Meine Epoche Ost - Kalman Kirchner - ebook

Meine Epoche Ost ebook

Kalman Kirchner

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Opis

Ost-Sex, Ost-Drugs & Ost-Rock ’n’ Roll - wie lief das im Tal der Ahnungslosen? Wen oder was konnte man mit einer »Tschechenfalle« fangen? Was hatte die NVA mit UFOs und »AWACS« zu tun? Warum hatte »Fischlstechen« nichts mit Fischen gemein? Wieso konnte man als DDR-Bürger ungestraft die westdeutsche Botschaft in Prag besuchen? Wie schaffte man eine (fast) entspannte Republikflucht? Antworten dazu sowie viele weitere aufregende, lustige und unglaubliche Ereignisse stehen hier in diesem Buch, wahre Geschichten aus meinem Leben im Osten des damals getrennten Deutschlands.

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Kalman Kirchner

MEINE EPOCHE OST

Eine autobiografische Erzählung

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2016

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Gestaltung: Maria Müller

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Prolog

Zurück zu den Wurzeln

„Maguela“ und beim Frisör

Ab jetzt zu mir

Der Staat – seine Organe und ich – Teil 1

Mohn – kann man davon einen Rausch bekommen?

Im Paradies

Die Sammler

Haus und Hof

Der Tierhalter – Teil 1

Warum rasiert man einen Knödel? Oder: mein anderer Opa

Der Tierhalter – Teil 2

Der Ministrant

Tabak

Fische fangen

Tuten, Kuba und Mosis

Sex mit sechs

Der Staat – seine Organe und ich – Teil 2

Die Schulzeit

Der Staat – seine Organe und ich – Teil 3

Die schönste Zeit im Jahr

Bauen, anbauen, umbauen

Kann man glühend heißes Eisen anfassen?

Session

Die Penne

Ferienarbeit

Kein Moped – kein Spaß?

Man nannte ihn Jack

Er tat, als ob er dösen wolle

„Schmirzeln“

Karneval

Der Leihwagen

Westbesuch

Wo verlaufen die Grenzen zwischen Blödheit und Schwachsinn?

Rock und Pop und Blues und Rock Jazz und, und, und

Ich muss zur Fahne

UFO

Politunterricht – und was wir sonst so trieben

AWACS

Gefechtsalaaaaarm!

Die Russen

Lange Tage bei der NVA

Fischlstechen

Geschafft!

Prag

Entlassungsfeier

Studieren

Discomucke

Wie erobert man seine Traumfrau

Der verwunschene Wolf

Ein Ausflug

DR – Deutsche Reichsbahn

Fleißig, fleißig

Sommer in Ungarn

Jesuslatschen – streng verboten!

Frob

Reservist der NVA! Noch mal der ganze Scheiß?

Männertag

Zwickau – Glauchau – Leningrad – Riga – Tallinn

Auf zum 7. Semester

RoBuR und andere Krankheiten

Akademischer Grad im VEB

Der „technische“ Hahn im Korb

Das Ende der Geduld

Abhauen!

Mein Tag „X“

Willkommen in der Freiheit

Wiener Schnitzel

Kaiserstraße

Aus die Maus

Perspektiven

Begriffserklärungen

VORWORT

Meine Aufzeichnungen sind all denen gewidmet, die mit diesem darin abgehandelten Zeitraum etwas anfangen können. Und denen, die sich daran erinnern möchten, denen, die neugierig auf solche Zeitgeschichten sind, Episoden aus einem Staat, den es nicht mehr gibt. Denen, die es sich nicht vorstellen können oder wollen, wie manches im „anderen“ Teil Deutschlands ablief. Verfasst auch für all diejenigen, die das mit mir auszuhalten hatten – allen Mitmenschen aus meinem direkten Umfeld: Danke!

Besonderer Dank geht an die hilfsbereiten Österreicher aus dem idyllischen Burgenland, die uns herzlich empfingen und sich fürsorglich um uns kümmerten, als wir deren Boden ungefragt betraten. Danke an alle Menschen in Ungarn und Franken, die mit involviert waren und es uns dadurch leichter möglich gemacht hatten, den unwiderruflichen Schritt in eine andere Richtung zu wagen. Expliziter Dank an die erlesene Weiblichkeit, die mir die ganz speziellen Momente bis dahin versüßte. Und danke, Petra K. aus M., denn du sagtest zu mir: „Das musst du doch aufschreiben!“

PROLOG

Das waren siebenundzwanzig Jahre in dem deutschen Teil, der gar nicht mehr zu Deutschland dazugehören sollte, wäre es nach dem Willen der seinerzeit Regierenden gegangen. Dass es denen letztendlich nicht mit der totalen Abspaltung gelang, bezeugt die jüngere Geschichte. Nicht selten spielt das Leben halt anders, als man es sich in seiner kühnsten Fantasie ausmalen kann.

Etwa ein viertel Jahrhundert geht in so einem Staatsgebilde nicht spurlos vorüber und hinterlässt eine spezielle Prägung seiner Bürger. Nicht unbedingt negativ, nein, nur etwas anders im Vergleich zu den „restlichen“ deutschsprachigen Strukturen. So war es auch bei mir. Schließlich konnte ich mir es nicht aussuchen, wo hinein ich geboren wurde, wie und wo ich aufwachsen werde!

Ich glaube, ein Kind kommt mit den unterschiedlichsten Milieus und Gesellschaftsformen viel eher zurecht als ein Erwachsener. Mal abgesehen von extremen Formen, so weit war es größtenteils nicht. Wenn man irgendwo hineingeboren wird und mit diesen Gegebenheiten aufwachsen muss, spielt es nicht die primäre Rolle, viel zu besitzen. Das Schönste für ein Kind ist es, glücklich sein zu dürfen, egal wo. Und Glück hängt nicht von finanziellem Reichtum ab.

Mein Dasein war nie von irgendeiner Art „Überlebenskampf“ oder empfundenen Mangelerscheinungen geprägt. Zudem gab es ja in der Zeit meiner Kindheit auch kein starkes soziales Gefälle: Ob Lehrer, Arbeiter, Zahnarzt, die Lohntüten oder Gehälter unterschieden sich zwar schon etwas voneinander, aber bei Weitem nicht so stark wie in den späteren Jahren.

So wuchs ich in einer für ostdeutsche Verhältnisse recht gut situierten Familie auf. Es war ein elterlicher Mix aus Intelligenz (unter dieser staatlicherseits geprägten Rubrik wurden die Pädagogen eingestuft: meine Mutter) und sogenannter Arbeiterklasse (der Vater, ein Werkzeugmacher). Später kam mein Schwesterchen dazu. Somit waren wir vollzählig.

Wir lebten zusammen mit meinen Großeltern mütterlicherseits in einem eigenen Haus in einer typischen Kleinstadt mit viereinhalbtausend Einwohnern in einem Teil im „Tal der Ahnungslosen“ – wie es sprichwörtlich bezeichnet wurde. Denn meine Landsleute dort dürften mit zu den „ahnungslosesten“ überhaupt gezählt haben, wenn man das auf den Empfang westlicher Medien bezieht. Doch dazu später mehr.

Ich hatte für mein Befinden wirklich eine unbeschwerte und glückliche Kindheit. Es waren eher die Ärgernisse, die stetig größer werdenden Engpässe, die indirekte oder direkte Bevormundung und wachsende Beschränkungen, die mit zunehmendem Alter zunächst nur nervten, dann störten, später mehr zum „anarchischen Verhalten“ meinerseits und auch weiterer Teile der „ahnungslosen“ Bevölkerung führten.

Die Mehrzahl der Bürger ahnte es und war davon überzeugt, dass das Experiment einer sozialistischen Gesellschaft früher oder später scheitern würde, falls es weiter so bergab ginge. Nur vorstellen konnte man es sich nicht wirklich.

Klar, es gab und gibt immer Mitmenschen, die jede Gesellschaftsform so egoistisch wie möglich für sich ausnutzen können und dabei in Kauf nehmen, dass andere benachteiligt oder geschädigt werden. Dieses Verhalten war sicher besonders prägend im Handeln der Führungsriege in Ostberlin, die mit ihren Untergebenen, „ihrem“ Volk, lange genug herumexperimentierten. Despoten vergangener Jahrhunderte hätten das nicht besser hinbekommen.

Was konnte man denn tun? Den Kopf in den Sand stecken, alles schlucken, egal was kommt, schön brav mitlaufen oder gleich resignieren? Oder so aufmüpfig sein, um mit Knast belohnt zu werden? Beides waren keine Intentionen für mich und eine Zwischenlösung konnte ich mir auf längere Frist nicht vorstellen. Für mich gab es irgendwann einfach keine Perspektiven mehr innerhalb der Grenzen dieses „Experiments“. Es war nicht „das Meine“ und alles hat eben sein Limit. Und 1989 war es dann so weit.

Was bis zu diesem, für mich historischen Wendepunkt alles Witziges, Lustiges, Nachdenkliches und Seltsames geschah und publizierbar ist, wird hier aufgeschrieben. Klar gab es auch Trauriges. Einer der bewegendsten Momente war, als 1980 meine liebe Oma starb.

Ich habe einen Teil an Tatsachen aufgeführt, „meine“ Wahrheiten und Erlebnisse, die ich der geneigten Leserschaft zumuten will. Nein, es sind keine Märchen. Es sind Episoden, meine Erinnerungen. Auch keine Autobiografie, ich bin ja kein Prominenter. Viele haben sicher Ähnliches erlebt, es nur nicht zu Papier gebracht. Obwohl: Ein paar Unikate dürften schon dabei sein. Freunde, die manche der Storys kennen, nervten mich oft: „Das musst du aufschreiben!“

Na gut, also fing ich damit an, mir irgendwann Notizen zu machen und nach mehr als achtzehn Jahren „geistiger Sammlung“ liegt das gereifte Resultat nun vor: Meine „Epoche Ost“. Geschichten, wie sie sich in meinem Alltag abspielten, ungeschönt, einfach drauf zugeschrieben. Selbst die meisten Namen sind real. Nur einige davon habe ich bewusst geändert, es ist ja nicht meine Absicht, jemanden zu verärgern. Bis auf wenige gewollte Ausnahmen sollte sich auch niemand beleidigt fühlen, oder?

Und wenn schon! Was soll’s. Auch nicht schlimm …

Es war also wirklich einmal und – vor noch gar nicht so ewig langer Zeit.

ZURÜCK ZU DEN WURZELN

Die Quelle meiner Vorfahren (sozusagen die genetischen Wurzeln meines Ursprungs) lag außerhalb der Grenzen Nachkriegsdeutschlands. Germanen gab es fast überall auf der Welt, ohne tiefgründiger in das „Warum“ einzutauchen. Sie tummelten sich mal mehr, mal weniger friedlich seit Jahrhunderten in den verschiedensten Regionen. Abgesehen von den Potentaten, die in kriegerischer Absicht auftraten, wie während der Zeit, als ein geisteskranker (An-)Führer oberösterreichischer Herkunft die Deutschen in der ganzen Welt über tausend Jahre dauernd ansiedeln wollte.

Die, auf die ich mich hier beziehe, waren ein friedliches Völkchen. Jede der unter diesem Volksstamm lebenden Grüppchen entwickelte ihre individuellen Besonderheiten, Eigenarten und Dialekte.

Eine dieser, eine ganz besondere Fraktion, war mit Sicherheit die, die sich vor zig Jahrzehnten oder Jahrhunderten – wer weiß das schon genau – in den (nach 1945 wieder neugegründeten) ungarischen Landen niederließen. Davon galten als besonders speziell diejenigen, die in dem nördlich vom Balaton liegenden Gebiet um Veszprém und Zirc (sprich: „Wesbrehm“ und „Sierz“) herum siedelten. Hier ist auch der Ursprung meiner Vorfahren zu finden.

Ein überwiegender Teil derer stammte aus Rossbrunn (auf Ungarisch: Lókút), einem Dorf mit „Weltgeltung“. Muss wohl so gewesen sein, heute kann man per Google Street View dort durchfahren. Die Mehrzahl der Einwohner waren Deutsche. Die Umgangs- und Amtssprache im Ort war Deutsch. Ungarisch lernte man als Fremdsprache in der Dorfschule.

Einige wenige Nachfahren jener findet man noch heute dort. Einer davon hat es später in den USA sogar zum Millionär geschafft, angeblich gar nicht so weit entfernt von meinem Stammbaum. Es waren also nicht gerade die dümmsten.

Rossbrunn bestand aus einem Oberdorf und einem Unterdorf (aus diesem Tatbestand, den zwei Ortsteilen, entstand ein eigenes Lied, dessen Inhalt hier aufzuführen das Niveau dieses Textes zu weit absenken würde). Malerisch umgeben von Feldern und Wald, Wiesen und Wald und Feldern und einem Tümpel und Wald und Wald und – was weiß ich.

Dort gab es alles, was man (seinerzeit) zum Leben brauchte: einen Kindergarten, eine Schule, eine katholische Kirche, direkt gegenüber lag eines der drei Wirtshäuser inklusive Frisör, einen Friedhof hinter dem Gotteshaus, zwei Geschäfte, eine Schmiede, eine Tischlerei, ein paar weitere Handwerker und eine dorfeigene Feuerwehr. Und ringsherum erstreckten sich die Ländereien der Klein- und Großbauern.

Versorgt wurde sich größtenteils autark. Es gab alles Mögliche an Getier, was man so benötigte. Schnaps stellten die meisten selber her. Man lebte für damalige Verhältnisse so weit ganz gut und ungestört in Rossbrunn.

Und: Man feierte, was man feiern konnte. Heiratete jemand, war das gesamte Dorf eingeladen. Die Hochzeitsfeier verlief über volle drei Tage, von Freitag bis Sonntag. Heiratete gerade mal keiner, gab es genügend kirchliche Feiertage und weitere wichtige Anlässe.

Natürlich gingen die beiden Weltkriege nicht spurlos an Rossbrunn vorbei. Die dortigen Machthaber selber waren stets eifrig dabei, an der Seite der Deutschen mitzumarschieren. Im Ergebnis des Zweiten Weltkrieges, dessen Ausgang bekannt ist, durften sich diejenigen, die unter dem ungarischen Hitlerfreund Horthy direkt oder indirekt den ganzen Scheiß mitgemacht hatten, und diejenigen, die der Abstammung nach Deutsche waren, aus ihrer geliebten Heimat für immer verabschieden. Eine Racheaktion des von den Sowjet-Russen besetzten und überwachten neuen Ungarns, nun nicht mehr zur zerbrochenen österreichisch-ungarischen Monarchie gehörend.

Januar 1948. In einer Nacht- und Nebelaktion wurden alle Deutschstämmigen, die bis dato noch nicht selbst aus Angst vor den Russen oder vor Vergeltungsmaßnahmen geflüchtet waren, aufgefordert, Haus und Hof unverzüglich zu verlassen. Zu der Räumungsaktion rückten die russisch kontrollierten ungarischen Nachkriegskommunisten an. Alles wurde besetzt und beschlagnahmt. Mit dem, was sie am Leib hatten und auf einen Pferdewagen verfrachten konnten, wurden sie nach Zirc gebracht, dort in einen Güterzug verfrachtet und nach Deutschland verschickt.

Die Häuser, Gehöfte und Ländereien wurden entschädigungslos enteignet und unter den Neu-Ungarn verteilt. Das Gehöft meiner Großeltern mütterlicherseits ist aufgrund der nun folgenden rein-ungarischen „Pflege“ später völlig zerfallen.

Nur ein paar wenige Einwohner ohne Vermögen, die mit einer Ungarin oder einem Ungarn verheiratet waren oder deren ungarischen Namen angenommen hatten, durften bleiben. Die besser situierten Deutschstämmigen verloren urplötzlich alles.

Einige andere hatten sich bereits rechtzeitig vor dem Einmarsch der Rotarmisten aus dem Staub gemacht und sind direkt in den amerikanisch besetzten Teil Deutschlands abgewandert. Das waren letztendlich – in einer die Tatsachen verdrehenden und die Geschichte verfälschenden Weise – diejenigen, die nach 1989 von den Ungarn als die wahren „Vertriebenen“ gleichsam angehimmelt wurden. Diese waren im (später reichen) Westen Deutschlands gelandet und wohl was ganz Besonderes.

Erste Station eines der Sonderzüge in dem in vier Besatzungszonen unterteilten Deutschland war ein Auffanglager in Pirna an der Elbe im schönen Elbsandsteingebirge. „Ostzone“, zu den Russen – wieder! Oh Gott! Ein anderer Teil hatte mehr Glück, kam gleich direkt nach Passau.

Von diesen beiden Ausgangspunkten trennten sich die Bande der Vertriebenen: Die eine Gruppe wurde in Bayern sesshaft, wo schon die vorher freiwillig Ausgereisten lebten, der meinige war in Sachsen angelandet, letztendlich in der Oberlausitz.

Nach kurzen, aber wirkungsvollen Reibereien mit den alteingesessenen sächsischen „Platzhirschen“ verschafften sich die Neuankömmlinge schnell Respekt und Achtung. Dabei flogen auch schon mal die Fäuste. Eine Ohrfeige aus der Hand eines meiner Onkel konnte da durchaus einen gebrochenen Unterkiefer zur Folge haben. So viel dazu. Wie gesagt: Es waren zum Teil recht wirkungsvolle Auseinandersetzungen.

Seit dieser Zeit leben sie nun in großer Zahl, Familie, Verwandte und Bekannte, friedlich zusammen mit den Sachsen, mit den ebenfalls nach Kriegsende ausgesiedelten Schlesiern und mit denen, die noch so alle vertrieben wurden und in der landschaftlich idyllischen Oberlausitz dann eine neue Heimat fanden.

Die Mehrzahl der Ungarndeutschen hatte es binnen weniger Jahre erneut zu einem eigenen Haus gebracht und arrangierte sich nun mit dem gegebenen Umstand, dass sie nie mehr in ihre alte Heimat zurückkehren würden. War ja alles weg, wohin also? Wohl oder übel – sie blieben da.

„MAGUELA“ UND BEIM FRISÖR

Viel Neumodisches gab es für die Ankömmlinge in Sachsen zu erkunden. Wenn man vom Dorf in eine kleine Stadt kommt, hat das ein anderes Flair. Es gab im direkten Vergleich zu Rossbrunn erheblich mehr: zwei Kirchen, zwei Schulen, zwei Marktplätze mit zahlreichen Geschäften, mehrere Bäckereien und diverse Fleischer, wenigstens sechs größere Betriebe, eine Reihe an Gasthäusern und Bierstuben, Frisöre, die Polizeistation und, und, und … Sogar einen Entblößer, allerdings erst etwas später, zu meiner Kinderzeit.

Und da gab es auch ein paar Termini, die nur die Ungarndeutschen erfinden konnten oder in ihrer neuen Heimat ihrem Wissensstand entsprechend deuteten:

Sör nennt man in Ungarn bekanntlich das Bier. Da prangte doch auf dem Markt an einem Haus das Schild „Frisör“. Was kombinierte daraus einer der cleveren älteren Landsleute: Sör heißt Bier und die Silbe „Fri“ kann ja nur „frisch“ bedeuten. Sein Fazit: Hier gibt es „frisches Bier“. Er holte seinen Bierkrug von zu Hause und marschierte damit schnurstracks zum – Frisör.

Die Großmutter meines Cousins stritt sich im Lebensmittelladen bis aufs Messer mit einer Verkäuferin um „Maguela“. „Maguela“ kaufe sie immer hier und die Geschäftsfrau antwortete, dass es in dem Laden noch nie „Maguela“ gegeben hätte.

„Dees giabt’s jo neet“, wetterte die Oma, sie bestand auf dem Zeug, sie hatte es hier gekauft und wollte es haben!

Was um Himmels willen sollte das denn sein, „Maguela“?

Sie versuchte es der Verkäuferin in ihrem Slang zu erklären: „A schwoaza Schnops“ – ein schwarzer Schnaps.

„Gibt’s nicht“, war die hilflose Antwort.

Beide waren kurz vorm Verzweifeln. Das Muttchen wurde langsam böse, da sie annahm, man wolle ihr ihren Lieblingsfusel absichtlich vorenthalten. Sie wedelte schon mit ihrem Gehstock herum. Bis die Inhaberin selbst in den Verkaufsraum kam und sofort wusste, was die alte Dame immer kaufte: einen Likör, nicht „Maguela“, sondern „Mocca Edel“.

Für solche und viele weitere Amüsements sorgten die neuen Mitbewohner schon ab und an. Wenn wir als Kinder und Heranwachsende – bei welcher Gelegenheit auch immer – solchen Erzählungen lauschen durften, tat einem gelegentlich schon das Gesicht weh wegen des vielen Lachens.

Erst viel später sah man in Ungarn ein, welch fataler, großer Fehler mit der Vertreibung begangen worden war. Nach dem Zerfall des Ostblockes. Zu spät. Viele der Betroffenen waren verstorben.

Mein Großvater erhielt eine „großzügige“ Entschädigung für Haus, Hof, Stallungen, Pferde, Vieh und einige Hektar Land: satte zweitausend DM. Er wusste vor Schreck gar nicht, wohin mit soooo viel Geld.

Ein anderer Ungar hat – mit Zeitverzögerung – Ende der achtziger Jahre viel gut gemacht: Gyula Horn, der damalige Ministerpräsident, hatte es erkannt, als er am 27. Juni 1989 Seite an Seite mit seinem österreichischen Amtskollegen Alois Mock der pervertierten Sozialismuskreatur den Hals durchschnitt: besser gesagt, den Stacheldraht an der Grenze zwischen diesen beiden Nachbarländern.

Das war ein „Dolchstoß“ in Erich Honeckers Herz, trotz alledem hatte dieser selbst im August 1989 noch solche Geistesblitze geäußert wie: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.“ Selbst bei seinem „Abschiedssingsang“ am 7. Oktober 1989 träumte er von seiner hundertjährigen Mauer, als ihm Gorbatschow das geschichtliche Bein in den Weg stellte.

Aber gut, dazu später mehr. Erst mal zurück ins Jahr 1962.

AB JETZT ZU MIR

Es war so weit: Ich war da. Beim Erblicken des Lichtes der Welt konnte ich nicht mal ahnen, was mir die folgenden mehr oder weniger interessanten Jahre meines Erdendaseins bieten würden. Wie sollte ich auch?!

Ein Fakt: Ich war als Baby intelligent und gelehrig. Ich konnte mir schnell das Zukacken der Windeln verkneifen, habe dadurch meiner Mutter viel Kocherei erspart (es gab noch keine Pampers) und war zügig auf den Beinen. Ja, verdammt war ich gut.

Freilich kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wie es war, aus der Flasche zu nuckeln, an ein paar andere Begebenheiten meiner Kinderzeit schon: Wie beispielsweise an Wendelbácsi (man spricht: Wendelbatschi), so nannten wir unseren nicht aus der direkten Verwandtschaft stammenden „Onkel“ Wendelin mit ebenfalls ungarndeutscher Herkunft. Ein paarmal im Jahr kam er zu uns und verschwand dann mit meinem Opa in der riesigen Holzscheune, die auf unserem Grundstück stand. Ich vermutete, dass er mit unseren Kaninchen spielte. Es war ein lustiges Gequietsche zu hören – Babys geben ähnliche Laute von sich, wenn man sie kitzelt.

Erst später dachte ich über die dumpfen Schläge zwischen dem Gequietsche intensiver nach. Und als ich rein zufällig in den Schuppen blickte, hatte Wendelbácsi ein Messer in der Hand, das arme Tier an den Hinterpfoten aufgehängt und ihm bereits das Kuschelfell abgezogen. Es war eigenartig und gruselig und ich dachte mir: Das sieht nicht gut aus! Seltsame Spiele kennen die Erwachsenen.

Abgesehen davon war er jedoch ein guter Mensch, besonders zu uns Kindern. Bei ihm und seiner Frau, Tante Aranka, gab’s für uns immer was zu essen, zu trinken oder zu naschen: Bongsel (= Bonbons).

Wie alle anderen richtigen Jungs vergnügten wir uns gern und viel mit den unterschiedlichsten Objekten. Man konnte mit allem spielen, vorausgesetzt, man nutzte seine Fantasie. Wer sich an die sechziger Jahre erinnern kann, wird ahnen, dass sich die uns zur Verfügung gestandenen Utensilien doch erheblich von den neuzeitlichen Spielzeugen unterschieden. Man musste einfach kreativ sein.

Und in unserer gewaltigen Scheune fanden sich Unmengen an irgendwelchem Zeug, das wir als Kinder gebrauchen konnten. Von einigen Gegenständen sollte man zwar besser seine Finger lassen, denn dort stand alles rum, angefangen von der Axt bis zur messerscharfen Sense, eben alles – früher wurde so was nur wegen der Kinder nicht weggeräumt. Und wenn es noch so verrostet oder seltsam war, für irgendetwas war es nützlich.

So setzten wir zum Beispiel auch die kleinen Hacken ein, die meine Oma normalerweise auf dem Friedhof verwendete oder damit Gemüsebeete im Garten bearbeitete. Dass solche Dreizack-Häckchen beim Spielen mit den Plastikindianern im Sandhaufen mal auf den Kopf des besten Kumpels wanderten, bis das Blut kam (jawohl – wir waren so was wie Blutsbrüder), konnte man nicht ausschließen. Da war der Ärger seitens unserer Eltern schon mal vorprogrammiert. War aber alles halb so wild. Wie heißt es so schön: Pack schlägt sich – Pack verträgt sich.

Meiner Schwester wollte ich als kleiner Junge frühzeitig das Spielen mit dem Sand schmackhaft machen. Als sie – zwei Jahre jünger als ich – nach dem Mittagsessen im Kinderwagen zum Schlafen in den Hof rausgestellt wurde, hatte ich die Aufgabe, sie neben dem Spielen zu beaufsichtigen. Irgendwann wurde sie munter und unruhig im Kinderwagen. Wollte sie auch mit Sand spielen? Das deutete ich aus ihrem Geplärre. Also schaufelte ich ihr den Sand in den Wagen. Die Äuglein voll, es knirschte heftig zwischen den ersten paar kleinen Zähnchen. Auweia … Ging für mich nicht gut zu Ende dieser Tag. Wieder was dazugelernt.

Selbst richtig scharfe Messer hatten wir. Solche, mit denen die Jäger im Wald unterwegs waren, mit einer etwa fünfzehn Zentimeter langen Klinge und einem dicken Schaft aus Geweihstücken, Hirschfänger genannt. Woher, weiß ich nicht mehr, wir hatten sie eben. Die brauchten wir, um uns Pfeifen oder Flöten (etwa ein zehn Zentimeter langes Stück fingerdickes, grünes Haselnussholz mit einer Kerbe versehen) herzustellen: mit Spucke so lange einweichen und ringsherum mit dem Messergriff dengeln (klopfen), bis sich die zarte Rinde im Ganzen vorsichtig wie eine Hülle abziehen lässt, die bei einer Trillerpfeife üblichen Öffnungen für die Luftwege aus dem Holz schnitzen, die Hülle wieder draufschieben – fertig! Oder um Pfeil und Bogen oder Katapulte zu bauen. Es gab früher die dicken Gummis für die Einmachgläser, die besorgte ich mir von meiner Oma. Schlüpfergummis machten sich auch gut. Für ein extrastarkes Katapult zerschnitten wir Fahrradschläuche, die hatten dann aber richtig Schmackes. Später bauten wir auch Armbrüste damit.

Als Geschosse nutzten wir große Kieselsteinchen oder besorgten uns aus dem am Markt ansässigen Metallwarengeschäft fette Eisenkrampen. Die flogen locker hundert Meter oder weiter. Wohin auch immer. Manchmal knallte es irgendwo. Aber wir waren doch noch Kinder!

Es kam die Zeit, als mein Schwesterchen alleine laufen lernte. Als sie das einigermaßen beherrschte, war sie in der Regel unterwegs: Sie war weg. Ihr Drang nach persönlicher Freiheit war von Beginn an extrem markant. Dagegen half nur eins: Man musste sie anbinden. Niemand konnte ständig hinter ihr her sein, also besorgte sich meine Mutter ein Halfter und befestigte die permanente Ausreißerin mit einer fünf Meter langen Leine an dem Wäschepfahl im Hof oder hinten auf der Wiese. Zehn Meter Durchmesser im Freilauf – zum Spielen.

Band sie einer aus Versehen oder aus Mitleid los, war sie wieder weg. Irgendwann brachten sie Leute vom zweihundertfünfzig Meter entfernt liegenden Marktplatz zurück, dort traf man sie an, nur mit einer Windel und Schlüpfer bekleidet. Sie war wieder mal ausgebüxt. Derweil war sie als Ausreißerin bekannt und man wusste, woher sie kam.

Je älter, umso furchtloser wurden ihre Fluchtaktionen. Selbst hohe Zäune waren für sie kein wirkliches Hindernis. Unser Garten war in südliche Richtung mit einem etwa zwei Meter hohen, schön satt mit altem Motorenöl schwarz getünchten Holzlattenzaun versehen. Jede einzelne Latte war oben angespitzt, sollte ja niemanden dazu einladen, von außen her drüberzuklettern. Die einzelnen Abschnitte wurden durch dicke Granitsäulen gehalten.

Eines Tages hörte mein Opa, der sich auf dem Gemüsebeet seinen Anpflanzungen widmete, ihre Rufe: „Oooopaaaaa – ich häääänge!“

Tatsächlich, er traute seinen Augen kaum, beim Versuch, diesen Zaun zu überwinden, rutschte sie ab und eine Holzlatte durchbohrte – zum Glück nur – ihr dünnes Sommerkleidchen in Brusthöhe und sie hing kopfüber im Zaunfeld! Horror!

Sie war als Kind immer der quirligere Teil der Familie. Damit wenigstens beim Essen Ruhe einkehrte, hatte mein Vater ein ganz profanes Mittel: Um sich anbahnende Unruhen bereits im Keim zu ersticken, legte er wortlos neben seinen Teller mit dem üblichen Besteck einen Holzkochlöffel ab. Dieser hatte tatsächlich beruhigende Wirkung.

DER STAAT – SEINE ORGANE UND ICH – TEIL 1

Bereits mit vier Jahren hatte die Staatsmacht auf mich einen ersten, prägenden – negativen Eindruck hinterlassen.

Ich weiß noch: Eine kurze Zeit lang musste ich den örtlichen Kindergarten besuchen. Kindergarten! Das war für mich wie Gefängnis mit Außenschläfer oder wie man das nennt. Ich und Kindergarten, die härteste Strafe überhaupt! Noch weit vor Stubenarrest. Ich habe absolut keine guten Erinnerungen an diesen Ort, habe fast alles schnell aus meinem Erinnerungsvermögen gestrichen.

Nur ein paar Fragmente blieben hängen: Es gab große Volieren mit Vögeln, Fasanen. Was sonst noch drin flatterte, weiß ich nicht mehr. Die waren mir im wahrsten Sinne des Wortes als dunkle Verschläge im Kopf verblieben, gespenstisch düster und unheimlich.

Und an noch etwas erinnere ich mich. Eines Tages mussten wir in einer Reihe antreten, als der ABV (ABV heißt „Abschnittsbevollmächtigter“ – welch hirnlose Wortprägung für einen „Volks“-Polizisten, der für einen „Abschnitt“ bevollmächtigt war), so nannte man den Ortspolizisten, uns der Nase nach begutachtete. Einer hatte wohl was ausgefressen, kann mich aber nicht mehr erinnern, wer und was. Wie gesagt, es war im Kindergarten, wir Kinder waren etwa vier Jahre alt!

Dieses widerwärtige Schnüffelgesicht des ABV erinnert mich im Nachhinein an ein Hausschwein, welches genüsslich mit der Schnauze im Dreck wühlt und vor sich hin grunzt. Uns machte das Angst.

Dieses Ereignis hat sich mir äußerst negativ eingeprägt. Vielleicht war es ein Ziel dieses Staates, mit der Einschüchterung früh zu beginnen? Ab diesem Moment waren bei mir die „Volks“-Polizisten als „Freunde und Helfer“ unten durch.

Den Kindergarten hasste ich wie die Pest. Und schließlich hatte meine Methode, während des täglichen Anmarsches so herzzerreißend zu heulen – wie, wenn man jemanden zum Abdecker bringen würde – bei meinem Opa so einen durchschlagenden Erfolg, dass er vor lauter Mitgefühl wieder mit mir nach Hause ging. Zum guten Schluss beschlossen meine Eltern, bei mir auf diese Einrichtung zu verzichten. Und so konnte ich mich wieder dem Spielen mit meinem besten Freund – der ebenfalls nicht in diese Einrichtung gehen musste – und den gemeinsamen Erlebnissen unserer Art der Freiheit widmen.