Mordsliebe - Angelika Schröder - ebook

Mordsliebe ebook

Angelika Schröder

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Opis

Im Hagener Westpark werden im Abstand von vier Wochen ein Mädchen und ein Junge erdrosselt aufgefunden. Bei den polizeilichen Untersuchungen werden weder Anzeichen einer körperlichen Misshandlung noch eines sexuellen Missbrauchs festgestellt. Die Opfer verbindet offensichtlich nur eine Gemeinsamkeit: Beide besuchten dieselbe Grundschule. Während die Hagener Polizei im Dunkeln tappt, begeben sich die Lehrerin der Kinder, Helga Renner, und die Vorsitzende der Elternschaft, Anne-Liese Merklin, ebenfalls auf die Suche nach dem Mörder. Im Laufe ihrer Recherchen stoßen sie auf ein ebenso fürchterliches wie erschütterndes Geheimnis.

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Titel

Angelika Schröder

Mordsliebe

Kriminalroman

Impressum

Handlung und Personen sind frei erfunden,

ebenso wie die Schule und ihre Umgebung.

Sollte trotzdem jemand Ähnlichkeiten entdecken,

so würden diese auf jenen Zufällen beruhen,

die das Leben schreibt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2004 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75/20 95-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2004

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

Gesetzt aus der 9,5/13 Punkt StempelGaramond

ISBN 978-3-8392-3148-7

Bibliografische Information

der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.ddb.de abrufbar.

1

Zärtlich wiegte sie den zerbrechlichen Körper in ihren Armen, während sie unhörbar flüsterte: Gleich wird es dir besser gehen, mein armer Liebling. Schsch, ruhig, ich werde dir helfen. Du brauchst keine Angst zu haben. Ich bin bei dir. Ganz ruhig, mein Kleiner, bald wird niemand mehr mit dir schimpfen oder dir wehtun. Nie wieder wirst du allein und einsam sein. So ist es gut, halte einfach still, und ich werde dich führen. Für dich gibt es nur noch Freude, Frohsinn und Lachen. So gerne höre ich dich glücklich und unbeschwert lachen, komm, lach noch einmal, lache für mich. Du magst nicht? Das macht nichts, du darfst tun, was du möchtest. Endlich! Denn jetzt bist du frei. Frei! Frei! Frei!

Glücklich und traurig zugleich blickte sie auf den Kleinen hinunter, bevor sie ihn sanft zu Boden gleiten ließ, sich verabschiedete und langsam davonging.

Es herrschte jene fahle Dämmerung, die den baldigen Sonnenaufgang anzeigte. Schmutzig graue Wolken zögerten den Beginn des Apriltages jedoch hinaus. Trotz der frühen Stunde schimmerte hinter vielen Fenstern der Mietskasernen schon Licht. In den Hauseingängen hatten sich Werbebroschüren angesammelt; der Inhalt geplatzter Müllsäcke quoll wie graues Gedärm auf den Gehweg, und aufgeweichte Fritten und Brötchen bildeten Ekel erregende Stillleben im Rinnstein. In diesem Viertel gab es keinen Platz für Vorgärten mit Blumen. Die Straßen waren schmal und so zugeparkt, dass weder Feuerwehr noch Müllwagen hätten durchkommen können.

Klaus Kersting atmete auf, als er endlich das Gewirr der verwinkelten Gassen hinter sich lassen konnte. Doch auch auf dem Ring, der die City umgab, kam er nicht schneller voran. Stoßstange reihte sich an Stoßstange, während einige ungeduldige Fahrer erfolglos auf ihre Hupen drückten. Kersting dagegen dankte dem Himmel für die langsame Fahrt. Ihm fiel es schwer, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Immer wieder irrten die Gedanken ab zum Westpark, wohin man ihn in aller Herrgottsfrühe gerufen hatte. Gab es etwas Erbarmungswürdigeres als einen leblosen Kinderkörper zwischen Unrat und Unkraut? Auf seinem Weg zum Polizeipräsidium haderte er einmal mehr mit dem Schicksal und dessen Unbarmherzigkeit.

Während er auf den Aufzug wartete, sah er wieder den kleinen Jungen vor sich, wie er im gleißenden Licht der Scheinwerfer lag, mit verzerrtem Gesicht, eine verwelkte Blüte im halbgeöffneten Auge.

Oben auf dem Flur begegnete ihm Masowski. Kersting unterdrückte ein Aufstöhnen. So sehr er die lockere Art des Jüngeren manchmal begrüßte, jetzt stand ihm nicht der Sinn nach dummen Witzen. Und richtig! Kaum hatte Masowski seinen Kollegen erspäht, musterte er ihn mit unverschämtem Grinsen von oben bis unten, um dann übertrieben mitleidig zu fragen: „Was ist denn mit dir los? Du siehst aus, als hättest du die Nacht durchgezecht! Oder gibt es eine neue Freundin?” Jürgen Masowski lachte dröhnend und lange, um seine Verlegenheit zu überspielen. Ihm war gerade wieder eingefallen, wie sehr der Kollege es hasste, auf eine Freundin angesprochen zu werden. Seitdem seine Verlobung vor einem Jahr ganz plötzlich in die Brüche gegangen war, wurde er unausstehlich, wenn das Gespräch auf Frauen kam. „Sorry, war nicht so gemeint”, entschuldigte Masowski sich vorsichtshalber. Er war zwar neugierig, aber nicht impertinent.

Doch Kersting schien gar nicht richtig hingehört zu haben. „Es gibt eine neue Leiche.”

„Na und? Leichen sind schließlich unser Job. Deshalb arbeiten wir doch hier.” Ausgeruht und vor Energie strotzend grinste Masowski seinen Partner an. Er besaß einen morbiden Sinn für Humor, den er nach Kerstings Geschmack viel zu oft von der Leine ließ. „Wie heißt das Sprichwort? Leiche am Morgen bringt Kummer und Sorgen.”

Kersting schüttelte den Kopf. Würde der Kerl denn nie begreifen, dass dumme Sprüche absolut unpassend waren? Sicher, jeder besaß seine eigenen Methoden mit den Belastungen des Alltags fertig zu werden, doch Masowskis aufgesetzte Fröhlichkeit ging ihm auf die Nerven, seitdem sie zusammen arbeiteten und heute Morgen ganz besonders. Um halb vier hatte das Telefon einer schlaflosen Nacht ein Ende bereitet. Zu viele Erinnerungen. Zu viele schlimme Erfahrungen.

Masowski hatte inzwischen weiter geredet und wartete offensichtlich auf eine Antwort.

„Entschuldige. Was sagtest du?”

„Wieso du überhaupt schon hier bist, wollte ich wissen. Du hattest doch frei, oder?”

„Was besagt das schon! Myers hat sich gestern Abend noch krank gemeldet, und Losmann musste zu ’ner Schlägerei. Ein Toter und mehrere Verletzte.”

„Hoffentlich hat’s die Richtigen erwischt!”

„Keine Ahnung! Jedenfalls wurde heute Morgen kurz nach drei die Leiche eines Kindes gefunden. Suchmannschaften waren die ganze Nacht unterwegs, nachdem die Vermisstenmeldung gestern Abend reinkam.”

„Ach du Scheiße! Wieder ein Mädchen?”

„Ein Junge.”

„Und? Was sagt der Mediziner? Wurde er sexuell missbraucht?”, fragte Masowski und klang tatsächlich hoffnungsvoll. Das wäre ein eindeutiges Motiv und würde die Suche nach dem Täter erleichtern.

Doch Kersting zuckte die Schultern. „Eher unwahrscheinlich.”

„Also, der gleiche Fall wie bei dem Mädchen. Ich hasse Serientäter.”

„Für derartige Schlüsse ist es noch zu früh. Meine Güte, ich komme gerade vom Tatort.”

„Hm, so siehst du auch aus.”

„Verdammt noch mal, es war ein Kind, ein kleiner, hilfloser Junge. Wenn ich mir vorstelle …” Abrupt brach er ab.

„Schon gut, schon gut”, lenkte Masowski ein. „Komm mit, was du brauchst, ist ein starker Kaffee, und ich könnte auch einen vertragen.”

Kersting hätte Hochprozentiges vorgezogen, doch war dafür jetzt weder die richtige Zeit noch der richtige Ort.

Auf den langen Fluren herrschte inzwischen Betrieb. Angestellte und erste Besucher erschienen, ein neuer Arbeitstag hatte begonnen.

In ihrem gemeinsamen Büro warf Masowski als erstes die Kaffeemaschine an. Kersting sank in seinen Stuhl, lehnte sich gähnend zurück und beobachtete den Kollegen. Er bezweifelte, dass Kaffee ihn aufmuntern würde. Ihm machte nicht nur die Müdigkeit zu schaffen, viel mehr verdross es ihn, dass sie nach vier Wochen intensiver Ermittlungsarbeit im Fall des ermordeten Mädchens noch keinen Schritt weiter gekommen waren.

„Gibt es inzwischen etwas Neues im Falle Linners?”, fragte Masowski, mit dem Kopf im Aktenschrank steckend, wo er nach einem leeren Ordner und sauberen Tassen suchte. „Ich überprüfe seit Tagen die Alibis der Fahrzeughalter und bin nicht mehr auf dem Laufenden. – Übrigens, der Besitzer des roten Polos oder Golfs oder Fiestas, du weißt schon, der rechts außen an der Ecke geparkt haben soll, fehlt uns noch immer. Es gibt einfach zu viele von der Sorte. Und wer merkt sich schon fremde Autonummern.”

Kersting knurrte Unverständliches. Er glaubte nicht, dass Masowskis Arbeit von Erfolg gekrönt sein würde. Da es keine viel versprechende Spur gab, blieb ihnen nichts anderes übrig als die Ochsentour der Routine zu reiten. Und so hatten sie in mühevoller Kleinarbeit den größten Teil jener Autos, die am Abend des Mordes auf dem zum Westpark gehörenden Parkplatz gestanden hatten, ihren Besitzern zugeordnet.

„Wenn es etwas gäbe, hätte ich es dir längst erzählt. Unsere einzige Hoffnung sind immer noch Atze und seine Glatzen. Und das ist nicht mehr als eine ziemlich weit hergeholte Theorie.”

In Kersting brodelte es, und er wünschte verzweifelt, er könnte diesen Mord mit der gleichen professionellen Distanz angehen wie die anderen Fälle. Alte, längst vergessen geglaubte Bilder drängten sich auf, einander überlagernd und surrealistisch verfremdet. Er presste die Zähne zusammen, bis der Schmerz ihn in die Realität zurückriss. Erst nach einer ganzen Weile fügte er hinzu: „Sie kannte ihren Mörder, das ist sicher. Nichts deutet auf eine Gegenwehr hin. Es gab keine Abwehrverletzungen, keine Prellungen, Abschürfungen oder abgebrochene Nägel, die auf einen Kampf schließen ließen.” Er schluckte. „Und jetzt ein zweiter Mord!”

„Und vermutlich derselbe Täter, oder?”

„Du stellst vielleicht Fragen!” Er gähnte unverhohlen und nahm die Hand erst hoch, als er den Mund schon wieder geschlossen hatte. „Hm, ich denke schon, alles andere wäre ein zu großer Zufall.”

„Wenn es derselbe Täter ist, scheiden alle Motive aus, die in der Familie begründet liegen.”

„Du vergisst, dass wir bisher keinen einzigen familiären Grund gefunden haben. Die Mutter des Mädchens ist allein erziehend, und einen Freund, der in Versuchung hätte geraten können, gibt es zurzeit nicht. Was im Übrigen auch die Nachbarn bestätigen.”

„Ich finde, wir sollten da noch einmal nachhaken. Überleg doch mal, wie die Frau aussieht, und so eine will keinen Freund haben? Ausgeschlossen! Das glaube ich einfach nicht! Nach der dreht sich doch jeder Mann um.”

„Und wenn schon! Die Kleine wurde weder missbraucht noch misshandelt.”

„Trotzdem. Irgendwo muss ein Motiv existieren, und sei es noch so verworren.”

Masowski balancierte vorsichtig zwei bis an den Rand gefüllte Kaffeepötte, reichte einen weiter und ließ sich auf der Kante von Kerstings Schreibtisch nieder, nachdem er den Ordner mit der Fallakte sowie ein paar Vernehmungsprotokolle, die noch eingeheftet werden mussten, beiseite geschoben hatte. Missmutig starrte er auf die winzigen Blasen in seinem Becher, die immer wieder neue Muster bildeten.

„Ein psychisch Kranker, egal wie alt, wäre das Schlimmste, was uns passieren könnte! So einen zu finden, ist verdammt schwierig.”

Du weichst den Motiven aus! Wie ein Projektil schoss der Vorwurf durch Kerstings Hirn und hinterließ brennenden Schmerz. Im Laufe der Jahre hatte er es mit vielen mehr oder minder abstrusen Motiven zu tun gehabt, doch in diesem speziellen Fall hatte er das Nachdenken über mögliche und wahrscheinliche Ursachen den Kollegen überlassen, erkannte er und schämte sich. Gerade, weil ihm der Fall so nahe ging, durfte er sich nicht von persönlichen Problemen behindern lassen. Er musste sich zusammenreißen – irgendwie.

„Und es dauert …” Masowski war mit seinen Gedanken noch bei dem geistig gestörten Täter. „Vielleicht sollten wir einen Psychologen hinzuziehen.”

„Auf keinen Fall! Erst, wenn es Verdächtige gibt.”

„Ich fürchte, du wirst keine Wahl haben. Nach dem zweiten Mord wird man mit Sicherheit eine Sonderkommission bilden. – Was hast du eigentlich gegen Psychologen?”, fügte Masowski verspätet hinzu.

„Ich kann diese besserwisserischen Kerle einfach nicht ausstehen.” Er bemühte sich um oberflächliche Leichtigkeit, was ihm – Masowskis unverständigem Blick nach zu schließen – auch gelungen sein musste, wusste aber ganz genau, dass seine Abneigung Psychologen gegenüber sehr viel tiefer ging, als er je zuzugeben bereit gewesen wäre, nicht einmal sich selbst gegenüber.

„Ach, so schlimm sind die doch gar nicht. Mit den meisten kommt man ganz gut aus. – Was wissen wir über das neue Opfer?”, fragte er, zum alten Thema zurückkommend.

„Wenig. Wir müssen unbedingt herausfinden, ob die Kinder zusammen spielten und ob es Gemeinsamkeiten gibt. Ohlerts ist zur Mutter gefahren, um ihr die traurige Nachricht zu überbringen. Mein Gott, bin ich froh, dass er mir das abgenommen hat.” Der im Dienst alt gewordene Kollege verstand einiges von Psychologie und Medizin und war im Laufe der Zeit fast ein Experte geworden, was den Umgang mit trauernden Angehörigen betraf.

„Ich hoffe nur, wir finden schnell etwas. Sobald bekannt wird, dass es eine zweite Leiche gibt, werden die Pressefritzen wie die Aasgeier über uns herfallen.”

„Sie sind schon dabei.” Kersting war aufgestanden und schaute aus dem Fenster. „Neumann von der Rundschau ist gerade vorgefahren.”

„Oh nein!” Der Seufzer kam aus tiefstem Herzen. Masowski hatte zu Reportern ein ähnliches Verhältnis wie Kersting zu Psychologen: Er mochte sie ganz und gar nicht.

Es handelte sich um einen jener Fälle, die die Kriminalisten an ihren Fähigkeiten zweifeln ließen. Vor etwa einem Monat hatte ein Spaziergänger eine Kindesleiche im Westpark gefunden, ein kleines Mädchen, mit einem Schal erdrosselt. Bisher gab es nur einen möglichen Verdächtigen, genauer gesagt, eine kleine Gruppe, doch die Indizien reichten lange nicht aus. Kurz vor Sandras Tod hatten vermutlich Skins einen der Obdachlosen, die sich regelmäßig im Westpark aufhielten, so zusammengeschlagen, dass der Mann kurze Zeit später seinen Verletzungen erlag. Da die Tat am Nachmittag geschehen war, ganz in der Nähe des Parks, wo Sandra häufiger spielte, könnte sie womöglich etwas bemerkt haben. Die Mitglieder der Gruppe wurden daraufhin immer wieder zum Verhör vorgeladen, einzeln oder gemeinsam. Gleichgültig wie die Polizisten auch fragten und blufften, sie konnten ihnen weder den einen noch den anderen Mord nachweisen.

Nach Sandras Tod hatten sie den Park systematisch abgesucht. Außer ein paar verwischten Spuren, die darauf hindeuteten, dass der Fundort auch der Tatort war und einigen Fasern an der Jacke des Opfers entdeckten sie nichts, was sich eindeutig mit der Tat in Verbindung bringen ließ. Dabei hatten sie sämtliche Abfälle der Umgebung durchgesiebt, jeden, der sich häufiger im Park aufhielt, befragt, und alle Anwohner interviewt. Sie besaßen hunderte von Aussagen, doch nicht eine heiße Spur. Es musste am frühen Abend geschehen sein, als es dämmerte. Obwohl der größte Teil des Parks durch die vielen Rasenflächen gut überschaubar war und es nur wenige Möglichkeiten gab, sich zu verstecken, hatte niemand etwas Verdächtiges bemerkt. Der Tatort war der einzige Platz, wo die Büsche dicht an dicht standen.

„Los, an die Arbeit. Fass mal zusammen, was wir über das Mädchen wissen.” Kersting konnte am besten nachdenken, wenn ein anderer bekannte Fakten wiederholte. Er glaubte, dass dadurch in seinem Hirn Querverbindungen entstanden, die er vorher übersehen hatte.

„Allzu viel ist es nicht. Sandra Linners, acht Jahre alt, wurde am 15. März im Westpark erdrosselt. Gefunden hat sie Peter Wallner morgens gegen 6.00 Uhr, als er seinen Hund ausführte. Was meinst du, ob es wohl eine Statistik gibt, wie viele Leichen von Hundebesitzern gefunden werden?” Kersting schmunzelte, froh, wieder professionelle Distanz zu verspüren. „Auf jeden Fall haben wir ihn gründlich überprüft, der Mann ist sauber. Tatwaffe war ein bunt gemusterter Seidenschal, wie man ihn in jedem Kaufhaus kaufen kann. Alle Hinweise aus der Bevölkerung, wem der Schal gehören könnte, erwiesen sich als Sackgassen. Wir wissen, dass der Täter einen grauen Wollmantel getragen haben muss und entweder schwarze Wollhandschuhe oder einen schwarzen Wollschal. Entsprechende Fasern fanden sich an der Jacke des Mädchens. An dem Abend war es kalt und Sandra nur mit einem dünnen Anorak bekleidet. Der Mörder konnte ihr leicht den Schal umschlingen. Wer weiß, vielleicht hat er ihr sogar erzählt, er wolle ihr den Schal schenken – wegen der Kälte.” Masowski presste den Mund zusammen, bis die Lippen nur noch einen schmalen Strich bildeten. Auf seiner Stirn glitzerten Schweißtropfen. Nicht nur als Vater ging ihm der Tod der Kinder nahe. Niedergeschlagen fügte er hinzu: „Im näheren Umfeld des Opfers gibt es keinerlei Hinweise, nicht einmal die Andeutung eines Motivs. Aber vermutlich haben wir noch nicht tief genug gegraben. Falls es die Skins nicht waren, muss da irgendwo etwas sein.”

Kersting schielte in seine Kaffeetasse, in der sich noch eine Pfütze lauwarmen Gebräus befand. Angewidert schob er sie beiseite. Eigentlich mochte er gar keinen Kaffee. „Wir werden so schnell wie möglich mit den Eltern des Jungen sprechen müssen. Hoffentlich haben sie sich inzwischen etwas beruhigt. Anschließend sind die Nachbarn dran. Dann sollten wir auch noch Zeugenaufrufe im Lokalfunk veranlassen. Sonst noch etwas? Ach ja, die Schule. Stell doch mal fest, ob der Junge die selbe Schule wie Sandra besuchte. Wenn sie zusammen gespielt haben, haben sie vielleicht auch gemeinsam etwas beobachtet, was niemand sehen sollte.”

Helga Renner ging selten zu Fuß zu ihrer Schule, meistens nur dann, wenn sie die Nachwehen des letzten Abends vertreiben musste, und das geschah nicht allzu oft, wie sie sich bedauernd eingestand. Auch heute fühlte sie sich nur deshalb so zerschlagen, weil sie bis in die frühen Morgenstunden gelesen hatte, eine dumme Liebesgeschichte, bei der sie von Anfang an wusste, wie sie ausgehen würde. Doch ab und zu brauchte sie diese Flucht in eine Traumwelt. Der gestrige Vormittag hatte wieder einmal alle Kräfte aufgezehrt, so dass sie am Nachmittag nur das Notwendigste erledigt und sich mit dem Roman und einer Flasche Riesling Hochgewächs in die Sofaecke gekuschelt hatte. Eigentlich hätte sie vor Energie strotzen müssen, schließlich lagen die Osterferien erst wenige Tage hinter ihr. Doch sie fühlte sich, als hätte es keinen Urlaub gegeben. Schon in der zweiten oder dritten Schulstunde befanden sie und die Kinder sich wieder im alten Trott, was bedeutete, dass sie viel Zeit und Energie brauchte, um ihre Schüler zu überzeugen, das zu tun, was die Lehrerin verlangte.

In der letzten Zeit ertappte sie sich häufiger bei dem Wunsch nach einem wirklich aufregenden Abend mit hervorragendem Essen, heftigem Flirt und anschließendem hemmungslosen Sex. Viel zu lange schon hatte sie auf solche wilden Nächte verzichten müssen. Obwohl sie ihre Unabhängigkeit genoss, spürte sie doch zunehmende Einsamkeit. Ihre Freundinnen lebten in festen Beziehungen und fanden selten Zeit, mit ihr ins Theater oder ins Kino zu gehen. Warum fiel es ihr bloß so schwer, einen interessanten Mann kennen zu lernen? Lag es an der Umgebung, am Alter oder an ihrer eher schüchternen Persönlichkeit, fragte sie sich wehmütig und beschloss bei sich, falls nicht innerhalb der nächsten Woche ein Mann in ihrem Leben auftauchen sollte, den näher kennen zu lernen sich lohnte, es mit einer Annonce zu versuchen. So ging es jedenfalls nicht weiter. Automatisch warf sie einen Blick auf die Kirchturmuhr, der sie ihre Schritte beschleunigen ließ.

Sie wohnte in einem der schöneren Viertel dieser Stadt mit alten, renovierten Häusern aus der Zeit der Jahrhundertwende. Helga liebte die Stuckgirlanden über den Fenstern, die Säulen neben den Türen und die vorstehenden Erker. Zu jedem Haus gehörte ein winziger Vorgarten mit dichtem Strauchwerk. Nur wenige Straßen weiter, begannen sich bereits graue Mietskasernen unter die farbenfrohen, renovierten Gebäude zu mischen. Dort waren die Mieten günstig und kaum jemand regte sich auf, wenn Kinder im Treppenhaus tobten. Die Kleinen befreundeten sich schnell und schufen auf diese Weise Kontakte zu Nachbarn, mit denen man sonst kein Wort gesprochen hätte. Manche Bewohner kannten einander schon seit Jahren. In den Kiosken bekam man nicht nur Zeitschriften, sondern auch den neuesten Klatsch zu hören. Vor vier Wochen hatte die Verwaltung der Stadt versucht, das Grau etwas aufzulockern und einen Teil der wenigen vorhandenen Parkplätze mit Blumenkübeln zugestellt. Zwischen Glasscherben und Pappschachteln mühten sich Tulpen und Osterglocken ab, einen Sonnenstrahl zu erhaschen. Niemand schien sich an dem Müll, der auf den Gehwegen lag, zu stören. Und darum, überlegte Helga, die sich bei dem Anblick jedes Mal schüttelte, war es kein Wunder, dass sie es nicht schaffte, ihren Schülern die Grundgedanken des Umweltschutzes nahe zu bringen.

Mit zusammengekniffenen Augen schaute sie zum Himmel. Dunkle, zerfranste Wolken sammelten sich zu einem nassen Angriff. Inständig betete sie um Aufschub. Sie hasste die Pausen, in denen die Kinder nicht nach draußen auf den Schulhof konnten, um sich auszutoben. Dann gaben sie ihrem Drang nach Bewegung während des Unterrichts nach, und der Vormittag entwickelte sich für Schüler und Lehrer zur Tortur.

2

Kurz nach Ende der fünften Stunde lehnte Helga am Pult der zweiten Klasse und blickte auf ihre ganz speziellen Schätzchen, die noch immer nicht mit dem Abschreiben der Aufgaben fertig waren. Die meisten Kinder hatten den Raum längst verlassen und befanden sich auf dem Heimweg, aber es gab immer ein paar Nachzügler, die etwas länger brauchten. Verärgert bemerkte sie, dass Thomas und Florian ihre Stühle wieder nicht hochgestellt hatten und unter Mehtaps Tisch ein Haufen Papierschnipsel lag, der eindeutig bezeugte, dass seine Produzentin während der letzten Stunde alles andere als aufmerksam gewesen war. Sie bückte sich, um einen vergessenen Füller, einen halben Radiergummi, einen Apfel und zwei Filzstifte aufzuheben und beiseite zu legen. Robin hatte sein Mathematikbuch auf dem Tisch liegen lassen, und seine Lehrerin fragte sich, ob und wie er seine Hausaufgaben zu erledigen gedachte. Da wurde die Tür aufgerissen, und die Konrektorin Elli Goppel stürzte herein. „Ich brauche unbedingt deine Verlängerungsschnur, unsere Schnecke hat meine Steckdose noch immer nicht repariert, und ich muss mir den Strom für den Diaprojektor aus der Nachbarklasse holen, es ist zum Kotzen!”

Während sie weiter über den Hausmeister schimpfte, raffte sie hastig die Schnur zusammen, die ziemlich verdreht auf der Fensterbank lag. Helga beneidete Elli um ihr Klassenzimmer. Dort hingen die Vorhänge dicht genug, um den Raum für Diaprojektionen abzudunkeln. In ihrer Klasse ein Ding der Unmöglichkeit. Ein einziges Mal hatte sie es riskiert, die Überreste ehemaliger Gardinen zuzuziehen. Doch nachdem sie dabei von reißendem Stoff in eine Staubwolke gehüllt worden war, hatte sie jeden weiteren Versuch aufgegeben.

„Wenn dieser Schildkrötenverschnitt nicht bald zu arbeiten anfängt, mache ich Leberwurst aus ihm.” Ellis Ausbrüche heiterten regelmäßig Pausen und Konferenzen auf. Sie besaß ein explosives Temperament und hielt es nur selten für nötig, dieses zu zügeln und sich zu beherrschen. Wenn ihr etwas nicht passte, bekam es jeder zu hören. Und zur Zeit hatte sie es auf den Hausmeister der Schule abgesehen, der ihrer Meinung nach entschieden zu langsam arbeitete und dem Prinzip der Vertagung huldigte, frei nach dem Motto: Was du heute kannst besorgen, verschieb’ getrost auf morgen.

„Danke! Ich muss laufen, kann die wilde Horde nicht lange allein lassen. Übrigens ist Besuch zu dir unterwegs.” Mit dieser Ankündigung entschwand sie und ließ eine sprach- und ratlose Kollegin zurück.

Besuch? Wer konnte das sein? In Gedanken ging Helga die Vorkommnisse der letzten Tage durch. Davon gab es eine Menge, doch fand sie nichts, was Eltern oder Lehrer hätte beunruhigen können. Also kein Grund nervös zu werden, sagte sie sich und begann, die Bilder der Kinder, die an der Wand entlang auf dem Fußboden lagen, einzusammeln und aufzuhängen. „Rote Tulpen vor einem blauen Hintergrund” hatte die Aufgabe gelautet. Inzwischen waren die Wasserfarben getrocknet, und beim Sortieren fand sie einige Kunstwerke, die ihr ausnehmend gut gefielen. Während sie noch überlegte, ob sie auch die roten Blumen vor dem pinkfarbenen Hintergrund aufhängen sollte – wüsste sie es nicht besser, würde sie die Künstlerin für farbenblind und hörgeschädigt halten – klopfte es, und Frau Merklin stand in der Tür.

„Hallo, Sie wollen sicher Veronika abholen. Es dauert noch einen Moment. Sie schreibt sich gerade die Hausaufgaben auf.”

„Tag! Eigentlich wollte ich mit Ihnen reden.”

„Nun, Veronika ist zwar ziemlich langsam, aber ansonsten gibt es keine Probleme mit ihr.”

„Nein, darum geht es nicht. Sie haben es wahrscheinlich noch nicht gehört …”, die Merklin senkte ihre Stimme zu einem kaum verständlichen Flüstern, „ … aber man hat heute Morgen Benjamin Fränzke gefunden, im Westpark.”

„Ist er …?” Die Lehrerin stockte entsetzt.

Frau Merklin nickte.

„Oh nein, nicht schon wieder.” Helga ließ sich schwer auf ihren Stuhl sinken. „Sind Sie sicher?” Sie runzelte die Stirn und schaute verwirrt zu Frau Merklin auf. „Entschuldigung, natürlich sind Sie sicher.”

„Hören Sie, die Zeit ist jetzt etwas knapp, aber ich würde mich gern einmal in aller Ruhe mit Ihnen unterhalten.”

„Worüber?”

„Wir könnten zum Beispiel einen Elternabend einberufen und uns überlegen, ob wir einen Abholdienst für die Kinder organisieren.” Frau Merklin war hochgewachsen und stämmig und strahlte einen Tatendrang aus, der Helga beunruhigte. „Also, heute Nachmittag um drei im Café Tigges? Sie kommen doch, ja?” Sie starrte aus dunkelblauen, fast schwarzen Augen auf die Lehrerin hinunter. Inzwischen hatten alle Kinder bis auf Veronika die Klasse verlassen. Helga verspürte überhaupt keine Lust, am Nachmittag ins Café zu gehen, mochte die Bitte der Elternvorsitzenden aber auch nicht abschlagen.

„Na schön, heute Nachmittag um drei.”

„Gut! Ich verlass mich drauf, bis dann!” Mit diesen Worten schnappte sie ihre Tochter und verschwand.

Erbittert, weil sie sich wieder einmal zu etwas hatte überreden lassen, was sie eigentlich gar nicht wollte, heftete die Lehrerin die restlichen Bilder an die Pinnwand.

Anschließend machte sie sich auf den Weg zum Lehrmittelraum, um ein paar Folien mit Frühlingsblumen herauszusuchen. Die meisten Kinder kannten gerade noch Tulpen, wie sie heute Morgen wenig überrascht festgestellt hatte, Narzissen dagegen waren ihnen ebenso unbekannt wie Hyazinthen oder Schlüsselblumen. Kein Wunder, besaßen doch nur wenige Familien einen Garten. Die Stimme des Rektors, die durch den leeren Flur hallte, hielt sie auf.

„Frau Renner! Hallo! Warten Sie! Würden Sie bitte in mein Zimmer kommen? Sie haben doch jetzt frei, und es dauert auch nicht lange.”

„Sicher, worum geht’s denn?”

Paul Raesfeld befand sich bereits jenseits der fünfzig und sehnte seine Pensionierung herbei. Von hagerer Statur und mit hängenden Schultern wirkte er manchmal wie der Ritter von der traurigen Gestalt. Die Haare hatten sich bis auf einen schmalen Kranz zurückgezogen, und sein linkes Auge zwinkerte unregelmäßig. Er war nervös. Kein Wunder, nach dem was er gerade erfahren hatte. Der gute Ruf seiner Schule bedeutete ihm alles. Dafür gab er sogar Elternwünschen nach, die das Kollegium nur unwillig akzeptierte. Missmutig dachte Helga an die Schulfeste, die neuerdings alle zwei Jahre stattfinden sollten und die zusätzlichen Elternsprechstunden. Ob durch diese Mehrarbeit das Bild der Schule in der Öffentlichkeit gewinnen würde, schien ihr fraglich. Und nun waren zwei seiner Schüler ermordet worden, und die Polizei ging ein und aus. Helga erschien es, als nehme er das Unglück, das seine Schule getroffen hatte, persönlich.

Beim Betreten des Rektorzimmers erblickte sie wie erwartet den Beamten der Mordkommission.

„Guten Tag, Herr Kersting!” Da Sandra in ihre Klasse gegangen war, kannte sie den Polizisten bereits recht gut. Er hatte sie damals häufiger aufgesucht und immer wieder Fragen gestellt. „Es tut mir Leid, Sie unter diesen Umständen wiederzusehen. Ich hatte gehofft, Sie hätten inzwischen den Mörder von Sandra gefunden.”

„Sie wissen, was passiert ist?”

„Eine Mutter erzählte es mir gerade. So etwas spricht sich schnell herum. Der arme Junge.”

„Benjamin gehörte zu Frau Stellmanns Klasse”, sagte der Rektor, „doch sie ist schon weg, und deshalb dachte ich, Sie könnten der Polizei weiterhelfen. Sie haben doch auch Unterricht in der 3b und kennen … äh, kannten den Jungen. Ich weiß leider nur wenig über ihn.” Ächzend ließ er sich auf dem schweren Sessel hinter dem Schreibtisch nieder. Seine halbe Brille rutschte auf die Nasenspitze, als er erst nach unten und dann über deren Rand hin zu Helga blickte.

„Ja, natürlich, doch viel kann ich nicht sagen. Frau Stellmann ist die Klassenlehrerin und weiß mehr über die einzelnen Kinder als ich. Ich unterrichte nur Kunst und Musik in der Drei, und da lernt man die Kinder längst nicht so gut kennen.” Helga spielte mit ihrem schweren, silbernen Armreif, während sie in Gedanken einige schulische Szenen mit Benni in der Hauptrolle durchlebte. Es waren keine angenehmen Erinnerungen.

Um diese beiseite zu schieben, stand sie auf und ging zum Lichtschalter neben der Tür. Schwarze Wolken verdeckten die Sonne, rissen plötzlich auf und spuckten Hagelkörner aus, die laut gegen das Fenster prasselten.

„Gibt es schon Hinweise? War es der gleiche Täter wie bei Sandra?”, fragte sie.

„Leider wissen wir noch zu wenig, um diese Frage eindeutig bejahen zu können.”

„Haben Sie denn wenigstens irgendeine Idee, warum jemand so etwas Furchtbares tut?”, mischte sich der Rektor ein.

„Ideen schon, nur nützen sie uns nicht viel, solange es keine Beweise gibt. Aber wenn wir herausbekommen, was die zwei miteinander verband … vielleicht finden wir dann etwas.” Er wandte sich nun direkt an Helga. „Also erzählen Sie, was Sie über den Jungen wissen. Kannte er Sandra?”

„Ich glaube nicht. Bestimmt waren sie nicht befreundet. Ich habe sie nie zusammen spielen sehen. Sie gingen in verschiedene Klassen und wohnten auch nicht nahe beieinander. Aber da sie beide unsere Schule besuchten, besteht natürlich die Möglichkeit, dass sie sich wenigstens oberflächlich kannten. Vom Wesen her unterschieden sie sich sehr. Sandra war mehr introvertiert, sie verhielt sich lange Zeit sehr ruhig, fraß alles in sich hinein und konnte dann, ganz plötzlich, in die Luft gehen, trotzig und bockig werden, während Benjamin scheinbar über ein überdimensionales Selbstbewusstsein verfügte. Er spielte den King in der Klasse, und wehe, er bekam nicht die Aufmerksamkeit, die er sich wünschte.”

„Was dann?”

„Dann konnte er so lange und so massiv stören, bis kein Unterricht mehr möglich war. Er stieß die Wassertöpfe um, warf mit Stiften, bespritzte die Bilder der anderen.” Helga hielt erschrocken inne, als sie den Ärger spürte, der in ihr hochkam.

„Was tun Sie in so einem Fall?”

Die Lehrerin schaute auf und registrierte überrascht das Interesse des Polizisten. Sie verkniff sich einen vielsagenden Blick zum Rektor, der jede Ordnungsmaßnahme bisher erfolgreich verhindert hatte, da er um den Ruf der Schule fürchtete. Einer derartigen Vorgehensweise mussten Vertreter der Elternschaft zustimmen, und damit geriet sie in den Blick der Öffentlichkeit. So blieben allein die pädagogischen Maßnahmen, über die Benni nur gelacht hatte. Zusätzliche Arbeiten wurden grundsätzlich nicht erledigt, längeres Verweilen in der Schule geriet für ihn zur Belohnung, da sie mehr Unterhaltung bot als Wohnung oder Straße, verständnisvolles Zureden erwies sich als ebenso sinnlos wie Schimpfen. In den zwei Jahren, in denen sie den Jungen unterrichtet hatte, war es ihr nicht gelungen, Zugang zu ihm zu finden. Ihr Schulterzucken fiel dementsprechend hilflos aus, als sie antwortete. „Ich habe mit ihm geredet, immer und immer wieder, habe versucht, seine Kreativität zu fördern. Er hat mich mehr Zeit und Energie gekostet als der Rest der Klasse zusammen. Manchmal tat er mir Leid, und dann, wenn er wieder einen Mitschüler angespuckt oder getreten hatte … Er war schwierig, aber auch einsam”, beendete sie lahm ihre Ausführungen.

„Woher kam das? Gab es Probleme im Elternhaus?”

„Kennen Sie seine Eltern denn noch nicht?”

„Sie weichen aus. Bitte sagen Sie mir alles, was Sie über seine häuslichen Verhältnisse wissen.”

„Nichts, was helfen könnte. Nur Gerede der anderen Eltern, Gerüchte …”

Der Rektor straffte sich. Für einen Moment ruhte sein Blick auf ihr, dann wanderte er unruhig weiter bis zum Bücherschrank, der die Schmalseite des kleinen Büros einnahm. Helga vermochte nicht zu entscheiden, ob er sie zum Weitersprechen oder zur Zurückhaltung hatte auffordern wollen.

„Was sind das für Gerüchte?”

„Na ja, allgemeines Getratsche über das Elternhaus.” Sie schluckte und verfluchte wieder einmal ihre mangelnde Souveränität. Sie konnte schließlich nichts dafür, dass Bennis Erziehung so chaotisch gewesen war.

„Frau Renner, die kleine Sandra war in Ihrer Klasse, und Sie wissen, dass wir kaum Anhaltspunkte haben, also sagen Sie mir schon, was Sie gehört haben – oder vermuten.”

„Es fällt mir schwer, unbewiesenen Klatsch so einfach weiterzugeben. Sie wissen wahrscheinlich schon, dass seine Eltern geschieden sind und der Vater nur selten und unregelmäßig auftauchte?” Fragend blickte die Lehrerin den Kriminalbeamten an, der keine Miene verzog. Dann fuhr sie stockend fort. „Jedenfalls wird erzählt, dass die Mutter keinerlei Gewalt mehr über ihren Sohn besaß, dass er schon häufiger Zigarettenautomaten aufgebrochen und Skateboards und Fahrräder seiner Mitschüler geklaut haben soll – solche Geschichten eben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihnen das weiterhelfen könnte.”

„Ich im Moment auch nicht, aber wer weiß … Mit wem war er befreundet, wer könnte uns etwas über seine Gewohnheiten erzählen?”

„Schwer zu sagen. Er hatte, soweit ich weiß, keinen echten Freund wie andere Kinder. Es gab einige wenige, mit denen er häufiger spielte, meistens versuchte er, bei den Größeren aus den vierten Schuljahren anzukommen. Fragen Sie Frau Stellmann, die müsste es genauer wissen. Sie erreichen sie bestimmt zu Hause. Ich bin nur vier Stunden pro Woche in der Klasse. – Was sagt denn seine Mutter?”

„Mit der konnten wir noch nicht sprechen. Sie ist völlig geschockt und hat eine Beruhigungsspritze bekommen. Ich hoffe sehr, dass sie uns heute Nachmittag was erzählen kann.”

„Und der Vater? Haben Sie den schon getroffen?”

„Noch nicht. Auch nicht den derzeitigen Partner der Mutter.” Kersting erhob sich. „Da ich schon einmal hier bin, könnte ich mich vielleicht mit den Klassenkameraden unterhalten, falls die noch da sind?”

Der Rektor warf einen schnellen Blick auf den Gesamtstundenplan, der einen Großteil der Wand seinem Schreibtisch gegenüber einnahm. „Die 3b hat jetzt Sportunterricht bei Frau Steinhofer.” Er zögerte. „Sie wissen, dass Sie die Kinder nur mit dem Einverständnis der Eltern vernehmen dürfen?”

„Selbstverständlich. Ich will sie ja auch gar nicht vernehmen, ich werde ihnen nicht einmal erzählen, was mit Benjamin passiert ist, wenn Sie das nicht wünschen. Ich möchte die Kinder nur fragen, ob sie wissen, wer des Öfteren mit dem Jungen gespielt hat und wo.” Er überlegte einen Moment, schaute zum Fenster – draußen wurde es wieder heller, der Hagel ließ nach – dann wieder auf den Rektor. „Ich will mir nur einen ersten Eindruck verschaffen. Später werde ich Benjamins Freunde in Anwesenheit der Eltern noch einmal gründlich befragen, einverstanden?”

„Ja nun, also … also gut, aber Sie bleiben dabei, Frau Renner.”

Er konnte nicht erkennen, was die Lehrerin von dem Kompromiss ihres Chefs hielt. Sie warf einen Blick auf die große Uhr über der Tür. „Wir müssen noch zehn Minuten warten, bis der Sportunterricht zu Ende ist. Sie können mit den Kindern sprechen, bevor sie in die Umkleideräume stürzen. Anschließend haben sie nämlich Schulschluss und sind nicht mehr zu halten.”

„Gut, einverstanden.”

„Kommen Sie, ich bringe Sie zur Turnhalle.”

Im Flur und am Hauptportal warteten Mütter auf ihre Kinder, stumm und mit angstgeweiteten Augen. Der Schock steckte ihnen tief in den Gliedern. So war es auch nach Sandras Tod gewesen. Helga hatte Frauen getroffen, die noch nie zuvor einen Fuß über die Schwelle der Schule gesetzt hatten. Doch das Entsetzen fegte alle Hemmungen und alle Gleichgültigkeit beiseite. Jedoch nicht für lange. Der Mensch hält Furcht und Schrecken nur begrenzte Zeit aus, dann beginnt das Verdrängen und Vergessen. Nach und nach verringerte sich die Zahl der Abholer. Doch heute war das Grauen wieder da.

Schweigend gingen sie durch die Pausenhalle, vorbei an Töpfen mit mannshohen Grünpflanzen, die hier ein kümmerliches Dasein fristeten.

„Glauben Sie wirklich, dass die Kinder Ihnen weiterhelfen können?”

„Wer weiß? Wir müssen unbedingt herausfinden, ob es Gemeinsamkeiten zwischen beiden Opfern gibt.”

„Ich verstehe. Kennen Sie erst das Motiv, ist der Täter leicht zu finden.”

„Richtig.” Kersting blieb stehen. Neugierig drehte Helga sich um. „Was ist?”

„Hören Sie, hätten Sie Lust, anschließend mit mir irgendwo zu Mittag zu essen?” Kaum ausgesprochen hätte er die Worte am liebsten zurückgenommen. Über sich selbst überrascht, musterte er die Lehrerin. Er hatte schon weitaus attraktivere Frauen in seinen Armen gehalten. Doch obwohl ihre Gesichtszüge für seinen Geschmack zu herb waren, der Mund eine Spur zu schmal, die Nase zu lang, wirkte ihr Gesicht eigenartig anziehend. Ob es an der leicht geneigten Haltung des Kopfes lag oder an dem kaum sichtbaren Lächeln in den Augenwinkeln, wagte er nicht zu entscheiden. Auch nicht, ob sie eine gute Figur besaß, da sie diese unter weiten Pullovern und Hosen zu verbergen pflegte. Dezent geschminkt und unauffällig gehörte sie zu jenen Frauen, denen er normalerweise keinen zweiten Blick geschenkt hätte.

Auch Helga staunte. Gewiss, sie hatten sich nach dem Tod der kleinen Sandra mehrmals unterhalten, aber es waren ausschließlich dienstliche Gespräche gewesen und dazu über ein unerfreuliches Thema.

„Ich sitze seit heute Morgen an der Sache, habe noch nicht vernünftig gegessen und würde gern auch mal über angenehme Dinge reden. Also, wie wär’s?”

Sie wurde von niemandem erwartet, und ihr Mittagsmahl konnte sie auch morgen noch aus der Tiefkühltruhe holen. „Gut, warum nicht?”, stimmte sie zu.

Vor der Sporthalle mussten sie sich noch ein paar Minuten gedulden. Geschrei und Gelächter drang durch die geschlossene Tür. Ein Gemisch verschiedener Gerüche quoll ihnen aus den Umkleideräumen entgegen. Kersting hatte die Hände in den tiefen Taschen seines zerknitterten Mantels vergraben und trat von einem Fuß auf den anderen. Helga beobachtete ihn eine Weile, dann meinte sie: „Die Befragung der Kinder gefällt Ihnen nicht, oder?”

„Nein! Es macht mir nichts aus, Verdächtige in die Mangel zu nehmen, ganz im Gegenteil, aber Kindern gegenüber fühle ich mich unwohl. Ich weiß nie, wie viel sie wirklich begreifen.”

„Mehr als wir denken. Aber ich kann Sie verstehen, es ist schon schwer, mit Erwachsenen über den Tod zu reden, besonders über den gewaltsamen …” Sie schüttelte den Kopf und schwieg.

„Ich bin jedenfalls froh, dass ich das Gespräch den Eltern überlassen kann, oder wollen Sie das übernehmen?”

„Sie werden es heute Mittag noch früh genug erfahren. Nein, ich werde nichts sagen. Auch wenn ich, leider Gottes, Erfahrung mit Gesprächen dieser Art habe”, fügte sie bitter hinzu.

Die Unterhaltung mit den Klassenkameraden ergab nichts Wesentliches. Manchmal spielte Benjamin im Park, manchmal in der Stadt, oft hielt er sich auch auf der Straße oder auf dem Schulhof auf.

Kersting wirkte nachdenklich, als sie die Turnhalle verließen. „Bei einigen Kindern hatte ich den Eindruck, sie hätten uns mehr erzählen können, zum Beispiel der Stämmige mit dem blonden Kraushaar.”

„Sie meinen René. Das ist ein ganz durchtriebenes Bürschchen. Er hat schon häufiger die Schule geschwänzt und laut Aussagen der Mitschüler auch schon des Öfteren geklaut.”

„Dabei blickt er so unschuldig, als könnte er kein Wässerchen trüben.”

„Das täuscht. Warten Sie mal.” Die Lehrerin versank in konzentriertes Nachdenken. Nach ein paar Minuten schaute sie wieder hoch. „Den Jungen habe ich in letzter Zeit häufig mit Benjamin auf dem Schulhof gesehen. Sie könnten Recht haben mit Ihrer Vermutung. Vielleicht sollten Sie ihn daheim besuchen.”

„Genau das habe ich vor.”

Ihm halfen – auch unbewusste – Empfindungen ebenso wie das, was gesagt oder verschwiegen wurde. Schon oft hatte er sich auf seine Intuition verlassen und Erfolg damit gehabt. Auch deshalb hatte er mit den Schülern reden wollen, um die Atmosphäre zu erspüren und ein Gefühl für Benjamins Umfeld zu bekommen.

„Ich hoffe, sie sind gesprächiger, wenn sie wissen, worum es geht.” Er fasste Helga leicht am Arm. „Kommen Sie, lassen Sie uns erst einmal ein nettes Restaurant suchen. Ich glaube, jetzt haben wir uns ein gutes Essen verdient.”

3

Helga war gespannt, welches Lokal Kersting wählen würde. Während er den Wagen geschickt durch den dichten Stadtverkehr lenkte, betrachtete sie ihn verstohlen von der Seite. Ihr gefiel sein schmales Gesicht mit den strengen Zügen und das dichte dunkle Haar. Nur die harten Linien um den Mund störten den harmonischen Gesamteindruck. Hingen sie mit seinem Beruf zusammen, oder verdankte er sie einem bestimmten Erlebnis, überlegte sie und bemerkte, dass sie ihn gern näher kennen lernen würde. Trotz des Drucks, der zweifellos auf ihm lastete, strahlte er Ruhe aus. Sie spürte, wie auch sie sich allmählich entspannte. Der Vormittag war anstrengend genug gewesen und dann auch noch die Nachricht von Bennis Tod. Ein bisschen Ablenkung tat jetzt gut.

„Wie bitte?” Verflixt, sie hatte tatsächlich geträumt.

„Ich fragte, ob Sie chinesisch mögen? Das Lokal im Parkhaus ist recht gut.”

„In welchem Parkhaus?”

„Sie wohnen wohl noch nicht lange hier?” Kersting warf ihr einen amüsierten Seitenblick zu. „Es heißt Parkhaus, weil es im Park steht, genauer im Stadtgarten. Als es gebaut wurde, gab es das, was man heute unter Parkhaus versteht, noch nicht. Ich glaube, ursprünglich war es eine Art Tanzlokal.”

„Ach so.” Helga lachte. „Mit exotischem Essen kann man mich fast immer ködern.”

„Gut zu wissen! Also dann …”

Obwohl Helga im Allgemeinen ausländische Restaurants bevorzugte, kannte sie dieses noch nicht und schaute sich neugierig um. Die großen Palastlaternen mit den bunt bemalten Milchglasscheiben trugen ebenso zur chinesischen Atmosphäre bei wie die Drachen aus rotem Papier, die von der Decke hingen und der künstliche Flusslauf mit Goldfischen, zwei geschnitzten Holzbrücken und kleinem Wasserfall.

Da beide keine Lust hatten, sich selbst am Büffet zu bedienen, bestellten sie beim Kellner. Als der gegangen war, saßen sie einander gegenüber und musterten sich neugierig. Kersting wurde bewusst, dass er Helga zum ersten Mal entspannt sah. Die kurzen, braunen Fransen gaben ihrem Gesicht etwas Mädchenhaftes, dazu passten die großen, neugierigen Augen und ihre geröteten Wangen. Zurückgelehnt, die Hände im Schoß verschränkt, sah sie ihn offen an.

„Warum wollten Sie eigentlich mit mir essen gehen? Ich dachte immer, Polizisten dürften sich nicht mit Leuten einlassen, die mit einem Fall zu tun haben? Schließlich bin ich doch eine Zeugin, vielleicht sogar eine Verdächtige? Immerhin kannte ich beide Kinder.” Ihre ersten Worte kamen etwas hastig, als habe sie Angst vor einer Stille, die peinlich werden könnte.

Kerstings Grinsen ließ die harten Linien in seinem Gesicht verschwinden, als hätte es sie nie gegeben. „Stammen Ihre Kenntnisse über Polizeiarbeit aus Romanen oder aus dem Fernsehen?”

„Beides”, gestand sie freimütig.

„Nun, im Prinzip stimmt das natürlich schon, aber zum einen sind Sie keine wirklich wichtige Zeugin und – zumindest zum jetzigen Zeitpunkt – keine Verdächtige, zum anderen hatte ich einfach Lust auf ein angenehmes Mittagessen.”

„Aha, gibt es sonst Fast Food im Büro?”

„Nun ja”, er zuckte mit den Schultern, „meistens habe ich weder Ruhe noch Zeit, ein gutes Essen zu genießen. Dann müssen ein paar Brötchen eben reichen.”

„Heißt das, dass zu Hause niemand für Sie kocht, oder bin ich jetzt zu neugierig?”

„Sie sind zu neugierig.” Als sie zusammenzuckte, erkannte er, wie harsch seine Stimme geklungen haben musste. Mit einem verspäteten Lächeln versuchte er, seiner Antwort die Schärfe zu nehmen. Welcher Teufel hatte ihn geritten, sich während laufender Ermittlungen mit einer Zeugin, schlimmer, mit einer möglichen Täterin, zu treffen? Und das zu einem Zeitpunkt, als er noch gar nicht wieder in der Lage war, locker mit Frauen umzugehen. Er verhielt sich der Lehrerin gegenüber unfair und konnte nur versuchen, aus der verfahrenen Situation das Beste zu machen.

„Was glauben Sie, wie viele Frauen es mit einem Polizisten und seiner unregelmäßigen Arbeitszeit aushalten?”

Eine leise Melancholie umgab ihn jetzt, die Helgas Alarmglocken zum Klingen brachten. Die Unterarme auf dem Tisch verschränkt, betrachtete sie ihn mit nachdenklich gerunzelter Stirn. Sie wollte nicht den gleichen Fehler begehen wie damals mit Hans-Werner. Auch er strahlte, als sie ihn kennen lernte, diese Traurigkeit aus, die ihn für Frauen so anziehend machte. Es war eine stürmische und wunderschöne Zeit gewesen – wenigstens zu Beginn der Beziehung. Erst nach und nach hatte sie erkannt, dass er die Probleme, die ihm Scheidung und Sohn bereiteten – das Kind lebte bei seiner Mutter – als Vorwand benutzte und es genoss, einerseits im Selbstmitleid, andererseits in ihrer liebevollen Fürsorge zu baden. Aber dieser Polizist war anders. Unzweifelhaft belastete ihn etwas, doch versuchte er es zu unterdrücken und zu überspielen. Er erwartete kein Mitgefühl, und Selbstmitleid schien ihm fremd.

„Hm, ich verstehe.” Helga spielte mit ihrem Glas. Sie akzeptierte die gezogene Grenze. „Aber der Beruf macht Ihnen doch Spaß? Oder liege ich da falsch?”

„Nein, das stimmt schon. Ich möchte gern etwas Sinnvolles tun. Ob mehr verkauft wird, ein Computer schneller arbeitet oder die Menschen besser verwaltet werden, ist im Grunde nicht wichtig. Aber die Festnahme eines Mörders bedeutet mehr Sicherheit für alle. Obwohl …”, einen Atemzug lang zögerte er, „manchmal fühle ich mich wie der Narr, der gegen Drachen kämpft. Schlägt man einen Arm ab, wachsen fünf neue nach. Und das Schlimmste ist – die Täter werden immer jünger. Viele Taten werden einfach aus Langeweile begangen, aus Frust oder Überdruss. Und ich frage mich, woher kommen dieser pure Egoismus und diese Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben? Wo sind Toleranz und Achtung vor dem Nächsten geblieben?” Er verstummte abrupt. „Du meine Güte, ich glaube, ich habe viel zu viel geredet. Die einfache Wahrheit ist, dass der Job mir gefällt, jedenfalls meistens, und ich ganz gut darin bin. Sprechen wir von etwas anderem.”

Dazu war Helga jedoch nicht bereit. Sie wollte erst mehr über die Jagd nach Sandras Mörder erfahren. „Wie ist das mit all den Spuren, die Sie laut Presse verfolgen? Wenn Sie tatsächlich so viele Hinweise haben, warum dann noch keine Ergebnisse?”

Er seufzte. „Sollen wir der Presse sagen, dass wir vor einem Rätsel stehen? Natürlich gibt es Spuren, aber leider nichts Konkretes. Ehrlich gesagt, wir haben noch nicht einmal einen handfesten Verdacht. Aber das behalten Sie bitte für sich. Wenn die Reporter das erfahren, hacken die noch mehr auf uns herum, und der Druck von der Staatsanwaltschaft ist eh schon stark genug. Heute Morgen wurde eine Sonderkommission gebildet, um intensivere Arbeit und schnellere Ergebnisse zu gewährleisten.”

„Das klingt, als würde es Ihnen nicht gefallen?”

„Teils, teils. Je mehr Mitarbeiter, desto schwieriger ist die Kommunikation untereinander. Auf der anderen Seite können wir jetzt Hinweisen aus der Bevölkerung schneller nachgehen.”

„Außerdem wird den Menschen auf diese Weise deutlich gezeigt, wie aktiv und engagiert unsere Polizei ist.”

Ihr Lächeln fiel wohl etwas zu ironisch aus, denn Kersting reagierte verstimmt: „Glauben Sie etwa, wir hätten vorher nichts getan?”

„Tut mir Leid, ich habe manchmal eine spöttische Ader, ich weiß auch nicht woher, aber so ist es nun mal.”

Sein Nicken deutete an, dass er ihre Entschuldigung akzeptierte. „Sie haben mir damals ganz schön die Meinung gesagt über Polizisten, die in der Schule herumlungern, anstatt Mörder zu suchen.”