NAFD - Harald Schneider - ebook

NAFD ebook

Harald Schneider

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Opis

Deutschland, kurz nach der Bundestagswahl 2017. Immer wieder brennen auf Autobahnen Lkws einer großen Speyerer Spedition aus, teilweise sind Todesopfer zu beklagen. Nachdem der Privatjet des Speditionsinhabers Herold Blauermann beschossen wurde, ist dieser gezwungen zu reagieren. Denn Blauermann ist oberste Führungspersönlichkeit der neuen Partei NAFD, die überraschend die Bundestagswahl gewonnen hat. Was niemand weiß: Blauermann herrscht im Verborgenen über die Partei wie ein Oligarch. Sein Fernziel, die Demokratie in Deutschland abzuschaffen, wird durch einen Unbekannten torpediert, der ihm keine Ruhe lässt …

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Harald Schneider

NAFD

Politthriller

Zum Buch

Demokratie auf AbwegenDeutschland, kurz nach der Bundestagswahl 2017. Während sich die politische Landschaft rasant verändert, brennen immer wieder auf Autobahnen Lkws einer großen Speyerer Spedition aus, teilweise sind Todesopfer zu beklagen. Nachdem der Privatjet des Speditionsinhabers Herold Blauermann beschossen wurde, ist dieser gezwungen zu reagieren. Denn Blauermann ist oberste Führungspersönlichkeit der neuen Partei NAFD, die überraschend die Bundestagswahl gewonnen hat. Was niemand weiß: Blauermann herrscht im Verborgenen über die Partei wie ein Oligarch. Sein Fernziel, die Demokratie in Deutschland abzuschaffen, wird durch einen großen Unbekannten torpediert, der ihm keine Ruhe lässt. Sitzt der Feind in der eigenen Partei? Oder ist es nur ein missgünstiger Konkurrent aus der Branche? Oder vielleicht sogar das Deutsche Volk, wachgerüttelt durch die undemokratischen Aktivitäten der NAFD? Haben Blauermann und seine Mitstreiter den Willen und die Wehrhaftigkeit der Bevölkerung falsch eingeschätzt? Wird Deutschland am Ende noch regierbar sein?

Harald Schneider, 1962 in Speyer geboren, wohnt in Schifferstadt und arbeitet als Betriebswirt in einem Medienkonzern. Seine Schriftstellerkarriere begann während des Studiums mit Kurzkrimis für die Regenbogenpresse. Der Vater von vier Kindern veröffentlichte mehrere Kinderbuchserien. Seit 2008 hat er in der Metropolregion Rhein-Neckar-Pfalz den skurrilen Kommissar Reiner Palzki etabliert, der neben seinem mittlerweile vierzehnten Fall »Parkverbot« in zahlreichen Ratekrimis in der Tageszeitung Rheinpfalz und verschiedenen Kundenmagazinen ermittelt. 2013 wurde mit den Kindern von Reiner Palzki mit »Die Palzki-Kids in großer Gefahr« eine eigene interaktive Kinderbuchreihe etabliert.

 

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Parkverbot (2017)

Mords-Grumbeere (2016)

Sagenreich (2015)

Weinrausch (2015)

Wer mordet schon in der Kurpfalz? (2014)

Tote Beete (2014)

Ahnenfluch (2013)

Künstlerpech (2013)

Pilgerspuren (2012)

Palzki ermittelt (2012)

Blutbahn (2012)

Mörderischer Erfindergeist (2011)

Räuberbier (2011)

Wassergeld (2010)

Erfindergeist (2009)

Schwarzkittel (2009)

Ernteopfer (2008)

Inhaltsverzeichnis

Zum Buch

Impressum

Zitat

Teil 1 

Personenglossar

Teil 2 – Roman

-1- Gespräch in einer Druckerei

-2- Gefahrguttransport auf der A61

-3- Drei Freunde und die Prüfung

-4- Managementrunde im Medienhaus »Der Neue Deutsche«

-5- Feindliche Übernahme einer Spedition

-6- Der Führungszirkel der NAFD

-7- Lkw-Brand mit Todesfolge

-8- E-Mail aus der Vergangenheit

-9- Ihr erster Einbruch

-10- Jahresfest der Ortsgruppe Ludwigshafen-Hemshof

-11- Der Bundeskanzler inkognito

-12- Ein wütender Chef

-13- Medienhaus »Der Neue Deutsche« unter Druck

-14- Die Vergangenheit des Bundeskanzlers

-15- Schwierige Kinder-Eltern-Gespräche

-16- Geheimer Mitschnitt – nur zum internen Gebrauch

-17- Konkurrenten müssen verboten werden

-18- Präsentation in der Berufsschule

-19- Zurück auf dem Gelände der Speyerer Spedition

-20- Geheimabsprache im Führungszirkel der NAFD

-21- Umgang mit alten Freunden

-22- Die ersten Störfeuer

-23- Landesvorsitzende sterben früh

-24- Ein überarbeiteter Gauleiter

-25- Mirjam will einfach nicht

-26- Verkehrskontrolle mit Leo

-27- Überall nur Druck

-28- Eine fast saubere Spedition

-29- Geburtstagsfeier im Hochbunker

-30- Haftbefehl

-31- Alexander und sein oft erprobter Trick

-32- Ein perfider Plan Teil 1

-33- Brennen muss das Gebäude

-34- Mitgliederaufnahmefeier in Speyer

-35- Ein perfider Plan Teil 2

-36- Endlich wird sie fündig

-37- Abschied von Deutschland

-38- Ein perfider Plan Teil 3

-39- Streit im Führungszirkel

-40- Die Erpresser-E-Mail

-41- Ein perfider Plan Teil 4

-42- Es wird eng für Herold Blauermann

-43- Die Regierung plant ihre Selbstständigkeit

-44- Ein willkommener Brief

-45- Bernhard Bender geht

-46- Einigkeit im Führungszirkel

-47- Herold Blauermanns Rache

-48- Endsieg

Teil 3 Essay

Teil 4 

Nachwort – Satire oder nicht Satire – das ist hier die Frage

Zweites Nachwort

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2017 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2017

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © jala / photocase.de

ISBN 978-3-8392-5548-3

Zitat

Wenn Wahlen irgendeine Bedeutung hätten, würde man uns nicht erlauben, sie abzuhalten.

Mark Twain

Teil 1 

Personenglossar

Dr. Mathias Segrem, Bundeskanzler

Hat sein Abitur, Studienabschluss und Doktortitel jeweils mit schlechtest möglicher Note bestanden, ist dafür aber sehr charismatisch. Arbeitete bis vor einem Jahr als Sachbearbeiter bei der Koblenzer Stadtverwaltung, zuletzt in der Flüchtlingshilfe. In der Freizeit unter anderem aktiv im Brauchtumsverein Deutsches Eck e. V. tätig, anschließend für mehrere rechtspopulistische Gruppierungen und Parteien, bis er von der NAFD abgeworben und nach dem überraschenden Bundestagsergebnis zum Bundeskanzler gekürt wurde. Um die Heimkosten zu sparen und insbesondere das Häuschen seines Vaters zu retten, hatte er seinem dementen Erzeuger zu einem würdevollen Abgang verholfen.

*

Dr. Wiebke Wiedemann, Innenministerin

Rhetorisch geschickt, aber charakterlich schwach. Bis zur mittleren Reife hat sie es ohne fremde Hilfe geschafft. Die Zugangsvoraussetzung zur Universität und den Abschluss hat sie sich in Ungarn fälschen lassen, genauso wie den Führerschein, nachdem sie dreimal durch die Prüfung gerasselt war. Von ihrer Doktorarbeit hat sie kein einziges Wort selbst geschrieben. Der Rest ihrer Karriere besteht aus ausgeprägtem Selbstbewusstsein, ihrem stets aktiven Auftreten, ihrer geschliffenen Sprache sowie mit geerbtem Geld erkauften illegalen Zeugnissen. Eine ideale Kandidatin für die NAFD.

*

Bernhard Bender

Milliardenschwerer Alleinerbe des Bender-Pharma-Konzerns. Sein 150 Kilogramm schwerer Körper zeugt von permanentem Arzneimittelmissbrauch. Bender ist ein Mitglied des Führungszirkels der NAFD.

*

Herold Blauermann

Ein blonder Hüne von über zwei Metern und athletischem Körperbau. Er ist der Sprecher und unausgesprochener Chef des NAFD-Führungszirkels. Eigentümer einer der größten europäischen Speditionen mit Sitz in Speyer. Für seine Frau und die Kinder Günter und Julia hat er wenig Zeit.

*

Edmund Schmidt

Discounterkönig und NAFD-Führungszirkelmitglied, über den es nicht viel Negatives zu berichten gibt. In fünfter Generation führt er einen Konzern, hauptsächlich bestehend aus rund 500 Lebensmittelmärkten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Seine Angestellten bezahlt er leicht übertariflich, und selbst bei den jährlichen Prämienzahlungen zeigt er sich nicht knausrig. Bei seinen Mitarbeitern ist er meist beliebt. Die Presse und die Branchenmagazine berichten regelmäßig über seine sozialen Projekte, für die er reichlich spendet. Alles wäre im grünen Bereich, wenn Schmidt nicht ein Faible für schnelle Autos hätte. Zwei Todesopfer, eine schwer verletzte hochschwangere Frau, die ihr Kind verlor, sowie eine ganze Reihe von Leichtverletzten war die bisherige Bilanz seiner Rennkarriere, der er ausnahmslos auf öffentlichen Straßen frönte. Bisher war es ihm immer gelungen, sich straffrei aus den Affären zu ziehen, in fast allen Fällen durch Fahrerflucht oder Zahlung hoher Bestechungsgelder.

*

Paul Haberstahl

Gauleiter Vorderpfalz. Hat in seiner Jugend sechs Monate Jugendarrest abgesessen. Sein Freund Heiner erpresst ihn mit dieser alten Geschichte, was für Heiner fatal endet. Des Weiteren kommt er einer Verfehlung des Ortsgruppenleiters Schweikemeier auf die Spur.

*

H. Schweikemeier

Seit einem Jahr Ortsgruppenleiter Ludwigshafen-Hemshof. Mit illegalen Methoden versucht er, die Mitgliederzahl in seiner Ortsgruppe zur höchsten des Gaus Vorderpfalz zu entwickeln. Für die dazu benötigten Geldmittel unterhält er eine Schwarzkasse. Gefüllt wird diese durch den Verkauf von wertlosen Kopien der NAFD-Parteiaktien. Da sein Vorgesetzter Paul Haberstahl Lunte gerochen hat, muss sich Schweikemeier etwas einfallen lassen.

*

Susanne Bolero

Geschäftsführerin des Verlages und Medienhauses »Der Neue Deutsche GmbH«. Handelt im Auftrag der NAFD und sorgt dafür, dass die fünfköpfige Männerrunde der zweiten Ebene auf der Linie der Partei liegt.

*

Wolle, Freddie, Tom

Drei Kumpels, die Mitglied der NAFD in der Ludwigshafener Ortsgruppe Hemshof sind. Insbesondere Wolle neigt zum Schwachsinn.

*

Dr. Alexander Goldwurst

Leiter der Halle 2 der Druckerei »Der Neue Deutsche«

Teil 2 – Roman

-1- Gespräch in einer Druckerei

»Ich habe echt keinen Bock mehr!«

Mit krebsrotem Gesicht verpasste Frank der neuen Rollenoffsetdruckmaschine einen Tritt in die Blechabdeckung.

»Werde nicht gleich cholerisch«, zischte ihm Bairam vom benachbarten Arbeitstisch zu. »Das Leben ist kein Wunschkonzert.« Zur Sicherheit schaute der 50-jährige Türke vorsichtig die beiden Gänge entlang. Hoffentlich hatte der Abteilungsleiter den Lärm nicht gehört. Mit Dr. Goldwurst war nicht zu spaßen. Rigoros und autoritär, ja fast schon diktatorisch hatte er seine Mitarbeiter in Halle 2 der Druckerei »Der Neue Deutsche GmbH« im Griff.

Keiner der Kollegen, die vorletzten Monat versucht hatten, einen Betriebsrat zu gründen, arbeitete noch in der Druckerei. Selbst der wöchentliche Kontakt nach Feierabend in der Gastschenke »Zur Linde« brach von heute auf morgen ab. Keiner wusste, was die ehemaligen Kollegen machten.

Frank steigerte sich weiter in seinen Hass hinein. Er verließ seine Kontrollposition an der Druckmaschine und ging die wenigen Schritte zu Bairam.

»Mensch, wenn das der Wurschtl sieht«, ereiferte sich Bairam. »Dann ist Schluss mit lustig. Du wirst erst in einer halben Stunde abgelöst.«

»Das ist mir doch egal!«, polterte Frank mit seinem von Natur aus lauten Organ. »Der Wurschtl kann mich mal.«

Ein weiteres Mal sah sich der Türke ängstlich um. Das konnte nicht lange gut gehen. Es war sowieso ein Wunder, dass Dr. Goldwurst noch nicht an jedem Arbeitsplatz eine Videokamera installieren hatte lassen. Behutsam fasste er Frank an den Oberarm. »Jetzt beruhige dich doch. Wir können nachher in der Pause über diese Sache sprechen.«

Wie durch ein Wunder beruhigte sich Frank tatsächlich von einer Sekunde auf die andere. »Mach mal lauter«, sagte er zu Bairam.

Erst jetzt bemerkte dieser, dass Frank durch eine Radiomeldung abgelenkt worden war. Bevor er reagieren konnte, hatte sein Kollege das kleine Radio auf dem Tisch lauter gestellt.

Achtung, eine wichtige Verkehrsdurchsage: Auf der A61 Koblenz in Richtung Speyer zwischen Abfahrt Dieblich und Waldesch steht auf einem Parkplatz ein brennender Lkw mit starker Rauchentwicklung. Fahren Sie bitte vorsichtig, wir melden uns, wenn die Gefahr vorüber ist.

»Hoffentlich nicht mein Bruder«, kommentierte Frank die Meldung. »Der fährt regelmäßig auf der A61. Sein Chef ist auch so ein Ausbeuterschwein wie unser Wurschtl.«

Bairam drehte das Radio leiser. »Da fahren jeden Tag so viele Lastwagen auf der Autobahn. Das wird nicht gerade dein Bruder sein. Jetzt geh aber zu deinem Platz zurück. Wenn an der Maschine etwas nicht stimmt und du merkst es nicht gleich, bist du geliefert.«

»Scheiß Job«, bemerkte Franz, ging aber widerwillig zurück an seinen Kontrollplatz. »Beim alten Chef war es tausendmal besser.«

»Natürlich«, bestätigte ihn Bairam. »Wir haben unseren Chef geliebt. Doch was haben wir jetzt davon? Du weißt doch, was passiert ist. Herr Fischer war fast 80 Jahre alt und hat es nicht für nötig gehalten, zeitgerecht einen Nachfolger zu suchen. Sogar seine Tochter hatte er mit seinen alten Ansichten vergrault. Dass Fischer nicht ewig leben würde, war vorherzusehen. Nur er selbst dachte da offensichtlich anders. Wie die Sache ausging, ist uns allen bekannt.«

Frank seufzte. »Insolvenz und Verkauf nach seinem Tod, ich weiß ja.«

»Ohne den Käufer würden wir auf der Straße sitzen. Es war Glück, dass er den alten Maschinenpark übernahm. Fischer hatte in den letzten Jahrzehnten so gut wie nichts mehr investiert. Teilweise mussten die Ersatzteile nachgebaut werden.«

»Trotzdem.« Frank war immer noch nicht zufrieden. »Der Arbeitsdruck ist mindestens um das Doppelte gestiegen. Und der Wurschtl! Hätte man nicht einen fähigeren Manager einstellen können als diesen Arsch?« Er zog ein frisch gedrucktes Zeitungsexemplar aus seiner Anlage. Dabei fielen mehrere Exemplare kreuz und quer auf den Boden, ohne dass er dies beachtete. »Demnächst soll dieses Drecksblatt statt monatlich alle 14 Tage erscheinen. Weniger Überstunden werden es davon nicht.« Frank zerknüllte die Zeitung und warf sie zu den anderen auf den Boden.

Bairam schüttelte über diese Aktion missbilligend seinen Kopf. »Immerhin bekommen wir die Überstunden gut bezahlt«, entgegnete er. »Ich kann den Mehrverdienst gut gebrauchen. Ich muss fünf Kinder und eine Frau ernähren. Die Große studiert sogar Germanistik.« Dann fiel ihm noch etwas ein. »Nebenan im Verlag stellen sie bereits neue Redakteure ein. Sogar eine eigene Social-Media-Abteilung bauen sie auf. Das meiste läuft heutzutage sowieso über Internet, Facebook, Twitter und wie das alles heißt. Nur für die anderen, die noch nicht in der Internetwelt leben, wird die Zeitung gebraucht. Die Partei will eben alle Leute über eigene Medien erreichen. Du weißt ja, Staatsmedien sind unser Feind, wie neulich unser neuer Bundeskanzler sagte. Obwohl ich das nach der letzten Bundestagswahl nicht so richtig verstehe. Aber egal.« Er dachte kurz nach. »Vielleicht bekommen wir in der Druckerei ebenfalls Zuwachs?«

»Niemals!«, ereiferte sich Frank. »Wurschtl wird uns mit der Peitsche antreiben. Lange mache ich das nicht mehr mit. Lesen tu ich diesen Mist sowieso nicht.« Er tat so, als trete er auf den am Boden liegenden Zeitungen eine Zigarette aus.

»Solltest du aber«, sagte Bairam. »Schau dir mal den Leitartikel auf Seite zwei an.«

Widerwillig bückte sich Frank und hob ein Exemplar von »Der Neue Deutsche« auf. Während sein Kollege rasch in die Gänge blickte, suchte er den hellrosa unterlegten Leitartikel.

Wichtige Gesetzesänderungen beschlossen

Zum 01.11. dieses Jahres wird das Datenschutzgesetz zum Wohle der Bürger in Teilen ausgesetzt. Die Änderungen, die allesamt nicht der Zustimmung des Bundesrates bedürfen, wurden am Montag im Schnellverfahren mit der einfachen Mehrheit durch den Bundestag beschlossen. Ziel der Änderungen ist es, die Terroristenbekämpfung effizienter zu gestalten, insbesondere im Landesinnern.

Im ersten Schritt sollen Arbeiter und Angestellte aller staats- und parteinahen Betriebe auf ihre Verfassungstreue überprüft werden.Für diesen Zweck wird ein zentrales Bundesamt mit Sitz in Berlin aufgebaut.

»Na, was meinst du dazu?«, fragte Bairam seinen Kollegen, nachdem dieser die Zeitung zurück auf den Boden geworfen hatte. »Staats- und parteinahe Betriebe, dazu gehört auch diese Druckerei.«

»Das ist mir scheißegal«, unterbrach ihn Frank. »Der Chef schmeißt mich sowieso bald raus, wenn ich nicht in die Partei eintrete. Obwohl ich seit fast 20 Jahren hier arbeite, stell dir das mal vor!« Wütend trat er erneut gegen die Abdeckung der Offsetdruckmaschine, dass es nur so schepperte.

Sekunden später hörten die beiden die näher eilenden Schritte des Abteilungsleiters.

»Was soll das?«, brüllte Dr. Goldwurst, als er die Arbeitsplätze erreicht hatte. »Was ist hier wem scheißegal?« Im gleichen Moment entdeckte er die teilweise zerfetzten Zeitungen unter Franks Arbeitstisch.

-2- Gefahrguttransport auf der A61

Paule schlotterten die Knie, er hatte Angst. Nicht wegen der Polizeibeamten, die ihn seit einer halben Stunde bedrängten, auch nicht wegen der Szenerie, in der er sich wiederfand: ein Großaufgebot an Feuerwehr, Gefahrenabwehr, Polizei und verschiedenen Sanitätsdiensten, die sich auf dem schmalen Parkplatz längs der A61 den nur spärlich vorhandenen Freiraum teilten. Die Todesängste, die er vorhin ausstand, als er den Rauch aus seiner Zugmaschine aufsteigen sah und der in Sekundenschnelle das komplette Führerhaus einhüllte, waren vergessen. Anscheinend hatte er Riesenglück gehabt. Hätte er heute Morgen vor seinem Start in Speyer nicht mit Karl auf dessen Geburtstag angestoßen, hätte der Sekt sich nicht in seiner Blase bemerkbar gemacht. Er hätte auf dem Parkplatz nicht angehalten, und vermutlich wäre der Lkw auf der Autobahn in Flammen aufgegangen.

»Das glauben wir Ihnen nicht.«

Paule sah den Beamten an. Es half nichts, er musste die Wahrheit sagen, selbst wenn er seinen Job los sein würde. Er versuchte, den Polizisten nur indirekt anzusprechen, damit dieser seine Alkoholfahne nicht roch. Es war Vormittag kurz vor 11 Uhr.

»Natürlich wusste ich, dass dies ein Gefahrenguttransport ist«, beichtete Paule schließlich.

»Klasse 4.2«, bestätigte der Beamte vorwurfsvoll.

»Fischmehl hat man mir gesagt, was soll da groß passieren?« Paule war sehr kleinlaut, denn er hatte keine Berechtigung für Gefahrenguttransporte. Sein Chef würde ihn hochkant rauswerfen, wenn er erfuhr, dass er die Tour mit Karl getauscht hatte, damit dieser am frühen Nachmittag bei seiner Familie sein konnte, um seinen Geburtstag zu feiern.

Jäh wurde er aus seinen Gedanken gerissen. »Fischmehl ist nicht umsonst der Klasse 4.2 zugeordnet«, sagte er streng. »In Kontakt mit Luft ist Fischmehl selbstentzündungsfähig. Das kann bereits nach fünf Minuten passieren, aber auch erst nach Stunden oder Tagen. Wie wir Ihren Papieren entnehmen, haben Sie keine ADR-Bescheinigung für solche Transporte.«

Paules Antwort war fast schon jämmerlich. »Es ist ja nur eine kleine Fahrt von Speyer nach Köln«, versuchte er sich zu rechtfertigen. »Ich habe doch nur kurz gehalten, weil ich auf die Toilette musste.«

»Und in dieser Zeit entzündet sich die Zugmaschine von selbst?« Der skeptische Blick des Beamten verunsicherte ihn zusätzlich.

»Ich habe den Rauch erst bemerkt, als ich aus der Toilette kam, da konnte ich nichts mehr tun. Außerdem brannte zuerst das Führerhaus und nicht die Ladung.«

Tatsächlich war, als der Brand ausbrach, eine Spur des Parkplatzes komplett mit parkenden Lkws belegt gewesen. Nur einem Zufall war es zu verdanken, dass die Fahrer der Lkws vor und hinter dem Gefahrguttransport von Paule sofort reagierten und ihre Fahrzeuge aus der Gefahrenzone brachten. Letztendlich konnte das schnelle Eingreifen der Feuerwehr ein Übergreifen des Feuers auf die Ladung verhindern.

Eine Polizistin war zu dem Kollegen getreten und sprach Paule an: »Der Fahrer vor Ihnen ist, nachdem er den Rauch bemerkt hat, sofort auf die Autobahn gefahren. Er gab eben per Funk durch, dass er im Rückspiegel eine kleine Person in dunkler Kleidung gesehen hat, die in Richtung der Pkw-Stellplätze gerannt ist. Das war kurz, bevor er den Rauch wahrnahm. Haben Sie irgendetwas beobachtet?«

Paule schüttelte den Kopf. »Keine Menschenseele. Ich war allein auf der Toilette, und als ich rauskam, entdeckte ich sofort den Qualm. Ein paar Sekunden später fuhren die beiden Lkws weg. Ein Rentner stand mit seinem Corsa auf der Fahrbahn etwa 50 Meter von meiner Maschine entfernt. Er schrie mir zu, dass er die Feuerwehr angerufen hat.«

Sie nickte. »Der Mann hat sich uns bereits als Zeuge zur Verfügung gestellt.«

Paule versuchte, seine Haut zu retten. »Das ist bereits der dritte Lkw unserer Spedition, der in Flammen aufgeht.«

Für einen Moment glotzten ihn die beiden Beamten sprachlos an. »Wann und wo waren die anderen Vorfälle? Waren Sie jeweils der Fahrer?«

»Nein«, sagte Paule. »Es betraf Kollegen von mir. Genaues kann Ihnen die Zentrale in Speyer sagen.« Paule war unvorsichtig geworden und hatte die Polizistin direkt angesprochen. Diese war auf Zack.

»Haben Sie etwas getrunken?«, fragte sie sofort, und ihre Miene wurde grimmig.

»Ich doch nicht«, antwortete Paule, aber es klang unglaubwürdig. Das ist mein berufliches Ende, dachte er.

»Dann werden wir mal bei Ihrem Arbeitgeber anrufen«, meinte die Beamtin. »Und mein Kollege wird mit Ihnen einen Alkoholtest machen. Sie haben doch bestimmt nichts dagegen?«

In diesem Moment kam ein Hauptbrandmeister hinzu und sagte: »Wir müssen den kompletten Parkplatz sperren. Wir haben unter der Zugmaschine Brandbeschleuniger gefunden.«

-3- Drei Freunde und die Prüfung

»Kacke, das ist viel zu schwierig!« Wolle warf wütend den Zettel hin, schnappte sich sein gerade von der Bedienung frisch hingestelltes Exportbier, trank es zur Hälfte leer und rülpste so laut, dass ein älteres Ehepaar, das drei Tische weiter saß, heftig zusammenzuckte. »Da muss man ja provo…, äh, produ…, äh, den Doktor machen, um das zu kapieren. Ich habe wichtigere Sachen in meinem Kopf.« Zur Bekräftigung fuhr er sich mit seiner Hand über den kahl rasierten Schädel. Nur langsam beruhigte er sich. »Warum muss ich diesen Scheiß überhaupt wissen, hä? Ich habe am letzten Wochenende auf dem Parkplatz des Supermarktes vier oder fünf Mercedes-Sterne abgetreten und ein paar Reifen aufgeschlitzt, damit habe ich doch wohl genug bewiesen, dass ich dazugehöre, oder?« Mit einem grenzdebilen Gesichtsausdruck, der nicht allein dem heutigen Alkoholgenuss geschuldet war, schaute der 20-Jährige zu Freddie.

»Das mit den Mercedes-Sternen geht zwar ideologisch gesehen nicht ganz in die richtige Richtung …«

Wolle unterbrach seinen Freund. »Nenn mich nie wieder Idiot!«

»Ich habe doch ideologisch gesagt und nicht Idiot, das sind zwei ganz verschiedene Dinge.« Genervt schaute Freddie, der es immerhin mit zwei Ehrenrunden zur Mittleren Reife geschafft hatte, zur Decke der Kneipe im Ludwigshafener Ortsteil Hemshof. »Was ich sagen wollte: Wir sollen uns mit Sachbeschädigungen aller Art zurückhalten, damit es nicht auf die Partei zurückfällt.«

»Mich hat aber keiner gesehen!«, frohlockte Wolle und trank sein Glas leer. Sofort winkte er der Bedienung und zeigte auf das leere Glas. »Lass mal die Luft raus, Traudel!«

Tom, der Dritte am Tisch, mischte sich nun ein. »So schwierig sind die Fragen doch gar nicht. Außerdem stehen die Antworten daneben. Wir müssen das Zeug bloß auswendig lernen.«

»Ich war noch nie gut im Auswendiglernen«, konterte Wolle.

Tom dachte gehässig, dass sein Kumpel, vom Saufen und Krawallmachen abgesehen, in keinem Bereich wirklich gut war. »Mensch, Wolle, das sind drei Fragen und drei Antworten.« Er schnappte sich den Zettel, der auf dem Tisch lag, und las vor: »Frage 1: Wie viele Bundesländer hat Deutschland? Na?« Er blickte Wolle in die Augen. Doch der hob nur die Achseln.

»Zehn? 20? 100? Keine Ahnung.«

»16!«, riefen Freddie und Tom gleichzeitig aus.

»Mir doch egal.« Wolle gab sich trotzig.

»Vielleicht geht’s mit einer Eselsbrücke?«, meinte Tom.

»Was wird das jetzt wieder für ein Scheiß? Esel oder was?«

Tom nahm sich zusammen und erklärte es ihm. »Du brauchst ein Hilfsmittel, um dir die Zahl 16 merken zu können. Wir sind doch ganz oft auf dem Fußballplatz. Was ein Strafraum ist, weißt du doch. Wie sagen wir noch dazu?«

Wolle überlegte einen Moment, bevor er zaghaft antwortete: »Sechzehner?«

Freddie lachte. »Na also, du hast es kapiert. Wenn die Frage nach den Bundesländern kommt, denkst du an den Sechzehner, und alles ist in Ordnung.«

Wolle klatschte mit seiner knapp klodeckelgroßen Pranke auf Toms Rücken. »Ich bin froh, dass ich so dufte Kumpels wie euch habe. Das mit der Eselskrücke ist ja wirklich voll einfach.«

»Eselsbrücke«, hauchte Tom fast unhörbar. Laut sagte er: »Mit der zweiten Frage machen wir morgen weiter. Wir wollen dich schließlich geistig nicht überfordern.«

Wolle nahm die Beleidigung nicht wahr, stattdessen rülpste er als Einverständnis. »Ich werd’s allen zeigen, passt nur auf! Mir diesen Eseldingsda bestehe ich die Prüfung zum Ortstruppen…, äh Gruppen…, äh …«

»Ortsgruppen-Unterführer«, unterbrach ihn Tom. »Die erste Hierarchiestufe innerhalb der Partei.«

»Du kriegst einen Anstecker, auf dem dein Name und deine Funktion stehen«, ergänzte Freddie. »Du musst den Titel nicht auswendig lernen.«

Stolz blickte Wolle in die Runde. »Und ein halbes Jahr später gibt’s die nächste Beförderung, habt ihr gesagt?«

Seine Freunde nickten. »Dann werden wir Ortsgruppen-Hilfsführer. Allerdings sind da neue Fragen fällig.«

Wolle schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Bleib mal locker, mit diesem Esel packen wir das schon, oder, Freunde?«

Freddie und Tom grinsten sich an. Letzterer zog eine abgegriffene Broschüre aus den speckigen Jeans. »Da sind alle 22 Beförderungsstufen aufgelistet. Wenn du willst, kannst du es bis nach Berlin schaffen ins Ministerium.«

Wolle riss ihm die Broschüre aus der Hand und blätterte ziellos darin herum. »Und wo steht das mit den Akten?«

»Akten?«, fragte Freddie erstaunt. »Ach so, du meinst die Aktien.« Er blätterte seinem Kumpel die entsprechende Seite auf. »Ab der ersten Beförderungsstufe kannst du für wenig Geld Parteiaktien kaufen. Das sind Anteilscheine an unserer Partei. Damit gehört dir praktisch ein Teil der Partei.«

»Geil!«, entfuhr es Wolle. »Da kauf ich so viel, dass mir die ganze Partei gehört.«

Tom seufzte tief, bevor er antwortete. »Von was denn? Von deinem Hartz IV? Außerdem werden die anderen Mitglieder ebenfalls Parteiaktien kaufen.«

»Das ist überhaupt das Beste«, sagte Freddie. »In ein paar Jahren kann man die Parteiaktien für viel Geld verkaufen.«

»Du willst die Aktien wieder verkaufen?«, fragte Tom überrascht. »Ich werde sie nur kaufen, weil ich unsere Partei und deren Ziele unterstützen möchte. Nein, ich lasse die NAFD nicht im Stich.«

»Ich doch auch nicht«, beruhigte ihn Freddie. »Schließlich bin ich wie ihr im Organisationskomitee unserer Ortsgruppe Ludwigshafen-Hemshof für die Planung des einjährigen Bestehens.«

»Die Gründung war ein geiles Event«, unterbrach Wolle. »Die Partei hat sich nicht lumpen lassen und Freibier bis zum Umfallen ausgegeben.«

»Im wahrsten Sinn«, sagte Tom. »Am nächsten Morgen habe ich nur gekotzt.«

»Damals waren wir gerade 20 Leute, wisst ihr noch? Inzwischen haben wir im Hemshof 250 Mitglieder. Und wir gehören zu den Ersten, die die Beförderungsprüfung zum Ortsgruppen-Unterführer machen dürfen.«

Zur Bestätigung rülpste Wolle erneut, wobei ihm Bierschaum durch die Nase schoss.

-4- Managementrunde im Medienhaus »Der Neue Deutsche«

»Meine Herren!«

Die tiefe und autoritäre Stimme passte zum strengen Erscheinungsbild der 40-Jährigen. Die fünfköpfige Männerrunde, die sich in den Sesseln fläzte, zuckte zusammen. Ohne Widerrede setzten sie sich alle mehr oder weniger synchron mit durchgestrecktem Rücken an den Besprechungstisch.

Susanne Bolero ging zum Tisch, ohne jedoch Platz zu nehmen. Sie strich eine imaginäre Falte an ihrem schwarzen knielangen Rock glatt und blickte durch ihre rahmenlose Brille streng in die Runde. Die Abteilungsleiter schauten devot zu ihrer Chefin auf. Als Bolero kurz ihren Arm hob, konnten alle den Schweißfleck an ihrer weißen Bluse unter der Achselhöhle sehen. Dies war das unausgesprochene Erkennungszeichen, dass sich ihre Chefin in einer Ausnahmesituation befand. Diese Momente überbordenden Stresses häuften sich in den letzten Wochen, doch bisher hatte die Geschäftsführerin des Verlages und Medienhauses »Der Neue Deutsche GmbH« sämtliche brenzligen Situationen mit Bravour gemeistert. Dies lag vor allem daran, dass ihre fünf Untergebenen unterwürfig agierten.

»Wir müssen das Rad schneller drehen«, begann sie immer noch stehend, was ihre Autorität zusätzlich verstärkte. »Jetzt, ein paar Wochen nach der Bundestagswahl, wird es Zeit, die Medienpräsenz weiter zu erhöhen. Die Parteizentrale in Berlin«, sie deutete auf den Besprechungstisch, auf dem mehrere Wimpel der »Neue Alternative für Deutschland« standen, »hat ein vertrauliches Strategiepapier entwickelt, das ich in Auszügen mit Ihnen diskutieren möchte.«

Wieder lächelte Bolero kurz. Diskutieren musste sie noch nie. Sie befahl, und ihre Untergebenen führten aus. Die Motivation der Abteilungsleiter war fast ausschließlich monetär: 30 Prozent Gehaltserhöhung, nachdem die NAFD das Medienhaus übernommen hatte, zuzüglich einer Leistungsprämie in Form von Parteiaktien. Einzig dem kaufmännischen Abteilungsleiter war die Gehaltserhöhung egal: Er war masochistisch veranlagt, was aber nicht einmal seine Chefin ahnte. Außerdem zweigte er seit Jahren einen beträchtlichen Zusatzverdienst aus der Buchhaltung ab, ohne dass ihm bisher jemand auf die Schliche gekommen war.

»Wir werden eine Sonderausgabe mit doppeltem Umfang unserer Parteizeitung ›Der Neue Deutsche‹ produzieren. In vier Wochen erscheint sie«, ergänzte sie. Sie ging auf das unterdrückte Aufstöhnen ihrer Untergebenen nicht ein. »Die Sonderausgabe wird an sämtliche deutschen Haushalte verteilt, um auch die Internetverweigerer zu erreichen. Über die Logistik brauchen wir uns keine Gedanken zu machen. Da die Partei inzwischen flächendeckend über stabile Ortsgruppen verfügt, wird die Verteilung über diese abgewickelt. In der nächsten Woche wird das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb für politische Parteien außer Kraft gesetzt, damit wir zukünftig alle Haushalte persönlich und individuell mit wichtigen Informationen erreichen können. Was ist, Bockelmeier?« In Gedanken notierte sie sich, dass sie heute Mittag ihren Druckereileiter im Vieraugengespräch zur Sau machte. Bolero duldete es generell nie, dass man sie unterbrach, doch Bockelmeier hatte sie aus dem Konzept gebracht.

»Ich weiß nicht, ob wir solch eine große Auflage in unserer Druckerei bewältigen können, Frau Direktorin Bolero.«

»Halten Sie mich für blöd?«, schnauzte ihn seine Chefin mit einer gewissen Genugtuung an. »Die Partei und ich wissen schon, was wir tun. Es gibt in Deutschland gut 40 Millionen Haushalte. In unserer Druckerei können Sie in einer Woche 15 Millionen Exemplare drucken, der Rest wird in Partnerunternehmen produziert.« Sie schaute in die Runde. »Sie wissen, was das bedeutet? Eine Woche drucken plus vier bis fünf Tage, bis die Ausgaben an die Ortsgruppen verteilt sind. Heute in zehn Tagen ist Redaktionsschluss. Zwei Tage später ist nach der Endkontrolle der Andruck.«

Der Druckereileiter Bockelmeier saß stumm mit offenem Mund da. Sein Kollege Schwarz, der die Redaktion des Verlages verantwortete, schluckte unaufhörlich. »Das wird meinen Mitarbeitern nicht gefallen«, meinte er zweifelnd.

»Wissen Sie was?«, schoss Bolero sofort zurück. »Das ist mir so was von egal, Schwarz. Treiben Sie Ihre Leute an, die Methoden überlasse ich Ihnen. Die Themen sind vorgegeben, wir diskutieren nur die Details der Inhalte. Außerdem werden sämtliche Inhalte zusätzlich permanent online bespielt. Und zwar über alle erdenklichen Kanäle. Die Zentrale erwartet mindestens zwei neue Beiträge je Stunde. Ich hoffe, Ihre neue Online-Abteilung ist auf Zack, sonst mache ich ihr höchstpersönlich Beine.«

Susanne Bolero warf ihrem Redaktionschef ein paar Kopien vor die Nase. Eine Diskussion würde sie nicht aufkommen lassen, was Schwarz nur zu genau wusste. Ein einziges Mal hatte er versucht, mit seiner Chefin über einen Artikel zu sprechen, der von ihr vorgegeben war. Seitdem wusste der dreifache Familienvater, dass Susanne Bolero intime Details über sein Verhältnis mit seiner Sekretärin kannte. Bolero hatte ihn nicht offen erpresst, aber allein durch ihr Verhalten klar gemacht, dass sie zu Kompromissen nicht bereit war.

»Sehr gut«, säuselte Schwarz mit einem beseelten Lächeln, nachdem er einen flüchtigen Blick in die Papiere geworfen hatte. Er meinte es ernst. Die Ideen der Partei, die gar nicht so neu waren, faszinierten ihn immer mehr. Selbst in seiner Freizeit beteiligte er sich inzwischen an Partei-Infopoints, die auf Wochenmärkten, in belebten Fußgängerzonen oder bei Gemeindefesten aufgebaut wurden, um den Bürgern das Parteiprogramm und die Ziele näherzubringen. Die Slogans »Nicht zahlen für andere« sowie »Grenzen müssen sicher sein« waren seine persönlichen Favoriten.

»Thematisch sind wir auf einer Linie. Mit der Sonderausgabe wird in erster Linie das Image der Partei poliert. Gut finde ich, dass über die parteiinternen Beförderungsfeiern berichtet werden soll. Damit können wir jede Menge neue Mitglieder gewinnen.«

Alle Anwesenden waren Mitglieder der NAFD. Nach Übernahme des Medienhauses und der Einsetzung Boleros als Geschäftsführerin wurde das Führungsteam runderneuert und unliebsame Personen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung gestellt.

»Ich beziehungsweise die Partei wünschen, dass die Sonderausgabe keinerlei verfassungsbedenkliche Artikel enthält. Wir werden uns vorab juristisch absichern.«

Schwarz nickte zustimmend. »Lassen Sie mich nur machen, Frau Direktorin Bolero. Die Seite, auf der Begriffe wie Demokratie mit einfachen Worten erklärt werden, wird ein Knaller.«

Bolero verzog ihren Mund. »Das ist nur notwendiges Beiwerk. Konzentrieren Sie sich primär auf die großen politischen Ziele der NAFD! Vor allem soll die Lösung der Flüchtlingsfrage sowie ein Austritt aus der EU thematisiert werden. Ganz nach dem Motto unserer Partei ›Wir Deutsche wollen wieder über uns selbst entscheiden‹. Hier brauchen wir noch ein paar griffige und leicht zu merkende Schlagworte, idiotensicher halt. Klare Botschaften in einfachen Sätzen verpackt. Und nach Möglichkeit schwammig verpackt, damit genügend Interpretationsspielraum bleibt.«

Die Männerrunde klatschte spontan Beifall. Bolero wusste, dass dieser bei fast allen gekünstelt war. Doch solange sie den Druck auf ihre Untergebenen durch permanente Kontrollen aufrechterhielt, würde sie sich darauf verlassen können, dass ihre Befehle widerstandslos umgesetzt wurden.

»Meine Herren, Sie wissen jetzt, was zu tun ist. Die genauen Anweisungen erhalten Sie in wenigen Minuten von mir per E-Mail. Ich wünsche uns viel Erfolg.«

Susanne Bolero verließ jetzt nicht etwa als Erstes den Raum, um ihre Macht zu demonstrieren, nein, sie wartete ab, bis sich alle Abteilungsleiter von ihren Plätzen erhoben hatten. Sie folgte den Männern auf dem Fuß bis zum Treppenhaus, wo sich die Wege ihrer Untergebenen trennten. Sehr schön, dachte sie, damit habe ich eine Diskussion fürs Erste unterbunden. Lächelnd, aber müde ging sie zu ihrem Büro und dachte an heute Abend, wo sie mit Yvonne verabredet war. Keiner wusste, dass Yvonne und sie ein Paar waren. Wenn dieses Verhältnis öffentlich werden sollte, wäre sie ihren Job sofort los genauso wie die Mitgliedschaft in der Partei, in der gleichgeschlechtliche Partnerschaften verpönt waren. Zur Tarnung ihrer sexuellen Orientierung hatte Susanne Bolero vor drei Jahren einen Entwicklungshelfer geheiratet, der die meiste Zeit des Jahres irgendwo in Afrika zubrachte und an der sexuellen Auslebung seiner Ehe kein Interesse zeigte. Das Gefährliche an Boleros Beziehung war, dass Yvonne ausgerechnet die Sekretärin ihres Redaktionschefs war. So hatte sie zwar von Schwarz’ Beziehung mit Yvonne erfahren, dennoch war dieses Dreiecksverhältnis eine riskante Sache. Ich muss ihr einen anderen Job verschaffen, dachte sie, während sie ihren Rechner startete.

-5- Feindliche Übernahme einer Spedition

»Wer sind Sie noch mal? Und wie kommen Sie an diese Unterlagen? Die Jahresabschlüsse meines Unternehmens sind doch streng vertraulich!« Auf Alois Blatter wirkte der Besucher äußerst bedrohlich. Vor ein paar Minuten war der Kerl, der ihn um Haupteslänge überragte, einfach so und ohne Ankündigung in sein Chefbüro eingedrungen.

»Ihre Sekretärin war so nett, mir den Weg zu Ihnen zu zeigen«, sagte der Besucher mit fester Stimme.

»Ich habe keine Sekretärin!«, erwiderte Blatter.

»Dann von mir aus die Dame, die neben dem Eingang an der Schreibmaschine saß. So ein altes Ding habe ich schon lange nicht mehr gesehen, und damit meine ich nicht Ihre Mitarbeiterin.«

Blatters Hände begannen leicht zu zittern. Was wollte der Kerl nur von ihm? Kam unangemeldet in sein Unternehmen und störte ihn bei der Lektüre der Tageszeitung. Ohne große Begrüßung legte er ihm seine eigenen Bilanzen auf den Tisch, deren Inhalt er nur zu gut kannte.

»Was wollen Sie von mir?« Blatter wagte einen neuen Anlauf.

»Wir arbeiten in der gleichen Branche«, antwortete der Besucher gelassen und setzte sich auf den einzigen freien Stuhl in Blatters kleinem Büro. »Falls Sie meinen Namen nicht richtig verstanden haben: Herold Blauermann. Vielleicht haben Sie ihn schon mal gehört. Wir beide sind so etwas wie Kollegen.« Das letzte Wort sprach er verächtlich aus. »Selbstverständlich nur Branchenkollegen. Bilanz- und größenmäßig sind unsere Unternehmen beim besten Willen nicht vergleichbar.« Blauermann lachte trocken.

Bei Blatter fiel der Groschen. »Ach, der sind Sie. Habe tatsächlich mal von Ihnen gelesen. Aber was wollen Sie von mir?«

»Ihr Unternehmen.«

»Mein Unternehmen? Wie soll ich das verstehen?« Blatter starrte Blauermann mit offenem Mund an.

»Sie sind überschuldet, Sie müssten längst Insolvenz anmelden. Hat Ihnen das Ihr Steuerberater nicht gesagt?«

»Insolvenz? Ich bin nicht pleite«, mokierte sich Blatter. »Die Situation ist momentan etwas schwierig, aber da komme ich schon drüber weg. Und außerdem kann mich mein Steuerberater mal, der hat von dem Geschäft keine Ahnung. Meine Umsätze sind jedenfalls nicht schlecht.«

»Umsätze?« Blauermann lachte höhnisch. »Das mag schon sein. Allerdings fahren Sie seit Jahren Verluste ein. Da nützt Ihnen der ganze Umsatz nichts, wenn die Kosten höher sind als die Einnahmen.«

»Und wenn schon, wen interessiert das? Was mischen Sie sich in mein Unternehmen ein?«

»Ich will es kaufen«, antwortete Blauermann unbeirrt.

»Zehnfacher Jahresumsatz«, sagte Alois Blatter frech, weil er wusste, dass dieser Preis für seine heruntergewirtschaftete Spedition unrealistisch war. Für diese Summe würde er gerne in Frührente gehen, dachte er sich.

Herold Blauermann lachte schallend. »Sie sind wohl ein Scherzbold, wie? Schauen Sie sich doch Ihren Fuhrpark genauer an: Die alten Brummis sind reif für den Schrottplatz. Hier, ich habe eine Aufstellung Ihres Fuhrparks und Ihrer restlichen Anlagegüter. Alles hoffnungslos veraltet. Haben Sie noch nie etwas von Ersatzinvestitionen gehört?« Er knallte dem eingeschüchterten Blatter weitere Papiere auf dessen Schreibtisch.

Bevor dieser sich von dem Schock erholt hatte, sprach Blauermann weiter. »Ich zahle Ihnen den fünffachen Durchschnittsgewinn der letzten drei Jahre für Ihr Unternehmen. Das ist mein letztes Wort. Entscheiden müssen Sie sich aber sofort.«

In Alois Blatters Kopf rotierte es. Fünffacher Gewinn der letzten drei Jahre? In allen Jahren hatte er Verlust gemacht. Fünfmal null waren immer noch null.

»Na, haben Sie bereits nachgerechnet?«, blökte Blauermann weiter. »Wenn man es genau nimmt, müssten Sie mir für Ihre alte Bruchbude noch etwas bezahlen. Doch ich will gnädig sein und Ihren Kundenstamm und den Auftragsstand anständig bewerten. Sagen wir, ich gebe Ihnen für Ihre Spedition genau einen Euro. Dafür übernehme ich die Schulden der Spedition. Die Verlustvorträge kann ich steuerlich gut geltend machen. Dann haben wir beide etwas von dem Deal.«

»Niemals«, entrüstete sich Blatter. »Verlassen Sie sofort mein Büro!«

Herold Blauermann blieb ruhig sitzen. »Dachte ich es mir doch, dass Sie nicht so schnell klein beigeben werden«, sagte er leise. »Doch ich habe vorgesorgt und Ihnen eine weitere Entscheidungshilfe mitgebracht. Bitte schauen Sie sich die Unterlagen genau an. Die Beweise sind hieb- und stichfest. Die Originale liegen übrigens bei meinem Notar.«

Alois Blatter sah bereits mit dem ersten Blick, was Sache war. Wie konnte Blauermann nur an diese vielen Informationen gekommen sein? Nicht einmal seine Mitarbeiter wussten davon. Selbst seine geschiedene Frau hatte er zu keinem Zeitpunkt eingeweiht.