Modernes Dribbling - Peter Hyballa - ebook

Modernes Dribbling ebook

Peter Hyballa

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Opis

In den letzten 15 Jahren hat sich das Passspiel im Fußball regelrecht zu einer hohen Kunst entwickelt, die es perfekt zu beherrschen gilt. Spieler wie Messi, Neymar und Robben können durch ihre individuelle Klasse Spiele entscheiden. Doch auch die Abwehrreihen haben sich mittlerweile auf diese Offensivspiele eingestellt. Deshalb gilt es nun, Talente so zu fördern, dass sie als Einzelspieler diese Abwehrreihen durchbrechen können. Erstmals vereint das Buch internationales Expertenwissen dreier erfolgreicher Fußballtrainer zu diesem Thema und ebnet somit den Weg für das Fußballtraining der Zukunft.

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Peter Hyballa / Hans-Dieter te Poel

Modernes Dribbling

Spiele entscheiden durch individuelle Stärke

Meyer & Meyer Fachverlag & Buchhandel GmbH

Inhaltsübersicht

DanksagungenVorwort1. Offensivfußball der Zukunft?2. „Flipper in Kopf und Beinen!“ Warum soll man heute wieder vermehrt Spieler für ein offensives Dribbling ausbilden?2.1 Der Dribbel-Flipperautomat – in bestimmten Räumen die Dribbelfüße den Jackpot knacken lassen!2.2 Cruijffs Ballkritik3. Fußball als Individualsport? Der Unterschiedsspieler3.1 Individualisierte Trainings- und Wettkampfgestaltung aus der Sicht der Trainingswissenschaft3.2 Individualisierte Trainings- und Wettkampfgestaltung aus der Sicht der Sportmedizin3.3 Individualisierte Trainings- und Wettkampfgestaltung aus der Sicht der Sportpsychologie3.4 Individualisierung aus der Sicht der Sportsoziologie3.5 Individuell Fördern durch innere Differenzierung – was können wir Fußballtrainer/-lehrer von der Pädagogik lernen?„Dribble jetzt vorbei!“ – Mentalität, Risiko, Intuition und Kognition5. Vertraue deinem Spieler!6. Aufmerksamkeit und Raum – auf kreativen Pfaden zum Dri-Raumkonzept©7. Konzeptsprache – Coachingvokabular8. Die Hyballa/te Poel-Fintenkarte© und die Hyballa/te Poel-Dri-Raumkarte©8.1 Die Hyballa/te Poel-Fintenkarte©8.2 Die Hyballa/te Poel-Dri-Raumkarte© in Theorie und Praxis8.2.1 Der Dri-Aufbauraum©8.2.1.1 Andribbeln-Aufbau – „tief“©8.2.1.2 Andribbeln und „breiter“ Ball©8.2.1.3 Andribbeln und Wechsel-Pass und Chipball „vertikal“ (gerade)©8.2.1.4 Der Dri-Verbindungsraum (hinten und vorne) – Dribbeln im Verbindungs-6er-Raum©8.2.2 Dreiecks-(Dribbel-)Spiel©8.2.2.1 Umschalt-(Dribbeln) – „tief“©8.2.2.2 „Dribbel-Geduld“ – Breite suchen©8.2.2.3 Dribbel-Raum „ziehen“ – „Tiefe“ suchen©8.2.3 Der Dri-Assistraum©8.2.3.1 Dri-Zentral/Steckpass©8.2.3.2 Dri-Rückraumball©8.2.3.3 Dri-Flankenball/zweiter Pfosten (im Rücken des Gegners)©8.2.3.4 „Blindes“ Dribbling und Endaktion©8.2.4 Dri-Torabschluss im Effektivraum©8.2.4.1 Dri-Falscher-Fuß („Klebstoff-Dribbling“)©8.2.4.2 Dri-Gegner im Rücken©8.2.4.3 Frontales Dribbling mit Endaktion©8.2.4.4 Dribbeln in Unterzahl plus Torabschluss©9. Die Meulensteen-Methode – Ausbildung zum 1-gegen-1-Offensivspieler9.1 Was sind die spielentscheidenden Eigenschaften von Weltklassespielern?9.2 Die 1-gegen-1-Analyse9.3 Allgemeine Richtlinien für Trainingseinheiten zum 1-gegen-1-offensiv9.4 Zur Methodik für Trainingseinheiten zum 1-gegen-1-offensiv9.5 René Meulensteen: Sieben Bausteine, um eine 1-gegen-1-Situation offensiv dominieren zu können!9.6 Zur Organisation, Progression und zum Widerstand in der Schulung des 1-gegen-1-offensiv9.7 Best Practise zum offensiven Dribbling nach René Meulensteen10. Quo vadis Dribbeltraining?11. Der Blick in die Kreativ-Kristallkugel. Der Techniktrainer der Zukunft als „Workaholic“ und Liebhaber?Anhang1 Literaturverzeichnis2 Bildnachweis3 Mitwirkende

Danksagungen

Dit boek is voor mijn broer Andreas en voor mijn vrienden Fons, René en natuurlijk Hans-Dieter!

Diese Lektüre ist für alle Trainer, die anders denken, mutig sind und authentisch ihren Weg durchs Fußballleben „dribbeln“!

Abfahrt!

Peter Hyballa

www.peterhyballa.org

Meinen herzlichen Dank an Prof. Dr. D. Memmert (IKS der Deutschen Sporthochschule Köln), die Bayreuther Forschungsgruppe um Prof. Dr. A. Hohmann, das Bundesinstitut für Sportwissenschaft, Erich Rutemöller, Helmut Wunder und „mijn vriend“ Peter!

Glück auf!

Hans-Dieter te Poel

www.tepoel.eu

Vorwort

In dem Buch von Peter Hyballa und Hans-Dieter te Poel zum modernen Dribbling gehen sie in Theorie und Praxis der in diesen Tagen sehr häufig gestellten Frage unter Experten, Journalisten und Fußballinteressierten nach, warum es heute so wenige Spieler mit einer herausragenden Dribbelkompetenz speziell in Deutschland gibt. Stellen wir doch einige Fragen an das Buch und lassen die Inhalte nachfolgend sprechen:

Fußball als Individualsport, weil wir doch somit die heiß ersehnten „Unterschieds-spieler“ erhalten? Verschärft ein Dribbeltraining nicht diese Individualisierung? Nein, sagen die Autoren und verweisen darauf, dass wir zunächst einmal klären sollten, was wir unter der auf Kongressen aller Art viel gepriesenen Individualisierung und der damit verbundenen Differenzierung im Training überhaupt verstehen. Und es geht den Autoren um die Entwicklung des Spielers im 1-gegen-1-offensiv in der heutigen digitalen Welt und seinen Wert für die Mannschaft: das Ich im Wir. Fußball als Teamsport in Raum und Zeit!

Benötigen wir daher als Trainer/Lehrer im Dribbeltraining der Zukunft bei den Spielern ein Mehr an Aufmerksamkeit, Risikobereitschaft, Mentalität, Emotion und Intuition, damit wir detaillierter und nicht oberflächlicher in Richtung Exzellenztraining arbeiten können? Ja, sagen die Autoren und analysieren diese Bereiche zunächst einmal sehr präzise.

Hilft den Spielern, der Mannschaft und dem Trainer/Lehrer für das Dribbeltraining und den Wettkampf ein besonderes Coachingvokabular, eine sogenannte Konzeptsprache? Die Autoren sagen eindeutig ja und präsentieren uns ihr eigenes und sehr umfassendes und bildhaftes Praxisbeispiel.

Denken wir Trainer/Lehrer zu sehr positionsungebunden oder gar positionsgebunden, wenn wir auf dem Platz das Dribbling erarbeiten, stabilisieren, festigen und variabel auf höchstem Spielniveau für den Spieler verfügbar machen? Hierzu bieten Peter Hyballa und Hans-Dieter te Poel ein neues und interessantes Raumkonzept für den Aufbau-, Leistungs- und Profibereich mit 80 Übungs- und Spielfomen für das 1-gegen-1-offensiv an. Es vereint technische und taktische Spielelemente und greift die oben angeführten Antworten für das sehr umfangreiche Praxiskapitel auf.

Neben einer eigenen Fintenkarte zur Lösung praktischer 1-gegen-1-Offensivsituationen auf dem Platz findet der interessierte Leser ein umfangreiches Kapitel von René Meulensteen, der jahrelang als First Team Coach bei Manchester United mit Weltklassedribblern, wie z.B. Cristiano Ronaldo, zusammengearbeitet hat. René vermittelt uns mit weiteren 35 Übungs- und Spielformen das, was seiner Erfahrung nach insbesondere die Technikpräzision des Dribblings mit Zielrichtung des höchsten Exzellenzniveaus in der Trainingspraxis bedeutet. Hier findet insbesondere der Trainer/Lehrer, der sich mit dem Grundlagen- und Aufbaubereich beschäftigt, wichtige und jahrelang erprobte Trainingsempfehlungen.

Abschließend gehen Peter Hyballa und Hans-Dieter te Poel, die mit sehr viel Liebe, Leidenschaft und jahrelanger Detaillarbeit an dem vorliegenden Buch gearbeitet haben, der Frage nach, welchen modernen Ausbildungsgrundsätzen das Dribbeltraining als Techniktraining im Fußball zukünftig folgen solle und ob wir einen speziellen Dribbeltrainer benötigen. Hier stößt man auf sehr interessante Antworten und Empfehlungen. Mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten.

Ein Trainer/Lehrer, der sich zwischen dem Grundlagen- und Profibereich auf dem Platz bewegt, sollte sich dieses Buch unbedingt zulegen. Es greift aktuelle Fragen auf und gibt präzise und praxisrelevante Antworten. Es verkauft keinen alten Wein in neuen Schläuchen, sondern überführt das für uns Trainer/Lehrer so wichtige Zukunftsthema „1-gegen-1-offensiv“ in ein eigenes und neues Raumkonzept mit einer eigenen Konzeptsprache für das Training und den Wettkampf im Fußball. René Meulensteen rundet dieses so wichtige Praxisfeld mit seiner eigenen Ausbildungsmethode zum 1-gegen-1-Offensivspieler für uns Trainer/Lehrer ideal ab.

Ich wünsche allen Trainern große Freude bei der Beschäftigung mit diesem umfangreichen Werk und viel Motivation und Spirit, um die Trainingsempfehlungen auf dem Platz auszuprobieren und selbstständig mit ihren Teams weiterzuentwickeln. Ich freue mich darauf!

Ihr Norbert Elgert

Norbert Elgert, DFB-Fußballlehrer und U-19-Cheftrainer des FC Schalke 04 Ausbilder von u.a. Özil, Höwedes und Sané, Trainer des Jahres 2013

1. Offensivfußball der Zukunft?

„Vor allem solche Moves sorgen dafür, dass ihn alle haben wollen. Denn im Pressingwahnsinn dieser Tage, der den Raum auf dem Rasen beständig verdichtet, sind jene Spieler die gesuchteste Spezies, die einfach trotzdem einen Gegenspieler ausspielen oder ihm davonlaufen können.“

(Christoph Biermann über Leroy Sané (März 2016, S. 29))

Wie recht Christoph Biermann mit seinem Zitat über Leroy Sané vom FC Schalke 04[1] über die möglichen „Entscheider“ im modernen Fußball hat, zeigen insbesondere die Analysen der FIFA über die Weltmeisterschaften der U 17 2015 in Chile, der U 20 2015 in Neuseeland, die Klubweltmeisterschaft 2015 in Japan und die Weltmeister-schaft 2014 in Brasilien (FIFA, 2014) (vgl. Tab. 1).[2]

Tab. 1: Offensivtrends der Weltmeisterschaften 2014 und 2015

Diese Tabellen in besserer Auflösung finden Sie hier und hier.

Die FIFA-Reports machen mehr als deutlich, dass eine systematische Schulung aller 1-gegen-1-Situationen in den unterschiedlichsten Räumen und Positionen im Nachwuchsbereich in der Zukunft verstärkt angezeigt ist (vgl. u.a. auch fussballtraining, 2015; Wormuth, 2011, S. 43-47): Variabilität ist Trumpf!

Der Spieler (inklusive des Torhüters) der Zukunft ist ein

kompletter Spieler auf höchstem technischen Niveau und nach Möglichkeit mit einer herausragenden Eigenschaft, was eine Ausrichtung der Ausbildung auf die Stärken und Schwächen jedes Einzelnen und seine Bedürfnisse bedeutet;

vielseitig einsetzbarer Spieler, der sich in vielen Spielräumen und -systemen zu Hause fühlt;

flexibler Spieler, der im Spiel situativ handeln kann und ein

Spieler mit Persönlichkeit, der Einsatz, Respekt und Fairness zeigt (vgl. Bericht zur FIFA U 17, 2015, S. 51)[3].

Ergo soll der Trainer der Zukunft ebenfalls mit diesen Elementen in der Ausbildung unbedingt vertraut gemacht werden.

Diese Entwicklungstendenzen treffen nach Einschätzung der Autoren jedoch auch für den Seniorenbereich zu. Hier gilt es besonders, als Trainer und Fußballlehrer ein Auge auf den Nachwuchs zu haben, dem Optimieren durch entsprechendes Trainieren und Lernen zu entsprechen und dem Vergessen von technisch-taktischen Kompetenzen entgegenzuwirken. Letzteres verlieren wir manchmal aus den „Trainer-/Lehrer- und Spieleraugen“:

„Je mehr man weiß, desto weniger ist das Vergessen von Vorteil.“ ... „Folglich ist zu erwarten, dass wir umso weniger vergessen, je mehr wir über ein Thema wissen.“

(Gigerenzer, 2008, S. 135)

„There is only one ball, so you have to need it!“

(Johan Cruijff)

2. „Flipper in Kopf und Beinen!“ Warum soll man heute wieder vermehrt Spieler für ein offensives Dribbling ausbilden?

Den Autoren ist, anknüpfend an Kap. 1, darüber hinaus in der eigenen Trainingspraxis und bei der Analyse der fußballspezifischen Literatur[4] aufgefallen, dass man sehr häufig das 1-gegen-1-offensiv, und hiermit werden wir uns vorrangig im vorliegenden Buch praxisrelevant auseinandersetzen, aus der Perspektive Fußballtechnik mit Ball betrachtet. Hierunter versteht man im Allgemeinen die Dribbelarten

ballhaltendes Dribbling/ballabschirmendes Dribbling,

Tempodribbling mit Zielrichtung Raumgewinn und

gegnerüberwindendes Dribbling (vgl. Bisanz & Gerisch, 2013, S. 321-323).

Die Fußballtechnik des Dribblings wird zumeist mit den Täuschbewegungen und Finten gleichgesetzt und inhaltlich ergänzt. Die Autoren unterstreichen an dieser Stelle jedoch besonders die Bedeutung der Finten im modernen Fußball, weil sie insbesondere

aus dem Dribbling erfolgen,

in unterschiedlichen Bewegungsgeschwindigkeiten stattfinden,

sich an das Lauftempo anpassen,

Beidfüßigkeit erfordern,

ein Repertoire an einfachen und variantenreichen Täuschbewegungen voraussetzen,

mit und ohne Körpereinsatz vollzogen werden,

in Unter- und Überzahl durchgeführt werden,

die taktische Spielsituationen berücksichtigen und

viel Mut

erfordern (vgl. Kap. 9).

So betrachtet, bietet ein 1-gegen-1-offensiv zahlreiche technische und taktische Möglichkeiten für die Spielführung und geht weit über die häufig konstatierte Zweikampfführung, Ballsicherung oder den Raumgewinn hinaus. Wie man in Kap. 9 weiterführend erkennen wird, spielt die Methode von René Meulensteen, einem Schüler von W. Coerver (heute von seinen „Followern“ Alfred Galustian und Charlie Cooke weltweit unter Coerver-Coaching bekannt (vgl. te Poel & Hyballa, 2015, S. 215-270)), im internationalen Fußball bei der Ausbildung von Nachwuchsspielern und Topspielern eine große Rolle. Die Kritik von Henseling und Mari´c (2015, S. 215-216) am Coerver-Coaching (und damit auch indirekt an der Methode von René Meulensteen) muss sehr relativiert werden, weil diese Methode eine deutliche Weiterentwicklung erfahren hat (vgl. te Poel & Hyballa, 2015, S. 220).

Verbindet man das noch vorzustellende Konzept/den Ansatz von Hyballa und te Poel (vgl. Kap. 8) in der vorliegenden Publikation als Ausdruck spielerischen Lernens punktuell mit eher expliziten Lernvorgängen, und hierfür steht die dargebotene Methode von René Meulensteen (vgl. Kap. 9), tritt ein Lerneffekt ein. Die zum Teil hohen Wiederholungszahlen können überdies Junioren und Senioren helfen, Ballsicherheit zu erlangen und beim Wiederaufbau nach Verletzungen oder Spiel- und Trainingspausen in primär technischer Hinsicht im Rahmen der allgemeinen Trainingssteuerung entscheidend mitzuwirken.

Der Handlungspsychologe Hans Aebli (1980; 1981) spricht in diesem Zusammenhang von notwendigen reflexiven Kognitionen (durch explizite Lernvorgänge), die die Funktionen haben, das menschliche Agieren zu organisieren und zu optimieren. Wahl (2012, S. 55) unterstützt diese Sichtweise im Rahmen seiner lernpsychologischen Forschungen im Sportspiel.

Daher stellen beide Vorgehensweise für die Autoren derzeit kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch dar.

Dribblings, Täuschbewegungen und Finten finden überdies immer in Bewegungsverbindungen mit anderen Fußballtechniken (wie Passen, Schießen und Flanken) und in unterschiedlichen Spielräumen auf dem Fußballplatz statt (vgl. die o.a. FIFA-Reports).[5] Hierzu stellen die Autoren nachfolgend ihre eigenen Gedanken und Ideen für die Trainingspraxis im Umgang mit dem 1-gegen-1-offensiv vor, sodass wir auf bereits schriftlich vorliegende Konzeptionen zum 1-gegen-1 lediglich verweisen. Diese werden durch die Methode von René Meulensteen ergänzt, der sich insbesondere mit der Weltstandanalyse des 1-gegen-1-offensiv intensiv auseinandergesetzt hat und aus dieser Perspektive heraus die Themenstellung bearbeitet (vgl. Kap. 9).

Das entspricht unserem allgemeinen Verständnis von kooperativer Zusammenarbeit, die auf Gedankenaustausch, Ideenreichtum, Kreativität und Variantenreichtum in der Auseinandersetzung mit dem Dribbling von heute zum Wohle unserer Trainerarbeit sowohl in der Ausbildung als auch auf Klub-Spitzenniveau setzt. Oftmals gilt es auch, bereits eingeschliffene Denkmuster der Spieler zu verändern. Diese professionelle Vorgehensweise erfolgt immer auf der Grundlage der kognitiv-emotionalen Struktur der jeweiligen Spieler (Stichworte Individualisierung und Differenzierung) und soll die Freude am eigenen und gemeinsamen Entdecken und Entwickeln einer möglichst hohen Dribbelqualität fördern. Dabei ist auf eine Passung mit dem Gesamtsystem aller Trainings- und Spielbausteine zu achten und das häufig in der Nachwuchsausbildung anzutreffende Phänomen der sogenannten „ICHLINGE“ (Valentin, 2012) unter dem Aspekt des Teamgedankens besonders zu beachten.

Doch wie wollen die Autoren denn nun Spieler im 1-gegen-1-offensiv entwickeln, die einem neuen Denk- und Praxisansatz folgen sollen?

2.1 Der Dribbel-Flipperautomat – in bestimmten Räumen die Dribbelfüße den Jackpot knacken lassen!

Die Überschrift legt nahe, dass die Autoren womöglich das „Spielfeld verlassen“. Mitnichten. Sie wollen bildhaft erklären, wie sie in unzähligen Diskussionen, Recherchen, Hospitationen, Spielbeobachtungen und eigenen Praxiseinheiten im Fußball zur gewählten Themenstellung und eigenen Idee gekommen sind. Daher bedienen sie sich eines Bildes, des Flipperautomaten, und einer trainergerechten Sprache, dem sogenannten Coachingvokabular (vgl. Kap. 7).

Szenario in der Wir-Version:

„Sport und Raumfahrt passen eigentlich nicht zusammen. Aber manchmal merken wir Trainer/Lehrer, wie wir vor der eigenen Mannschaft stehen und nicht über sportliche Leistungsfaktoren sprechen, sondern immer wieder über Räume, Halbräume, Zwischenräume, Flügelräume, Aufbauräume, in der Box entstehende Räume, 6er-Räume, 10er-Räume, Räume auf den zweiten Pfosten, Räume, die zu belaufen und zu bespielen sind, und so weiter und so weiter.

Dabei stellen wir währenddessen und auch danach fest, dass wir Fußballtrainer/-lehrer ein Spielfeld nicht immer nur als grünen Rasen/Kunstrasen betrachten, sondern, wie eben beschrieben, wie einen geometrischen Körper, in dem was ist und den man ‚bespielen‘ kann und soll.“

Exkurs: Das etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache setzt Raum mit „freiem Raum“ und „Freiheit“ gleich (Kluge, 1995, S. 670). In der Geometrie kennen wir ihn als abstrakten, absoluten und relativen Raum. Die Psychologen würden an dieser Stelle wohl von einer Rekognitionsheuristik sprechen: D. h.: Wir kommen aus unseren Schul-, Universitäts-, Ausbildungs- und Erziehungsschuhen eben nicht heraus. Wir Fußballtrainer/-lehrer zeigen den Spielern, und das ist unsere Erfahrung, immer wieder bestimmte Räume auf, die sich öffnen und die wir dann zum Beispiel auf bestimmten Spielpositionen durchspielen, d.h. durchdribbeln können.

Warum tun wir das? Die von uns bewusst und unbewusst wahrgenommenen Anforderungen der Handlungen unserer Spieler auf dem Spielfeld stehen in einer direkten Verbindung mit der Wahrnehmung der Zeit und unserem Bild des Raums (vgl. Thier, 2014, S. 2). Das ist sowohl für die Bewertung der Situation und der gewählten Technik durch uns Fußballtrainer/-lehrer als auch für das Lernen und Behalten der jeweiligen Technik der Spieler in Raum und Zeit, das heißt für die Verortung der Technik, von großer Bedeutung: Technik und Geist lassen sich eben nur zusammen denken. Hierzu mehr in Kap. 6.

Wechseln wir den Gegenstand und machen es hoffentlich etwas verständlicher, was wir mit dem gerade Geschriebenen eigentlich sagen wollen:

Wir wissen nicht, ob die Spieler von heute noch den guten alten Flipperautomaten kennen. Der stand früher in den Eck- und Fankneipen in der Ecke und wurde nach Feierabend mit Bier und Zigarette „bespielt“. So ein Flipperautomat strahlte etwas aus und war von jedermann einfach zu bedienen. Wie im Fußball! Man „ballerte“ eine polierte Stahlkugel unten in den Automaten und versuchte, das Bällchen, das auf einer schiefen Ebene bewegt werden musste, möglich lange im Spiel zu halten. Wir betätigten die Flipper mithilfe von seitlich angebrachten Druckknöpfen, jeweils rechts und links – also beidhändig. Die Analogie zum geliebten Fußballspiel war schnell gefunden: Der beidfüßige Spieler schießt, passt und dribbelt natürlich nicht mit beiden Händen, sondern mit beiden Füßen und versucht, so lange in Ballbesitz zu bleiben, bis der Gegner „müde“ gespielt war. Das war letztendlich erfolgreich.

Der Flipperautomat stellte ein Geschicklichkeitsspiel dar, in dem Balance, Ausdauer, Ruhe, Geduld und Präzision, aber auch ein „Schuss“ Aggressivität vonnöten war, um möglichst viele Punkte zu sammeln. Auch das sind Attribute, die das Dribbling auf dem Feld in sich vereint. Vieles hängt davon ab, was für einen Spielertyp, sprich Flipperspielertyp, man ist und ob man schnell feststellen kann, wo sich gerade die „Kugel“ befindet!

Beim Flippern liegt die Spielidee im Sammeln von „Punkten“, die dem Spieler beim Auftreffen der Kugel auf verschiedene, häufig zurückfedernde Spielelemente im Spielfeld in unterschiedlicher Höhe angezeigt und automatisch aufsummiert werden. Diese verschiedenen Höhen stellen im Fußballspiel bestimmte Räume dar, in denen man als Spieler mit unterschiedlichem Risiko bzw. Erfolgswahrscheinlichkeiten agiert. Denken wir diesen Aufbau des Flipperautomaten nun weiter und verbinden wir diesen mit dem Fußballfeld:

Im vorderen Raum des Dribbel-Flipperautomaten-Modells wird der Dri[6] -Aufbau-Raum (vgl. Kap. 8.2.1) charakterisiert, hier entsteht gewissermaßen die Spieleröffnung: Der Torwart, die Innenverteidiger und die Außenverteidiger sowie der abkippende 6er können in diesem immer wieder andribbeln, um

in Ballbesitz zu bleiben oder

mit einem gekonnten Spielaufbau in den nächsten Mittelfeldraum zu gelangen.

Dadurch können sie einige gegnerische Angreifer ins Leere laufen lassen. Der „erste“ Dribbler im Dri-Aufbau-Raum folgt bestimmten Formen und Ideen. Falls die „Kugel“ verloren geht, wird es sofort gefährlich, da dieses Verhalten direkt zu Angriffskontern des Gegners führen kann. Die Gefahr des direkten Gegentors ist jederzeit gegeben. Die Spieler, in der Regel die Positionen 4 und 5, werden demnach zu sogenannten Andribblern, die das Spiel durch ein schnelles und präzises Tempodribbling in den freien Raum anflippern.

Erinnern wir uns an die Lage der Flipper im Flipperautomaten. Spielt der Gegner mit nur einer Sturmspitze, ist diese Art des Spielaufbaus sehr wirksam. Agiert er mit zwei oder drei Sturmspitzen, die vielleicht sogar als Pressingjäger fungieren, ist das Andribbeln nach wie vor ein Mittel der Wahl, doch es gelingt nur, wenn man dieses mit Finten und wahrscheinlich hohem Risiko verbindet. Besitzt der Andribbler jedoch die Kompetenzen eines geschulten beidfüßigen Dribblers, sinkt das Risiko des Ballverlusts enorm.

Zurück zum Flipperautomaten und seiner Mechanik und Elektrik. Ruckelt man als Spieler zu heftig am Flipperautomaten, schaltet sich das Gerät automatisch ab und die Kugel geht „wehrlos“ verloren, tilt. Übertragen auf unser Fußballspiel, bedeutet das, dass die Wahrscheinlichkeit, Ziele zu treffen und somit Punkte zu sammeln, steigt, je länger das „Bällchen“ im Spiel bleibt. Der Gegnerdruck, das Ruckeln der Gegenspieler, nimmt jedoch nach der präzisen Spieleröffnung zu, da die Spieler nun in die 6er- und 8er-Räume gelangen.

In diesen Räumen wird zumeist das Dribbeln und Passen, wir nennen es Dri-Passen, angewandt. Da in diesen Räumen die Idee des Mittelfeldspiels entsteht („Wohin soll der Ball in die gefährlichen Zonen gespielt werden?“) und der Spielraum ohne direkte Störung jedoch immer kleiner („enger“) wird, kommen nun vor allem die Passstrategen unseres Teams zum Zuge. Darüber hinaus wächst der Druck auf den Ball von Jahr zu Jahr (vgl. die FIFA-Reports), sodass nicht nur die Vorbilder, wie zum Beispiel T. Kroos, gefragt sind, sondern immer mehr die Dribbelstrategen, die mit gekonnten Finten einen Gegenspieler abschütteln und zugleich nach dem gelungenen Dribbling einen wirksamen („klugen“) Pass spielen können, der den Gegner in große Bedrängnis geraten lässt.

Wir können konstatieren, dass das Zentrum des Spiels der Raum ist, in dem sich viele gegnerische Mannschaften zunehmend variantenreiche Lösungen in der gemeinsamen Arbeit gegen den Ball einfallen lassen. Diese Teams entwickeln kreative Defensivstrategien, die durch taktische Laufwege und technische Passwege allein nicht durchkreuzt werden können. Können lediglich mannschaftstaktische Elemente eingesetzt werden, ist irgendwann der Ballverlust unumgänglich.

Damit im Endeffekt kein taktisches Patt entsteht, sind individuelle Aktionen, wie zum Beispiel ein Dribbling im zentralen Raum, sehr wirksam. Die Kombination von Dribbeln und Passen entwickelt sich insbesondere in den Dri-Pass-Räumen, in denen man in Ballbesitz bleiben und in den torgefährlichen Raum gelangen will, zu einem idealen Handwerkszeug. Mittelfeld-Dribbel-Strategen finden zu dieser Bewegungskombination in Kap. 8.2.2 wertvolle Trainingsbausteine.

Zurück zum Flipperautomaten: Man kann beim Flippern weiterhin versuchen, beim Zurückschießen der Kugel, mithilfe der Flipper, gezielt bestimmte Spielelemente zu treffen, die eine besonders hohe Punktewertung zur Folge haben und darüber hinaus Belohnungen zur Verbesserung des Spielablaufs erzeugen: eine zusätzliche Spielkugel („Extraball“), „Specials“, zumeist in Form von Freispielen, oder ein „Multiball“-Spiel, das ein Spielen mit mehreren Kugeln zeitgleich ermöglicht.

Gott sei Dank gibt es im Wettspiel auf dem Platz nur eine „Ballkugel“. Die Belohnung, das „Special“, für unsere Spieler ist der Torerfolg. Je näher man mit der „Ballkugel“ in Richtung tornaher Raum kommt, hier wird ja der Torerfolg („Treffer“) vorbereitet, desto häufiger treten die Vorlagengeber auf den Schirm:

die Außenstürmer,

der 10er,

der hohe 8er oder

sogar die hohen Außenverteidiger, die mit einer gekonnten Hinterlaufaktion in den Raum der 7er- und 11er-Stürmer gesprintet sind und die Kugel in diesen Assist-Räumen (vgl. Kap. 8.2.3) erhalten.

Doch auch hier lauert die Gefahr des Ballverlustes: Die Verteidigung ist vorbereitet und versucht, die Bälle abzuwehren, sodass jetzt eine 1-gegen-1- oder sogar eine 1-gegen-2-Aktion stattfindet. Der Spieler, der den Treffer nicht direkt erzielen kann, muss in den Vorbereitungszonen, die im Zentrum oder auf den Flügeln liegen, mit Ball sehr schnell sein und/oder ein großes Repertoire an Finten besitzen (vgl. Kap. 8.1).

Hierdurch entstehen die 1-gegen-1-Aktionen, das heißt die risikoreichen Dribblings und womöglich folgenden letzten Steck-Pässe und Schnittstellenbälle (vgl. Hyballa & te Poel, 2015), die die Zuschauer im Stadion und der Thekenfreund in der Kneipe mit dem Flipperautomaten sehen wollen. Auch hierzu entwickeln wir Trainingsformen, die einen extremen Raum-, Zeit- und Gegnerdruck beinhalten, sodass ein Abspiel kaum sinnvoll erscheint: Es soll gedribbelt werden, was das Zeug hält! Selbstverständlich ist auch in diesen Formen der Ballbesitz sehr wichtig, jedoch soll es dem Spieler ermöglicht werden, Kreativität und Selbstbewusstsein am Ball zu entwickeln. Denn in den 10er-Räumen der Welt, in denen diese Aktionen stattfinden müssen, ist der Gegner- und Erwartungsdruck enorm hoch.

Kommen wir erneut zurück zum Flipperautomaten, hier trifft man jetzt auf das Phänomen des Jackpots. Was bedeutet das? Trifft man mit der Stahlkugel ein Ziel, das nur durch eine hohe Präzisionsleistung getroffen werden kann oder schafft man eine komplizierte Trefferreihenfolge, wird ein Jackpot zu den erzielten Punkten addiert. Der Jackpot erhöht sich ständig durch das Treffen bestimmter Ziele und dieser erzielte (Mehr-)Wert bleibt dem Spieler oft über mehrere Spiele hinweg erhalten. Bei manchen Spielautomaten kann man den Jackpot allerdings lediglich während des Multiballspiels knacken.

In unserem Fußballspiel wird der Jackpot durch das erzielte Tor/Goal/Doelpunt etc. symbolisiert. Dieses lässt sogar ein uninteressantes Spiel in schönem Glanze erscheinen. Der „Jackpot“ kann jedoch nur geknackt werden, wenn Verteidigungsstrategien, die sich durch eine „tiefe Absicherung/Staffelung“ und sehr zweikampfstarke Spieler auszeichnen, durchkreuzt werden können. Wir nennen das „Sich-aus-dem-Wege-Dribbeln“.

Das ist notwendig, weil die Abwehrspieler den Ball in Tornähe häufig blocken oder ein gekonntes Tackling durchführen. Das verteidigende Team versucht überdies, in den tornahen Räumen eine Überzahlsituation zu erzeugen, damit der 9er, 10er, 11er oder der hohe 8er leichter am Torabschluss gehindert werden kann. Hier sind die Fintierbewegungen und ein „klares“ 1-gegen-1-offensiv das Maß der Dinge. Können die Angreifer darüber hinaus noch mit beiden Füßen „dribbeln-flippern“, dann wird das Verteidigen des Torerfolgs und der erneute Ballgewinn selbst durch sehr geschulte Verteidiger sehr schwierig.

Das heißt aber auch im Umkehrschluss, dass ein Hakenschlagen mit einem gekonnten Torabschluss durch erfahrene und/oder junge und motivierte Field-Coaches gelernt und optimiert werden muss. Auch zu diesen Angriffsräumen und dem dazugehörigen Dribbelrepertoire finden Sie, liebe Leser, ein Dri-Tor-Kapitel, das entsprechendes Lernmaterial zur Verfügung stellt (vgl. Kap. 8.2.4).

Wie beim Flipperautomaten, bei dem es für den Spieler um einen möglichst langen Kugelbesitz geht, um, gepaart mit Mut und Geschicklichkeit, den Jackpot zu knacken, ist es im Fußball der eindeutige und schnörkellose Ballbesitz, der früher oder später einen Treffer ermöglicht. Wenn es beim Flippern manchmal hakt, so ist/sind es im Fußballspiel der/die Defensivkünstler, der/die den erfolgreichen Spielverlauf stört/stören. Daher reicht beim Flippern vielleicht ein dosiertes oder aber etwas heftigeres Ruckeln aus, um der Kugel eine erfolgreiche Richtung zu geben.

Im Wettspiel Fußball nimmt diese Funktion das Dribbling ein. Die Anforderungen an dieses Dribbling sind von Raum zu Raum unterschiedlich hoch und müssen dementsprechend in einer modernen Fußballausbildung und Optimierung auf Spitzenniveau beidfüßig, kreativ und variabel und insbesondere unter Gegner-, Raum- und Zeitdruck ständig trainiert werden.

Mit der von uns dargebotenen Systematik soll es Trainern, Lehrern und Spielern ermöglicht werden, eine einfache und klare Dribbelsprache zu sprechen, um damit dem Stress und Ärger durch die geschulten Verteidiger entgehen zu können. Taktische Laufwege, Spielzüge und Schemata ja, aber auch Dribblings, Finten und Bewegungsverbindungen mit dem Ball helfen, den Fußball der Zukunft zu gestalten:

LASST DIE FÜSSE SPRECHEN!

2.2 Cruijffs Ballkritik

© picture-alliance/dpa

Der leider viel zu früh verstorbene niederländische Fußballkönig Johan Cruijff kritisierte in den letzten Jahren sehr intensiv die Entwicklung des niederländischen Fußballs. Er wünschte sich wieder mehr Technik und weniger Ballzirkus im Spiel der Spiele: einen gelungenen Scherentrick unter großem Gegnerdruck, eine gekonnte Ballbehandlung, einen präzisen Wechsel-Pass, den gesetzten Offensivkopfball etc.

Damit ging er konform mit Urs Siegenthaler, dem Spielbeobachter der deutschen Fußballnationalmannschaft:

„Überhaupt sollte das Dribbling eins der wichtigsten Ausbildungs- und Trainingsziele sein. Direktes Passspiel ist schön und gut, doch manchmal muss man es alleine riskieren. Das hat übrigens nichts mit Egoismus zu tun. Dazu braucht man Mut und Leidenschaft, die wichtigsten Tugenden im Sport.“

(http://www.zeit.de/sport/2010-08/siegenthaler-loew-taktik-gaal/seite-2)

Der Sportspielforscher A. Hohmann von der Universität Bayreuth, der aktuell ein Projekt zum Techniktraining in den Spielsportarten leitet, ergänzt diese Aussagen, bezogen auf das Techniktraining, allgemein, indem er in einem Interview vom September 2014 unter www.dfb.de feststellt: „Denn: Unabhängig von persönlichen Voraussetzungen bleibt die Technik ein wichtiger, limitierender Faktor im Profifußball. Es ist also wichtig zu erfahren, wie ein Spieler dieses Level erreicht.“

Cruijff führte weiterführend an, dass niederländische Coerver-Experten, wie u.a. René Meulensteen (in diesem Buch), im Ausland sehr gefragt sind. Für ihn galt es, diesen Trainertypus, den sogenannten Field-Coach, der mit seinen Augen für Fußballtechnik wegweisende Impulse für das Fintieren, die Dribbelaufgabe, den Last-Moment-Pass, den gekonnten Diagonalball, die perfekte Ausführung des Flugkopfballs usw. geben kann, zukünftig wieder verstärkt auszubilden und das nicht nur in den Niederlanden.

Diesen Forderungen schließen sich die Autoren uneingeschränkt an. Sie betonen, dass der Trainingsalltag, und das trifft insbesondere für die Ausbildung zu, mehr und mehr unter dem Primat taktischer Gesichtspunkte auf dem Platz (und mithilfe der heutigen modernen Medien) steht. Oftmals gerät der direkte Umgang mit dem Spielgerät, dem Ball, in Spielräumen in den Hintergrund. Je mehr wir Trainer und Fußballlehrer „isolieren, binden, Räume ziehen und abklemmen“, desto weniger Lernen und Training in der Beherrschung des Balls ist im Spiel. Das sollten wir nicht vergessen.

Daher benötigen wir dringend Spezialisten, die in den Pässen und Dribblings eine Botschaft sehen und die diverse Balltechniken im Trainingsalltag verstärkt lernen und trainieren. Diese „Balltrainer“ würden den heutigen erweiterten Trainerstab, gebildet aus Athletiktrainer, Physiotherapeuten, Psychologen und Pädagogen und Masters of Science (Scouting und Analytics), sinnvoll und wirksam ergänzen. Auch an dieser Stelle plädieren die Autoren für ein „Sowohl-als-auch“ und nicht „Entweder-oder“. Denn mit einer sicheren, präzisen, schnellen, variablen und virtuosen Technik kann jeder Spieler auf der Welt taktische „Fifty-fifty-Situationen“ aushebeln.

Der alte Grundsatz, dass die Situation die Frage ist und die Bewegung die Antwort, soll wieder verstärkt im Mittelpunkt der Trainingsarbeit stehen, nicht nur in der Ausbildung:

Technik und Taktik sind Geschwister und rund 55 % der Tore fallen ohne den Faktor Zufall. Unsere Spieler bestimmen immer noch selbst über ihr Schicksal. Sie haben es gewissermaßen auf den eigenen Füßen.

(vgl. Memmert, Strauss & Theweleit, 2013, S. 97)

Die Aussage führt uns zur Frage, wie individuell[7] (und damit differenziert) das Lernen und Trainieren eines modernen Dribblings in Spielräumen sein soll (vgl. Kap. 3).

„Die Maxime ‚Abspiel geht vor Dribbling‘ ist in der Nachwuchsförderung nicht zwingend richtig“, erklärt der Sportdirektor, der jahrelang als Assistenztrainer von Joachim Löw arbeitete. „Überspitzt gesagt“, müsse man den Mut entwickeln, das Individuum über das Team zu stellen.

(Hans-Dieter Flick, Sportdirektor des DFB zitiert im kicker (o. J. und Seite))

3. Fußball als Individualsport? Der Unterschiedsspieler

Wenn man der Aussage von Hans-Dieter Flick folgt, dann fragt man sich, warum sich der amtierende Fußballweltmeister Deutschland den Namen „Die Mannschaft“ gegeben hat. Doch der Reihe nach: Die Analyse und der Kontext sollen Klarheit zu den Begrifflichkeiten „Individuum/Individualität/Individualisierung“ und „Differenzierung“ herstellen.

Die Analyse der Trainingsintensität, des Trainingsumfangs, der Trainingsmittel, der Trainingsmethoden, der exogenen Faktoren, der Belastung/Regeneration, der Belastungsgestaltung, der Qualität (hier verorten wir unsere Themenstellung) und weiterer sportmedizinischer, -soziologischer, -pädagogischer und -psychologischer Einflussfaktoren ermöglicht es uns, die Herausforderungen moderner und komplexer Wettkampfentwicklungen insbesondere im Nachwuchsleistungs- und Hochleistungsfußball in der Zukunft bestehen zu können. Dies ist insofern von großer Bedeutung, weil sich

das Weltstandsniveau ständig weiterentwickelt (vgl. Kap. 1),

die Spitzenleistungen sich an Leistungs- und Belastungsgrößen der Weltspitze orientieren,

die Leistungspotenziale im Spitzenbereich insbesondere durch eine Erhöhung der Qualität des gesamten Trainings erschlossen werden können und

sich neue Trends und Innovationen durch Kombination bekannter Leistungselemente (Kreativität im weiteren Sinne) immer wieder offenbaren (vgl. Kap. 6).

Der Transfer systematischer Maßnahmen im Training und Wettkampf erfolgt in der Regel mithilfe der Trainingsprinzipien, die auf einer ganzheitlichen Auffassung vom Sportler/Spieler beruhen (vgl. Tschiene, 2012, S. 12). Folgt man Tschiene (dto.) und der jüngsten Publikation von Wick (2016, S. 8-11), gibt es nur wenige publizierte, praxisrelevante Ausarbeitungen zum Trainingsprinzip der Individualisierung. Dieses Manko stellt gerade für den deutschen Spitzensport ein Problem dar, weil, mit steigenden Leistungsanforderungen, die Inanspruchnahme des Prinzips der Individualisierung der Trainings- und Wettkampfgestaltung einhergeht.[8]

„Unter Individualisierung versteht man im Grunde die Unterscheidung von personalen Unterscheidungsgründen (Kriterien).“

(Tschiene, 2012, S. 12)

Nach Tschiene (dto.) findet man die Unterscheidungsgründe, hier im Sinne möglicher Aspekte der Individualität des Sportlers, in folgender Aufzählung wieder:

der Persönlichkeit des Sportlers,

dem Geschlecht des Sportlers,

seiner Eignung für eine bestimmte Sportart bzw. Sportartengruppe,

seiner besonderen Adaptationsfähigkeit (hier besonders Adaptationsdauer),

der altersbedingten Variabilität der sportartbedingten Leistungsfähigkeit,

dem sportlichen Leistungsniveau und

in der Umwelt des derart erfassten Individuums.

Der Faktor Gesundheitsstatus wird von Tschiene (dto.) als eine Art übergreifender kontextueller Faktor für alle Individuen angesehen. Abweichungen im Status werden bei diesem Faktor dem Kompetenz- und Zuständigkeitsbereich der Medizin/Sportmedizin zugedacht.

Die Optimierung im Sinn der Ausschöpfung aller personaler Ressourcen eines Sportlers wird als Individualisierung bezeichnet (dto.). Gleichzeitig stellt die Differenzierung die höchste Form der Individualisierung dar.

Diese wichtigen Unterscheidungen und Hinweise sind für das moderne Dribbling im Fußball von großer Bedeutung. Daher wollen die Autoren zwar primär eine (weitere) Erhöhung der Qualität der Technik/Taktik und Förderung der Kreativität zum Zwecke der Entwicklung und Neukombination von Dribblings, Finten und Bewegungsverbindungen (z.B. Dribbling und Passen) durch ein entsprechendes individualisiertes Trainieren und Lernen erzielen. Gleichzeitig müssen wir jedoch immer das Ganze (Individuum, Team und Umfeld) im Blick behalten:

Alles hängt mit allem zusammen.

Überdies stellt das Dribbling an sich eine Technik/Taktik dar, die gerade im Training und Wettkampf vom Trainer/Lehrer und Spieler eine sehr hohe Kompetenz hinsichtlich der Förderung und Umsetzung individueller Handlungsweisen erfordert.

Es ist nach Einschätzung der Autoren daher für die Weiterentwicklung des Dribblings im modernen Fußball von besonderer Bedeutung, den Blick auch auf die allgemeinen Voraussetzungen und Möglichkeiten vor Aufnahme einer individualisierten Trainingsgestaltung zu richten.

3.1 Individualisierte Trainings- und Wettkampfgestaltung aus der Sicht der Trainingswissenschaft

Ausgehend von der Leistungsstruktur, beschäftigt sich die Trainingswissenschaft mit den Gegenstandsbereichen des Wettkampfs, der Leistungsfähigkeit und des Trainings und ihrer gegenseitigen Wechselbeziehungen. Hierbei spielt das Training mit seiner Trainingsgestaltung eine besondere Bedeutung für uns Fußballtrainer/-lehrer. Betrachtet man in diesem Zusammenhang die Wirkungsweise von Trainingsmethoden auf die Spieler einer Mannschaft, so kann man aktuell für das Training im Fußball festhalten, dass die Effekte von Trainingsinterventionen auf die Leistungsfähigkeit von Nachwuchsleistungsspielern sehr individuell ausfallen (Bsp. HIT im Fußball). Man spricht in diesem Kontext von individuellen Anpassungsreaktionen auf Trainingsbelastungen, die unterschiedliche Erklärungsansätze zur Grundlage haben (vgl. Hecksteden et al., 2015).

Diese sind bisher leider nur bedingt vorhanden. Geht man einen Schritt weiter, so scheint für die Fußballtrainer/-lehrerschaft die Analyse der Relation von Training und Leistung im Einzelfall von besonderer Bedeutung zu sein (Trainingsinput vs. Leistungsoutput (bestehend aus Leistungsfähigkeit und Wettkampfleistung)). Diese individuelle Wirkungsweise vom Trainingsinput, gerade auf der Zeitachse, wird heute in der Sportwissenschaft mithilfe mathematischer Modelle, informatischer Modelle und neuronaler Netze näher beleuchtet.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass es zukünftig zum Beispiel unter Berücksichtigung antagonistischer Trainingsmodelle intensiver Forschung bedarf, um über die Generierung von Einzelfalldaten gesicherte Aussagen zur individuellen Trainingsgestaltung tätigen zu können. Die Betrachtung des Einzelfalls, statt der bisherigen Testungen, an deren Ende Mittelwerte stehen, die aus normalverteilten Stichproben stammen.

Diese Vorgehensweise ist für den Leistungs- und Hochleistungsfußball von besonderer Bedeutung: Warum gibt es Unterschiede im Einzelfall? Die Beantwortung dieser Fragestellung spielt in der Zukunft für die Leistungsrelevanz einzelner Parameter und die Erstellung individueller Leistungsstrukturmodelle für den ambitionierten Fußballtrainer/-lehrer eine überragende Rolle.

3.2 Individualisierte Trainings- und Wettkampfgestaltung aus der Sicht der Sportmedizin

Für viele Leistungsspieler und -trainer/-lehrer ist es nicht erstrebenswert, dass alle in einer Trainingsgruppe/Mannschaft das Gleiche auf dem Spielfeld und außerhalb von diesem trainieren und lernen. Diese Forderung basiert auf den Erkenntnissen, dass

frühzeitige vs. verspätete Leistungsentwicklungen zu konstatieren sind;

im Spitzenbereich die Individualität häufig den „Unterschied“ im Wettkampfergebnis ausmacht und

gleiche Belastungen zu unterschiedlichen Beanspruchungen führen[9] (Belastung ist nicht gleich Belastung).

Interne Trainingsbelastungen kann man derzeit sehr gut individuell über Messungen der Herzfrequenz, Herzfrequenzvariabilität, Laktatkonzentration, Hormone, Sauerstoffaufnahme, des CK (ein Indikator zur Bestimmung der Muskelbeanspruchung), des Harnstoffs (zur Ermittlung des Energiestoffwechsels), Fragebögen etc., auch in Kombination und unter Berücksichtigung von Biomarkern (beispielsweise Hepcidin), steuern.