Makers and Takers - Rana Foroohar - ebook

Makers and Takers ebook

Rana Foroohar

0,0

Opis

Was hat den Niedergang der US-Wirtschaft verursacht? CNN-Journalistin Rana Foroohar sagt: Die Probleme sind hausgemacht. Die "Makers", diejenigen, die Waren produzieren und Dienstleistungen anbieten, wurden über Jahrzehnte von den "Takers", der Finanzindus­trie, immer mehr an den Rand gedrängt. Gute Zahlen statt gute Produkte, so lautet die Devise. Foroohar geht dieser Entwicklung auf den Grund. Sie findet die bis an den Beginn des 20. Jahrhunderts zurückreichenden Wurzeln in den Chefetagen der Unternehmen, in den Wirtschafts­wissenschaften, in der MBA-Ausbildung … Aber sie zeigt auch, was getan werden muss, um Amerika – und die Weltwirtschaft – fit für die Zukunft zu machen.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 676

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
Oceny
0,0
0
0
0
0
0



RANA FOROOHAR

MAKERSANDTAKERS

DER AUFSTIEG DES FINANZWESENS UNDDER ABSTURZ DER REALWIRTSCHAFT

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

Makers and Takers: The Rise of Finance and the Fall of American Business

ISBN 978-0-553-44723-1

© Copyright der Originalausgabe 2016:

Copyright © 2016 by Rana Foroohar.

All rights reserved.

Published in the United States by Crown Business, an imprint of the Crown Publishing Group, a division of Penguin Random House LLC, New York.

© Copyright der deutschen Ausgabe 2017:

Börsenmedien AG, Kulmbach

Gestaltung Cover: Christopher Brand

Gestaltung und Satz: Regina Denhard, denksportler Grafikmanufaktur

Herstellung: Daniela Freitag

Lektorat: Claus Rosenkranz

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-86470-438-3

Alle Rechte der Verbreitung, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Verwertung durch Datenbanken oder ähnliche Einrichtungen vorbehalten.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

Postfach 1449 • 95305 Kulmbach

Tel: 0 92 21-90 51-0 • Fax: 0 92 21-90 51-44 44

E-Mail: [email protected]

www.plassen.de

www.facebook.com/plassenverlag

Für John, Darya und Alex

INHALT

Vorbemerkung der Autorin

Einführung

KAPITEL 1

Der Aufstieg des Finanzwesens

KAPITEL 2

Der Absturz der Wirtschaft

Erbsenzähler gegen Leute mit Benzin im Blut – Frederick Winslow Taylor, Robert McNamara und die Finanzialisierung der Industrie

KAPITEL 3

Was man im MBA-Studium nicht lernt

Wieso das Wirtschaftsstudium an der amerikanischen Wirtschaft vorbeigeht

KAPITEL 4

Barbaren vor den Toren!

Apple, Carl Icahn und das Aufkommen aktivistischer Aktionäre

KAPITEL 5

Jetzt sind wir alle Bankiers

GE und die Story, wie es dazu kam, dass die amerikanische Wirtschaft dem Finanzwesen nacheifert

KAPITEL 6

Finanzielle Massenvernichtungswaffen

Rohstoffe, Derivate und wie die Wall Street eine Ernährungskrise verursachte

KAPITEL 7

Wenn die Wirtschaft der Wall Street gehört

Private Equity, Schattenbanken und wie die Finanzwelt die Früchte des Immobilien-Aufschwungs erntete

KAPITEL 8

Das Ende der Rente

Wie die Wall Street unsere Sparstrümpfe plünderte

KAPITEL 9

Durchtriebene Gauner

Wie die US-Steuergesetze die Kassierer anstatt der Macher belohnen

KAPITEL 10

Die Drehtür

Wie Washington die Wall Street gegenüber der Main Street begünstigt

KAPITEL 11

Wie man das Finanzwesen wieder in den Dienst von Wirtschaft und Gesellschaft stellen könnte

Danksagungen

Anmerkungen

Bibliografie

VORBEMERKUNG DER AUTORIN

Ideen nehmen mit der Zeit Form an, aber manchmal kristallisieren sie sich auch in einem einzigen Moment heraus.

Dieses Buch ist in mehrfacher Hinsicht der Höhepunkt meiner 23-jährigen Tätigkeit als Unternehmens- und Wirtschaftsjournalistin, während derer ich mich oft gefragt habe, weshalb unser Marktsystem den Unternehmen, Arbeitnehmern und Verbrauchern keine besseren Dienste leistet, als es dies tatsächlich tut. Ich kann aber auch den Augenblick benennen, in dem ich wusste, dass ich „Makers and Takers“ schreiben musste. Es war im Jahr 2013, als ich in einem inoffiziellen Briefing mit einem ehemaligen Mitglied von Obamas Kabinett saß, das in der Finanzkrise 2008 ein wichtiger Akteur gewesen war. Eine Gruppe von überwiegend auf die Finanzwelt spezialisierten Journalisten hatte sich in New York versammelt, um sich eine Bilanz ziehende Analyse der Krise von diesem ehemaligen Regierungsvertreter anzuhören. Dies war Teil der Anstrengungen der Regierung, mit dem schmerzlichsten finanziellen Ereignis in diesem Land seit 75 Jahren abzuschließen (und auch um in einem positiven Licht darzustellen, wie Obamas Mannschaft sie bewältigt hatte).

An einer Stelle fragte ein Reporter den ehemaligen Regierungsvertreter, ob er der Meinung sei, dass das Dodd-Frank-Gesetz zur Bankenregulierung – das damals erst zur Hälfte fertig war – von den Lobby-Anstrengungen der Wall Street ungebührlich beeinflusst worden war. Der Beamte behauptete, dies sei nicht der Fall. Ich war verblüfft. Kurz zuvor hatte ich eine Kolumne für Time geschrieben, in der ich wissenschaftliche Untersuchungen angeführt hatte, die zeigten, dass 93 Prozent der öffentlichen Konsultationen, die zur Volcker Rule erfolgt waren – einem der umstrittensten Teile der Dodd-Frank-Regulierung –, mit der Finanzindustrie erfolgt waren. Als die Regulierung geschmiedet wurde, war eindeutig die Wall Street die lauteste Stimme im Raum, nicht die Main Street. Ich hob die Hand, zitierte die Statistik und fragte, weshalb so viele Gespräche mit den Bankern selbst anstatt mit einer breiteren Gruppe von Stakeholdern geführt worden waren. Der Beamte sah mich auf eine Art und Weise an, die echte Verwirrung zu verraten schien, und fragte: „Mit wem sonst hätten wir sie führen sollen?“

Dieser Augenblick fing für mich besser als jeder andere ein, wie schwierig es ist, die Rolle des Finanzwesens in unserer Wirtschaft und in unserer Gesellschaft zu greifen. Rein wirtschaftlich gesehen hält das Finanzwesen eine unverhältnismäßig große Macht in Händen. (Es repräsentiert rund sieben Prozent unserer Volkswirtschaft, kassiert aber rund 25 Prozent aller Unternehmensgewinne und schafft nur vier Prozent aller Arbeitsplätze.) Doch ist seine Macht, das Denken und die Geisteshaltung von Regierungsvertretern, Regulierungsbehörden, Vorstandsvorsitzenden und sogar vielen Verbrauchern (die durch ihre Altersvorsorgepläne in das derzeitige Marktsystem geraten) zu prägen, sogar noch bedeutender. Diese „kognitive Kaperung“, wie die Wissenschaftler sie nennen, war ein entscheidender Grund dafür, dass die Maßnahmenbeschlüsse, die von der Regierung nach 2008 gefasst wurden, in großen Gewinnen für die Finanzbranche, aber in Verlusten für Hauseigentümer, Kleinunternehmen, Arbeitnehmer und Verbraucher resultierten. Sie ist auch der Grund dafür, dass die Regeln unseres kapitalistischen Systems noch nicht in einer Art und Weise umgeschrieben wurden, dass sie die Finanzmärkte zwingen würden, das zu tun, wofür sie eigentlich eingerichtet wurden: die Main Street unterstützen. Das oben skizzierte Gespräch zeigt, dass es unmöglich ist, ein System zu schmieden, das für alle gerecht ist, wenn alle Personen, die für Entscheidungen über die Funktionsweise der Marktwirtschaft zuständig sind, selbst der Finanzindustrie verbunden und verpflichtet sind.

Dieses Spannungsverhältnis und diese Herausforderung sind die Themen des vorliegenden Buches. Die Sicht der Wall Street, wie unser Marktsystem und unsere Wirtschaft funktionieren sollten, ist in den letzten ungefähr 40 Jahren zu der gängigen Sichtweise geworden. Und doch ist dies eine höchst einseitige und verzerrte Sichtweise. Wir stellen uns die Finanzindustrie zwar als Schmiermittel für die Zahnräder unseres kapitalistischen Systems vor, aber die Interessen der Wall Street und die der amerikanischen Unternehmen (von deren Arbeitskräften und Verbrauchern ganz zu schweigen) sind oft ganz und gar nicht zur Deckung zu bringen.

Die Finanzwirtschaft ist zu einem Hemmschuh für das Wirtschaftswachstum anstatt zu einem Katalysator geworden. Während sie an Gewicht zunimmt, leiden die Unternehmen – und mit ihnen die gesamte amerikanische Wirtschaft und Gesellschaft. Auf die Finanzkrise des Jahres 2008 folgte die längste und schwächste konjunkturelle Erholung der Nachkriegszeit. Während die Spitze der Gesellschaft jetzt prosperiert, haben die meisten anderen immer noch zu kämpfen. Wir brauchen ein radikal anderes Machtgleichgewicht zwischen Finanzwirtschaft und Realwirtschaft – zwischen den Kassierern und den Machern –, das für besseres und nachhaltigeres Wachstum sorgt. Angesichts des Ausmaßes der Kontrolle, die das Finanzwesen über unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft ausübt, ist dieser Diskurs nicht leicht in Gang zu bringen. Jedoch ist er entscheidend, um eine bessere Zukunft zu bauen. Das vorliegende Buch ist ein Versuch, diesen Diskurs zu eröffnen – anschaulich zu zeigen, wie es dazu kam, dass die Kassierer in unserer Wirtschaft über die Macher dominieren. Und zu zeigen, wie wir die Dinge zum Besseren verändern können.

EINFÜHRUNG

Steve Jobs hätte es nicht so gemacht.

Im Frühjahr 2013 beschloss Tim Cook, sein Nachfolger als Vorstandsvorsitzender von Apple Inc., das Unternehmen müsse sich 17 Milliarden Dollar leihen. Ja, leihen – ungeachtet der Tatsache, dass Apple das wertvollste Unternehmen der Welt war, dass es bis dahin über eine Milliarde Geräte verkauft hatte, dass es bereits 145 Milliarden Dollar auf der Bank hatte und jeden Monat weitere drei Milliarden Dollar an Gewinn hinzukamen.

Weshalb also Geld leihen? Offensichtlich ja nicht, weil das Unternehmen ein bisschen knapp bei Kasse gewesen wäre oder weil es nicht an sein Geld herangekommen wäre. Nein, vielmehr hatten die Finanzgurus von Apple ermittelt, dass die Kreditaufnahme eine bessere, kostengünstigere Möglichkeit war, an Geldmittel heranzukommen. Egal, was ein Darlehen normalerweise kosten würde, Apple würde es viel günstiger bekommen – mithilfe einer Anleihebegebung zu Niedrigzinsen, wie sie nur Blue-Chip-Unternehmen zu Gebote steht. Noch besser war, dass Apple dafür seine Bankkonten nicht anzutasten brauchte, die ja nicht wie Ihres oder meines irgendwo ein paar Straßen weiter geführt werden. Vielmehr sind sie auf eine Reihe von Orten rund um den Globus verteilt, unter anderem auf Offshore-Finanzinstitute. (Bezüglich der Details gibt sich das Unternehmen verschwiegen.) Wollte Apple dieses Geld in die Vereinigten Staaten zurückholen, müsste es darauf saftige Steuern bezahlen. Das vermeidet es seit jeher eifrig, auch wenn es ein bisschen seltsam ist, dass ein durch und durch amerikanisches Unternehmen einen riesigen Batzen amerikanischer Steuern umgeht.

Also lieh sich Apple die 17 Milliarden Dollar.

Das war nie die Art von Steve Jobs gewesen. Er konzentrierte sich unermüdlich darauf, unwiderstehliche Produkte zu erschaffen, die das Leben verändern, und vertraute darauf, dass das Geld dann schon fließen würde. Im Gegensatz dazu achtet Cook sehr genau auf das Geld und dessen immer ausgeklügeltere Handhabung. Und warum? Unter anderem weil Apple seit Jobs’ Tod im Jahr 2011 keine Technologie mehr herausgebracht hat, die wirklich die Spielregeln verändert hat. Das drückte von Zeit zu Zeit auf den Aktienkurs des Unternehmens und weckte Bedenken hinsichtlich seiner langfristigen Zukunft, obwohl es nach wie vor Unmengen von Geräten verkauft. Es ist natürlich wie bei der Henne und dem Ei. Je mehr sich ein Unternehmen auf Financial Engineering anstatt auf die eigentliche Sache konzentriert, umso mehr sorgt es dafür, dass es dies auch in Zukunft tun muss. Doch das, was Apple im Moment hat, ist Bargeld, Cash.

Womit wir wieder bei den 17 Milliarden Dollar wären. Apple brauchte das Geld nicht, um ein neues Werk zu bauen oder um eine neue Produktlinie zu entwickeln. Es brauchte diese Mittel, um sich bei Investoren freizukaufen, indem es eigene Aktien zurückkaufte und die Dividenden aufstockte – um die schwache Aktienkursentwicklung auszugleichen. Und zumindest eine Weile funktionierte diese Taktik auch. Die Aktie stieg und bescherte den Verwaltungsratsmitgliedern von Apple, die das Manöver genehmigt hatten, sowie den Aktionären – Cook ist einer der größten – Buchgewinne in Millionenhöhe. Für sie war das toll, ließ Apple aber in keinem guten Licht erscheinen. Der Hedgefonds-Manager David Einhorn, der sich schon lange beklagte, Apple teile seinen Geldschatz nicht ausreichend, brachte es unabsichtlich auf den Punkt, als er sagte, Apple solle auf seine Bilanz „das gleiche Maß an Kreativität“ verwenden wie auf das Hervorbringen revolutionärer Produkte.1 In seinen Augen und denen vieler anderer Vertreter der heutigen amerikanischen Unternehmenswelt ist die eine Art von Kreativität so gut wie die andere.

Ich werde in diesem Buch jedoch anders argumentieren.

Die Tatsache, dass Apple als wahrscheinlich bekanntestes und sicherlich am meisten bewundertes Unternehmen der Welt heute einen Großteil seiner Zeit und seiner Anstrengungen auf das Nachdenken darüber verwendet, wie es mithilfe von Financial Engineering anstatt mit altmodischer Ingenieurtechnik mehr Geld verdient, zeigt uns doch, wie sehr die Prioritäten unseres größten Konzerns inzwischen auf den Kopf gestellt wurden – von der Politik ganz zu schweigen, die hinter einem Steuersystem steht, das die ganze Sache auch noch fördert. Diese kleine Momentaufnahme führt außerdem vor, wie weit entfernt viele der größten amerikanischen Unternehmen von den Bedürfnissen und Wünschen ihrer Konsumenten sind – und von den Herzen und Hirnen des Landes im Allgemeinen.

Aber glauben Sie nicht, Apples Verhalten sei eine Anomalie. Aktienrückkäufe und Dividendenausschüttungen von der Art, wie Apple sie getätigt hat – Schachzüge, die vor allem die Spitzenmanager eines Unternehmens sowie seine größten Aktionäre bereichern, jedoch häufig seine Innovationsfähigkeit beeinträchtigen, die Schaffung von Arbeitsplätzen bremsen und auf längere Sicht seine Wettbewerbsposition aushöhlen –, sind mittlerweile gang und gäbe. Die im Aktienindex S&P 500 enthaltenen Unternehmen haben von 2005 bis 2014 insgesamt über sechs Billionen Dollar dafür ausgegeben2 – um die Aktienkurse und die Märkte zu stützen, während sie gleichzeitig Arbeitsplätze und Investitionen abbauten.3 Die Tresore von Unternehmen wie Apple sind bis zum Überquellen gefüllt und in diesem Jahr werden Amerikas Top-Unternehmen sehr wahrscheinlich ihren Aktionären einen Rekordbargeldbetrag zurückgeben.

Indessen dümpelt unsere Wirtschaft in einer „Wiederbelebung“ dahin, die extrem zweigeteilt ist. Die Löhne stagnieren. Für sechs der zehn am schnellsten wachsenden Arbeitsplatzkategorien gelten Stundenlöhne von 15 Dollar und die Erwerbsquote befindet sich auf dem niedrigsten Stand seit Ende der 1970er-Jahre.4 Früher war es so, dass mit wachsendem Vermögen der amerikanischen Unternehmen auch das Vermögen des Durchschnittsamerikaners wuchs. Doch heute hat irgendetwas diesen Zusammenhang zerstört.

Dieses Etwas ist die Wall Street. Führen Sie sich vor Augen, dass bereits Wochen nach Apples Ankündigung, es werde die 17 Milliarden Dollar an die Investoren ausschütten, noch mehr Haie zu kreisen begannen. Die „Heuschrecke“ Carl Icahn, einer der ersten Vertreter der wilden Horden, die vor den Toren lauern – in den 1980er- und 1990er-Jahren hatte er Konzerne von TWA bis RJR Nabisco attackiert –, begann unverzüglich Apple-Aktien zu kaufen. Gleichzeitig twitterte er Forderungen, Cook solle noch viel mehr Milliarden für Rückkäufe einsetzen. Mit jedem Tweet schnellte der Kurs der Apple-Aktie weiter in die Höhe. Bis zum Mai 2015 war Icahns Beteiligung an Apple um 330 Prozent auf mehr als 6,5 Milliarden Dollar angewachsen und Apple hatte versprochen, bis März 2017 insgesamt 200 Milliarden Dollar für Dividenden und Aktienrückkäufe aufzuwenden. Indes geht der Anteil der Ausgaben des Unternehmens für Forschung und Entwicklung – der bereits seit 2001 fällt –, bezogen auf den Umsatz, noch weiter zurück.5 Was derartige Zuckerräusche für die langfristige Zukunft von Apple verheißen, kann sich jeder selbst ausmalen, aber eines ist klar: Amerikas Wirtschaft ist keine Unternehmenswirtschaft mehr. Sie ist eine Finanzwirtschaft. Von „aktivistischen Investoren“ über Investmentbanken, Managementberater und Hochfrequenzhändler bis hin zu Versicherungsgesellschaften: Heute diktieren die Finanziers der amerikanischen Geschäftswelt ihre Bedingungen anstatt umgekehrt. Die Vermögensbildung innerhalb der Finanzmärkte ist zu einem Selbstzweck geworden, sie ist kein Mittel mehr zum Zweck allgemeinen wirtschaftlichen Wohlstands. Der Schwanz wedelt mit dem Hund.

Schlimmer noch: Das Denken in finanziellen Dimensionen hat in der amerikanischen Unternehmenswelt derart tiefe Wurzeln geschlagen, dass selbst unsere größten und glänzendsten Unternehmen anfangen, sich wie Banken zu benehmen. So hat beispielsweise Apple angefangen, ein Gutteil seines überschüssigen Cashs für den Kauf von Unternehmensanleihen zu verwenden – ganz so, wie es Finanzinstitute tun. Dies gab 2015 den Anlass zu der Bloomberg-Schlagzeile: „Apple ist die neue Pimco und Tim Cook der neue Anleihekönig.“6 Apple und andere Technologieunternehmen sind jetzt ebenso maßgeblich für die Emission neuer Unternehmensanleihen wie Investmentbanken. Dies überrascht nicht, wenn man bedenkt, über wie viel Bargeld sie verfügen. (Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, wann Apple seine eigene Kreditkarte auflegt.) Sie verhalten sich im Grunde also wie Banken, sind aber nicht reguliert wie Banken. Würde „Big Tech“ irgendwann beschließen, die Anleihen abzustoßen, könnte das ein marktbewegendes Ereignis sein. Dieses Problem treibt die Experten im Office of Financial Research – einer Behörde des Finanzministeriums, die nach der Finanzkrise 2008 gegründet wurde, um die Stabilität der Finanzmärkte zu überwachen – bereits um.7

Aber nicht nur die großen Technologiekonzerne eifern dem Finanzwesen nach. Fluggesellschaften verdienen mit Hedgegeschäften auf den Ölpreis oft mehr Geld als mit dem Verkauf von Sitzplätzen – wobei eine schlechte Wette ihnen Verluste in Millionenhöhe bescheren kann. GE Capital, eine Tochtergesellschaft des Unternehmens General Electric, das von dem amerikanischen Erfinder Thomas Alva Edison gegründet wurde, war bis vor Kurzem eine als „too big to fail“ geltende Finanzinstitution wie AIG. (Wegen des Risikos hat GE die Tochter inzwischen teilweise ausgegliedert.) Zahlreiche Fortune-500-Unternehmen lassen sich an allen Ecken und Enden auf unüberschaubare Machenschaften ein, um ihr Geld bei diversen Offshorebanken unterzubringen und so nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in vielen anderen Ländern, in denen sie geschäftlich operieren, Steuern zu vermeiden. Aber Steuervermeidung und sogar „Steuerumkehrungen“, wie sie beispielsweise der Pharma-Gigant Pfizer praktiziert – Manöver, dank deren Unternehmen darum herumkommen, ihren angemessenen Teil der nationalen Lasten zu tragen, obwohl sie in den Genuss von allerlei staatlichen Unterstützungen kommen (vom Bund finanzierte Förderung von Forschung und Technik, Schutz des geistigen Eigentums) –, sind lediglich die Spitze des Eisbergs. Tatsächlich verdienen US-amerikanische Firmen heute mehr Geld als je zuvor, und zwar indem sie ganz einfach Geld hin und her schieben und aus reinen Finanzaktivitäten wie Handel, Hedging, Steueroptimierung und dem Verkauf von Finanzdienstleistungen eine fünfmal so hohe Rendite beziehen wie in der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg.8

Anscheinend sind wir heute alle Bankiers.

Diese Wahrheit bringt auf den Punkt, wie unsere Wirtschaft heute im Kern funktioniert – und nicht funktioniert. Acht Jahre nach der Finanzkrise des Jahres 2008 haben wir endlich eine konjunkturelle Erholung, aber es war die langwierigste und schwächste Erholung der Nachkriegszeit. Der Grund? Unser Finanzsystem hat aufgehört, der Realwirtschaft zu dienen, und dient jetzt hauptsächlich sich selbst. Das hat die obige Geschichte illustriert und viele andere in diesem Buch werden es zusammen mit einer Fülle von Daten weiter illustrieren. Unser marktkapitalistisches System ist krank und die Symptome im großen Rahmen – unterdurchschnittliches Wachstum, größere Einkommensungleichheit, stagnierende Löhne, anfälligere Märkte, das Unvermögen vieler Menschen, sich Grundpfeiler der Mittelschicht wie ein Haus, eine Rente und eine Ausbildung zu leisten – sind in unserer gesamten Wirtschaft und in der Tat auch in unserer gesamten Gesellschaft zu spüren.

DIE DIAGNOSE DES PROBLEMS

Die Krankheit unserer Wirtschaft hat einen Namen: Finanzialisierung. Dieser Begriff bezeichnet die Tendenz, dass die Wall Street und ihre Denkweise in den Vereinigten Staaten zur unangefochtenen Herrschaft gelangt sind. Sie durchdringt nicht nur die Finanzindustrie, sondern die gesamte amerikanische Unternehmenswelt. Genau die Art von kurzfristigem, riskantem Denken, das im Jahr 2008 beinahe die Weltwirtschaft zusammenbrechen ließ, verbreitert heute die Kluft zwischen Arm und Reich, hemmt das Vorankommen der Wirtschaft und bedroht die Zukunft des amerikanischen Traums als solchem. Die Finanzialisierung Amerikas schließt alles ein, von Umfang und Tragweite der Finanzaktivität in unserer Volkswirtschaft über das verstärkte Aufkommen von schuldengespeister Spekulation auf Kosten der produktiven Kreditvergabe, den Aufstieg des Shareholder-Values als Modell für gute Unternehmensführung, die Ausbreitung riskanten, eigennützigen Denkens im privatwirtschaftlichen und öffentlichen Sektor, die wachsende politische Macht von Finanziers sowie der Vorstandsvorsitzenden, die sie bereichern, bis hin zu der Tatsache, dass die Ideologie nach dem Motto „Die Märkte wissen es am besten“ auch dann noch der Status quo bleibt, nachdem sie die schlimmste Finanzkrise seit 75 Jahren ausgelöst hat. Dieser Wandel wirkt sich sogar auf unsere Sprache, auf unser bürgerliches Leben und auf die Beziehungen zwischen uns Menschen aus. Wir sprechen von „Humankapital“ oder „sozialem Kapital“ und verwandeln alles Mögliche in Wertpapiere – „verbriefen“ es –, von der Bildung über wichtige Infrastruktur bis hin zu Haftstrafen, ein Kennzeichen unserer aufkeimenden „Portfoliogesellschaft“.9

Die oben erzählte kafkaeske Geschichte über Apple ist nur eines der vielen perversen Ergebnisse der Finanzialisierung. „Finanzialisierung“ ist eine merkwürdige, aber passende Bezeichnung, die Wissenschaftler aufgegriffen haben, um unsere auf den Kopf gestellte Wirtschaft zu beschreiben, in der die Macher – diesen Begriff verwende ich in diesem Buch für Menschen, Unternehmen und Ideen, die echtes Wirtschaftswachstum schaffen – zu Dienern der Kassierer geworden sind, also derjenigen, die unser funktionsgestörtes Marktsystem vor allem nutzen, um sich selbst und nicht die Gesellschaft als Ganze zu bereichern. Zu diesen Kassierern zählen viele (wenn auch gewiss nicht alle) Finanziers und Finanzinstitutionen sowie fehlgeleitete Führungspersönlichkeiten in der öffentlichen und privaten Wirtschaft, darunter zahlreiche Vorstandsvorsitzende, Politiker und Regulierer, die anscheinend nicht begreifen, dass die Finanzialisierung unser Wirtschaftswachstum, die Stabilität unserer Gesellschaft und sogar unsere Demokratie untergräbt.

Wenn man sich mit der Finanzialisierung befassen will, besteht der erste Schritt natürlich darin, sie zu verstehen. Dieses enorm komplexe, breit angelegte Phänomen hat seine Wurzeln im Bankensektor, ist aber keinesfalls auf ihn beschränkt. Die traditionelle Rolle des Finanzwesens in unserer Wirtschaft – die Rolle, von der unser Wachstum abhängt – besteht darin, die Ersparnisse von Haushalten in Investitionen zu verwandeln. Doch diese entscheidende Verbindung ist verloren gegangen. Heutzutage betreibt die Finanzwelt meistens Alchemie, sie begibt enorme Mengen an Schulden und schleust Gelder in verschiedene Teile des Finanzsystems selbst, anstatt sie in der Main Street zu investieren.10 „Der Trend fällt von Land zu Land leicht unterschiedlich aus, aber die allgemeine Richtung ist klar: In allen hoch entwickelten Volkswirtschaften, insbesondere in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien, spielen die Kapitalmärkte und der Bankensektor bei der Finanzierung neuer Investitionen eine immer geringere Rolle. Das meiste im System befindliche Geld wird für Ausleihungen gegen bestehende Vermögenswerte verwendet“, sagt Adair Turner, ehemaliger britischer Bankenregulierer, Experte für Finanzstabilität und heute Vorsitzender des Institute for New Economic Thinking. In seinem neuen Buch „Between Debt and the Devil“ erklärt er dieses Phänomen in seinen Einzelheiten.11 Vereinfacht ausgedrückt schreibt Turner, dass die Finanzwelt – anstatt neue Ideen und Projekte zu fördern, die Arbeitsplätze schaffen und die Löhne steigen lassen – ihre Aufmerksamkeit der Verbriefung bestehender Vermögenswerte zugewandt hat (zum Beispiel von Häusern, Aktien, Anleihen und so weiter). So verwandelt sie sie in handelbare Produkte, die sich in Scheibchen und Stückchen schneiden und dann möglichst oft verkaufen lassen – jedenfalls so lange, bis einem alles um die Ohren fliegt, wie es 2008 geschah. Turner schätzt, dass derzeit nur noch 15 Prozent aller Finanzströme in realwirtschaftliche Projekte fließen. Der Rest verbleibt einfach im Finanzsystem, wo er Finanziers, Magnaten und den wohlhabendsten Teil der Bevölkerung bereichert, denen die überwiegende Mehrheit der Finanzanlagen der Vereinigten Staaten und sogar der Welt gehören.

Der ungehinderte Einfluss der Finanzindustrie ist ein Phänomen, das sich seit vielen Jahrzehnten und auf viele verschiedene Arten äußert. Weshalb also ist es heute so sehr im Fokus? Zunächst einmal: Die Tatsache, dass wir uns in der langwierigsten und schwächsten konjunkturellen Wiederbelebung der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg befinden, obwohl unsere Regierung seit 2008 Billionen Dollar an Geld- und Steueranreizen lockergemacht hat, zeigt, dass unser Modell defekt ist. Wir sind mit unserer Fähigkeit, den Anschein von Wachstum zu erzeugen – durch niedrige Zinsen, durch mehr und immer mehr Verbraucherkredite, durch steuererleichterte Schuldenfinanzierungen für Unternehmen und durch Blasen, die uns das Gefühl geben, wir seien reicher, als wir es in Wirklichkeit sind, bis sie dann platzen –, am Ende. Was wir brauchen, ist kein virtuelles, von der Finanzwelt gespeistes Wachstum, sondern reales, nachhaltiges Wachstum für die Main Street.

Um dies zu erreichen, müssen wir die Schlüsselfrage verstehen, die eigentlich ganz simpel ist: Wie kam es dazu, dass der Finanzsektor, der sieben Prozent der Volkswirtschaft darstellt und nur vier Prozent der Arbeitsplätze schafft, auf dem Höhepunkt des Immobilienbooms für fast ein Drittel aller Unternehmensgewinne in den Vereinigten Staaten verantwortlich war – nachdem er sich vor 25 Jahren nur zehn Prozent des Kuchens genommen hatte?12 Wie schaffte es dieser Sektor, der einst dafür gedacht war, den Geschäftsbetrieb zu erleichtern, die Unternehmenswelt so fest in den Griff zu bekommen? Das sind die Fragen, um deren Beantwortung sich das vorliegende Buch bemüht, vor allem indem es der Frage nachgeht, wieso der Aufstieg des Finanzwesens zum Absturz der amerikanischen Unternehmerschaft geführt hat – eine Gegenüberstellung, die selten erforscht wird. Über viele der mit der Finanzialisierung verbundenen Fehlentwicklungen – zum Beispiel die zunehmende Ungleichheit, die stagnierenden Löhne, die Anfälligkeit der Finanzmärkte und das geringere Wachstum – wird häufig (und zu Recht) in sozialen Begriffen und in hochpolitischer Weise gesprochen. Gerne wird in Diskussionen zwischen dem einen Prozent und den 99 Prozent oder zwischen den Banken, die zu groß sind, um sie pleitegehen zu lassen („too big to fail“) auf der einen und den verschwenderischen Verbrauchern und den habgierigen Investoren auf der anderen Seite polarisiert. Tatsächlich wurden die Begriffe Macher und Kassierer im US-Wahlkampf 2012 von konservativen Politikern verwendet, um die Hälfte der US-Bevölkerung zu verunglimpfen. Und ich hoffe, dieses Buch trägt dazu bei, dies richtigzustellen, indem es diese Begriffe neu definiert.

All diese Elemente sind Teile der Geschichte. Keines von ihnen erfasst jedoch vollständig, wie es dazu kam, dass unser Finanzsystem die Realwirtschaft – in der Sie und ich in Wirklichkeit leben und arbeiten – regiert, anstatt sie mit Treibstoff zu versorgen. Wenn ich die Auswirkungen unseres funktionsgestörten Finanzsystems auf den Geschäftsbetrieb und die Unternehmenswelt an sich betrachte (ein Gebiet, mit dem ich mich als Journalistin seit 23 Jahren beschäftige), gehe ich über markante Sprüche hinaus, führe eine echte Analyse durch und demonstriere, dass der Trend zur Finanzialisierung den Kern unserer Wirtschaft schädigt und so den Wohlstand für uns alle gefährdet.

Dieses Buch spricht den Durchschnittsamerikaner an, dem noch keine vollständige oder verständliche Erklärung dessen gegeben wurde, was in den letzten Jahren mit unserer Wirtschaft passiert ist (von den letzten Jahrzehnten gar nicht zu reden) und weshalb viele Finanzregulierungsmaßnahmen, die uns im Gefolge der Krise des Jahres 2008 versprochen wurden, nie verabschiedet wurden. Es spricht aber auch Politiker an, insbesondere die Mitglieder der neuen US-Regierung, die 2017 die Macht übernehmen wird und immer noch die Chance hat, unser System zu reparieren – eine Chance, die in der Zeit nach der Finanzkrise bislang nicht genutzt worden ist. Es ist eine seltene Gelegenheit, die ergriffen werden muss, denn wie ich in diesem Buch darlegen werde, ist unser Finanzsystem in den vergangenen Jahrzehnten schon mehrmals unter seinem eigenen Gewicht zusammengebrochen. Und wenn unser System sich nicht ändert, ist es nur eine Frage der Zeit, wann es das wieder tun und uns alle mit sich reißen wird.

DER LEBENSSAFT DES FINANZWESENS

Unser Übergang zu einem System, in dem das Finanzwesen zu einem Selbstzweck anstatt einem Helfer der Main Street geworden ist, wurde durch viele Veränderungen in der Finanzdienstleistungsbranche ermöglicht und gefördert. Eine ist der Rückgang des Kreditaufkommens, eine weitere die Zunahme der Handelstätigkeit – vor allem von der maschinengewehrartigen computerisierten Sorte, die inzwischen circa die Hälfte der gesamten Aktivitäten an den US-amerikanischen Aktienbörsen ausmacht.13 Heutzutage wird der gesamte Wert der New York Stock Exchange etwa alle 19 Monate umgeschlagen und damit hat sich die Umschlagrate seit den 1970er-Jahren verdreifacht.14 Da ist es kein Wunder, dass der Anteil der Wertpapierbranche am Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 1980 bis Mitte der 2000er-Jahre auf das Fünffache angewachsen ist, während die „normalen“ Bankguthaben von 70 auf 50 Prozent des BIPs geschrumpft sind.15

Mit dem wachsenden Branchenanteil von Wertpapieren und Trading wuchsen auch die Schulden aller Art, im öffentlichen und im privatwirtschaftlichen Sektor. Schulden sind der Lebenssaft des Finanzwesens, mit ihnen verdient die Finanzbranche ihr Geld. Indes zeigt eine breite Palette wissenschaftlicher Untersuchungen, dass wachsende Schulden und wachsendes Kreditaufkommen finanzielle Instabilität schüren.16 Während die Finanzwirtschaft ein immer größeres Stück vom nationalen Kuchen ergatterte – ihr Anteil an der US-Wirtschaft hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg verdreifacht17 –, sorgte sie mehr oder weniger dafür, dass in einer hoch entwickelten Volkswirtschaft wie den Vereinigten Staaten, in der 70 Prozent der Wirtschaftsleistung Verbraucherausgaben sind, Schulden unentbehrlich sind, um überhaupt Wachstum zu gewährleisten. Stagnierende Löhne und historisch niedriges Wachstum schaffen das nicht und so wurde die schuldengespeiste Finanzierung zum süßen Ersatz für den echten Zucker – und diese Sucht wird immer schlimmer.18 Der Volkswirt Raghuram Rajan, einer der Ersten, der die Finanzkrise 2008 kommen sah, schreibt in seinem Buch „Fault Lines – Verwerfungen“, der Kredit sei zu einem Linderungsmittel geworden, das die tiefer liegenden Ängste der Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg dämpfen soll. Seine bissige Formulierung „Gebt ihnen Kredit zu essen“ fasst das Mantra der Boomjahre vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch ziemlich gut zusammen.19

Der Schulden- und Kreditballon ist seither nicht verschwunden. Die meisten von uns wissen ja, dass die private Verschuldung im Vorfeld von 2008 dramatisch gestiegen war.20 Doch jetzt steht dank der ökonomischen Nebenwirkungen der Krise (und der somit gesunkenen Steuereinnahmen) und der damit einhergehenden Ausgaben des Staates für Konjunkturpakete auch die öffentliche Verschuldung auf Rekordniveau.21 Dass sich das Kreditaufkommen, das den US-amerikanischen Verbrauchern angeboten wird, seit den 1980er-Jahren ebenso verdoppelt hat und sich auch die Bankgebühren verdoppelt haben, ist ebenso wie die Tatsache, dass die größten Banken eine nie da gewesene Menge an Vermögensgegenständen halten, ein sicherer Beleg für die Monopolmacht dieser Branche.22 Insgesamt steigen die Finanzgebühren, während gleichzeitig die finanzielle Effektivität sinkt.23 So viel zum Thema effiziente Märkte.24

DIE SAAT FÜR DIE ZUKUNFT WIRD GESTOHLEN

Doch während die Kreditvergabe und die Gebühren unaufhaltsam stiegen, ging die Kreditvergabe an Unternehmen – vor allem an Kleinunternehmen – im Laufe der Zeit zurück. Als Anfang der 1980er-Jahre die Finanzialisierung langsam Fahrt aufnahm, stellten die Geschäftsbanken der Vereinigten Staaten fast so viel an Darlehen für industrielle und kommerzielle Unternehmungen wie für Immobilien- und Verbraucherkredite bereit – genauer gesagt 80 Prozent von deren Aufkommen. Bis Ende der 1990er-Jahre sank dieses Verhältnis auf 52 Prozent und im Jahr 2005 waren es nur noch 28 Prozent.25 Besonders drastisch nahm die Kreditvergabe an Kleinunternehmen ab26 – ebenso wie die Zahl der Start-up-Unternehmen. Anfang der 1980er-Jahre stellten neu gegründete Unternehmen die Hälfte aller US-amerikanischen Unternehmen, 2011 stellten sie nur noch ein Drittel.27 Zahlreiche Wissenschaftler und sogar viele Investoren und Geschäftsleute bringen diesen Trend damit in Verbindung, dass die Finanzindustrie ihren Schwerpunkt von der Kreditvergabe auf die Spekulation verlagert hat.28 Der Rückgang der Existenzgründungen bedeutet eine weniger lebendige Wirtschaft, denn die Neugründungen sind die wichtigste Quelle der Nation für die Schaffung von Arbeitsplätzen und für Wirtschaftswachstum. Warren Buffett hat es mir gegenüber einmal auf seine rustikale Art wie folgt formuliert: „Jetzt haben wir einen Haufen Leute, die beschlossen haben, dass sie lieber ins Kasino als ins Restaurant [des Kapitalismus] gehen.“

Da sich die Finanzbranche dafür einsetzt, dass Unternehmensleitungen Aktienkurse kurzfristig in die Höhe treiben, ist sie auch weitgehend dafür verantwortlich, dass die US-amerikanischen Unternehmen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung drastisch gekürzt haben – Investitionen, die die Saat für die Zukunft darstellen. Wenn man im selben Diagramm die gestiegenen Ausgaben der Unternehmen für Aktienrückkäufe und die gesunkenen Ausgaben für produktive Investitionen wie F&E darstellt, ergibt sich tatsächlich ein perfektes X.29 Erstere steigen seit den 1980er-Jahren und die im S&P 500 enthaltenen Unternehmen geben jährlich über eine Billion Dollar für Rückkäufe und Dividenden aus, anstatt das Geld in Forschung, Produktentwicklung oder andere Dinge zu reinvestieren, die zum langfristigen Unternehmenswachstum beitragen könnten.

Tatsächlich sind die langfristigen Investitionen in den vergangenen 50 Jahren rasant gefallen. In den 1950er-Jahren legten die Unternehmen routinemäßig fünf bis sechs Prozent ihres Gewinns für die Forschung beiseite. Heute tut das nur noch eine Handvoll Unternehmen. Eine vom Roosevelt Institute finanzierte Analyse belegt beispielsweise, dass das Verhältnis von Cashflow zu unternehmerischen Investitionen in den 1980er-Jahren zu bröckeln begann, als die Finanzmärkte also richtig durchstarteten.30 Dagegen war kein Sektor gefeit, auch die innovativsten nicht. So geben beispielsweise viele Technologiefirmen weit mehr für das Pushen von Aktienkursen als für F&E aus. Tun sie das nicht, werden sie von der Börse abgestraft. Ein konkreter Fall: Microsoft kündigte im März 2006 umfangreiche Investitionen in Technologie an und daraufhin fiel seine Aktie zwei Monate lang. Doch als das Unternehmen im Juli desselben Jahres mit dem Kauf von Aktien im Wert von 20 Milliarden Dollar begann, stieg der Aktienkurs prompt um sieben Prozent.31 In letzter Zeit wiederholte sich dieses Muster bei einer Rekordanzahl von Unternehmen, unter anderem bei Yahoo. Die Vorstandsvorsitzende Marissa Mayer begann vor einigen Jahren mit Unterstützung des Hedgefonds-Magnaten Daniel Loeb, den Aktienkurs der Gesellschaft dadurch in die Höhe zu treiben, dass sie Anlegern, die von der eigentlichen Wachstumsstory von Yahoo nicht überzeugt waren, Bares zurückgab. (Später wurde Mayer von weiteren „Aktivisten“ unter Druck gesetzt, die sie davon abbringen wollten, den Geldsegen aus der geplanten Ausgliederung von Yahoos Suchmaschinen-Kerngeschäft für Übernahmen anstatt für Aktienrückkäufe zu verwenden.)32 Damit ist sie keinesfalls allein. Das Jahr 2015 brachte einen neuen Rekord, was Rückkäufe, Dividendenausschüttungen und Forderungen nach noch höheren Zahlungen angeht – geäußert von aktivistischen Investoren wie Loeb, Icahn, Einhorn und vielen anderen.33

Hinzu kommt noch etwas, das viele von uns gar nicht wissen, nämlich dass wir Teil eines funktionsgestörten Ökosystems sind, das all dieses kurzfristige Denken schürt. Die Menschen, die das Geld für unsere Altersversorgung verwalten – Fondsmanager, die für Firmen wie Fidelity oder BlackRock arbeiten –, werden normalerweise dafür entlohnt, dass sie in Zeiträumen von einem Jahr oder noch weniger Rendite liefern.34 Das bedeutet, dass sie ihre finanzielle Schlagkraft (die eigentlich die unsere ist) einsetzen, um Unternehmen dazu zu bewegen, lieber schnelle Gewinne zu produzieren als längerfristige Strategien umzusetzen. Manchmal investieren unsere Pensionsfonds sogar in die „Aktivisten“, die Unternehmen kaufen, bei denen wir vielleicht arbeiten – und uns dann rausschmeißen. All das zehrt am Wachstum und natürlich auch an unserem Lebensunterhalt. Trotzdem greifen heutzutage derart viele Amerikaner für ihre Sicherheit im Alter auf die Finanzmärkte zurück, dass wir vor allem Angst haben, was sie abkühlen könnte – und die Finanzindustrie nutzt diese Angst geschickt aus. Schließlich: Wer wollte wohl die Blase anstechen, aus der unsere Rente bezahlt wird? Wir haben einen faustischen Pakt geschlossen – unser Vermögen hängt von den Märkten ab und deshalb schauen wir nicht so genau hin, was alles in die Suppe kommt.

Bei diesem Druck, kurzfristige Ergebnisse zu erzielen, überrascht es nicht, dass die Eigendynamik der Unternehmen – die eigentliche Wurzel des Wirtschaftswachstums – gelitten hat. Die Zahl der Börsengänge (IPOs) ist verglichen mit vor 20 Jahren auf ein Drittel geschrumpft. Zum Teil liegt das am Ende des unhaltbaren, von der Wall Street vorangetriebenen Booms der Technologie-Aktien in den 1990er-Jahren. Ein weiterer Grund ist jedoch, dass die Unternehmen schlicht nicht an die Börse wollen. Und dies wiederum liegt daran, dass ein IPO heutzutage mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit nicht mehr den Beginn der großen Zeit eines neuen Unternehmens markiert, sondern ihr Ende. Laut einer Studie der Stanford University lässt die Innovationskraft von Technologieunternehmen nach dem Börsengang um 40 Prozent nach – häufig weil die Wall Street sie unter Druck setzt, den Aktienkurs weiterhin zu steigern, selbst wenn dies bedeutet, dass sie die unternehmerische Verve drosselt, die das Übernehmen überhaupt erst „heiß“ gemacht hatte.35 Ein stagnierender Aktienkurs verheißt den Untergang. Er kann dazu führen, dass Vorstandsvorsitzende gefeuert werden, und er kann Unternehmen in Übernahmefutter verwandeln, was die Begeisterung der Anlegeröffentlichkeit dämpft und vormals dynamische Firmen oft dem Verkauf in Einzelteilen anheimfallen lässt. Da ist es kein Wunder, dass der Optimismus der Unternehmen geringer ist als vor 30 Jahren und dass heute weniger Unternehmen gegründet werden.

Es ist wohl der Gipfel der Ironie, das große, reiche Unternehmen wie Apple und Pfizer gerade dann am meisten mit den Finanzmärkten beschäftigt sind, wenn sie gar keine Finanzierung benötigen. Was Apple angeht, so erfreute sich noch nie ein amerikanisches Spitzenunternehmen derart großer Kapitalressourcen. Der Konzern hat die Rekordsumme von 4,5 Billionen Dollar in der Bilanz stehen – damit könnte er die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt sein. Doch in dem Absurdistan unseres Finanzsystems hat er außerdem Rekordsummen an Schulden aufgenommen, um eigene Aktien zurückzukaufen, und damit womöglich die nächste Schuldenblase geschaffen, die in unserer fragilen, finanzialisierten Wirtschaft platzen wird.36

DAS ENDE DES WACHSTUMS UND DIE WACHSENDE UNGLEICHHEIT

Es gibt zwar Länder, deren Bankensektor im Verhältnis zur gesamten Volkswirtschaft größer ist als in den Vereinigten Staaten, doch kein Land übertrifft sie hinsichtlich der absoluten Größe ihres Finanzsystems (ich meine damit die Summe aller finanziellen Vermögenswerte).37 Im ersten Halbjahr 2015 konnten die Vereinigten Staaten ein Finanzvermögen von 81,7 Billionen Dollar vorweisen – mehr als die nächsten drei Länder (China, Japan und Großbritannien) zusammen.38 Wir stehen an vorderster Front der Finanzialisierung. Unsere Finanziers und Politiker brüsten sich gerne damit, dass Amerika die breitesten und tiefsten Kapitalmärkte der Welt besitzt. Doch im Gegensatz zu der herrschenden Meinung der letzten Jahrzehnte ist das nichts Gutes.39 Dieses ganze Finanzwesen hat uns nämlich nicht wohlhabender gemacht. Vielmehr hat es die Ungleichheit vertieft und ein Mehr an Finanzkrisen in Gang gebracht, die jedes Mal beträchtliche ökonomische Werte vernichten. Das Finanzwesen ist weit davon entfernt, unserer Wirtschaft eine Hilfe zu sein. Stattdessen ist es zu einem Hemmnis geworden. Mehr Finanzwesen steigert unser Wirtschaftswachstum nicht – sondern bremst es.40

Studien zeigen in der Tat, dass Länder mit großen und schnell wachsenden Finanzsystemen tendenziell ein geringeres Produktivitätswachstum aufweisen.41 Wenn man bedenkt, dass im Grunde das Zusammenspiel von Produktivität und Demografie das Rezept für wirtschaftlichen Fortschritt darstellt, ist das ein enormes Problem. Eine einflussreiche, von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) veröffentlichte Schrift formulierte diesen Sachverhalt recht plastisch. Darin wird gefragt, ob ein „aufgeblähtes Finanzsystem“ nicht wie eine Person sei, „die zu viel isst“ und den Rest der Wirtschaft bremst. Die Antwort lautet: Ja – und tatsächlich setzen die nachteiligen Auswirkungen des Finanzwesen bereits ein, wenn es nur halb so groß ist wie das der Vereinigten Staaten.42 Berichte von Vereinigungen wie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)43 oder des Internationalen Währungsfonds (IWF)44 kommen zu einem ähnlichen Schluss: Die Branche, die eigentlich die Zahnräder des Wachstums ölen sollte, ist stattdessen zu Sand im Getriebe geworden.

Zum Teil rührt diese nachteilige Wirkung vom Rückgang der Unternehmensgründungen und der ökonomischen Aktivität her, die mit dem Wachstum des Finanzwesens einhergingen. Zum anderen Teil hat sie mit der zunehmenden Monopolmacht der Großbanken zu tun, deren Anteil an allen Bank-Vermögenswerten sich seit Anfang der 1970er-Jahre mehr als verdreifacht hat. (Amerikas fünf größte Banken machen jetzt die Hälfte seiner Handelsbanken-Branche aus.)45 Diese wachsende Dominanz bedeutet, dass die Finanzinstitute das Geld zunehmend dorthin schleusen können, wohin sie möchten, also eher in Richtung Schulden und Spekulationen als in produktive Investitionen, bei denen es länger dauert, bis man einen Profit ernten kann. Macht – hinsichtlich der Größe und des Einflusses – ist auch der Grund, weshalb die Finanzlobby so effektiv ist. Die Finanzwirtschaft gibt regelmäßig mehr Geld für die Lobbyarbeit in Washington aus als alle anderen Branchen.46 Dies hat sie in die Lage versetzt, entscheidende Bereiche der Regulierung zurückzudrehen (erinnern Sie sich noch an die Trading-Schlupflöcher, die 2014 von der Bankenbranche in die Ausgaben des Bundes eingebaut wurden?) und unsere steuerlichen und sonstigen Gesetze nach Gutdünken zu ändern. Die Macht dieser großen oligopolistischen Interessen verwandelt unsere einmalige amerikanische Ausprägung des Kapitalismus zunehmend in eine Vetternwirtschaft, die besser zu einer Autokratie der Dritten Welt als zu einer angeblichen Demokratie mit freier Marktwirtschaft passt.47 Dank dieser Veränderungen wird unsere Volkswirtschaft nach und nach zu einem „Nullsummenspiel zwischen Eigentümern von Finanzvermögen und dem Rest Amerikas“, wie es der ehemalige Goldman-Sachs-Banker Wallace Turbeville ausdrückte, der bei dem Nonprofit-Thinktank Demos ein mehrjähriges Projekt über die Finanzialisierung leitet.48

Eine der schädlichsten Auswirkungen des Aufstiegs des Finanzwesens ist eine Zunahme der massiven Ungleichheit, wie wir sie seit dem Gilded Age nicht mehr erlebt haben. Tatsächlich verlaufen diese beiden Trends synchron. Die Gehälter im Finanzsektor – eine einfache Möglichkeit, das Verhältnis der beiden Variablen zu verfolgen – waren im Vorfeld des Börsencrashs 1929 im Verhältnis zu allen anderen Löhnen hoch und fielen dann, nachdem die Banken wieder reguliert worden waren, in den 1930er-Jahren rasant. Ab den 1980er-Jahren stiegen sie wieder drastisch, nachdem die Finanzwirtschaft erneut von der Leine gelassen worden war.49 Der Anteil von Finanziers am obersten Prozent der Einkommensverteilung hat sich von 1979 bis 2005 annähernd verdoppelt.50

Die reichen Banker sind allerdings weniger der Grund für die Ungleichheit als vielmehr das frappierendste anschauliche Anzeichen dafür, wie bedeutend das Finanzvermögen für die sich verbreiternde Wohlstandskluft in Amerika geworden ist. Die Finanziers und die von ihnen bereicherten Supermanager der Unternehmen stellen gerade deswegen einen wachsenden Anteil an der Elite der Nation, weil sie die meisten Finanzmittel kontrollieren. Diese Vermögenswerte (Aktien, Anleihen und so weiter) sind bei den Privilegiertesten die vorherrschende Form von Vermögen51 und dadurch kommt ein Schneeballeffekt der Einkommensungleichheit zustande. Wie der französische Volkswirt Thomas Piketty in seinem 696 Seiten starken Werk „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ ausführlich erklärt, überwiegen die Renditen aus Finanzanlagen bei Weitem diejenigen aus altmodischer Arbeit gegen Lohn oder Gehalt.52 Selbst wenn man die Gehälter der Topmanager der modernen Wirtschaft betrachtet – der Vorstandsvorsitzenden, Banker, Bilanzbuchhalter, Agenten, Berater und Anwälte, gegen die Gruppierungen wie Occupy Wall Street wettern –, muss man unbedingt bedenken, dass sie 30 bis 80 Prozent ihres Einkommens nicht in bar, sondern in Form von anreizgesteuerten Aktienbezugsrechten und Aktien erhalten.

Auf diese Art des Einkommens fallen viel weniger Steuern an, als die meisten von uns auf ihr regelmäßiges Gehalt bezahlen – dank der finanzfreundlichen Änderungen des Steuerrechts in den letzten gut 30 Jahren. Das bedeutet, dass die Zusammensetzung der Vergütung der Topmanager den Anteil dramatisch reduziert, den der öffentliche Sektor vom landesweiten Vermögenskuchen bekommt (und damit auch die Fähigkeit des Staates, den ärmeren Schichten und der Mittelschicht unter die Arme zu greifen), und gleichzeitig die Einkommenskluft in der gesamten Wirtschaft verbreitert. Die 25 bestverdienenden Hedgefonds-Manager Amerikas verdienen mehr als sämtliche Erzieherinnen und Erzieher des Landes zusammen – eine Statistik, die wie keine andere die ungleiche Ressourcenverteilung widerspiegelt, die untrennbar mit der Finanzialisierung zusammenhängt.53

Diese Abwärtsspirale beschleunigt sich noch, wenn Führungskräfte, die in Aktien bezahlt werden, kurzfristig orientierte Entscheidungen treffen, die womöglich das Wachstum ihrer Unternehmen schwächen, während sie dadurch den Wert ihrer eigenen Bezugsrechte steigern. Es ist kein Zufall, dass die Aktienrückkäufe, die meist zwar die Aktienkurse, nicht aber das zugrunde liegende Wachstum aufbessern, und die Bezahlung von Managern in den vier vergangenen Jahrzehnten gleichlaufend gestiegen sind.54 Zahlreiche Studien veranschaulichen diese Überschneidung der Finanzialisierung und der Wohlstandskluft. Eine der schlagendsten wurde von den Volkswirten James Galbraith und Travis Hale erstellt. Sie zeigten, dass die Veränderung der Einkommensungleichheit Ende der 1990er-Jahre zu einem bemerkenswerten Grad dem munter steigenden Aktienindex Nasdaq Composite folgte.55 Gleiches geschah während des Aktienbooms der letzten Jahre, was den Punkt unterstreicht, den Kommentatoren wie der Journalist Robert Frank angesprochen haben: dass Vermögen, das an Finanzmärkten aufgebaut wird, „stärker von der wirklichen Welt abstrahiert“ und daher größeren Schwankungen unterworfen ist und dass dies einen Zyklus aus Auf- und Abschwüngen fördert (der natürlich die Armen stärker schädigt als alle anderen).56 Piketty zeigte in seinem Buch deutlich, dass die Finanzialisierung – falls keine einschneidenden Ereignisse wie Kriege oder schwere Depressionen eintreten, die den Wert von Finanzanlagen vernichten – dafür sorgt, dass die Reichen wirklich reicher, und zwar viel reicher, werden, während es den anderen immer schlechter geht. Das ist nicht nur für diejenigen am unteren Ende schlecht, sondern für uns alle. Untersuchungen belegen, dass mehr Ungleichheit zu schlechterem Gesundheitszustand führt, zu geringerem Vertrauen, zu mehr Gewaltverbrechen und weniger sozialer Mobilität – lauter Dinge, die eine Gesellschaft instabil machen können.57 Piketty erklärte mir 2014 in einem Interview, es gebe „keinen Algorithmus“, um vorherzusagen, wann Revolutionen passieren. Wenn sich die gegenwärtigen Trends jedoch fortsetzen würden, könnten die Konsequenzen für die Gesellschaft in Gestalt sozialer Unruhen und wirtschaftlicher Umwälzungen „schreckenerregend“ werden.58

Es gibt viele konservative Gelehrte, Politiker und Geschäftsleute (sowie Liberale, die an den Trickle-Down-Effekt glauben), die die Einzelheiten einer solchen Analyse bestreiten werden. Man kann durchaus argumentieren, präzise und unwiderlegliche Ursache-Wirkungs-Beziehungen zwischen dem Finanzwesen und dem Wachstum des Pro-Kopf-BIPs seien wegen der gewaltigen Anzahl von Variablen, die dabei mitspielen, schwer zu isolieren. Doch die Tiefe und Breite der Korrelationen zwischen dem Aufstieg der Finanzwirtschaft und der Zunahme der Ungleichheit, dem Rückgang der Unternehmensgründungen, den stagnierenden Löhnen und den Funktionsstörungen der Politik sprechen sehr dafür, dass das Finanzwesen nicht nur Boden gutmacht, sondern auch aktiv auf die Realwirtschaft drückt. Dazu kommt noch, dass dies die Volatilität der Märkte deutlich erhöht und damit auch das Risiko von Ereignissen wie der Großen Rezession, die 16 Billionen Dollar Haushaltsvermögen vernichtete.59 Es lässt sich nachweisen, dass die Anzahl der Vermögen vernichtenden Finanzkrisen in den letzten Jahrzehnten im Gleichschritt mit dem Wachstum des Finanzsektors zugenommen hat. Die Wissenschaftler Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff erläutern in ihrem Buch „Dieses Mal ist alles anders: Acht Jahrhunderte Finanzkrisen“, dass der Anteil der Welt, der von Bankenkrisen betroffen wurde (gewichtet nach dem Anteil der jeweiligen Länder am globalen BIP), von circa 7,5 Prozent im Jahr 1971 auf 11 Prozent im Jahr 1980 und 32 Prozent im Jahr 2007 gestiegen ist.60 Und der Volkswirt Robert Aliber äußerte 2005, also deutlich vor der Kernschmelze des Jahres 2008, in einer Neuauflage eines der maßgeblichen Bücher über Finanzblasen – „Manien, Paniken, Crashs: Eine Geschichte der Finanzkrisen der Welt“ des verstorbenen Charles Kindleberger – eine ernste Warnung: „Daraus lässt sich unmissverständlich schließen, dass Finanzpleiten in den letzten 30 Jahren ausgedehnter und allgegenwärtiger waren als in allen anderen vorherigen Zeiträumen.“61 Dies veranschaulicht auf frappierende Weise, dass sich die Finanzwirtschaft von einer Branche, die zum Eingehen gesunder Risiken ermuntert, zu einer Branche gewandelt hat, die einfach nur Schulden schöpft und unproduktive Risiken über das gesamte Marktsystem verteilt.

DIE TIEFEREN URSACHEN

Es hätte nicht so kommen müssen. In der Zeit nach der Großen Depression war das Bankwesen eine tragende Säule des Wohlstands Amerikas. Damals bauten Banken die Unternehmen auf, die Produkte schufen, welche die Wirtschaft in Gang hielten. Wenn man etwas Initiative besaß und eine großartige Idee hatte, ging man zu einer Bank, die Bank prüfte den Businessplan und die Kreditwürdigkeit und mit etwas Glück half sie einem dann dabei, den eigenen Traum zu leben. Die Banken haben Amerika finanziert – in dieser Überzeugung sind wir aufgewachsen. Und das wurde uns auch 2008 erzählt, als unsere Regierung rund 700 Milliarden Dollar an Steuergeldern (mehr als genug, um das gesamte Netz der Interstate Highways von Grund auf neu zu bauen) bereitstellte, um das Finanzsystem der Vereinigten Staaten zu retten. Das daraus resultierende Troubled Asset Relief Program (TARP) sollte die Subprime-Hypothekenkrise bewältigen, die natürlich durch kolossale Vergehen seitens einiger Banken verursacht worden war, die nun gerettet wurden. Doch wenig überraschend löste dies das Problem nicht. Die Wall Street ist nicht nur wieder da, sondern auch noch größer als zuvor. Die zehn größten Banken des Landes stellen jetzt einen größeren Anteil der Finanzwirtschaft und halten mehr Vermögen als 2007, nämlich fast zwei Drittel der 18 Billionen Dollar starken gesamten US-amerikanischen Volkswirtschaft. Die Main Street muss sich indes weiterhin irgendwie durchschlagen.

Gelehrte und Politiker führen dafür viele oberflächliche Gründe an: Wir leiden unter einem Mangel an Unternehmervertrauen; wir geraten in den Strudel der anhaltenden Schuldenkrise in Europa; wir werden von der konjunkturellen Abkühlung in China gelähmt; wir sind Opfer von Washingtons politischem Versagen; wir werden durch die zunehmenden Regulierungen des Bundes und die damit einhergehenden Formalitäten gefesselt. Zwar haben diese Punkte am Rande gewisse Auswirkungen, doch sie erklären nicht die Tatsache, dass die Produktivität und das Wachstum in unserer eigentlichen Wirtschaft seit den 1990er-Jahren zurückgehen, und zwar unabhängig davon, welche politische Partei an der Macht war, welche Maßnahmen getroffen wurden oder welchen Ländern es auf der globalen Bühne gut oder schlecht ging.

Seriösere Diskurse über die Auswirkungen von Faktoren wie der Globalisierung und der technologiegetriebenen Arbeitsplatzvernichtung auf das Wachstum werden zu führen sein. Es stimmt durchaus, dass Arbeitsplätze an Orte mit billigeren Arbeitskräften ausgelagert wurden und werden, dass zunehmend auch die Arbeit der Mittelschicht durch Software erledigt wird und dass diese Faktoren bei unserer gebremsten konjunkturellen Erholung eine Rolle gespielt haben. Doch die Finanzialisierung der amerikanischen Wirtschaft ist der dritte bedeutende, wenn auch nicht anerkannte Faktor für das verlangsamte Wachstum und er verbindet sich mit den beiden anderen auf unzählige destruktive Arten. Beispielsweise liebt das Finanzwesen das Outsourcing, denn indem es die Arbeit in Schwellenländer auslagert, senkt es die Kosten. Doch denken die Finanziers dabei nur selten an die Risiken, die das Offshoring in die Lieferketten einsickern lässt – die auf tragische Weise bei Ereignissen offenbar werden wie beispielsweise dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza im Jahr 2013 in Bangladesch. Dabei starben über tausend Textilarbeiterinnen, die ihre Tage damit verbrachten, T-Shirts und Jeans für Unternehmen wie Walmart, Children’s Place und JCPenney zu nähen – in Gebäuden, die nicht den Vorschriften entsprachen. Die Finanzwirtschaft liebt auch die Kosteneinsparungen, die Technologie mit sich bringt. Jedoch resultieren Hightech-Finanzanwendungen wie das Flash-Trading und die computergenerierten Algorithmen, die bei komplexen Wertpapieren eingesetzt werden, in wiederholten Börsencrashs, die Billionen von Dollar an Vermögen vernichten.

DER SCHWARZE PETER

Oft wird der immens komplexe Prozess der Finanzialisierung von Staatschefs, Politikern und Regulierern unterstützt und gefördert – genau von denjenigen Menschen also, die eigentlich den Auftrag haben, Börsencrashs zu verhindern. Greta Krippner, eine Wissenschaftlerin von der University of Michigan, hat eines der umfassendsten Bücher über die Finanzialisierung geschrieben.62 Sie glaubt, dass dies im Vorfeld der 1980er-Jahre der Fall war, als die Finanzialisierung ihr schnellstes Wachstum begann – eine Phase, die oft als „Zeitalter der Gier“ bezeichnet wird.63 Laut Krippner begann diese Veränderung, zu der auch die Deregulierung in der Ära Reagan, die Entfesselung der Wall Street, das Aufkommen der „Ownership Society“, also der Gesellschaft der Eigentümer, und die Einführung des 401(k)-Systems für die Altersvorsorge gehören, eigentlich schon Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre. In dieser Zeit begann sich das Wachstum, dessen sich Amerika nach dem Zweiten Weltkrieg erfreute, zu verlangsamen, die Inflation begann anzuziehen und der Staat musste sich der Herausforderung stellen, die knapper werdenden Ressourcen zu verteilen (die Debatte „Kanonen statt Butter“). Anstatt diese schwierigen Entscheidungen selbst zu treffen, beschlossen die Politiker, den Schwarzen Peter unter dem Deckmantel der Auffassung „Die Märkte wissen es am besten“ an das Finanzwesen weiterzureichen. Ab den 1970er-Jahren wurden nach und nach die Regulierungen aus der Depressionszeit zurückgefahren, die Amerika so gute Dienste geleistet hatten, und die Finanzwirtschaft wurde zu der dominierenden Kraft, die sie heute ist. Der entscheidende Punkt ist dabei, dass die politischen Entscheidungen, die die Finanzialisierung förderten, nicht auf einen Schlag erfolgten, sondern schrittweise getroffen wurden und so ein dysfunktionales Geflecht von Veränderungen in den Bereichen Steuern, Handel, Regulierungsmaßnahmen, Unternehmensführung und Gesetzgebung schufen. Es wird Zeit und gewaltige Mühe erfordern, dieses Geflecht wieder zu entwirren.

Die Finanzialisierung steht hinter den Veränderungen in unserem Rentensystem und in der Steuergesetzgebung, die den Banken immer mehr Geld zum Herumspielen verschafften, und hinter dem Aufkommen des Hochgeschwindigkeitshandels, der mehr und mehr Risiken und Hebelwirkungen im System zuließ, um wenigen Privilegierten enorme Profite zu bescheren. Sie steht hinter der destruktiven Deregulierung der 1980er- und 1990er-Jahre und dahinter, dass der Bankensektor auch nach der Finanzkrise des Jahres 2008 nicht wieder ordentlich reguliert wurde. Es mag sein, dass einzelne Mitarbeiter von J.P. Morgan und von Goldman Sachs wegen rücksichtslos waghalsigen Handels ins Gefängnis wandern (wenn auch in der Mehrzahl der Fälle nicht). Das System, das ihre Vergehen erlaubte, bleibt jedoch bestehen. Tatsächlich sind die Probleme so eklatant, dass sogar unter den Vertretern von Too-big-to-fail-Banken einige – unter ihnen der ehemalige Citigroup-Vorsitzende Sandy Weill – zugegeben haben, dass das System nicht sicher ist, dass die Finanzwirtschaft straffere Regulierungen braucht und dass große Banken zerschlagen werden sollten.64

In nächster Zeit wird das allerdings nicht passieren. Auch jetzt noch wächst der Anteil des Finanzwesens an unserer Volkswirtschaft weiter. Die Verschuldungsgrade sind gegenüber dem Jahr 2007 kaum zurückgegangen – bei großen Banken ist es nach wie vor gang und gäbe, dass sie ihr Tagesgeschäft zu 95 Prozent mit geliehenem Geld betreiben.65 Das Vermögen des informellen Kreditsektors, zu dem auch die Schattenbanken gehören, wuchs von 2007 bis 2014 von 13 Billionen auf satte 80 Billionen Dollar an.66 Weniger als die Hälfte aller Derivate, also jener finanziellen Massenvernichtungswaffen, die noch Öl ins Feuer der Krise gossen, sind reguliert, auch nach der Dodd-Frank-Finanzreform, die 2010 verabschiedet wurde.67 Die Krise des Jahres 2008 mögen wir hinter uns gelassen haben, doch unser Finanzsystem haben wir nicht repariert.

Hinzu kommt, dass die Regulierungsbehörden für die Bewältigung künftiger Krisen schlecht gerüstet sind (und die Geschichte zeigt, dass solche Krisen immer häufiger auftreten). Die Banker üben mithilfe der Drehtür, die zwischen der Wall Street und Washington existiert, eine immense „weiche“ Macht aus. Man braucht sich bloß anzuschauen, wie viele Spitzenpositionen im Finanzministerium, in der Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) und in anderen Regulierungsbehörden mit ehemaligen Führungskräften von Goldman Sachs und anderen großen Finanzinstituten besetzt werden. Dies sind jene Menschen, die sich für Steuer- und Regulierungs-„Reformen“ eingesetzt haben, die seit Anfang der 1980er-Jahre die Kapitalertragsteuer gesenkt haben, die verhindert haben, dass riskante Wertpapiere reguliert werden, und die den Boom der Aktienrückkäufe zugelassen haben. Nicht nur sind viele Regulierer nicht gewillt, die Branche im Zaum zu halten, sondern sie sind auch hoffnungslos unterbezahlt, schlecht mit Personal ausgestattet und unterfinanziert. Sehen Sie sich etwa die Commodity Futures Trading Commission (CFTC) an, die heute etwa die gleiche Personalstärke hat wie in den 1990er-Jahren, obwohl sich der Markt für Swaps, den sie beaufsichtigt, inzwischen auf mehr als 400 Billionen Dollar aufgebläht hat.68 Für Regulierer mit fünfstelligen Gehältern, mit bescheidenen Forschungsetats und Durchsetzungsmitteln ist es nicht leicht, bezüglich der algorithmischen Vergehen von Tradern auf dem Laufenden zu bleiben, die siebenstellige Beträge verdienen. Und das ist eine Schande, denn eine Umfrage unter Hunderten hochkarätigen Finanzprofis ergab im Jahr 2015, dass mehr als ein Drittel von ihnen in ihren eigenen Firmen Vergehen beobachtet hatten und 38 Prozent nicht der Meinung waren, ihre Branche setze die Interessen des Kunden an die oberste Stelle.69

DIE BÜHNE DER FINANZIALISIERUNG

Natürlich gibt es noch andere Theorien darüber, weshalb die Finanzialisierung stattfindet. Der Nobelpreisträger Robert Shiller hat den „irrationalen Überschwang“ beschrieben, den er für eine natürliche Neigung des Menschen hält. Die Tatsache, dass wir im Laufe der Geschichte immer wieder Auf- und Abschwünge durchmachen und wie die Lemminge auf das „New New Thing“ zulaufen – ob es nun Tulpenzwiebeln oder CDOs sind (Collateralized Debt Obligations, forderungsbesicherte Schuldverschreibungen) –, legt den Gedanken nahe, dass hier starke psychologische Kräfte am Werk sind. (Die Neurowissenschaft, die erkannt hat, dass die Gehirne von Tradern auf Geschäftsabschlüsse genauso reagieren wie die Gehirne Süchtiger auf Kokain, ist für sich genommen ein faszinierendes wissenschaftliches Forschungsgebiet.)70 Andere Wissenschaftler, beispielsweise Gerald Davis von der University of Michigan, konzentrieren sich auf die Bedeutung neuer Management-Theorien, etwa auf unsere Auffassung vom Shareholder-Value, die den Anleger über alles und jedes in unserer Gesellschaft stellt, auch über die Kunden, die Angestellten und das Allgemeinwohl.71

Die Veränderungen im Finanzsystem gingen mit Veränderungen der Unternehmenskultur einher. Apple ist mit seinen Finanzmanövern ja keineswegs allein. So unterschiedliche Unternehmen wie Sony, Intel, Kodak, Microsoft, General Electric, Cisco, AT&T, Pfizer und Hewlett-Packard wurden von den Finanzbotschaftern umgepolt und opferten ihre langfristigen Interessen kurzfristigen Gewinnen. Das kann bewusst, durch Zwang oder gar unbewusst geschehen. Wie ich in diesem Buch darlegen werde, sind die Unternehmenslenker inzwischen so sehr von den Werten und der Kultur der Wall Street durchtränkt, dass die Vorstellung der Wall Street, was gut für die Wirtschaft sei, zum Allgemeingut der Unternehmenswelt und sogar der gesamten Gesellschaft geworden ist. Momentan lassen sich die zersetzenden Auswirkungen der Wall Street auf die amerikanischen Unternehmen nicht in Begriffen grob gesetzwidrigen Verhaltens erfassen, sondern eher in Form des neuerdings vorherrschenden kurzfristigen Denkens. Die Finanzkultur strebt nach „Wachstum jetzt gleich, schon ab heute Morgen“, damit sie im nächsten Quartalsbericht Resultate vorweisen kann. Dieser Druck verleitet Unternehmen zu allerlei schlechten Entscheidungen wie etwa übereilten Fusionen und Übernahmen, die in PowerPoint toll aussehen – bis die Bauchschmerzen einsetzen und die Entlassungen beginnen. (Und das ist der Normalfall: Studien belegen, dass 70 Prozent der von der Wall Street vorangetriebenen Fusionen mit Enttäuschungen enden.)72

Davis vergleicht die Finanzialisierung mit einer „kopernikanischen Wende“ – die Unternehmen befinden sich nun auf einer Umlaufbahn um den Finanzsektor. Auch gibt es ein ganzes Korpus an anthropologischen Forschungen, die sich damit befassen, wie es dazu kam, dass heute die Kultur der Wall Street die Gesellschaft und die Wirtschaft dominiert und der Finanzialisierung eine weitere Bühne bietet. Das Buch „Liquidated: An Ethnography of Wall Street“ der Anthropologin Karen Ho befasst sich beispielsweise damit, dass die von Volatilität und Unsicherheit geprägten Arbeitspraktiken der Wall Street nun auch in der restlichen Wirtschaft zum Status quo geworden sind.73 „In mehrfacher Hinsicht sind die Investmentbanker und die Art, wie sie an ihre Arbeit herangehen, zum Vorbild dafür geworden, wie Arbeit aussehen sollte“, schreibt Ho, die in einer Bank gearbeitet hat, bevor sie Wissenschaftlerin wurde. „Was [die Wall Street schätzt], ist nicht die Personalkontinuität, sondern stetige Simultaneität zu den Märkten. Wenn Hypotheken gerade nicht das beste Geschäft sind, heißt es: ‚Machen wir das Hypothekenbüro zu und in einem Jahr stellen wir die Leute wieder ein.‘ [Im Finanzwesen] arbeiten die Menschen hundert Stunden die Woche, reden aber stets von unsicheren Arbeitsplätzen. Die Banker an der Wall Street wissen, dass sie liquide Menschen sind.“74 Und als Folge dessen sind wir das inzwischen alle.

Zudem hat die Finanzialisierung eine Unternehmens- und Geschäftskultur hervorgebracht, die eher auf Betriebswissenschaftlern als auf Ingenieuren und Unternehmern beruht. Da die Gehälter an der Wall Street im Schnitt 70 Prozent über denen anderer Branchen liegen, lassen sich viele der klügsten Köpfe in ihre Reihen und weg von etwas für die Gesellschaft Nützlicherem locken.75

KOLLATERALSCHÄDEN

Die verborgene politische Ökonomie der Finanzialisierung wurde erstmals von Karl Marx dargestellt, der sie für das letzte Stadium des Kapitalismus hielt. Er war der Ansicht, das hauptsächlich auf Habgier basierende System werde dadurch irgendwann in sich zusammenstürzen.76 Die Tatsache, dass dies noch nicht geschehen ist, spricht nicht unbedingt gegen Marx.77 Laut Wissenschaftlern wie Piketty und dem berühmten marxistischen Gelehrten und Harvard-Volkswirt Paul Sweezy78 entwickelt unser finanzialisiertes System eine Eigendynamik, die dazu führt, dass die funktionsgestörte Beziehung zwischen Finanzwirtschaft und Realwirtschaft sehr lange andauern kann.

Alle erwähnten Theorien sagen etwas Wichtiges über die Finanzialisierung aus und Teile davon sieht man in fast allen Zeiten des Aufschwungs und Abschwungs in der amerikanischen Geschichte am Werk. Falsche Anreize, dysfunktionale Wirtschaftspolitik, schlechte Unternehmensführung und schwache Regulierung – all das war ebenso Teil des Börsencrashs 1929 und der Großen Depression wie der Krise 2008 und der Großen Rezession. Natürlich gibt es einerseits die Ursachen des Problems und andererseits seine Symptome, die manchmal ebenso schädlich sind. Die Finanzialisierung resultiert nicht nur in umfassenden destruktiven Entwicklungen wie gebremstem Wachstum, Ungleichheit und anfälligen Kapitalmärkten, sondern auch in zahlreichen Nebensymptomen, die zur eigentlichen Krankheit gehören. Und diese müssen wir jetzt bekämpfen – bevor es zu spät dafür ist. Dieses Buch soll eine Anleitung dafür sein.

DIE REPARATUR DES SYSTEMS

Und so wird der Graben zwischen den Märkten und der Realwirtschaft, zwischen der Wall Street und der Main Street, immer breiter. Die Verzerrungen haben den Risiken, die unserem Finanzsystem innewohnen, einen erschreckenden Schub verliehen. Da so viel Geld und Macht in den Händen so weniger konzentriert sind, haben wir eine Spitze ohne Basis. Die zunehmende Ungleichheit, die sinkende Produktivität und die falschen Anreize haben eine Welt geschaffen, in der virtuelle Unternehmen florieren, während echte Unternehmen mit echten Arbeitern zu kämpfen haben. Innovationen fallen dem Finanzmanagement zum Opfer, langfristige Planung kurzfristig ausgerichteten Tricks. Das Risiko im Finanzsystem wächst weiter, während gleichzeitig das Risikokapital für reale Unternehmen rückläufig ist. Diese Entwicklungen ersticken das Wachstum unserer Nation. In vielen der nun folgenden Kapitel werde ich die lange, faszinierende Geschichte der Finanzialisierung in Amerika nachzeichnen. Doch das Hauptanliegen dieses Buches liegt nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart und in der Zukunft.

Genau jetzt haben wir eine Chance: die seltene zweite Chance, die Re-Regulierung und die Beschneidung des Finanzsektors auf die passende Größe nachzuholen, die wir eigentlich in den Jahren nach der Finanzkrise 2008 hätten vornehmen müssen. Dabei gibt es Silberstreife am Horizont. Trotz der Lobbymacht der Banken und der handfesten Interessen Washingtons und der Wall Street besteht auf zunehmend breiter Front Druck, das Finanzsystem wieder auf den Platz zu verweisen, der ihm zukommt, nämlich als Diener der Wirtschaft und nicht als ihr Herr. Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Amerikaner eine Steuerreform und direktere substanzielle Maßnahmen der Regierung zum Abbau der Armut sowie der Ungleichheit wünscht.79 Tatsächlich stehen zwei der schädlichsten Auswirkungen der Finanzialisierung – der Abstieg der Mittelschicht und die Stagnation der Lohnentwicklung – im Mittelpunkt des Präsidentschaftswahlkampfs 2016.

Wir haben die Werkzeuge, um unser System zu reparieren, und zum Glück gibt es eine engagierte Gruppe von Regierungsvertretern, Wissenschaftlern und Regulieren, die uns weit über die aktuelle, verwässerte Finanzregulierung nach Dodd-Frank hinausführen wollen. Dazu zählen Senatorin Elizabeth Warren, der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz, Thomas Hoenig, der stellvertretende Vorsitzende der Einlagensicherung FDIC, und viele andere. Doch der Schlüssel zur Reformierung unseres derzeitigen Systems besteht darin, der amerikanischen Öffentlichkeit klarzumachen, wie tief greifend und schwerwiegend die Dinge für die Mehrzahl der Menschen in diesem Lande eben nicht funktionieren und – genauso wichtig – warum sie nicht funktionieren. Die erneute Verankerung des Finanzwesens in der Realwirtschaft gelingt nicht einfach, indem man die größten Banken zerschlägt, auch wenn das bereits ein guter Anfang wäre. Man müsste die Herrschaft des finanzorientierten Denkens in allen Winkeln der amerikanischen Unternehmenswelt beenden. Man müsste die wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung reformieren, denn sie wird immer noch von Wissenschaftlern dominiert, die sich in gleicher Weise gegen Bedrohungen des falschen Evangeliums der Markteffizienz wehren, wie der mittelalterliche Klerus Beweise abtat, die gegen die Existenz Gottes sprachen. Das Steuersystem müsste verändert werden, denn es behandelt aus einem Jahr resultierende Anlageerträge genauso wie langfristige Erträge. Es verleitet Finanzinstitute dazu, übertriebenen Konsum und überzogene Spekulationen massiv zu fördern, anstatt eine gesunde Kreditvergabe an kleinere Unternehmen und solche zu betreiben, die Arbeitsplätze schaffen. Wir müssen die Rente überdenken, eine klügere Wohnungspolitik ausarbeiten und eine Finanzkultur eindämmen, die vor Lobbyisten wimmelt, die gegen die Grundprinzipien der Demokratie verstoßen.