Neue Heimat? - Marina Naprushkina - ebook

Neue Heimat? ebook

Marina Naprushkina

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Opis

Zuhause ist woanders – Flüchtlinge in Deutschland Täglich lesen wir in den Medien über die Flüchtlings- und Migrations-Problematik und über die dringende Notwendigkeit, Integration neu zu denken. Die Performance-Künstlerin, Autorin und Aktivistin Marina Naprushkina setzt mit einem hochaktuellen Buch neue Akzente. Sie hat vor zwei Jahren eine Nachbarschaftsinitiative für Geflüchtete in Berlin gegründet. Sie taucht tief ein in den deutschen Flüchtlingsalltag zwischen überlasteten Ämtern, Arztbesuchen, Anwaltsterminen und maroden Heimen. Leere und ewiges Warten, beschrieben in kurzen Sequenzen. "Neue Heimat??" zeigt, wie Integration gehen kann. Wie wir unser soziales Leben neu erfinden können. Wie wir über uns selbst hinauswachsen. "Jeden Nachmittag malen und basteln wir mit den Kindern, machen Disco, Kino, Ausflüge, helfen den Eltern beim Arzt, beim Asyl-Amt, beim Rechtsanwalt. Es sind inzwischen über 100 Freiwillige. Wir kämpfen gegen fehlende Unterlagen, scheinbar korrupte Strukturen, Millionen von Staatsgeldern, die ohne Verträge an obskure Firmen bezahlt werden. Wir machen Sprachkurse, organisieren Kitaplätze, kochen gemeinsam mit Nachbarn und feiern ausgelassen …"

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Redaktionsstand: 7. August 2015

Vom kleinen großen Widerstand

Ein Lehrbuch für Menschlichkeit. Ein Aufruf für eine neue Flüchtlings- und Ausländerpolitik

Von Heribert Prantl

Das neue »Gesetz zur Neubestimmung des Bleiberechts und der Aufenthaltsbeendigung« ist ein Gesetz für und gegen Flüchtlinge. Es ist ein Gesetz für die Flüchtlinge, die nun schon viele Jahre in Deutschland leben, gut Deutsch sprechen und ihren Lebensunterhalt selbst verdienen können; diese Flüchtlinge, es sind etwas dreißigtausend, erhalten nach dem neuen Gesetz ein Bleiberecht. Das ist gut. Das neue Gesetz ist aber auch ein Gesetz gegen die vielen Flüchtlinge, die noch nicht so lange in Deutschland leben oder die soeben erst kommen oder gekommen sind. Diese Menschen kriegen keinen Gruß, kein Recht, kein Willkommen. Sie kriegen die Aufforderung, möglichst schnell wieder zu verschwinden.

Ist das gut? Für diese Flüchtlinge hat sich der Gesetzgeber die Abschiebehaft ausgedacht, auch Abschiebegewahrsam genannt. Sie soll als Druckmittel dienen, um die Ankömmlinge zu veranlassen, wieder freiwillig auszureisen. Diese Abschiebehaft ist, so sagt es die Diakonie, der Wohlfahrtsverband der Evangelischen Kirche, »nicht nur menschenrechtlich höchst problematisch, sondern auch wirkungslos. Sie kriminalisiert Flüchtlinge und ist immens teuer.« Asylsuchende brauchen Schutz und nicht Haft. Ihre Kinder brauchen einen Platz im Kindergarten und in der Schule. Die Abschiebehaft ist die Peitsche des neuen Gesetzes. Sie peitscht Männer, Frauen und Kinder. Sie bewirkt nichts Gutes.

Warum macht man das so? Warum macht die große Koalition, warum machen CDU/CSU und SPD eine solche Politik? Bundesinnenminister Thomas de Maizière behauptet, die Härte gegenüber Neuankömmlingen sei nötig, um »die Zustimmung zur Zuwanderung und der Aufnahme von Schutzbedürftigen in Deutschland zu sichern«. Marina Naprushkina zeigt in ihrem Buch, wie diese Härte im Alltag aussieht. Das Buch ist ein Tagebuch, es ist das Tagebuch einer Kümmererin, die, zusammen mit ihren Freundinnen und Freunden, zusammen mit der Flüchtlingsinitiative »Neue Nachbarschaft« Flüchtlingen hilft, Flüchtlingen aus Tschetschenien, aus Russland, Flüchtlingen aus dem Balkan. Naprushkina geht mit den Flüchtlingsfrauen, die ein Kind erwarten, in die Charité; sie geht mit den Frauen aufs Amt, aufs »Sozial«; sie wartet dort, sie übersetzt, sie hilft, sie rät; sie erlebt die Lethargie und das Gehabe der Männer, die ihre Frauen den Behördenkram allein erledigen lassen; sie sieht junge Familienväter, die man nicht davon abbringen kann, Drogen zu nehmen. »Solange sie keine Perspektive haben, machen sie weiter. Deutschland versorgt sie, das stimmt. Aber sie haben keine Arbeit, keinen Sprachkurs. Was sollen sie den ganzen Tag tun?«

Die Frauen, um die sich Marina Naprushkina und ihre Initiative kümmern, sind alle sehr jung. »Nur sehen sie sehr erfahren aus, reif, alt. Diese Frauen haben schon ein Leben hinter sich, aber sie erzählen nicht viel darüber. Vielleicht denken sie, es gebe da nichts zu erzählen. Sie halten nicht viel von sich. Diese Geringschätzung sich selbst gegenüber, diese ewige Geduld, die sie haben – das erstaunt mich und tut gleichzeitig weh«. Naprushkinas Tagebuch ist nicht sentimental, es ist nicht kitschig, es romantisiert nichts. Es ist nüchtern. Es zeigt die wenigen guten und die vielen schlechten Seiten der Flüchtlingsbürokratie, es zeigt die Herzlosigkeiten, die Unbarmherzigkeiten, die Perfidien, es entlarvt die Geschäftemachereien mit Flüchtlingen – und es zeigt, was man dagegen tun kann.

Wir alle kennen die Formeln, die wir gern zur Tarnung unserer eigenen Bequemlichkeit und zur Verteidigung unseres Trotts benutzen. Wir alle kennen die Sätze, die begründen sollen, warum man selber angeblich nichts tun kann gegen all das, worüber man klagt. Dazu gehört der Satz: »Alleine kann man doch ohnehin nichts bewirken.« Oder auch: »Mein Gott, was soll man machen?«, die Welt sei halt schlecht, »das war schon immer so, und das wird auch so bleiben.« Es sind dies Sätze der Gleichgültigkeit, Sätze der Trägheit, der Apathie, der Resignation, manchmal auch der Feigheit. In uns allen stecken solche Sätze: »Was soll man machen? Da kann man gar nichts machen.« Und: »Nach uns die Sintflut.« Eine Demokratie kann man aber mit solchen Sätzen nicht bauen. Einen guten Rechtsstaat auch nicht. Die Menschenrechte bleiben, wenn man solchen Sätze nachgibt, papierene Rechte. Und die Flüchtlingspolitik bleibt ungut, unzureichend, unselig und vergiftet.

Schon in den Flugblättern der Weißen Rose heißt es: »Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den ihr um euer Herz gelegt habt.« Und: »Wenn jeder wartet, bis der andere anfängt, wird keiner anfangen!« Diese Worte aus dem Widerstand gegen Hitler sind keine Worte nur für das Museum des Widerstands. Es reicht nicht, sie auf Gedenkveranstaltungen zu zitieren. Diese Worte haben ihre eigene Bedeutung in jeder Zeit, auch in der gegenwärtigen. Sie gelten in Diktaturen und Demokratien, in Rechtsstaaten und in Unrechtsstaaten. In Diktaturen und Unrechtsstaaten verlangen sie ein ungeheueres Maß an Mut. Dort ist der Mut lebensgefährlich. In Rechtsstaaten und Demokratien ist der Mut nicht so teuer, aber billig ist er auch nicht. Die Flüchtlingsinitiative »Neue Nachbarschaft« hat diesen Mut – es ist der Mut zum kleinen Widerstand. Die »Neue Nachbarschaft« deckt Missstände auf, sie prangert an, sie wirbt für Abhilfe, sie setzt Beispiele. Es handelt sich um Mikropolitik. Aber ohne solche Mikropolitik geht nichts voran. So wird der Mantel der Gleichgültigkeit zerrissen. So entsteht, vielleicht, hoffentlich, gute Flüchtlingspolitik.

Manchmal liest man in Marina Naprushkinas Buch Szenen, die wie von Kafka sind, aber Realität: Es ist eine Katastrophe, wenn Männer, Frauen und Kinder ausgerechnet in der Zeit, in der sie in Deutschland sind, in die Fänge des islamischen Fundamentalismus geraten, weil sie sonst nichts haben, an das sie sich halten können: »Und Zuhra trägt plötzlich ein schwarzes Kopftuch, einen langen Rock bis zu den Füssen.« So kannte Marina Napruskina die junge Frau bisher nicht, die mit ihrem Mann und ihrem zweijährigen Kind vor einem halben Jahr nach Berlin gekommen ist. Sie war früher westlich angezogen. »Schnell wird mir klar, was los ist. Religion. Und das passierte nicht in Tschetschenien oder Dagestan, sondern hier in Berlin-Mitte. Religion – Schutz, Stolz, Geborgenheit. Alles, was sie seit ihrer Flucht nicht haben. Und was man ihnen in Deutschland endgültig genommen hat.«

Leute wie Marina Naprushkina können helfen, aber nicht zaubern. Die Autorin erzählt von Umar und Dinara im Heim in Berlin-Hohenschönhausen. Umar war in Russland Journalist; seine Kollegin wurde umgebracht, er selbst gefoltert. »Das Einzige, was wir brauchen, ist ein Arbeitsplatz und ein Deutschkurs«, erzählt ihr der Russe. »Mehr nicht. Und genau das kriegt man nicht. Man kriegt alles bezahlt und darf nichts tun. Das ist das Schlimmste, was einem passieren kann. Das bringt einen um.« Die Autorin erzählt von einem tschetschenischen Jungen namens Islam, dreizehn Jahre alt, sehr intelligent. Sie erzählt von seinen ersten Posts auf Facebook: »Tschetschenischer Wolf«, steht da. Und, auch auf russisch: »Ich bin der Tschetschene Islam.« Naprushkina weiß: »Wenn nicht bald etwas passiert, wenn er weiterhin nicht zur Schule gehen kann, könnte es bald zu spät sein. In diesem Alter kann ein Jahr oder sogar ein halbes eine Rolle spielen, ob er sich jetzt in Deutschland einfindet oder für immer fremd bleiben wird. Es entscheidet sich jetzt.« Wie gesagt: Helfer können helfen, aber nicht zaubern. Es gibt, glücklicherweise, immer mehr Helfer in Deutschland, immer mehr Leute, die sich um Flüchtlinge kümmern. Aber Helfer können den Staat nicht ersetzen; nicht das Sozialamt, nicht den Kindergarten, nicht die Schule: »Einfach zur Schule gehen, das wäre jetzt am besten. Aber nicht einmal das geht. Nach mehr als einem Jahr in Deutschland.«

Ist das nun die Härte gegenüber Neuankömmlingen, die angeblich nötig ist, um, so Minister de Maizière, »die Zustimmung zur Zuwanderung und der Aufnahme von Schutzbedürftigen in Deutschland zu sichern«? Das ist nicht Härte, das ist Torheit, gefährliche Torheit. Und diese Torheit zeigt sich auch in der Art und Weise, wie viele Flüchtlingsunterkünfte betrieben werden. Da werden Willkommens- und Schutzkultur sehr oft sehr klein und der Reibach mit Flüchtlingen sehr oft sehr groß geschrieben. Private Betreiber werden viel zu wenig kontrolliert; also versuchen Flüchtlingsinitiativen wie die »Neue Nachbarschaft«, in der Marina Naprushkina arbeitet, schreiende Defizite öffentlich zu machen und so für Besserung zu sorgen. Das ist eine Kunst, das ist eine politische Kunst, das ist wunderbare Whistleblowerei – aber die Behörden halten sich gern die Ohren zu.

Gehört solche Verschwendung öffentlicher Mittel durch Nichtkontrolle privat betriebener Großunterkünfte auch zur Härte gegenüber Neuankömmlingen, die angeblich nötig ist, um »die Zustimmung zur Zuwanderung und der Aufnahme von Schutzbedürftigen in Deutschland zu sichern«? Es fehlt nicht unbedingt an Geld bei der Versorgung von Flüchtlingen, es fehlt aber an Empathie und Fantasie in der Verwaltung.

Härte gegenüber Neuankömmlingen ist notwendig? Das ist ein Reden wie vor bald dreißig Jahren, als ein Bundesinnenminister namens Friedrich Zimmermann (CSU) im Jahr 1988 einen unsäglichen Entwurf für ein neues Ausländergesetz schrieb; dieser Gesetzentwurf ging davon aus, dass deutsche Interessen nur gegen Flüchtlinge und Ausländer durchgesetzt werden können – und diese also entsprechend traktiert werden müssten. Die Begründung dafür, so sagte es damals der bayerische Justizminister August R. Lang (CSU) bei einer Tagung in der Evangelischen Akademie in Tutzing, war so: »D’ Leut wollen es so.« Es sei »das Akzeptanzproblem«, das die Politik zu so restriktiven Maßnahmen greifen lasse: Würde die Ausländerzuwanderung nicht streng gesteuert, schlage »in vielen Bevölkerungskreisen die gegenüber Ausländern an sich aufgeschlossene Einstellung in Reserviertheit um«. Das war vor bald dreißig Jahren. Und dementsprechend war die Ausländer- und Flüchtlingspolitik in Deutschland.

Zimmermann, Lang und viele, viele andere Politiker seitdem haben Nichtakzeptanz herbeigeredet. Politisches Gerede hat Wasser auf die Mühlen der Ausländerfeindlichkeit und der Apathie gegenüber Flüchtlingsschicksalen geleitet. Glücklicherweise gibt es immer mehr Menschen in Deutschland, die diesem Gerede widerstehen. Man wünscht sich, dass die Abgeordneten, bevor sie Bleiberechts- und Aufenhaltsbeendigungs- und sonstige Ausländer- und Flüchtlingsgesetze erlassen, Marina Naprushkinas Buch lesen. Das Buch ist ein Lehrbuch für Menschlichkeit. Und es ist ein Aufruf für eine neue Ausländer- und Flüchtlingspolitik.

Prof. Dr. Heribert Prantl ist Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung und Leiter der Redaktion Innenpolitik

Charité Tag 1

Es ist Montag, der 23. September, acht Uhr dreißig. Malika und Fatima warten auf mich beim Eingang in die Frauenklinik der Charité. Sie haben mir erst gestern gesagt, dass sie Übersetzungshilfe brauchen. Ich konnte niemanden so kurzfristig finden und übernehme selbst die Aufgabe. Die beiden Frauen sind hochschwanger, sie haben den Geburtstermin diese Woche. Wir gehen zur Schwangerenberatung und melden uns an. Fatima hat eine Überweisung vom Frauenarzt, nur die falsche. Wir werden gebeten, ein Papier zu unterschreiben, dass die Kosten für die Untersuchung privat zu tragen sind. Ich weigere mich zu unterschreiben. Zweihundert Euro, so viel würde die Untersuchung kosten. Fatima wird das nicht bezahlen können und dass danach jemand die Rechnung übernimmt, garantiert keiner. Wir warten erst einmal. Die Frauen sind sehr still, ich versuche eine Unterhaltung anzufangen. Ich frage die beiden, wie sie in Tschetschenien gelebt haben, in einer Wohnung oder einem Haus?

In einem Haus, sagt die eine. »Das Haus steht jetzt leer.

Mein Mann hat keine Arbeit gehabt. Für die Kinder wurden hundertzwanzig Rubel gezahlt.« Mehr sagt sie nicht. Mehr muss auch nicht gesagt werden.

Ich duze Fatima und sieze Malika wie immer. Ich weiß nicht, aber ich kann Malika nicht duzen. Sie wirkt wie um die vierzig, ist sehr zurückhaltend und ruhig, ich habe Respekt vor ihr. Später stellt sich heraus, dass sie jünger ist als ich. Sie sind alle jünger als ich. Nur sehen sie sehr erfahren aus, reif,

alt. Diese Frauen haben ein Leben hinter sich, aber sie erzählen nicht viel darüber. Vielleicht denken sie, es gebe da nichts zu erzählen. Sie halten nicht viel von sich. Diese Geringschätzung sich selbst gegenüber, diese ewige Geduld, die sie haben, das erstaunt mich und tut gleichzeitig weh.

Untersuchungen: Blutdruck, Urinprobe, Herztöne der Babys. Die ersten zwei Stunden sind um. Dann werden wir zum Arzt gebeten. Erst gehe ich mit Fatima zu ihm ins Sprechzimmer. Sie folgt mir unsicher, der Arzt ist ein Mann. Das ist ein Problem für sie.

Ich erkläre, dass Fatima das erste Kind per Kaiserschnitt zur Welt gebracht hat, aber das zweite Kind jetzt ohne bekommen möchte. Der Arzt sagt, dass er Kaiserschnitt bevorzugt. Er macht einen Ultraschall und stellt fest, dass kein Fruchtwasser mehr da ist. Er sagt, dass die OP heute stattfinden muss und wir direkt in den Kreißsaal nach oben gehen sollen. Ich frage Fatima, ob sie einverstanden ist. Sie lächelt nur unsicher und sagt nichts. Der Arzt schüttelt ihr die Hand und gratuliert ihr, weil sie heute erneut Mutter werden wird.

Malika wird von einer Ärztin untersucht.

»Alles in Ordnung«, sagt die Frau, »aber … der Kopf des Kindes liegt nicht unten, das ist kein Problem, wir drehen es gleich um. Die Frau Malika soll sagen, wenn es unangenehm wird.«

Malika stöhnt, die Ärztin macht trotzdem weiter.

»Jetzt ist es bald vorbei. So, jetzt ist es geschafft.«

Malika steht auf, das Gesicht blass, sie hält sich den Bauch. Sie ist sechs Tage über dem Termin. Die Ärztin schlägt vor, morgen die Geburt einzuleiten. Malika fragt mich leise, ob es nicht schon heute möglich wäre. Sie ist müde, der Bauch ist schwer, sie kann sich schlecht bewegen. Auch ihr Mann will sie heute nicht schon wieder zu Hause sehen. Sie hat ein schlechtes Gewissen, weil sie das Kind immer noch nicht bekommen hat.

Die Ärztin fragt nach den vorigen Geburten und schreibt die Antworten in die Kartei. Ich korrigiere sie, dass Malika nicht drei, sondern vier Kinder hat.

»Sie hat vier lebende Kinder und das ist das fünfte?«, fragt mich die Ärztin erstaunt.

»Ja, das fünfte.«

Dann gehe ich mit Fatima in den Kreißsaal. Wir müssen uns zuerst anmelden. Die Mitarbeiterin verlangt einen Pass.

»Den hat Frau Ramirowa nicht dabei«, sage ich. »Hier ist doch das Untersuchungsheft und der Mutterpass, würde das vielleicht erst einmal helfen? Den Pass kann ihr Mann ja später bringen.«

»Nein, ich brauche ihn jetzt! Ist der Mann denn schon unterwegs? Wann genau kommt er? So geht das doch nicht. Gerade als nicht deutscher Bürger muss man doch immer den Pass dabeihaben.«

Das hat sie wirklich so gesagt. Ich suche nach Worten. Das dauert zu lang, also schweige ich und ärgere mich, dass ich nicht sofort reagieren kann.

»Wo ist sie denn geboren: Tschetschenien, Kasachstan, Russland?« So geht es weiter. »Ich brauche den genauen Geburtsort.«

Fatima weiß ihn nicht. Sie weiß nur, dass sie in Kasachstan geboren wurde und danach mit den Eltern zurück nach Tschetschenien gekommen ist.

Wir warten. Die Zeit vergeht. Es ist fast zwei Uhr. Ich muss bald zu den Kindern ins Heim. Ich frage am Empfang, ob es nicht schneller geht.

»Nein, es ist gerade viel los, und wenn Sie nicht übersetzen, dann können wir die Frau heute nicht operieren. Wir müssen sie über die Risiken aufklären, sonst werden wir nichts tun.« Wir warten.

Fatima erzählt, dass bei der ersten Geburt in Tschetschenien das Kind einen Monat zu früh auf die Welt kam. Sie verbrachte zwei Tage auf der Intensivstation mit wahnsinnigen Schmerzen. Die Ärzte hatten ihr gesagt, dass das Kind tot zur Welt kommen würde. Dann war es ein gesunder Junge. Ich kenne ihn ja, Rustam kommt jeden Tag zu mir und malt sehr konzentriert.

Aber jetzt verstehe ich, warum Fatima keinen Kaiserschnitt wollte, warum sie gerade eben beim Arzt geschwiegen hat. Endlich kommt der Chirurg. Ein Netter. Er erklärt, dass er den Schnitt quer machen wird. Bei Fatimas erster Geburt wurde der Bauchschnitt längs gemacht. Das mache man aber seit fünfzig Jahren in Deutschland nicht mehr. Es sei schmerzhaft und vernarbe unschön.

Dann erklärt er uns alle Risiken, zählt auf, was man bei dieser OP alles verletzen kann, wo man reinschneiden kann: Niere, Blutadern, Baby … Fatima lächelt nur. Zwischendurch sage ich, dass das alles sehr selten vorkommt, die Ärzte ihr das aber sagen müssen. So sind die Regeln. Ich weiß nicht, welche Wirkung das Ganze auf sie hat und ob sie überhaupt zuhört. Dann kommt der Anästhesist. Übelkeit, Durchfall, Lähmungen: die möglichen Nebenwirkungen der Narkose.

»Aber das passiert alles sehr selten«, sage ich wieder.

»Warum nicht Vollnarkose?«, fragt sie prompt. Das ist die erste Frage, die sie stellt. »Weil es schlechter ist, die Risiken höher sind und das Kind mitbetäubt wird.« Heute habe ich auch was dazugelernt.

Und ich darf jetzt gehen. Ich schaue Fatima an, ich kann nichts von ihrem Gesicht ablesen. Sie hat wahrscheinlich riesige Angst und fühlt sich allein gelassen. Aber sie lächelt sogar ein bisschen. Ich hoffe, dass ihr Mann bald da ist.

Ich gehe mit Malika zurück ins Heim. »Kommst du morgen mit mir ins Krankenhaus?«, fragt sie.

Charité Tag 2

Neun Uhr dreißig. Bin mit Malika im Kreißsaal. Wieder die Anmeldung. Und wieder dieselbe Frau wie gestern. Ich ahne schon, was kommt. Malika hat auch keinen Pass dabei. Später erfahre ich, dass ihnen bei der Einreise die Pässe vom Amt abgenommen wurden.

Die Dame wird wieder laut: »Ich kann sie nicht anmelden, ich brauche ihren Pass. Wo kommt sie denn her? Sie war doch schon gestern hier!«

»Das war eine andere Frau«, erkläre ich ihr.

»Wie kommen die denn alle hierher, mit einem Lastwagen etwa?«

»Ich wünsche Ihnen nicht, dass Sie mit so einem Lastwagen fahren müssen«, sage ich.

Stille.

»Der Mann soll den Pass bringen, so schnell wie möglich«, sagt sie und gibt die Daten in ihren Computer ein. Geht doch, denke ich …

Wir warten wieder. Vorsichtig frage ich Malika, wer heute auf die vier Kinder aufpasst.

»Amina«, sagt sie. Amina ist ihre älteste Tochter, zehn Jahre alt.

»Und warum nicht Ihr Mann?«, frage ich.

»Er hilft nicht viel. Er ist sehr nervös. Tagsüber geht er spazieren, er legt sich oft hin. Nachts schläft er schlecht. Er hat demnächst einen Termin bei einem Neurologen. Islam, mein ältester Sohn, ist auch so, wie der Vater«, sagt sie.

»Sind Sie gläubig?«, frage ich.

»Mein Mann sehr. Er sagt meiner Tochter, dass sie nicht mit Jungen spielen soll.«

Ich versuche ihr zu erklären, dass Amina hier in die Schule gehen wird, dass es in Deutschland keine getrennten Klassen gibt und auch der Sportunterricht gemeinsam ist.

»Ja, das sage ich meinem Mann die ganze Zeit schon, aber er hört nicht zu«, sagt Malika.

Die Hebamme ruft uns auf. Sie gibt die Daten aller bisherigen Geburten ein. Jahr, Gewicht, Geschlecht, Verlauf der Geburt und ob das Kind gestillt wurde.

Die Hebamme erklärt uns, dass die Geburt eingeleitet wird, Malika soll eine Pille bekommen. Ich übersetze wieder alle Risiken. Der Blick von Malika wirkt abwesend. Danach soll sie ein Papier unterschreiben, auf dem steht, dass der Hersteller keine Haftung für die Wirkung der Pille übernimmt.

Ich muss jetzt gehen, es ist dreizehn Uhr, in einer Stunde öffnet das Studio im Heim. Ich muss noch alles vorbereiten und einkaufen. Brot und Nutella. Die Kinder kennen das schon und warten darauf. Es ist ein Ritual. Es tut mir weh, Malika allein zu lassen. Sie wirkt so verloren. Sie hat fast nichts gegessen. Ich überrede sie, mit mir zur Kantine zu gehen, dort kaufe ich Sandwiches.

»Rufen Sie mich an … ruf mich an, wenn was ist«, versuche ich endlich, sie zu duzen, um den Abstand zwischen uns zu überwinden.

»Danke, Marina«, sagt sie.

Ich hoffe, sie kriegt das alles hin. Natürlich tut sie das. Nur, zu welchem Preis? Sie verschließt sich immer mehr.

Sie ruft mich den ganzen Tag nicht an und geht auch nicht ans Handy.

Am nächsten Morgen rufe ich sie nochmals an. Diesmal geht sie ran.

»Und, alles gut gelaufen? Ist das Kind da?«, frage ich.

»Nein, noch nicht. Ich bin wieder im Zimmer. Ich habe schon drei Pillen geschluckt, die Wehen fangen nicht an.«

Ich weiß, dass sie ganz allein im Zimmer ist. Scheiße, jemand muss sie dort besuchen …

Juli 2013

Die Notunterkunft

Die leer stehende Schule ist jetzt eine Notunterkunft für Geflüchtete, glaube ich zumindest. Jedenfalls kann einem niemand was Genaues sagen, und es kann mir nicht egal sein, weil ich denke, das kann ich nicht ignorieren. Aber einfach so hingehen? Was soll ich fragen, was sagen, was genau will ich eigentlich da? Ein Glatzenmann am Eingang, schwarz, Security. Guten Tag, darf ich rein? Die Heimleiterin, Irina, ist verdammt jung, höchstens Ende zwanzig. Ihre Unerfahrenheit überdeckt sie mit herrischem Auftritt, so nehme ich sie wahr. »Wir machen hier viel für die Menschen«, sagt sie, »Deutschkurs, Sport. Sie wollen mit den Kindern malen? Einen Raum?« Sie ist einverstanden. Ich folge ihr. Sie führt mich in ein ehemaliges Klassenzimmer. »Hier findet unser Deutschkurs statt.« »Ficken« steht auf der Tafel. Zwei Securities kichern hinter unserem Rücken.

Studio

Heute ist Donnerstag, mein letzter »Öffnungstag« in dieser Woche. Die erste »Arbeitswoche« ist rum. Das Studio ist von Montag bis Donnerstag geöffnet. Gut, dass ich nicht gleich am Montag den gesamten Wochenplan festgelegt habe. Da war ich noch euphorisch. Am Dienstag wusste ich bereits, dass ich es nicht alle fünf Tage in der Woche schaffen würde. Es ist einfach total anstrengend. Nach zwei Stunden ist man fertig.

Ich hatte zwei gebrauchte Nähmaschinen gekauft. Ich dachte erst, ich stelle sie auf, und die Frauen können dann, wenn sie wollen, nähen. Nachdem ich es den Frauen so erklärt hatte, stellte sich heraus, dass die meisten weder nähen noch stricken konnten. Aber sie würden es gerne lernen. Deshalb fragte ich Galina Iwanowna, die Mutter meiner Freundin, ob sie es den Frauen beibringen würde. Sie stimmte sofort zu und kam gleich am Montag mit.

Am ersten Tag kamen vier Frauen ins Studio, jede brachte Kinder mit. Und schon hatten wir fast zwanzig Kinder im Raum. Galina Iwanowna richtete die Nähmaschinen mit den Frauen ein, und ich übernahm die Kinder. Dann ging es los. Die Kinder nannten das Studio »Kindergarten«. Eigentlich muss das Heim für eine Kinderbetreuung sorgen. An der Tür hing nur ein Zettel »Kindergarten«. Die Erzieherin war nicht da, sie war nie da.

Jetzt bin ich wohl die Erzieherin. Die Kinder haben es selbst so bestimmt. Und ich habe noch nie Kinder gesehen, vor allem große Kinder, die sich so über einen Kindergarten freuen.

Ich fürchte, die Nachricht, dass der »Kindergarten« offen ist, hat sich zu schnell verbreitet. Ich komme schon jetzt kaum klar in diesem kleinen Raum. Wie soll das bloß weitergehen, wenn noch mehr Kinder kommen?

Am Mittwoch, nach zwei Tagen, hatte ich meine ersten Erfahrungen gesammelt. Ich war seit sieben Uhr auf den Beinen und hatte alles Mögliche eingekauft: Farben, Scheren, Papierblöcke, Seife und Äpfel.

Galina Iwanowna kam wieder mit. Als wir die Treppe hoch in den dritten Stock gingen, kamen schon die ersten Kinder angerannt.