Mama, was ist ein Judenbalg? - Helmut Clahsen - ebook

Mama, was ist ein Judenbalg? ebook

Helmut Clahsen

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Opis

Wie war es als halbjüdisches Kind, im Alter zwischen vier und vierzehn, in Aachen? Helmut Clahsen erzählt aus seiner Kindheit und über seine Familie: Den Vater, ein Katholik mit NS-treuen Schwes­tern, die versuchen, der Familie ihres Bruders das Leben schwer zu machen. Die Mutter, eine jüdische Konzertpianistin, die leider nur kurz mit ihrer Familie zusammensein kann. Über den verwöhnten und schwierigen Bruder, der lange nicht den Ernst der Lage erkennt. Tante Mary, die jeder Gefahr trotzte und lebensrettende Hilfen gegeben und organisiert hat. Und die couragierte und weise Großmutter, die ihren Lieblings­enkel immer wieder ermahnt, durchzuhalten und sein Erlebtes für die Nachwelt aufzuschreiben. Was er hier auch getan hat! Die Nennung von Straßen und Orten in und um Aachen, in denen Torturen stattgefunden haben, führen dazu, dass die Judenverfolgung nicht mehr weit weg ist - sie bekommt in diesen Lebenserinnerungen ein Gesicht. Der Leser erfährt, was es heißt, sich verstecken zu müssen und eigentlich nicht da sein zu dürfen. Aber er erlebt auch Menschen in und um Aachen, die halfen, ohne große Worte, die ermöglichten, dass Helmut Clahsen überlebt hat und seine Erlebnisse in diesem Buch mitteilen kann

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Helmut Clahsen

Mama, was ist ein Judenbalg?

Eine jüdische Kindheit in Aachen1935-1945

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Impressum

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eISBN 978-3-86933-126-3

Inhalt

Mama, was ist ein Judenbalg?

1935

1936

1937

1938

1939

1940

1941

1942

1943

1944

Mama, was ist ein Judenbalg?

1935

Die Zeit heilt alle Wunden, behaupten Menschen seit Generationen. „Nein!“, sage ich. Die Wunden der Seele heilen nie. Immer werden sie durch Erinnerungen aufgerissen. Alte Wunden brechen auf durch Meldungen der Medien, durch Radio, Fernsehen, Bücher, Filme. Auch durch Filme im Kopf. Sie kommen in der Nacht mit all ihrer in der Wirklichkeit erlebten Angst und Not. Erinnerungen kommen hoch, wenn ich durch die Stadt gehe, in der ich 1931 auf die Welt kam. Schreckliche Grausamkeiten sind in Straßen, in Parkanlagen und Häusern an Menschen verübt worden. Grausamkeiten, die ich, begangen an Verwandten und an mir selbst, erleben und erdulden musste. Wann immer ich – um ein Beispiel zu nennen – am Stadttheater vorüber gehe, fallen mir meine Mutter und meine Tante Gustel ein. Mutter war Konzertpianistin dort und meine Tante war eine Zeit lang an diesem Haus engagiert.

Mamas tägliche Übungsstunden am Klavier, das im Wohnzimmer seinen Platz hatte, sind mir unvergesslich.

Das Instrument faszinierte mich durch das dunkle Holz, die Kerzenleuchter, die wie Gold strahlten, die schwarzen und weißen Tasten. Wenn Mama am Klavier saß, wenn die Kerzen in den Haltern brannten, die Melodien aus ihren Fingern flossen und das Instrument zum Leben erweckten, war ich im siebten Himmel. Ich stand dann auf Zehenspitzen, mucksmäuschen still, meine Finger in dem Seitenteil an der Tastatur verkrallt, lauschte inbrünstig der Musik und sah zu, wie die Hände meiner Mama es fertig brachten, so etwas Schönes in mein Leben zu zaubern.

Mama, das bedeutete für mich, tiefschwarze Haare, blaugraue Augen, Gesang und Musik, Liebe und Geborgenheit und ein starkes Glücksgefühl in ihrer Nähe.

Im Juni 1934 waren meine Eltern mit meinem zwei Monate alten Bruder Heini und mir in eine schöne helle Wohnung in das Johannistal gezogen.

Vater war eine Respektperson für mich. Nie hätte ich gewagt, ihn anzusprechen oder gar auf seinen Schoß zu klettern, wie ich es bei Mama so gerne tat. Verhielt ich mich nicht so wie es ihm genehm war, machte er riesengroße, mir Angst einflößende Augen, stieß mit offenem Mund ein hartes „Äh, Äh!“ aus und schlug zu. Er war ein harter, starker und jähzorniger Mann. Nach seiner täglichen Arbeit im Amt machte er an den Abenden für einige Geschäftsleute Steuerabrechnungen und Bilanzen.

Schwärmerisch sprach Mama oft von ihrer Cousine Gustel. Im September 1935 lernte ich sie endlich kennen. Sie war Sopranistin und Schauspielerin und für einige Monate am Aachener Theater verpflichtet. Ansonsten lebte sie in Berlin. Ihre Besuche waren nicht nur für mich ein Erlebnis. Sie und Mama waren ein Herz und eine Seele. War sie zu Besuch, war Mama noch fröhlicher als sonst. Sie sangen gemeinsam, spielten vierhändig auf dem Klavier, tanzten durch die Wohnung, scherzten und alberten stundenlang.

Ich setzte mich dann still in eine Zimmerecke und hoffte, die Zeit würde nur ganz langsam weitergehen. In ihrer ‘Aachener Zeit’ kam Tante Gustel oft zu Besuch. Sie kam nie mit leeren Händen. Immer hatte sie irgendein Spielzeug dabei. Und Märchen erzählen konnte sie, so spannend, dass ich immerzu davon träumte. Ich mochte sie wahnsinnig.

Mama sagte immer: „Gustel ist ein richtiger Wirbelwind!” Sie hatte feuerrote Haare, ebensolche Fingernägel und Lippen. Ihre Augen waren groß und strahlend blau. Um sie herum schwebte stets eine wohlriechende Wolke. Aufpassen musste ich nur, wenn sie mich umarmen und an sich drücken wollte. Drehte ich meinen Kopf nicht schnell genug zur Seite, dann landete mein Gesicht mitten zwischen ihren großen, betörend duftenden Brüsten. Dabei konnte die Luft etwas knapp werden.

Abends, bevor sie ging, gab es immer ein unvergessliches Zeremoniell. Mama legte mein winziges Brüderchen zu mir ins Bett und darüber hinweg reichten Mama und Tante Gustel sich die Hände und sangen zweistimmig:

„Abends wenn ich schlafen geh’,vierzehn Englein um mich stehn.“

Eines Nachmittags in der Vorweihnachtszeit kam die ‘kleine Oma’ zu Besuch. Sie war Mamas Mutter, und weil sie mit Familiennamen Klein hieß, nannte ich sie ‘kleine Oma’. Sie brachte neue Schokoladentäfelchen für unseren Sarotti Mohr. Das war so ein kleiner Kerl aus Blech, mit einem Turban auf dem Kopf. Vor dem Bauch trug er einen kleinen Kasten, und da hinein kam die Schokolade. Wenn Erwachsene es für richtig hielten, erhielt ich ein Geldstück, steckte es in den Mohren, der nickte mit dem Kopf und ich konnte mir aus dem kleinen Kasten eine Schokoladentafel heraus nehmen.

Oma wollte auf Heini aufpassen, während Mama mit mir zu einer Märchenvorstellung ins Theater ging.

„Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck stand auf dem Spielplan. Das Märchen kannte ich lange schon. Mama und Oma hatten es mir schon oft vorgelesen. Wir saßen ganz nahe an der Bühne. Der Lärm der vielen Kinder im Zuschauerraum verebbte erst, als das Licht langsam verlosch. Der Vorhang öffnete sich und das Märchen zog mich ganz in seinen Bann. Die Bühnenbilder, die sprechenden und singenden Schauspieler faszinierten mich so, dass es mich nicht auf meinem Sitz hielt. Ich kletterte auf Mamas Schoß vor Erregung und Begeisterung. Es kam zu der Szene, wo Hänsel und Gretel sich im Wald verirrt hatten und sich zum Schlafen niederlegen wollten. Gretel, die ganz lange blonde Zöpfe hatte, nahm Hänsel bei den Händen und beide sangen: „Abends, wenn ich schlafen geh’…“

Als ich die Stimmen hörte, explodierte etwas in mir. Mit ganzer Kraft und Lautstärke brüllte ich in die Szene hinein: „Tante Gustel, Tante Gus…!“ Mama hielt mir den Mund zu und versuchte, mich zu beruhigen. Die Akteure auf der Bühne hatten sich nicht stören lassen. Sie sangen mein Nachtgebet wunderschön zu Ende.

Nach der Vorstellung besuchten wir Tante Gustel in der Theatergarderobe. Vor Begeisterung sprang ich an ihr hoch, umarmte sie und wollte sie nicht mehr los lassen.

Ich träumte noch lange von diesem Erlebnis. Hörte die Stimmen, sah die Engel, die den Reigen um die schlafenden Kinder fast schwebend tanzten, um sie zu behüten.

In meinem Leben, besonders in der Kindheit, hatte ich mit Sicherheit viele Schutzengel um mich, die garantiert keine Langeweile gehabt hatten.

Nie wieder habe ich eine Aufführung dieser Oper besucht. Nach den furchtbaren Erlebnissen dieser Zeit und dem grausamen Schicksal meiner geliebten Tante Gustel, die 1944 nach Deportation, Zwangsarbeit und Selektion in Auschwitz durch Gas ermordet worden ist. Zu übermächtig waren die Erinnerungen.

Es war im Sommer 1935. Ich schmuste mit Mama. Mein Kopf lag an ihrem runder gewordenen Bauch und sie streichelte mich. In ihrem Bauch hörte ich richtig lautes Gurgeln und Blubbern. Ich wollte wissen, woher das kam. Mama sagte, dass wir zur Weihnachtszeit ein Brüderchen oder ein Schwesterchen bekommen würden.

Aufgeregt erzählte ich die Neuigkeit Frau Grafen, die auch im Haus wohnte und auf der Bleiche Wäsche auslegte. Sie beugte sich zu mir herunter, nahm meinen Kopf in beide Hände, lächelte mich freundlich an und sagte: „Na ja, mein Kleiner. Ein Judenbalg mehr oder weniger wird unserem Führer bestimmt nichts ausmachen.“

Mit meinen vier Jahren verstand ich keineswegs den Sinn der Worte. Aber ein Wort hatte es mir besonders angetan. Ich lief in die Wohnung und fragte: „Mama, was ist ein Judenbalg?“

Mama sah mich an als sehe sie Gespenster. Sie wurde weiß im Gesicht und ließ sich in den Stuhl an Vaters Schreibtisch fallen. Tränen rannen über ihr Gesicht. Viele, viele Tränen. Sie zog mich zu sich heran, hielt mich umschlungen und weinte. „Warum das alles?“, sagte sie. „Wir haben doch keinem etwas getan.“

Jeden Tag um die gleiche Zeit kam Tante Mary mit ihrem großen, weißen, von dem Pferd Max gezogenen Milchwagen. Sie war Mamas beste Freundin seit Kindertagen. Manchmal durfte ich so lange auf Max sitzen, bis die beiden Frauen ihren Plausch beendet hatten. Tante Mary hatte in der Jakobstraße ein Geschäft für Milchprodukte und Eier. Sonntags, bei gutem Wetter, fuhr sie mitunter mit dem Landauer bei uns vor und lud uns zu einer Ausfahrt ein. Max war zu solchen Anlässen mit seinem besten Geschirr herausgeputzt worden. Es glänzte vor lauter ‘Gold’. Seine Mähne war geflochten und mit Schleifen geschmückt.

Das waren sehr schöne Erlebnisse für mich. Besonders, wenn die Familie Grafen bei der Abfahrt vom Fenster aus zuschaute und aus Neid hässliche Schimpfworte rief.

Besuchte Vater ‘Oma Gärtchen’, dann musste ich mit. Vaters Mutter wurde so genannt, weil vor dem Haus, in dem sie wohnte, ein kleines Vorgärtchen angelegt war. Sie war sehr alt, konnte nicht sprechen und saß bei gutem Wetter unter einem Fliederstrauch und starrte geradeaus. Vermutlich merkte sie gar nicht, wenn jemand bei ihr war. Versorgt wurde sie von Tante Adele, einer kleinen, dürren, unverheirateten Schwester meines Vaters, die ihren Lebensunterhalt damals als Schneiderin verdiente. Außer dummen Sprüchen gab es bei ihr nichts. Kein Essen, kein Trinken. Zum Naschen schon gar nichts. Meldete ich mich, weil ich Hunger hatte, sagte sie: „Leck Salz, kriegste auch Durst.“

Grundsätzlich musste ich um halb acht abends ins Bett. An solchen Tagen war Vaters fanatische Pünktlichkeit eine Erlösung für mich.

Irgendwann gab es Streit um meinen Wipproller. Weil Kurti Grafen keinen Roller hatte, wechselten wir uns selbstverständlich beim Rollerfahren ab. An diesem Tag nicht. Er wollte mir den Roller nicht mehr zurückgeben.

Seine Mutter, die vom Fenster aus zuschaute, ermunterte Kurti und rief ihm zu: „Fahre so lange du willst, Kurti. Die Juden haben dir nichts zu sagen.“

Das ‘Juden’ mir galt, hatte ich begriffen. Mama würde bestimmt wieder weinen, wenn sie es hören würde.

Kurti wurde dreister und rief mir zu: „Mein Papa hat gesagt, ich kann dir alles abnehmen, was ich will und du kannst nichts machen. Wenn du dich wehrst, steckt er dich in ein Konzentrationslager und ich kriege alle deine Spielsachen.“

Ich hatte eine unbeschreibliche Wut in mir. Genau in der richtigen Sekunde handelte ich blitzschnell: Ich trat gegen das Vorderrad des Rollers, und Kurti prallte mit großem Schwung auf das Pflaster. Der Roller war wieder mein. Ich lief ins Haus und fragte Mama: „Mama, was ist ein Konzentrationslager?“

„Da muss ich erst Papa fragen. Ich weiß so was nicht“, sagte sie. Vater verbot mir, in Zukunft mit Kurti zu spielen. Was ein Konzentrationslager ist, habe ich damals nicht erfahren.

Herr Grafen trug meist eine braune Uniform mit Hakenkreuzbinde und eisenbeschlagene Stiefel. Wenn er überhaupt einen Gruß erwiderte, brüllte er „Heil Hitler!“, dass es durch das ganze Haus schallte. Ich mochte niemanden mehr aus dieser Familie. Vater nannte ihn nur noch den Orang Utan. Frau Grafen ließ keine Gelegenheit aus, Mama Schimpfworte nach zu rufen, in denen das Wort Jude vor kam. ‘Judenschweine’ war ihr liebstes Schimpfwort.

Seit das so war, ging Mama an schönen Tagen mit uns spazieren statt in den Garten. Meistens gingen wir zu einem Spielplatz, der am Ende unserer Straße im Schatten riesiger Kastanienbäume lag. Kurz bevor Vater vom Dienst kam gingen wir nach Hause. Ich durfte ihm die Türe öffnen und die Aktentasche abnehmen.

Eines Tages wurde diese Gewohnheit schmerzhaft unterbrochen. Ich stürmte in den Hausflur um das zu tun, was ich schon immer getan hatte. Kurz vor den Treppenstufen, die zur Haustüre hinunter führten, griff mir jemand in den Nacken und wirbelte mich herum. Grafen. Mir wurde Angst und Bange. Blitzartig fielen mir Kurtis blutige Knie und das KZ ein. Grafen packte mich bei den Hosenträgern meiner Krachledernen und hob mich hoch. Schmerzhaft prallte ich mit dem Rücken gegen die Flurwand. Seine Stimme klang gefährlich, als er leise und drohend fragte: „Will der kleine Judenlümmel nicht mehr grüßen?“ Meine Beine baumelten hilflos in der Luft. Vor Angst und Schmerzen, die der Mann mir zufügte, konnte ich kaum atmen.

Vater betrat den Hausflur, stürmte die sechs Stufen hoch, packte Grafens Hals mit beiden Händen, riss ihn von mir los und schleuderte ihn an die gegenüber liegende Wand.

Ich war auf den Boden gefallen, zur freien Wand an der Treppe gekrabbelt und war nicht fähig, einen Laut von mir zu geben. Mit einem klatschenden Geräusch landete eine Faust meines Vaters in Grafens Gesicht, dann schleuderte er ihn die Steinstufen zur Haustüre hinunter.

Reglos lag Grafen auf dem Boden. Vater machte Anstalten auf ihn drauf zu springen, da gewahrte er mich und sprang nicht.

Gelähmt vor Angst und Schrecken stand ich in einer kleinen Pfütze zu meinen Füßen. Vater erfasste meinen Arm und zerrte mich in die Wohnung. „Komm, komm, wir müssen weg!“, rief er der völlig überraschten Mama zu. „Frag nicht, mach zu!“, würgte er ihre Fragen ab. Hastig wurden ein paar Kleidungsstücke in zwei Taschen gestopft, dann verließen wir die Wohnung und gingen eilig zu Tante Mary. Ich verstand das alles nicht. Vater hatte doch gesiegt, hatte Grafen verprügelt.

Vater ging zur Polizei, um Grafen anzuzeigen.

Er kam erst nach Tagen zurück. Mama und Tante Mary hatten sich große Sorgen um ihn gemacht. Ich nicht. Ich glaubte, Vater wäre der stärkste Mann der Welt. Hatte ich doch gesehen, wie er Grafen verprügelt hatte. Wir waren entsetzt, als wir ihn sahen. Das Gesicht zerschlagen und verquollen. Er hatte gebrochene Rippen, konnte kaum atmen. Es dauerte Tage, bis er sich soweit erholt hatte, dass wir in unsere Wohnung zurückgehen konnten.

Die Wohnungstüre war aufgebrochen, in den Räumen ein Chaos. Schubladen waren auf dem Boden ausgeleert. Das Elternschlafzimmer fehlte, unsere Betten auch. Ebenso die Kücheneinrichtung und die Möbel aus dem Wohnzimmer. Alle Spielsachen waren fort. Mein Wipproller, den Onkel Hans mir geschenkt hatte, die Wasserburg, alles fort! Das Klavier und der Schreibtisch standen noch an ihren Plätzen. Der Fußboden war mit zerrissenen Notenblättern und anderen Papieren bedeckt.

Mama war verzweifelt. „Warum nur? Warum nur?“, sagte sie immer wieder weinend und schluchzend.

Unbemerkt hatte unser Nachbar die Wohnung betreten. Erschrocken fuhren wir herum, als wir seine Stimme hörten. „Die Braunen haben alles auf Lastwagen geladen und abtransportiert. Der Grafen hat die Kinderbetten und die Spielsachen an sich genommen. Nimm dich in Acht, Heinz, der knallt dich ab! Seit Tagen trägt der eine Pistole.“

Ich hatte Angst! Weil Kurti nun meine Spielsachen hatte, glaubte ich, er würde auch sonst Recht behalten. „Komme ich jetzt in ein KZ?“, fragte ich.

Rasend vor Wut brüllte Vater, dass es durch die leeren Räume schallte:“ Keiner von uns kommt in ein KZ!“

Wir gingen zu Tante Mary zurück. Mama weinte während des ganzen Weges. Als wir angekommen waren, fand Vater, die Wohnung der Tante sei auf Dauer zu klein für uns alle. Er wollte mich bei seiner ältesten Schwester unterbringen, bis er die nötigsten Möbel und andere Sachen für unsere Wohnung aufgetrieben hatte. Er machte sich mit mir auf den Weg.

Ich mochte die Tante nicht. Sie war immer so patzig zu Mama und mir, wenn sie uns besuchte. Und den Sarotti Mohr raubte sie auch jedes Mal aus, ohne Geldstücke hinein zu werfen. Einfach so, mit einer Haarnadel öffnete sie den Mechanismus.

Sie lehnte Vaters Bitte ab. Lautstark nannte sie Mama eine ‘Judenschlampe’, uns Kinder ‘Judenbastarde’ und verlangte von ihm, sich von Mama und uns zu trennen.

Ich sah Vater an, wie wütend er war. Er trug mich auf den Schultern zur Jakobstraße, weil ich nicht so schnell laufen konnte wie er in seiner Wut.

Ich war froh über seinen Misserfolg. Bei Tante Mary gefiel es mir viel besser. Schlimm fand ich, dass uns auch Vaters Schwester so beschimpfte.

Am anderen Tag saß ich neben Mama auf dem Sofa. Sie verbarg ihr Gesicht in den Händen, wollte ihre Tränen unsichtbar machen. Es tat mir weh, sie so traurig zu sehen. Ich schmiegte mich an sie und legte meine Arme um sie. Tante Mary sagte zu ihr: „Mache dir keine falschen Hoffnungen. Von der katholischen Seite der Familie hast du keine Hilfe zu erwarten.“

Zu meiner großen Überraschung durfte ich abends zur ‘kleinen Oma’. Die brachte mich morgens zu meinem Freund Friedel, wo ich den Tag über blieb. Abends holte Vater mich wieder ab und brachte mich zur Oma zurück.

Die ‘kleine Oma’ war gar nicht mehr so zimperlich mit dem, was ich hören durfte und was nicht. Weil mir alles, was sie sagte, wichtig war und ich es begreifen wollte, fragte ich viel und sie gab sich alle Mühe mit ihren Erklärungen. Sie hatte ein Tabakwarengeschäft auf dem Büchel. Auf der Schaufensterscheibe prangte ein großer gelber Stern und eine Schrift. Ich wollte von ihr wissen, was das zu bedeuten hatte.

„Nu ja“, sagte sie, „einmal musst du doch alles erfahren.“

Dabei strich sie mir mit beiden Händen zärtlich über Kopf und Wangen. Ihr Gesicht war nicht mehr froh und lustig wie früher. Sie zog mich auf ihren Schoß und sah mich an. Aber mehr so, als sei ich durchsichtig gewesen. Diesen Gesichtsausdruck kannte ich von Mama.

„Alles ist anders geworden“, sie sprach leise und eindringlich, wobei sie uns in einem langsamen Rhythmus vor und zurück schaukelte. „Die braune Bande will uns umbringen. Wir können uns nicht wehren.“ Mit den Handballen wischte sie ihre Tränen aus den Augen. „Deine Mama darf nicht mehr öffentlich auftreten. Tante Gustel auch nicht. Judenfrei soll die deutsche Kunst werden und bleiben.“ Sie starrte mit tränennassen Augen aus dem Fenster und schaukelte ununterbrochen weiter. Schluchzend und stockend sagte sie: „Sie haben uns den Davidstern auf die Scheiben gemahlt. Darüber steht: Kauft nicht beim Juden! Juda verrecke! Onkel Hans haben die Braunen schon ein paar mal die Schaufensterscheiben seines Geschäftes zerschlagen. Onkel Aaron darf als Rechtsanwalt nicht mehr arbeiten. Onkel Walter musste seinen Großhandel einstellen. Ach mein Kleiner“, schluchzte sie und versuchte ihre Tränen zu trocknen, „ich darf alles verkaufen, was ich im Laden habe. Manchmal steht ein Brauner vor dem Fenster um zu verhindern, dass jemand meinen Laden betritt, der kein Jude ist. Wem soll ich etwas verkaufen? Juden trauen sich nicht her. Sie müssen dem braunen Pack aus dem Weg gehen. Geld haben sie auch immer weniger. Einkaufen darf ich nur beim jüdischen Händler, aber der hat nichts mehr zu verkaufen. Wovon soll ich leben?“, Oma drückte mich ganz fest an sich und schaukelte schluchzend weiter.

Ich hatte begriffen, dass die Braunen alle wie der Grafen waren und dass meine arme, liebe Oma würde hungern müssen, wenn sie nichts mehr verkaufen konnte. Ich kannte nur einen Menschen, der hier helfen konnte, und deshalb würde ich Tante Mary von Omas Not erzählen.

Omas altes Haus gefiel mir. Im Erdgeschoss war der Laden. In der ersten und zweiten Etage ihre Wohnung. Die Möbel waren mit aufwändigen Schnitzereien verziert. Auf dem Boden und auch an den Wänden lagen und hingen ‘ihre Altersversorgungen’, so nannte sie ihre Teppiche und einige Bilder.

Während ich mir auf einem kleinen Tisch mit krummen Beinen die in Silber gerahmte, zum größten Teil unbekannte Verwandtschaft ansah, bereitete Oma in der Küche das Abendbrot zu. Extra für mich machte sie ‘Arme Ritter’. Ich konnte es kaum erwarten, die nach Vanille duftenden, mit Zimt und Zucker bestreuten Köstlichkeiten vor mir zu haben.

Später durfte ich in ihrem schönen großen Bett schlafen.

Vater brauchte drei Wochen, um bei christlichen und jüdischen Organisationen Möbel und gebrauchte Gerätschaften für unsere Wohnung zusammen zu betteln. So schön und hell die Wohnung auch war, in ihr wurde ich meine Angst nicht los. Dagegen halfen auch die zusätzlich zu unserer Sicherheit an der Korridortüre angebrachten Eisenstangen nicht. Wenn Grafen das Haus verließ oder zurück kam, schlug er mit der Faust gegen unsere Türe und machte uns Angst. Einige Male fand Mama einen stinkenden Haufen vor der Türe.

Mama weinte viel und Vater hatte immer schlechte Laune. Tante Mary und unsere Nachbarin kamen oft zu uns. Die Nachbarin kochte für uns, weil Mama sich wegen der bevorstehenden Niederkunft nicht bewegen durfte.

Am zweiten Weihnachtstag brachte Vater Mama ins Marianneninstitut, und am 30. Dezember 1935 bekamen Heini und ich ein Schwesterchen – Luzi.

Vater hatte Tante Ida, seine jüngste Schwester in die Wohnung geholt, um während Mamas Abwesenheit für uns zu sorgen. Sie war für Heini und mich ein einziger Alptraum. Es war für meinen achtzehn Monate alten Bruder und mich eine schlimme Zeit. Wir durften kein lautes Wort mehr sagen. Heftige Ohrfeigen, Prügel mit Stock und Kochlöffel waren an der Tagesordnung. ‘Judenpack’ wurden wir genannt. Oft sagte sie: „Wenn unser armer Bruder euch Dreckspack nicht am Hals hätte…!“

Tante Mary brachte Milch, Butter und Eier wie immer. Um zehn Uhr kam Vaters älteste Schwester Billa und holte einen Teil der Sachen ab. Den anderen Teil nahm Tante Ida mit nach Hause. „Die Juden sind alle auf unsere Knochen fett geworden“, sagten sie. „Die Sachen sind ab sofort nur noch für gute deutsche Christenkinder. Bastarde brauchen keine Milch. Wir werden unseren Bruder von der jüdischen Pest befreien.“ In den Haferbrei, mit dem Tante Ida uns fütterte, kam nur noch Wasser. Kein Zucker und schon gar keine Milch mehr. Sie ließ Tante Mary nicht mehr an uns heran, beschimpfte, bedrohte und erpresste sie. Sie sollte ihr die Dinge gratis liefern, andernfalls würden Vaters liebe Schwestern der Kreisleitung eine Empfehlung zukommen lassen. Tante Mary fügte sich.

Ich hasste diese Weiber!

Der Brotschrank war verschlossen, damit ich mir nicht heimlich Nahrung besorgen konnte. Ich hatte fürchterlichen Hunger und nicht den Mut, Vater unser Leid zu klagen, wenn er in der Nacht nach Hause kam. Ich hörte ihn Nacht für Nacht heimkommen, weil ich vor Hunger nicht schlafen konnte.

Eines Tages, als die Hexe meinen kleinen Bruder wieder einmal unbarmherzig mit einem Kochlöffel verprügelte, weil er in die Hose gemacht hatte, explodierte ich. Mit Anlauf rammte ich ihr meinen Kopf so heftig in den Bauch, dass wir beide zu Boden stürzten. Sie war gegen die Mauer neben der Balkontüre geprallt und blieb bewusstlos liegen. Ich riss meinen schreienden Bruder vom Küchentisch und floh zu unseren Nachbarn. Nachdem ich ihnen erzählt hatte, was ich gemacht hatte, brachte die Nachbarin uns zu Tante Mary.

Vater kam später auch und war außer sich über das, was ich getan hatte. Er war nicht dabei gewesen, wenn die Hexe uns ‘Judenbastarde – unnütze Fresser – Judenschweine’ nannte, die besser bei Wasser und Brot krepieren sollten.

Er rastete aus. Der erste Schlag raubte mir das Bewusstsein. Tagelang hörte ich nichts und konnte nicht aufrecht sitzen oder stehen, waren Gehör und Gleichgewicht gestört. Seit diesem furchtbaren Schlag hatte ich jedes Vertrauen zu ihm verloren.

Tante Mary glaubte er die Erpressung durch seine Schwestern nicht.

1936

Es war ein Sonntag im Januar 1936, an dem wir wieder zu unserer Mama und dem neugeborenen Schwesterchen nach Hause durften.

Tante Mary brachte uns zum Johannistal. Als ich die Wohnungstüre sehen konnte, erschrak ich dermaßen, dass ich Tante Mary mit einem Ruck nach hinten riss und weglaufen wollte. Sie verhinderte das. Vor uns, im Rahmen der Türe, stand die gesamte Phalanx der Familiendrachen und Hexen. Bitterböse Gesichter starrten uns an. Mama und Vater sah ich nicht. Ich sah nur diese lebendige Mauer der Ablehnung und der Gefahr.

Billa, die größte der drei, stämmige Figur, kräftige Arme, stechende Augen, die immer bösartig starrten, keifendes, hämisch klingendes Lachen. Unangenehm laute, wie Blech klingende Stimme. Ihre große starke Nase machte die Warnung ihres Äußeren, ihr ja nicht zu nahe zu kommen, perfekt.

Die saure Adele, dürr, als ob sie niemals satt geworden wäre, fast schon durchsichtig; uns gegenüber immer boshaft. Sie lachte nie.

Ida, die Hexe, klein von Wuchs. Die Beine, wenn man vor ihr stand, beide nach außen links krumm verwachsen. Eiskalte Eulenaugen. Die Nase so krumm wie ein zu lang geratener Papageienschnabel. Auch ihre Stimme klang wie Blech.

Oma und auch Tante Mary sagten, die Natur habe diesen Frauen das Aussehen gegeben, das ihnen zukäme. Wehe dem Menschen, der ihrer Boshaftigkeit zum Opfer fallen würde.

Wir wurden in die Wohnung gezerrt. Der Drachen brachte uns ins Elternschlafzimmer zu Mama und dem Schwesterchen. Sie schloss uns ein. Tante Mary hatte nicht in die Wohnung gedurft.

Im Wohnzimmer stritt Vater mit seinen Schwestern, die sich nicht genierten, uns mit ihren Schimpfworten zu belegen. Sie schrieen laut. Wir hörten jedes Wort. Auch als Billa sagte: „Dann soll der Führer sich doch die verdammten Bastarde und das Judenweib holen, dann können wir wenigstens in Ruhe leben.“

Wir blieben so lange eingeschlossen, bis unser Schwesterchen versorgt werden musste. Billa wollte Mama am Verlassen des Schlafzimmers hindern.

„Geh’ mir aus dem Weg!“, befahl Mama akzentuiert und drängte Billa unerbittlich zurück, um sich frei in der Wohnung bewegen zu können.

Ich hatte Mama noch nie so hart sprechen hören. Vater hatte nichts getan, um ihr zu helfen.

Die Weiber keiften und stritten noch lange mit Vater. Den Grund dafür erfuhr ich später durch Oma. Vater hatte ein Schreiben von der Behörde erhalten, in dem er ersucht worden war, sich von seiner jüdischen Ehefrau und den Kindern zu trennen, andernfalls eine Entfernung aus dem öffentlichen Dienst erfolgen müsse. Die Nürnberger Gesetze vom 15. September 1935, insbesondere das Gesetz zum Schutze Deutschen Blutes und der Deutschen Ehre, wurden als Grund angeführt.

So viel die unheimlichen Schwestern auch orakelten, schimpften, ihm drohten und uns verfluchten, er war nicht bereit, sich scheiden zu lassen.

Mama hatte den Haushalt wieder übernommen. Es gab keinen Hunger mehr und keine Schläge, aber so fröhlich wie früher war Mama nicht mehr.

Tante Mary besuchte uns täglich, huckelte unser Baby, plauderte mit Mama und fuhr wieder mit Max und dem Milchwagen fort. Auch Friedels Mutter kam oft auf einen Sprung vorbei. Sie sprachen meist über die Nazis und deren neue Gesetze, die sich immer schlimmer gegen die Juden richteten.

Eines Tages nahm Mama mich nach so einem Gespräch auf den Schoß und erzählte mir von Gott, der alle Menschen erschaffen hatte und ihnen ein Gebot gab, an das sie sich halten sollten. Es lautete: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

Ich saß, wie meist, ihr gegenüber auf ihrem Schoß. Sie sah mir in die Augen und sagte nach einer Weile sehr nachdenklich. „Ich weiß nicht, wie unsere Familie in einigen Jahren aussehen wird. Wie es ihr ergehen wird. Wir haben schlimme Zeiten und den jüdischen Menschen wird großes Unrecht angetan. Versuche deine Geschwister zu beschützen und hüte dich vor Papas Familie. Bete zu Gott und bitte ihn und deine Schutzengel um Hilfe.“

Mir war ganz eigenartig geworden bei ihren Worten. Ich fühlte ganz genau wie ernst sie war und welch große Angst sie hatte.

Im Frühjahr 1936 besuchten wir die vierte Schwester unseres Vaters. Wir hatten sie wohl auch früher schon besucht, aber nicht oft und ich hatte keine besondere Erinnerung daran, obwohl sie und ihr Mann meine Paten waren. Vater hatte uns katholisch taufen lassen, weil er geglaubt hatte, uns dadurch vor dem Rassenwahn der Nazis schützen zu können.

Tante Therese und Onkel Fritz hatten in der Nähe des Domes ein Fahrradgeschäft. Mein Vetter Christian war ein halbes Jahr jünger als ich. Sie waren sehr freundlich zu uns. Nachdem wir Kuchen und Kakao bekommen hatten, spielte Onkel Fritz Puppentheater in Aachener Mundart. Bis auf eine Bemerkung der Tante beim Abschied, fand ich diesen Besuch ganz prima.

Sie sagte zu Mama: „Besuche uns ruhig öfter. Wir sind doch trotzdem eine Familie.“ Das ‘trotzdem’ betonte sie extra und zog dabei ein wenig hilflos die Schultern hoch. Es klang eigenartig.

Mit Mama und Oma besuchten wir auch Verwandte der jüdischen Familie. Besonders gerne gingen wir zu Omas Bruder.

Onkel Jupp hatte eine Herrenschneiderei in der Stadt, bevor die Braunen ihm durch die Nürnberger Gesetze das Geschäft ruiniert hatten. Das Gesetz verbot ihm, den Betrieb aufrecht zu erhalten. Deutsches Personal durfte er nicht mehr beschäftigen. Noch litten er und seine Familie keine große Not. Es gab immer noch einige reiche Juden, die bei ihm arbeiten ließen. Außerdem hatte er das schöne große Haus, in dem sechs Mietparteien wohnten. Die jüdischen Familien zahlten ihre Miete so lang und so gut sie konnten. Die arischen Mieter wollten dem Jud keine Miete mehr zahlen. Ich hörte, dass er dadurch in große Geldnot kommen würde. Auswandern wollte er nicht. Er glaubte fest daran, dass ihm und seiner Familie nichts geschehen würde. Schließlich war er im ersten Weltkrieg deutscher Offizier gewesen. Das eiserne Kreuz erster Klasse war ihm verliehen worden. Er hatte Freunde unter den deutschen Offizieren.

Ich war sehr hellhörig geworden. Wenn ich auch nicht alles verstand, so hatte ich ja Oma, die ich hinterher fragen konnte und die mir alles erklärte.

Mama konnte ich nicht immer fragen. Sie weinte oft, wenn sie mir antwortete und weil ich ihr nicht weh tun wollte, fragte ich lieber Oma.

Ich mochte meine jüdische Familie ausnahmslos. Sie waren alle so herzlich und lieb.

Heini entwickelte sich so allmählich zu einem Zank- und Spielgefährten. So lange er hatte, was er wollte, lachte er. Wehe, er konnte seinen Willen nicht durchsetzen, dann war er nicht zu ertragen und es war gut, ihm aus dem Weg zu gehen.

War er guter Laune, dann kam er mit seinen Clownereien und seiner drolligen Art sogar bei der Hexe gut an.

Billa war seine Patentante und obwohl es jetzt manchmal so aussah, als ob sie ihn mochte, nannte sie ihn stets Bastard oder ‘der kleine Jüd’. Sie hatte ihre Freude daran, wenn Heini vor Wut tobte, weil er weder ein Bastard noch ein Jude sein wollte. Für Vaters furchtbare Schwestern blieben wir ‘die Jüdde’ und sie ließen uns ihren Hass spüren, wann und wo sie Gelegenheit dazu hatten.

1937

Es war Anfang März 1937, als wir mit Mama sehr früh aus dem Haus gingen. Sie trug Luzi auf dem Arm, Heini stapfte unausgeschlafen, quengelnd und greinend an meiner Hand und ließ sich von mir ziehen. Wir mussten zu einer Erfassung jüdischer Frauen und Kinder in ein Aachener Krankenhaus.

Als wir dort ankamen, waren schon einige Mütter mit ihren Kindern da, andere kamen noch hinzu. Die Frauen begrüßten sich, stellten ihre Kinder vor, fragten nach den anderen Familienangehörigen und deren Befinden in diesen schlimmen Zeiten. Alle vermuteten in dieser ‘Erfassung’ eine neue Schikane der Nazis gegen die Juden. Sie wirkten alle bedrückt, die Kinder alle unausgeschlafen und hungrig. Die Frauen sprachen ängstlich leise, fast flüsternd miteinander.

Plötzlich, wie ein Donnerschlag brüllte eine harte, laute Stimme: „Ruhe! Ruhe! Ihr verdammten Judenhuren!“

Alle Augen starrten im selben Augenblick entsetzt dorthin, wo die Stimme herkam. Vor uns, an der Stirnwand des Raumes stand groß, breitbeinig, bedrohlich, in weißem Kittel und schwarzen Stiefeln, ein Mann. Unter dem Kittel trug er eine schwarze Uniform mit Hakenkreuzbinde, die durch den Kittel hindurch schimmerte. Neben ihm, zwei brutal aussehende, kräftige Frauen in graublauen Kleidern, weißen Schürzen und Hauben.

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