Mami Bestseller 49 – Familienroman - Marianne Schwarz - ebook

Mami Bestseller 49 – Familienroman ebook

Marianne Schwarz

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Opis

Große Schriftstellerinnen wie Patricia Vandenberg, Gisela Reutling, Isabell Rohde, Susanne Svanberg und viele mehr erzählen in ergreifenden Romanen von rührenden Kinderschicksalen, von Mutterliebe und der Sehnsucht nach unbeschwertem Kinderglück, von sinnvollen Werten, die das Verhältnis zwischen den Generationen, den Charakter der Familie prägen und gefühlvoll gestalten. Mami ist beliebt wie nie! Unsere Originalreihe hat nach über einem halben Jahrhundert nun bereits mehr als 2.800 neue, exklusive Romane veröffentlicht. Eine sympathische Familie lebt vor, wie schön das Leben sein kann, wie man mit den kleinen und großen Sorgen des Alltags souverän umgehen, wie man Probleme meistern, wie man existentiellen Nöten tief empfundene Heiterkeit und Herzenswärme entgegensetzen kann. Mami ist als Familienroman-Reihe erfolgreich wie keine andere! Dr. Richard Kallbach, Rechtsanwalt, stand auf dem Schild. Das Schild war aus Messing und blank poliert. Es sah irgendwie teuer und vornehm aus. Es war in einen der beiden niedrigen, gemauerten Pfeiler eingelassen, die Stütze für das schmiedeeiserne Gartentor waren. Pfeiler und Gartentor waren Bestandteil einer ziemlich aufwendigen Grundstückseinfassung, die geradezu vorbildlich mit dem flachen, modernen weißen Haus harmonierte, das ein wenig von der Straße abgerückt, inmitten eines großen, sehr gepflegten Gartens lag. Ein kleiner Junge stand vor dem Gartentor. Er mochte acht, vielleicht aber auch schon zehn Jahre alt sein, denn er war zart und schmächtig, man konnte sein Alter schlecht schätzen. Er war sauber, aber nicht besonders gut gekleidet, und er schaute mit großen, sehnsüchtigen Augen zum Haus hinüber. Noch schien er zu zögern, aber dann gab er sich einen Ruck und legte seinen nicht ganz sauberen Zeigefinger auf den Klingelknopf. Er mußte nicht lange warten. Das Gartentor öffnete sich mit einem leisen Summton, und auch die Tür des Hauses wurde geöffnet. Eine nicht mehr junge, ziemlich beleibte Frau mit weißer Kittelschürze und gutmütigem Gesicht zeigte sich in ihrem Rahmen. "Guten Tag", sagte sie freundlich. "Zu wem möchtest du, Kleiner?" Der Junge blickte unschlüssig. "Ich…, ich wollte mal was fragen", sagte er schüchtern. "So?

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Mami Bestseller – 49 –

Warum will mich keiner haben?

Der kleine Hanno ist so allein

Marianne Schwarz

Dr. Richard Kallbach, Rechtsanwalt, stand auf dem Schild. Das Schild war aus Messing und blank poliert. Es sah irgendwie teuer und vornehm aus. Es war in einen der beiden niedrigen, gemauerten Pfeiler eingelassen, die Stütze für das schmiedeeiserne Gartentor waren. Pfeiler und Gartentor waren Bestandteil einer ziemlich aufwendigen Grundstückseinfassung, die geradezu vorbildlich mit dem flachen, modernen weißen Haus harmonierte, das ein wenig von der Straße abgerückt, inmitten eines großen, sehr gepflegten Gartens lag.

Ein kleiner Junge stand vor dem Gartentor. Er mochte acht, vielleicht aber auch schon zehn Jahre alt sein, denn er war zart und schmächtig, man konnte sein Alter schlecht schätzen. Er war sauber, aber nicht besonders gut gekleidet, und er schaute mit großen, sehnsüchtigen Augen zum Haus hinüber.

Noch schien er zu zögern, aber dann gab er sich einen Ruck und legte seinen nicht ganz sauberen Zeigefinger auf den Klingelknopf. Er mußte nicht lange warten. Das Gartentor öffnete sich mit einem leisen Summton, und auch die Tür des Hauses wurde geöffnet.

Eine nicht mehr junge, ziemlich beleibte Frau mit weißer Kittelschürze und gutmütigem Gesicht zeigte sich in ihrem Rahmen. »Guten Tag«, sagte sie freundlich. »Zu wem möchtest du, Kleiner?«

Der Junge blickte unschlüssig.

»Ich…, ich wollte mal was fragen«, sagte er schüchtern.

»So? Was denn?«

Doch der Kleine antwortete nicht. Er schaute die Frau im weißen Kittel nur an, als müsse er sich etwas ernsthaft überlegen.

»Nun, du müßtest mir schon sagen, was du willst«, sagte diese nun und war immer noch freundlich. »Hast du vielleicht Hunger?«

Der Junge schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Ich habe keinen Hunger«, sagte er.

»Was ist denn, Frau Willmann?« rief eine helle frische Stimme aus dem Haus. »Gibt es Ärger?«

»Ach wo, das wohl nicht, Frau Kallbach. Der Steppke sieht nicht so aus, als ob er Ärger machen wollte. Was er aber wirklich will, weiß ich auch nicht.«

»Ach, dann bist du gar nicht Frau Kallbach?« fragte der Junge jetzt eifrig.

Frau Willmann lachte. Sie war nicht gekränkt. »Ich bin die Haushälterin«, gab sie bereitwillig Auskunft.

»Die Haushälterin. Ach so!« Es klang tatsächlich so etwas wie Erleichterung in der Stimme des Kleinen mit, und Frau Willmann betrachtete ihn kopfschüttelnd. Sie ließ jetzt auch eine leichte Ungeduld erkennen.

»Du müßtest mir nun aber doch sagen, was du willst, Kleiner«, forderte sie. »Ich habe nämlich noch eine Menge zu tun.«

»Was gibt’s denn?« Da war wieder die helle frische Stimme, und eine Dame trat neben Frau Willmann. Sie war viel jünger, viel schlanker als die Haushälterin, und natürlich auch viel hübscher mit dem langen blonden Haar, das bis über die Schultern reichte, und mit dem schicken bunten Hosenanzug, der so elegant aussah. »Hallo, Kleiner!« rief sie fröhlich, als sie den Jungen vor dem Gartentor sah, »willst du zu uns?«

»Ich glaube schon«, antwortete der Junge und entschloß sich jetzt erst, durch das Gartentor zu treten und sich der Haustür zu nähern. »Bist du Frau Kallbach?« fragte er hoffnungsvoll. »Gehört dir das schöne Haus?«

»Ja, ich bin Frau Kallbach, und das Haus gehört meinem Mann und mir. Aber warum willst du das denn wissen? Wer bist du überhaupt?«

Der Junge atmete ganz tief. Es war gerade so, als müsse er sich einen letzten Ruck geben.

»Ich heiße Hanno«, sagte er dann tapfer. »Hanno Merten. Und..., und ich wollte mal was fragen.«

»Was willst du denn fragen?«

»Ich wollte fragen, ob…, ob du mich vielleicht haben willst. Du und dein Mann.«

»Ob ich dich haben will?« Die junge Frau Kallbach machte ein ziemlich verblüfftes Gesicht. »Ich verstehe wohl nicht recht.«

»Oder… hast du schon zu viele Kinder?« fragte der Junge ängstlich. »Ist für mich kein Platz mehr da?«

»lch habe überhaupt keine Kinder«, sagte Marina Kallbach. »Habe ich dich also wirklich richtig verstanden? Oder erlaubst du dir nur einen dummen Scherz?«

Hanno schüttelte heftig den Kopf. und seine Augen blitzten fast empört. »Das ist doch kein Scherz, wenn man sich neue Eltern sucht!«

Marina Kallbach schaute erst den Kleinen, dann die Haushälterin fassungslos an und meinte dann schließlich: »Komme erst mal ins Haus, Hanno. Vielleicht sollten wir uns mal ein bißchen unterhalten. Frau Willmann ist sicher so lieb und macht uns eine Kanne Kakao. Du magst doch Kakao?«

»Klar. Aber er muß richtig nach Schokolade schmecken und schön süß sein.«

»Soso«, lächelte die Haushälterin. »Ich werde mich bemühen, deinen Geschmack zu treffen, junger Mann.« Sie nickte der Hausherrin fast verschwörerisch zu und entfernte sich dann in Richtung Küche, die im linken Teil des Hauses lag.

»Dann komm mal mit, Hanno«, sagte Marina Kallbach freundlich. »Wir setzen uns auf die Terrasse. Die Sonne scheint so schön.«

Der Junge nickte ernsthaft und schickte sich an, Marina Kallbach ins Haus zu folgen. Er verschränkte die Hände auf dem Rücken und neigte den Kopf ein wenig zur rechten Schulter hin. Groß und gewichtig waren die Schritte, mit denen er sich der jungen Frau anzupassen suchte.

»Schön ist es hier«, sagte er, während sie durch das große Wohnzimmer gingen, um durch die offenstehende Glastür auf die Terrasse zu kommen. »Und wie viele Blumen und grüne Pflanzen du hast. Das mag ich gut leiden.«

»So, wirklich?« schmunzelte Marina Kallbach. Der Junge begann ihr Spaß zu machen, wenn sie auch keine Ahnung hatte, was er eigentlich wollte.

»lch könnte immer beim Gießen helfen, und auch beim Rasenschneiden. Herr Bauer sagt, das könnte ich gut.«

»Wer ist denn Herr Bauer?«

»Das ist der Gärtner.«

»Der Gärtner – ach so.« Frau Kallbach hatte zwar nicht den geringsten Schimmer, um welchen Gärtner es sich handelte, aber das erschien ihr auch nicht so wichtig. Der seltsame Junge interessierte sie viel mehr.

»Ich darf Herrn Bauer nämlich manchmal helfen«, erzählte Hanno jetzt eifrig, »und das ist die einzige Zeit, wo ich mal ein bißchen froh bin.«

»Sonst bist du nicht froh?«

»Nein, nie.«

»Warum denn nicht?«

»Man kann in einem Heim nicht froh sein. Oder könntest du das etwa?« Große Kinderaugen schauten Marina Kallbach mit traurigem und auch ein wenig vorwurfsvollem Ernst an.

Die junge Frau war betroffen. »Ach, so ist das«, sagte sie. »Jetzt beginne ich zu verstehen. Du bist in einem Kinderheim und fühlst dich dort nicht wohl?«

Hannos Augen füllten sich mit Tränen, aber er schluckte tapfer. Er nickte nur heftig und schaute Marina Kallbach flehend an.

»Bist du jetzt etwa ausgerissen?«

»Nur ein bißchen. Aber ich gehe ja wieder zurück, wenn ich muß. Bitte, bitte, nicht die Polizei rufen!« Jetzt klang Panik mit in der kleinen Jungenstimme, und Marina Kallbach wurde von tiefem Mitleid erfaßt.

»Nein, nein, mein Junge«, beruhigte sie, »die Polizei brauchen wir gewiß nicht hinzuzuziehen. Aber in deinem Heim sollte ich am besten mal anrufen. Man wird sich dort bereits sicher deinetwegen Sorgen machen.«

»Dann werde ich wieder bestraft«, sagte Hanno bedrückt.

»Hast du denn schon einmal einen solchen Ausflug gemacht?«

Hanno nickte. »Schon mehrmals.«

»Ach.« Marina Kallbach schaute ihren kleinen Gast nachdenklich an. »Und warum?«

»Weil ich so schrecklich, so ganz schrecklich gern wieder einen Vater und eine Mutter hätte. Und da habe ich mir gedacht, irgendwo wird es doch vielleicht Leute geben, die sich einen Jungen wünschen. Dann könnte ich ja kommen. Ich wäre auch bestimmt immer artig und folgsam. Aber du brauchst wohl keinen Jungen, nicht wahr? Dann gehe ich am besten wieder.«

In diesem Augenblick kam die Haushälterin Frau Willmann mit einer Kanne dampfenden Kakao zu den beiden. Sie hatte auch noch ein paar knusprige Hörnchen, die vom Frühstück übrig geblieben waren, und Butter und Honig aufs Tablett gestellt.

Marina Kallbach streichelte dem Kleinen mitleidig über das wuschelige braune Haar. »Nun setze dich erst einmal hin«, sagte sie freundlich, und ihre Stimme klang merkwürdig belegt. »Du bist jetzt mein Gast, und da kann wohl niemand etwas dagegen haben, wenn ich dich zu Kakao und Butterhörnchen einlade. Wir können uns dabei in aller Ruhe noch unterhalten, und du kannst mir erzählen, was du auf dem Herzen hast.«

»Und du telefonierst nicht?« Da klang schon wieder ein bißchen Hoffnung mit.

»Sieh mal, Hanno«, sagte sie dann ruhig, »ich kann ja verstehen, daß du Bedenken hast und dich wohl auch ein wenig fürchtest. Aber trotzdem bist du wohl schon groß genug, um auch die Folgen deines Tuns erkennen zu können. Wenn du auch nicht gern im Heim bist, so mußt du doch einsehen, daß man dort für dich verantwortlich ist. Du bist einfach fortgelaufen. Man wird es längst bemerkt haben und sich Sorgen machen. Meinst du nicht, daß es da nur anständig wäre, wir gäben telefonisch Nachricht über deinen Aufenthaltsort?«

»Ja, ja, schon…«, antwortete Hanno zögernd, »aber dann muß ich ja gleich wieder zurück.«

»Ich werde bitten, daß du noch für ein Weilchen hierbleiben darfst.«

»Bestimmt?«

»Sicher, sonst würde ich es nicht sagen. Wir werden auf jeden Fall Zeit haben, uns ausführlich zu unterhalten. Bist du also einverstanden, wenn ich jetzt anrufe?«

Der Kleine kämpfte sichtlich mit sich, seine Blicke wanderten zwischen Marina Kallbach und der Haushälterin hin und her, als suchten sie Beistand und Hilfe, und schließlich nickte er. »Also gut«, sagte Hanno ergeben. »Ich sehe ja ein, daß es sein muß.«

»Siehst du«, lobte Frau Kallbach, »ich habe mir gleich gedacht, daß du ein ganz vernünftiger kleiner Mann bist. Also werde ich jetzt rasch telefonieren, während du nach Herzenslust Kakao trinken und Hörnchen essen kannst. Frau Willmann wird dir dabei Gesellschaft leisten. Nicht wahr, Frau Willmann?«

»Natürlich, gern«, sagte die Haushälterin. »Das würde mir überhaupt Spaß machen, so einen mageren Spatz mal richtig herauszufüttern. Komm, Jungchen, nun iß man schön. Du wirst staunen, wie gut das schmeckt.«

*

Dirk Doering ging unruhig im Leh­rerzimmer auf und ab. Er war sich klar darüber, daß er eine Entscheidung treffen mußte, aber seit einer Stunde zögerte er sie nun schon hinaus. So lange wußte er nämlich bereits, daß einer seiner Schützlinge sich aus dem Gelände des Kinderheims entfernt hatte, und es mußte nun wirklich etwas geschehen. Immerhin konnte das Kind sich ja in Gefahr befinden, und dann würde man ihn nicht nur zur Verantwortung ziehen, er würde sich selbst auch die größten Vorwürfe machen.

Und trotzdem zögerte der junge Lehrer Dirk Doering. Er dachte nämlich an die Folgen für das Kind. Hanno Merten war schon einige Male ausgerissen und hatte die für ihn Verantwortlichen in beträchtliche Aufregung versetzt. Die Heimleitung hatte entschieden, daß man im Wiederholungsfall das Kind nicht länger behalten könne. Hanno Merten würde dann in ein anderes Heim gebracht werden, in einer anderen Stadt, wo die Bewachung wesentlich strenger war und derartige Ausflüge in die Freiheit unmöglich wären.

Der sensible Hanno Merten würde dort endgültig zerbrechen, das wußte Lehrer Doering, aber er wußte auch, daß seine Einwände gegen eine solche Verlegung keinen Erfolg haben würden. Und das war auch wiederum verständlich, denn man trug ja für viele Kinder die Verantwortung, Außenseiter konnten in diesem Rahmen einfach nicht geduldet werden.

Am liebsten hätte Dirk Doering sich selbst auf die Suche nach dem Ausreißer gemacht. Aber wo sollte er beginnen?

In diese Überlegungen hinein klingelte das Telefon. Rasch griff der junge Lehrer nach dem Hörer, und bereits nach den ersten Sätzen seines Gesprächspartners am anderen Ende der Leitung klärte sich seine Miene auf.

»Herzlichen Dank, gnädige Frau«, sagte er erleichtert. »Natürlich haben wir uns Sorgen gemacht. Am besten komme ich gleich vorbei und hole den Ausreißer persönlich ab.«

Doch Marina Kallbach dachte an das Versprechen, das sie ihrem kleinen Gast gegeben hatte.

»Ich hätte eine Bitte«, sagte sie daher. »Lassen Sie Hanno noch für eine Stunde bei mir, er möchte es so gern. Ich verbürge mich natürlich für ihn und werde ihn dann selbst zurückbringen.«

Dirk Doering zögerte. Eigentlich durfte er seine Zustimmung nicht geben, aber er dachte an die Freude, die er dem Kind dann verderben würde.

»Einverstanden«, meinte er darum. »Ich verlasse mich auf Sie, gnädige Frau. Aber ich darf dann eine Bitte äußern. Sagen Sie bitte, wenn man Sie hier im Heim ansprechen sollte, daß ich Hanno beurlaubt habe. Daß er also mit meinem Einverständnis zu Ihnen gekommen sei. Wollen Sie mir das versprechen?«

»Natürlich«, antwortete Marina Kallbach zögernd, »aber ich verstehe nicht…«

»Ich werde es Ihnen später erklären, gnädige Frau. Ich kann mich also auf Sie verlassen?«

»Natürlich«, antwortete Marina kurz.

Sie ging wieder auf die Terrasse hinaus. Ein rührendes Bild bot sich ihr dort. Hanno aß mit sichtlichem Appetit, und Frau Willmann goß ihm gerade wieder Kakao nach.

»Du bist richtig nett«, sagte Hanno begeistert kauend und nach der Tasse greifend.

»Das hast du dir wohl inzwischen überlegt?« fragte Frau Willmann in leicht neckendem Ton. »Vorhin, da draußen an der Gartenpforte, schien es gar nicht so, als wärst du über meinen Anblick erfreut.«

»Ach, das war doch ganz anders«, wehrte Hanno leicht verlegen ab.

»Wie denn? Ich glaube nicht einmal, daß ich mich geirrt habe.«

»Nun ja, das war so...« Hanno druckste herum. »Du bist sehr nett, und das habe ich auch gleich gedacht, als ich dich sah, aber…, aber als Mutter bist du doch ein bißchen zu alt, nicht? Du wärst eine prima Oma, ganz bestimmt, aber… Mütter müssen jünger sein. So wie Frau Kallbach.«

Marina, die den letzten Teil des Gespräches mitgehört hatte, trat nun näher. »Dann wäre ich also eine Mutter, wie sie in deine Vorstellung passen würde?« fragte sie mit leisem Lächeln.

»Ach ja.« Hanno seufzte ganz selbstvergessen. »Aber eigentlich bist du schon fast zu schön. So wie im Film. Mütter müssen ja auch kochen und waschen und manchmal eine Schürze vorbinden.«

»Na, wenn es nur allein daran liegen soll«, lachte Marina. »Du solltest mal erleben, wie lecker ich kochen kann. Aber ich habe immer noch nicht begriffen, wieso der Anblick von unserer lieben Frau Willmann dich zuerst so enttäuscht hat.«

»Ja, weil…, weil ich doch gekommen bin, um zu fragen, ob ihr nicht einen Sohn brauchen könnt, so einen wie ich bin. Und als ich Frau Willmann sah, da habe ich gleich gedacht, sie kann mich bestimmt nicht gebrauchen. Und es hatte doch so viel Mut gekostet, an der Tür zu klingeln. Jetzt mußte ich es also an einem anderen Haus noch mal versuchen, meinte ich. Aber dann kamst du und da..., da habe ich gedacht, vielleicht geht es doch.«

Flehend, ängstlich, aber doch mit ganz zaghafter Hoffnung waren die Kinderaugen auf sie gerichtet. Unwillkürlich wich Marina diesem Blick aus.

Lieber Himmel, das war doch absurd!

Sie selbst war zwar kinderlos, sie sehnte sich seit Jahren nach einem Kind, hatte auch schon an eine Adoption gedacht – wogegen ihr Mann sich beharrlich sträubte – aber daß ihr jetzt ein Kind ungerufen ins Haus kam, ein Kind, das sich seine Eltern selbst aussuchte, das war schon allerlei!

»Ich sehe schon, du kannst mich also auch nicht gebrauchen«, sagte Hanno traurig. »Schade, es ist so schön hier.« Er schob die Tasse von sich, der Kakao schien ihm jetzt nicht mehr zu schmecken. »Ich muß jetzt gehen.«

Sie setzte sich wieder auf ihren alten Platz. »Jetzt wollen wir einmal ernsthaft miteinander reden, Hanno«, sagte sie ruhig. »Du hast dir da etwas ausgedacht, von dem du meinst, daß es ganz einfach sein müsse, und in Wirklichkeit ist es doch sehr kompliziert.«

»Warum denn?«

»Weil es doch ein sehr bedeutsamer Schritt ist, ein fremdes Kind anzunehmen. Ich kann doch nicht einfach sagen: Ich finde dich nett, Hanno, du kannst hierbleiben.«

»Warum kannst du das nicht sagen?«

Die naive Zähigkeit dieses kleinen Burschen war wirklich entwaffnend. Marina fühlte sich regelrecht in die Enge getrieben. Doch dann sagte sie: »Da gibt es einige Gründe, Hanno. Zunächst einmal kann ich es ja ohnehin nicht allein entscheiden, auch mein Mann müßte einverstanden sein.«

»Wünscht er sich denn keinen Sohn?«

Marina Kallbach preßte die Lippen zusammen.

O ja, Richard wünschte sich einen Sohn! Er wünschte sich diesen Sohn sogar brennend, und es hatte in ihrer Ehe schon schwer gekriselt, weil sie ihm diesen ersehnten Sohn nicht schenken konnte. Aber, und das war natürlich

der entscheidende Punkt: Richard wünschte sich einen eigenen Sohn. Kein fremdes, angenommenes Kind, es sollte sein eigenes Fleisch und Blut sein.

Wie sollte sie das dem kleinen Hanno klarmachen, der sie mit seinen großen traurigen Augen unentwegt anschaute.

»Ich weiß es nicht, Hanno«, sagte sie darum zögernd, »ich glaube aber...«

»Ach so, ich verstehe schon«, unterbrach Hanno sie. »Er wird mich nicht wollen, das meinst du doch, oder?«

»Ich mache dir einen Vorschlag, Hanno«, sagte Marina Kallbach eifrig, der Gedanke war ihr gerade gekommen, und sie fand ihn gut. »Gleich steigen wir beide in mein Auto, und ich bringe dich zum Heim zurück. Das muß nun einmal sein, ich habe es versprochen, und du weißt ja wohl auch, daß es nicht anders geht. Eine Strafe brauchst du wohl nicht zu befürchten, der Lehrer, mit dem ich sprach, erschien mir sehr nett.«

»War das Herr Doering?«

»Ja, ich glaube, er nannte diesen Namen.«

»Herr Doering ist prima, den mag ich am liebsten leiden. Aber er muß jetzt richtigen Zorn auf mich haben, denn ich bin während seiner Aufsicht ausgerissen.«

»Nun, vielleicht hat er ein bißchen Verständnis für dich. Ich will auch noch mal mit ihm reden. Aber nun höre den zweiten Teil meines Vorschlages, der wird dir vielleicht besser gefallen. Wir bleiben miteinander in Verbindung, wir beide. Ich werde mich künftig um dich kümmern, werde dich im Heim besuchen und dich auch ab und zu, wenn man es uns erlaubt, abholen. Dann können wir mit dem Wagen Ausflüge machen, wir können zum Baden fahren oder das tun, was du dir gerade wünschst, und vielleicht darfst du hin und wieder für ein ganzes Wochenende oder mal für einige Ferientage zu uns kommen. Na, was hältst du davon?«

»Das wäre schon schön«, meinte Hanno träumerisch. »Richtige Eltern wären zwar besser, aber… ist das auch wirklich wahr? Versprichst du es mir, oder sagst du es nur so einfach?«

»Nein, mein Junge, wenn ich einmal etwas sage, dann halte ich es in der Regel auch. Schließen wir also ein Abkommen, ja? Du läßt dich jetzt brav ins Heim zurückbringen und versuchst, nicht mehr so traurig zu sein. Und ich werde so etwas wie deine Patenmutti und kümmere mich künftig um dich. Ich könnte mir vorstellen, daß wir beide viel Freude an einem solchen Bündnis haben werden.«

»Eine Patenmutti«, sagte Hanno versonnen. »Das klingt gut. Es wäre schon schön, wenn ich eine Patenmutti hätte.«

»Also, dann ist das jetzt abgemacht, Hanno. Wollen wir uns die Hand darauf geben, so wie Erwachsene, die sich etwas versprechen und es auch ganz bestimmt halten wollen?«

Marina Kallbach hielt dem Jungen ihre Hand hin, und dieser nahm sie nach kurzem Zögern, er machte ein rührend ernstes Gesicht dabei.