall meiner kindlichen Geborgenheit war. Also musste es ernst sein mit dem Glauben, und dann musste man ihn auch ernst nehmen. Und wenn es nicht ernst wäre, dann hätte es schlicht keinen Sinn zu glauben, und man könnte es gleich ganz bleiben lassen. Den Glauben aber als eine Art Hobby zu pflegen, kam mir wie ein Verrat vor.

Bei aller Frömmigkeit, kannte mein Leben aber auch andere Seiten. Ich besaß beispielsweise keinen großen Schuleifer und neigte dazu, keine Hausaufgaben zu machen. Viel lieber verbrachte ich die Nachmittage mit meinen Geschwistern im Freibad. Zudem hatte ich in meiner Grundschulzeit eine Freundin, mit der ich viel Unsinn anstellte, Süßigkeiten stahl, in fremde Scheunen und Keller eindrang und anderes mehr.

Als ich aufs Gymnasium kam, musste ich mit dem schrecklichen Unfall meines Vaters fertigwerden, der im Januar 1995 von einem betrunkenen Lastwagenfahrer beinahe totgefahren worden war. Damals war ich elf und wurde mit meinen Geschwistern jäh aus der heimeligen Routine unseres Familienlebens herausgerissen. In der Folge mussten wir vieles aushalten, was unsere so fragile und kostbare Kindheitsatmosphäre bedrohte. So richtig erholt haben wir uns davon nie.

Das Gymnasium

Um mir einen neuen Schutzraum zu suchen, machte ich die Schule ein Stück weit zu meinem Zuhause. Ich begann, mich wohl zu fühlen in dieser Welt, in der mir mühelos so vieles gelang. Latein, Englisch und Geschichte zählten zu meinen Lieblingsfächern, während ich Mathematik und Physik nicht schätzte, weil sie mir die süßen Früchte des Erfolgs versagten, wenn ich ihnen nicht meine Nachmittage opferte. Ich las auch sehr viel, wobei die frommen Bücher, die mir meinen Eltern zum Geburtstag schenkten, ab meinem 13. Lebensjahr in den Hintergrund traten und zunächst von Hermann Hesse abgelöst wurden. Ich las »Das Glasperlenspiel«, das ich im Schrank meiner Eltern fand, den »Steppenwolf« und dann alles was ich von Hesse in die Finger bekommen konnte. Zugleich las ich Gedichte von Rilke und lernte einige von ihnen auswendig. Mir eröffnete sich eine neue romantische Welt voller merkwürdiger Bilder und Gedanken, die sich kaum mit der religiösen Welt meiner Kindheit in Einklang bringen ließen, aber die mich faszinierten, weil ich meinte, mich darin wiederzuerkennen. Ich verbrachte so viel Zeit wie möglich damit, diesen Gedanken nachzuhängen. Dabei war ich am liebsten für mich allein. Die köstlichsten Stunden verbrachte ich am Klavier, mit Chopin, Debussy oder Tschaikowsky, in deren Stücken ich mich verlieren und alle angestauten Gefühle, Sehnsüchte und Phantasien ausleben konnte. Es zog mich auch hinaus auf einsame Feld- und Waldwege, wo ich stundenlang unterwegs war und versteckte Geheimplätze regelmäßig aufsuchte. Diese einsamen Waldspaziergänge ließen mich innerlich zur Ruhe kommen. Als meine Altersgenossen anfingen, sich für das andere Geschlecht zu interessieren, wurde mir klar, dass ich eine ganz andere Einstellung hatte als sie. Liebe war für mich eine ernste Angelegenheit, mindestens so ernst wie die Religion. Zwar verliebte ich mich auch das eine oder andere Mal. Aber ich betrachtete diesen merkwürdigen Zustand immer als einen ärgerlichen Zwischenfall, den ich bestenfalls als eine Art psychologischen Selbstversuch interessant finden konnte. Mein eigentliches Interesse galt nicht der Verliebtheit, sondern der Liebe oder dem, was ich mir darunter vorstellte: eine Macht, die zwei für einander bestimmte Menschen für immer zu verbinden vermag, auf Gedeih und Verderb. Das war kein Gefühlsanflug, es war Schicksal, ernst und mächtig, und weniger als das konnte ich nicht wollen. Deswegen stand ich dem pubertären Beziehungstreiben meiner Altersgenossen mit einer gewissen Ratlosigkeit gegenüber. Mir schien ihr Verhalten kindisch und selbstverletzend, in jedem Fall schreckte es mich ab. Ihre Beziehungsgeschichten verfolgte ich abwechselnd mitleidig und belustigt. Wenn ich einmal lieben werde, dachte ich, dann ganz anders.

Die Konversion

Daheim hatte sich eine bemerkenswerte religiöse Entwicklung ergeben. Meine Mutter begann sonntags in die katholische Kirche zu gehen, denn der katholische Pfarrer war in ihren Augen viel glaubwürdiger als der evangelische. Bald fand auch mein Vater im katholischen Gottesdienst mehr Trost als im evangelischen. Natürlich bereitete das nicht wenige Schwierigkeiten, denn viel von dem, woran Katholiken glauben, hielten wir als überzeugte Lutheraner für verfehlt, insbesondere die Heiligenverehrung, das Fegefeuer und die Beichte. Aber der Pfarrer war mehr als hilfsbereit. Er versorgte meine Mutter mit Büchern und unterhielt sich oft mit ihr. So ergaben sich am Küchentisch viele abendfüllende Gespräche. Mein Vater, der sich selbst etwas Altgriechisch beigebracht hatte, nahm seine Bibel heraus und das altgriechische Neue Testament, und wir diskutierten stundenlang. Dabei wurde vor allem eines deutlich: die katholische Kirche war kompromissloser als die evangelische. Es gab keine Beliebigkeit, nichts blieb der eigenen Einsicht überlassen und es gab auf fast alle erdenklichen Fragen eine klare Antwort des Lehramtes. Daher schien der Glaube in der katholischen Kirche viel weniger in Gefahr, oberflächlich zu werden, oder zur Freizeitbeschäftigung zu verkommen. Stück für Stück wuchsen unsere Sympathien für die katholische Kirche. Wir begannen sonntags gemeinsam in die katholische Messe zu gehen. Nicht lange, und wir brauchten nur noch den letzten Schritt zu gehen und zu konvertieren.

Es war ein strahlender Tag Anfang Mai 1999 als wir im Rahmen einer Heiligen Messe in die volle Gemeinschaft der katholischen Kirche aufgenommen wurden. Endlich hatten wir das Gefühl, eine echte Glaubensheimat gefunden zu haben. Es war der Glaube des vertrauten Umgangs mit Gott, des täglichen Überlebens und des wundervollen göttlichen Trostes, nicht der Glaube der Kinderbibelwochen, Gitarrenkreise und Sonntagsausflüge. Unsere katholische Pfarrei war eine Diasporagemeinde, zu einem guten Teil getragen von Russlanddeutschen, die ihren Glauben ihr Leben lang im Geheimen praktiziert hatten und beim Zerfall der Sowjetunion in hohem Alter mit ihren Familien nach Deutschland gekommen waren. Sie machten großen Eindruck auf mich.

In meinem Inneren vereinigten sich nun kindliche Religiosität und jugendliche Romantik zu einem wahrhaftigen Rausch. Der Tag der Konversion wurde so der vielleicht schicksalsträchtigste Tag meines Lebens. Denn ab diesem Tag stand mir ein neues Universum offen, ein religiöser Himmel voller ungeahnter Möglichkeiten und Verheißungen. Es waren vor allem zwei Dinge, die meinen religiösen Eifer beflügelten. Die Gegenwart Jesu im Tabernakel und die Möglichkeit, Gebete, Leiden und Selbstüberwindungen für andere aufzuopfern. Viele Stunden verbrachte ich von nun an in der Kirche, um Jesus, der im Tabernakel gegenwärtig war, nahe zu sein. Ich ging jeden Tag in die Hl. Messe und so oft ich konnte, zur eucharistischen Anbetung. Wenn ich so vor der Monstranz oder vor dem Tabernakel kniete, war ich von himmlischem Frieden erfüllt und empfand ein tiefes inneres Glück. Ich vergaß die Zeit dabei. Und wenn ich nicht in der Kirche sein konnte, so konnte ich dennoch alles, was ich tat, aufopfern. Das hieß, jede Tat zum Gebet werden zu lassen, je mehr Überwindung sie mich kostete, desto besser. Ich begann meiner Mutter besonders viel zu helfen, auf Süßigkeiten und andere Annehmlichkeiten zu verzichten und immer neue Ziele meiner geistlichen Zuwendungen zu finden. Ich brachte Opfer für meine ungläubigen Lehrer und Klassenkameraden, für Arafat und den Nah-Ost-Konflikt, für verirrte liberale Theologen, für Drogenabhängige, Opfer von Naturkatastrophen und für meinen verstorbenen Stiefopa. Von unserer kleinen Küche aus konnte ich das Weltgeschehen beeinflussen und in Vergangenheit und Zukunft hineinwirken. Ein geduldig ertragenes Wort und ein hingebungsvoller Abwasch konnten so viel bewirken.

Bald erfuhr ich, dass ich diese Opfer noch steigern konnte. Unser Pfarrer gab mir ein Buch über die Kinder von Fatima, die ihre nackten Unterschenkel mit Brennesseln schlugen und Bußgürtel trugen, um dadurch erzeugten Schmerz für die Bekehrung der Sünder aufopfern zu können. Das leuchtete mir ein: Wenn schon eine unliebsame, aber liebevoll erledigte Hausarbeit die Kraft hatte, einen Sünder zu bekehren, wie viel mehr dann richtige Schmerzen. Ich beschloss, den Heiligen auch in dieser Disziplin nachzueifern, heimlich, denn zur Schau gestellt verliert jedes Opfer seine Kraft. Außerdem fastete ich einige Zeit lang nach den Weisungen der Muttergottes von Medjugorie mittwochs und freitags bei Wasser und Brot.

Und noch etwas bestimmte fortan mein Leben: Ich glaubte fest daran, dass alles, was der Papst und die Bischöfe lehrten, wahr war und dass alles Übel in der Kirche daher rührte, dass so viele Gläubige nicht auf ihre Hirten hörten. Ich schwelgte geradezu in Obrigkeitsergebenheit. Diese heiligen Männer, dachte ich mir, sind von Gott dazu erwählt und durch ihre heiligen Weihen dazu begnadet, die Gläubigen zu führen. Würden alle Menschen auf sie hören, würden sie Gottes Nähe und Liebe in ihrem Leben erfahren können. Ich litt aufrichtig unter der Kirchenkritik von aufgeklärten Theologen, deutschem Verbandskatholizismus und modernen Medien und war durch und durch überzeugt, dass sie einfach nicht wussten, was sie sagten, sodass ich viel und ausdauernd für die derart Verirrten betete und opferte.

Mein Leben war so vollständig von diesen religiösen Übungen in Beschlag genommen, dass alles andere verblasste. Nicht, dass ich das sogenannte normale Leben nicht gekannt hätte. Ich wusste, was es hieß verliebt zu sein, Erfolg in der Schule zu haben, Hobbys, Zukunftspläne. Aber ich fühlte, dass es mehr geben musste, viel mehr. Ich wollte nicht nur für mich leben, wollte kein Durchschnittsleben führen, sondern ich wollte etwas Großes. Was konnte es Größeres geben als Gott? Welches Ziel konnte dringlicher sein als die Bekehrung der Sünder und das Heil der Welt? Jede Art von Hobby und Freizeit verbannte ich aus meinem Leben. Das letzte Buch, das ich vor der Konversion gelesen hatte, war Dostojewskis Schuld und Sühne. Nach der Konversion war jede nicht-religiöse Literatur für mich fahrlässige Zeitverschwendung. Nichts verband mich mehr mit den Interessen und Beschäftigungen meiner Altersgenossen, die mir schrecklich banal und sinnlos erschienen. Ich war in eine andere Welt eingetaucht, deren Protagonisten nicht »Take That« und »Die Toten Hosen« waren, sondern der Papst, die Muttergottes und Theresia von Lisieux. Nicht Nächte mit Alkohol und lauter Musik waren die Höhepunkte des ersehnten Wochenendes, sondern Maiandachten und Anbetungsnächte. Ich wählte mir einen Abschnitt aus dem Galaterbrief zum Leitmotiv meiner Existenz, der alles ausdrückte, was ich im tiefsten Inneren ersehnte: »Ich lebe, aber nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir, der mich liebt und sich für mich hingegeben hat.«

Die Berufung

Für mich stand nun außer Zweifel, dass Gott mich zu einem Leben im Kloster bestimmt hatte. Er liebte mich so sehr, dass er mich ganz für sich haben wollte. Ich hatte »den Richtigen« gefunden. Ich war berufen. Ich weiß nicht genau, wann mich diese Erkenntnis traf. Sie war einfach da. Ich war jedenfalls noch keine sechzehn Jahre alt. Bis zum Abitur hatte ich nun ein aufregendes und außergewöhnliches Abenteuer zu erleben: Ich musste die Gemeinschaft finden, in die Gott mich rief. Ich nahm Kontakt mit den besten und strengsten Ordensgemeinschaften auf (wobei gut und streng in etwa gleichbedeutend für mich waren), denn nur in eine von ihnen konnte Gott mich rufen wollen. Ich würde nur herausfinden müssen, in welche. So besuchte ich innerhalb von drei Jahren ganz auf eigene Faust die klausurierten Dominikanerinnen in Bamberg, die Kartäuser der Marienau im Allgäu, die Certosa della Trinitá bei Genua und die Betlehemschwestern bei Waldkappel. Nach und nach veränderte sich dabei auch mein Äußeres. Ich steckte meine Haare hoch und trug schließlich nur noch lange Röcke und langärmelige Oberteile. Meistens verbrachte ich einige Tage vor Ort und teilte das Leben der jeweiligen Kommunität, soweit das möglich war. Dabei fühlte ich mich in meinem Element: tägliche Messe, Stundengebet, Arbeit, geistliche Gespräche. Es war herrlich. Dennoch fehlte in allen diesen Gemeinschaften irgendetwas, eine Art Begeisterung.

Im Sommer 2002, ein Jahr vor dem Abitur, begegnete ich auf dem Kongress »Freude am Glauben« in Fulda das erste Mal der »Königsfamilie«, einer Gemeinschaft, deren Vertreterinnen zunächst keinerlei Eindruck auf mich machten. Die Schwestern trugen keine Ordenstracht, den sogenannten Habit. Damit waren sie gedanklich für mich schon aussortiert. Sr. Ottilie, eine hartnäckige kleine Schwester, die ihr dünnes graues Haar in einer altmodischen Steckfrisur trug und in eine Art dunkelgrünen Trachtenrock gekleidet war, drückte mir dennoch einen Flyer in die Hand, dessen Titelblatt ein Blütenmotiv zierte. Auf farbigem Glanzpapier fand sich eine kurze, wenig sagende Beschreibung der Gemeinschaft. »Im Dienst der Kirche« – welche katholische Gemeinschaft ist das nicht? Dazu gab es einige Fotos, die mich nicht besonders ansprachen, im Gegenteil: einige Bilder von Schwestern in einem weißen Chormantel schreckten mich regelrecht ab. Sie trugen stilisierte Dornenkronen auf dem Kopf, an denen weiße Schleier befestigt waren. Unheimlich. Als ich die Kongresshalle am nächsten Tag betrat, schien Sr. Ottilie auf mich zu warten. Es war unmöglich, ihr auszuweichen. Zu meinem Schrecken lud sie mich ein, das Mutterhaus der Königsfamilie in Österreich zu besuchen. Da eine höfliche Ablehnung bei ihr nicht zu fruchten schien und ich nicht unhöflich sein wollte, nahm ich die Einladung nolens volens an. Ich konnte ja dann immer noch sagen, dass es nichts für mich sei, dachte ich.

Erster Besuch im Mutterhaus

Am Donnerstag, dem 15. August, fuhr Sr. Ottilie mit mir nach Österreich. Im Auto war es sehr heiß, und die Fahrt dauerte lang. Sr. Ottilie war nichtsdestotrotz sehr gut gelaunt, redete viel, und ich stellte erneut fest, dass sie mir unsympathisch war. Diese kleine Frau mit dem schmalen Gesicht und dem verkrampften Lachen hatte etwas unerträglich Besserwisserisches an sich. Natürlich bemühte ich mich, mir das nicht anmerken zu lassen. Sie sprach von der Königsfamilie und von der Gründerin, die 1997 verstorben war. Sie stellte mir Fragen und fand viele Übereinstimmungen zwischen dem, was ich von mir erzählte und dem, was sie das Charisma der Königsfamilie nannte. Genau erinnere ich mich nicht mehr an dieses Gespräch. Irgendwann übermannte mich einfach die Müdigkeit, und ich schlief ein.

Ich erwachte erst kurz vor der Ankunft wieder. Als wir auf den Parkplatz des Klosters einfuhren, stellte ich fest, dass es viel größer war, als ich erwartet hatte. Strahlend weiß lag die Anlage im Sonnenlicht. Die Fassade war mit langen gelbweißen Fahnen geschmückt. Die Pfortenschwester stand schon an der Tür und erwartete uns mit einem breiten Lächeln. Wir wurden auf das Freundlichste begrüßt. Nach einem kleinen Willkommenskaffee in einem Empfangszimmer, das wie ein altmodisch-großbürgerliches Wohnzimmer aussah, traten wir hinaus auf den Gang. Die alte Klausurtür vor uns stand weit geöffnet. Sr. Ottilie schloss sie, um mir die barocken Ölgemälde auf den Türflügeln zu zeigen: Maria Magdalena und Augustinus mit dem flammenden Herzen. Die Botschaft der beiden sei, wer hier eintrete, müsse sich bekehren. Sie öffnete die Tür wieder, und der Blick auf den langen Klostergang wurde frei. Vom kleinen Innenhof fiel Sonnenlicht auf die weißen Wände und die dunklen Fußbodenplatten. In einer Nische am anderen Ende des Ganges stand eine lebensgroße Figur des Dornengekrönten. Wir gingen in die andere Richtung zur Kapelle, in die wir nur einen kurzen Blick taten. Es war eine richtige kleine Klosterkirche in schlichtem Weiß, mit üppigem Blumenschmuck und moderner Ausstattung. Unter dem hohen Gewölbe, das eine sehr gute Akustik versprach, blickte eine überdimensionale romanische Muttergottes auf den schlichten Volksaltar herunter. Nachdem wir die Kapelle verließen, blieb mir bis zur Vesper gerade noch genug Zeit, mein Quartier zu beziehen.

Ich war in einem der Schwesternzimmer im zweiten Stock untergebracht, das von derselben Ästhetik geprägt war wie die meisten Räume im Mutterhaus, eine Mischung aus Bauernstube und Biedermeier. In dem circa zwölf Quadratmeter großen Raum fanden sich neben dem Bett mit Nachtkästchen ein Schrank, ein Tisch mit Stuhl und ein Waschbecken mit Boiler. An der Tür hing ein kleines Weihwasserbecken, an der Wand ein Kreuz und ein Marienbild. Auf dem Tisch standen ein kleines Blumenväschen und eine Karte. Daneben fand ich auf einem hellgrünen Zettel auch den Tagesablauf: um 6:15 die Messe, um 7:00 Angelus, Lesehore und Laudes, anschließend Frühstück. Um 12:00 Angelus, Rosenkranz und Mittagsgebet, anschließend Mittagessen, um 17:30 die Vesper und das Abendessen und um 19:45 Abendanbetung und Komplet. Bis auf die »Abendanbetung« kannte ich alles aus anderen Klöstern. Aber als ich dann meine erste Vesper in der Klosterkirche erlebte, die Vesper von Maria Himmelfahrt, war ich doch einigermaßen erstaunt. So hatte ich eine Vesper noch nie erlebt. Alleine schon der feierliche Einzug übertraf alle Erwartungen. Hinter dem Kreuzträger schritt ein großer schlanker Priester im goldenen Rauchmantel den Mittelgang entlang, ihm folgten circa sieben weitere in weißen Chormänteln und schließlich eine große Schar Schwestern, ebenfalls im weißen Chormantel, mit Schleier und Krone. Sobald sie ihre Plätze bezogen hatten, erklang ein feierlicher Gesang. Es schien unmöglich, sich seiner Wirkung zu entziehen. Nicht nur der Hymnus, sondern auch die Psalmen wurden mehrstimmig gesungen, im Wechsel zwischen Männer- und Frauenstimmen. Das hatte ich so noch nie erlebt. Das Magnificat wurde schließlich auf Latein angestimmt. Der feierliche gregorianische Ton erhob sich und erfüllte den von Lilien- und Weihrauchduft schweren Raum. Ich war verzaubert. Hiermit konnte sich keine Liturgie messen, die ich bisher erlebt hatte.

Am nächsten Morgen wurde ich in die Küche eingeladen, wo ich den Schwestern bei der Arbeit helfen durfte. Hier erlebte ich eine ähnliche Überraschung. Die für die Küche verantwortliche Schwester, eine strahlende, blonde Slowenin namens Sr. Ivana begrüßte mich, drückte mir eine Schürze in die Hand und teilte mir meine Arbeit zu. In keinem der Klöster, die ich bisher kennengelernt hatte, war ich so selbstverständlich in den Alltag der Kommunität eingebunden worden, und nirgendwo hatte ich so viele junge Schwestern gesehen. Die große Küche war voll von ihnen, und alle hatten gute Laune. Ich konnte mich dieser Stimmung nicht entziehen. Etwas in der Art, wie die Schwestern ihre Arbeit angingen, berührte mich. So fröhlich und tatkräftig muss es früher in den Klöstern zugegangen sein, die heute überaltert sind, dachte ich. Das hier ist das Original, das authentische Klosterleben. So fühlt sich das also an.

Am Samstagnachmittag fand das vielleicht folgenreichste Gespräch dieser Tage statt. Ich hatte Sr. Ottilie erzählt, dass meine Familie im September mit dem Bayerischen Pilgerbüro nach Rom fahren würde. Daraufhin organisierte sie sofort ein Gespräch mit Sr. Hildegard, die normalerweise in Rom im Einsatz war, sich aber in diesem Sommer aus gesundheitlichen Gründen einige Wochen im Mutterhaus aufhielt. Ich wunderte mich ein wenig. Was sollte Sr. Hildegard mir Wichtiges zu sagen haben? Jedenfalls schien sie eine Instanz zu sein, eine außergewöhnlich erfahrene Pilger-Führerin. Die Schwestern, denen ich beim Mittagessen erzählte, dass ich am Nachmittag Sr. Hildegard treffen würde, lobten sie über die Maßen. Als es soweit war, stiegen Sr. Ottilie und ich in den ersten Stock hinauf und betraten den »Kapitelsaal«, der später renoviert und zum Brüderrefektorium umfunktioniert wurde. Es war ein dunkler Raum, hauptsächlich wegen den langen Gardinen an den Fenstern. Das noble kleine Beistelltischchen und die geblümten Sesselchen verliehen ihm dieselbe Biedermeierästhetik, die fast alle Räume im Haus prägte. Das Parkett knarzte, als wir den Raum betraten. Sr. Hildegard war schon da. Sie hatte in einem der Sesselchen Platz genommen. Ihre dunkelbraune Strickjacke über dem karierten dunkelbraunen Rock schienen den Raum noch mehr in Dunkelheit zu hüllen, aus der nur ihr von kurzen dunklen Haaren umrahmtes Gesicht herausleuchtete. Sie trug einen Gips am Bein und machte im Sitzen eine angedeutete Verneigung, um mich sofort mit übertrieben freundlichen Worten zu begrüßen. Im Vergleich zu dem, was ich über sie gehört hatte, wirkte sie eher unscheinbar, und ich merkte bald, dass das Gespräch von vorneherein vor allem einen Zweck hatte. Beide Schwestern machten mir mit vereinten Kräften deutlich, dass meine Familie bei unserer Reise im September unbedingt die Gemeinschaft in Rom besuchen müsse. Es schien völlig unmöglich, diese Einladung auszuschlagen. Auf meine Bedenken hin hieß es, in jedem Fall müssten wir mindestens eine Führung ans Petrusgrab mitmachen. Ich war etwas beunruhigt, weil ich ja gar nicht absehen konnte, ob das möglich sein würde. Konnten wir uns so einfach vom Programm der Gruppe lösen? Wollten wir das? Wir kannten uns in Rom ja nicht aus. Wie sollte ich meine Eltern überzeugen? Wir verblieben dabei, dass wir telefonieren würden, wenn ich wieder daheim wäre. Sr. Ottilie würde mir dann die Nummer einer Sr. Annemarie geben, mit der könnte ich alles Weitere besprechen. Obwohl mir das noch merkwürdiger vorkam, war ich froh, die Sache wenigstens verschoben zu haben.

Aber damit war das Gespräch nicht beendet. Nun wurden die sogenannten Albumblätter hervorgeholt. Mir wurden Bilder von strahlenden jungen Schwestern, zelebrierenden Priestern und schönen Häusern in den verschiedensten Ländern gezeigt, und ich erfuhr vieles über die Königsfamilie. Besonders beeindruckte mich, was ich über das Zusammenleben von Männern und Frauen hörte. Es gefiel mir, dass die Gemeinschaft nicht nur aus Frauen bestand. »Geistliche Familie«, »gegenseitige Ergänzung«, »Fruchtbarkeit in der geistlichen Vater- und Mutterschaft« und andere Worte machten einen gewissen Eindruck auf mich. Mindestens genauso sehr beeindruckte mich, dass wie nebenbei erwähnt wurde, dieser Priester habe promoviert und der arbeite im Vatikan. Diese Schwester studiere in Rom und jene habe einen Doktor in Philosophie.

Eine hatte offenbar sogar Atomphysik studiert! Ich sah große Möglichkeiten vor mir: Rom, Frankreich, England, Jerusalem, vielleicht ein Studium. Und wer weiß, welche Aufgaben ich noch bekommen könnte? Auf die Fotos der Mitglieder folgten Symbolfotos, die von der Erklärung des Charismas begleitet wurden. Die goldene Dornenkrone war das Symbol der Königsfamilie. Wie Jesus am Kreuz die Sünden der Menschheit gesühnt hatte, so hatte er durch das Tragen der Dornenkrone den geistigen Hochmut der Menschheit gesühnt, erklärte Sr. Ottilie. Die Königsfamilie betrachtete es als ihre Aufgabe, den geistigen Hochmut unserer Zeit zu sühnen. Das klang irgendwie seltsam, aber es machte Eindruck auf mich. Ich dachte an liberale Theologen und daran, wie die Überheblichkeit mancher Pfarrer meine Eltern verletzt hatte. »Hochmut ist die größte Sünde unserer Zeit«, hatte Sr. Ottilie gerade gesagt. Ich wollte demütig sein. Ich will gerne mit Christus die Dornenkrone tragen, dachte ich.

Es folgten weitere Albumblätter. Darunter Bilder von der Feier der Päpstlichen Anerkennung. Ziemlich genau vor einem Jahr, am 29. August 2001, war die Gemeinschaft von Johannes Paul II. als »Familie des geweihten Lebens« anerkannt worden. Sie war kein Orden und kein Säkularinstitut, auch kein Institut im klassischen Sinn, sondern eine »neue Form des geweihten Lebens« nach can. 605 CIC (dieser Canon des kirchlichen Gesetzbuches schien sehr wichtig zu sein, denn er wurde mehrmals genannt). Das war eine wichtige Nachricht, denn ich wollte nicht in eine Gemeinschaft eintreten, die nicht kirchlich anerkannt war. Soviel war klar. Dass die Königsfamilie vom Papst anerkannt war, hieß, dass sie die katholische Lehre und das kirchliche Recht befolgte und dass die Kirche sich dafür verbürgte, dass sie das tat. Ich konnte der Königsfamilie also grundsätzlich vertrauen, es war keine obskure Vereinigung.

Das bestätigte umso mehr das nächste Bild, auf dem Kardinal Ratzinger zu sehen war, als Hauptzelebrant bei der Dankesmesse für die Päpstliche Anerkennung, die im November 2001 im Petersdom stattgefunden hatte. Ich fand es aufregend, dass der Präfekt der Glaubenskongregation mit der Königsfamilie befreundet war, denn er war eine wichtige Persönlichkeit. Vor allem aber hieß es, dass ich wirklich vollstes Vertrauen in die Integrität dieser Gemeinschaft haben konnte. Der weiße Chormantel, den die Mitglieder der Königsfamilie nicht nur bei dieser Gelegenheit, sondern an allen Sonn- und Feiertagen beim Gebet trugen, war ein Sinnbild für die Reinheit der Erlösten. Er erinnert an die Taufe und symbolisiert die Schar der Heiligen, die im letzten Buch der Bibel vor dem Thron Gottes stehen und ihn anbeten. Die Dornenkrone und der Schleier schreckten mich nun weniger ab als zuvor. Was die Bilder vom Herzen Jesu und einige Sätze über ein »Bündnis« bedeuten sollten, verstand ich nicht ganz. Eines der letzten Albumblätter zeigte zwei Kreuz-Anhänger. Einer war silbern, der andere rot. Das rote Kreuzchen sei eine Art Verlobungszeichen, sagte Sr. Ottilie. Junge Frauen, die in die Königsfamilie eintreten wollten, würden bis zu ihrem Eintritt ein solches Kreuz tragen. Männer trügen das silberne Kreuz. Sr. Ottilie sah mich erwartungsvoll an. Ich betrachtete das Bild. Irgendwie fand ich das kindisch, besonders dieses Wort »Verlobung«. Immerhin wusste ich jetzt, was der nächste Schritt war, wenn ich denn in die Königsfamilie eintreten wollte.

Das Werk Gottes

Dann kam etwas, das mich traf wie ein Blitz: auf dem nächsten Albumblatt war ein Christus-Fresko aus einer römischen Basilika zu sehen. Daneben ein Bibelvers aus dem Johannesevangelium: »Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat«. Dieser Vers sei das Motto der Königsfamilie, sagte Sr. Ottilie. Er erklärte den Namen der Gemeinschaft. Ich war wie vom Donner gerührt. Dieser Vers war mein Taufspruch! Nach gutem evangelischem Brauch erhält jeder Täufling einen Bibelvers, der ihn durchs Leben begleiten soll. Mein Vers war exakt dieser: Joh 6,29. Ich war sprachlos. Die Schwestern waren beinahe ebenso erstaunt wie ich, nur dass ihr Erstaunen sich sofort in helle Freude verwandelte. Sr. Hildegard kriegte sich fast nicht mehr ein. Auf dem Gesicht von Sr. Ottilie lag ein überlegenes Lächeln. Uns allen dreien war augenblicklich klar, dass das ein ganz klares Zeichen war. Ich war zur Königsfamilie berufen. In meiner Taufe schon hatte Gott diese Berufung in mich gelegt. Nun war alles klar. Die Entscheidung war im Grunde gefallen. Ich wusste nur nicht, ob ich mich freuen sollte.

Erst als ich wieder daheim war, gelang es mir halbwegs, meine Gedanken und Gefühle zu sortieren. Ich war hin- und hergerissen zwischen der Abneigung, die ich zuerst empfunden, und der Begeisterung, die ich dann erlebt hatte. Auf jeden Fall mochte ich Sr. Ottilie nicht. Und wenn ich eintrat, würde ich niemals ein Ordenskleid haben, dafür müsste ich aber früher oder später den Chormantel mit Dornenkrone und Schleier tragen. Schon die Vorstellung war mir zuwider. Konnte ich das wollen? Besser: konnte es wirklich das sein, was Gott von mir wollte? Andererseits war der Taufspruch ein so eindeutiges Zeichen. Und ich hatte noch nirgendwo so eine Feierlichkeit und Fröhlichkeit erlebt, so eine Begeisterung. Ich kannte keine Gemeinschaft, die so viele junge Mitglieder aus allen möglichen Ländern hatte – und eigene Priester! Priester, die im Vatikan arbeiteten und Kardinal Ratzinger kannten. Gedankenverloren saß ich in der Küche und hielt den Flyer in der Hand, den ich meiner Mutter zeigte. An den Chormantel würde ich mich schon gewöhnen, meinte sie. Vielleicht hatte sie recht, dachte ich. Jedenfalls war das kein ausreichender Grund, nicht dort einzutreten. Schließlich würde es in jedem Kloster die eine oder andere Kleinigkeit geben, die gewöhnungsbedürftig wäre. Vor allem war eines klar: wenn Gott mich in der Königsfamilie haben wollte, dann wusste er, was er tat. Dann musste ich mir nicht weiter den Kopf zerbrechen. Was immer nach dem Eintritt geschehen würde, ich würde seinen Willen tun, und damit wäre alles gut. Und eines wusste ich ohnehin: ein Leben in der Nachfolge Jesu schloss Verzicht und Leiden mit ein. So halb und halb war die Entscheidung damit gefällt. Allerdings wollte ich die Fahrt nach Rom noch abwarten. Ich wollte Sr. Ottilie die Freude meiner Zusage nicht zu früh machen.

Besuch in der Piccola Casa

Der erste Anruf von Sr. Ottilie ließ nicht lange auf sich warten. Sie gab mir eine italienische Telefonnummer, unter der ich Sr. Annemarie erreichen konnte. Es stellte sich heraus, dass das gar nicht nötig war, da sie schon minutiös alles mit ihr ausgemacht und geplant hatte. Das hieß auch, dass an Ablehnung gar nicht mehr zu denken war. Einige Wochen später war es so weit. Seit ein paar Tagen waren wir mit unserer Reisegruppe in Rom unterwegs, als der angepeilte Nachmittag anbrach. Während unsere Gruppe sich mit Don Tedesco, der für die deutschen Pilger in Rom zuständig war, das Pantheon ansah, trafen wir uns mit Sr. Annemarie, einer schmalen, dunkelhaarigen Vorarlbergerin, auf dem Petersplatz. Sie begrüßte uns mit einer leicht aufgeregten Sopranstimme. Wir waren relativ knapp dran. Am Portal neben dem Sant’ Ufficio wechselte sie ein paar Worte auf Italienisch mit den Schweizer Gardisten, die uns in den Vatikan einließen. Wir ließen den Campo Santo zu unserer Linken und gingen nach rechts auf das Ufficio Scavi zu. Vor dem Eingang trafen wir Sr. Teresa, die einige einleitende Worte zu einer bunt zusammengewürfelten deutschen Gruppe sagte, der wir uns anschlossen. Sr. Annemarie nahm unterdessen meine beiden jüngsten Schwestern mit sich fort. Sie durften nicht an der Führung teilnehmen, da sie beide jünger als zwölf waren. Sie würde so lange auf sie aufpassen. Wir wandten uns Sr. Teresa zu. Mit ihrem schüchternen Lächeln und ihrem karierten Faltenrock ähnelte sie in nichts den stimmgewaltigen und entschlossenen Touristenführerinnen, die ich vor ein paar Tagen im Petersdom beobachtet hatte.

An die Führung durch die Nekropole erinnere ich mich kaum. Umso mehr erinnere ich mich aber an das, was hinterher geschah. Ohne dass es angekündigt worden wäre, wartete am Ende der Führung ein freundlicher und gutgelaunter Priester auf uns, ein Rheinländer mit rundem Gesicht und breitem Grinsen. Er mochte Mitte 30 sein und stellte sich als P. Christoph vor. Nachdem er ein paar scherzende Worte mit Sr. Teresa gewechselt hatte, bat er uns zu unserer großen Überraschung, mit ihm zu kommen. Er schleuste uns durch die Grotten von St. Peter, öffnete hier eine Absperrung und dort eine, bis wir schließlich wieder auf dem Petersplatz standen. Wir staunten nicht schlecht. Mit dem Auto fuhr er uns eine kleine Strecke in die sogenannte Piccola Casa. Sie war eines der beiden Häuser der Königsfamilie in Rom. Als wir das Haus betraten, kamen uns über die Treppe aus dem ersten Stock schon meine beiden kleinen Schwestern entgegen und zeigten uns stolz die Engelsflügelchen, die Sr. Fleur, eine liebenswerte ältere Belgierin, ihnen gebastelt hatte.

Das äußerst liebevoll eingerichtete, verwinkelte Häuschen hatte ein gewisses italienisches Flair. Dunkles Holz und Marmortreppen verliehen ihm einen edlen Touch. Die schiere Kleinheit seiner Maße ließ es unklösterlich wirken, ganz anders als das Kloster in Österreich. Ich war fasziniert. Sr. Annemarie hieß uns willkommen und führte uns durch ein schmuckes kleines Wohnzimmer in einen herrlichen Garten, eine Oase mitten in Rom. Unter einer Weinlaube stand schon ein Tisch mit gekühltem Holundersirup und Gebäck bereit. Von soviel Gastfreundschaft wurden wir beinahe sprachlos. Meine Eltern waren sichtlich beeindruckt. Meine Geschwister fühlten sich wohl. Die beiden Kleinen wurden von allen Seiten dafür gelobt, dass sie so brav gewesen waren. Als wir die Piccola Casa verließen, regnete es. P. Christoph brachte uns mit dem Auto zur nächsten U-Bahn-Station und erklärte uns, wie wir nach Anagnini kamen, der Station, an der wir unsere Gruppe wiedertreffen wollten, um mit dem Bus zurück in unser Quartier am Lago Albano zu fahren. Etwas nass aber beglückt saßen wir in der Metro.

Bitte um das rote Kreuzchen

Als wir einige Tage darauf wieder daheim waren, dauerte es nicht lange, bis Sr. Ottilie anrief. Sie wusste schon alles über unseren Besuch in der Piccola Casa und schien sehr erfreut darüber, wie gut ihr Plan funktioniert hatte. Nachdem wir ein paar Worte gewechselt hatten, fragte ich in möglichst belanglosem Ton nach dem roten Kreuzchen. Was müsste ich tun, um es zu bekommen? Sie antwortete genauso knapp, ich müsste nur einen formlosen Brief an Mutter Marozia schreiben und darum bitten. Zwar hatte ich Mutter Marozia, die »international Verantwortliche« der Schwestern der Königsfamilie, noch gar nicht getroffen. Aber sie war nun einmal die zuständige Person. Ich dachte gar nicht daran, dass ich abgelehnt werden könnte, und ich lag ganz richtig damit. Ungefähr eine Woche später erhielt ich die Antwort. Eine Karte, ein Blatt Papier und ein paar Zeilen. Ja, ich sollte das rote Kreuzchen bekommen, und zwar am 28. September im Rahmen einer Vesper im Mutterhaus. Dem Brief war eine Einladung beigelegt. »Die Liebe ist ihrem Wesen nach schenkend. Sie ist Hingabe«, stand darauf, ein Wort der Gründerin, die alle nur »Mutter« nannten. Es war die Einladung zu einer Chormantelfeier oder, gemäß dem Text der Einladung, zu einem »Heiligen Bündnis mit dem Herzen Jesu in jungfräulicher Liebe«. Am 29. September würden zwei junge Schwestern, eine Ungarin und eine Österreicherin, im Mutterhaus das Gelübde der Jungfräulichkeit ablegen und den weißen Chormantel mit Krone und Schleier erhalten. Als Hauptzelebrant wurde Kardinal Erdö aus Budapest angekündigt. Diese Feier interessierte mich natürlich.

Diesmal fuhr ich mit dem Zug und wurde am Bahnhof von einer Schwester abgeholt. Sobald ich das Haus betrat, spürte ich, dass das ganze Kloster in geschäftiger Vorbereitungslaune war. An der Pforte standen wartend und plaudernd Gruppen von Priestern und Gästen.