Mein Leben als Superheldin - Annie Stone - ebook

Mein Leben als Superheldin ebook

Annie Stone

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Opis

Taylor Watts ist die hauseigene Superheldin des heißesten Rallye-Teams, die es mit Witz und Kreativität versteht, Rock'n'Rallye in den Schlagzeilen zu halten. Während eines geschäftlichen Treffens in den USA lernt sie Jamie Pike kennen, der sie anfangs vollkommen unbeeindruckt lässt. Doch irgendetwas hat dieser Selfmademan an sich, dem sie nicht widerstehen kann. Nach nur einer gemeinsamen Nacht fährt sie zurück nach London, wo ihr kaum genug Zeit bleibt, an den liebenswerten Amerikaner zu denken. Vor allem dann nicht, als ihr Ex-Mann aus dem Gefängnis entlassen wird, und dieser deutlich macht, dass er noch immer Interesse an ihr hat. Good Boy oder Bad Boy, wem schenkt sie ihr Herz? "Mein Leben als Superheldin" ist der dritte Band der "Rock'n'Rallye"-Reihe. Die Bände 1-3 sind in sich abgeschlossen und können ohne Vorkenntnisse gelesen werden.

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Mein Leben als Superheldin

Annie Stone

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

Epilog

Für alle Frauen. Ihr rockt!

Eins

»Nein, nein, Rotwein bekommt man am besten mit Salz und Mineralwasser raus«, schreit meine Mutter. Die Lautstärke ließe sich durch die Tatsache erklären, dass sie in der Küche ist und wir im Esszimmer, aber in der Familie Watts haben einfache Tatsachen keine Bedeutung, denn sie würde auch so laut rufen, wenn sie neben mir stehen würde. Meine Familie ist laut, chaotisch und hört sich selbst gerne reden.

Ich bin das Gegenteil. Eigentlich. Man meint es nicht, als ich zurückrufe: »Das haben wir schon bei den ersten drei Malen verstanden.«

Mum erscheint mit den Händen in dicken Topfhandschuhen und dem glasierten Schinken auf einer weißen Servierplatte in der Tür. »Ihr Kinder habt die Tendenz, einfach nicht zuzuhören.«

Meine Schwester Tina mischt sich ein: »Wann soll das gewesen sein?«

»Du hast in den siebenunddreißig Jahren seit deiner Geburt noch nicht einmal zugehört.« Mum stellt den Schinken auf den Tisch. Er sieht einfach großartig aus, und ich spüre, wie mein Magen anfängt zu grummeln. Mit Honig glasierter Schinken gehört einfach zu meinen liebsten Gerichten, und Mum kann kochen. Das konnte sie schon immer.

»Also, das ist doch eine Unverschämtheit«, ereifert sich meine Schwester in einer Lautstärke, die einem startenden Düsenjet nahe kommt.

»Wann hast du denn mal zugehört? Nenn mir ein Beispiel.« Mum verschränkt die Arme vor der Brust.

Wenn sie das tut, sollte man schleunigst den Rückzug antreten, aber Tina war schon immer aus einem anderen Holz geschnitzt. Der Tag, an dem sie nachgibt, ist der Tag, an dem sie diese Erde verlässt. Und auch das wird sie nur unter lautem Protest tun.

»Na, zum Beispiel am 7. Mai 1999. Da hast du gesagt, dass mein Abschlussballkleid mir sehr gut steht.«

Mum lacht. »Okay, fein, du hast gewonnen. Einmal in deinem Leben hast du zugehört. Auch wenn ich mir sicher bin, dass du dir das Datum nur ausgedacht hast.«

»Also wirklich. Natürlich nicht. Mein Gedächtnis war schon immer phänomenal.«

»Ebenso wie deine Fähigkeit, dich selbst zu loben«, wirft unser jüngerer Bruder Oliver ein.

»Dir jungem Gemüse würde ich nicht mal zuhören, wenn du der letzte Mensch auf Erden wärst«, entgegnet sie, bevor sie ihre Tochter Sophia ruft, die in ihrem Zimmer ist.

Tina und Sophia sind nach der Scheidung bei Mum eingezogen, was mich erleichtert. Zum einen wird Mum nicht jünger und dass sie so ganz allein ist, bereitet mir Sorgen, zum anderen hat Tina nun jemanden, der auch mal auf ihre Tochter aufpassen kann.

Mum geht in die Küche, um die anderen Schüsseln zu holen, und ich decke den Tisch zu Ende, was ich unterbrochen hatte, als ich Tina gefragt habe, wie man Rotwein aus einer hellen Bluse bekommt.

Mum erscheint mit den Röstkartoffeln. »Wo bleiben eigentlich Jared und Dorian? Es sieht den beiden nicht ähnlich, zu spät zu kommen.«

»Technisch gesehen haben sie ja auch noch zwei Minuten«, meint Oliver nach einem Blick auf die Uhr.

»Es versteht sich doch von selbst, dass man kommt, bevor das Essen auf dem Tisch steht.«

»Ach, Mum.«

»Was soll das schon wieder heißen, Taylor?«, fragt sie nach meinem Seufzer.

»Gar nichts. Aber meinst du nicht, dass du das alles mal ein wenig lockerer sehen solltest?«

»Ich muss gar nichts.«

»Ich hab auch nicht gesagt, dass du musst, nur gefragt, ob du nicht solltest.«

»Nein.« Und damit ist das Gespräch beendet.

Mit übernatürlichen Kräften bemühe ich mich, keine Regung im Gesicht zu zeigen, denn ein Kopfschütteln, ein Stirnrunzeln oder ein Augenrollen kann zu ganz schlimmen Kämpfen führen. Mum fühlt sich immer kritisiert. Egal, ob zu Recht oder nicht. Jared, Oliver und ich haben gelernt, auf rohen Eiern zu gehen, Tina ist da mehr so der Bulldozer unter uns Kindern. Feingefühl kann sie nicht mal buchstabieren. Und doch scheint es so, als würde Mum ihr das als einzige nicht übelnehmen.

Szenen einer Familie.

»Sophia! Es gibt essen!«, schreit Tina durch den Flur.

»Wir kommen ja!«, schallt es zurück. Auch die nächste Watts-Generation kann die Stimme erheben. Aber ganz ehrlich, wenn man das nicht lernt, wird man gnadenlos untergebuttert.

Selbst ich, die diese Art der Kommunikation eigentlich vollkommen ablehnt, habe es lernen müssen. In meiner Jugend war es die Hölle für mich, aber seit ich mein eigenes Leben führe, kann ich damit umgehen. Weil es ja höchstens einmal pro Woche so ist, und ich den Rest der Zeit leiser sprechen kann.

Es ist nicht einmal so, dass ihnen das bewusst ist. Sie sind eben laut, was auch vollkommen okay ist, nur sollte es auch okay sein, wenn man es nicht ist. Toleranz ist allerdings auch etwas, woran wir als Familie arbeiten müssen, und damit meine ich die anderen.

Eine Elefantenherde kommt die Treppe herunter. Ach nein, das sind ja nur Sophia und ihre beiden Cousins, Brian und Timothy. Kann man ja mal verwechseln.

»Tante Tay!«, kreischen sie, bevor sie sich in meine Arme werfen.

Sie haben alle drei solches Urvertrauen, dass sie glauben, dass ich sie auf jeden Fall auffange. Was ich auch tue, aber Brian rutscht mir beinahe durch die Finger. Je älter sie werden, desto wirbeliger werden diese Wirbelwinde.

»Bald kann ich euch nicht mehr halten, so groß seid ihr schon«, keuche ich lächelnd unter ihrem Gewicht.

»Ach, was«, meint Oliver. »Sie liebt das.«

Und das tue ich auch. Von all den Rollen, die ich innehabe, ist Tante meine liebste. Als sie alle noch Babys waren, fand ich sie süß, aber erst seitdem sie Unsinn machen können, bin ich ganz in meinem Element. Schließlich bin ich die coole Tante Tay.

Irgendwann kriegen sie von mir ihr erstes Bier. So in etwa dreißig Jahren. Frühestens.

»Hast du uns was mitgebracht?«, fragt Brian mit seinen großen Augen, denen ich mit Sicherheit niemals etwas werde abschlagen können.

»Mich.«

»Häh, echt?«, fragt Timothy empört. Also, so empört, wie man mit vier Jahren sein kann.

»Eure Tante muss euch nicht jedes Mal etwas mitbringen«, mischt sich Tina ein.

»Aber … aber …«, wirft nun auch Sophia ein.

Ich grinse sie an. »Hey, ihr kennt mich doch.« Und unter lautstarkem Gejubel ziehe ich drei kleine Lutscher aus meiner Tasche. Schließlich bin ja nicht ich diejenige, die mit ihnen klarkommen muss, wenn sie auf Zucker sind. Die Vorteile einer Tante.

»Aber erst nach dem Essen«, wirft Oliver ein und schenkt mir einen Blick, der die Welt erfrieren lassen könnte.

»Was denn?«, frage ich vollkommen unschuldig.

»Du weißt genau, dass Darrel nicht will, dass sie so viel Zucker essen.«

»Nicht so viel bedeutet, dass ich ihnen einmal in der Woche was mitbringen kann. Das Problem ist ja nur, dass ihr es die ganze Woche schon nicht durchhaltet, und mir daher den Spaß verderben wollt.«

Er verdreht die Augen, während Tina lacht. »Damit hat sie Recht.«

»Es ist auch echt schwer, Kindern etwas Süßes zu verweigern, wenn sie erstmal auf den Geschmack gekommen sind«, verteidigt sich Oliver.

»Aber ich war es nicht, die damit angefangen hat«, erinnere ich ihn.

Oliver hebt die Hände. »Fein, wir waren es selbst. Zufrieden?«

»Sehr, danke.«

Es klingelt an der Tür, und ich gehe langsam in den Flur, um zu öffnen, während die anderen sich setzen. Ein unangenehmes Ziehen im Bauch sorgt für ein leichtes Unwohlsein, wie jedes Mal, wenn ich meine Periode habe.

Als ich die Tür aufreiße, kreischen zwei kleine Kanonenkugeln los, bevor sie sich in meine Arme werfen. Rosanne und Neil machen unser Quintett komplett.

»Hey, Tay«, ruft mein Bruder Jared über das Geschrei hinweg, während sein Mann Dorian einfach nur kopfschüttelnd dabeisteht. Auch nach beinahe einer Dekade in dieser Familie hat er sich noch nicht daran gewöhnt, dass es hier lauter ist als auf einem Rockkonzert. Wenn Slipknot auftritt.

»Kommt rein, kommt rein. Taylor, warum lässt du deinen Bruder nicht reinkommen?«, fragt Mum, die hinter mit auftaucht.

»Weil ich von Vandalen angegriffen wurde.« Ich küsse ihre blonden Köpfe, bevor ich langsam ins Esszimmer laufe, während sie wie kleine Äffchen an mir hängen. »Was habt ihr Schönes gemacht?«

»Wir waren im Zoo!«, ruft Neil.

»Im Zoo? Und was habt ihr da gesehen?«

»Ganz viel.«

»Was war dein Lieblingstier?«

»Der Löwe.«

»Und deins, Rosie?«

»Die Gaffe.«

»Die Giraffe?«

Sie nickt grinsend, wobei sie so zuckersüß aussieht, dass ich sie einfach aufessen muss. Als ich so tue, als würde ich an ihr nagen, kreischt sie lachend los.

»Dann können wir ja essen«, meint Mum und setzt sich hin.

Es dauert ein paar Minuten, fünf Kinder und sechs Erwachsene zu organisieren, aber dann können wir einander endlich an den Händen nehmen und beten. Allerdings nutze ich die Zeit meist, um über die Arbeit nachzudenken. Denn das sind die einzigen Sekunden an Sonntagen, in denen ich mal zum Luftholen komme. Vielleicht ist es merkwürdig, wenn man am Wochenende an die Arbeit denkt, aber ich liebe meinen Job einfach sehr. Man könnte beinahe sagen, dass es ein Fulltime-Job ist. Oh, nicht, weil meine Chefin mich antreiben würde, sondern weil ich es selbst mache. Als PR-Chefin von Rock’n’Rallye ist es meine Aufgabe, immer wieder neue, innovative Aktionen zu starten, die dem Team möglichst viele Sponsoren einbringen.

Und ich liebe es.

Wirklich. Fast so sehr wie meine Nichten und Neffen.

Aus meinen Überlegungen wache ich auf, als die kleinen Hände aus meinen gezogen werden. Es gibt einen Plan, an welchem Tag welches Kind neben mir sitzen darf, weil das immer für Streit gesorgt hat. Jetzt geht es reihum, auch wenn noch immer Schmollgesichter auftauchen. Schließlich ist es auch so unfair, wenn man nur jeden dritten Sonntag drankommt.

Ich schneide Brians Chicken Nuggets klein, bevor ich Rosannes Kartoffeln zermatsche, die sonntags darauf besteht, gefüttert zu werden, auch wenn sie es zu Hause hasst, wenn man ihr hilft. Wenn ich mich aber zu viel mit ihr beschäftige, wird Brian quengelig, schließlich ist es auch sein Tag.

Ob ich zum Essen komme?

Mum packt mir immer was zum Mitnehmen ein.

»Warum wart ihr so spät?«, fragt Mum ihren ältesten Sohn.

»Wir waren im Zoo.«

»Aber das muss man doch besser planen.«

»Kinder funktionieren nicht immer nach Plan.«

»Also zu meiner Zeit …«

Tina lacht. »Vor nicht allzu vielen Minuten hast du noch behauptet, dass deine Kinder nie gehört hätten, und auf einmal willst du erzählen, dass du uns im Griff hattest? Entscheide dich mal für eine Geschichte.«

Mum zeigt mit der Gabel auf Tina. »Fräulein, du wandelst auf sehr dünnem Eis.«

Oliver wirft ein: »Das tut sie schon seit Jahrzehnten.«

»Aber bald bricht es«, sagt Mum, bevor sie das Thema wechselt. »Wann fliegst du nach Amerika, Tay?«

»Am Mittwoch.«

»Und wie lange bleibst du da?«

»Zehn Tage.«

»Dann kommst du nicht zum Essen?«

»So sieht es aus.«

»Also, das passt mir nicht. Die Sonntage gehören mir.«

Ich halte Rosanne einen Löffel voller Kartoffelbrei hin. »Es macht einfach keinen Sinn, samstags zurückzukommen und montags wieder hinzufliegen.«

»Trotzdem.«

Ich werfe Jared einen flehenden Blick zu. Weil er einfach der beste große Bruder ist, fragt er Tina zur Ablenkung: »Habt ihr euch jetzt auf eine Schule geeinigt?« Sophia geht bald auf die nächsthöhere Schule, und Tina und ihr Ex-Mann George können sich nicht einigen, auf welche sie gehen soll. Tina will, dass sie in der Nähe bleibt, aber George will sie auf die Queen Anne’s School schicken, die zwar auch nicht so weit entfernt ist, aber trotzdem würde sie dort im Internat sein.

»Nein. Ich weiß einfach nicht, was richtig ist.«

»Ich möchte bei dir bleiben, Mum«, wirft Sophia ein.

Tina streichelt ihrer Tochter über den Kopf. »Das möchte ich auch, aber eine Privatschule bietet auch viele Vorteile. Und wenn Dad zahlt …«

»Aber dann bin ich die ganze Woche nicht da.«

Bevor Tina antworten kann, fragt Oliver: »Wie teuer ist denn die Schule?«

»Fast zwölftausend Pfund pro Trimester.«

Oliver, der gerade einen Schluck getrunken hat, spuckt beinahe den Wein über den Tisch. »Wie bitte?«

Tina zuckt mit den Schultern. »Ist teuer, aber George will es bezahlen.«

»Ich hab gelesen, man muss nicht unbedingt im Internat leben, sondern kann auch täglich anreisen«, sage ich.

»Ja, das stimmt, aber es wäre jeden Morgen eine Stunde hin und zurück, und das auch nur, wenn kein Stau herrscht. Und weder George noch ich können das leisten.«

Irgendwie finde ich nicht, dass dies das passende Gesprächsthema ist, während Sophia dabei ist. Klar will sie nicht weg von ihrer Mum, aber ich bin mit den Geschichten von Hanni und Nanni aufgewachsen, weswegen ich ein Internat durch eine rosarote Brille sehe, aber meine Eltern konnten sich das nicht leisten.

»Wo ist eigentlich Darrel?«, frage ich Oliver.

»Die ganze Redaktion wurde einberufen, um die kommende Brexit-Abstimmung im Unterhaus zu begleiten.«

»Oh, spannend!«

»Na ja, was haben sich alle Brexit-Befürworter denn gedacht? Dass die EU sie gehen lässt und ihnen weiterhin alle Vorteile gewährt, ohne dass Nachteile in Kauf genommen werden müssen? Wie naiv muss man denn sein?«, fragt Oliver.

»Also, ich weiß nicht«, meint Mum, »die EU hat von uns immer nur gefordert, gefordert und gefordert. Da sollte es doch niemanden wundern, dass so viele das als schlechten Deal angesehen haben.«

»Mum, du hast auch gegen den Brexit gestimmt«, wirft Tina ein.

»Aber doch nur, weil du mir gesagt hast, dass ich das machen soll.«

»Dann bin ich froh, dass du mir so sehr vertraust.«

Jared erklärt: »Der Brexit war schon die dämlichste Idee, die dieses Land je hatte, aber wenn wir auch noch ohne einen Deal die EU verlassen, na, dann gute Nacht.«

»Obwohl man ja auch einwerfen muss, dass der angebotene Deal nicht wirklich fair ist«, meint Tina.

»Was heißt denn fair? Wir verlassen die EU, obwohl es gar nicht vorgesehen ist, diese zu verlassen. Klar ist der Backstop bitter, aber ich hab auch nichts anderes erwartet. Und mal ehrlich, wie würden sich die Iren fühlen, wenn es eine harte Grenze auf ihrer kleinen Insel gäbe?« Oliver ist Mitglied der Labour-Partei, weswegen er sich auskennt, aber gleichzeitig auch denkt, dass alle seiner Meinung sein müssen, weil er ja die Fakten beisammen hat.

»Das würde uns Iren gar nicht gefallen«, wirft Mum ein.

Jared lacht. »Uns Iren? Wenn du tatsächlich so irisch wärst, hätte man dich gar nicht überzeugen müssen, gegen den Brexit zu stimmen.«

Dorian schielt zu mir herüber. In seinen Augen sehe ich ein Wort. Fett und in Großbuchstaben. GEFAHR! Oh ja, solche Familienessen können sehr schnell sehr stark ausarten.

»So irisch bist du gar nicht, Mum«, erklärt Tina, »deine Oma kommt zwar von der grünen Insel, aber du hast nie da gelebt.«

»Aber im Herzen!«

»Tay, mehr Limo!«, verlangt Brian neben mir.

»Oh nein, du hattest heute schon genug Zucker«, entscheidet Oliver.

»Aber ich will Limo!«

»Ich auch Limo!«, kreischt Rosanne von der anderen Seite.

»Wenn Brian Limo bekommt, dann will ich auch«, meint sein Zwillingsbruder Timothy.

Nur der fünfjährige Neil stimmt nicht in das Tohuwabohu ein. Aber nur, weil er gerade versucht, dem alten Beagle Henry heimlich seine Erbsen unterzujubeln. Henry hebt nur müde ein Augenlid. Für Erbsen bewegt er sich nicht, was ich voll verstehen kann.

»Ihr seid alle noch zu klein«, meint Sophia und trinkt von ihrer Limo.

»Ich bin nicht klein!«, echauffieren sich Brian und Timothy zur selben Zeit.

»Ich schon«, sagt Rosanne.

Dorian schüttelt den Kopf, gleichzeitig erschrocken und fasziniert. Diese Familie ist wie ein Zugunglück. Man sieht es geschehen, aber man kann einfach nicht weggucken.

»Niemand bekommt Limo!«, erklärt Oliver, der sich wahrscheinlich vorstellt, wie seine Frau ihm das Fell über die Ohren zieht, wenn sie merkt, dass die Kids in einem Zuckerkoma sind.

»Aber Sophia …«, startet Brian.

Neil, der aufgegeben hat, Henry zu füttern, fragt: »Was ist los?«

»Sie wollen alle Limo«, bringt ihn Sophia auf den aktuellen Stand der Dinge.

»Ich auch!«

Während die Eltern am Tisch verzweifelter und verzweifelter werden, amüsiere ich mich köstlich. Aber wie schon gesagt, eine Tante muss auch nicht erziehen, sondern nur nett sein. Alle Vorteile, keine Nachteile. Perfekt.

»Klar, Tay, du lachst wieder. Wahrscheinlich hast du die Limo-Revolution begonnen«, beschuldigt mich Tina.

Ich lege mir die Hand auf die Brust. »Ich?«

»Deine Unschuldsmiene nehme ich dir auch keine Sekunde ab«, meint Oliver. »Da war bestimmt eine geheime Botschaft in den Lutschern.«

»Also, bitte. Das ist doch lächerlich. Ihr schafft es schon ganz allein, dass eure Kinder durchdrehen. Muss ich euch an all die Geschichten erinnern, die ihr hier erzählt habt, die geschehen sind, als ich nicht dabei war?«

»Das mag sein, aber sie sind exponentiell frecher, wenn du im Raum bist«, meint jetzt auch Jared.

»Et tu, Brute?« Ich greife mir ans Herz.

Jared lacht. »Hey, du weißt, wie dankbar wir dir für alles sind, aber du kannst nicht leugnen, dass du den Kids alles durchgehen lässt.«

»Das würde ich auch nie leugnen. Ist schließlich die Wahrheit.«

»Eben«, sagt Tina. »Das ist es. Du sagst immer nur Ja, und wenn die Eltern dann mal Nein sagen, sind sie die Bösen.«

»Entschuldigt bitte, aber als Tante habe ich auch keinerlei Erziehungsauftrag.«

»Also, jetzt lasst mal Tay in Ruhe«, mischt sich Mum wieder ein. »Wenn sie nicht wäre und zu jeder Tages- und Nachtzeit babysitten würde, würdet ihr alle alt aussehen.«

»Danke, Mum. So sehe ich das auch.«

»Ja, klar siehst du es so«, erklärt Oliver. »Aber ich will nicht immer der Böse sein.«

»Dann lass es eben.«

»Du machst es dir so einfach.«

Bevor ich antworten kann, ereifert sich Tina: »Es sollte Regeln geben, an die auch du dich halten musst, Tay. Bei vielem kannst du flexibel sein, so als Tante, aber es sollte Basisregeln geben.«

»Okay, fein«, gebe ich zurück. »Eine Basisregel ist dann, dass ich nicht mehr spontan einspringe, wenn ihr einen Babysitter braucht.«

»Nee, das ist schon mal keine Regel, die wir festlegen«, bestimmt Jared, während Dorian mich flehentlich ansieht. Seit sie vor einem Jahr Rosanne und Neil adoptiert haben, ist Freizeit ein Fremdwort für sie, und besonders Dorian liebt die monatliche Date Night, die sie sich gönnen.

»Ach, jetzt willst du auch noch über mich bestimmen?«, frage ich, während mir auffällt, dass die Kinder plötzlich alle leise sind. Was daran liegen könnte, dass Sophia ihnen allen Limo eingeschenkt hat. Ehrlich, ich hätte es nicht besser orchestrieren können.

»Kann es eigentlich auch ein Sonntagsessen geben, das nicht im Streit endet?«, fragt Mum mit ihrer Leidensstimme, mit der sie uns klarmachen will, wie schwer sie es doch hat, weil wir auch in unseren Dreißigern noch immer nicht zur Vernunft kommen.

»Wir streiten nicht, wir diskutieren«, erklärt Tina, während sie sich noch eine Scheibe Schinken auf den Teller legt.

»Das weiß man bei euch nicht immer so genau. Der Unterschied ist fließend.«

»Wo hast du denn jetzt die Limo her?«, ruft Oliver aus und will nach Timothys Glas greifen, der es schnell außer Reichweite zieht und unschuldig mit den Schultern zuckt.

Wütende Blicke richten sich auf mich, während ich den gleichen Blick aufsetze wie mein Neffe. »Ihr habt mich die ganze Zeit angesehen. Ich konnte gar nichts tun.«

»Ich war es«, meint Sophia heldenhaft. Mit zehn ist sie schon echt eine mutige Persönlichkeit.

»Ach, Sophia, du brauchst deine Tante nicht in Schutz zu nehmen«, erwidert ihre Mutter.

»Ich glaub trotzdem, dass Taylor es irgendwie geschafft hat, das Ganze in die Wege zu leiten«, erklärt Oliver.

»Nennt mich die Puppenspielerin.« Ich hebe die Hand, lasse sie in der Luft schweben und bewege die Finger, als würde ich an den Schnüren einer Marionette ziehen.

»Ich wusste es«, meint Jared, aber sein Grinsen zeigt, dass es für ihn ebenso wenig ernst war wie für mich. Nur Oliver hat es nicht so ganz begriffen.

»Ach, Kinder, einmal nur ein ruhiges Essen«, bittet Mum.

»Das wäre doch langweilig«, meint Tina.

Während andere Gespräche wieder beginnen, schaue ich auf diese große, verrückte Familie, und mir wird einmal mehr bewusst, wie viel Glück ich doch eigentlich habe. Klar, manchmal würde ich sie gerne bei Ebay verkaufen, aber im Grunde kann ich mich glücklich schätzen, weil ich diese Menschen habe.

Zwei

Montage mag ich nicht. Vielen geht es so, aber mein Grund ist, dass ein Tag mit der Familie jedes Mal wie ein Drogenrausch ist und somit montags der Entzug beginnt, bis ich am nächsten Sonntag wieder einen Schuss bekomme. Oh Mann, wenn sie hören, dass ich sie mit Heroin vergleiche, dann gibt es Ärger. Bisher konnte ich als jüngstes Kind diesem Schicksal entgehen, aber wenn ich sie richtig wütend mache … Wer weiß, wozu sie sich dann hinreißen lassen? Wickeln sie mein Auto mit Toilettenpapier ein? Mischen sie mir Chili unters Essen oder salzen sie vielleicht meinen Kuchen? Nein, nein, es ist besser, wenn sie nicht jeden meiner Gedanken kennen.

Besser für sie und für mich.

Montage sind schwer. Normalerweise springe ich voller Energie aus dem Bett, aber heute würde ich mir lieber die Decke über den Kopf ziehen und niemanden sehen. Als ich mich daran erinnere, dass ich meinen Job liebe, schlage ich die Decke um und blinzele gegen das Sonnenlicht an, das durch die Gardinen fällt, weil sie nicht ganz dicht schließen. Einen Augenblick beobachte ich noch, wie kleine Staubpartikel im Licht tanzen, bevor ich mich aufraffe.

Duschen, Zähne putzen, anziehen, Kaffee to go, um die halbe Stunde zur Arbeit zu überbrücken. Seit Aubrey das Rallye-Team ihres Vaters übernommen hat, hat sie viele Änderungen vorgenommen, unter anderem gibt es jetzt jeden Morgen Frühstück im Büro. Und nicht einfach nur irgendwelche Donuts, sondern richtig gute und auch gesunde Sachen. Manchmal möchte ich diese Frau einfach küssen.

Ich parke meinen kleinen Mini mit den Rallyestreifen auf dem Parkplatz und öffne die Tür. »Hey, Taylor«, erschallt es von allen Seiten.

Ich nicke und winke und grüße zurück, während ich den Weg in die zweite Etage einschlage, wo die PR- und Marketingabteilung untergebracht ist. Einen Augenblick bleibe ich in der Tür stehen, schaue über die besetzten Schreibtische, über das Gewusel an Menschen hinweg, und erinnere mich an die Zeit vor zwei Jahren, als ich hier alleine war. Ein Großteil der Mitarbeiter hatten gekündigt, weil sie keine Frau als Chefin haben wollten. Für mich war das kein Grund zum Kündigen. Ganz im Gegenteil. Ich habe in jenem Augenblick unglaubliches Potential gesehen. Und alle meine Visionen haben sich bewahrheitet. Unser Frauenteam rockt. So ist das einfach.

»Hey, Leute!«, stürze ich mich ins Getümmel.

Es sind fröhliche und freundliche Gesichter, in die ich blicke. Einmal mehr wird mir bewusst, wie sehr sich eine Arbeit, die man liebt, aufs Gemüt auswirkt.

Mein erster Weg führt zur Kaffeemaschine. Aber auf dem Weg dorthin werde ich schon dreimal aufgehalten, um mir etwas anzusehen, etwas zu unterschreiben (ich hoffe wirklich, dass es kein Kaufvertrag für eine Waschmaschine ist) und eine Entscheidung für oder gegen Glitzer zu treffen. Natürlich entscheide ich mich dafür. Wer ist denn gegen Glitzer? Solche Menschen möchte ich nicht kennen.

Mit dem Kaffee in der Hand setze ich mich an meinen Schreibtisch, öffne das Mailprogramm und gucke durch, was reingekommen ist. Was ich in einem Satz beantworten kann, beantworte ich, alles andere bekommt ein Fähnchen für später oder wird direkt gelöscht. Mein Postfach ist organisiert. Wie sich fünftausend ungelesene Nachrichten bei anderen ansammeln können, kann ich mir nicht erklären.

Eine kleine Chatbox poppt auf.

Aubrey: In fünf Minuten in meinem Büro?

Taylor: Okay.

»Hey, Leute, ich bin jetzt gleich in einer Besprechung mit der Chefin. Gibt es noch was, was ich jetzt erledigen muss, oder kann das warten?«

»Könntest du noch mal eben …?«, erschallt es von allen Seiten. So werde ich die fünf Minuten nicht schaffen, weswegen ich auch hier das gleiche Prinzip anwende. Was schnell geht, erledige ich sofort, alles andere wird auf später verschoben. Manchmal wünsche ich mir, dass ich auch im wahren Leben kleine Fähnchen verteilen könnte, aber ich befürchte, meine Mitarbeiter wären nicht so erfreut, wenn ich ihnen die auf die Stirn kleben würde.

Ich renne in die erste Etage nach unten und komme fast rechtzeitig an Marjories Schreibtisch an, die einfach nur zur Tür nickt, ohne von dem aufzusehen, was sie am Computer macht. Marjorie ist die Seele dieses Teams. Ohne sie wären wir alle aufgeschmissen.

»Da bist du ja«, ruft Aubrey, als ich zur Tür hereinkomme.

Bevor ich antworten kann, sehe ich die beiden Männer in dunklen Anzügen, die vor ihrem Schreibtisch sitzen, was gut ist, denn eigentlich wollte ich sagen: »Sie haben geläutet, Madam?«

Stattdessen sage ich: »Guten Morgen«, als wäre das hier eine ganz normale Firma und kein Rallye-Rennstall.

»Das ist Taylor Watts, unsere hauseigene Superheldin in allen Belangen, aber ganz besonders im Marketing.« Innerlich zucke ich immer ein wenig zusammen, wenn sie mich so lobt. Niemand würde mich als Superheldin bezeichnen, wenn sie wüssten, wie es in mir aussieht.

»Taylor, das sind Mr Martin und Mr Jenkins vom Verband. Offensichtlich haben sie auch in der Vorstandsetage von unseren Aktionen erfahren und haben Interesse daran, mit uns zusammenzuarbeiten.« Sie sagt das in einem freundlichen Tonfall, aber weil ich sie so gut kenne, weiß ich, warum sie sich besonders gewählt, für Aubreys Verhältnisse sogar leicht übertrieben steif ausdrückt. Seit zwei Jahren reißen wir uns den Arsch auf und dieser verknöcherte Brandon Ford, der der Chef des Rallye-Verbands ist, belächelt uns als Amateure. Wir sind in keiner Weise auf ihre Anerkennung angewiesen, aber es ist schön zu sehen, dass sie angekrochen kommen.

»Ist das so?«, frage ich, während ich um den Schreibtisch gehe und mich neben sie stelle, um einfach mal sofort die Fronten zu klären.

»Ja, in der Tat, Ms Watts«, sagt der größere von beiden. Er hat schon ein wenig schütteres Haar, sieht aber ganz sympathisch aus. »Im Moment sogar ganz konkret. Wir haben gehört, dass Sie in dieser Woche in die USA reisen, um mit den Betreibern der Tacoma Rallye zu sprechen.«

»Das kann sein.«

Der kleinere Mann, der so ein bisschen was von einer Bulldogge hat, fährt fort: »Wir wissen, dass Sie bisher nicht so … sagen wir … gut mit dem Verband ausgekommen sind, aber Ihre Erfolge sprechen für sich. Eine Zusammenarbeit könnte für uns alle von Vorteil sein.«

Aubrey lehnt sich in ihrem Chefsessel zurück. »Was sagt denn Ihr Chef zu diesem … nun ja … Annäherungsversuch?«

Mr Martin beugt sich ein wenig verschwörerisch vor. »Es gibt Gerüchte.«

Als ich zu Aubrey blicke, sehe ich das gleiche Interesse, das mit Sicherheit auch auf meinem Gesicht geschrieben steht. Mist. Wir sind auch einfach solche Lästertanten, dass man uns mit so etwas ködern kann. Aber wir schweigen beide. Dummerweise sind die beiden Herren auch still, um diese Aussage wirken zu lassen.

»Was für Gerüchte?«, fragt Aubrey schließlich, als die Stille unerträglich wird.

Mr Jenkins lächelt. »Dass der gute alte Brandon bei der nächsten Wahl keine Chance mehr haben wird.«

»Interessant.«

»Ich hatte mir gedacht, dass Sie das interessieren würde.«

»Wer hat denn Chancen?«, frage ich.

»Lucian Phelps.«

Dieses Mal schafft es Aubrey, sich nichts anmerken zu lassen, sehr zur Enttäuschung der Emissäre. Die Geschichte zwischen ihr und Lucian ist … kompliziert. Anfangs hatten sie sich ganz gut verstanden, aber nachdem Aubrey sich für Kyle entschieden hatte, ist es merklich abgekühlt. Ich kann gar nicht sagen, ob sie überhaupt noch Kontakt miteinander haben …

»Wie Sie sehen, wird im Verband sehr wahrscheinlich ein neuer Wind wehen.«

»Das glaube ich erst, wenn er mir um die Nase weht«, meint Aubrey.

Mir geht das Herz auf, wenn ich sie so erlebe. Es war nicht einfach für sie, gegen all die Vorurteile anzukämpfen. Nicht nur, weil sie eine Frau ist, sondern auch, weil ihre Vergangenheit quasi auf den Titelblättern der Nation stattfand. Anfangs hat sie sich nicht immer getraut, zu sagen, was sie dachte, aber man wächst an seinen Aufgaben. Heute ist sie ein Vorbild für all die jungen Frauen, die in unserem Team arbeiten, und ich bin sehr stolz, sie meine Freundin nennen zu können. Wenn es nicht vollkommen unpassend wäre, würde ich ein kleines Tränchen verdrücken.

»Wir verstehen Ihre Reserviertheit. Es ist nicht alles optimal gelaufen, aber nicht alle im Verband haben es gut geheißen«, versucht es Mr Martin erneut.

»Das ist mir ehrlich egal. Mir ist tatsächlich auch jemand wie Mr Ford lieber, der mir offen sagt, dass er nichts von mir hält, als Menschen, die versuchen, von unserem Erfolg zu profitieren.«

Wow, das hätte ich ihr gar nicht zugetraut.

Mr Jenkins läuft ein wenig rot an. »Wir wollen zum gegenseitigen Nutzen zusammenarbeiten.«

»Dann sagen Sie mir doch, was genau mein Nutzen sein würde? Dass ich mich damit brüsten kann, auf Verbandstreffen nicht mehr Persona non grata zu sein?«

»Nun, hören Sie mal, junge Dame. Das ist doch keine Art«, mischt sich Mr Jenkins wieder ein.

Aubrey beugt sich nach vorne und stützt die Unterarme auf der Platte ihres hellen Schreibtischs ab. »Ich hab es satt, dass mir irgendwelche Männer sagen, was ich tun soll. Anfangs wollte ich nach den Regeln spielen, aber es wollte mich ja niemand mitspielen lassen, und ich musste begreifen, dass mein Weg ein anderer sein muss. Sie kommen jetzt, weil Rock’n’Rallye das heißeste Team im Verband ist und Sie eine Scheibe von unserem Erfolg abhaben möchten. Aber so lange Sie kein stichhaltiges Angebot haben, in dem klipp und klar steht, was Sie uns anbieten und welche Vorteile uns eine Zusammenarbeit bringen würde, werde ich keinerlei Zusagen machen. Das können Sie auch Lucian Phelps mitteilen. Und außerdem, dass er, wenn er etwas von mir will, doch selbst vorbeikommen soll, statt Mittelsmänner zu schicken.«

Nach Aubreys kleiner Ansprache sind beide puterrot. Nicht einmal der sympathischere Mr Martin scheint jetzt noch so freundlich wie zuvor. »Was erlauben Sie sich?«

»Ich denke, dieses Gespräch ist beendet.«

Unter viel Gemurmel, das ich nicht verstehe, verlassen sie das Büro. Aubrey sinkt in sich zusammen.

»Wow.«

Sie schaut zu mir. »Was?«

»Ich mein, ich war schon immer von dir beeindruckt, aber dieses Mal … Gut.«

»War ich keine Bitch?«

Ich lache. »Oh doch, du warst die Bitch-Queen, aber es ist mal an der Zeit, dass diesen eingebildeten Kerlen jemand zeigt, wo der Hammer hängt. Sie werden es sich zweimal überlegen, ob sie uns noch einmal übervorteilen wollen.«

Sie streicht sich über das Gesicht, wobei ihr Ehering im Licht funkelt. »Ich hatte echt gedacht, dass es irgendwann mal leichter werden würde. Weißt du? Aber im Grunde sind wir von den Aussätzigen direkt zu denen geworden, die man ausnutzen will. Respekt ist etwas anderes.«

»Ich finde, du hast das gut gemeistert. Und so erfolgreich zu sein, dass andere versuchen, davon zu profitieren, muss man sich auch verdienen. So wissen wir, dass wir auf dem richtigen Weg sind.«

»Hast du es nicht manchmal satt zu kämpfen?«

Ich zucke mit den Schultern. »Im Grunde bist du für das Kämpfen zuständig. Ich schütte nur Glitzer drauf.«

Sie lacht. »Was würde ich nur ohne dich machen?«

»Das weiß ich allerdings auch nicht.«

»Musst du wirklich in die USA?«

»Meine Chefin besteht drauf.«

»So ’ne Bitch.«

»Na ja, ich kann sie eigentlich ganz gut leiden.«

»Das ist auch besser so.«

»Mach dir nicht so einen Kopf, was andere denken. Solange wir zufrieden sind, und unsere Sponsoren es auch sind, ist alles in Ordnung.«

Sie greift nach einem Stapel Papier. »Hast du die Anmeldungen für unser Rallye-Camp gesehen?«

Kopfschüttelnd nehme ich die Unterlagen an mich und blättere sie durch. »Wie viele sind das?«

»Dreihundertsechzehn.«

Vor Schreck fallen mir beinahe die Zettel aus der Hand. »Über dreihundert Mädchen interessieren sich für Motorsport?«

»Unglaublich, oder? Das lässt mir echt das Herz aufgehen. Und es bricht bei dem Gedanken, dass wir nicht alle annehmen können.«

Nachdem wir in den letzten Jahren schon viel für die Nachwuchsförderung getan haben, wollten wir dieses Jahr noch einen Schritt weitergehen. In unserem Rallye-Camp sollen Mädchen eine Woche lang erleben, wie es ist, in einem Motorsport-Team zu sein. Sie begleiten unsere Fahrerinnen, dürfen Beifahrer bei Fahrten sein und bekommen ein Kart-Training, das sie zu den Stars auf jeder Bahn machen wird.

»Und wenn wir aufstocken?«

Sie zieht die Augenbrauen hoch. »Aber wir können dann immer noch nicht alle aufnehmen.«

»Alle nicht, aber mehr. Wir müssten mal in den Kalender schauen, aber vielleicht ist es möglich, das Camp zweimal abzuhalten. Und jedes Mal doppelt so viele Mädchen. Klar, das wird eine organisatorische Herausforderung und unsere Mädels müssen mehr arbeiten, aber sie werden sich nicht beschweren. Sie lieben dich viel zu sehr.«

Aubrey lacht, als sie auf den Knopf der Gegensprechanlage drückt. »Marjorie, kannst du mal kommen?«

Kurz darauf erscheint unsere gute Seele. »Ja?«

»Ein bisschen spontan und last minute, aber meinst du, wir können das Camp erweitern? Zweimal eine Woche und jeweils doppelt so viele Mädchen.«

Ihr quellen zwar fast die Augen raus, aber sie sagt: »Ich sehe nicht, wieso das nicht möglich sein sollte. Unser Team ist grandios. Sie schaffen alles.«

»Na, dann packen wir es an.« Marjorie nickt.

»Hey, bevor ich gehe, gibt es noch etwas, was ich wissen muss? Bezüglich Amiland, meine ich?«

Aubrey schüttelt den Kopf. »Eigentlich nicht. Sie wollen eine Kampagne starten, um mehr Frauen in den Sport zu holen, und erhoffen sich Expertise. Daher schicke ich unsere Geheimwaffe.«

»Danke, zu nett von dir.«

»So bin ich.«

»Muss ich auf irgendwas achten? Oder kann ich all unsere Betriebsgeheimnisse preisgeben?«

»Gib sie preis. Wir denken uns dann einfach wieder neue Dinge aus.«

»Alles klar.«

Auf dem Nachhauseweg klingelt mein Handy. Ich kenne die Nummer nicht, gehe aber trotzdem ran.

»Hallo?«

»Spreche ich da mit Taylor Ballard?«

Als ich den Namen höre, läuft es mir kalt den Rücken herunter.

»Ich hab meinen Mädchennamen wieder angenommen. Taylor Watts.«

»Ms Watts, ich bin der Anwalt Ihres Mannes, Gordon Ballard.«

»Ex-Mann.«

»Ex-Mann. Ich habe den Fall erst vor einigen Monaten übernommen, aber es gibt Ungereimtheiten, und wir versuchen, eine Aufhebung des Urteils zu erreichen.«

Ich trete so stark auf die Bremse, dass ich den Geruch von verbrannten Reifen riechen kann. Hinter mir hupt es, aber als ich nicht reagiere, fährt das Auto um mich herum.

»Ms Watts? Sind Sie noch da?«

»Ja.«

»Ihr Mann bittet Sie, ihn zu besuchen.«

»Was?«

»Er möchte, dass Sie zu Besuch kommen. Wir haben Sie bereits auf die Liste der Besucher setzen lassen. Wenn es Ihnen passt, könnten Sie direkt am nächsten Wochenende kommen.«

»Da bin ich nicht da.«

»Oh, okay, dann danach. Ich soll Ihnen ausrichten, dass es ihm sehr wichtig ist.«

»Ich überleg es mir.«

»Tun Sie das. Sie können mich jederzeit unter dieser Nummer erreichen.«

»Danke.«

Nachdem ich das Gespräch beendet habe, lehne ich den Kopf an das Lenkrad. Ruhig atmen. Ruhig atmen. Wieso? Diese Frage steigt in mir auf. Wieso will er mich sehen? Wir haben uns seit fast neun Jahren nicht gesehen, und das ist auch gut so. Wieso würde ihn irgendjemand aus dem Gefängnis entlassen wollen? Er gehört dahin.

Gordon und ich … Das war so eine Geschichte, bei der schon von Anfang an klar war, dass sie kein gutes Ende nehmen würde. Ich war achtzehn, als ich ihn kennenlernte und mich Hals über Kopf in ihn verliebte. Ich kann nicht mehr verstehen, was mich damals angezogen hat, denn er hat seine Attraktivität schnell verloren. Er hatte diese Aura eines Bad Boys, die mich bei anderen auch jetzt noch manchmal in den Bann zieht, selbst wenn ich es gar nicht will. Nicht wirklich kriminell, aber immer mit einer Zehe in der Illegalität. Er war groß, auf eine ungepflegte Art heiß, fuhr ein Motorrad und war ein paar Jahre älter. Es war mit ihm aufregend und ein Wirbelwind an Gefühlen und Lust.

Er war wie eine Droge, von der man nicht genug bekommen kann, und ich habe mich mit allem, was ich war, in diese Beziehung geworfen. Oh Mann, und wie habe ich diesen Trip genossen!

Aus der Zehe in der Kriminalität, wurde der halbe Fuß, dann der ganze, dann das Bein, und auf einmal stand ich allein auf dieser Seite des Gesetzes. Es hat so unglaublich lange gedauert, bis ich begriffen hatte, was er machte. Von kleineren Diebstählen, hin zu Körperverletzung und schließlich Mord.

Oh ja, als ich zweiundzwanzig war, hat er einen Mann erstochen. Von dem Mann, der ab und zu Marihuana rauchte, war kaum noch etwas übrig. Es eskalierte alles so megaschnell. Und dann kam er ins Gefängnis und ich war froh.

Ich war froh, dass er wegen Mord ins Gefängnis kam, denn dann musste ich niemandem erzählen, was er mit mir gemacht hat. Gordon würde für seine Sünden büßen, und ich konnte das schmutzige Geheimnis bewahren, von dem ich nicht einmal meiner Familie erzählt habe.

Und jetzt? Warum will er mich jetzt sehen?

Nachdem er ein Jahr im Knast war, habe ich die Scheidung eingereicht und wieder meinen Mädchennamen angenommen. Und ich habe mir geschworen, nie wieder zu heiraten, weil dabei einfach nichts Gutes herauskommt.

Hinter mir ertönt erneut Gehupe. Vielleicht war es nicht das erste Mal, aber jetzt registriere ich es erst. Ich schaue in den Rückspiegel, setze den Blinker und fahre los. Wohin, habe ich nicht entschieden, einfach weg von dieser Stelle, an der ich diese furchtbare Nachricht bekommen habe.

Als ich plötzlich vor dem Haus von Jared und Dorian stehe, wundert es mich nicht. Mein großer Bruder war schon immer meine Vertrauensperson. Nur das von damals, das habe ich ihm nicht erzählt.

Nachdem ich das Auto geparkt habe, klingele ich an der Haustür.

»Hey, wusste ich, dass du kommst?«, fragt Jared, als er die Tür öffnet.

»Nein, das ist spontan. Kann ich reinkommen?«

»Natürlich! Du bist hier immer willkommen.« Er tritt zur Seite, sodass ich eintreten kann.

»Möchtest du was trinken?«

»Ich würde gerne Wein sagen, aber ich muss noch fahren, daher reicht Wasser.«

Ich gehe ins Wohnzimmer, während er in die Küche geht und schließlich mit einem Glas Rotwein wiederkommt. Fragend sehe ich ihn an. »Wenn du Wein brauchst, ist das so. Im Zweifelsfall fahre ich dich nach Hause.«

»Danke.« Ich nehme das Glas und trinke einen viel zu großen Schluck für diesen edlen Tropfen.

»Was ist passiert?«

Jetzt habe ich den Wein eh schon entweiht, also macht es nichts, wenn ich den Rest des Glases ebenfalls herunterstürze.

»Gordons Anwalt hat mich angerufen.«

»Gordon?«, fragt er ungläubig. Er war nie ein Fan von ihm und war deswegen wenig verwundert, als die Dinge sich entwickelt haben, wie sie es taten.

»Offensichtlich gibt es Ungereimtheiten und sie wollen den Prozess neu aufrollen oder das Urteil aufheben oder was auch immer.«

»Aber er hat jemanden erstochen.«

»Ich weiß.«

»Da ist doch kein Zweifel dran, oder?«

»Er hat es mir gesagt.«

»Dann kommt er also als Mörder frei, weil irgendwelche Fehler gemacht wurden? Das ist doch absurd.«

Ich zucke hilflos mit den Schultern. »Keine Ahnung. Er will mich sehen.«

»Was?« Jared springt auf. »Auf keinen Fall! Was denkt er sich denn? Du sagst Nein.«

»Wieso will er mich sehen?«

»Keine Ahnung! Aber du denkst doch nicht ernsthaft darüber nach?«

Wieder kann ich nur mit den Schultern zucken. »Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es ein Abschluss.«

Er sieht ein wenig fassungslos aus, wie er so vor mir steht. »Das kann doch nicht dein Ernst sein! Wir haben nie darüber geredet, weil du es offensichtlich nicht wolltest, aber wir alle haben die Veränderungen gesehen, Tay.«

»Veränderungen?« Quietsche ich bei dieser Frage? Ich will nicht darüber reden, was passiert ist. Will ihm diese Bürde nicht auflasten.

»Es war, als wäre dein Licht ausgeknipst worden.«

So habe ich mich auch gefühlt, als der Mann, der versprochen hatte, mir kein Leid zuzufügen, diese Sachen mit mir gemacht hat. Als wäre mein Licht ausgegangen.

»Da war immer mehr dahinter, als nur der Ehemann, der ins Gefängnis kam. Und all die Verletzungen, Tay. Immer hattest du behauptet, dass du tollpatschig bist, aber komischerweise hast du dich kaum noch verletzt, als du von ihm getrennt warst. Das hat mir immer zu denken gegeben. Aber er war weg, eingesperrt, keine Gefahr für dich, also habe ich es nicht angesprochen. Wenn du mir jetzt aber erzählst, dass er rauskommt, ist es vielleicht doch an der Zeit, darüber zu reden.«

»Bitte nicht.«

»Was hat er dir angetan?«

Ich schüttele den Kopf, während mir Tränen über die Wangen laufen. Darüber will ich nicht sprechen. Nicht meinetwegen, aber auch nicht seinetwegen.

Jared setzt sich neben mich, greift nach meiner Hand, nachdem er einen Augenblick gezögert hat. Weil er anfängt, mich anders zu sehen. Und das ist auch ein Grund, warum ich nie etwas gesagt habe, weil ich nicht wollte, dass mich irgendjemand plötzlich anders sieht. Als Opfer.

»Schon gut«, sage ich. »Es hat sich nichts geändert.«

Sanft streicht er mir mit dem Daumen über die Wangen. »Ich will dir nicht wehtun.«

»Das könntest du gar nicht.«

Ein trauriges Lächeln erscheint auf seinem Gesicht. »Du musst es mir nicht erzählen, ich weiß es auch so. Vielleicht nicht alles, aber was in meinem Kopf abgeht, ist schon mehr als genug. Mehr muss ich gar nicht wissen.«

»Danke.«

»Aber ich denke, dass du ihn nicht sehen solltest. Das kann nicht gut sein.«

»Ich werd sehen. Das ist ja nichts, was ich sofort entscheiden muss. Aber erstmal denke ich nicht, dass ich ihn sehen will. Trotzdem frage ich mich, warum er es offenbar will. Nach neun Jahren und nachdem ich ihm die Scheidungspapiere in den Knast liefern ließ.«

Er schüttelt den Kopf. »Das weiß ich auch nicht. Wichtig finde ich es allerdings nicht.«

»Ich weiß es nicht.«

»Nicht böse sein, aber dein Gehirn hat schon immer ausgesetzt, wenn es um diesen Typen ging.«

Ein kleines Schnauben entweicht meiner Nase. »Das kann ich nicht abstreiten.«

Eine Weile sitzen wir stumm nebeneinander. Aber es ist diese Art Schweigen, die Verbundenheit ausdrückt. Wir müssen nicht reden, um miteinander zu kommunizieren. Das haben wir nie gemusst. Von all meinen Geschwistern war es immer Jared, der mich auch ohne Worte verstand.

»Möchtest du noch ein Glas?«

»Nur, wenn es dir nichts ausmacht, mich nach Hause zu bringen.«

»Nein, natürlich nicht.«

Er steht auf, greift nach meinem Glas, während ich die Schuhe abstreife, die ich in der emotionalen Panik angelassen habe. Langsam ziehe ich meine Beine an, umfasse meine Knie und lege eine Wange darauf ab. Wenn es mich nur nicht so neugierig machen würde, was er von mir will.

»Hier.« Jared schaut auf die Uhr. »Dorian kommt gleich wieder. Willst du die Kinder sehen?«

Ich nicke. Sie sind mein Antidepressivum. Egal, wie traurig ich bin, sie können mich immer aufheitern.

Ich höre den Schlüssel, der leise ins Schloss gesteckt wird, bevor Dorian ruft: »Wir sind zu Hause!« Und Rosannes hohes Gelächter erschallt.

»Wir sind im Wohnzimmer«, ruft Jared, und hat kurz darauf ein kleines blondes Mädchen in den Armen. Neil kommt langsamer herein, er ist immer ein wenig zurückhaltender. Mittlerweile ist er in unserer Familie aber auch angekommen. Mich liebt er. Aber ehrlich, was kann man da nicht lieben? Jared umarmt auch ihn, während Rosanne zu mir weitereilt und sich in meine Arme wirft. Irgendwann werde ich nicht mehr schnell genug sein, und dann?

Neil setzt sich neben mich, kuschelt sich in meinen Arm.

»Na, meine Lieblinge. Was habt ihr gemacht?«

»Ich war beim Fußball«, teilt Neil mit.

»Oh, wirklich? Und wie war es?«

»Ich hab zwei Tore geschossen!«

»Nein!«

»Doch!« Er grinst, wobei man die kleine Zahnlücke sieht, auf die er auch sehr stolz ist. Wenn die Babyzähne rausfallen, kann man schließlich kein Baby mehr sein. Logisch.

»Und du?«

»Ich zusehen.«

»Warst du stolz auf deinen Bruder?«

Sie nickt. »Und Eis.«

»Du warst stolz aufs Eis oder du hattest ein Eis?«

Rosanne lacht, was bedeutet, sie hat die Frage nicht verstanden. Ist ja aber auch nicht schlimm. Mit zwei Jahren muss man noch keine Raketenwissenschaftlerin sein. Da hat man noch ein, zwei Jahre Zeit.

»Eis lecker.«

»Oh ja, du kommst ganz eindeutig nach Tante Tay. Ich liebe Eis auch.«

Neil meint: »Wir sind nicht bio… Dingsda verwandt.«

Ich zerzause seine Haare. »Wir mögen nicht biologisch verwandt sein, aber wir sind es im Herzen und das ist viel wichtiger.«

»Ehrlich?«

»Ganz ehrlich. Biologie teilt einem seine Familie zu, aber wir haben einander gewählt, weil wir einander wollten.«

Er bemüht sich, ein großer Junge zu sein, versucht nicht zu weinen – wobei ich die Idee, dass Jungen nicht weinen, sowieso schwachsinnig finde. »Dann haben die Dads mich genauso lieb, wie Onkel Oliver Brian und Tim?«

»Ich verrat dir was. Sie lieben dich so, so sehr, dass sie nur dich und Rosie mit nach Hause nehmen wollten und niemanden sonst.«

Der Blick, den er auf Jared und Dorian wirft, ist so voller banger Hoffnung, dass es mir das Herz zerreißt. »Wirklich?«

In Lichtgeschwindigkeit knien diese beiden erwachsenen Männer auf dem Boden vor ihrem Sohn, ziehen ihn abwechselnd in die Arme und erzählen ihm, wie lieb sie ihn haben.

Da denkt man, dass schon so viel Zeit vergangen ist – ein ganzes Jahr! –, seit sie bei uns sind, doch manche Unsicherheit kann man einfach nicht so schnell abstreifen. Aber das Lächeln, das auf Neils Gesicht aufblüht, ist es wert. Jede einzelne Schwelle im Boden, jedes einzelne Schlagloch, jedes noch so kleine oder große Problem ist es wert, weil dieser tolle Junge ein Zuhause gefunden hat.

Rosie ist seine Schwester, und ich bin so froh, dass sie nicht getrennt wurden. Es gab viele Interessenten für das kleine blonde Mädchen, das nicht einmal ein Jahr alt war, aber den älteren Neil wollte niemand ebenfalls adoptieren. Bis mein Bruder und sein Ehemann kamen. Und ich bin darüber so dermaßen froh, weil Neil ein besonderer Junge ist und es einfach verdient hat, großartige Väter zu haben, die ihm helfen, das Leben zu navigieren, und die ihn mit Liebe überschütten.

Jared greift nach meiner Hand, drückt sie. Und wieder einmal verstehe ich ihn auch ohne Worte. Danke.

Drei

»Letzter Aufruf für die Passagiere des Flugs VA 105 nach Seattle. Bitte begeben Sie sich zum Gate. Ihr Flugzeug steht zum Einsteigen bereit.«

Ich eile die langen Flure entlang, um meinen Flug noch zu erwischen. Normalerweise bin ich nie zu spät. Aber normalerweise muss ich auch nicht Last-Minute-Babysitten. Nur eine halbe Stunde, und dann kam Darrel viel zu spät. Na ja, manche Dinge sind wichtiger als Pünktlichkeit – lachende Vierjährige zum Beispiel.

Abgehetzt komme ich am Schalter an, zeige meine Bordkarte.

Die Mitarbeiterin scannt sie, zerreißt sie und gibt mir eine andere. »Einen angenehmen Flug, Ms Watts.«

»Danke.« Ich bin einen Augenblick irritiert, weil ich doch meinen Platz strategisch ausgewählt hatte, sodass mit der größtmöglichen Wahrscheinlichkeit der Sitz neben mir frei bleibt. Ich schaue auf den Sitzplatz, der auf die Karte gedruckt ist. B. Na, toll. In der Mitte. Hoffentlich sind es wenigstens nette Sitznachbarn. Wenn man einander schon beinahe auf dem Schoß sitzt, sollten sie zumindest angenehm sein.

Als ich am Flugzeug ankomme, lächelt der Flugbegleiter. »Bitte hier entlang.«

Ich laufe durch die Business Klasse durch, schaue dann noch mal auf meine Bordkarte, um die Reihe zu suchen. Reihe drei. Okay, die fangen aber bei einundzwanzig an. Häh?

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragt eine junge Frau.

»Ja, bitte. Ich kann meine Reihe nicht finden.« Ich halte ihr die Bordkarte hin.

»Sie sitzen in der Business Klasse. Gehen Sie hier wieder zurück.«

»Business? Das muss ein Fehler sein.« Und dann will ich mir gegen die Stirn schlagen. Wieso sage ich das denn? Einer geschenkten Business Klasse schaut man nicht ins Maul.

»Vielleicht hatten Sie Glück.«

Ich schlucke herunter, was ich sagen wollte, und marschiere zurück, als würde ich Tag für Tag in der Business Klasse fliegen. Als ich auf meinem Platz angekommen bin, nehme ich das bereitliegende Kissen, presse es mir gegen den Mund und quietsche. Der Mann auf der anderen Seite des Gangs schaut mich ganz mitleidig an. Ich kann zwar so tun, als würde mir die Business Klasse gehören, aber wahr wird es dadurch noch lange nicht.

Während ich mich auf meinem luxuriösen Sitz ausbreite – der noch dazu jede Menge Platz für meine langen Beine hat – , frage ich mich, wem ich für dieses unerwartete Geschenk danken kann. Ich suche mein Handy aus der Tasche, um es in den Flugmodus zu stellen, als ich eine Nachricht von Aubrey sehe.

Ich hoffe, du magst deinen neuen Platz. Komm bald zurück. Ohne dich macht die Arbeit keinen Spaß.

Vielleicht lobe ich meine Chefin sowieso schon immer über den grünen Klee, aber ist sie nicht die Beste? Doch ist sie. Ganz eindeutig.

Mit Musik auf den Ohren und Schlafbrille vor den Augen vergehen in diesem bequemen Sitz die neuneinhalb Stunden bis Seattle fast wie im Flug, wörtlich und im übertragenen Sinne.

Im Sheraton in Seattle angekommen, gönne ich mir Room Service, bevor ich in der Badewanne eine Runde schwimme, und dann lasse ich mich in die weißen Laken fallen. Ich habe zwar den ganzen Flug verschlafen, aber wenn Schlafen eine olympische Disziplin wäre, würde ich für England schlafen.

Ausgeruht steige ich am nächsten Morgen in den Wagen, den mir die Veranstalter geschickt haben, der mich die gute halbe Stunde nach Tacoma bringt, wo die Tacoma Rallye stattfindet. Ich war schon ein paar Mal in den Staaten und London ist auch nicht gerade für wenig Verkehr bekannt, aber jedes Mal bin ich erneut über die vielen Autos auf den vielen Spuren erstaunt.

Ich blättere in den Papieren, die ich zur Vorbereitung gelesen habe, aber fokussiert ist etwas anderes. Mein Geist wandert ziellos umher, streift die Arbeit, verweilt bei den Kindern, die mir auch in Gedanken ein Lächeln auf die Lippen zaubern, und bleibt dann bei Gordon hängen. Wieso will er mich sehen?

Genervt schüttele ich den Kopf. In den Jahren seit der Scheidung zusammengenommen, habe ich nicht so viel über ihn nachgedacht wie in den letzten Tagen. Um ehrlich zu sein, war ich auch hauptsächlich erleichtert, und dann war es leicht, einfach nicht an ihn zu denken. Jetzt aber … Was will er nach all den Jahren?

Nein, nein, er soll in der Versenkung bleiben, in der er die letzten Jahre gewesen ist.

»Wir sind da, Miss.«

»Oh, danke.« Mist, eigentlich wollte ich doch noch mal alles durchgegangen sein, stattdessen habe ich meine Zeit mit Gedanken an die Vergangenheit verschwendet. So typisch.

Ich trete auf das unscheinbare Gebäude zu, das nicht einmal ein Schild besitzt. Ob ich hier richtig bin? Ich drücke gegen die Tür, die sich öffnet. Auch von innen macht es keinen besonderen Eindruck: kahle Wände, der Chic einer Arztpraxis vor vierzig Jahren, kaltes Licht.

»Sie müssen Taylor sein«, ertönt ein dröhnender Bass hinter mir.

Ich drehe mich um und entdecke einen Mann, der mir nur bis zur Schulter reicht, aber das freundlichste und einnehmendste Lächeln hat, das ich seit langem gesehen habe.

»Mr Langley?«

»Sagen Sie Peter. Wir sind hier nicht so förmlich.«

Er reicht mir seine Hand, die nicht viel größer als meine ist. Sein Händedruck ist angenehm. Ich mag ihn, beschließe ich.

»Hey, Peter. Danke für die Einladung.«

»Nein, nein, wir haben zu danken, dass Sie uns helfen, den Laden für die Zukunft aufzustellen.«

»Sehr gerne.«

»Kommen Sie. Ich stelle Ihnen alle vor. Jamie ist noch nicht da, aber das ist bei ihm chronisch. Bei all dem Reichtum könnte man denken, dass er sich eine Uhr leisten kann, aber das scheint nicht der Fall zu sein.«

»Ich habe eine Uhr«, kommt eine Stimme wie warme Milch mit Honig von der Tür.

Wie in Zeitlupe drehe ich mich um, muss den Sprecher sehen, will es aber auch irgendwie nicht, um nicht enttäuscht zu werden. Wie wahrscheinlich ist es, dass jemand mit einer solchen Stimme gesegnet und auch noch mein Typ ist? Bitte, lass ihn groß sein! Wo auch immer das herkam, die Stimme hat eindeutig Recht. Als große Frau braucht man einen großen Mann. Wenn man überhaut von brauchen sprechen kann.

Zuerst sehe ich nur eine Silhouette, so viel Licht fällt durch die Glastür, aber als er näher kommt, sehe ich, dass er groß ist, schlank. Mit jedem Schritt erkenne ich mehr. Den gut sitzenden Anzug, der maßgeschneidert sein muss. Die polierten Schuhe, die kaum Geräusche beim Laufen machen. Und dann sein Gesicht.