Migration und Flucht - Nausikaa Schirilla - ebook

Migration und Flucht ebook

Nausikaa Schirilla

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Opis

Migration ist Gegenstand Sozialer Arbeit, wenn Migrant(inn)en marginalisiert sind und die Gesellschaft auf Anforderungen neuer Vielfalt reagieren muss. Sie findet nicht allein in migrationsspezifischen Sozialen Diensten statt, wie beispielsweise Flüchtlingsdiensten - der Umgang mit Vielfalt und Ausgrenzung ist in allen Bereichen Sozialer Arbeit Thema. Ausgehend von der Darstellung von Migration und Flucht und ihren entsprechenden sozialen Herausforderungen erörtert das Buch migrationsspezifische Handlungsfelder der Sozialen Arbeit und erläutert entsprechende Konzepte und Methoden. Debatten zu Integration, interkultureller Kompetenz und verwandte Ansätze werden in ihrer Relevanz für ein handlungsleitendes Konzept Sozialer Arbeit befragt. Als Querschnittsthemen werden u. a. behandelt: kulturelle Vielfalt in der Gesellschaft, Diskriminierung, interkulturelle und antirassistische Bildungsarbeit, der interkulturelle und interreligiöse Dialog.

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Handlungsfelder Sozialer Arbeit

 

Herausgegeben von

 

Martin BeckerCornelia KricheldorffJürgen Schwab

Nausikaa Schirilla

Migration und Flucht

Orientierungswissen für die Soziale Arbeit

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

 

 

1. Auflage 2016

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-023371-3

E-Book-Formate:

pdf:       ISBN 978-3-17-023919-7

epub:    ISBN 978-3-17-030681-3

mobi:    ISBN 978-3-17-030682-0

 

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

Handlungsfelder Sozialer Arbeit

 

 

 

 

Vorwort der Herausgeber

Der Band »Handlungsfeldorientierung in der Sozialen Arbeit«, erschienen im September 2012, bildet die Einführung für eine Reihe von Einzelveröffentlichungen zu verschiedenen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit. In der einführenden Publikation ist das »Freiburger Modell der Handlungsfeldorientierung« genauer beschrieben, das den folgenden Bänden zu einzelnen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit auch zu Grunde liegt. Dieses curriculare Modell für das Bachelorstudium der Sozialen Arbeit nimmt aktuelle Bedingungen und Entwicklungen in verschiedenen Feldern der Sozialen Arbeit in den Blick und leitet Aktionen und Interventionen fachlich begründet dazu ab. Dargestellt werden mögliche und notwendige Handlungskonzepte und Methoden, die zu Charakteristika von Aufgabenstellungen, Rechtsgrundlagen, staatlichen Programmen, Trägerlandschaften, Situationen und Personen in Handlungsfeldern diskursiv in Bezug gesetzt werden. Daraus ergeben sich Gestaltungs- und Kontexterfordernisse, die einer eher technokratischen Ver- und Anwendung entgegenwirken, die »reiner« Methodenlehre latent innewohnen. Nach Möglichkeit fließen dazu Hinweise auf Evaluation und zu Projekten der Praxisforschung mit ein. Die in der Reihe vorgelegte Systematik eignet sich für die Gestaltung von Studiengängen Sozialer Arbeit und wird an der Katholischen Hochschule Freiburg seit einigen Jahren bereits in der Lehre praktiziert. Dies geschieht vor dem Hintergrund einer stärker ausgeprägten Kompetenzorientierung, die im Zuge des Bologna-Prozesses didaktisch erforderlich ist.

Bei der Breite und hohen Differenzierung, die sich in den einzelnen Handlungsfeldern mit ihren unterschiedlichen Rahmenbedingungen, Aufgaben und Zuständigkeiten ergibt, liegt allen Einzelbänden doch eine gemeinsame Struktur in der Darstellung Sozialer Arbeit zu Grunde. Zunächst wird der Gegenstandsbereich des jeweiligen Handlungsfeldes beschrieben und dessen spezifischer Bezug zur Wissenschaft Sozialer Arbeit hergestellt. Die Wissensgrundlagen des Handlungsfeldes werden unter Berücksichtigung gesellschaftspolitischer wie auch disziplinärer fachlicher Entwicklungen und theoretischer Rahmung aufgezeigt und in einen fachlichen Diskurs eingebunden. Interventionsformen des Handlungsfeldes werden auf der Basis professionsspezifischer Handlungskonzepte und Methoden erläutert. Für die Soziale Arbeit wichtig und geradezu konstituierend sind multidisziplinäre Perspektiven auf Handlungsfelder und soziale Probleme, die in den Beiträgen nicht fehlen dürfen. An praxisnahen Fragestellungen und ausgewählten Situations- oder Falldarstellungen werden soziale Probleme und Ansätze der Bearbeitung modellhaft erschlossen, ohne in die Falle enger, einfacher und scheinbar eindeutiger Lösungsmuster und Rezepte zu tappen. Am Ende jedes Kapitels stehen eine kurze Zusammenfassung oder auch Aufgabenstellung sowie weiterführende Literaturempfehlungen.

Ein wesentlicher Anspruch dieser Publikationsreihe ist es, einen Überblick zu aktuellen Entwicklungen in unterschiedlichen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit zu geben und damit einerseits den Gemeinsamkeiten – etwa in grundlegenden Modellen, Orientierungen und Fragen der professionellen Entwicklung – und andererseits den Unterschieden – etwa in den historischen und aktuellen Prozessen – im Sinne eines besseren Verständnisses nachzugehen. Damit kann jeder Band dieser Reihe zu einer Orientierungshilfe im Studium wie im Berufsfeld der Sozialen Arbeit werden, einer Art von Karte oder Wegweiser für die individuellen Richtungsentscheidungen. Je nach dem Vorwissen, der Wahl und dem Zugang des interessierten Lesers kann an einem Handlungsfeld eine vertiefende exemplarische Auseinandersetzung erfolgen. Für Berufsein- oder UmsteigerInnen bietet jeder Band eine fundierte und nützliche Einführung in ein neues Handlungsfeld und kann dort zur Orientierung beitragen. Für alle PraktikerInnen dürfte sich diese Reihe als eine hilfreiche Anleitung zur Reflexion der eigenen Alltagsroutinen und damit zur Weiterentwicklung ihrer Praxis und den Vor-Ort-Konzepten eignen. Die Vergewisserung über und die Entwicklung bzw. Umsetzung von Konzepten und Methoden unter dem aktuellen beruflichen Handlungs- und Veränderungsdruck stellt sicher keine leichte Herausforderung für die Organisationen, die Träger, ihre Mitarbeiter und Teams dar. Eine fachliche Unterstützung, auch in dieser Form der Reihe und auf unterschiedlichen Ebenen, hat sie in jedem Fall verdient.

Martin Becker, Cornelia Kricheldorff und Jürgen E. Schwab

Inhaltsverzeichnis

 

 

 

 

Handlungsfelder Sozialer Arbeit. Vorwort der Herausgeber

Einleitung

I Gegenstandsbereich des Handlungsfeldes Migration und Soziale Arbeit: Einwanderungsland Deutschland

1 Migration nach Deutschland – Allgemeine Grundlagen

1.1 Zugänge und Begriffe

1.2 Phasen der Migration

1.3 Flucht und Asyl

1.4 Aktuelle europäische Migration

1.5 Rechtliches

2 Soziale Situation von Migrant(inn)en in Deutschland

2.1 Arbeit und Einkommenssituation

2.2 Wohnen

2.3 Gesundheit

2.4 Bildung

2.5 Zugang zu Diensten im Sozial- und Gesundheitsbereich

2.6 Soziokulturelle Aspekte

3 Politik und Gesellschaft

3.1 Migration und Diskriminierung

3.2 Migration und Integration

3.3 Migration und gender

II Entwicklung des Handlungsfeldes

4 Geschichte des Handlungsfeldes

4.1 Exkurs in die Geschichte der Sozialen Arbeit

4.2 Ausländersozialdienste

4.3 Migrations(fach)dienste

4.4 Diversität

5 Entwicklung des Handlungsfeldes – Theoretische Zugänge

5.1 Fremdheit und Kultur

5.2 Migration und Kultur

5.3 Die Multikulturalismus-Debatte

5.4 Migration und demokratische Rechte

5.5 Vielfältige Identitäten und Zugehörigkeiten

III Interventionsformen – Soziale Arbeit und Migration

6 Migration als Herausforderung für Soziale Arbeit

7 Migration und Soziale Arbeit als Herausforderung für die Gesamtgesellschaft

7.1 Rassismuskritische Bildung

7.2 Interkulturelle Bildung und interkulturelles Lernen

7.3 Diversitätsbewusste Soziale Arbeit und Antidiskriminierung

7.4 Menschenrechtsansatz und Menschenrechtspädagogik

8 Migrationsspezifische Interventionsformen

8.1 Migrationsberatung und Migrationsdienste

8.2 Jugendmigrationsdienste

8.3 Flüchtlings-Sozialarbeit/Flüchtlings-Sozialdienste

8.4 Der besondere Fall: Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

8.5 Arbeit mit Illegalisierten

9 Interkulturelle Öffnung und Diversity in Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit

9.1 Interkulturelle Öffnung

9.2 Interkulturelle Kompetenz

9.3 Interkulturelle Öffnung in ausgewählten Handlungsfeldern: Das Beispiel Sucht

9.4 Interkulturelle Öffnung der Altenhilfe

9.5 Migration und Behinderung

9.6 Rückblick auf Methoden und Konzepte

9.7 Diversity Management

IV Aktuelle fachliche Entwicklungen

10 Ehrenamt und Bürgerschaftliches Engagement

11 Migration und Inklusion

12 Migration als Herausforderung für Kommune und Quartier

V Handlungsfeldspezifische Anschlussstellen zur Sozialarbeitswissenschaft

13 Differenz und Gouvernementalität

14 Transnationale Perspektiven Sozialer Arbeit

14.1 Transnationalität

14.2 Migration und soziale Entwicklung

14.3 Transnationale Mutterschaft

VI Ausblick: Ethische Perspektiven des Handlungsfeldes

15 Ethik

Literaturverzeichnis

Einleitung

 

 

 

Dieser Band versucht eine Quadratur des Kreises. Migration als Handlungsfeld der Sozialen Arbeit zu beschreiben ist kein einfaches Unterfangen, denn Soziale Arbeit reagiert auf soziale Probleme und Migration stellt kein soziales Problem dar. Migration ist eher ein Versuch, soziale Probleme zu lösen. Migration kann als ein Querschnittsthema in der Sozialen Arbeit begriffen werden, aber ein Querschnittsthema wäre dann nicht als eigenes Handlungsfeld zu beschreiben. In Literatur und Forschung sind ausgesprochen konträre Positionen zu dieser Frage zu finden, es wird auch die Meinung vertreten, Migration stelle kein Handlungsfeld der Sozialen Arbeit dar. Andere bezeichnen es mit völlig unterschiedlichen Begriffen als Handlungsfeld: interkulturelle Soziale Arbeit, Migrationssozialarbeit, Migrationspädagogik, Soziale Arbeit in der Einwanderungsgesellschaft, Diversity. Es gibt weder einen gemeinsamen Namen noch verbindliche Methoden noch einheitliche gesetzliche Grundlagen eines Handlungsfeldes Migration.

Dennoch wird Migration immer wichtiger für die Soziale Arbeit, gerade angesichts der aktuell gestiegenen Flüchtlingszuwanderung. Menschen migrieren, um sich und ihre Familien vor Verfolgung und Bürgerkrieg zu schützen, um diskriminierenden und spannungsreichen Situationen zu entrinnen und um sich und ihren Familien sozialen Aufstieg, mehr Bildung und eine bessere Zukunft zu sichern. Soziale Arbeit zielt darauf ab, auf der Basis der Menschenrechte und Vorstellungen sozialer Gerechtigkeit zur Lösung sozialer Probleme beizutragen und die Lebens- und Gestaltungsmöglichkeiten von Menschen zu verbessern.

Migration stellt eine dauerhafte Verlagerung des Wohnorts von Menschen in ein anderes Land dar. Es sind eher die Folgen der Migration und insbesondere die Reaktionsformen der Einwanderungsländer, die eine Herausforderung für Soziale Arbeit darstellen. Migranten und Migrantinnen sind aber auch Gegenstand Sozialer Arbeit, wenn sie benachteiligt sind, marginalisiert oder diskriminiert werden. Die Gründe, weshalb es zu dieser Marginalisierung kommt, sind vielfältig; sie haben mit der Dynamik von Migrationsbewegungen, mit sozioökonomischen Entwicklungen in den Einwanderungsgesellschaften und aber auch mit strukturellen Verankerungen von Rassismus zu tun. Migration und Soziale Arbeit muss daher die Perspektive der Einwanderungsländer – in unserem Fall Deutschland – wie auch die Perspektive der verschiedenen Gruppen von Migrant(inn)en umfassen. Und wenn Europa aktuell seine Außengrenzen eher abschottet, muss im Sinne sozialer oder internationaler Gerechtigkeit auch ein Blick darauf geworfen werden, was an den Grenzen Europas geschieht.

Im Folgenden soll der Versuch unternommen werden, eine umfassende Einführung in Migration als Handlungsfeld für die Soziale Arbeit zu leisten und verschiedene Blickwinkel, Ansätze und Konzepte darzustellen. Dabei ist die Auswahl der verschiedenen Konzepte und Ansätze von dem Bestreben geleitet, folgende Aspekte mit einzubeziehen:

•  aktuelle Diskurse um Migration und Soziale Arbeit

•  Anforderungen und Erfahrungen der Fachpraxis

•  aktuelle gesetzlich bzw. politisch geforderte Interventionsformen

•  die Selbstartikulationen von Migrantengruppen

•  die Interessen und Erfahrungen der Verfasserin

Daher ist die diese Einführung in Migration als Handlungsfeld für die Soziale Arbeit folgendermaßen aufgebaut: In Teil I wird der Gegenstandsbereich des Handlungsfeldes, Deutschland als Einwanderungsland, beschrieben. Dies umfasst eine kurze Geschichte der Zuwanderung in die Bundesrepublik und damit eine Darstellung der verschiedenen Migrantengruppen und Hinweise auf den rechtlichen Status der erwähnten Gruppen. In einem weiteren Schritt werden soziale Problemlagen und Migration beschrieben – es geht um Migration und soziale Benachteiligung, Arbeit und Ausbildung, Wohnen und Bildung. Dem schließt sich ein Teil zu Fragen von Diskriminierung und Rassismus an. Anschließend werden grundlegende Begriffe wie Integration und Assimilation diskutiert.

In Teil II wird die Entwicklung des Handlungsfeldes Migration beschrieben. Ein Blick auf die geschichtliche Entwicklung des Handlungsfeldes zeigt andere Handlungslogiken und Problembeschreibungen, denn in den 60er Jahren waren die Ausländersozialdienste und Ausländerpädagogik die wichtigsten Interventionsformen. Der darauf einsetzende Paradigmenwechsel zu Migrationsdiensten und interkulturellem Lernen wie der Ansatz der interkulturellen Öffnung ist für einige wiederum Geschichte, da für sie Antirassismusarbeit und Diversity aktuelle Paradigmen darstellen.

Nun hängt aber eine Beschreibung des Handlungsfeldes »Soziale Arbeit mit Migrantinnen und Migranten« sehr stark von paradigmatischen Grundannahmen und Setzungen ab, daher müssen die unterschiedlichen theoretischen Konzeptionen und Zugänge dargestellt werden, die sich treffen, teilweise überschneiden oder auch diametral entgegenstehen. Während einige Autorinnen interkulturelle Soziale Arbeit als angemessene Reaktion auf Migration begreifen, kritisieren andere die mit diesem Konzept einhergehende Kulturalisierung sozialer Probleme bzw. die Reproduktion von Minderheitenkonstruktionen und fordern eher eine generelle Differenzsensibilität Sozialer Arbeit.

Die Verfasserin dieser Einführung hängt keiner dieser Richtungen explizit an und wird daher in Folge der Entfaltung des Handlungsfeldes einen Mix der verschiedenen Ansätze darstellen. Daher werden in Teil III die verschiedenen Interventionsformen Sozialer Arbeit in dem Handlungsfeld Migration entfaltet und mit einigen Fallbeispielen erläutert. In einem ersten Kapitel (Kap. 7) wird es um Migration als Herausforderung für die Mehrheitsgesellschaft gehen, also bspw. um antirassistische und interkulturelle Bildungsarbeit und interkulturellen Dialog. Das zweite Kapitel (Kap. 8) widmet sich den migrationsspezifischen Interventionsformen in der Sozialen Arbeit, vor allem der Migrationsberatung und den Migrationsdiensten bzw. der Flüchtlingsarbeit. Kapitel 9 blickt auf die Regeldienste im Sozial- und Gesundheitsbereich, und zwar aus der Perspektive von Migration. So geht dieser Teil ausführlich auf die aktuellen Ansätze interkultureller Öffnung ein, erläutert diese sowie aktuelle Konzepte interkultureller Kompetenzen. Die Ansätze interkultureller Öffnung werden in exemplarischen Handlungsfeldern beschrieben, wie bspw. Sucht und Altenhilfe. Eine Darstellung der Konzeption von Diversity und der Ansätze des Diversity-Managements bilden den Abschluss dieses Kapitels.

In Teil IV werden aktuelle fachliche Debatten der Sozialen Arbeit aufgegriffen und auf Migration bezogen – hier geht es um Ehrenamt, Inklusion und um Ressourcenorientierung am Beispiel kommunaler Integrationskonzepte. Weiterhin wird gefragt, welche Debatten aus dem Handlungsfeld anschlussfähig sind für sozialarbeitswissenschaftliche Theoriebildung, daher werden in Teil V der Begriff der Gouvernementalität für die Integrationskritik und vor allem das Konzept des Transnationalismus dargestellt und auf verschiedene Themen bezogen. Abschließend werden Teil VI aus ethischen Debatten zu Migration Perspektiven für die Ethik Sozialer Arbeit eröffnet.

Dieser Band stellt eine Einführung in das Handlungsfeld dar und enthält daher sicher für viele Lesende Informationen, die nicht neu sind. Zugleich wird versucht, Anschluss an die theoretische Entwicklung zu finden und an Debatten in der Literatur und Migrationsforschung anzuknüpfen. Sozialarbeitswissenschaft wird hier als eine transdisziplinäre Wissenschaft begriffen (vgl. Wendt 1997). Aus diesem Grunde werden hier nicht Forschungsergebnisse oder theoretische Ansätze einzelner Wissenschaftsdisziplinen dargestellt, sondern je nach Fragestellung unterschiedliche Ansätze der verschiedenen Bezugswissenschaften der Sozialen Arbeit rezipiert. Die Dichte und das theoretische Niveau der einzelnen Kapitel sind daher sehr unterschiedlich. Es wird hier der Anspruch verfolgt, einen Überblick über das Handlungsfeld zu geben, dieser wird mit der Literatur und Beispielen aus der Forschung belegt – aber in diesem einführenden Werk kann keine umfassende Literaturübersicht gegeben werden, daher sind die Literaturangaben als Beispiele zu verstehen.

In alle Kapitel sind Fallbeispiele integriert: Sie sollen Lebenswelten näherbringen, Praxisbezüge darstellen und zur Diskussion einladen. Die Fallbeispiele beruhen auf den Erfahrungen der Autorin in Forschung und in ihrer außerakademischen Arbeit. Sie beruhen alle auf wahren Geschichten, sind jedoch so verändert und komponiert, dass sie wiederum nicht wahre Geschichten darstellen. Am Abschluss jedes Kapitels sind eine kurze Zusammenfassung und Tipps zur weiteren einführenden Lektüre sowie auch Prosaliteratur und Verweise auf Projekte oder Kampagnen zu finden. Eine ausführliche Literaturliste rundet den Band ab.

 

 

 

I          Gegenstandsbereich des Handlungsfeldes Migration und Soziale Arbeit: Einwanderungsland Deutschland

1          Migration nach Deutschland – Allgemeine Grundlagen

1.1        Zugänge und Begriffe

Im Mai 2014 wurde eine Studie der OECD veröffentlicht, der zufolge Deutschland nach den USA zum Zuwanderungsland Nr. 2 der Welt geworden ist. Im Jahre 2012 migrierten über 400.000 Personen nach Deutschland, die meisten von ihnen aus Mittel-, Ost- und Südeuropa. Die Mehrheit dieser Migrant(inn)en sind junge qualifizierte Fachkräfte, die schnell in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden (vgl. http://www.oecd.org/berlin/Is-migration-really-increasing.pdf, Zugriff 1.7.2014).

Die EU-Freizügigkeit ermöglicht eine neue Bewegungsfreiheit. Aufgrund der Arbeitnehmerfreizügigkeit und der ökonomischen und politischen Krisen in den Ländern des östlichen und des südlichen Europa entstehen neue Formen der Migration. Vor über fünfzig Jahren wurden Frauen und Männer aus dem südlichen Europa von deutschen Firmen gezielt angeworben und ausgewählt. Sie kamen nach Deutschland, um hier in groß- und mittelständischen Fabriken in der Produktion, in der Landwirtschaft und in Handwerksbetrieben zu arbeiten. Heute kommen bspw. Mütter oder Großmütter mit akademischem Abschluss alle zwei Monate aus Polen oder Rumänien, um in Deutschland ältere pflegebedürftige Menschen im Privathaushalt zu versorgen. Junge Ärzt(inn)e(n) oder Krankenschwestern werden in Ungarn direkt nach dem Examen für eine Arbeit in Deutschland angeworben; jugendliche Italiener(innen) werden vom badischen Handwerker in Italien über ein speed dating als Auszubildende gesucht, und Saisonarbeiter(innen) aus dem östlichen Europa verkaufen auf deutschen Märkten den von ihnen geernteten Spargel.

Dies sind nur einige Beispiele für vergangenes und aktuelles Migrationsgeschehen. Migration nach Deutschland ist keine neue Erscheinung, sie nimmt nur immer wieder neue Formen an. Migration ist so alt wie die Menschengeschichte selbst, Klaus J. Bade spricht vom »homo migrans« und hat den Begriff »Normalfall Migration« geprägt (vgl. Bade 2004, Oltmer 2010)

Mit Migration wird hier die dauerhafte Verlagerung des Lebensmittelpunktes von Individuen, Familien oder sozialen Gruppen an einen anderen Ort bezeichnet (ebd.). Migration kann auch als Binnenwanderung oder Binnenvertreibung geschehen, was häufiger passiert. Migrationsforschung und internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen definieren Migration in der Regel aber als dauerhaften Ortswechsel in ein anderes Land. Nach einem Bericht der Vereinten Nationen lebten im Jahre 2013 insgesamt ca. 232 Millionen Menschen im Ausland, dies entspricht 3,2% der Weltbevölkerung (United Nations 2013).

Migration kann begriffen werden als Aspekt der Anpassung der Menschen an die Bedingungen der Umwelt, der Gesellschaft, Politik oder Ökonomie und kann daher unterschiedliche Motive beinhalten (vgl. Oltmer 2010). Migration kann der Verbesserung der Lebensumstände und Wahrnehmung neuer Chancen dienen, wie bspw. Arbeitsmigration. Migration kann aber auch aufgrund von Zwang erfolgen, wie bspw. Flucht. Als Umweltmigration kann sie eine Reaktion auf Krisen darstellen, sie kann dem Erwerb weiterer Bildung und neuer Qualifikationen dienen (Studienmigration) oder auf dem Entwicklungs- und Entfaltungsinteresse von Personen beruhen. Oft sind verschiedene Motive miteinander verbunden. Aktuell ist in der Bundesrepublik eine Gleichzeitigkeit verschiedener Migrationsbewegungen mit unterschiedlichen Ursachen zu beobachten, wie bspw. eine aktive Arbeitsmigration aus EU Ländern und ein Ansteigen der Flüchtlingszahlen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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