Museumsschiff - Matthias Falke - ebook

Museumsschiff ebook

Matthias Falke

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Opis

Das größte Schiff der Menschheit wurde in den extragalaktischen Raum verlegt, um es den Nachstellungen der Sineser zu entziehen. Dort versucht die Wissenschaftliche Abteilung verzweifelt, mit der sinesischen Technologie gleichzuziehen. Die MARQUIS DE LAPLACE beginnt mit der Kolonisierung ferner Welten. Dann taucht ein Schiff auf. Es reagiert auf keinen der Kontaktversuche. Schließlich gehen Norton und seine Crew, bestehend aus Jennifer Ash, der Pilotin Jill Lambert und dem Ingenieur Taylor an Bord. Das Schiff scheint ausgestorben. Es gleicht einem riesigen Museum und beherbergt seltsame mumifiziert wirkende Wesen. Doch während der Erkundung erwacht es plötzlich zum Leben. Es beginnt ein atemberaubendes Abenteuer.

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Museumsschiff

© 2013 Begedia Verlag

© 2008 Matthias Falke

Umschlagbild - Alexander Preuss

Covergestaltung und Satz - Begedia Verlag

Lektorat - André Skora

ebook-Bearbeitung - Begedia Verlag

ISBN-13 - 978-3-943795-92-9 (epub)

Besuchen Sie uns im Web:

http://verlag.begedia.de

Das ENTHYMESIS-Universum

Eine Science-Fiction-Saga in sieben Trilogien

1. Laertes

2. Exploration

3. Gaugamela

     - Planetenschleuder

- Museumsschiff

    - Schlacht um Sina

4. Zthronmic

5. Tloxi

6. Jin-Xing

7. Rongphu

Teil I - In der Verbannung

Kapitel 1. Die Arche

Ich stand am Fenster und sah hinaus. Mein Kopf war leer, und meine Augen sahen nicht, was sich auf ihrer Netzhaut spiegelte. Das Surren der Nanopumpen drang an meine Ohren und teilte mir mit, welche Fortschritte Jennifer bei der Toilette machte. Ich betrachtete die Große Mauer. Wie die nebulöse Struktur der Milchstraße, von der Erde aus gesehen, die einzelnen Sterne nicht mehr erkennen ließ, aus der sie gebildet war, so waren hier die einzelnen Galaxien nicht mehr zu unterscheiden, die die gewaltige Barriere aufbauten. Eine Mauer aus schimmerndem perlmuttfarbenem Licht, die den ganzen nördlichen Horizont einnahm. Unzählige Galaxien wirkten daran mit, diese transparente Membran zu bilden, die den bekannten Kosmos in zwei Kammern teilte. Es war die größte zusammenhängende Struktur im Universum, was aber nichts besagen musste. In den letzten Monaten hatte sich unser Wissen in einer Weise revolutioniert, die kein Mensch mehr für möglich gehalten hatte. Wir hatten uns eingebildet, über den Kosmos bescheid zu wissen, und mussten dann einsehen, dass wir wie Kaulquappen nur das Innere unseres Weihers kannten, und nun, nach einer schmerzlichen Metamorphose mit neuen Organen und Perspektiven ausgestattet, den Kopf ins Freie erhoben und uns staunend im harten Luftreich umsahen. Wir hatten Galaxien entdeckt, die weiter entfernt waren als das Universum alt war, und jeden Tag registrierten unsere Sensoren neue Phänomene, die mit unseren bisherigen Vorstellungen von der Kohärenz des Kosmos nicht in Einklang zu bringen waren. Und dabei waren wir Enkel und Urenkel des Warp-Zeitalters, Sternenfahrer, denen das Parsec dasselbe bedeutete, was einst dem römischen Legionär die milia, der Tausendschritt gewesen war. Wir tranken das Feuer der Sterne, und unsere Schiffe fuhren mit purem Licht.

Jennifer kam aus der Nasszelle. Ihre nackte Gestalt spiegelte sich in der polarisierenden Scheibe, sodass ihr Körper vor mir im Sternenraum zu schweben schien. Der süße Duft des Zerstäubers, den sie benutzt hatte, verstärkte den angenehmen Schwindel, der mich überkam. Ich wandte mich um und sah ihr in ruhiger Vertrautheit zu, wie sie in das weiße Unterzeug aus sensoriellem Gewebe schlüpfte und die Uniform anzog. Sie bündelte ihr Haar mit einer Hand und fasste es mit einem Ring aus dunklem Elastil zusammen.

»Bist du soweit?«, fragte sie.

»Ich warte nur auf dich«, gab ich zurück.

Die Aufrüstung der Explorer war abgeschlossen. Die erforderlichen Tests hatten wir durchgeführt. Die drei verbliebenen Schiffe der ENTHYMESIS-Klasse hatten ihre volle Warptauglichkeit unter Beweis gestellt. Wir warteten nun auf einen Einsatzbefehl. Allerdings würde dieser, so tief im Deepspace wie wir derzeit operierten, noch auf sich warten lassen. Von den Routineübungen abgesehen, die nur wenige Stunden am Tag einnahmen, konnten wir frei über unsere Zeit verfügen.

»Dann komm«, sagte Jennifer.

Sie sprach das Codewort für die Entriegelung der Tür und ging voran. Ich folgte dem Wippen ihres Pferdeschwanzes und weidete mich an den geschmeidigen Bewegungen ihrer schmalen Hüften. Sie war vor ein paar Wochen fünfundvierzig geworden, aber ihr Körper war immer noch der einer trainierten Dreißigjährigen, und geistig verband sie das spontane Temperament einer Jugendlichen mit der Erfahrung einer der besten Pilotinnen der Union und der Weisheit einer Prana-Bindu-Meisterin.

»Bin gespannt, ob es diesmal klappt«, meinte sie, während sie mit langen Schritten den Gang hinuntermarschierte.

Seit dem letzten Test war einige Zeit vergangen. Sie hatte Reynolds bei den Berechnungen assistiert. Eigentlich kann nichts mehr schief gehen, hatten sie sich immer wieder gegenseitig vergewissert, aber es blieben doch noch Unwägbarkeiten. Zuviel von dem, was uns bis vor kurzem selbstverständlich geschienen war, hatten wir über Bord werfen müssen.

»Wir werden sehen«, sagte ich schicksalsergeben.

Ich hatte mich in letzter Zeit eher an Rogers und Wiszewskys strategischen Überlegungen beteiligt. Von den technischen Details verstand ich nur so viel, wie ich benötigte, um das Kommando über ein Schiff zu führen. Die Berechnungen, die Jennifer mit WO Reynolds und Dr. Frankel durchführte, überstiegen meine mathematischen Fähigkeiten und auch das eher pflichtgemäße Interesse, das ich derlei Dingen entgegenbrachte. Die Fragen, die ich mir stellte, zielten eher darauf ab, wann die neuen Technologien zur Verfügung standen, inwieweit sie unseren Aktionsradius erweiterten und was sie für unsere langfristige Orientierung bedeuteten.

Im Durchgang zur Brücke trafen wir Lambert. Sie deutete einen Gruß an und schnitt dabei ein schiefes Gesicht, das wohl ironisch wirken und ihrer Skepsis angesichts des bevorstehenden Experimentes Ausdruck verleihen sollte.

Wir betraten die Brücke und begrüßten die dort vollständig versammelte Führung. Reynolds warf uns nur einen kurzen Blick zu und widmete sich dann wieder seinen Instrumenten. Ich hatte ihn selten so angespannt gesehen. Für gewöhnlich war er die Ruhe in Person, und unter Stress wurde er normalerweise immer noch langsamer und behäbiger.

Die gesamte Besatzung der MARQUIS DE LAPLACE fieberte der Meldung vom geglückten Durchbruch entgegen, und vor allem Commodore Wiszewsky konnten seine Ungehaltenheit über die andauernden Verzögerungen kaum noch verbergen. Rogers, der von der technischen Seite der Materie mehr verstand, hielt sich auffallend zurück. Er hatte Frankel und Reynolds freie Hand gegeben. Der gesamte Stab der Wissenschaftlichen Abteilungen stand ihnen zur Verfügung und arbeitete ihnen zu, und dennoch reihten sie seit Monaten einen Misserfolg an den nächsten.

Die Komarowa hatte kokett mit ihren schweren Lidern geklimpert, während Wiszewsky, an dessen rechter Seite sie hing, uns mit einem huldvollen Kopfnicken empfing. Dann wandte die allgemeine Aufmerksamkeit sich den beiden leitenden Wissenschaftlern zu.

»Meine Herren ...?«, brummte Rogers mit fragendem Unterton.

Reynolds nickte eifrig, ohne von seinen Berechnungen aufzusehen. Dr. Frankel, der als einziger keine Uniform, sondern den weißen Laborkittel trug, studierte die Anzeigen seines tragbaren MasterBoards.

»Keine neunzig Sekunden mehr«, sagte er, »und wir wissen, ob unsere Annahmen sich diesmal als richtig erweisen.«

Das sollte ironisch klingen, aber die Annahmen hatten sich in jüngster Zeit schon so oft als fehlerhaft herausgestellt, dass die selbstherrliche Ankündigung ins Leere ging. Niemand verzog eine Miene.

Jennifer gesellte sich zu den Wissenschaftlern, die wir ihren Instrumenten überließen, während wir übrigen uns zur großen Panoramafront begaben. Der leere Kosmos lag vor uns, in einer Leere, die nie zuvor eines Menschen Herz bedroht hatte. Die Große Mauer lag hier in unserem Rücken. Das tiefe Gähnen des extragalaktischen Raumes öffnete sich vor uns. Eine Schwärze, wie sie im Inneren der Milchstraße nirgends anzutreffen ist, verhüllte weite Bereiche der Aussicht. Wir starrten ins blinde Nichts. In einiger Entfernung trieben die Galaxien der Lokalen Gruppe durch die uferlose Nacht. Andromeda flackerte wie eine Kerzenflamme, die man durch ein milchiges Glas betrachtet, gleich daneben drehte sich die Milchstraße, wobei ihre Bewegung so gemächlich war, dass man einige Millionen Menschenleben hätte ausharren müssen, um die Vollendung eines Umlaufs zu erleben.

Die Milchstraße von außen zu sehen, das war bis vor einigen Monaten ein Traum, den kein Mensch ernsthaft unter seiner Schädeldecke ausbrüten konnte. Die weiträumigsten Bewegungen, die die MARQUIS DE LAPLACE als größtes und schnellstes Schiff der Union ausgeführt hatte, waren auf die solare Region beschränkt gewesen. Sie führten zum nächsten und übernächsten Nachbarstern und beschrieben einen Radius, der jetzt mit bloßen Auge nicht mehr innerhalb der gläsern schimmernden Spiralarme auszumachen war. Jetzt sahen wir die ganze Struktur von außen, deren Durchquerung das Licht mehr Zeit kostete, als der Aufstieg vom Neandertaler zum Homo Astralis gedauert hatte.

»Zehn Sekunden«, verkündete Frankel.

Dann zählte er den Countdown. Als er bei Null angekommen war, geschah überhaupt nichts. Schmerzhafte Stille wuchs auf der Brücke, während irgendwo ein paar Instrumente klickten und das Brummen der Feldgeneratoren, das man für gewöhnlich nicht wahrnahm, hörbar wurde. Wir starrten in den Abgrund von Leere. Ein Lichtsignal hätte vor dem Auftreten der ersten Hominiden ausgesandt werden müssen, um uns hier und heute zu erreichen, und wenn wir jetzt einen Funkspruch losschickten, würde er auf eine Erde treffen, auf der die Kontinente nicht mehr die uns bekannte Form und Lage hätten.

Noch hielten alle den Atem an. Nicht einmal ein Fluch oder Stöhnen der Enttäuschung wurde laut. Die Zeit schien dadurch still zu stehen. Aber tatsächlich eilte sie weiter und vernichtete unsere Hoffnung auf einen baldigen Abschluss der Erprobungsphase.

Plötzlich, als sei der Sternenraum nur eine Spiegelung in einem flachen Weiher, in den eben ein Regentropfen gefallen war, lief eine konzentrische Störung über das Bild. Der Anblick der Galaxien wellte sich. Aus der punktförmigen Mitte der Erscheinung brach eine Explosion von Licht. Die Scheiben verstärkten selbsttätig die Polarisation, wodurch alle Sterne unsichtbar wurden außer dem einen, der selbst durch die Abschirmung hindurch blendete. Impulsiv hatten wir alle die Hände vors Gesicht gehoben und waren einen Schritt zurückgetreten. Ich hörte, wie die Feldgeneratoren aufdröhnten. Dann taumelte das Schiff, wie von einer gewaltigen Breitseite getroffen. Ein Energieausbruch von unvorstellbarer Heftigkeit warf den Zwölf-Kilometer-Titan-Corpus der MARQUIS DE LAPLACE auf die Seite wie ein schwerer Brecher eine Nussschale. Ionenentladungen brannten vor den verdunkelten Scheiben auf und spannten Strahlungsschnüre von den Antennen des Schiffes zu auskragenden Aufbauten. Ein rosafarbenes, von blaugrünen Höfen durchsetztes Halo detonierte am Generatorschild der MARQUIS DE LAPLACE. Die künstliche Schwerkraft ließ uns in die Knie gehen, als sie verhinderte, dass wir im Raum herumgeschleudert wurden. Die virtuellen Gyroskope schrien bei dem Versuch, das sich windende Schiff zu stabilisieren.

»Verdammt«, knurrte Reynolds.

»Heilige Scheiße«, fluchte Dr. Rogers. »Können Sie Ihre Fehlversuche nicht wenigstens durchführen, ohne uns alle um Kopf und Kragen zu bringen?!«

Wir kämpften den Schwindel nieder und kniffen die Augen zu, auf denen noch die Nachglut der Explosion tanzte. Das Schiff rollte selbstständig in die ursprüngliche Position zurück, während die Automatik die Polarisation der Scheiben wieder aufhob. Plasmatische Entladungen zeichneten noch den für gewöhnlich unsichtbaren Cocon des Generatorfeldes nach, das das Schiff umgab und es gegen kosmische Strahlung abschirmte.

»Was ist passiert?«, fragte Jennifer.

Sie hatte den Schock als erste abgeschüttelt und ging zur Schadensanalyse über. Während Rogers sich von seinen Adjutanten über den Zustand des Schiffes informieren ließ und dann sämtliche Stationen rief, um sich zu vergewissern, dass die MARQUIS DE LAPLACE den Vorfall unbeschadet überstanden hatte, scharten wir uns um Reynolds und Frankel, die sich über ihre Konsolen beugten, wo das Ereignis in die Sprache der Mathematik übersetzt wurde.

»Um Himmels Willen«, stieß Jennifer nach einer Weile aus. »Sie haben eine instabile Singularität geöffnet.«

Frankel nickte in grimmigem Schweigen, aus dem ich so etwas wie hybriden Stolz herauszuhören glaubte. Auch ein Gott kann einmal danebenhauen, schien seine gefasste Miene zu sagen.

»Der Warpkorridor war nicht phasenkonstant«, stellte Reynolds fest. »Dadurch ist die Sonde zu Strahlung verglüht.«

Eine Stunde später trafen wir uns zur Besprechung in der Großen Messe. Wir hatten uns inzwischen vergewissert, dass die externen Strahlungswerte wieder auf normal heruntergegangen waren und dass das Schiff keine Schäden davongetragen hatte. Dennoch war es knapp gewesen. Den Gedanken, was geschehen wäre, wenn die MARQUIS DE LAPLACE in Mitleidenschaft gezogen worden wäre, ließ keiner in sich aufkommen. Wir waren auf Gedeih und Verderb auf dieses Schiff angewiesen. Wie eine Arche barg es in seinen Spanten aus Titanstahl alles, was wir zum Leben benötigten. Und um uns herum gab es buchstäblich nichts. In diesem Nichts aber hatte sich für Sekundenbruchteile ein Korridor geöffnet und eine Monstrosität aus reiner Energie ausgespien. Jetzt hatte sich dieser Schlund wieder geschlossen. Die Gleichförmigkeit des Vakuums war wiederhergestellt. Die Finsternis, die uns umflutete, war nur von pulsierender Röntgenstrahlung und polarisierten Gammawellen erfüllt. Es gab zwei oder drei Wasserstoffatome pro Kubikmeile, aber auf Billiarden Kilometer keine Massenansammlung, die schwerer gewesen wäre als hundert Wasserstoffatome, und auf Millionen Lichtjahre nichts, woran wir im Notfall hätten festmachen können. Wir trieben auf einem Meer, in dem es nicht Inseln noch Kontinente gab, dessen Wasser untrinkbar war und über dem sich ein luftleerer Himmel wölbte. Die Taube, die wir ausgesandt hatten, war vor unseren Augen vom Blitz zerrissen worden, der aus dem schwarzen Firmament geschleudert kam.

»War die Sonde denn im Inneren der Milchstraße?«, erkundigte sich Laertes.

Er rührte in seinem Jadetee und nickte der Ordonnanz freundlich und zerstreut zu, als sie ihm ein Schälchen Diamantzucker reichte.

»Das wissen wir nicht«, gab Reynolds gereizt zurück. »Wie Sie vielleicht gesehen haben, ist sie vor unseren Augen zu Strahlung verglüht. Einige Milliarden Terawatt in hochionisierten Partikeln.«

Er zündete sich eine Qat-Zigarette an und inhalierte den Rauch in einem tiefen Lungenzug. Ich überlegte, wann ich ihn das letzte Mal rauchen gesehen hatte.

»Ihre Masse muss vollständig in Energie umgewandelt worden sein«, fiel Dr. Frankel ein. »Immerhin zwanzig Tonnen ...«

Laertes ließ sich nicht irremachen. Er blies den hellgrünen Dampf von der Tasse, trank einen Schluck und fasste dann die beiden Wissenschaftler ins Auge.

»Sie scheint sich doch auf dem Rückweg befunden zu haben ...«

Reynolds schüttelte nur den Kopf und überließ es Frankel, darauf zu antworten.

»Dieser Eindruck drängt sich einem auf«, sagte der Stellvertretende Leiter der Planetarischen Abteilung, »aber er könnte trügen. Der Warpkorridor könnte auch von einer Gravitationsanomalie gespiegelt worden sein.«

»Immerhin«, warf Jennifer ein, »wurde der vorausberechnete Termin bis auf einige Sekunden eingehalten. Das deutete doch darauf hin, dass die Sonde ihr Ziel erreichte und nur bei der Rückkehr nicht funktionierte.«

Sie hatte die Beine übereinandergeschlagen, die Lehne des gravimetrischen Sessels zurückgefahren und nippte an ihrer Brokkolimilch.

»Wir verstehen diese Vorgänge noch viel zu wenig«, seufzte Reynolds. »Dass an Bord dieses Schiffes ungefähr die vorausberechnete Zeit verstrichen ist, hat nichts zu heißen. Wir werden den Strahlungsblitz nach allen Regeln der Kunst analysieren, aber ich erwarte davon nicht, dass wir erfahren, ob der Warpantrieb wenigstens in einer Richtung funktioniert hat und ob die Sonde der Erde nahe gekommen ist.«

Svetlana, die auf der Armlehne von Wiszewskys Sessel hockte und sich an seine Seite schmiegte, wurde zusehends unruhig. Sie flüsterte dem Commodore etwas ins Ohr, aber dessen einzige Reaktion bestand darin, zur Runde hin zu nicken. Das schien sie als Aufforderung zu verstehen, ihr Anliegen der Allgemeinheit vorzutragen.

»Verstehen Sie mich nicht falsch«, wandte sie sich daraufhin an die beiden federführenden Wissenschaftler. »Aber was ist denn daran so schwierig? Ich meine – die MARQUIS DE LAPLACE hat diese Strecke ja auch zurückgelegt und unsere Explorer wurden erfolgreich auf Warpantrieb umgerüstet ...«

Reynolds starrte vor sich hin, als habe er ihre Frage nicht gehört. Auch Frankel ließ den Antrag an sich abtropfen. Ich suchte Jennifers Blicke, aber sie hasste die Komarowa erklärtermaßen, seit sie ihr zum ersten Mal begegnet war, und hielt der Stille, die sich auf der Messe ausbreitete, gelassen stand. Es war klar, dass sie sich nicht zu einer Auskunft verstehen würde, auch wenn sie nach den beiden Physikern diejenige war, die die Materie am ehesten durchschaute, und obwohl zu vermuten stand, dass Wiszewsky seine Geliebte nur vorgeschickt hatte, um einen Bericht einzuholen, den von Amts wegen einzufordern er zu träge war.

»Die MARQUIS DE LAPLACE«, begann ich zögernd, »und auch die ENTHYMESIS-Explorer verfügen über Reaktorleistungen, die die der Lambda-Sonden um ein Vielfaches übersteigen. Daher können sie Warpkorridore von wesentlich größerer Stabilität öffnen. Paradoxerweise gestaltet sich der Warpantrieb umso einfacher, je größer und massereicher ein Objekt ist, und umso schwieriger, je kleiner es ist.«

»Die delta-epsilon-Faktoren der Feldgeneratoren sind unterhalb der kritischen Energiemassendichte zu fluktuant«, warf Reynolds ein. »Die Einsteinkonstante erfordert ein minimales Nanogewicht, ohne die die Krümmungskongruenz nicht die nötige Affinität erhält.«

»Na schön«, brummte ich. »So kann man es auch sagen.«

Wider willen steckte Reynolds Gereiztheit mich an. Dann sollte er eben die Klappe halten oder es uns erklären! An Bord der ENTHYMESIS hätte ich ihn zusammengeschissen und eine anständige Meldung gefordert. Ich begriff nicht, dass Wiszewsky sich das bieten ließ.

»Ein Schiff braucht einen gewissen Tiefgang«, kam Frankel jetzt zu Hilfe. »Wenn es zu leicht ist, wird es von den Wellen umgeworfen.«

Es war klar, dass das nur ein sehr verallgemeinerndes Bild war, aber man konnte sich doch etwas darunter vorstellen. Reynolds freilich suhlte sich in seiner Unverständlichkeit. Er spielte das Genie, das in seinem stummen Leiden bedauert werden wollte.

Jennifer las mir meine Gedanken an der Stirne ab. Sie vertrug es nicht, wenn ich Reynolds zurechtwies. Die Gereiztheit in der Messe nahm immer mehr zu. Die Atmosphäre schien elektrisch geladen. Noch ein falsches Wort, und wir würden uns anschreien oder aufeinander losgehen. Es waren erst wenige Monate, seit wir uns in diese äußerste Einsamkeit geflüchtet hatten, und schon standen wir im Begriff, einen Gruppenkoller zu entwickeln, wie er für ein isoliertes Lagerleben charakteristisch war.

»Warum bauen wir dann nicht einfach größere Sonden?«, fragte die Komarowa schnippisch.

Sie räkelte sich an Wiszewskys Seite und weidete sich im Bewusstsein ihrer Unangreifbarkeit an der geladenen Stimmung, die sich zwischen uns ausbreitete.

»Die Ressourcen an Bord dieses Schiffes sind begrenzt«, grunzte Rogers, der sich zum ersten Mal in die Debatte einschaltete. »Wir haben in den letzten Monaten bereits fünf Lambda-Sonden verloren. Wenn wir so weitermachen, wird das Kleine Drohnendeck verwaist sein, und es gibt keine Möglichkeit, auch nur ein Kilo Eisenerz oder Silizium aufzunehmen.«

Der Commodore schob seine Gespielin von sich. Sie purzelte von der Seitenlehne seines schweren gravimetrischen Sessels, sprang auf die Füße und lehnte sich schmollend über das breite Rückenpolster.

»Nun malen Sie mal den Teufel nicht an die Wand«, herrschte er den Obersten Planetologen an. »Dieses Schiff ist für Jahrzehnte autark. Nur weil wir ein paar Sonden verschossen haben, müssen wir nicht den Notstand ausrufen.«

Erstaunlicherweise fühlte sich Reynolds, der durch die Bemerkung in Schutz genommen werden sollte, zu einer Rechtfertigung herausgefordert.

»Mir ist bewusst«, sagte er, »dass diese Experimente kostspielig sind und dass sie bislang noch nicht zu den Ergebnissen geführt haben, die wir uns alle wünschen würden. Aber die genaue Analyse des heutigen Ereignisses wird uns mit Sicherheit wieder ein gutes Stück voran bringen.«

»Wie lange?«, fragte Rogers nur.

Reynolds zuckte mit den Achseln.

»Wir sind uns«, meinte Dr. Frankel, »doch wohl einig, dass der Faktor Zeit in unserer Situation keine Rolle spielt. Deshalb sollten wir die Berechnung lieber in der erforderlichen Präzision durchführen und den nächsten Versuch um einige Wochen ...«

Er kam nicht dazu, seinen Satz zu Ende zu bringen.

»Ich teile Ihre Prämisse nicht«, knurrte sein Vorgesetzter kategorisch. »Wir wissen nicht, was in den letzten Monaten auf der Erde geschehen ist und wie die nächsten Schritte der Sineser aussehen. Jeder Tag, den wir verstreichen lassen, kann das Schicksal bereits besiegeln.«

Man hörte das feine Klirren einer Teetasse.

»Mit Verlaub«, mischte Laertes sich ein. »Mit der Entscheidung, uns in diese abgelegene Region zu begeben, haben wir darin eingewilligt, die Menschheit sich selbst zu überlassen. Wir sollten diesen Schritt auch innerlich vollziehen und uns nicht einreden, dass wir noch für das dortige Geschehen verantwortlich wären.« Er goss sich Tee nach und ließ zwei Stückchen Diamantzucker in die Porzellantasse fallen. »Wenn wir so tun, als hätten wir einer neuerlichen sinesischen Aggression etwas entgegenzusetzen, können wir andererseits nicht erklären, warum wir uns überhaupt davongemacht haben.«

»Worauf wollen Sie hinaus?«, fragte Dr. Rogers kalt.

In seinen eisgrauen Augen funkelte der Zorn des Generals a.D., der Widerspruch seit einigen Jahrzehnten nicht mehr gewohnt war.

»Darauf«, sagte Laertes konziliant, »dass wir uns mit unserem Exil hier abfinden sollten. All’ das Getue um die Sonden entspringt doch nur der Langeweile und der Neugier. Wir haben schon so lange keine Nachrichten mehr von daheim gesehen! Aber was würden wir denn machen, wenn wir einen Hilferuf auffingen, dass die Sineser mit Annihilationswaffen angreifen?«

»Das können wir entscheiden, wenn es soweit ist«, schaltete Wiszewsky sich aufgebracht ein.

Der Vorwurf der Passivität traf ihn besonders schmerzlich, seit er mit dem größten Schiff, über das die Menschheit verfügte, im Neptun-Orbit festgesessen war und sich nicht an den Evakuierungsmaßnahmen für die bedrohte Menschheit hatte beteiligen können. »Wir sollten das Sondenprogramm zügig vorantreiben, um mit der Erdbevölkerung in Kontakt treten zu können.«

Reynolds und Frankel nickten zufrieden. Das bedeutete, dass ihnen weiterhin sämtliche personellen und materiellen Ressourcen der MARQUIS DE LAPLACE zu uneingeschränkter Verfügung standen. Laertes zwinkerte mir listig zu.

Einige Tage nach dieser Besprechung begab ich mich auf das Kleine Drohnendeck. In den glücklichen Zeiten, da wir noch regelmäßig mit der ENTHYMESIS zu Explorationen aufgebrochen waren, hatten wir uns selten hierher verirrt. Die Explorer waren in den Hangars des Großen Drohnendecks geparkt, das sich zwei riesige MARQUIS DE LAPLACE-Segmente weiter zum Bug hin befand. In letzter Zeit hatten sich die Aktivitäten jedoch zum Kleinen Drohnendeck verlagert, denn hier wurden die Shuttles, Drohnen und Robotsonden aufbewahrt, gewartet, programmiert und instandgesetzt. Das Kleine Drohnendeck hatte seinen Namen auch nicht deshalb, weil es äußerlich hinter den Abmessungen des Großen Drohnendecks zurückgestanden hätte. Beide Hallen waren mit jeweils über anderthalb Kilometern Länge, dreihundert Metern Breite und einer lichten Höhe von einhundertzwanzig Metern in etwa gleich geräumig. Nur dass sich im Großen Drohnendeck die bulligen ENTHYMESIS-Explorer befanden, während es hier das fliegerische Kroppzeug war, kleinräumiges Fluggerät, von dem keines über einhundert Bruttotonnen aufwies. Und da im Großen Drohnendeck die Explorer die gesamte Breite des Decks einnahmen, ihre klobigen Stelzfüße, seitlich versetzt, den Durchblick entlang der Längsachse verstellten und der Fußgänger nur bis zu den Rampen und Schleusen ihrer schartigen Bauchseiten aufsehen konnte, wirkte das Kleine Drohnendeck sogar weiträumiger, denn hier gab es nichts, was größer gewesen wäre als ein Mannschaftsbus, sodass die ganze kilometerlange Halle auf einen Blick überblickt werden konnte.

Deshalb entdeckte ich auch sofort, wonach ich suchte, und machte mich mit zielstrebigen Schritten auf den Weg dorthin. Ich musste das Deck in der Diagonale durchqueren, war also auch in zügigem Marschtempo zehn Minuten unterwegs. Die Absätze meiner Stiefel knallten auf den nackten Titanstahlplanken und hallten in dem weiten Raum wider. Den Scooter, den mir ein junger Officer vom Wachpersonal anbot, lehnte ich dankend ab. Es gehörte zum ungeschriebenen Codex der Fliegenden Crew, die immensen Strecken an Bord des Mutterschiffes zu Fuß zurückzulegen, wenn nicht gerade eine Alarmsituation bestand. Vor mehreren Jahrzehnten hatte ein Mannschaftsarzt herausgefunden, dass diese strammen Märsche der allgemeinen Fitness mehr zugute kamen als jedes andere Training, der Kommandant hatte darauf alle Laufbänder, Gleiter und sonstigen Beförderungssysteme demontieren lassen, und nun wagte es niemand, die Abschaffung des Fußgänger-Credos vorzuschlagen und sich damit als Schwächling zu erkennen zu geben. An einem geschäftigen Tag bekam man einiges an Kilometern zusammen, man verbrachte mehrere Stunden damit, in forciertem Tempo von einem Deck zum anderen zu stiefeln, und war doch nur entlang der Taille unseres Mutterschiffes unterwegs, in den Segmenten III bis VII.

Die MARQUIS DE LAPLACE, die über alles zwölf Kilometer maß, von der Schnauze bis zur Heckflosse zu durchqueren, hätte einen strammen Tagesmarsch bedeutet, da sich nicht alle Decks wie hier in der Ideallinie durchschreiten ließen. Man blieb also in Bewegung, und das förderte nicht allein die körperliche Fitness, sondern kam auch der mentalen zugute, es beugte Depressionen vor und verhinderte die charakteristischen Symptome des Stumpfsinns und der Aggression, die sich sonst bei einer Population gezeigt hätten, die über lange Zeiträume in einem begrenzten Habitat, bei künstlichem Licht und synthetischer Atmosphäre und monatelanger Beschäftigungslosigkeit eingesperrt war.

Ich sah also schon von weitem die kleine Gruppe von Wissenschaftlern, Ingenieuren, Wachleuten und Technikern, die sich in einem abgesperrten Quadranten der heckwärtigen Backbordseite um eine ausgeweidete Lambda-Sonde scharte. Der fünfzehn Meter hohe, silberglänzende Zylinder stand aufrecht im Kraftfeld eines schlanken Serviceturms. Um das konische, schwarze Ionentriebwerk versammelten sich etwa zwanzig Personen und einige Wartungsroboter, die mit ausgefahrenen Sensoren auf die Anweisungen der Mechaniker warteten, auf die sich konditioniert waren. Etwas abseits, aus einem geringen Abstand zu dem eleganten Stahlkörper aufsehend, erblickte ich Dr. Frankel im Laborkittel und WO Reynolds, der ein flaches HoloBoard in der Hand hielt.

Bei ihnen befand sich auch Jennifer, die, das Haar zu einem wippenden Pferdeschwanz zusammengebunden, mit elastischen Schritten zwischen den beiden federführenden Wissenschaftlern und der Gruppe der Techniker hin und herging. Sie war die einzige Frau in dieser konspirativ wirkenden Männerrunde, und vielleicht wirkte sie deshalb ein bisschen wie ein Bub, der sich auf der Straße unter einen Trupp Bauarbeiter mischte und sich ihre zyklopischen Maschinen besah. Allerdings verstand sie von dem Fluggerät, das hier zu modifizieren und zu voller Warpfähigkeit aufzurüsten war, mehr, als die Masse der herumstehenden Männer, Frankel nicht ausgenommen, der im Augenblick eher ratlos zwischen Reynolds’ Board und der aufgeklappten Apparatur und ihrem verwirrenden Innenleben hin und hersah.

Ich schritt mitten in die Gruppe hinein. Die Mechaniker traten respektvoll auseinander, während die Angehörigen der fliegenden Crew einen förmlichen Gruß andeuteten. Seit unserem Hasardflug zum Jupiter, den wir mit Antimaterie-Granaten beschossen hatten, umgab uns ein heiligmäßiger Nimbus.

»Guten Morgen, Commander«, begrüßte mich Sergeant Taylor, der in der Gruppe der Techniker und Ingenieure stand und wild gestikulierend mit einigen anderen Männern über das weitere Vorgehen diskutierte.

Ich erwiderte seinen Gruß und erkundigte mich nach seinem Wohlergehen.

»Ausgezeichnet«, lachte er und hob die linke Hand, mit deren Fingern er auf einer unsichtbaren Klaviatur ein paar rasche Läufe und Triller spielte.

Ich hörte die Servos, die in seinem Unterarm arbeiteten, aber ansonsten war der Eindruck vollkommen. Nach unserer Rückkehr auf die MARQUIS DE LAPLACE hatte er sich mehreren schmerzhaften Operationen und einer mehrmonatigen Rehabilitation unterziehen müssen. Man hatte von der Schulter abwärts sämtliche Muskeln, beinahe alle Sehnen und einen Teil des Skeletts ersetzen müssen. Mittlerweile bewegte er die sensorielle Prothese aber mit einer Gewandtheit, mit der nur wenige Menschen sich ihrer gewachsenen Gliedmaßen bedienen können.

Sowie er die Rekonvaleszenz hinter sich gebracht hatte, suchte er sich nach Kräften nützlich zu machen. Er war ausgebildeter Generatormechaniker, der für den Fuhrpark der Basis zuständig gewesen war. Jetzt trat sein Talent zutage, und er stieg rasch zu einem der führenden Mitglieder in der technischen Crew des neuen Sondenprogramms auf. Wenn Rogers ihm im Kleinen Drohnendeck oder auf einem der langen Gänge begegnete, pflegte er ihm die Pranke auf die Schulter zu hauen, dass die Servos und Nano-Generatoren darin keuchend quietschten.

»Mensch Taylor«, brummte er dann. »Ich kann immer noch nicht begreifen, dass einer wie Sie beim Bodenpersonal versauern konnte. Wenn es das einzige Resultat des Weltuntergangsbeschusses gewesen sein sollte, dass Sie zu uns gestoßen sind, dann war es das schon wert!«

Taylor lächelte dann bescheiden und stürzte sich mit neuem Eifer in die Arbeit.

»Wie geht es voran?«, erkundigte ich mich jetzt.

Er zuckte mit den Achseln und strahlte mich auf seine jungenhafte Art an.

»Schwierig«, grinste er. »Die Sonden sind entweder zu klein oder zu groß, je nachdem, wie man es sieht. Im Grunde bräuchten wir den Generator eines großen Schiffes. Wir müssten den Reaktor eines ENTHYMESIS-Explorers in das Triebwerk einer Lambda-Sonde packen, um sie warptauglich zu machen.«

»Verstehe«, nickte ich, »aber der Reaktorblock eines Explorers ist dreimal so groß wie die ganze Sonde ...«

Anstelle einer Antwort strahlte er wieder über das ganze Gesicht und schlug den Zykloschraubenschlüssel in die Handfläche. Er war hier so sehr in seinem Element, dass das Ergebnis für ihn ganz sekundär war. Dazuzugehören und an der Sache mitarbeiten zu können, war die Erfüllung seines Lebens.

»Es ist unglaublich«, sagte er. »Verglichen mit den Feldgeneratoren der zwei- und viersitzigen Gleiter, mit deren Wartung ich in Pensacola betraut war, ist eine solche Sonde eine Höllenmaschine. Und wir sind damit beschäftigt, ihr Potential um das Tausendfache zu erweitern.« Er warf die Arme in die Luft. »Es ist, als wären mir in den letzten Monaten neue Organe und Gliedmaßen gewachsen!«

Die Servos in seinem Ellbogen surrten. Ich klopfte ihm anerkennend auf die Schulter, wobei ich die Seite wählte, von der ich wusste, dass sie noch vollständig aus Fleisch und Blut bestand. Dann wandte ich mich der aufgebockten Sonde zu, die mit offenliegendem Innenleben vor uns stand. Die roten Markierungen von Lichtschnüren teilten den Bereich ab, der nicht betreten werden durfte. In seiner Mitte erhob sich, fünf Stockwerke hoch, der spindelförmig zulaufende Zylinder, der von einem unsichtbaren Kraftfeld stabilisiert wurde. Zwischen drei und zehn Metern Höhe war die Außenverschalung der Sonde entfernt. Man sah den anthrazitfarben schimmernden Warpkern, eine kompakte Spule, deren Feldstärke ausgereicht hätte, das gesamte Drohnendeck in eine Nussschale zu pressen.

»Schmeißt alles raus«, brüllte Reynolds eben über die Köpfe der Männer hinweg, die auf neue Anweisungen warteten. Er war kaum wiederzuerkennen. In den vergangenen Monaten war er noch hagerer geworden. Unter den Backenknochen wirkten die eingefallenen Wangen hohl, und selbst der kurzgeschnittene rötliche Bart überdeckte seine blauschwarze Gesichtsfarbe nur unzureichend. Die Augen lagen tief in den entzündeten Höhlen. Aber der sonst zum Nuscheln neigte und seine Kommuniqués gedehnt, in näselndem Tonfall vorzutragen pflegte, donnerte seine Kommandos mit Stentorstimme über seine Mannschaften hinweg, dass die kilometerweite Halle davon widerhallte.

»Das Ding muss mindestens drei Meter kürzer und fünf Tonnen leichter werden«, rief er. »Als Nutzlast genügt ein Kommunikator!« Er hielt seinen Handkommunikator in die Höhe, über dessen daumengroßem Display ein HoloBild der Lambda-Sonde schwebte. »Wir brauchen keine Instrumente und keine Sensoren. Eine Kommunikationseinheit genügt. Dafür müssen wir uns die Spule noch einmal genau anschauen. Die Feldkrümmung muss um sinusP verstärkt werden!«

Die Männer machten sich sofort an die Arbeit. Zwei Mechaniker betraten die Absperrung. Sie aktivierten ihre AntiGrav-Tornister, die die künstliche Schwerkraft an Bord egalisierten. So schwebten sie zur Spitze der Sonde hinauf. Ihre Service-Roboter, die wie folgsame Hündchen reagierten, rollten an den Stahlzylinder heran. Sie fuhren lange Schweißarme aus und begannen unter der Aufsicht der beiden Techniker ein drei Meter hohes Segment aus der Titanhülle der Sonde herauszuschweißen. Andere Arbeiter kletterten in das Fluggerät hinein und demontierten die serienmäßig dort eingebauten Instrumente. Es war absurd. Ein tonnenschwerer Generator mit dem Energiebedarf einer mittleren Stadt war nötig, um eine handtellergroße Kommunikationseinheit mit ein paar Bildschirmseiten Information zu befördern. Freilich würde die Kommunikationseinheit mit mehr Information gefüttert werden, als die extrasolare Exploration der letzten Jahrzehnte zutage gefördert hatte. In den wenigen Monaten unserer Dislozierung waren schon mehrere tausend neue Galaxien kartiert worden, von den flugdynamischen Erfahrungen eines Aufenthaltes Millionen Lichtjahre jenseits des Andromedanebels zu schweigen.

Ich begab mich zu den federführenden Wissenschaftlern, bei denen sich jetzt auch Jennifer befand.

»Wie ich sehe, machen Sie Fortschritte«, begrüßte ich sie im Tonfall eines Vorgesetzten, der eine Arbeitsgruppe seiner Untergebenen inspiziert. Das war ich eigentlich nicht, aber Reynolds ließ sich dennoch zu einem Briefing hinreißen.

»Das täuscht«, sagte er matt. »Linear ausgedrückt müssen wir die Leistung des Feldgenerators um den Faktor eintausend steigern, ohne dass Gewicht oder Energieverbrauch dabei signifikant ansteigen dürfen. Aber faktisch ist es noch viel komplizierter. Der Krümmungskoeffizient ...«

Ich winkte ab. »Geben Sie sich keine Mühe. Aber wenn ich Ihnen von Nutzen sein kann, lassen Sie es mich wissen.«

Reynolds schwieg irritiert. Seine tiefliegenden Augen flackerten nervös. Wie alle Wissenschaftler konnte er nicht begreifen, dass die Details irgendjemandem nicht nur nicht präsent waren, sondern ihn auch nicht interessierten.

»Danke, Commander«, sagte er verwirrt.

Jennifer erläuterte die Fortschritte, die die Mechaniker unterdessen machten. Die Verschalung wurde im oberen Drittel der Sonde vollständig entfernt. Weitere Roboter schwebten zu dem tragenden Stahlskelett hinauf und begannen damit, es ebenfalls zu demontieren. Der gesamte Zylinder wurde um ein Fünftel seiner Länge gestutzt, wobei er seiner Eleganz im Wesentlichen verlustig ging. Kabelbäume, Platinen, sekundäre Generatoren und Steuerungsinstrumente wurden extrahiert und auf automatischen Gleitern davongefahren.

»Wenn ich es recht verstanden habe«, sagte ich zu Jennifer, »hängt es vor allem an der Generatorspule. Wollt ihr sie neu gießen?«

Sie zog mich ein paar Schritte abseits und zischte mir dann so schnell und erregt ins Ohr, das ich kein Wort verstand, sondern nur die rasche warme Bewegung ihrer Lippen spürte. Indem wir uns, untergehakt wie ein turtelndes Pärchen, weiter entfernten, brachte ich sie dazu, sich wieder wie ein erwachsener Mensch zu benehmen.

»Das ist der Punkt, über den wir seit Tagen im Dissens sind«, schimpfte sie. »Reynolds ist der Meinung, man kann es ausschließlich über die Programmierung schaffen, während Frankel einen neuen Kern konstruieren will.«

Wie von ungefähr hatten wir einen anderen Versuchsstand zwischen uns und die anderen gebracht. Sie blieb stehen und fasste mich am Arm. Dann sah sie mir fest in die Augen und sprach leise, aber deutlich, wie bei einer geheimen Instruktion.

»Ich habe angeboten, dass wir einen Probeflug mit der ENTHYMESIS unternehmen, um das Warp-Verhalten kleinerer Schiffe noch besser studieren zu können. Außer den beiden kurzen Trips vom Neptun zur Erde und zurück, haben wir selbst bei den Explorern noch keine Erfahrung, und jetzt gehen wir zu einer Sonde, die ein Tausendstel der Masse hat, und wollen sie gleichzeitig über eine ungleich größere Distanz springen lassen ...«

Die ENTHYMESIS – das war eigentlich die ENTHYMESIS II, das Schwesterschiff unseres alten Explorers. Die ENTHYMESIS II war baugleich. Dennoch war es nicht dasselbe. Um den schmerzlichen Verlust zu übertünchen, hatten wir kurzerhand die II im internen Sprachgebrauch gestrichen.

»Wenn es euch in der Sache weiterbringt«, sagte ich.

Ein wenig Abwechslung konnte uns allen gut tun. Ich hatte den Warpsprung der ENTHYMESIS als halbohnmächtiger Passagier mitgemacht und hätte die Erfahrung gerne im Vollbesitz meiner Kräfte und Kommandant wiederholt. Nebenbei vermutete ich, dass auch Jennifers Vorschlag von dem Hintergedanken geleitet worden war, sich als Pilotin erste Sporen im Umgang mit der neuartigen Warptechnologie zu verdienen.

»Hast du mit Rogers darüber gesprochen?«, fragte ich arglos.

»Nein!«, zischte sie. Sie lugte um das vergessene Lambda-Ionentriebwerk herum, das auf dem Versuchsstand hing. »Natürlich nicht. Ich sagte doch, dass Reynolds seinen Ehrgeiz in seine Rechenkünste gelegt hat. Und Frankel würde sich lieber einen Arm abhacken, als die Initiative aus der Hand zu geben.«

»Aber wenn es uns alle in der Sache weiterbringen könnte«, versuchte ich kraftlos.

Sie sah mich entgeistert an und atmete schwer durch.

»Das wirst du nie verstehen«, stellte sie sachlich fest.

Sie packte mich am Arm und schob mich um den Versuchsstand herum.

»Wird Zeit, dass wir zurückkehren«, knurrte sie. »Sonst schöpfen sie noch Verdacht!«

Zu dieser Zeit traf ich mich des öfteren mit Laertes in der Sky Lounge. Wir hatten unseren jour fixe, und meistens war er schon da, wenn ich aus dem Fahrstuhl trat. Er schlürfte seinen mit Diamantzucker gesüßten Jadetee, strich sich den weißen Bart und schäkerte mit den Ordonnanzen, die hier die cremeweißen Uniformen des Bodenpersonals trugen. Eine hatte es ihm besonders angetan, die er immer wieder heranrief, um sich daran zu weiden, wie sie sich schlank und schmiegsam zwischen den niedrigen Tischchen hindurchwand. Sie war hübsch, hatte zitronenblondes Haar und spielte das Spiel bereitwillig mit. Wenn er sie um eine Handreichung bat, blinzelte sie ihn mit ihren saphirenen Augen an und lächelte, als habe sie ihm auch diesen Wunsch längst von den Lippen abgelesen. Als ich an Laertes Platz herantrat, hatte sie ihm gerade ein Tässchen Tee gebracht und ein Porzellanschüsselchen mit Seidengebäck vor ihn hingestellt. Sie begrüßte mich schneidig.

»Guten Abend, Commander. Wie immer?«

Ich nickte, verfolgte wohlwollend, wie sie davonschnürte, und überlegte mir, wie alt sie sein mochte. Vermutlich gehörte sie der Generation an, die an Bord dieses Schiffes geboren worden war. Sie war hier aufgewachsen und ausgebildet worden und hatte die Erde niemals betreten, die sie nur von Holo-Filmen und als verschwommenes Fernbild aus dem Abstand mehrerer Astronomischer Einheiten kannte. Ich ließ mich neben Laertes in den gravimetrischen Sessel fallen, dessen Korb-Imitation bemüht war, eine Art von kolonialem Flair zu verbreiten. Während ich auf meinen Drink wartete, sah ich mich in der Sky Lounge um. Einige Tische entfernt, im Schutz einer Gruppe von Wasserpalmen, steckte ein junges Pärchen die Köpfe zu ausdauernden Küssen zusammen. An einem dritten Tisch saßen zwei Techniker, die sich über ihre HoloBoards gebeugt hatten und sich über irgendwelche Berechnungen austauschten. Das waren die einzigen Gäste. Hinter dem Tresen standen die Ordonnanzen beisammen und plauderten halblaut, obwohl das eigentlich verboten war. Die Bar, die Tische und die Pflanzeninseln waren gedämpft erleuchtet. Leise Musik tönte aus unsichtbaren Lautsprechern. Und über allem wölbte sich die Kuppel aus durchsichtigem Elastalglas, dessen Polarisation vollständig aufgehoben war, sodass man den menschenleeren Kosmos sah. Die Kleine brachte meinen Scotch, ich prostete Laertes wortlos zu und nippte den ersten Schluck. Dann sah ich wieder zu der Kuppel hinauf und ließ den Anblick auf mich wirken.

»Die Einsamkeit des Menschenherzens vor dem Weltenall«, sagte Laertes.

Ich lächelte schmerzlich. Wir sahen die östlichen Ausläufer der Großen Mauer. Tausende von Galaxien, die eine opaleszierende Superstruktur bildeten. Und jeden Tag katalogisierten die Instrumente der MARQUIS DE LAPLACE Dutzende an neuen Milchstraßen und Nebeln.

»Gewaltig, nicht wahr?!«, schmunzelte der alte Chefideologe und strich sich den weißen Bart.

»Ja«, sagte ich. »Wir haben es weit gebracht.«

Der ätzende Sarkasmus in meiner Stimme berührte mich unangenehm.

»Mhm«, machte Laertes. »Man weiß nicht, ob man Stolz oder Angst empfinden soll.«

Wir schwiegen wieder und lauschten dem Saxophonsolo. Die Ordonnanz erneuerte das Seidengebäck und schenkte Laertes Tee nach. In ihren wachen Augen glitzerte feiner Spott über uns alte Männer, die sich einmal die Woche hier trafen, um gemeinsam der melancholischen Grübelei zu obliegen. Ich wartete, bis sie an die Bar zurückgekehrt war, leerte dann mein Glas und winkte sie wieder heran, um ihr den Auftrag für einen weiteren Whisky zu erteilen. Der Slalom ihrer Hüften durch die nach Schachbrettmuster gegeneinander versetzten Tische bot einen Anblick, bei dem es einem schwer ums Herz werden konnte. Als sie den Drink mit ironischem Lächeln vor mir platziert hatte, wandte ich mich ab und widmete mich wieder dem Sternenraum über unseren sterblichen Häuptern.

»Ist das nun großartig oder furchteinflößend«, sagte ich eher in feststellendem als fragendem Ton.

Laertes wiegte den weißen Kopf in den Händen. Er widmete sich eine Weile dem hauchfeinen Tässchen aus sinesischem Porzellan und dem hellgrün schimmernden Jadetee, der duftend darin schwebte. Als er antwortete, hatte er meine Bemerkung nur scheinbar vergessen und das Thema gewechselt.

»Der erste Flug der MARQUIS DE LAPLACE«, sagte er, »erweiterte den Radius menschlicher Unternehmungen schlagartig um ein Vielfaches. Zum Sirius!« Er warf die Arme zu einer Geste gespielter Begeisterung in die Höhe. Dann wurde er wieder ernst und musterte eingehend den transgalaktischen Raum, der über unseren Köpfen schäumte. »Und nun haben wir auch diese Fahrt wieder um das Tausendfache hinter uns gelassen. Wir sind in der Situation von Männern, die ihre glühendsten Träume nicht nur erfüllt, sondern so sehr übertroffen haben, dass ihnen schwindlig wird.«

»Wir sind nicht aus freien Stücken hier«, erinnerte ich. »Die Landschaften des Exils sieht man mit anderen Augen.«

Er wischte das mit einer energischen Handbewegung vom Tisch. »Papperlapapp. Warum wir hier sind, ist völlig gleichgültig. Genug: Wir sind hier!« Wieder hob er die Arme, aber diesmal war es keine Parodie auf eine Erweckungspredigt. Seine Emphase war echt.

»Die Große Mauer«, sprach er zu der stilltönenden Kuppel hinauf. »Wir sehen sie mit unseren eigenen Augen.« Dann blickte er mich lauernd an. »Und vielleicht ist auch sie nur ein vorläufiger Horizont, ein Vorgebirge, hinter dem sich noch gewaltigere Strukturen, noch unfassbarere Räume verbergen.«

Ich sah mich genötigt, ihn auf den Boden zurückzuholen.

»Ihre Erstreckung wird sich in den Dimensionen des Bekannten Kosmos nicht mehr wesentlich übertrumpfen lassen.«

Aber auch das fegte er mit einer herrischen Geste beiseite.

»So ein Quatsch«, stieß er hervor. »Wir haben in den letzten Monaten so viel über Bord werfen müssen – ich glaube nicht mehr an Konstanten, und gesicherte Erkenntnisse finde ich lächerlich!«

Er schlürfte vergnügt an seinem Tee und nahm dabei funkelnden Blickkontakt mit der Ordonnanz auf. Sie stand neben uns, ehe er noch das Tässchen abgesetzt hatte.

»Sirs?«

Laertes bat sie, die Lichter im Raum zu dimmen. Einen Augenblick später saßen wir in der Finsternis des intergalaktischen Raumes, und unzählige Spiral- und Kugelnebel zogen direkt über uns dahin. Durch einen Zufall, oder weil die Kleine ein theatralisches Gespür hatte, war auch die Musik verstummt. Ich atmete schwer durch.

»Die Weite«, flüsterte Laertes, »vernichtet den Menschen, weil sie ihn auf Null reduziert.«

Er schwieg. Stille und Dunkelheit lasteten auf uns. Tausende von Galaxien spendeten weniger Licht als eine Kerzenflamme und weniger Trost als ein menschliches Wort.

»Aber sie erhebt uns auch«, fuhr der Alte fort, »weil wir begreifen, dass dies alles nicht ohne uns da sein kann.«

Ich machte der Ordonnanz, die in der grünen Finsternis hinter der Bar stand, ein Zeichen. Das in Inseln zerteilte Licht kehrte wieder. Die Polarisation der Kuppel wurde wieder so sehr angehoben, dass das Glas als solches kenntlich wurde. Das Panorama, hunderte von Millionen Lichtjahren weit, rückte optisch um die Handbreit weiter fort, die es erträglich werden ließ. Dann setzte auch die Musik wieder ein, schwermütige Streicherklänge, die nächtliche Großstädte assoziieren ließen.

»Mir behagt unsere Situation hier nicht«, gestand ich. »Mitten in der endlosen Leere.«

Laertes schmunzelte.

»Interessant, nicht? Wir sind immer noch die alten Steppentiere, die sich nach der Deckung einer Termitenburg, dem Schatten eines Baobabs oder einer Höhle als Unterstand sehnen. Und selbst ein ausgebildeter Wissenschaftsoffizier, der weiß, dass es keinen besseren Schutz als den leeren Raum gibt, fühlt sich dabei unbehaglich.«

»So ist es«, stimmte ich zu. »Seit wir hier draußen sind, wo keine Planeten und Sterne mehr sichtbar sind, schlafen wir bei polarisierten Scheiben.«

Die Kleine brachte mir unaufgefordert einen neuen Whisky, noch ehe ich registriert hatte, dass mein Glas leer war. Ich begann den Alkohol zu spüren. Weit davon entfernt, mich zu entspannen, vertiefte er meine grüblerische Stimmung.

»Was glaubst du«, fragte ich, »was geschähe, wenn wir in diese Struktur einfliegen würden?«

Er sah mich einige Sekunden lang abwartend an. Offensichtlich überlegte er, wie ernst es mir damit war. Dass wir in Erwägung zogen, noch einige weitere Warp-Versuche mit den ENTHYMESIS-Explorern durchzuführen, war seit Tagen ein Gerücht, das sich in den Laboren und Kantinen der MARQUIS DE LAPLACE verbreitete.

»Angenommen«, setzte ich hinzu, »es gelänge uns, den Aktionsradius unserer Schiffe noch einmal zu vergrößern, und dann vielleicht noch einmal ...«

Ein flüchtiges Grinsen malte sich über seine altersweisen Züge. Er sah, dass ich schwärmte. Dennoch war er vernünftig genug, mich darin ernstzunehmen.

»Wir würden hinter dieser Struktur weitere entdecken, und dahinter wieder welche, womöglich sogar immer noch größere.«

»Und niemals an ein Ende kommen?«, hakte ich nach.

»Frank«, sagte er tadelnd. »Das sind Wikingerphantasien!«

Ich hob die Hand und wehrte seinen Einwand ab.

»Nein, nein, nein«, entgegnete ich rasch. »So meine ich es nicht. Die klassische Theorie von der Krümmung des Universums besagt doch, dass wir irgendwann wieder an den Ausgangspunkt zurückkommen müssten.«

Er drehte sein filigranes Porzellantässchen in den Händen, die von blauschwarzen Adern und Altersflecken marmoriert waren. Mir fiel auf, dass die blonde Ordonnanz, unter dem Vorwand, Tische zu wischen und Sessel zurechtzurücken, unserer Unterhaltung lauschte, und musste mich darauf besinnen, nicht um billiger Effekte willen zu renommieren.

»Wer wäre so vermessen?«, sagte Laertes ernst. »Das wäre, als wollte man den Globus zu Fuß umrunden. Selbst wenn wir die Warpkapazitäten unserer Schiffe millionenfach verstärken, wissen wir nicht, welche Räume sich jenseits der von uns vermessenen öffnen, in welchen Dimensionen sie eingefaltet sind. Wir könnten in spiralförmigen Krümmungen verloren gehen ...«

»Die Reise um die Welt«, sagte ich gleichmütig.

Ich klaubte das Päckchen mit den Qat-Zigaretten, denen ich in Jennifers Abwesenheit hin und wieder zusprach, aus der Brusttasche und steckte mir eine zwischen die Lippen. Die Kleine materialisierte sich an meiner Seite und gab mir mit einem Laserglimmer Feuer. Ich dankte ihr mit einem zerstreuten Lächeln.

»Ich weiß«, meinte Laertes noch, »wenn irgendjemand auf eine solche Idee kommen sollte, dann wärst du der Kommandant, sie auszuführen, und Jennifer wäre die Pilotin dazu.«

Ich winkte ab.

»Lass gut sein, es ist ja nur ein Spleen.«

Laertes zuckte mit den Achseln.

»Man kann es nicht sagen«, murmelte er. »Die letzten Monate waren voller Überraschungen, ich lasse mich auf keine Prognosen mehr ein.«

Jennifer fuhr die Lehne zurück, legte die Beine hoch, trank einen Schluck von ihrer Auberginenschokolade und schloss die Augen.

»Wie kommt ihr voran?«, fragte ich.

Um diese Zeit waren wir die einzigen Personen in der Kleinen Messe. Ich ließ mir einen Drink aus der Maschine und nahm ihr gegenüber Platz. Seit Wochen sahen wir uns nur noch abends, da sie an Reynolds und Frankels Sondenprogramm mitarbeitete. Meine Zeit ging mit Gesprächen auf der nächsthöheren Ebene dahin, in Verhandlungen mit Rogers oder Commodore Wiszewsky. Am Abend trafen wir uns dann in einer der Bars oder in der sogenannten Kleinen Offiziersmesse und glichen unsere Erfahrungen gegeneinander ab.

Jennifer schwieg. Mit geschlossenen Augen lag sie da und nippte von Zeit zu Zeit an ihrem braunvioletten Mixgetränk. Das nervöse Wippen ihrer Beine deutete darauf hin, dass sie noch angespannt und unruhig war.

»Es wird schief gehen!«, sagte sie irgendwann. Und dann, mit Vorwurf in der Stimme, als könnte ich etwas dafür: »Dein WO hat sich durchgesetzt.«

Ich musste im Stillen lächeln. Seit ich die märtyrerhafte Entschlossenheit in Reynolds hagerem Blick gesehen hatte, bestand für mich kein Zweifel daran, dass das Projekt früher oder später auf seine Richtung einschwenken und seinen Vorgaben folgen würde. Wiszewsky war das alles herzlich egal, Rogers präferierte jede Lösung, die die materiellen Ressourcen der MARQUIS DE LAPLACE schonte, und Frankel war nicht der Mann, sich gegen die geniale Sturheit eines Mitgliedes der Fliegenden Crew und der ersten ENTHYMESIS-Besatzung durchzusetzen.

»Was heißt das?«, fragte ich.

»Die Lambda-Hardware wird unverändert übernommen«, sprudelte es aus ihr hervor. »Reynolds ist der Meinung, dass er die Sonde allein über eine neue Programmierung warptauglich machen kann. Als ob man einen Generator per Befehl auf eine höhere Leistung definieren könnte.« Sie hatte noch immer die Augen geschlossen. Jetzt presste sie die Finger in die Augenhöhlen und massierte sich dann die Schläfen. Seit langem hatte ich sie nicht mehr so abgespannt gesehen.

»Wann gibt es einen neuen Test?«, erkundigte ich mich.

»Derzeit belegt Reynolds sämtliche Rechnerkapazitäten«, gab sie zurück. »Er hat ein Modul für die Selbstprogrammierung der Sonde entworfen, die sich jetzt selbst überlegen soll, wie sie die utopischen Vorgaben einhalten kann.« Sie sah mich in bitterem Sarkasmus an. »Nichts ist länger als eine unbekannte Abkürzung! Der sparsamere Weg wird am Ende der aufwendigere sein.«

Ich atmete tief durch.

»Reynolds wird schon wissen, was er tut«, sagte ich.

Jennifer richtete sich ruckartig auf und funkelte mich an.

»Frank«, sagte sie flehentlich. »Du musst deinen Einfluss geltend machen. Du hast den besten Draht zu Rogers, und wenn Wiszewsky auf irgendjemanden hört, dann auf dich ...«

Ich schüttelte den Kopf und hob abwehrend die Hände.

»Lass mich da raus«, entgegnete ich rasch. »Ich werde einen Teufel tun!«

Sie zerquetschte ihren Elastilbecher zwischen den Händen und schleuderte ihn zur Klappe des Verwertungsschachtes. Das automatische Kraftfeld erfasste ihn und saugte ihn ein.

»Das Beste wäre es«, fuhr sie in konspirativem Tonfall fort, »wir würden zuvor noch einige Tests mit der ENTHYMESIS durchführen, ein paar Sprünge im Lichtjahr-Bereich. Wir sollten das Schiff unter der Hand startklar machen.«

Ich tippte mir sachte an die Stirne. »Keine Verschwörung bitte.«

»Aber so ist es Wahnsinn«, rief sie aufgebracht. »Die Hardware ist unzulänglich, und die Neuprogrammierung der Sondenautomatik geschieht auf einer viel zu dürftigen Datengrundlage. Wenn wir mehr Erfahrung hätten! Aber so vertun wir unendlich viel Zeit!«

Ich hatte meinen Becher ebenfalls geleert und folgte ihrem Beispiel, indem ich ihn zum Entsorgungsschacht hinüberschlenzte, verfehlte die Klappe aber, sodass das Gefäß klappernd an die Wand prallte und zu Boden fiel. Mit resigniertem Schulterzucken stand ich auf und stopfte es von Hand in die Recyclinganlage.

»Wir haben alle Zeit der Welt ...«

»Ich kann nicht glauben, was du da redest«, sagte sie traurig. »Nur weil wir uns hier draußen in trügerischer Sicherheit wiegen?« Ihre Stimme nahm einen alarmistischen Ton an. »Wir wissen nicht, was auf der Erde geschieht. Vielleicht führen die Sineser in dieser Stunde eine Invasion durch. Und wir vertun hier Monate um Monate!«

Ich setzte mich neben sie auf die gravimetrische Liege, nahm ihre Hände und sah sie offen an. »Liebling, an diesem Punkt waren wir schon hundertmal. Gesetzt, es gelänge uns, wieder einen Kontakt herzustellen und wir erführen, dass eine neuerliche Aggression bevorsteht – was würdest du denn tun wollen? Wir haben nichts in der Hand, was wir der sinesischen Waffentechnologie derzeit entgegensetzen könnten.«

Sie schlug die Augen nieder, um meinem Blick auszuweichen, und schüttelte trotzig den Kopf, dass ihr Pferdeschwanz ihre Schulterstücke wischte.

»Wir sind im Exil«, sagte ich laut, »in der Verbannung, damit müssen wir uns abfinden!«

Ich wollte sie an mich heranziehen, aber sie schlug meine Hände weg und stieß mich von sich. Das erinnerte mich beiläufig daran, wie viel Kraft und Energie in ihrem drahtigen Körper steckte.

»Vermutlich«, schloss ich, »ist es am Besten, wenn wir gar nicht erfahren, was sich derzeit dort unten abspielt.«

»Mit dieser Haltung kannst du dich gleich zum Sterben hinlegen«, brummte sie leise.

Diese Diskussion führten wir alle paar Tage, über Wochen und Monate hinweg. Manchmal überkam mich eine Art Ekel. Vielleicht war ich zu oft mit Laertes zusammen, sodass seine philosophische Haltung auf mich abfärbte. Aber auch wenn ich das Jennifer gegenüber nicht hätte zugeben dürfen, gab ich doch WO Reynolds recht. Wir mussten mit unseren Ressourcen sparsam umgehen. Es war richtig, eine intelligente Lösung anzustreben, statt sich darauf zu verlassen, dass die Hardware in unbeschränktem Maße zur Verfügung stand. Immerhin war die MARQUIS DE LAPLACE seinerzeit von einer langen Mission zurückgekehrt. Ihre Tanks und Materiallager waren schon angegriffen, als sie in den Neptun-Orbit einbog, um auf Versorgungsflüge und einen neuen Marschbefehl zu warten. Der Einschlag des Meteoriten, der von einer sinesischen Warpraum-Sonde ausgelöst worden war, hatte alle Kapazitäten in Anspruch genommen. Die Reparaturen und die anschließende Aufrüstung der ENTHYMESIS-Flotte hatten weitere Ressourcen gekostet. Und dann hatten wir tausend Personen zusätzlich an Bord genommen und uns in einem nie dagewesenen Warp-Transfer aus dem Sonnensystem und aus der Milchstraße verabschiedet, ohne vorher neues Gerät und neue Rohstoffe bunkern zu können. Jetzt trieben wir im intergalaktischen Raum, dessen Vakuum so rein war, dass wir nicht einmal Wasserstoff aus der Leere filtern konnten, um unsere Plasmatanks aufzufüllen. Und jeder fehlgeschlagene Versuch kostete wieder Tonnen an Treibstoff und unersetzliche Mengen an schweren Elementen. Das Schiff war auf Kreislaufwirtschaft ausgelegt. Es konnte Jahre autark im Kosmos operieren, solange es einen Routinebetrieb durchführte. Aber jede Lambda-Sonde, die wir in den Warpraum feuerten und die nicht wiederkehrte, zehrte an unseren Vorräten an Transuranen, die für die Kerne der Warpspulen benötigt wurden, an Quantenspeichern und an Titanstahl. Es war eine naheliegende und unangenehme Vorstellung, den Zwölf-Kilometer-Corpus des Mutterschiffes selbst demontieren und für die Entwicklung und Herstellung neuer Flugkörper heranziehen zu müssen.

Einige Tage später war es soweit. Reynolds hatte die Reprogrammierung der Sonde abgeschlossen. Er und Frankel luden zur Vorführung ins Kleine Drohnendeck. Um die Bedeutung des Ereignisses zu unterstreichen, hatte sich die gesamte Führung der MARQUIS DE LAPLACE angekündigt. Commodore Wiszewsky betrat das Deck durch die Schleusenkammer. Ich sah förmlich die Krone auf seinem Haupt und den Hermelinmantel um seine Schultern, als er, die notorische Svetlana an seiner Seite, wie ein Bourbone mit seiner Mätresse die Halle durchmaß und auf der kleinen Tribüne Platz nahm, die man neben dem Versuchsstand errichtet hatte. Dr. Rogers kam mit knallenden Schritten herangestiefelt, die keinen Zweifel daran ließen, dass es ein General a.D. und Veteran mehrerer welthistorischer Schlachten war, der uns seine Anwesenheit schenkte. Auch Laertes erschien. Er blinzelte mir listig zu und suchte sich dann einen Platz im Hintergrund, von dem aus er dem Spektakel unbehelligt beiwohnen konnte. Sergeant Taylor begrüßte mich mit einem markanten Handschlag. Er strahlte über das ganze Gesicht, das durch das dichte schwarze Haar und den kurzen Schnauzer mexikanisch wirkte. Der Stolz, an einem so entscheidenden Projekt mitzuarbeiten, brach ihm aus allen Poren.

Reynolds wirkte weniger nervös als während der Diskussionen, die sich in der Entwicklungszeit ergeben hatten. Wie ich es von ihn gewohnt war, wurde er, wenn es darauf ankam, ganz ruhig. Er bewegte sich in Zeitlupe, sprach gedehnt, und sein Blick war von der Gewissheit, einen Triumph zu erleben, verschleiert. Frankel wuselte im weißen Laborkittel um die Aufbauten herum. Jennifer und Jill Lambert gingen den beiden Wissenschaftlern zur Hand. Eine Hundertschaft an Technikern, Mechanikern und Wachleuten komplettierte das Publikum.

Reynolds hielt einen kurzen Vortrag, in dem er die Funktionsweise der grundlegend neuprogrammierten und dadurch warptauglich gemachten Lambda-Sonde erläuterte und den außer ihm höchstens noch Frankel und Jennifer verstanden. Er flüsterte ein Kennwort in seinen tragbaren Kommunikator, und auf der Backbordseite öffnete sich eines der großen Hangartore. Ausreichend weit von unseren gravimetrischen Sitzschalen entfernt wurde die gleißende Leere des Kosmos sichtbar. In der Mitte des Sichtfeldes schwebte die Milchstraße. Sie war nur wenige Bogengrad breit, schmaler und zerbrechlicher als der Halbmond über der Erde, und passte gut in den schwarzen Ausschnitt des Tores, obwohl es nur zur Hälfte geöffnet und eine halbe ENTHYMESIS-Länge von unserer Tribüne entfernt war.

»In wenigen Minuten«, nahm Frankel das Wort, »wird unsere Sonde dort sein, in einer Entfernung, zu deren Überwindung das Licht mehrere hunderttausend Jahre benötigte.«

Ich spürte, wie etwas in mir gegen diese Vorstellung revoltierte.

Jennifer löste sich aus der Gruppe der Techniker und Wissenschaftler, die noch neben der Sonde standen, und kletterte zu uns auf die Tribüne. Mit einem Seufzer ließ sie sich neben mich auf die gravimetrische Sitzfläche fallen.

»Es wird schief gehen«, sagte sie halblaut.

Ich nickte und winkte gleichzeitig grinsend zu Sergeant Taylor hinüber, der unten, jenseits einer Barriere roter Lichtschnüre, in einem Pulk von Mechanikern stand und das Geschehen gespannt verfolgte.

»Die Sonde«, erläuterte Frankel, »wird direkt in einen Raum zwischen Saturn- und Uranus-Bahn einfliegen und von dort aus Kontakt zu den terrestrischen Stellen aufnehmen. Ihre einzige Nutzlast besteht aus einem Quantenspeicher, der unsere sämtlichen neu erfassten Daten enthält, sowie eine Aufforderung an die Erde, uns ihren Status mitzuteilen. Nach der erfolgten Kommunikation wird die Sonde zurückkehren. Die Lichtlaufzeit und die Reaktion der irdischen Basen machen einen Aufenthalt im solaren System von etwa zehn Stunden erforderlich, aufgrund der refrakturellen Krümmung der Raumzeit werden an Bord dieses Schiffes jedoch nur zehn Minuten vergehen.« Er sah in einer einstudierten Geste auf die Uhr. »Sie kommen also noch rechtzeitig zum Mittagessen!«

Höflicher Applaus hallte im Kleinen Drohnendeck wider. Ich zwang mich, den Blick von der unsagbar weit entfernten Galaxie abzuwenden. Frankel suchte mit den Augen Dr. Rogers, der ihm von der Tribüne aus das Good-to-Go-Zeichen gab. Daraufhin machte der Stellvertretende Leiter der Planetarischen Abteilung auf dem Absatz kehrt. Er nickte Reynolds und einigen anderen Technikern zu und begab sich dann zu den mobilen Konsolen, die während der Durchführung des Versuches seinen Leitstand bildeten.

Er berührte ein Bedienfeld. Die Sonde hing im Kraftfeld eines generatorgetriebenen Krans, der sich jetzt langsam in Bewegung setzte und auf das geöffnete Hangartor zuglitt. Dabei wurde die Sonde um neunzig Grad gedreht, bis ihre stumpfe kegelförmige Spitze auf den schwarzen viereckigen Ausschnitt des sternenlosen Himmels zielte. Einige Meter vor dem Tor blieb der Kran mit einer ruckenden Bewegung stehen. Frankel und Reynolds warfen sich einen letzten Blick zu, dann gaben sie mit einem Tastendruck den Versuchsablauf frei. Einige Servicekabel und -schläuche, die noch am schimmernden Zylinder der Rakete befestigt gewesen waren, fielen ab und wurde von den Servos des Kranes eingezogen. Das konventionelle Ionentriebwerk der Sonde zündete. In Schrittgeschwindigkeit schwebte sie durch das Tor in den Kosmos hinaus. Dann glühte der blaue Ionenstrahl zu höchster Intensität auf, und die Sonde schoss davon. In einer leicht gekrümmten Bahn raste sie in den leeren Raum hinaus, scheinbar einige Bogengrad über die cremeweiß leuchtende Milchstraße hinweg.

»Übergang zu Warpantrieb in zehn Sekunden«, schnarrte die Automatik.

Während wir verfolgten, wie der schwächer werdende blaue Lichtpunkt in der Unendlichkeit verschwand, zählte eine emotionslose Computerstimme den Countdown herunter. Bei Null gab es einen scharfen Lichtblitz. Die Sonde hatte zu diesem Zeitpunkt schon eine solche Entfernung erreicht, dass sich eine spürbare Verzögerung ergab. Ich schätzte sie auf drei Sekunden, was ich zu einem Abstand von einer Million Kilometern hochrechnete.

Auf meiner Netzhaut brannte der magnesiumfarbene Energieimpuls nach, mit dem die Sonde sich in den Hyperraum verabschiedet hatte. Ich versuchte mir vorzustellen, wie sie sich in Sichtweite des Saturn materialisierte, ihre Instrumente ausrichtete und einen Funkspruch zur drei Lichtstunden entfernten Erde schickte, die seit dem Jupiter-Ereignis von einem schiefergrau irisierenden Ring aus Staubpartikeln umgeben war. Einige Stunden später würden in den Bunkersystemen unter den Rocky Mountains die Alarmsirenen schrillen. Hektische Aktivitäten kämen in Gang, und die maßgeblichen Herrschaften hatten drei Viertelstunden Zeit, ein verbindliches Kommuniqué zu formulieren, während die automatischen Stationen Exobytes an Daten austauschten. In der Tiefe des blauschimmernden Raumes schwebend, führte die Sonde mithilfe ihrer Steuerdüsen eine Neukalibrierung durch. Die Röntgenemissionen weit entfernter Quasare dienten ihr als Richtpunkte, um den Absprungpunkt in der nötigen Genauigkeit von zwölf Stellen hinter dem Komma zu definieren. Sowie die Sensoren ihrer externen Kommunikation ihr mitteilten, dass eine Antwort übermittelt und in die Quantenspeicher geladen worden war, zündete sie das Ionentriebwerk und nahm Anlauf, um den unbegreiflichen Sprung in der Gegenrichtung zu wiederholen.

Zehn Minuten, stellten wir fest, waren sehr lang. Ich war froh, dass wir nicht die zehn Stunden warten mussten, die für die schwingenden Caesium-Atome an Bord der Lambda-Sonde vergingen. Frankel unterhielt uns mit einem improvisierten Vortrag über die Funktionsweise der Warptechnologie, die durch die Analyse der sinesischen Sonde völlig neue Impulse erfahren hatte. Nur nebenbei sah er auf die Uhr. Reynolds stand mit steinerner Miene an der Konsole und starrte auf die Anzeigen. Die Instrumente der MARQUIS DE LAPLACE dechiffrierten die Warp-Signatur, die die Sonde ausgelöst hatte, und suchten nach Rückschlüssen darüber, ob zumindest der Absprung in der vorhergesagten Weise funktioniert hatte. Es war unmöglich, in seinem ausgemergelten Gesicht zu lesen. Den Glanz der Zufriedenheit suchte ich aber vergebens darin.

Irgendwann schielte auch ich verstohlen nach meiner Uhr. Dabei begegnete ich Jennifers Blick, der einer Maske aus der griechischen Tragödie zu entstammen schien. Auf der Tribüne und auch unter den Technikern, die hinter der überflüssig gewordenen Absperrung standen, machte sich Unruhe breit.

»Was ist denn nun«, hörte ich Svetlana Komarowa flüstern, die an Wiszewskys Seite hin und her rutschte.

Die zehn Minuten waren verstrichen. Ich starrte durch das offenstehende Hangartor in die Leere des Kosmos hinaus.

Frankel räusperte sich.

»Wir haben einen Zeitkorridor von anderthalb Minuten«, sagte er. »Kein Grund zur Beunruhigung.« Er ließ einige Sekunden verstreichen. »Offenbar waren die Stellen auf der Erde nicht fix genug«, witzelte er kraftlos. »Wenn sie sich nach Ablauf der Stunde nicht gemeldet haben, die Übertragungszeiten natürlich herausgerechnet, wird die Sonde einige Bilder im optischen Spektrum belichten, um zu dokumentieren, wo sie gewesen ist, und dann zurückkehren. Für unsere Wartezeit hier ist die Verzögerung kaum von Belang.«

Das Schweigen war stärker als das aufgekratzte Gemurmel. Ich wunderte mich, wie still es in einer so riesigen Halle werden konnte, in der über einhundert Personen anwesend waren. Die Sekunden tropften immer zähflüssiger, und doch waren, wie ich von meiner Uhr ablas, schon fast elf Minuten vergangen. Ich versuchte mir wieder die Räume zu vergegenwärtigen, die hier zu überwinden waren. Eine winzige Unstimmigkeit bei den Sprungdaten, ein Fehler auf der zehnten oder zwölften Stelle hinter dem Komma, und die Sonde käme um Lichtjahre versetzt aus dem Warpspace heraus. Oder sie landete in einer zeitlichen Disproportion, Jahre in der Zukunft. Oder in der Vergangenheit. Möglich, sie katapultierte sich in ein Paralleluniversum, das von dem unseren nur durch eine verschwindende Dezimale der Wahrscheinlichkeit getrennt war und doch so unerreichbar wie der Sirius für einen anatolischen Schäfer der Hethiterzeit. Eine Million Möglichkeiten waren denkbar, bei denen die Sonde im Prinzip sogar funktioniert haben konnte, aber wir es dennoch niemals erfahren würden. Es war vermessen, was man hier unternommen hatte.

Elfeinhalb Minuten waren verstrichen.

Wir hatten uns übernommen. Selbst die führenden Wissenschaftler der MARQUIS DE LAPLACE waren überfordert, die Kombination von Energieentfaltung und Präzision zu erbringen, die hier nötig war. Zum Sirius zu fliegen war ein Katzensprung verglichen mit dieser Reise von einer Galaxie zur anderen. Das halbe Universum musste eingefaltet werden. Millionen Lichtjahre zur Dicke eines Blattes gekrümmt werden, um sie durchstoßen zu können.

Jennifer legte die Hand auf meinen Unterarm.

»Es ist vorbei«, sagte sie, weit davon entfernt, das Eintreffen ihrer Vorhersage als Triumph zu empfinden.

Einige Plätze weiter erhob Wiszewsky sich von seinem gravimetrischen Polster. Langsam und würdevoll schritt er die Stufen der Tribüne herab. Er war ein König, der seinem Oberfeuerwerker jovial verzieh, dass das bestellte Spektakel ausgefallen war.

»Verdammte Scheiße«, hörte ich Dr. Rogers vor sich hinknurren.

Wir standen ebenfalls auf und begaben uns zu den Kameraden, die ein Bild des Jammers boten. Reynolds starrte noch immer auf seine Monitore und Konsolen. Die Uhr, die die seit dem Absprung verstrichene Zeit anzeigte, stand bei 13 Minuten 37, als ich ihm die Hand auf die Schulter legte. Er zuckte zusammen, nahm die Augen aber nicht von seinen Instrumenten. Seine Hand zitterte ein wenig. Sein Gesicht war eine aus morschem Holz geschnitzte Fratze.

Zwei Schritte weiter schlossen Jill und Jennifer sich in die Arme und klopften sich gegenseitig tröstend auf den Rücken. Wiszewsky hatte sich zu Frankel begeben.

»Sie trifft keine Schuld«, sagte er huldvoll. »Ich bin überzeugt, dass Sie das Menschenmögliche versucht haben. Wir werden genau analysieren, woran ...«