Mondscheinbiss - Janin P. Klinger - ebook

Mondscheinbiss ebook

Janin P. Klinger

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Opis

Serena Love Baltimore verdient ihren Lebensunterhalt als Lieutenant beim NYPD. Dass sie eine Werwölfin ist, geht nicht unbedingt jeden etwas an. Ihre Familie, ein wildes Werwolfsrudel, hat sich damit abgefunden, dass sie in ihrem Job schon mal ihr Leben riskiert. Was jedoch die Beschützerinstinkte ihrer Brüder auf Hochtouren laufen lässt, ist die Tatsache, dass sie ein Verhältnis mit dem Top-Profiler Jason LaFavre hat. Denn Jason ist nicht nur ihr Liebster, sondern obendrein ein Vampir und somit Persona non grata in Werwolfkreisen. Als ein Serienkiller es auf Serena abgesehen hat, scheint das zerbrechliche Friedensgeflecht zu zerreißen, und stellt nicht nur die Liebe von Serena und Jason auf eine harte Probe.

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Mondscheinbiss

Janin P. Klinger

E-Book

Mondscheinbiss

Janin P. Klinger

Copyright © 2012 Sieben Verlag, 64372 Ober-Ramstadt

Covergestaltung: Andrea Gunschera

Korrektorat: Susanne Strecker, www.schreibstilratgeber.com

ISBN Buch: 978-3-864430-60-2

ISBN PDF:978-3-864430-61-9

ISBN Epub: 978-3-864430-62-6

www.sieben-verlag.de

Für meine Familie und Kim,

weil ihr alles für mich seid.

Prolog

S

ie hatte sich lange nicht mehr so gut gefühlt. Die Beats der Musik dröhnten in ihren Ohren und ihr Herz passte sich dem Rhythmus an. Ihr Gehirn war ausgeschaltet und das war der Grund für ihre Anwesenheit. Einfach mal abschalten.

Nach einiger Zeit trieb es sie aus der Masse zur Bar.

„43er mit Maracuja, bitte“, rief sie einem Barkeeper über das Hämmern der Musik zu. Er zeigte mit einem Nicken, dass er sie verstanden hatte und sie ließ ihren Blick über die Menge schweifen. Die Menschen wirkten ausgelassen.

Dann traf ihr Blick ihn. Er war groß, fast einen Kopf größer als der Durchschnitt. Langes, schwarzes Haar umrahmte sein Gesicht. Markante Züge, reine Haut, eine schöne, gerade Nase. Er sah zu ihr herüber; durchdringend und anziehend, sie konnte sich nicht von dem Blick lösen.

„Hier, dein Cocktail.“

Sie riss sich los und wandte sich dem Barkeeper zu, zahlte, bedankte sich und sah wieder zu der Stelle, an der er gestanden hatte. Natürlich war er weg. Irgendwo in der Menge verschwunden. Frustriert nahm sie einen großen Schluck ihres Getränks.

„Schmeckt’s?“

Erschrocken fuhr sie zur Quelle der dunklen Stimme herum. Der Mann blickte ihr tief in die Augen und sie brauchte eine Sekunde, um ihre Gedanken zu ordnen.

Es störte ihn nicht, dass sie seine Frage nicht beantwortete, er fuhr gut gelaunt fort. „Ziemlich coole Stimmung hier, findest du nicht?“

„Ja, sehr cool.“

Er lächelte breit und ließ seinen Blick über sie gleiten. Ihr kurzer Jeansrock und das rote Top schienen ihm zu gefallen.

Jemand rempelte sie an und er stützte sie sofort mit einer Hand an der Schulter, als sie das Gleichgewicht verlor.

„Alles okay?“

„Danke, ja.“

„Hier, dein Drink.“ Er reichte ihr das Getränk zurück, das er in der anderen Hand hielt.

„Du hast gute Reflexe.“ Staunend nahm sie ihr Glas entgegen. Sie hatte nicht bemerkt, dass sie es losgelassen hatte.

Er tat dies mit einem Achselzucken ab. „Du hast wunderschöne Augen.“

Sie senkte den Blick, während sie spürte, dass ihr das Blut in die Wangen stieg. Ihr wurde heiß. „Ganz schön warm hier.“ Sie stieß ein verlegenes Lachen aus.

„Und ziemlich laut. Was schade ist, denn ich würde dich gern näher kennenlernen.“

Erstaunt musterte sie ihn. Er wirkte ein paar Jahre älter als sie. „Wir könnten rausgehen.“

Ihr Vorschlag brachte seine Augen zum Funkeln. „Wunderbare Idee. Trink aus.“

Schnell kippte sie den restlichen Inhalt hinunter, was ihn erneut zum Grinsen brachte. Sie gingen ein ganzes Stück. Die Kälte der Nacht und der Schweiß, der ihren Körper bedeckte, vertrugen sich nicht sonderlich gut. Ein Schauder durchlief sie und sie spürte, wie sie eine Gänsehaut bekam. Mit einem Mal hatte sie ein mulmiges Gefühl.

Er bedachte sie mit einem seltsamen Gesichtsausdruck. „Dir ist kalt.“

Sie nickte, setzte aber ein tapferes Lächeln auf. „Geht schon.“

„Wir können uns in mein Auto setzen. Hat eine Heizung.“

Kurz zögerte sie, dieser Vorschlag kam ihr unvernünftig vor. Andererseits fühlte sie sich locker und unbeschwert, was war schon dabei? Der Wunsch nach Wärme siegte.

Nach ein paar Sekunden kamen sie an seinem Auto an, als wäre er von Anfang an darauf zugesteuert. Wie ein Gentleman hielt er ihr die Tür auf und das Misstrauen war vergessen. Er war ausgesprochen höflich, so etwas erlebte sie nur selten. In der Zwischenzeit war er um den Wagen herumgelaufen und stieg ebenfalls ein. Wieder beobachtete er sie mit diesem seltsamen Gesichtsausdruck und wartete. Aber worauf?

„Solltest du nicht den Motor anlassen, damit er anfängt zu heizen?“ Ihre Stimme klang merkwürdig.

„Na sicher“, meinte er und zog den Schlüssel aus der Tasche. Anstatt ihn jedoch in das Zündschloss zu stecken, drückte er auf einen Knopf und sie hörte, wie die Türen verriegelt wurden.

„Was machst du da?“ Ihre Stimme schnellte um eine Oktave in die Höhe. In ihrem Inneren spannte sich alles an. Das merkwürdige Gefühl verstärkte sich, ihr war benommen zumute.

„Ich habe gesagt, dass ich dich näher kennenlernen möchte“, flüsterte er und sein Tonfall hatte etwas Bedrohliches. Seine Augen nahmen einen sonderbaren Glanz an, während er sie von oben bis unten musterte. „Deine Augen gefallen mir“, murmelte er, den Blick zu weit unten. „Und erst deine Lippen.“

Sie wollte den Türknopf öffnen, doch ihre Finger griffen daneben. Ihr schwindelte. „Was ist mit mir?“, brachte sie mühsam hervor.

„Du hast den Drink nicht vertragen.“

Sein Lachen war das Letzte, was sie hörte.

Kapitel eins

S

erena Love Baltimore musste sich beeilen, wenn sie ihn erreichen wollte, bevor er in seiner Wohnung verschwand. Wenn Jase wütend war, konnte man damit rechnen, dass er sie vor der Tür schlafen ließ.

Sie entledigte sich rasch der Kleidung und dabei fiel ihr Dienstausweis aus der Tasche. Einen Moment betrachtete sie die glitzernde Medaille des NYPD. Als Polizistin in einer Großstadt wie New York City wurde sie tagtäglich mit schlimmen Ereignissen wie Mord und Totschlag konfrontiert, aber ein Streit mit ihrem Freund verursachte ihr mehr Bauchschmerzen. Eilig kniete sie sich auf den Boden. Da sie mit ihren Gedanken nicht bei der Sache war, gestaltete sich die Verwandlung komplizierter als üblich. Ihre Muskeln fingen an zu zucken und sie schloss mit einem tiefen Atemzug die Augen. Hitze strömte durch ihre Adern, sie konnte fühlen, wie das Blut in nichtmenschlicher Geschwindigkeit durch ihren Körper rauschte. Sie atmete tief durch.

Verdammt. Ihre letzte Verwandlung war ein paar Tage her und sofort zahlte ihr Körper es ihr heim. Schmerz durchzuckte ihre Glieder, als sie anfingen, sich zu dehnen. Sie ballte die Hände zu Fäusten. Merkte, wie ihre Nägel wuchsen und ihre Haarwurzeln sich zusammenzogen. Spürte das weiche Fell an ihrer linken Seite.

Moment. An ihrer linken Seite?

„Verflucht, Shadow!“ Sie musste sich konzentrieren. „Raus!“

In dem Versuch, ihr beizustehen, hatte sich ihr Husky-Rüde an sie gekuschelt. Sie bereute sofort den strengen Ton, als er betreten aus dem Zimmer trottete.

Aber sie hatte keine Zeit, also begann sie sofort von Neuem. Nun ging es einfacher. Ihre Muskeln verhärteten sich, die Gliedmaßen passten sich an und ihr Körper nahm nach und nach die Form eines Wolfs an. Ihr Atem ging noch immer zu schnell. Ihr Herz raste und sie spürte, wie ihr als Letztes das Fell wuchs.

Endlich stieß sie zufrieden die Luft aus den Lungen und schüttelte sich. Fertig. Sie schlug die Augen auf und brauchte eine Sekunde, um sich an die Sicht zu gewöhnen. Die Welt mit den Augen eines Tieres wahrzunehmen war vergleichbar mit dem Tragen einer rötlich braunen Sonnenbrille. Alles erschien weniger grell, die Farben bekamen einen besänftigten Ton. Ihr ohnehin verschärfter Geruchssinn hatte sich um eine zusätzliche Nuance erweitert. Ein kurzes Schnuppern verriet, dass in der Küche etwas im Begriff war, zu verkommen. Das Brot. Schimmelig war es noch nicht, aber nicht mehr lange genießbar.

Was tat sie da? Sie hatte keine Zeit zu vergeuden und rannte aus dem Zimmer. Sie bellte ihren beiden Gefährten im Laufen kurz zu. Der Husky-Rüde und die Australian-Shepherd-Hündin sprangen auf und wollten sich freudig auf sie stürzen. Serena warnte sie mit einem kurzen Blick. Keine Zeit jetzt.

Sie verstanden und hüpften aufgeregt neben ihr herum, bis sie die Hintertür geöffnet hatte, was sich zwar schwieriger gestaltete, als den Vordereingang zu nehmen, weilsie nicht wie dieser nach außen, sondern nach innen aufging, aber sie wollte neugierige Beobachtungen von den Nachbarn vermeiden.

Mit der Pfote drehte sie den Türknauf und schob die Tür mit der Nase auf. Shadow und Blossom überließen ihr das Schließen der Tür und rannten in die Nacht hinaus. Sie trabte nach draußen, stellte sich auf die Hinterpfoten und nahm den Türgriff in die Schnauze. Mit einer Pfote stützte sie sich an der Hauswand ab und zog sie ins Schloss. Sie hatte viel zu viel Zeit vergeudet.

Ihre Beine streckten sich automatisch, als sie über eine Hecke sprang. Zunächst ging ihr Atem noch unruhig, weil sie sich noch nicht auf die Kondition eines Tieres eingestellt hatte, obwohl sie selbst in Menschengestalt eine bessere Ausdauer hatte als jeder Mensch.

Mit ein paar Sätzen war sie auf der Straße und hielt die Nase in den Wind. Gut, Blossom und Shadow waren auf dem richtigen Weg. Sie hatten ein Gespür für Serenas Absichten und kannten das Ziel.

Die aufgestaute Energie in ihren Muskeln verlangte danach, eingesetzt zu werden. So schnell sie konnte rannte sie die Häuserreihen entlang. Straßenhunde waren hier zwar selten, aber nicht ausgeschlossen. Die Leute wären überrascht, würden sie jetzt aus den Fenstern sehen, mit welcher Geschwindigkeit sie sich bewegen konnte, denn Streuner waren in der Regel unterernährt.

Es dauerte wenige Sekunden, bis sie ihre Gefährten eingeholt hatte. Sie übernahm die Führung und die Hunde mussten sich anstrengen, mit ihrem Tempo mitzuhalten. Dadurch, dass sie eine Abkürzung durch einen Wald nehmen konnten, holten sie die verlorene Zeit auf.

Während sie lief, drehten sich ihre Gedanken unweigerlich darum, wie es zu dem Streit mit Jase gekommen war. Er war gerade erst zurückgekommen, nachdem er mit seinem Team für ein paar Tage unterwegs war, um einen Fall zu bearbeiten. Irgendwie hatte Jase von Steven Lenford, einem befreundeten Arbeitskollegen, der mit Serena an ihrem aktuellen Fall arbeitete, erfahren, dass sie bei einem Undercover-Einsatz spärlich bekleidet in einer Bar getanzt hatte. Es gefiel Jase nicht, dass sie ihm am Telefon nichts davon erzählt hatte. Als er dann noch von dem Unfall hörte, bei dem sie mit Vorsatz angefahren wurde, hatte er überreagiert. Und sie glatt stehen lassen.

Doch warum hätte sie ihn beunruhigen sollen, während er nicht in der Stadt war?

Nach zehn Minuten waren sie am Ziel. In der Hoffnung, die Sache klären zu können, rannte sie die kleine Treppe zur Veranda hinauf und platzierte sich mitten vor die Tür. Shadow legte sich erschöpft neben Serenas Rechte auf die Seite, Blossom, noch im Rausch der Geschwindigkeit, setzte sich aufgeregt hechelnd links neben ihr Frauchen. Serena war kein bisschen aus der Puste.

Kaum zwei Minuten später bog das Licht von zwei Scheinwerfern um die Ecke und der dazugehörige schwarze Lamborghini Gallardo fuhr die Einfahrt hinauf. Das Röhren des PS-starken Motors erstarb und der Fahrer stieg aus. Genauso elegant wie sein Fahrzeug, die Hände in den Taschen, schlenderte er lässig auf das Trio zu. Ein arrogantes Lächeln umspielte seine Lippen.

Noch bevor er bei ihr angekommen war, hob sie demonstrativ eine Pfote und leckte sich wie eine Siamkatze Langeweile vorgebend das Fell.

„Verschwinde.“

An einem Tag vor dreizehn Monaten, an dem sie Jase zum ersten Mal begegnet war, war sie spät abends mit den Hunden spazieren. Sie witterte die Gefahr – Vampir – noch ehe sie ihn hatte sehen oder hören können. Alles in ihr verkrampfte sich. Mit ihrer Angst wurden auch die Hunde nervös, schauten sich um und einer von beiden winselte. Damit hatten sie sich verraten. Serena versuchte, ihre Chance einzuschätzen, den Ausgang des Parks zu erreichen, doch es war bereits zu spät. Er war so plötzlich bei ihnen, dass eine Flucht aussichtslos erschien. Dennoch machte sie einen Satz nach hinten, von ihm fort, und zuckte bei einem scharfen Schmerz an der Schulter zusammen. Sie spürte, wie ihr ein Tropfen Blut den Arm hinunterrann. Sie hatte sich an einem Ast geschnitten. Und der Vampir stand ihr gegenüber.

Sie erfasste die aussichtslose Situation und kannte nur eine Möglichkeit, auf die Bedrohung zu reagieren. Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich ihren Instinkten zu überlassen. Noch ehe sie den Gedanken fassen konnte, war die Verwandlung bereits abgeschlossen und ihre Kleidung verteilte sich zerfetzt auf den Waldboden. Ohne einen weiteren Augenblick zu zögern, nutzte sie ihre einzige Chance und sprang auf ihren Verfolger zu, in der Hoffnung, seine Kehle zu erwischen. Er wich geschickt zur Seite aus, packte sie grob am Nacken und drückte sie zu Boden. Die Hunde knurrten, waren aber zu verängstigt, um ihr zu helfen. Sie schmeckte Erde, als sie die Zähne fletschte und versuchte, sich aus seinem eisernen Griff zu befreien.

„Hey, ganz ruhig! Willst du mich umbringen?“, fragte der Angreifer und sie musste sich konzentrieren, um ihn in ihrer derzeitigen Gestalt zu verstehen.

Diese Worte überraschten sie und so hielt sie einen Moment inne, ohne sich zu wehren.

Er merkte ihre veränderte Haltung und lockerte den Griff. „Vorschlag: Ich lasse dich jetzt los und du greifst mich nicht noch mal an, in Ordnung?“

Als Antwort schnaufte sie lediglich ihr Einverständnis, doch das genügte ihm. Sobald seine Hände fort waren, sprang sie auf und brachte einen Sicherheitsabstand zwischen sie. Sie schüttelte sich, um die Erde loszuwerden und beobachtete ihn. Er sah anders aus, als sie erwartet hatte. Etwa einsfünfundachtzig groß und seine Haare, von tiefschwarzer Farbe, waren zerzaust und beinahe schulterlang. Seine Figur war sportlich und muskulös, jedoch nicht zu massig und steckte in lässiger Kleidung; einem schlichten schwarzen T-Shirt und Bluejeans. Ihn als attraktiv zu bezeichnen wäre völlig untertrieben. Doch das war es nicht, was ihre Aufmerksamkeit fesselte. Es war sein Blick, der sie gefangen hielt. Er war auffordernd und neugierig, aber keineswegs feindselig. Seine Augenfarbe konnte sie nicht erkennen und trotzdem faszinierten sie auf eine sonderbare Weise.

Zu gern hätte sie ihn gefragt, weshalb er ihr gefolgt war, denn seine Absichten schienen ihr nicht mehr bösartig. Doch obwohl er beinahe freundlich wirkte, traute sie ihm nicht über den Weg. Die Feindschaft der beiden Rassen lag tief verwurzelt in ihren Genen: Vampirgift war tödlich für Werwölfe, ebenso wie eine gewisse Menge Werwolfspeichel für Vampire – vorausgesetzt, es kam in Berührung mit einer offenen Wunde.

Das Blut der Werwölfe führte jedoch vor langer Zeit zu einem Waffenstillstand, nachdem der erste Vampir es geschmeckt hatte. Er erfuhr, dass es mit nichts zu Vergleichen war, der köstlichste Geschmack von allen. Menschenblut war nichts dagegen. Als böte man einem Alkoholiker einen Schluck Wasser gegen seinen Durst an. Hinzu kam die unglaubliche Wirkung. Das Blut verlieh Vampiren noch schärfere Sinne und bessere körperliche Leistungen, als sie ohnehin hatten.

Ein Abkommen wurde zwischen den beiden Rassen geschlossen. Die Werwölfe, die es wollten, überließen den Vampiren regelmäßig einige Tropfen des begehrten Blutes. Als Gegenleistung zahlten Vampire die Preise, die von ihnen verlangt wurden – meistens handelte es sich dabei um Macht oder Besitztümer. Obwohl die alten Feindseligkeiten beigelegt wurden, stand seit jeher etwas zwischen ihnen. So lebten die Werwölfe stets in Misstrauen gegen die Vampire – könnten diese schließlich jederzeit versuchen, sich gewaltsam zu holen, wonach sie sich so sehr verzehrten. Und die Vampire empfanden Ärger darüber, dass ausgerechnet diejenigen, die ursprünglich seit Anbeginn der Geschichte ihre Feinde waren, das reizvollste Geschenk zu bieten hatten und es nur sparsam und teuer verkauften.

In jener Nacht ihrer ersten Begegnung machte Serena einen Schritt rückwärts, um zu verdeutlichen, dass sie gehen wollte. Er hinderte sie nicht, sondern wartete schweigend ab. Shadow und Blossom wirkten erleichtert über den Rückzug und wollten schleunigst das Weite suchen. Als der Vampir jedoch anfing, breit zu grinsen, hielt Serena inne. Sie legte den Kopf schräg und er verstand die fragende Geste.

„Oh, ich finde es amüsant, dass ein Werwolf mit zwei Wachhunden im Schlepptau Angst vor mir hat.“

Sie kniff die Augen zusammen und knurrte, weil er sich über sie lustig machte.

„Schon gut, schon gut!“ Beschwichtigend hob er die Hände. „Was dagegen, wenn ich dich ein Stück begleite?“

Als sie erneut nicht reagierte, begriff er. „Falls du Angst hast, dass ich herausfinden könnte, wo du wohnst, muss ich dich enttäuschen. Das weiß ich längst.“

Er machte sich diesmal nicht die Mühe, auf sie zu warten, sondern begab sich auf den Weg. Überraschend hielt er an und bückte sich kurz.

Neugierig beäugte sie ihn und er hielt ihr den Gegenstand in die Höhe, den er aufgehoben hatte: ihren Schlüsselbund.

„Du kannst dir unter drei Optionen eine aussuchen: Schlepp ihn im Maul, geh nackt nach Hause oder ertrage meine Gesellschaft.“

Die Wahl fiel ihr nicht schwer.

Tage später fuhr sie mit ihrem Motorrad allein durch eine kaum befahrene Allee im Wald. Die Kawasaki stotterte und der Motor fiel aus. Irritiert ließ Serena die Maschine ausrollen und versuchte, erneut zu starten. Schwerfällig sprang sie wieder an, doch sobald sie am Gasgriff drehte, erstarb der Motor wieder. Bei einem erneuten Startversuch ging gar nichts mehr.

„Verdammt“, fluchte sie und überlegte fieberhaft, wie die Straße hieß, damit sie jemanden anrufen konnte, der ihr aus der Klemme half, doch sie hatte schon eine Weile kein Schild mehr gesehen. Sie stieg vom Motorrad, nahm den Helm ab und zog ihr Handy aus der Tasche. Bevor sie wählen konnte, hörte sie ein Motorengeräusch und drehte sich erleichtert zu dem sich nähernden Fahrzeug um. Sie staunte nicht schlecht, als sie erkannte, dass es ein schwarzer Lamborghini war. Da sie mit einem reichen, arroganten und höchstwahrscheinlich unsympathischen Kerl rechnete, stellte sie sich mitten auf die Straße, damit er nicht einfach an ihr vorbeirauschte. Noch überraschter als über den Wagen war sie, als das schwarze Ungetüm stehen blieb und der Fahrer ausstieg. Es war Jason, der Vampir, der sie neulich Nacht nach Hause begleitet hatte.

Serena wunderte sich nicht über die Tatsache, dass er mitten in der Sonne stand. Es gab nicht viel, das einem Vampir schaden konnte. Sonnenlicht, Weihrauch, Silber und Holz gehörten nicht dazu. All das waren Mythen, die es den Menschen erlaubten, sich sicherer zu fühlen.

Nur zwei Möglichkeiten, wie man einen Vampir umbrachte, waren in den Geschichten wahr. Das Kopfabschlagen oder ein Stich ins Herz, denn auch hier herrschte ein Irrglaube. Das Herz eines Vampirs schlug.

Zögernd erwiderte sie sein Lächeln und fragte sich, ob er wusste, dass sie der Wolf von neulich war. „Ich habe gehofft, dass irgendjemand vorbeikommt und dann erscheinst du.“

„Nun, ich finde, dir hätte nichts Besseres passieren können.“

Okay, unfreundlich war er nicht. „Nimmst du mich ein Stück mit?“, bat sie.

Wieder lächelte er. „Sicher. Vorausgesetzt, du verrätst mir endlich deinen Namen? Beim letzten Mal hast du ja ausschließlich mich reden lassen.“

Also wusste er es tatsächlich. Er blickte geradewegs in sie hinein. Diesmal konnte sie seine Augenfarbe erkennen. Es war ein tiefes Blau, das von Weitem aussehen könnte wie grau, mit unglaublich weiten, schwarzen Pupillen, vergleichbar mit denen einer Katze im Dunkeln. Wenn er sie ansah, strahlten seine Augen einen Glanz und eine Wärme aus, die jede Frau zum Schmelzen brachte.

„Ich bin Serena.“

„Okay, Serena. Wo liegt das Problem?“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Mir ist die Maschine liegen geblieben, keine Ahnung, wieso. Wenn du mir jetzt noch erzählst, dass du Mechaniker bist, fresse ich einen Besen.“

„Nein, aber wenn du nichts dagegen hast, schau ich mir das Schätzchen trotzdem an.“ Er formulierte es als Frage, trat aber bereits auf die Maschine zu. „Wirklich hübsch, eine Ninja ZX 9 R. Ich hatte auch mal eine Kawa. Wie alt ist sie?“

„Drei Jahre, ich habe sie aber erst seit zwei Wochen.“

Er schaltete die Zündung an. „Was genau ist passiert?“

Sie zuckte mit den Achseln. „Sie hat einfach angefangen zu stottern und ging aus. Jetzt krieg ich sie nicht mehr an. Vielleicht abgesoffen.“

Jase drückte auf den Startknopf und der Motor heulte auf. Mit hochgezogenen Brauen wandte er sich um. Serena trat an die rechte Seite des Motorrads und drehte am Gas. Sofort ging der Motor wieder aus.

Belustigt musterte Jase sie. „Den Führerschein hast du also auch erst seit zwei Wochen?“

Unsicher, was das mit dem Problem zu tun hatte, nickte sie.

„Kann ja mal passieren“, sagte er und beugte sich hinab, um irgendetwas an der Seite der Maschine zu machen, das sie nicht sehen konnte. Als er sich wieder aufrichtete und den Motor erneut startete, bedeutete er ihr, noch einmal am Gasgriff zu drehen. Röhrend heulte die Maschine auf, der Motor schnurrte einwandfrei weiter.

„Wie hast du das gemacht?“ Sie stellte sich neben ihn, um besser sehen zu können.

„Du musst dich erst daran gewöhnen, wie weit du mit einer Tankfüllung kommst. Nur wenige Motorräder haben eine Anzeige, wie viel Sprit noch vorhanden ist. Hier unten“, er deutete auf den kleinen Hebel, „kannst du auf Reserve schalten, damit kommst du noch bis zur nächsten Tankstelle.“

Sie richtete sich wieder auf und stellte fest, wie nah sie einander waren. Obwohl er sie nicht berührte, schien es, als sandte sein Körper elektrische Impulse aus. Es war ein prickelndes Gefühl, fast vertraut. Sie schauten sich in die Augen und Jase tippte ihr sachte mit einem Finger unter das Kinn.

„Hast du gar keine Angst mehr vor mir?“

„Nein“, gab sie zurück, was nur halb der Wahrheit entsprach. „Ich habe nur noch nie Bekanntschaft mit einem Vampir gemacht.“ Was ebenfalls gelogen war, doch ihre allererste Begegnung, als sie elf Jahre alt gewesen war, hatte sie verdrängt.

„Na dann“, er lächelte und stellte den Motor wieder aus. „Ich werde also deinen ersten Eindruck meiner Rasse prägen. Du solltest wissen, dass wir impulsiv, leicht reizbar und launisch sind, wenn wir Hunger haben. Wir wissen, was wir wollen und können uns selbst gut einschätzen.“ Er zwinkerte ihr zu. „Die meisten Vampire sind eitel, allerdings auch sehr leidenschaftlich – das kann sowohl gut als auch schlecht sein.“

Sie musterte ihn abschätzend. „Warum sprichst du nur von deiner Rasse? Was ist mit dir persönlich? Was sind deine stärksten Eigenschaften?“

„Ich bin der Charmanteste von allen.“

So viel Arroganz brachte sie zum Lachen. „Ja, und der mit dem kleinsten Ego.“

Er tat, als hätte er ihren ironischen Tonfall nicht gehört. „Genau. Außerdem lebe ich im Hier und Jetzt, wenn ich etwas möchte, dann nehme ich es mir. Leider habe ich es bisher nicht geschafft, mir Geduld und Zurückhaltung anzueignen.“

Ohne Vorwarnung beugte er sich das kleine Stück nach vorn und küsste sie. Zunächst waren seine Lippen sanft und zögerlich. Die richtige Reaktion wäre, ihn von sich zu drücken, möglichst viel Abstand zwischen sie zu bringen. Doch seine Berührung fühlte sich einfach zu gut an, als hätteihr Körper sich seit Ewigkeiten nach ihm gesehnt. Er berührte sie sonst nirgendwo, aber der Kontakt ihrer Lippen reichte aus, um Serenas Sinne durcheinanderzubringen. Ihr war, als loderte ein Feuer in ihm, dasmit nur einem kleinen Windstoß auf sie übergehen konnte.

Sie erwiderte seinen Kuss und öffnete den Mund. Seine Zungenspitze berührte zart ihre Unterlippe und tastete sich langsam voran. Schließlich umfasste er zärtlich ihr Gesicht und sie verlor sich in diesem Moment.

Viel zu früh zog er sich wieder zurück, beinahe, als wollte er sie necken. Daraufhin ließ sie ihre Zunge in seinen Mund gleiten und berührte vorsichtig seine Zähne. Sie waren nicht länger als bei einem gewöhnlichen Menschen, aber dafür deutlich schärfer, wie sie feststellen musste. Ein süßer Schmerz durchfuhr sie, als sie sich ihre Zunge ritzte. Er zuckte so schnell zurück, als sei er derjenige, der sich verletzt hatte.

„Vorsicht“, warnte er mit ernster Miene. „Selbstbeherrschung zählt auch nicht zu meinen besten Eigenschaften, also tu so etwas besser nicht noch einmal.“

„Vielleicht solltest du mich dann nicht noch mal küssen.“

Sein breites Lächeln kehrte zurück. „Ich kann für nichts garantieren.“

Serena unterbrach ihre Gedanken und ihre Pfotenwäsche auf seiner Veranda, blickte zu ihm auf und zog die Lefzen zurück. In ihrer Kehle stieg ein tiefes Knurren auf, das nichts mit einer Katze gemein hatte.

„Beeindruckend.“

Sein Tonfall verriet, dass er ganz und gar nicht beeindruckt war. Eine Weile sahen sie sich schweigend an. Keiner rührte sich, nur die Hunde wurden unruhig bei der aufkommenden Spannung zwischen ihnen. Schließlich seufzte Jase resignierend und schob den Schlüssel über Serena ins Schloss. Einen kleinen Sieg verbuchend drehte sie sich ohne einen weiteren Blick um und trabte ins Haus.

Im Wohnzimmer setzte sie sich mittig auf die Couch, sodass für ihn kein Platz blieb. Es war eine Geste der Rangordnung. Sie wollte klarstellen, dass sie bei diesem Streit nicht vorhatte, sich unterzuordnen.

Jase ließ sich Zeit, seine Jacke aufzuhängen. Er ging in die Küche und sie hörte eine Tüte rascheln. Von ihren beiden Verbündeten war keine Spur mehr zu sehen. Cleverer Kerl. Er sorgte dafür, dass der Kampf ausgeglichen blieb und sie keine Unterstützung von ihren Hunden erhielt. Sollte ihr recht sein. Das erforderte weniger Rücksicht auf Unschuldige.

Er kam in den Raum geschlendert, ließ sich auf einen Sessel fallen und schaltete den Fernseher ein. Er provozierte sie mit Gleichgültigkeit, weil er wusste, dass dieses Verhalten sie rasend machte. Wütend biss sie die Zähne zusammen, um sich unter Kontrolle zu halten. Mit einem Knurren stand sie auf und sprang mit einem Satz auf den Tisch vor ihm. Ein Glas fiel klirrend zu Boden. Sie stellte ihre Vorderpfoten auf seine Oberschenkel und brachte ihre Schnauze so nah an sein Gesicht, dass sie seinen Atem spüren konnte. Dann fletschte sie die Zähne.

Er schaltete den Fernseher wieder aus, ohne den Blick von Serena abzuwenden. Die Fernbedienung flog krachend gegen die Wand.

Blitzartig packte er sie hinter den Schultern und warf sich mit ihr auf den Boden. Mit seinem Gewicht drückte er sie hinunter, eine Hand umfasste ihre Schnauze und hielt sie zu, während die andere ihre Vorderbeine festhielt, um sie am Aufstehen zu hindern. Das war ihr lieber, als diese vorgespielte Gleichgültigkeit. Um Hilflosigkeit vorzutäuschen, strampelte sie zunächst mit den Hinterbeinen und trat ihm in die Rippen. Er stöhnte leise auf, als die Luft seinen Lungen entwich.

Sie gab vor, sich zu ergeben und konzentrierte ihre Kraft, während er seinen Griff lockerte. Dann bäumte sie sich ruckartig auf, warf ihn herum und vertauschte die Positionen. Ein kleines bisschen musste er damit gerechnet haben, denn er fand sofort wieder sein Gleichgewicht und rollte sich mit ihr herum.

Es war ein anstrengender Kampf, und obwohl sie beide selten außer Atem gerieten, waren sie am Ende gleichermaßen erschöpft.

Als sie nebeneinanderlagen, sah Serena, wie er seine Hand betrachtete, die ein paar deutliche Abdrücke ihrer Zähne aufwiesen. Das musste ihr passiert sein, als er erneut versucht hatte, ihre Schnauze festzuhalten. Grundlos käme sie nicht auf die Idee, ihn zu beißen, aber wenn er es darauf ankommen ließ …

Vampire waren nicht unverwundbar, wie es in manchen Mythen hieß. Sie würden nur nicht an einer Verletzung sterben. Ein Kratzer eines Werwolfs war komplizierter. Egal, ob mit den Fingernägeln in menschlicher Form oder den Krallen in tierischer Gestalt, sobald der Vampir eine Wunde hatte und sein Blut in Kontakt mit der DNA eines Werwolfs kam, litt er Höllenqualen und zurück blieb eine Narbe. Verletzungen eines Werwolfs waren das Einzige, das bleibende Spuren auf der Haut eines Vampirs hinterließ. Ein tiefer Biss führte in aller Regel zum Tod. Auf beiden Seiten wirkte der Speichel toxisch. Zahnabdrücke, wie Serena sie Jase zugefügt hatte, waren dagegen harmlos.

Nach einer kleinen Ewigkeit unterbrach er das Schweigen. „Wenn du reden willst, wäre es sinnvoll, sich zurückzuverwandeln.“

Sie schloss die Augen und begann mit der Wandlung. Zurück ging es viel schneller. Innerhalb von zwei Sekunden war sie ein Mensch. Der Form nach zumindest. Sie drehte sich auf die Seite, stützte den Kopf mit einer Hand und sah ihn an. „Wo liegt dein Problem?“

„Ist das nicht offensichtlich?“

„Nein, ich verstehe dich nicht. Ich finde es auch beängstigend, dass ein wildfremder Kerl mich gern unter seinem Auto sehen würde, bringt mein Beruf solche Risiken doch mit sich. Und schließlich bin ich nicht aus Porzellan.“ Zum Beweis stand sie auf und drehte sich im Kreis. Da sie splitterfasernackt war, konnte Jase sehen, dass ihr Körper keinen einzigen Kratzer von dem Unfall davongetragen hatte.

„Super“, sagte er ironisch und stand ebenfalls auf, „aber das ist nicht der Punkt. Zieh dir was an.“

„Wieso? Lenkt dich das davon ab, sauer auf mich zu sein?“

Er ging zur Couch und setzte sich. Sie folgte ihm und ließ sich auf seinem Schoß nieder.

„Verdammt, Rena! Zieh dir was an.“

„Warum denn?“ Sie hielt sein Gesicht mit beiden Händen fest, damit er sich nicht abwenden konnte.

„Weil dir deine Absichten ins Gesicht geschrieben stehen und ich nicht mit dir schlafe, wenn ich sauer bin.“

„Ich hab nicht vor, zu schlafen.“ Neckend knabberte sie an seinem Ohr.

„Verflucht! Es ist wirklich besser, dass es kaum weibliche Werwölfe gibt, wenn sie alle so hormongesteuert sind wie du.“

Er stand unvermittelt auf, brachte sie aus dem Gleichgewicht und ging, als sie von seinem Schoß stolperte, eilig die Treppe nach oben.

Als er wieder herunterkam, hielt er einen Haufen Kleider in den Händen, warf ihn ihr unsanft zu, wobei er bewusst ihren Anblick vermied. Demonstrativ sah er aus dem Fenster in den dunklen Nachthimmel.

Sie zog sich an und ging zu ihm. Irgendwie fand sie seine Eifersucht süß, so kannte sie ihn gar nicht. Außerdem vermisste sie seine Nähe, nachdem sie sich mehrere Tage nicht gesehen hatten. Überhaupt erschien ihr der ganze Streit sinnlos.

„Gut, okay. Du hast gewonnen. Es tut mir leid.“ Noch immer hatte er ihr den Rücken zugewandt und so nahm sie seine Hand. „Bitte sei mir nicht mehr böse. Ich werde versuchen, anders an den Kerl ranzukommen. Aber wenn du zickig bist, schickst du mich nachher noch allein auf den Geburtstag.“

Das besänftigte ihn. „Kleine Mädchen wie du sind zickig. Männer sind wütend.“

Sie verdrehte die Augen. Er drehte sich um und hielt ihr Kinn fest. „Kannst du mich kein bisschen verstehen?“

„Doch, natürlich. Es war dumm von mir, nicht nachzudenken, wie besitzergreifend ihr Männer euch verhalten könnt. Aber auch du musst mich verstehen. Du darfst in dem Undercover-Einsatz nicht die Tatsache sehen, dass ich für fremde Kerle tanze, sondern, dass ich versuche, mehr über den Dealer herauszufinden.“ Da er nicht überzeugt aussah, fügte sie hinzu: „Ich weiß nicht, was Steven dir erzählt hat, aber ich tanze nicht Go-go an der Stange!“

Das brachte ihn zum Lächeln und er gab ihr einen sanften Kuss auf den Mund. „Ich liebe dich. Mehr als du ahnst. Und ich finde, dass ich tolerant bin. Aber wenn ich daran denke, dass andere Kerle dich anstarren …“ Er ließ ihr Kinn los. „Vielleicht kann ich mich vorläufig damit arrangieren.“

Ihr Herz schlug schneller. Jase war nicht der Typ, der sie mit Liebeserklärungen überschüttete, auch wenn er ihr oft zeigte, wie sehr er sie liebte. In Momenten wie diesen gab es nichts anderes auf der Welt außer ihnenbeiden.

Sie lehnte ihre Stirn an seine Schulter. „Aber du warst unglaublich sexy eifersüchtig.“

Er ignorierte das. „Warum erzählst du mir nicht von den Ermittlungen? Wir können überlegen, was zu tun ist.“

„Meinetwegen. Vorher brauche ich was zu essen.“

Sie bestellte zwei große Pizzen, von denen sie anderthalb aufaß. Glücklicherweise hatte sie einen außergewöhnlichen Stoffwechsel. Die andere Hälfte bekamen Blossom und Shadow.

„Der Mann, den ich suche, ist ein Frauenmörder und Vergewaltiger“, fing sie mit ihrem Bericht an und musste sich Mühe geben, sich nicht anmerken zu lassen, dass ihr dieser Fall aus einem persönlichen Grund mehr Schwierigkeiten bereitete, als er durfte. „Am Sonntag wurde eine vierundzwanzigjährige Studentin ermordet.“

Dass ihm so etwas nahe ging, erkannte sie an der steinharten Fassade, hinter der er seine Gefühle verbarg. Sein Gesicht blieb regungslos, während er sich die Details anhörte.

Jase arbeitete als Profiler bei der New Yorker Polizei. Er hatte eine über dreißigjährige Berufserfahrung und sein besonderer Spürsinn machte ihn zum perfekten Jäger besonders blutrünstiger Krimineller. Es war nicht leicht, ein Vampir und gleichzeitig ein Beamter zu sein, dessen Akte sorgfältig geprüft wurde. Je länger er irgendwo arbeitete, desto mehr fiel es auf, dass er nicht alterte. Darum war der Job des Profilers wie für ihn gemacht, denn einige der ranghohen Leute kannten sein Geheimnis und stellten bevorzugt Vampire und Werwölfe ein, da ihre Erfolgsquote im Regelfall deutlich besser war als die ihrer menschlichen Kollegen.

Als Gegenleistung für den Dienst wurde seine Akte alle acht Jahre gelöscht und er bekam an einem anderen Ort eine neue Identität. Seine Fälle waren in der Regel Code Five, was bedeutete, dass es allen ermittelnden Beamten verboten war, Informationen preiszugeben, ganz besonders nicht an die Presse, doch das galt ebenfalls für Kollegen, die nicht involviert waren.

Serena war Polizistin und man musste sie nicht mit Samthandschuhen anfassen. Doch die Fälle, in denen sein Team eingesetzt wurde, waren keine normalen Mordfälle. Die Mitglieder des Teams waren die Spezialisten der sogenannten Operativen Fallanalyse und mussten den Tatverlauf rekonstruieren, bis der Täter entlarvt werden konnte. Um das bewerkstelligen zu können, mussten sie sich in die Psyche eines Mörders versetzen. Die Verbrechen waren so extrem, dass alles getan wurde, sie vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Oftmals handelte es sich um Serienmörder, die ihre Opfer gern so qualvoll wie möglich folterten. Viele Kollegen übten diesen Job nicht lange aus. Ein paar Monate und sie ließen sich in eine andere Abteilung versetzen.

Serena wusste nicht, wie lange Jase dabei war – wenn sie ihn fragte, wich er mit vagen Andeutungen aus.

Zu Anfang ihrer Beziehung hatte er ihr von einigen seiner Fälle erzählt. Er schilderte den Tatverlauf aus Sicht des Mörders und konnte fast beängstigend genau sagen, warum derjenige so handelte. Serena versuchte zu verbergen, dass es sie erschreckte, wie gut sich Jase in die Psyche des Täters hineinversetzte. Beinahe, als zeigte er Verständnis für das grausame Vorgehen. Doch Jase merkte trotzdem, wie sie auf seine Schilderung reagierte und siewussten beide, dass dies ein Punkt war, bei dem sie einander nicht verstehen konnten.

„Sie wurde übel zusammengeschlagen, die Nase und zwei Rippen gebrochen, Prellungen, Blutergüsse, feine Schnittwunden wie von einem Skalpell. Und sie wurde vergewaltigt. Aber nichts Lebensbedrohliches und nach einem ersten Check-up teilte mir das Labor mit, sah es nach Herzversagen aus. Doch wäre das bei einer gesunden Frau in diesem Alter merkwürdig, egal, wie schlimm man ihr zugesetzt hat. Auf den zweiten Blick fand man heraus, dass sie zu viel Blut verloren hatte für die relativ kleinen Verletzungen. Außerdem wurden die Reste einer Droge sowie ein Beruhigungsmittel in ihrem Organismus festgestellt. Sie waren der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die genauen Ergebnisse, verglichen mit dem zweiten Opfer, müssten demnächst kommen, die Pathologie lässt sich wieder ewig Zeit.“

Seine Augen funkelten. „Das zweite Opfer? Wann wurde sie ermordet?“

„Vorgestern fand eine Familie mit zwei Kindern die zweite Leiche auf einem Spielplatz, sie war seit circa vier Stunden tot.“

„Und weil sie die gleiche Dosis an Medikamenten im Blut hatte, wisst ihr, dass es der gleiche Täter ist?“

„Unter anderem. Ihr Körper wies ähnliche Verletzungen auf. Aber eigentlich war der Hinweis der, dass bei beiden Toten Nachrichten hinterlassen wurden.“

Sie nahm die Akte zur Hand, die sie am vorigen Abend bei Jase liegen gelassen hatte, zog zwei versiegelte Plastiktüten hervor und hielt Jase die erste entgegen.

Ich hoffe, eure Polizistin mit dem …

„Niemand wurde daraus schlau, erst, nachdem wir den Zettel bei der zweiten Leiche fanden, ergab es einen Sinn.“ Sie reichte ihm die andere Tüte.

… besonderen Riecher übernimmt diesen Fall.

Seine Augen weiteten sich. „Er weiß über dich Bescheid.“

„Das wissen wir nicht mit Bestimmtheit. Natürlich war es auch mein erster Gedanke. Aber es könnte nur ein blöder Spruch sein, der gerade zufällig zu mir pas…“

„Erzähl keinen Unsinn“, unterbrach er sie. „Ich glaube nicht an Zufälle, vor allem nicht an solche. Es ist im Übrigen ein absoluter Witz, dass er die Botschaft derart offensichtlich geteilt hat.“

Neugierig sah sie ihn an, weil sie sich darüber bisher keine Gedanken gemacht hatte. „Was meinst du?“

„So, wie ich das sehe, war ihm bewusst, dass allein die Todesart die Verbindung der beiden Opfer für uns darstellt. Dass er Botschaften hinterlässt und vor allem einen Satz nimmt, den er in der Mitte teilt, das erfüllt einen klaren Zweck. Er macht sich lustig. Er tut, als müsste er uns den Hinweis auf einem Silbertablett servieren, dass er eine Mordserie plant. Glaub mir, der Typ weiß, was du bist.“

Serena brauchte einen Moment, das zu verdauen. Immer wieder überraschte es sie, wie sich Jase in Sekundenschnelle in einen Mörder hineinversetzen konnte. Er brauchte eine Info und wusste auf Anhieb, was in dem Kopf des Betreffenden vorging. Aus diesem Grund unterschied sich seine Tätigkeit deutlich von ihrem Job.

„Schön“, gab sie zu. „Dann weiß der Mörder, dass ich ein Werwolf bin. Lautet die nächste Frage, ob auch er einer ist.“

„Oder ein Vampir. Würde den Blutverlust erklären, selbst wenn sie keine Bissverletzungen hatte – es gibt noch andere Möglichkeiten.“ Jase runzelte die Stirn. „Und was ist mit dem Kerl in der Bar? Wegen dem du dort tanzt?“

„Simon Hawkins. Da er das Zeug, das die beiden Ladys intus hatten, in großemStil verkauft und zudem laut Zeugenaussagen mit einer von ihnen bekannt gewesen ist, ist er Stevens Hauptverdächtiger.“

„Stevens? Warum zum Teufel kümmert er sich dann nicht um die Sache?“

Sie legte ihm eine Hand auf den Arm. „Weil es logischer ist, das einer Frau zu überlassen. Wie soll er den Kerl dezent aushorchen? Ich habe mit meiner weiblichen Intuition mehr Erfolg.“

„Oder mit deinen weiblichen Reizen. Pass auf“, schlug er vor. „Ich spreche mit dem Commander und bitte ihn, dass ich mir den Kerl vorknöpfen darf.“

„Na prima. Du beorderst ihn aufs Revier, lässt dich eine Nacht mit ihm in einen Verhörsaal sperren, bekommst deine Aussage und der Typ ein Trauma.“

Jase winkte ab. „Unsinn. Was die Aussage betrifft, hast du recht.“

„Vergiss es“, widersprach sie. „Der Commander holt dich nicht ins Boot. Ein Lieutenant und ein Detective an einem Fall sind schon ungewöhnlich. Da lässt er mit Sicherheit nicht noch seinen besten Profiler ins Team, damit wir zu dritt nach einem einzigen Mörder suchen.“

„So hatte ich es nicht geplant. Ich dachte, wir schmeißen Stevie aus dem Boot.“

Manchmal hatte sein Lächeln etwas Wölfisches. Vielleicht liebte sie ihn deswegen so. Sie schüttelte trotzdem den Kopf. „Ich komme anders an den Kerl ran. Dieser Mörder spielt nicht in deiner Liga.“

„Ich verlange nicht von dir, dass du die Sache anders angehst. Ich klär das morgen mit deinem Chef, zur Not nehme ich mir Urlaub und arbeite mit dir zusammen.“

„Ach, so läuft das. Du willst als Bodyguard mit in die Bar kommen und dir anschauen, wie ich tanze, ja?“

„Hättest du damit ein Problem?“ Er grinste und zog sie dicht heran. „Das kann ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Abgesehen davon habe ich deutlich mehr Anspruch, dich tanzen zu sehen, als die ganzen sabbernden Kerle dort.“

Kapitel zwei

D

er nächste Morgen begann um sieben Uhr. Serena öffnete ein Auge einen Schlitz weit und sah, dass Blossom und Shadow die andere Seite des Bettes eingenommen hatten. Der verrückte Frühaufsteher war also schon wach.

Mit geschlossenen Augen versuchte sie, den Wecker zu ertasten, dieser flog daraufhin vom Nachttisch und verstummte abrupt. Schade aber auch.

Mühsam und noch halb im Schlaf zog sie sich eins von Jase’ T-Shirts an, schlenderte in die Küche und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Ihr Kopf landete auf ihren verschränkten Armen. Sex vor dem Schlafengehen trieb manche Leute zu mehr Hochleistungen beim Aufstehen an, als eine Lkw-Ladung Koffein es ermöglicht hätte. Bei ihr hatte es den gegensätzlichen Effekt. Sie hätte die Sekunden nicht zählen können, dann war sie auch schon wieder eingeschlafen.

Der Geruch von frischen Bagels vollbrachte schließlich das Wunder, die Schläfrigkeit aus ihrem Kopf zu tilgen. Essen hatte eine weckende Wirkung.

„Na, hast du von mir geträumt?“, fragte der am Herd stehende und nur mit einem Handtuch bekleidete Mann mit feucht glänzendem, rabenschwarzem Haar.

„Willst du nicht herkommen, damit ich dich vernaschen kann, Schätzchen?“, murmelte sie.

Er lachte. „Vorher serviere ich dir Rührei. Sonst kannst du dich ja doch nicht konzentrieren, wenn du in Gedanken halb beim Frühstück bist.“

Warum er ständig recht behalten musste.

Auf dem Revier ging Jase ins Büro des Commanders, um seine Bitte vorzutragen, während Serena sich auf den Weg zu Steven machte. Er hockte in seinem Büro und arbeitete am Computer. Sie schaute ihm über die Schulter. Zeugenberichte.

„Und? Was herausgefunden?“, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. „Nope. Ich hab gestern mit ein paar Leuten aus dem Café gesprochen, in dem Hamilton gejobbt hat.“

Lisa Hamilton war das erste Opfer. Ein Grund, weshalb Serena gern mit Steven zusammenarbeitete, war der, dass er nicht wie viele andere Kollegen die Namen der Toten vergaß und lediglich von nummerierten Opfern sprach.

„Und?“

„Nichts, das sagte ich doch bereits. Keiner hat je gesehen, dass irgendein Fremder besonders auffällig gewesen wäre, sie beobachtet oder nach ihr gefragt hätte.“

„Menschen kümmern sich nur um ihre eigenen Probleme. Hast du was anderes erwartet?“

„Nein, aber es gehört nun mal dazu, zu hoffen, dass jemand was gesehen hat.“

„Vielleicht gab es auch nichts zu sehen“, überlegte sie. „Vielleicht hat unser Mörder sie woanders ausgesucht. Ich fahr gleich zur Pathologie, die müssten das zweite Opfer inzwischen identifiziert haben. Dann kann ich schauen, ob ein Zusammenhang zwischen ihnen besteht.“

„Hm. Und wie sieht’s mit dir aus? Gestern was herausgefunden?“

„Nicht direkt. Ich bemühe mich noch immer mit dem Drogenboss in der Bar, aber er hat noch nicht angebissen. Ach apropos. Hättest du mich nicht vorwarnen können, wenn du Jase schon von dem Undercovereinsatz erzählst?“

„Sorry, Darling, aber das ist euer Ding. Wenn er mich fragt, woran du momentan arbeitest, sag ich es ihm. Hat er Probleme gemacht?“

„Sagen wir mal so: Er möchte jetzt ein Auge auf mich haben, was bedeutet, dass er mit von der Partie sein will.“

„Bitte? Wie soll das gehen? Wir arbeiten doch schon zu zweit daran.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Hängst du sehr an diesem Fall?“

„Ach Mist!“, stieß er hervor. „Ist er hier?“

„Yep.“

Schon war er zur Tür raus. Sie sah auf die Uhr, zwanzig vor zehn. Also hatte sie ein bisschen Zeit. Serenas Mutter war Hausfrau, aber da sie immer gemeinsam mit ihrem Mann aufstand, konnte sie jetzt schon anrufen. Sie sollte anrufen, oder nicht? Ach, verdammt. Was war denn schon dabei? Eine nette Familienfeier, was sonst?

Es dauerte weitere drei Minuten, bis sie den Mut fand und zum Telefon griff. Tief durchatmen, sie hatte schon Schlimmeres überstanden.

„Hi Mom.“

„Hallo Mäuschen! Wie geht’s dir?“

Ihre Mutter liebte Kosewörter. Als einzige Tochter unter fünf Kindern bekam Serena das meiste ab. Wobei ihre Brüder auch nicht viel besser dran waren, es gab schließlich auch männliche Kosenamen. Ihr liebster war Bärchen.

„Danke, gut und euch?“

„Bestens, bestens. Ich bin schon ganz aufgeregt. Hab gerade angefangen, eine Liste zu schreiben, was wir alles brauchen, was erledigt werden muss, wen wir einladen und so weiter.“

Serenas Hals fühlte sich trocken an. „Wie, wen wir einladen? Ich dachte, ihr plant eine kleine Familienfeier?“

„Wenn es eine Überraschung sein soll, müssen schon mehr da sein als dein Vater, deine Geschwister, du, Jason und ich.“

„Wer noch?“ Es war doch keine gute Idee gewesen, heute schon anzurufen. Ein paar Tage hätte sie ruhig noch warten können. Heute Nacht würde sie Albträume bekommen.

„Ich dachte erstmal an euren Onkel, Riley und Samuel …“

Nicht gut, ihre irren Cousins. Die beiden waren zwar nur Halbwerwölfe, weil ihre Mutter ein Mensch war, aber das hinderte sie nicht daran, sich genauso abgedreht zu verhalten wie Serenas Brüder, wenn sie im Rudel auftraten. Der einzige genetische Unterschied bestand darin, dass sie keine Werwolfnachkommen mit einer menschlichen Frau zeugen konnten.