Mordswut - Angelika Schröder - ebook

Mordswut ebook

Angelika Schröder

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Opis

Ein Arzt wird zwei Tage vor seiner Hochzeit ermordet. Seine Verlobte, eine Lehrerin, findet die Leiche und erleidet einen psychischen Schock, sodass sie tagelang nicht vernehmungsfähig ist. Für Kommissar Klaus Kersting von der Kripo Hagen ist sie die einzige Verdächtige. Doch ihre Kollegin Helga Renner kann das nicht glauben und recherchiert zusammen mit ihrer Freundin Ali, der Elternvorsitzenden, im Umfeld des Arztes, wobei die beiden Frauen nicht nur ein dunkles Geheimnis aufdecken ...

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Angelika Schröder

Mordswut

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2005 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75/20 95-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

Deine Kinder sind nicht deine Kinder.

Sie sind Söhne und Töchter der Sehnsucht

des Lebens nach sich selbst.

Sie kommen durch dich,

doch nicht von dir,

und sind sie auch bei dir,

so gehören sie dir nicht.

1

An diesem Dienstag hatte Helga Renner es nach der vierten Unterrichtsstunde besonders eilig, ins Lehrerzimmer zu kommen. In wenigen Tagen würde ihre Kollegin Andrea Michalsen heiraten, und das gesamte Kollegium wollte die Trauung miterleben, um anschließend vor der Kirche Spalier zu stehen. Doch bisher hatte der Rektor sich standhaft geweigert, für dieses Ereignis Unterricht ausfallen zu lassen. Es wurde höchste Zeit, einmal in Ruhe mit ihm und möglichst vielen Kolleginnen darüber zu reden. Die Konrektorin, Elli Goppel, hatte gestern jede Einzelne verdonnert, in der zweiten Pause umgehend das Lehrerzimmer aufzusuchen. Das war durchaus nicht selbstverständlich, da die Raucher bei schönem Wetter einen Teil der Pause vor der Tür zubrachten, andere den Kopierer im Lehrmittelraum beschäftigten oder noch in ihren Klassen für Ordnung sorgten. Die meisten Teilzeitkräfte verließen die Schule sofort nach Dienstschluss oder erschienen erst kurz vor Unterrichtsbeginn. Die Hochzeit interessierte jedoch alle, und so wollte man den Rektor auch gemeinsam überzeugen. Darum schickte Helga ihre Kinder bereits kurz vor dem Schellen hinaus auf den Hof. Wie üblich dauerte es eine ganze Weile, bis endlich der letzte sein Brot herausgekramt und den Raum verlassen hatte. Nervös blickte sie auf die Uhr und bemerkte, dass von den fünfzehn Minuten Pause bereits vier um waren. Sie verzichtete auf das Abschließen der Tür und wollte gerade Richtung Lehrerzimmer entschwinden, als hinter ihr jemand blökte: »Sie sind doch diese Frau Renner, nä?«

Unwillig drehte sie sich um. Sie mochte es nicht, von hinten angerufen zu werden und dazu noch in einem solchen Ton. Außerdem hatte sie es wirklich eilig. Da sie jedoch nicht unhöflich sein wollte, zog sie eine Augenbraue hoch und gab ein fragendes »Ja, bitte«, von sich. Ein Blick genügte, um festzustellen, dass der Mann weder zu den Verlagsvertretern gehörte, die häufiger auftauchten noch ein Handwerker oder Lieferant sein konnte. Obwohl sie sich immer wieder vornahm, den Eltern der Schüler offen und vorurteilsfrei gegenüber zu treten, fiel es ihr bei dem Mann schwer, gehörte er doch zu der Sorte, mit der es fast regelmäßig Ärger gab. Muskelbepackt, an den Armen tätowiert, nicht ganz so breit wie lang, Stiernacken und Dreitagebart, ein Hemd mit Blick auf Goldkettchen, Bierbauch und Jeans, die nach der Waschmaschine schrieen, stand er da, breitbeinig, eine Hand in der Hüfte, den Kopf zurückgeworfen, eine einzige Herausforderung. Sie verspürte absolut keine Lust, sich mit ihm zu befassen. Da der Unbekannte sie unverschämt musterte, ohne sein Anliegen zu nennen, fragte sie schließlich ungnädig: »Was ist los? Was wollen Sie?«

Aus dem blaurot geäderten Säufergesicht traf sie ein lauernder Blick. »Niklas Vogtmeier, dieser Wichser, is der in Ihrer Klasse?«

Zwar hatte sie Niklas’ Vater noch nie gesehen, doch dieser Besucher war es offensichtlich nicht. Helga warf einen sehnsuchtsvollen Blick Richtung Lehrerzimmer. Sie konnte sich nicht vorstellen, was der Mann von ihr oder Niklas wollte.

»Ja, und?«

»Und? Dat gibtet doch wohl nich, dasse keine Ahnung ham!« Mit vorgestrecktem Kopf ging er auf sie zu. »Der Scheißer hat meine Tochter sexuell missbraucht und Sie fragen einfach ›Und?‹. Sie sind wohl nich bei Trost! Eine Unverschämtheit ist das! Einfach unglaublich, was sich die Lehrer hier leisten.« Er schien zu explodieren. Seine Stimme wurde lauter und dröhnte schließlich durch den leeren Flur. »Dieser … dieses miese Arschloch ist über meine Pia-Maria hergefallen, und was tun Se? Stehen dumm rum und fragen ›Und?‹! Was anderes fällt Ihnen wohl nich ein, wie? Mein ames Mädchen traut sich nich inne Schule, weil der Wichser noch frei rumläuft. Jeden Tag heult se vor Angst. Und was tun Sie? Nix, ainfach gah nix. Unverschämtheit! Eine bodenlose Frechheit! Sie sind Lehrerin. Iss doch woll Ihr Job, meine Tochter vor solchen Verbrechern zu schützen. Und Sie stehen hier rum und fragen blöde ›Und?‹ Nich zu fassen!« Er schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen, das feiste Gesicht nahm die Farbe überreifer Tomaten an, und seitlich am Hals pochte eine dicke Ader.

»Nun mal langsam. Beruhigen Sie sich erst einmal.«

Das war genau die falsche Antwort.

»Beruhigen? Ich soll mich beruhigen? Wenn de Lehrer wegkucken, wenn ne Schülerin vergewaltigt wird? Das hat Folgen, das sach ich Ihnen. Ich werd mich beschwern. Ich geh zum Schulrat. Ach was, zum Minister geh ich. Es is einfach nich zu fassen, was an dieser Schule los is!«

Während der Besucher gar nicht aufhören wollte zu pöbeln, blickte Helga verstohlen auf ihre Uhr. Die Pause war bereits zur Hälfte vorbei. Ihr erschien das Gespräch mit dem Rektor im Moment wichtiger. Vor allem, da sie tatsächlich keine Ahnung hatte, wovon der Mann überhaupt redete und er offensichtlich unfähig war, es in verständlichen Worten zu erklären.

»Wissen Sie was«, sagte sie deshalb leise und akzentuiert, als er wieder einmal Luft holen musste, »kommen Sie entweder heute nach der sechsten Stunde oder morgen früh vor dem Unterricht. Dann habe ich Zeit und wir können uns in Ruhe über den Fall unterhalten. Jetzt müssen Sie mich entschuldigen.« Sie ließ ihn einfach stehen und eilte ins Lehrerzimmer.

Dort war die Diskussion in vollem Gange. Alle saßen mit mehr oder weniger gereizten Mienen um den großen Tisch, und Elli Goppel warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu.

»Meine Damen, Herr Kollege, Sie alle wissen, wie sehr der Ruf unserer Schule gelitten hat.« Die hagere Gestalt des Rektors schien noch länger zu werden, als er sich straffte und über die Köpfe seines Kollegiums hinweg in eine unerfreuliche Vergangenheit zu blicken schien, im rechten Auge ein nervöses Zwinkern. Jeder wusste, worauf er anspielte. Seit eineinhalb Jahren waren bestimmte Begriffe in diesem Raum tabu. Damals hatte eine furchtbare Serie von Morden an Kindern die Bewohner der Stadt erschüttert. Die Täterin, ausgerechnet eine Lehrerin dieser Schule, war in die Psychiatrie eingewiesen worden, wofür nur diejenigen Verständnis aufbrachten, die sie gekannt hatten. Weder die Eltern der Opfer noch der überwiegende Teil der Bevölkerung vermochte dieses Urteil nachzuvollziehen. Wochenlang hatte der Fall die Schlagzeilen beherrscht und die Gemüter erhitzt. Dass der Rektor regelrecht Panik empfand vor negativer Presse, konnte jeder verstehen. Der Ruf seiner Schule ging ihm über alles. »Was sollen denn die Eltern denken? Es ist unmöglich! Das Bild der Lehrer ist in der Öffentlichkeit sowieso angekratzt, und da wollen Sie während der Schulzeit zu einer Hochzeit gehen? So wichtig ist eine Heirat nun auch wieder nicht.« Bekräftigend schüttelte er den Kopf, dessen Haare schon lange den Rückzug angetreten hatten. Der blanke Schädel glänzte wie poliert im gleißenden Licht der Leuchtstoffröhren.

»Gut, dass Shakespeare unseren Rektor nicht kannte«, flüsterte Linda Kolczewski ihrer Nachbarin vernehmlich ins Ohr, »dann hätte Dromios Ausspruch anders geendet.«

Frau Meierfeld grinste und gab durch nichts zu erkennen, dass sie keine Ahnung hatte, worauf die Kollegin anspielte. Sie kannte deren Ambitionen, möglichst schnell befördert zu werden, zur Genüge und amüsierte sich immer wieder über deren Bestreben, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ihren Intellekt zu beweisen.

»Aber Herr Raesfeld, es handelt sich doch bloß um die sechste Stunde am kommenden Freitag. Die meisten Kolleginnen haben dann schon frei, und die anderen werden das Versäumte nachholen.« Elli blickte ihren Chef beschwörend an.

»Und denken Sie doch auch einmal an die positive Berichterstattung in der Zeitung, wenn wir alle mit Zeigestock und großem Lineal vor der Kirche stehen.« Raesfeld zuckte sichtbar zusammen. »Zeitung« gehörte zu jenen Wörtern, die hier nicht mehr ausgesprochen wurden. Doch Frau Schnoor, rund und behäbig, in einer Hand ein Brot, in der anderen die Kaffeetasse, war schon so lange an dieser Schule, dass sie sich dieses Sakrileg erlaubte.

»Zeitung? Wieso das?« Täuschte Helga sich oder zitterte Raesfelds Stimme tatsächlich? Anscheinend hatte der Skandal ihn tiefer getroffen als sie alle geglaubt hatten.

»Na, Dr. Kowenius, der Bräutigam, ist kein Unbekannter in dieser Stadt, und unsere Anzeigenblättchen freuen sich über jeden Vorfall, der berichtenswert ist. Wenn wir aus der Trauung ein Ereignis machen, wird bestimmt jemand kommen und fotografieren und berichten.«

»Um Himmels Willen, nur das nicht. Keine Zeitung! Die wärmen die alte Geschichte wieder auf. Nein, kommt nicht in Frage!«

O je, dachte Helga, da hatte Frau Schnoor, die sich so viel auf ihre Menschenkenntnis einbildete, tatsächlich voll ins Fettnäpfchen getreten. Sie beeilte sich, die Sache so gut es ging zu bereinigen.

»Wir brauchen die Zeitung nicht. Die Trauung findet in der Johanniskirche statt. Und wenn wir da Spalier stehen, werden das viele Menschen mitbekommen. Auf der Springe ist doch immer Betrieb. Jeder sieht, dass es bei uns Lehrern fröhlich und harmonisch zugeht. Und das ist das Wichtigste.«

»Richtig«, stimmte Elli zu. »Wir könnten auch ein paar Schüler aus Frau Michalsens Klasse mitnehmen. Ich bin sogar bereit, mit ihnen ein Lied einzustudieren. Die Zeit ist zwar sehr knapp, aber das kriegen wir schon hin.« Dass die Konrektorin, die wenig bis gar nichts von Musik verstand, mit den Kindern singen wollte, zeigte, wie sehr ihr die Hochzeit am Herzen lag. Ob jedoch Ellis Gesang dem Ruf der Schule dienen würde, erschien zumindest Helga fragwürdig.

Rektor Raesfeld blieb misstrauisch. »Also, ich bin nicht davon überzeugt, dass die Hochzeit einer Kollegin Unterrichtsausfall für die Schüler rechtfertigt. Das wird Ärger mit Eltern und Schulamt geben. Nein, nein, das können wir nicht riskieren!«

»Herr Raesfeld, wir brauchen die Stunde einfach, um pünktlich vor der Kirche sein zu können. Frau Steinhofer hat eine herrliche Rede geschrieben, Frau Schnoor hat gedichtet, und ein paar Kollegen von Dr. Kowenius wollen mit einer riesigen, selbst gebastelten Spritze kommen. Den Spaß dürfen Sie uns nicht verderben.«

Rektor Raesfeld blickte nachdenklich in die Runde. Selbstverständlich besaß er Humor und Verständnis für seine Kolleginnen – so sah er es jedenfalls – aber die Schulregeln gingen vor, das musste jeder einsehen. Er seufzte. Bisher war er so stolz auf das kameradschaftliche Verhältnis zwischen ihm und den Lehrerinnen gewesen, aber diesmal schien sich ein ernsthaftes Zerwürfnis anzubahnen. Insbesondere, da auch die Konrektorin auf Seiten des Kollegiums stand. Der zweite Mann in dieser Runde, Volker Reiser, bedeutete auch keine Hilfe, wie Raesfeld nach einem kurzen Blick bemerkte. Reiser schielte in seine Kaffeetasse, die er mit beiden Händen umklammerte, ein mehrdeutiges Grinsen in den Mundwinkeln. Anscheinend amüsierte er sich und hatte nicht vor, in die Diskussion einzugreifen.

Da fing Frau Schnoor noch einmal an: »Herr Raesfeld, natürlich sehen wir Ihre Probleme, aber es soll doch gar kein Unterricht ausfallen, wir sind alle bereit, die Stunde vor- oder nachzuarbeiten. Das merken doch auch die Eltern, wenn ihre Kinder nächste Woche eine zusätzliche Stunde Unterricht erhalten. Da kann niemand etwas gegen haben.«

»Richtig«, assistierte Elli. »Ich habe mir den Stundenplan angesehen. Die Sache betrifft nur Frau Renner, Frau Steinhofer, Frau Schnoor und Frau Meierfeld. Diese vier Stunden können nächste Woche problemlos nachgeholt werden.«

In Raesfeld arbeitete es. Man sah es seiner Stirn an, die sich in traurige Dackelfalten legte. Er schien das Bild der Schule in der Öffentlichkeit abzuwägen gegen sein Verhältnis zu den Kolleginnen. »Also gut, ich werde darüber nachdenken. Bis morgen ist ja noch Zeit.«

Die Lehrerinnen stöhnten leise auf, aber Elli warf ihnen beruhigende Blicke zu. Sie würde später im Rektorzimmer noch einmal mit Raesfeld reden. Da läutete auch schon die Schul-glocke.

Nachdem Helga ihre vierte Klasse verabschiedet hatte, musste sie noch die sechste Stunde in Andreas Klasse vertreten. Sie hatte der Kollegin angeboten, deren Unterricht zu übernehmen, damit diese eher gehen und noch ein paar notwendige Vorbereitungen treffen konnte. Übermorgen sollte der Polterabend stattfinden, zu dem das gesamte Kollegium eingeladen war. Helga freute sich sehr darauf. Sie wusste genau, warum, verbot sich aber, darüber nachzudenken.

In Andreas 2c tobte der Bär, als sie hereinkam. Es wurde geschrieen, gezankt, gehauen. Selbst Schüler, die nur ihre Yu-Gi-Oh Karten tauschten oder Scoubidou-Bänder flochten, taten das in einer Lautstärke, die hart an der Schmerzgrenze lag. Helga musste erst einmal tief Luft holen. Nach fünf Stunden Unterricht waren die meisten so erschöpft, dass sie keine Lust verspürten, noch irgendetwas zu tun. Andrea hatte Helga gebeten, mit den Kindern zu singen, da sie selbst es nicht gern tat und auch nur wenige Lieder kannte. Außerdem hielt Andrea schreiben, rechnen, lesen für wichtiger. So sollte Helga nachholen, was im normalen Unterricht zu kurz kam. Natürlich hatte sie zugestimmt. Doch als sie jetzt vor der Klasse stand, sah sie sofort, dass es unmöglich sein würde, ihre Zusage zu halten und eine ganze Stunde mit den Kindern zu singen. Sie hatte ein paar Lieder mit einfacher Melodie, sich immer wiederholendem Text und eingängigem Rhythmus herausgesucht. Beim ersten Song machten die meisten noch mit. Beim zweiten ließ die Beteiligung merklich nach und beim dritten wurde hauptsächlich in Fäkalsprache gebrüllt. Das reichte. Helga beschloss, das Singen zu beenden und zu Mathematik überzugehen. Während sie passende Aufgaben im Buch suchte, stieg der allgemeine Geräuschpegel wieder an, und es kostete sie viel Mühe, ihn auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Sie kannte nur wenige Kinder mit Namen, was den Unterricht nicht einfacher gestaltete. Doch bald rechneten alle mehr oder minder interessiert ihre Aufgaben. Mit dem Versprechen, keine Hausaufgaben aufzugeben, wenn konzentriert gearbeitet würde, hielt sie die Klasse einigermaßen ruhig bei der Arbeit. Trotzdem verbrauchte sie eine Menge Energie. Hier musste geholfen, dort geschimpft oder gedroht werden. Letztendlich war auch diese Stunde um. Bis auf vier Mädchen verließen alle eilig den Raum. Leise flüsternd standen sie an der Tür.

»Was ist los? Warum geht ihr nicht nach Hause?«

»Britta hat Bauchschmerzen.« Und wirklich weinte eines der Mädchen leise vor sich hin. Dicke Tränen flossen die Wangen hinunter.

»Ist dir übel? Musst du vielleicht zur Toilette?« Das war sowohl die einfachste als auch die häufigste Lösung derartiger Probleme. Kopfschütteln.

»Dann solltest du jetzt gehen. Daheim kannst du dich hinlegen. Deine Mutter kann dir besser helfen als ich hier.« Helga überlegte. Es schien nicht so schlimm zu sein, dass sie den Krankenwagen hätte rufen müssen. Die ganze Zeit über hatte Britta gerechnet, ohne zu klagen.

Doch auf ihre Anregung hin, weinte das Mädchen nur lauter.

»Sie will nicht nach Hause«, erklärte eine der Freundinnen.

»Warum denn nicht? So schlimm kann es doch nicht sein.«

»Doch!«, nickte Britta und schniefte.

Jetzt wurde Helga energisch. Sie wollte auch endlich heim. »Gut, dann sag mir, was ich tun soll. Soll ich den Krankenwagen rufen, der dich ins Krankenhaus bringt?« Ins Krankenhaus wollte kein Kind gern. Deshalb hoffte Helga, dass ihre Erpressung funktionieren und das Mädchen heimgehen würde. Pech! Von Schluchzern unterbrochen, heulte die Kleine: »Ich will nicht ins Krankenhaus.«

»Was dann? Mädchen, wir können doch nicht ewig hier stehen.« Keine Antwort.

»Wo wohnst du denn?«

»Primelweg.« Erneutes Schniefen.

»Wohnt ihr in der Nähe?«, fragte Helga die anderen Mädchen. Unisono schüttelten sie die Köpfe. Was nun?

»Ist deine Mutter daheim? Soll ich die anrufen, damit sie dich abholt?«

Ein erleichtertes, genicktes »Hm« war die Antwort.

»Kannst du mir eure Telefonnummer sagen?«

»Ich weiß sie«, meldete sich eine der Freundinnen.

»Dann komm mit.« Ergeben ging Helga zum Sekretariat hinüber. Seltsamerweise schien die Mutter kaum überrascht, dass sie kommen und ihre Tochter abholen musste. Als Britta erfuhr, dass ihre Mutter unterwegs war, stellte sie ihr Schluchzen prompt ein. Die drei Freundinnen verabschiedeten sich, und die Lehrerin blieb bei dem Mädchen am Haupteingang stehen. Zum Glück ließ die Mutter nicht lange auf sich warten. Noch bevor Helga eine Frage stellen konnte, bedankte diese sich, nahm ihre Tochter an die Hand und verschwand. Egal! Helga stieß einen tiefen Seufzer aus und lief zum Lehrerparkplatz hinüber. Ein kühler Wind fegte über den Hof. Fröstelnd zog sie ihre Jacke enger um sich. Anscheinend wurde es langsam Zeit, die Wintersachen herauszuholen.

2

Andrea Michalsen freute sich, dass ihre Kollegin ihr die letzte Stunde abgenommen hatte. So konnte sie in Ruhe in die Stadt fahren und das Hochzeitskleid anprobieren, an dem noch kleinere Änderungen vorgenommen worden waren. Außerdem mussten die Tischkarten aus der Druckerei abgeholt, der Blumenladen an pünktliche Lieferung erinnert, sowie letzte Einkäufe getätigt werden. Sie spürte eine innere Unrast, eine unbestimmte Angst, dass etwas schief gehen oder irgendetwas Furchtbares geschehen könnte. Immer wieder rief sie sich selbst zur Ordnung. Was sollte denn schon passieren? Selbst wenn das Kleid nicht fertig, die Blumen nicht pünktlich geliefert, der Standesbeamte krank oder das Essen versalzen sein sollte … Sie liebte Josef, und er liebte sie. Das allein zählte! Alles andere war nebensächlich und würde später eine amüsante Fußnote ergeben, mehr nicht. Als sie an Josef dachte, wurde ihr so leicht ums Herz, dass sie den Oldie, der aus dem Autoradio klang, laut mitsang. Oh what a wonderful world! Weshalb machte sie sich so viele Gedanken? In zwei Tagen würde sie Frau Kowenius sein. Andrea war altmodisch und sehr verliebt, so dass sie nicht lange überlegt hatte, als Josef sie bat, seinen Namen anzunehmen. Sie vermochte ihm kaum etwas abzuschlagen, wenn er sie mit diesem ganz besonderen Blick ansah. Dann tanzten in seinen dunklen Augen tausend Sterne und erinnerten sie an ihre Liebesnächte unter freiem Himmel.

Gut, ein paar Kleinigkeiten mussten noch geklärt werden. Josef wünschte sich Kinder, möglichst schnell und möglichst viele. Sie würde gern noch ein paar Jahre die Zweisamkeit genießen. Er war etwas älter als sie, aber mit sechsunddreißig jung genug, um zwei, drei Jahre auf den Kindersegen zu warten. Außerdem hatte er bereits ein Kind, eine Tochter, die bei der Mutter lebte. Für ihn war es die zweite Ehe, für sie die erste. Vielleicht war sie deshalb so nervös, überlegte sie. Schade, dass er so wenig über seine Exfrau sprach. Sie musste ihn während der Ehe sehr verletzt haben. Ab und zu gab es ein paar Andeutungen, aber sobald sie mehr wissen wollte und Fragen stellte, mauerte er. Er wolle sie nicht mit seiner Vergangenheit belasten, hatte er sein Schweigen begründet. Fremdgegangen war seine Frau, angeblich weil er beruflich so eingespannt gewesen war, dass keine Zeit für sie und ihre Bedürfnisse übrig blieb. Deshalb traf sie dann regelmäßig andere Männer. Nicht nur einen, wie Josef einmal in einer stillen Stunde gestand. Andrea hatte den Schmerz in seiner Stimme gehört, die verschleierten Augen gesehen und sich geschworen, ihn niemals derartig zu verletzen. Anschließend versprach er ihr, seine Prioritäten zu ändern und sich mehr um sie und weniger um seine Praxis zu kümmern. Sie fand das rührend und musste vor Glück fast weinen, als er sein Versprechen mit einem langen Kuss besiegelte. Er war ein großartiger Mensch. So verständnisvoll und seiner Ehemaligen gegenüber mehr als tolerant. Als diese verlangte, dass er seine Tochter nicht mehr sehen sollte, weil die Treffen das Kind aufregten, hatte er schweren Herzens nachgegeben. Zum Wohle des Kindes, wie er betonte. Er wollte nicht, dass es hin und her gezerrt wurde. Er liebte es sehr. Jedes Mal wenn er von seiner »Kleinen« sprach, trat ein ganz besonderes Leuchten in seine Augen. Und wenn sie, Andrea, nicht gewusst hätte, dass es sich um seine Tochter handelte, wäre sie wohl eifersüchtig geworden. Seine Liebe und Sorge zeigten auch die Briefe, die er ab und zu an das Mädchen schrieb und das Geld, das er für es anlegte, zusätzlich zum Unterhalt, den er stets pünktlich bezahlte. Briefe und Geld sollten der Tochter an ihrem achtzehnten Geburtstag ausgehändigt werden. Jetzt würde seine Ex die Briefe unterschlagen und das Geld für sich vereinnahmen, dessen war er sicher. Andrea spürte seine verhaltene Wut, wenn er seine Exfrau erwähnte. Er schimpfte nicht über sie, dazu war er zu fein. Doch sein Tonfall, wenn er über sie sprach, war eindeutig. Andrea hätte seine Tochter gerne kennen gelernt. Nicht einmal ihren Namen wusste sie. Für ihn war sie nur seine Kleine. Später einmal, bei passender Gelegenheit, würde sie Josef danach fragen. Ob die Frau wohl noch in Hagen wohnte? Und ob sie die Heiratsanzeige in der Zeitung lesen würde? Anfangs hatte Josef von so einer Anzeige nichts wissen wollen, später aber dann doch ihrem Wunsch zugestimmt. Seine Weigerung hatte er damit erklärt, den vielen Glückwünschen seiner Patienten entgehen zu wollen. Andrea fand seine Bescheidenheit übertrieben und verstand nicht, was daran so schlimm sein sollte, selbst wenn einige seiner Patienten in der Kirche auftauchten. Aber Josef trennte Beruf und Privatleben strikt. Erst als er merkte, wie sehr sie sich eine Anzeige in der Zeitung wünschte, mit Brautpaar auf der einen und zwei Sektgläsern auf der anderen Seite, gab er nach. Auch das war wieder typisch, er mochte ihr nichts abschlagen. Das zeigte doch, wie sehr er sie liebte. Josef, jubelte ihr Herz, Josef, geliebter Mann und bald mein Mann. Wie das klang: Mein Mann. Beinahe hätte sie eine Parklücke übersehen. Sie trat mit so viel Schwung auf die Bremse, dass ihr Hintermann verärgert hupte. Heute lachte sie darüber. Wenn jeder so glücklich wäre, dachte sie, gäbe es weder Streit noch Krieg. Mit dieser Freude im Herzen kann man einfach nichts Böses tun. Und in dieser Stimmung kann auch nichts schief gehen. Sie selbst war das beste Beispiel: Ohne zu suchen hatte sie einen Parkplatz bekommen, der nichts kostete. In der Innenstadt so selten wie ein Lottogewinn. »Das Leben ist großartig«, dachte sie und sang laut den alten Schlager von Reinhard May, während sie im Handschuhfach nach der Parkscheibe suchte. Sie durfte nicht vergessen, ein kleines Geschenk für Helga Renner zu besorgen. Schließlich war es nicht selbstverständlich, dass diese ihr zwei Stunden abnahm. Helga hatte ihr angeboten, auch morgen noch einmal die sechste Stunde zu übernehmen. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, in den Ferien zu heiraten, aber sie wollten beide nicht länger warten. Der Trauschein war wie das Tüpfelchen auf dem I, ein Siegel ihrer Liebe. Die Hochzeitsreise würden sie in den Weihnachtsferien nachholen. Ihrem Wunsch nach einer Kreuzfahrt auf dem Nil hatte Josef sofort zugestimmt. Gleich am nächsten Tag war er ins Reisebüro gegangen. Noch einmal seufzte sie lautlos. Was für ein phantastischer Mann! Doch jetzt musste sie sich zusammenreißen. Bis zu dem Geschäft mit den Brautmoden waren es nur wenige Schritte.

3

An diesem Dienstag konnte der Kriminalhauptkommissar Klaus Kersting pünktlich Feierabend machen. Etwas, das in seinem Beruf nicht selbstverständlich war. Er überlegte, ob er seine Freundin, Helga Renner, anrufen sollte. Doch dann entschloss er sich, diesen Abend allein zu genießen und einmal wieder das zu tun, was er schon lange nicht mehr getan hatte: vor dem Fernseher liegen, Bier trinken und Chips knabbern. Er wusste, warum er allein bleiben wollte. Er musste endlich eine Entscheidung treffen, und da das nüchtern offensichtlich nicht funktionierte, würde er es heute Abend mit dickem Kopf versuchen. Dabei war ihm völlig klar, dass, gleichgültig, wie die Entscheidung ausfallen mochte, er sie spätestens am nächsten Tage revidieren würde. Das Schicksal war einfach unfair. Es behandelte Männer und Frauen ungleich und ihn benachteiligte es ganz besonders, fand er. Was machte ein Altersunterschied von vier Jahren aus? Nichts, vor allem dann nicht, wenn der Mann der Ältere war. Doch in seinem besonderen Falle war es umgekehrt. Seine Freundin zählte vier Jahre mehr. Normalerweise auch kein Problem, wenn beide noch jung waren. Doch bei ihnen schien der Altersunterschied unüberwindlich zu sein. Mit dreiundvierzig Jahren wollte Helga kein Kind mehr. Bei der Geburt wäre sie vierundvierzig, fünfzig, wenn es in die Schule käme, dreiundsechzig, wenn es Abitur machte. Helga fand es dem Kind gegenüber unfair, so eine alte Mutter zu haben, abgesehen von den medizinischen Problemen, die sich auftun, wenn eine Frau in dem Alter zum ersten Mal schwanger wird, falls es überhaupt dazu kam. Außerdem traute sie sich die Energie, die für die Erziehung gebraucht wurde, nicht mehr zu. Für ihn, Kersting, war neununddreißig noch lange nicht zu alt, um Vater zu werden. Und er wünschte sich Kinder, solange er denken konnte. Jetzt allerdings schien es, als müsste er wählen zwischen einem Kind und der Frau, die er liebte. Vor so eine Wahl durfte das Schicksal niemanden stellen, fand er. Er konnte sich ein Leben ohne Helga kaum vorstellen. Sie war da, wenn er sie brauchte, ob zum Reden, zum Kuscheln oder einfach nur, um Nähe zu spüren. Mit ihr konnte er ebenso gut lachen wie schweigen. Sie war Freundin und phantasievolle Geliebte, beruhigend und aufregend zugleich. Noch nie hatte er sich bei einer Frau so wohl gefühlt. Und das sollte er aufgeben?

Schon einmal war eine Beziehung wegen seines Wunsches nach Kindern zerbrochen. Damals hatte der Hochzeitstermin bereits festgestanden, der Mietvertrag für eine Wohnung inklusive Kinderzimmer stand kurz vor dem Abschluss, als er merkte, dass sie in Wirklichkeit gar keine Kinder wollte, dass ihr die Karriere mehr bedeutete. Seine Enttäuschung saß tief, und es hatte lange gedauert, bis er wieder einer Frau vertrauen konnte. Einer Frau, die sich für Kinder zu alt fühlte. Für ihn wurde es allmählich Zeit, Vater zu werden. So jung war er auch nicht mehr. Aber was sollte er tun? Wie sich entscheiden?

Er erhob sich aus seiner halb sitzenden, halb liegenden Stellung. Auf dem Weg in die Küche warf er einen flüchtigen Blick in den Sportteil der Zeitung: ein großer Artikel über Rot-Weiß, Vermutungen über Spieler- und Trainerwechsel bei diversen Fußballvereinen, nichts wirklich Wichtiges. Er stopfte das Blatt in den Papiercontainer und bemächtigte sich einer weiteren Flasche eiskalten Bieres. Auf ein Glas verzichtete er. Etwas, das er in Gegenwart anderer nie getan hätte. Vielleicht lag es an seiner piekfeinen Internatserziehung, dass er sich ab und zu in der Rolle des Proleten gefiel. Er grinste, als er sich das Gesicht seines Vaters vorstellte, wenn der ihn so sehen würde: mit geöffnetem Hemdkragen, aufgerollten Ärmeln und ausgetretenen Pantoffeln. Sein Vater trug, selbst wenn er sich allein in der Wohnung aufhielt, stets einen korrekten Anzug mit entsprechender Krawatte und dazu passenden Schuhen. Seit dessen Hochzeit vor etwas mehr als einem Jahr hatten sie sich nicht mehr getroffen. Sie hatten sich auch vorher nicht gut verstanden, aber dass sein alter Herr eine Frau heiratete, die jünger als sein Sohn war, fand Kersting junior nun doch äußerst unpassend, um nicht zu sagen, geschmacklos. Er nahm einen großen Schluck aus der Flasche und stieß einen ordentlichen Rülpser aus. Im Fernsehen lief ein alter Western mit John Wayne, der zum x-ten Mal wiederholt wurde. Für Kersting genau das richtige Programm. Ohne der Handlung die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, wusste er doch ganz genau, was gerade passierte. Wieder setzte er die Flasche an. Nein, er wollte nicht auf Kinder verzichten. Er hatte sich einen Sohn gewünscht seit er eigenständig seine Zukunft planen konnte. Das hatte nichts mit Männlichkeitswahn oder Potenzbeweisen zu tun, sondern einfach mit seinem Verständnis von Liebe und Familie. Für ihn gehörte ein Kind ganz selbstverständlich zu einer innigen Beziehung dazu.

Womöglich hing der Wunsch auch mit seiner eigenen unschönen Kindheit zusammen. Er wollte seine Kinder besser erziehen, ihnen eine glückliche Kindheit schenken. Ehrlicherweise musste er sich jedoch gestehen, dass das längst nicht alle Gründe waren. Er wollte seinem Vater etwas beweisen. Ihm zeigen, dass er, Klaus, mit Kindern und den Problemen, die sich aus ihrer Existenz nun einmal ergeben, besser fertig wurde als Kersting senior. Der hatte seinen Sohn bei der ersten Schwierigkeit ins Internat abgeschoben. Fairerweise musste er zugeben, dass der Tod der Ehefrau mehr war als nur eine Schwierigkeit. Trotzdem hätte er es damals vorgezogen, beim Vater zu bleiben und gemeinsam mit ihm zu trauern, statt von einem Tag zum andern in eine fremde Welt gestoßen zu werden, die keinerlei Verständnis für seine Einsamkeit und Traurigkeit zeigte. Sie hatte ihn hart werden lassen – äußerlich. Und das wurde ihm jetzt zum Problem. Eigentlich wusste er genau, was er wollte, schaffte es aber trotzdem nicht, Prioritäten zu setzen und die Folgen zu akzeptieren. Helga würde ihn verstehen. Er hatte von Anfang an mit offenen Karten gespielt, ihr gesagt, wie sehr er sich nach einem Kind sehnte. Folglich durfte sie nicht überrascht sein, wenn er jetzt zu seinem Wunsch stand. Natürlich dachte Helga wie alle Frauen an eine dauerhafte Beziehung. Auch deshalb war es wichtig, endlich eine Entscheidung zu treffen. Nach eineinhalb Jahren machte sie sich womöglich falsche Hoffnungen. Am Donnerstag würde er mit ihr noch zu dem Polterabend ihrer Kollegin gehen, und danach würde er es ihr sagen. Am besten gleich am Freitag. Schließlich gab es noch andere Frauen. Aber keine wie Helga, flüsterte eine Stimme in seinem Kopf. In den abgrundtiefen Seufzer mischte sich misstönendes Gewehrfeuer aus dem Fernseher. Kersting grinste schief. Die Westernhelden hatten es doch leichter. Deren Probleme konnten mit ein paar Schüssen gelöst werden.

4

Am nächsten Morgen kam Helga schon sehr zeitig in die Schule. Zum einen musste sie noch etliche Arbeitsblätter kopieren, zum anderen hoffte sie, Ulrike Stellmann zu treffen, in deren Klasse Pia-Maria ging, die angeblich von Niklas vergewaltigt worden war. So ganz glaubte sie die Geschichte des Mannes nicht. Sie kannte ihren Niklas. Er war schon zwölf, für sein Alter weit entwickelt, dazu frech und vorlaut. Dass er eine Erstklässlerin ärgerte, konnte sie sich gut vorstellen, aber eine Vergewaltigung? Wie erwartet war sie die Erste. Sie schloss Lehrerzimmer und Lehrmittelraum auf, schaltete den Kopierer ein und suchte nach ihren Vorlagen. In ihrer Tasche herrschte wieder einmal heilloses Chaos. An jedem Wochenende nahm sie sich vor, gründlich aufzuräumen, doch irgendwie kam sie nie dazu. Nach kurzem Suchen hatte sie das Gewünschte gefunden. Der Kopierer war inzwischen warm geworden und bereit. Während die erste Serie durchlief, schaute sie ins Lehrerzimmer hinein, wo Frau Stellmann gerade ihre Dose mit den Pausenbroten auf den Tisch stellte und verwundert zu Helga hinübersah, die normalerweise nicht so früh erschien.

»Morgen! In Ihrer Klasse ist doch eine Pia-Maria, nicht wahr?«

»Ja, warum? Morgen erst mal.«

»Gestern hat mich der Vater auf dem Flur erwartet und rumgeschimpft. Angeblich hat Niklas seine Tochter vergewaltigt. Ich hatte keine Lust, mich mit dem Brüllaffen zu unterhalten und hab ihn ziemlich kurz abgefertigt. Wissen Sie, was da eigentlich los ist?«

»Vergewaltigt? Hat er das wirklich gesagt?« Die Stellmann kicherte. Das kam für Helga so unerwartet, dass sie die Kollegin überrascht anstarrte. Eigentlich kannte sie diese nur gereizt und nervös, auf Eltern und Kinder schimpfend, mit herabhängenden Mundwinkeln und glanzlosen Augen.

»Mit dem Kerl werden Sie noch Freude kriegen. Der ist explosiv wie ne Landmine, geht bei jeder Kleinigkeit hoch, nur um zu beweisen wie nahe er der Frau und ihrer Tochter steht. Er ist nämlich nicht der Vater, bloß der derzeitige Lebensabschnittsgefährte der Mutter. Eine Vergewaltigung hat es natürlich nie gegeben, sonst hätte ich längst mit Ihnen gesprochen. Niklas hat dem Mädchen befohlen, die Hose runter zu lassen, weil er mal sehen wollte, wie ein Mädchen da unten aussieht, das ist alles. Pia hat es als Ärgern empfunden. Da das Ganze auf dem Heimweg passiert ist, geht es die Schule nur indirekt an. Sie hat mir die Geschichte am nächsten Morgen während des Unterrichts erzählt und sich beschwert, dass Niklas sie geärgert hat. Aus Angst hat sie die Jeans ausgezogen, weiter ist sie nicht gekommen. Ihre Mutter wollte sie abholen und ist natürlich sofort eingeschritten, als sie ihre Tochter halbnackt da stehen sah. Ich habe mir den Jungen in der Pause vorgeknöpft und hielt die Sache damit für erledigt. So habe ich das auch der Mutter gesagt. Und auch, dass ihr Freund keinerlei Anspruch auf Auskünfte hat. Er ist nicht erziehungsberechtigt und hat hier in der Schule nichts verloren.«

So ähnlich hatte Helga sich die Sache vorgestellt, trotzdem wäre es ihr lieber gewesen, die Kollegin hätte ihr die Geschichte sofort erzählt. Sie wusste immer gern, welchen Blödsinn die Kinder ihrer Klasse anstellten.

»Und Pia-Maria hat das nicht als … hm … sexuellen Übergriff empfunden?«

»Ganz sicher nicht. Sie sprach völlig offen und locker darüber, beschwerte sich über den Jungen, der sie, wie schon gesagt, geärgert hatte. Da waren keinerlei Anzeichen von verletztem Schamgefühl, Angst oder Verstörung. Vielleicht wäre es anders, wenn sie die Unterhose auch hätte ausziehen müssen. Sie betrachtete es offensichtlich genauso als ärgern wie wenn er ihr die Mütze wegnimmt oder vor ihre Tonne tritt. Das hat er übrigens auch schon getan, wie ich bei der Gelegenheit erfuhr. Allerdings ist Pia-Maria diese Woche nicht zum Unterricht erschienen. Nach dem, was Sie mir erzählt haben, vermute ich, dass ihr Stiefvater, oder wie immer man den Kerl nennen will, das verhindert, um allen zu zeigen, wie schlecht es der Kleinen geht.«

»Genau den Eindruck machte er gestern.«

»Mit Niklas haben Sie aber auch eine Granate erwischt. Er macht einen ziemlich brutalen Eindruck und scheint sich gern die Schwächsten auszusuchen«, sagte Frau Stellmann halb mitleidig, halb schadenfroh. Auch sie hatte es mit ihrer Klasse nicht leicht.

»Das tut er immer. Was glauben Sie, wie oft ich schon mit der Mutter geredet habe? Aber da ändert sich nichts. Der Junge hat eben so seine besondere Art, erzählt sie mir regelmäßig, als würde ihr das gefallen. Na ja, vielleicht tut es das ja auch. Spätestens in der Pubertät wird sie merken, was sie sich da eingebrockt hat. Bis jetzt hatte ich immer gedacht, aus ihm würde einmal ein kleiner Ganove, aber wer weiß, vielleicht entwickelt er sich auch zum Spanner oder Exhibitionisten.«

Frau Stellmann grinste noch einmal, dann zeigte sie wieder den üblichen resignierten Gesichtsausdruck.

»Was werden Sie unternehmen?«

»Mit dem Jungen reden und die Mutter informieren. Mehr kann ich nicht tun.«

»Und das Jugendamt?«

»Nein. Wozu? Der Junge ist sauber und der Jahreszeit entsprechend gekleidet, bringt ein geschmiertes Butterbrot und Obst für die Pause mit, besitzt Hefte und Stifte – also im Vergleich zu vielen anderen Kindern ein Junge, der von seiner Mutter umsorgt wird. Kein Fall fürs Jugendamt, vor allem nicht, wenn Pia sich nicht sexuell belästigt gefühlt hat. Wenn ich ihn melden würde, müsste ich mindestens ein Drittel meiner Klasse melden. Kinder, um die sich kaum jemand kümmert, die zu dünne Kleidung und zu kleine Schuhe tragen, zur Pause eine Tüte Chips mitbringen, kein Mittagessen bekommen und sich nachmittags auf der Straße rumtreiben müssen. Meine Güte, Sie kennen unsere Schüler doch auch und wissen, wie überlastet die beim Jugendamt sind. Die machen einen Besuch, stellen fest, dass alles in Ordnung ist und das war’s. Natürlich werde ich der Mutter mit dem Amt drohen, damit sie endlich einmal mehr unternimmt, als immer nur dem Jungen seine besondere Art zu attestieren.«

»Hm.« Frau Stellmann nickte zustimmend, dann ging sie zum Regal hinüber, um in einem der Lesebücher nach einem Gedicht zu suchen.

Helga eilte zum Kopierer, wo inzwischen Frau Steinhofer agierte. Die fertigen Kopien lagen auf dem Tisch.

»Morgen, hast du schon gehört, ob Raesfeld sich endlich entschieden hat?«

Helga schüttelte den Kopf. Die Konrektorin kam hinzu, ebenfalls mit einem Blatt in der Hand. Sie hatte Angelas Frage gehört.

»Wir haben gestern Nachmittag lange telefoniert. Die Sache geht klar. Aber ich Idiot muss den Kindern noch ein Lied beibringen. Was singt man denn zur Hochzeit? Viel Glück und viel Segen?«

»Nimm den Plural, dann passt’s«, meinte Angela Steinhofer, flexibel wie immer.

»Na schön, aber wie kann ich mir ein paar Sänger aus der Klasse holen, ohne dass Andrea etwas merkt?«

»Kein Problem«, erklärte Helga. »Ich habe Andrea angeboten, sie in der sechsten Stunde zu vertreten, damit sie noch ein paar Sachen erledigen kann. Dann kannst du entweder mit der ganzen Klasse oder mit einer kleinen Gruppe üben.« Nach dem gestrigen Misserfolg bot sie Elli nicht an, die Singerei zu übernehmen. Sollte die sehen, wie sie mit den Kindern und dem Lied zurecht kam. Ein gesunder Egoismus darf auch unter Kollegen erlaubt sein, dachte sie grimmig.

»Prima, so machen wir es. Ich komme dann in der letzten Stunde vorbei und schau mal, wen wir mitnehmen zur Kirche.«

5

Die alte Uhr in der Nachbarwohnung ließ ihre fünf Schläge mit der üblichen zweiminütigen Verspätung ertönen. Durch die offene Tür zum Wohnzimmer war bereits die Stimme eines Nachrichtensprechers zu vernehmen. Unkonzentriert hörte Helga Renner zu, während sie am Küchentisch saß, einen trockenen Rotwein genoss und versuchte, ihre Spagetti möglichst ohne Spritzer auf eine Gabel zu drehen. Obwohl sie die italienische Küche liebte, überkam sie bei Spagetti immer das Gefühl, dass das Essen in Arbeit ausartete. Heute Mittag hatte sie sich zum Kochen zu müde gefühlt und sich deshalb mit Tee und Kuchen begnügt. Später hatte sie dann die Glückwünsche des Kollegiums, Frau Schnoors Gedicht, Angelas Rede und ein paar Bilder von Kindern auf buntes Tonpapier geklebt, das Ganze zu einem Buch gebunden und festlich verziert. Sie fand ihr Werk gut gelungen und freute sich auf Andreas Überraschung, wenn das Brautpaar aus der Kirche kam und sie alle da stehen sehen würde. Vielleicht sollten sie nur die Lineale mitnehmen, überlegte sie, da die Zeigestöcke den ein oder anderen älteren Passanten an Rohrstöcke erinnern könnten. Und sie mussten penibel alles vermeiden, was einen negativen Gedanken hervorrufen konnte. Heute Morgen hatte sie wieder die letzte Stunde in Andreas Klasse vertreten. Da Elli acht Schüler herausgeholt hatte zum Singen, konnte sie mit dem Rest problemlos das Dreier-Einmaleins üben. Anscheinend fühlten sich die Kinder in der verkleinerten Gruppe doch mehr unter Beobachtung, denn sie arbeiteten heute ruhiger mit. Helga brauchte längst nicht so oft zu ermahnen oder gar zu drohen wie gestern. Vielleicht hatten die Kleinen sich inzwischen auch ein wenig an sie gewöhnt. Als sie nach dem Schellen als Letzte die Klasse verlassen wollte, sah sie die vier bekannten Mädchen an der Tür stehen. Britta weinte schon wieder. »Was ist denn los?«

»Britta hat Bauchweh.«

Das durfte nicht wahr sein! »Wart ihr gestern beim Arzt?«

»Nein.«

»Und warum nicht?«

Von Schniefen und Schluchzen unterbrochen gab Britta zurück: »Gestern Nachmittag tat der Bauch nicht mehr weh.«

»Aha, und heute Morgen?«

»Auch nicht.«

»Aber jetzt ganz plötzlich?«

Ein kräftiges Nicken.

Da konnte doch etwas nicht stimmen. Gleichgültig ob die Schmerzen physischer und psychischer Herkunft waren, die Mutter hätte längst etwas unternehmen müssen.

Ergeben fragte Helga: »Soll ich deine Mutter anrufen?«

»Ja.«

Wie gestern wunderte diese sich nicht über den Anruf, sondern versprach, schnellstens zu kommen. Was sie auch tat. Als sie genauso schnell wieder verschwinden wollte, versperrte Helga ihr den Ausgang. Jetzt wollte sie endlich wissen, was hinter Brittas Bauchweh steckte und ob die Frau schon etwas dagegen unternommen hatte. Doch die wich aus. Sprach von Schulangst, was nun wirklich nicht stimmen konnte, da das Kind während des Unterrichts prima mitgearbeitet hatte, und dass Britta eben sehr sensibel sei. Sie müsse vielleicht doch mal zum Arzt, wenn sich nichts änderte, meinte sie am Schluss und drängte sich an der Lehrerin vorbei. Da die es ebenfalls eilig hatte, sagte sie nichts weiter.

Nachdem Helga ihre Bastelarbeiten beendet hatte, zwang der Hunger sie an den Herd. Sie entschied sich für Nudeln mit Sauce Bolognese. Das ging schnell und machte wenig Arbeit. Eine Flasche Rotwein besaß sie auch noch. Klaus brachte ab und zu eine Flasche mit, und zu ihrer eigenen Überraschung hatte sie festgestellt, dass ihr der Rotwein ebenso gut schmeckte wie der Weiße.

Der Lokalsender hatte die Weltpolitik mit wenigen Sätzen abgehakt, es folgten die Lokalnachrichten. Irritiert blickte Helga auf den dicken Brummer, der plötzlich aufgetaucht war und den chinesischen Lampion umkreiste, der von der Decke hing. Die Nachrichten aus den hiesigen Vereinen interessierten sie nicht. Was konnte es schon Aufregenderes geben als Neuwahlen diverser Vorsitzender?

Doch plötzlich entglitt die Gabel ihren gefühllos gewordenen Händen. Scheppernd landete sie auf den Fliesen des Küchenbodens und verursachte dort blutrote Spritzer. Helga sprang auf und merkte nicht, wie sie die Flasche umstieß. Ein Schwall roten Weines ergoss sich über den Tisch und schwappte zu Boden, wo er sich mit der Sauce zu einem surrealen Gebilde vereinigte. Sie rannte ins Wohnzimmer und drehte den Lautstärkeregler auf. Stocksteif stand sie vor dem kleinen Gerät und konnte nicht glauben, was sie da hörte.

»… wurde heute Nachmittag der Arzt Dr. Josef Kowenius tot in seiner Wohnung in Hohenlimburg aufgefunden. Nach Auskünften der Polizei handelt es sich um eine Gewalttat. Wer zweckdienliche Mitteilungen machen kann, rufe bitte …« Den Rest bekam sie schon nicht mehr mit. Fassungslos tastete sie nach einem Sessel und ließ sich hineinfallen. Das konnte doch nicht wahr sein! Ausgerechnet Josef Kowenius! Der Mann, den Andrea übermorgen heiraten wollte. Seit Tagen sorgte die Hochzeit für Gesprächsstoff im Kollegium. Und jetzt, da die Lehrerinnen den Rektor endlich überredet hatten, nach der Trauung Spalier zu stehen, Kinder aus Andreas Klasse zum Mitkommen eingeladen und ihnen ein Lied beigebracht hatten, jetzt sollte eine der Hauptpersonen dieses großen Ereignisses tot sein? Einfach nicht mehr da? Da musste sich jemand geirrt haben! So etwas gab es nicht.

Helga hatte das Gefühl als drehten sich glühende Räder in ihrem Kopf und konnte keinen vernünftigen Gedanken fassen. Man kommt doch nicht zwei Tage vor der Hochzeit zu Tode! Und was war mit Andrea? Der Nachrichtensprecher hatte sie nicht erwähnt. Sie war heute Morgen erst kurz vor dem Schellen erschienen und hatte sich mit einem Stau auf der A46 zwischen Hohenlimburg und Hagen entschuldigt, was ihr einige spöttische Bemerkungen über Bräute, die nicht abwarten können, eingebracht hatte. In der großen Pause hatte sie diese dann gutgelaunt zurückgegeben und dermaßen gestrahlt, dass Reiser sie grinsend mit einem Weihnachtsbaum verglich. Nun sollte plötzlich alles vorbei sein? Und außerdem …Was bedeutete »Gewalttat«? Sollte das etwa heißen, dass jemand ihn getötet – ihn ermordet hatte? Das schien ausgeschlossen. So wie Andrea von ihm gesprochen hatte, besaß er keine Feinde. Und selbst wenn … wer wäre so grausam, ihn kurz vor der Hochzeit umzubringen? Dr. Kowenius war bei seinen Patienten beliebt. Auch einige Kolleginnen gingen zu ihm, wie sie wusste. Er besaß einen hervorragenden Ruf, und sein Wartezimmer war stets gut gefüllt. Was mochte da nur geschehen sein?

Verdammt, sie musste sofort Andrea anrufen. Vielleicht konnte Helga ihr helfen. Andrea besaß keine Verwandten hier in der Stadt und nur wenige Freunde. Wie mochte sich die Frau fühlen, noch nicht verheiratet und schon Witwe? Mit schweren Schritten eilte Helga zum Telefon. Sie kannte die Nummer auswendig. In den letzten Tagen hatten sie häufiger miteinander telefoniert, um über den Vertretungsunterricht und die Hochzeitsvorbereitungen zu sprechen.

Eine Männerstimme meldete sich. Vor Aufregung verhaspelte Helga sich und musste zweimal neu ansetzen, bis sie ihr Anliegen erklärt hatte.

»Frau Michalsen liegt mit einem Schock im Krankenhaus. Sie braucht Ruhe und darf keine Besucher empfangen.«

»Ja, aber … sie hat hier keine Verwandte. Es muss sich doch jemand um sie kümmern. Wer sind Sie überhaupt?«

Sie war so nervös, dass sie sich nicht einmal erinnern konnte, wer sich da am Telefon gemeldet, beziehungsweise ob der sich überhaupt vorgestellt hatte.

»Masowski, Polizei.«

»Ach so, ja, eh …«

»Wir werden Sie später besuchen, um Ihnen ein paar Fragen zu stellen. Jetzt kann ich Ihnen nicht mehr sagen.«