Mein altes West-Berlin - Tanja Dückers - ebook

Mein altes West-Berlin ebook

Tanja Dückers

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Opis

Inspiriert von Walter Benjamins Buch "Berliner Kindheit um 1900" reflektiert Tanja Dückers ihre eigene Kindheit und Jugend im West-Berlin der 1970er- und 1980er-Jahre. In pointierten Alltags-Betrachtungen lässt sie das Leben und das Lebensgefühl im Westen der geteilten Stadt wieder lebendig werden. Auf der Straße und in Hinterhöfen, hinter Brandmauern und in alten Friseursalons trifft die Autorin auf Kurioses und Trauriges, auf Lustiges und Düsteres, und auch auf Tiere – von Ratten über Füchse bis hin zu Nilpferden.

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Tanja Dückers

Mein altes West-Berlin

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten.

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen.

ebook im be.bra verlag, 2016

© der Originalausgabe:

be.bra verlag GmbH

Berlin-Brandenburg, 2016

KulturBrauerei Haus 2

Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin

[email protected]

Lektorat: Matthias Zimmermann, Berlin

Umschlag und Titelfoto: Manja Hellpap, Berlin

Fotos: Uwe Friedrich, Berlin

ISBN 978-3-8393-0131-9 (epub)

ISBN 978-3-89809-122-0 (print)

www.bebraverlag.de

Inhalt

Vorwort

Auf der Mauer, auf der Lauer

Ü (Türken in Berlin)

Marmortreppe, Hinterhöfe, Rattenloch

Puff

Polenpäckchen

Stangenschloss (Gespenster)

Schecksies

Einschusslöcher

Leysieffer

Wände-Anmalen-Dürfen

Ku’dammladies

Penner

Nutten/Christiane F.

Der katholische Jugendtreff

Peepshow

Savignyplatz

Hier wohnte

Eine Höhle namens West-Berlin

Schränke

Vietnamschiff

Gedächtniskirche

Stümpfe (Weihnachten mit den Großeltern)

Vergangenheit, per se

Mauer

Zoo (Berliner Winter)

Franziskus-Krankenhaus

Alte Kongresshalle

Psychoanalytiker

Schloss Charlottenburg

Autofreie Sonntage

Vom Kindergarten zum Kinderladen (Piratenschiff)

Kinderladen

Altes Gemäuer

Lümmeln und Lesen (Anna Seghers)

Geografie

Déjà-vu

Plötzensee

Sterbende Stadt (Bahnhof Zoo)

U-Bahn

Osten

Tempelhof

Nilpferde (Königsfamilie)

Der Stadtfuchs

Wannsee

Restdeutschland, Wessis (nicht Ressis)

Dreilinden und Helmstedt

KaDeWe

Ostern

Siegessäule

Nationalgalerie

Freie Volksbühne (Kleiderkisten)

Allein zu Hause

Fontane-Bibliothek

Grunewald

Pfaueninsel

Der Unfall (Sonnenblumenkerne)

Brandenburger Tor

Danksagung

Die Autorin

Vorwort

Eines der Bücher, das mich besonders beeindruckt hat, ist Walter Benjamins Berliner Kindheit um 1900. Darin berichtet Benjamin über sein Aufwachsen im Berlin der Kaiserzeit anhand von ausgewählten Objekten des Alltagslebens und von Orten, die er als Kind oder junger Mann aufgesucht hat. Seine Auswahl hat keinerlei lexikalischen Anspruch, ist höchst subjektiv, die Texte zu den verschiedenen Sujets sind unterschiedlich lang. Das Privat-Intime und das Gesellschaftlich-Kollektive der damaligen Zeit mischen sich – es ist, als würde er mit der Lupe einen Fleck auf einer Tischdecke betrachten. Doch das Zimmer, in dem dieser Tisch steht, die Wohnung, die Umgebung ist – mal verschwommen, mal schärfer – immer im Hintergrund zu erkennen. Kritik am Militarismus des Kaiserreichs (Sedantag) wird in die Betrachtung eines Spielzeugs eingeflochten, Unbehagen an der Unüberwindbarkeit von sozialen Schranken, an der großen Kluft zwischen Wohlhabenden und Armen in Kapiteln wie Bettler und Huren geäußert. Die Veränderung des Alltags, der Wandel in Kommunikation und Beziehungen der Menschen untereinander werden in Telefon beschrieben, als die ersten, nicht nur als Fortschritt erlebten Telefonapparate in Berliner Haushalten Einzug hielten.

Vermutlich nahm sich Walter Benjamin auf der Flucht vor den Nazis in Port Bou (einem spanischen Grenzort nahe den Pyrenäen) das Leben. Am 26. September 1940 starb er. Seine Bücher, seine Gedanken aber leben weiter. So ist im Jahr 2002 im Steidl-Verlag ein wunderbares Buch erschienen, für das eine junge Fotografin – Aura Rosenberg – die Orte aus Walter Benjamins Berliner Kindheit um 1900 aufgesucht, fotografiert und mit Auszügen aus seinen entsprechenden Kapiteln versehen hat. Auch ich freue mich, wenngleich nicht in vergleichbarer Form, etwas zur Erinnerung an den großen deutschen Schriftsteller und Philosophen beizutragen, und hoffe, dass seine Berliner Kindheit um 1900 noch oft gelesen wird, nicht nur von Berlin-Interessierten oder Benjamin-Begeisterten.

Benjamins Erinnerungen haben mich dazu angeregt, Momente aus meiner eigenen Kindheit und Jugend in (West-)Berlin in Form von kurzen Alltags-Betrachtungen festzuhalten. Hier besteht absolut kein Vollständigkeitsanspruch, das »alte« West-Berlin, berühmte oder berüchtigte Orte betreffend. Ich gehe von den lückenhaften, persönlichen Erinnerungen des Kindes aus, das ich war.

Der andere Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe, ist folgender: Nach der Wende ist viel über Ost-Berlin geschrieben worden und doch vergleichsweise wenig über West-Berlin – wenn man von Sven Regeners tragikomischem, auf Kreuzberg beschränkten Herrn Lehmann und wenigen anderen Titeln absieht. Dabei hat sich diese Stadt, vielmehr diese Stadthälfte, auch sehr verändert. Die damalige Atmosphäre, die natürlich nicht von allen Berlinern auf gleiche Weise empfunden wurde und deren Wahrnehmung von dem Milieu, in dem ich aufwuchs, geprägt wurde, versuchen die vorliegenden Momentaufnahmen einzufangen.

Seltsam entfernt, fast näher am Zweiten Weltkrieg als am 21. Jahrhundert, wirkt West-Berlin in der Ära des Kalten Krieges im Rückblick heute auf mich.

Tanja Dückers

Berlin, im Juni 2016

Auf der Mauer, auf der Lauer

Wir sahen die Mauer täglich. Zum Greifen nahe war sie für uns. Vom Fenster aus. Sie war nicht wegzudenken aus unseren Leben. Die Mauer trennte unser Haus vom Nachbargrundstück und wir durften auf keinen Fall auf oder über die Mauer klettern. Auf der Mauer hatte jemand spitze Glasstücke befestigt, damit keine Gören über sie hinüberkletterten – in den genauso wenig aufregenden Nachbarhof. Manchmal lasen sich die Eltern aus der Zeitung vor, dass es wieder einen Mauertoten gegeben habe. Jemand war an der Mauer erschossen worden. Erschossen werden wollten mein Bruder und ich natürlich nicht, wobei wir uns nicht wirklich etwas darunter vorstellen konnten. »Erschießen« war Kurz-Umfallen und dann Weiterspielen. Sicher nicht schlimmer, als von der dürren, ketterauchenden Hauswartfrau von gegenüber mit dem Teppichklopfer einen übergezogen zu bekommen. Die Klagen der Eltern über das Ärgernis der Mauer schienen mir eine Weile lang vollkommen kongruent mit meiner eigenen Lebenswelt zu sein.

Vor der Mauer, die bei uns nur »die Mauer« hieß, spielten wir beinahe täglich in unserem Hinterhof. Vor der Mauer standen sieben gefährliche Hexenhäuser – Mülltonnen –, und wir fürchteten uns, in ihre Nähe zu geraten. Je näher man der Mauer kam, desto mehr war man in Gefahr.

Tatsächlich »lebten« die Mülltonnen. Oft genug öffneten sie sich und klapperten, vor allem abends: Dann krochen Ratten aus ihnen, machten die Nacht zum Tag. Ratten gab es ja genug in Berlin, dreimal mehr als Berliner, wie die Hauswartfrau von »drüben« mal gesagt hatte.

Auf der Mauer krabbelten flinke, braune Spinnen und seltsame rot-schwarze-Käfer, die eine Freundin später als Anarchokäfer bezeichnen sollte. Noch ging ich in den Kindergarten – vielmehr einen alternativen Kinderladen – meine Eltern waren ja fortschrittlich und in der Kunstszene tätig. Dort sang ich:

Auf der Mauer, auf der Lauer …

Auf der Mauer, auf der Lauer

sitzt ’ne kleine Wanze.

Auf der Mauer, auf der Lauer

sitzt ’ne kleine Wanze.

Seht euch nur die Wanze an,

wie die Wanze tanzen kann!

Auf der Mauer, auf der Lauer

sitzt ’ne kleine Wanze.

Auf der Mauer, auf der Lauer

sitzt ’ne kleine Wanz.

Auf der Mauer, auf der Lauer

sitzt ’ne kleine Wanz.

Seht euch nur die Wanz an,

wie die Wanz tanz kann!

Auf der Mauer, auf der Lauer

sitzt ’ne kleine Wanz.

In den weiteren Strophen wird aus der Wanz eine Wan, eine Wa und eine W. Die letzte Strophe lautet:

Auf der Mauer, auf der Lauer

Sitzt ’ne kleine –.

Auf der Mauer, auf der Lauer

Sitzt ’ne kleine –.

Seht euch nur die – an,

wie die – – kann!

Auf der Mauer, auf der Lauer

sitzt ’ne kleine –.

Dieses Verschwinden, dieses Aus-der-Welt-Fallen hatte mir immer sehr gut gefallen. Ich wollte oft und gern verschwinden, eine kleine T. werden, die sich im Land der Blubs befindet. Die Blubs sind runde Wesen mit Antennen, die ich mir ausgedacht und aufgemalt hatte und mit denen meine Familienmitglieder jahrein, jahraus zu Geburtstagen und zu anderen Anlässen in Form von kleinen Comics beglückt wurden. Die Blubs hatten eine Eigenschaft, die ich damals sehr gern besessen hätte: Sie konnten die Wände hochlaufen, kopfüber an der Decke entlangspazieren und dann auf der anderen Wand wieder heruntergehen. Jedes Hindernis konnten sie mühelos überwinden. Unsere Hofmauer mit den sieben Hexenhäusern hätte kein Problem für sie dargestellt. Die Blubs hatten nämlich Saugnäpfe unter den Sohlen. Sie konnten auch sehr hoch springen, wegen eines eingebauten Sprungmechanismus’ in den dicken, gepolsterten Füßen. Die Blubs konnten munter über Mauern, Hochhäuser und Siegessäulen hüpfen. Ich wollte gern ein Blub sein, damals, zu Zeiten des Kalten Kriegs. Ein lub, ein ub, ein kleines b.

Ü (Türken in Berlin)

Mein Lieblingsbuchstabe war aber nicht das B wie »Blub«, sondern das Ü. Nun könnte man sagen, das war nicht sehr originell, denn das Ü kam in »Dückers« vor und auch in dem Nachnamen meiner besten Freundin. Mir gefiel neben dem Aspekt des etwas Ungewöhnlichen (ich war auch stolz darauf, Linkshänderin zu sein) das Aussehen des Üs, das an einen lachenden Mund erinnert. Smileys kannte ich damals nicht, erst recht keine Emoticons. Jedenfalls sammelte ich Worte mit vielen Üs. Ich sammelte vieles, unter anderem Kakteen und verrostete Schrauben. Lag es da nicht nahe, Ü-Wörter zu sammeln? Für mich schloss sich das eine nahtlos an das andere an. Für das Sammeln von Ü-lastigen Wörtern war es sehr praktisch, in einer Stadt mit einem hohen Anteil an Türken zu wohnen. Man machte sich damals nicht die Mühe, Wendungen wie deutsch-türkischer Abstammung oder Türkischstämmige zu bemühen, man sagte ganz einfach und furchtbar Ausländer. Was nicht heißt, dass die so bezeichneten Menschen schlechter als heute behandelt wurden. Heute bekommt der Deutsche mit Migrationshintergrund ja trotz korrekter Bezeichnung oft genug zum Beispiel keinen Mietvertrag, weil er eben ein Deutscher mit Migrationshintergrund ist. Ich habe erst kürzlich erlebt, wie man Türken in einer Gartenlaubenkolonie in Berlin einfach kein Grundstück geben wollte – die Begründung war: »Das passt nicht hierher.« Wir entschieden dann, auch nicht dorthin zu passen und lehnten den Kauf einer uns angebotenen Laube ab.

Meine Eltern benutzten aus heutiger Sicht unkorrekte Ausdrücke, aber sie luden die Ausländerkinder nach der Schule zu uns nach Hause ein, und ich machte meine Hausaufgaben gemeinsam mit der Griechin Maria, dem Türken Necmi oder der Jugoslawin Pepita. Vorher aßen wir gemeinsam Mittag, nachher spielten wir zusammen mit Monchichis und Schlümpfen.

Die türkischen Klassenkameraden und Kinder aus der Nachbarschaft freuten sich über mein Interesse an ihrer Sprache. Es gab einige Türken in unserer Nachbarschaft. Heute, im zunehmend segregierten Berlin, würde man fragen: »Bist du in Kreuzberg, Neukölln oder Wedding aufgewachsen?« Die Antwort in meinem Fall: in Wilmersdorf. Aber in dem Haus, in dem meine Eltern lebten und leben, wohnten die unterschiedlichsten Leute: Akademiker, Künstler, biedere Rentner, Familien aus der Mittelklasse bis hin zu etwas zwielichtigen Proleten, möglicherweise, wie geunkt wurde, aus dem Rotlichtmilieu. Türkische, griechische und jugoslawische Familien wohnten in der unmittelbaren Nachbarschaft. In meiner Grundschulklasse hatten sechs Kinder (von 25), ein Viertel, einen sogenannten Migrationshintergrund, wie man heute sagt. Sie lernten alle rasch Deutsch.

Bald merkten die türkischen Kinder in der Nachbarschaft jedoch, dass mein Interesse an ihrer Muttersprache etwas spezialisiert war: Ich wollte nur Ü-Wörter sammeln. Von Türkisch lernen konnte nicht die Rede sein, ich konnte nichts außer Lieblings-Ü-Wörtern, mit denen sich schlecht eine Konversation führen ließ. Ö-Wörter, die man mir gelegentlich unterjubeln wollte, ließen mich kalt. Nein, es mussten Wörter sein wie üsüttüm (ich bin stark erkältet) oder kükürtsüz (ungeschwefelt). Je mehr Üs desto schöner. Und so freute ich mich über Begriffe wie ateş düşürücü ilaç (fiebersenkendes Mittel). Aber auch kürzere Worte wie yüzük (Ring), gümüş (Silber) oder das sehr schöne, heiß geliebte zümrüt (Smaragd) blieben stets Lieblinge. Ich sammele übrigens immer noch. Es war wie so vieles, was ich als Kind begonnen und als Erwachsene nie aufgehört habe zu tun, ziemlich zweckfrei.

Marmortreppe, Hinterhöfe, Rattenloch

Unsere Spiele fanden meist, vor allem als mein Bruder, meine beste Freundin Maria und ich kleiner waren, in unserem Haus oder in der unmittelbaren Nachbarschaft statt. Marmortreppe, Hinterhof und Rattenloch markierten dabei völlig unterschiedliche Epochen Berlins, die wir territorial gleichwertig bespielten.

Auf der unversehrt durch den Krieg gekommenen, im Kaiserreich gebauten imposanten, hohen und steilen Marmortreppe im Vorderhaus spielten wir Vater, Mutter, Kind (später: Polizeistaat versus RAF). Es wurde stets von der Marmortreppe, nie einfach von Treppe gesprochen. Das ist bis heute so. Eigentlich sucht man ja stets nach Abkürzungen, nach Entschnörkelung der Sprache, wir stellten in diesem Fall aber gern zwei Silben davor. Auf dieser Treppe habe ich bis 18 zählen gelernt (so viele Stufen besitzt sie) und den Unterschied zwischen geraden und ungeraden Zahlen begriffen. Mit meinem Bruder und den anderen Kindern aus dem Haus verbrachte ich viele lange Nachmittage auf dem grauen, tristen, für uns aber hochinteressanten Hinterhof mit den Hexenmülltonnen, mit den von den Künstlern aus den Erdgeschosswohnungen aufgestellten, aus Kindersicht etwas seltsamen Skulpturen und der alles abriegelnden Mauer, die nur einen kleinen Blick hin zu dem abweisenden Neubau der anderen Welt hinter oder vor uns erlaubte. Auf dem Hof wurden noch Teppiche geklopft. Sehr altmodisch aussehende Schilder, vielleicht noch aus der Vorkriegszeit, mahnten: »Teppich klopfen nicht vor 5 Uhr«. Anders als heute hockten die Mütter nicht neben uns, wenn wir draußen spielten – wir waren oft stundenlang allein. Irgendwann am frühen Abend reckten die Mütter ihre Köpfe aus den Fenstern und riefen »Aaaambrot!« »Abendbrot« sagte niemand.

Wir gingen selbstständig, ohne den Eltern Bescheid zu geben, auf das weitläufige Gelände vor und neben der Freien Volksbühne und auf den großen an der Meierottostraße liegenden Spielplatz. Oder wir liefen gleich zum Rattenloch, zwischen Fasanen- und Ludwigkirchstraße gelegen. Das Rattenloch war eine Brache, die durch einen Bombentreffer entstanden war. Wie an so vielen Orten in der Stadt blickte man auf eine Brandmauer. Auf dieser konnte man im Laufe der Jahrzehnte viele Graffiti lesen, die den jeweiligen Zeitgeist wiedergaben – von Lummerland ist abgebrannt bis hin zu Kiss me Tender.

Heute jammern viele, insbesondere Zugezogene, über das Verschwinden der zahlreichen Brachen. Zum Teil ist ihr Verlust bedauerlich, zum Teil auch nicht – in jedem Fall haftete vielen Brachen damals noch ein anderer Charakter an, sie waren nicht nur pittoresk-urig-crazy fürs Berlin-Fotoalbum, sondern verbreiteten eine unmittelbare Nachkriegsatmosphäre. Es waren keine coolen Clubs oder Strandbars auf ihnen angesiedelt, keine kleinen, netten Parks oder Spielwiesen, sie waren oft einfach – wie unser Rattenloch eben – ein Zuhause für Berlins größte Bevölkerungsgruppe. Irgendjemand sagte damals mal, was mir als Kind Eindruck gemacht hat, dass in Berlin drei Millionen Menschen und neun Millionen Ratten leben würden. Hatten Maria und ich dort nicht einmal Ratten so groß wie Dackel gesehen? Sie spielten zwischen verdorrten Sträuchern, zertrümmerten Möbeln, kaputten Kinderwägen, zerbrochenen Schallplatten, nassen und schimmeligen Büchern, verfaultem Essen, leeren Plastikflaschen und alten Dosen. Im Rattenloch musste man aufpassen, dass einem keine Konservendosendeckel in die Turnschuhe schnitten.

Im Rattenloch war deutlich zu merken, wer nach dem Zweiten Weltkrieg Herr über dieses bombenzerstörte Gebiet geworden war und wer es nach einem Dritten Weltkrieg erst recht bleiben würde. Mit seinem 1986 erschienen Werk Die Rättin hatte Günter Grass den Nerv des Zeitgeistes getroffen.

Tatsächlich haben wir in meiner Grundschulzeit lange im Unterricht das Thema »Ratten« gehabt – es scheint in West-Berlin nicht ohne Grund auf dem Rahmenplan gelandet zu sein. Bald wusste ich, dass sie einen hervorragenden Geruchssinn haben und sehr intelligent sind. Sie leben in komplexen sozialen Zusammenhängen, in Clans von bis zu über 100 Tieren, die in Untergruppen eingeteilt sind. Diese Clans können sowohl von Männchen als auch von Weibchen angeführt werden. Früher als der homo sapiens sapiens haben sie begriffen, dass eine doppelte Führungsspitze den meisten Gruppierungen gut tut. Meist sind es zwei Ratten, die einen großen Clan anführen.

Einmal stand mir eine Ratte aufrecht auf den Hinterbeinen auf einer Waschmittel-Tonne gegenüber und sah mich an. Ihr taxierend-kritischer Blick ging mir durchs Herz. In ihren Augen sah ich Stolz und furchtlosen Gleichmut, das sture, durch nichts zu erschütternde Selbstbewusstsein Jahrhunderte alter Herrschaft über Stadt, Land und Untergrund.

Die Lehrer sprachen mit Respekt von den Ratten. Wie klug sie seien, wie anpassungsfähig. Man fühlte sich ihnen beinahe ein wenig unterlegen. Ihnen und den ebenfalls allgegenwärtigen, grenzüberfliegenden Tauben. Lange Zeit tastete niemand das Rattenloch an, es hieß immer, es sei zu feucht, um es wieder zu bebauen. Aber vor dem Krieg war es doch bebaut gewesen. Ich hatte das Gefühl, niemand wollte es mit den Rattenclans dort aufnehmen.

Heute ist die Baulücke verschwunden. An der versifften Ecke von einst befindet sich nun ein feines Restaurant, das Gios’ Fagiano. Nebenan wartet Divinos mit teuren Weinen auf sowie Nicos süßes Atelier mit edler Schokolade. Damals war das Rattenloch eine Art gedankliche Leerstelle. Niemand hielt sich länger dort auf. Während Brachen heute Orte der gedrängten Anwesenheit sind, waren sie früher Orte der Abwesenheit. Wenn man durch Berlin spazierte, ob auf dem Schulweg oder einfach so (mir scheint im Rückblick, dass Berlin damals viel langsamer und vertrödelter war), dann waren die vielen Brachen so etwas wie Gedankenstriche – Pausen, Lücken, Unterbrechungen im hektischen Vorwärts-Vorwärts der Stadtmenschen. Das Prinzip des Fehlens und des Zerstörten – die Brachen waren ja gewaltsam geschaffen worden – fraß sich in die eigene Gedankenwelt ein, als Sprung und Absenz, als etwas Disharmonisch-Eruptives, auch Kreatives. Meine Neigung als Kind, immer irgendwo einen kleinen Fehler – absichtlich – zu machen (zum Beispiel beim Aufräumen alle Murmeln in das Murmelglas zu stecken, aber eine zu den Schachfiguren zu legen), passt für mich zu diesem Prinzip.

Puff

Ich ging nicht gern in die Fasanenstraße. Dass in dieser düsteren Straße mal Heinrich Mann gelebt hatte, unweit des Fasanenplatzes, war schwer vorstellbar. Eine Gedenktafel wurde auch erst viel später in der Fasanenstraße 61 angebracht. Und in dem schönen spätklassizistischen Backsteinbau, in dem heute das edle Literaturhaus Berlin und der gut sortierte Buchladen Kohlhaas & Company logieren, befand sich früher ein Bordell. Ansonsten gab es hier so gut wie keine Geschäfte.

Ein bärbeißiger Händler nutzte, über einen ganzen Straßenabschnitt verteilt, mehrere Erdgeschosswohnungen und bei halbwegs gutem Wetter auch den Bürgersteig davor – als Möbellager. Wo kein Möbellager war, da türmten sich Kohlen, und man wurde als Kind ständig weggescheucht oder lief Gefahr, von muskelbepackten Kohlenträgern, die nur nach vorn, aber nicht nach unten schauten, überrannt zu werden. Auf die andere Straßenseite zu wechseln, hatte keinen Sinn, weil sich einem dort das gleiche Bild bot.

Bürgersteig und Straße waren beschädigt. Ihr mieser Zustand sei eine Folge der Verkehrswegeplanung der sechziger und siebziger Jahre, hatte mein Vater mir mal erklärt. Damals hatte man eine auf Stelzen stehende Hochstraße geplant, die sich etwa in Höhe des Fasanenplatzes auf das übliche Straßenniveau absenken und dann in einen Tunnel führen sollte, was den Abriss zahlreicher Häuser zur Folge gehabt hätte. Die Trasse sollte als Zubringer zur Stadtautobahn fungieren. Dass hier in wenigen Jahren noble Galerien, das Käthe-Kollwitz-Museum und Cartier- und Louis-Vuitton-Dependancen eröffnen würden und die Straße zu einer der teuersten der Stadt zählen würde, hatte man sich damals nicht vorstellen können. In der Luft hing Kohlegeruch, und an einer Mauer prangte in schwarzen Lettern: Kein Abriss unter dieser Nummer.

Kein Abriss unter dieser Nummer

Nur eine Bürgerinitiative konnte den Abriss der alten Gebäude verhindern. Natürlich hatte, welch Überraschung, auch Geld für die Umsetzung der großen Pläne gefehlt. Aber es verging einige Zeit, bis sich die Straße wandelte. Der denkmalgeschützte Puff wurde vom Land Berlin erworben und umfassend saniert. Seit 1986 wird er nun als Literaturhaus genutzt. Wenn ich jetzt dort bin, kann ich kaum glauben, dass dies die Straße ist, auf der ich als Kind vor den grimmigen Kohleträgern ausgewichen bin.

Polenpäckchen

Als in Polen das Kriegsrecht verhängt worden war, packten meine Klassenkameraden und ich unter Anleitung in der Schule Polenpäckchen. In der Tagessschau sahen wir, wie Hausfrauen mit Kochlöffeln auf leere Töpfe schlugen. Ihre Gesichter sahen müde und grau aus. Sie trugen andere Kleidung als wir, Schürzen, gelegentlich Kopftücher. In welchem fernen Land passierte das? Wo lag Polen?