Lykandras Krieger 3 - Wolfskriegerin - Kerstin Dirks - ebook

Lykandras Krieger 3 - Wolfskriegerin ebook

Kerstin Dirks

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Opis

Vor hundertfünfzig Jahren rettete ein Werwolf ihr Leben. Aber seitdem steht Keira Swift unter einem schrecklichen Fluch. Der Werwolf und Kämpfer Killian Blackdoom jagt bei Nacht Vampire in London und stößt auf die mutige Keira, die ihn sofort fasziniert. Ihre wilde Leidenschaft zieht den Einzelgänger mehr in den Bann, als er jemals für möglich gehalten hätte. Doch sie ist keine gewöhnliche Werwölfin und der Fluch könnte sie das Leben kosten. Killian will alles versuchen, sie davon zu befreien, doch zunächst muss er sich durch ihre Ablehnung arbeiten ... Als noch dazu eine Bedrohung aufzieht, weiß Killian, dass Keira und er diese nicht allein abwenden können. Sie brauchen die Hilfe seiner ehemaligen Rudelbrüder Correy und Remierre, was sich aufgrund alter Rivalitäten als keine gute Idee erweisen könnte.

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Wolfskriegerin

Lykandras Krieger 03

Kerstin Dirks

 

Lykandras Krieger 01: Wolfsängerin, 2008Lykandras Krieger 02: Blutsklavin, 2009Lykandras Krieger 03: Wolfskriegerin, 2010

Kerstin DirksWolfskriegerin

Sieben Verlag, 64372 Ober-Ramstadt © 2010Covergestaltung: Nordstern DesignISBN Printausgabe: 978-3-941547-06-3ISBN Ebook: 978-3-941547-67-4

www.sieben-verlag.de

Prolog

London, 1859

„Du musst es tun, überwinde dich“, flüsterte Mutter in ihr Ohr. „Du hast Glück, sieh ihn dir an. Ein solch stolzer Kerl kommt nicht oft hierher.“

Keira blickte zu dem hochgewachsenen Mann auf, der lässig an der Bar lehnte und sie zärtlich anlächelte. Zweifels-ohne war er von hohem Stand. Seine Gewänder wirkten edel und kostbar. Niemand mit geringem Einkommen konnte sich solch prachtvolle Kleider leisten. Sicherlich war er ein Nachfahre jener Aristokraten, die vor einem halben Jahrhundert ihre Heimat Hals über Kopf verlassen hatten, als die Revolution ausgebrochen war. Ihre Vermutung rührte daher, dass sie in seiner Stimme einen leisen französischen Akzent vernommen hatte.

„Nur Mut, Keira“, sagte Mama und wandte sich ihrem eigenen Kunden zu, nahm ihn mit auf ihr Zimmer, wie sie es oft getan hatte. Auch in Keiras Anwesenheit.

Keira klammerte sich nervös an einer Stuhllehne fest und musterte ihren Freier. Er sah aus wie jemand, der Manieren hatte. Keiner jener dreckigen Kerle, die herkamen, nach Alkohol stanken und sich nahmen, was sie wollten – für ein paar Münzen. Nein, dieser Mann sah aus, als nähme er hin und wieder ein Bad. Mutter hatte recht. Sie hatte Glück, dass er sie wollte.

Für Keira würde es das erste Mal sein, dass sie sich einem Mann hingab. Aber eben das reizte den Fremden. Er hatte nach einer Jungfrau gesucht und war gekommen, weil ihm jemand den Hinweis gegeben hatte, dass einige Huren hin und wieder ihre reifen Töchter in das Gewerbe einführten.

Galant bot er ihr seinen Arm und Keira wusste nicht, was sie tun sollte. Doch sein Lächeln war so milde, so sanft, dass sie alle Angst verlor. Es war merkwürdig. Ohne ihn zu kennen, hatte sie doch plötzlich das Gefühl, ihm vertrauen zu können. Als bestünde von einer Sekunde zur nächsten eine gewisse Magie zwischen ihnen. Sie konnte nicht umhin, ihn attraktiv zu finden. Elegant, grazil, anmutig. Er hatte ein seltsames Mal auf der Stirn, aber das hatte er so gut es ging mit Puder abgedeckt. Nur wenn man genau hinsah, sah man die Umrisse.

Sie nahm seinen Arm und er strich zärtlich über ihre Wange. Es fühlte sich schön an. „Hab keine Angst“, flüsterte er. „Es wird dir gefallen. Ich werde es schön für dich machen.“

Täuschte sie sich oder roch sie ein süßes Parfüm, das ihn umwehte, gleich einer zarten Wolke aus feinem Duft? Verspielt tippte sein Finger gegen ihre Unterlippe.

„Und du hast noch nie …?“

„Nein, mein Herr.“ Sie senkte den Blick. Ein wenig schämte sie sich, dass sie ihre Jungfräulichkeit auf diese Weise verlor. Insgeheim hatte sie gehofft, dass sie ihrem Schicksal irgendwie würde entrinnen können, vielleicht sogar ein bürgerliches Leben führen konnte. Mit einem anständigen Mann an ihrer Seite. Doch nun stand sie kurz davor, den Weg einzuschlagen, den auch ihre Mutter gegangen war.

„Hast du Angst?“, fragte er und streichelte erneut ihr Gesicht. Seine Berührungen waren wunderschön. Niemand hatte sie je so zärtlich angefasst. Sie konnte nicht genug davon bekommen.

„Ein wenig“, gab sie zu und zwang sich zu einem Lächeln.

„Das brauchst du nicht, meine Schöne.“

Langsam führte er sie zum Ausgang und Keira folgte ihm. Die Blicke der anderen Mädchen entgingen ihr nicht. Sie sahen ihr neidvoll hinterher. Sicher wünschte sich jede von ihnen, auch solch ein Glück zu haben wie sie, die nun von einem feinen Herrn mitgenommen wurde, der gewiss ordentlich etwas springen ließ, wenn er mit ihren Diensten zufrieden war. Keira atmete tief durch, und als sie die Türschwelle überschritten und in die Nacht hinaustraten, verabschiedete sie sich von ihren Träumen, ergab sich dem Unausweichlichen. Diese Nacht war bedeutungsvoll. Sie würde über ihr Schicksal entscheiden. In diesem Moment fand sie sich damit ab, dass sie als Hure arbeiten würde. Bei Tag würden die Männer die Nase über sie rümpfen und bei Nacht würden genau dieselben Männer vor ihrer Tür stehen, um ihr Geld in die Taschen zu stecken. Keira würde eine gute Hure sein. Eine, die viel Geld heranschafft. Heute Nacht würde sie sich alle erdenkliche Mühe geben, um diesen besonderen Kunden zufriedenzustellen.

Sie hatten das kleine, unauffällige Hafenetablissement mit der roten Lampe am Eingang hinter sich gelassen und schlenderten an den Docks entlang. Es war eine friedliche, aber kühle Nacht. Dichte Nebelschwaden waberten über den Boden, sodass Keira nicht einmal ihre Füße sehen konnte.

„Wohin gehen wir, edler Herr?“, fragte sie leise und blickte zu ihm hoch. Die feinen Gesichtszüge schimmerten silbern im Mondlicht. Ihr fiel auf, wie makellos seine Haut war. Sicherlich gab er viel für die Pflege aus. Umso weniger konnte sie sich vorstellen, dass jemand wie er in dieser Gegend, in der sonst nur der Abschaum der Gesellschaft verkehrte, ein Gasthaus bezog. Doch wo war seine Kutsche, die sie rasch von hier fortbrachte? Oder zumindest eine Leibwache, die ihn schützte? Dieses Viertel war gefährlich. Ganz besonders für hohe Herren, die allein unterwegs waren, und bei denen sich ein Raubzug lohnte.

„Hier entlang“, sagte er und deutete mit der feingliedrigen Hand den Weg hinunter. Suchend blickte er sich um. Offenbar hatte er gar kein Ziel. Keiras anfängliches Vertrauen schwankte und ihr war nicht wohl zumute. Der Geruch von Alkohol stieg ihnen aus jeder Ecke entgegen. Widerlich. Aber ihr Begleiter ignorierte den Gestank und ging weiter, unbeeindruckt von den angetrunkenen Matrosen und Hafenarbeitern, die ihnen entgegenkamen. Sie grölten, suchten offenbar Streit und tatsächlich hielt einer der Männer ihren Freier an der Schulter fest. Keiras Herz klopfte zum Zerspringen, als sie zu dem deutlich größeren Mann hochsah, der ein übles Grinsen im Gesicht hatte. Fauliger Atem stieg ihm aus dem geöffneten Mund.

„Ahoi du Landratte“, lallte er. „Schöne Nacht für einen … Nachtspaziergang.“

„Lassen Sie mich los“, bat ihr Begleiter höflich, noch immer gänzlich unbeeindruckt. Im Gegensatz zu Keira brachte ihn die Situation nicht aus der Ruhe.

„Und was für ein süßes Püppchen … du … da hast.“

Er wollte ihr an die Wäsche gehen, da schlug ihm ihr Freier die Hand weg, ganz wie es ein Gentleman tat. Sie wich erschrocken zurück, versteckte sich hinter ihm, lugte vorsichtig über seine Schulter und beobachtete voller Unruhe, wie sich das Gesicht des Matrosen zu einer grimmigen Grimasse verzerrte und ihm die Zornesröte in die Wangen stieg.

„Gehen Sie uns aus dem Weg“, forderte ihr Begleiter. „Oder ich muss zu härteren Mitteln greifen. Das würde Ihnen gewiss nicht gefallen, mein Herr.“

„Zu … härteren Mitteln?“

Plötzlich fing der Matrose an zu lachen und seine Freunde, die zuerst weitergegangen, dann aber einige Schritte entfernt stehen geblieben waren und alles beobachteten, stimmten mit ein. Sie lachten lauthals, dass es durch die Nacht schallte und der Mann vor ihnen klopfte sich auf die Oberschenkel, als hätte jemand einen besonders guten Scherz gemacht.

„Du … halbe Portion … härtere Mittel?“ Er konnte nicht aufhören zu lachen. Halbe Portion war arg untertrieben. Ihr Begleiter wirkte durchaus wie ein Mann, der sich zu verteidigen wusste. Nur gegen einen solchen Grobian wie den Matrosen hatte er wohl kaum eine Chance.

„Ich bitte Sie, lassen Sie uns gehen“, flüsterte sie in sein Ohr. Das war ihre Chance. Fliehen, solange der Kerl sich den Bauch vor Lachen hielt.

„Keine Sorge, Mademoiselle, ich habe alles unter Kon-trolle.“

Allmählich hielt sie ihn für verrückt. Wenn er sein Leben aufs Spiel setzen wollte, bitte schön, sie hatte nicht vor, in die Hände dieses aggressiven Seefahrers zu geraten. Sie konnte sich vorstellen, was einer wie der mit ihr anstellen würde. Ein Schauder jagte über ihren Rücken. Nein, dieser Gefahr wollte sie sich nicht aussetzen. Sie spielte mit dem Gedanken, zu verschwinden, da griff ihr Freier plötzlich nach ihrer Hand und hielt sie fest. Fast so, als hätte er ihre Gedanken gelesen. Das Lachen verklang.

„Haben Sie und Ihre Kumpanen sich gut amüsiert?“, hakte er nach, offenbar in der Absicht, den Matrosen zu reizen.

„Treib’s nicht zu bunt, Landratte. Jetzt ist der Spaß zu Ende.“

„Ganz recht.“

Irgendetwas geschah, das sich ihrer Aufmerksamkeit entzog. Eine Veränderung ging im Gesicht des Matrosen vor sich. Wo zuerst Überheblichkeit und Aggression waren, traten nun Verwirrung und Angst zutage. Seine Augen weiteten sich, die Mundwinkel zuckten und sein Gesicht wurde so bleich, als hätte er soeben seine tote Urgroßmutter gesehen. Keira konnte sich die Wandlung nicht erklären. Wahrscheinlich war es nur der Blick ihres Begleiters, der den Matrosen derart beunruhigt hatte. Es musste ein Blick von solcher Willenskraft, Entschlossenheit und Stärke sein, dass er zur Seite wich. Der Schrecken stand dem Matrosen ins Gesicht geschrieben und er wagte nicht länger, den jungen Mann anzustarren. Stattdessen glitt sein Blick zu ihr und sie sah die Angst darin. Sacht schüttelte er den Kopf, als wolle er sie warnen, aber da wurde sie auch schon an ihrer Hand weitergerissen.

„Kommen Sie, Mademoiselle. Der Schurke wird Sie nicht länger belästigen.“

„Wie haben Sie das gemacht?“

„Selbstbewusstsein kann manches Mal einen Kampf entscheiden, noch bevor er begonnen hat“, sagte er geheimnisvoll und blieb schließlich vor zwei Lagerhäusern stehen.

„Hier ist es gut“, sagte er und schob sie in die schmale Gasse, die sich zwischen den Wänden beider Lager gebildet hatte. Es war zu eng, um nebeneinander zu gehen.

„Hier?“, fragte sie überrascht und hielt inne, als ihr die Wand eine Grenze aufzeigte. Es war eng und kalt, nicht unbedingt das, was sie erhofft hatte. Zumindest ein Bett hatte sie erwartet. Dass es nun auf der Straße quasi unter freiem Himmel geschehen sollte, behagte ihr nicht, machte sie unruhig.

Ohne ihr zu antworten, beugte er sich zu ihr herunter, sodass seine kühlen Lippen ihren Busen streiften, der aus dem Mieder zu springen drohte. Keira war keine jener Frauen mit schönen großen Rundungen. Sie war schlank, aber nicht besonders weiblich ausgestattet. Das Mieder half ihr, den kleinen Makel zu kaschieren – und es funktionierte. Der Eindruck einer üppigen Oberweite hatte ihr schon viele bewundernde Blicke eingebracht. Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Mauer und fing an, die zärtlichen Küsse, die er auf ihrem Busen verteilte, zu genießen. Es ging alles so schnell, dass ihr kaum Zeit für Zweifel blieb. Dies ist mein Schicksal, erinnerte sie sich. Ich bin eine Hure. Nicht jedes Mädchen kann in guten Verhältnissen aufwachsen. Es muss auch Huren geben. Da sprach Mama in ihr. Das waren ihre Entschuldigungen gewesen, wenn Keira gefragt hatte, warum sie nicht geheiratet hatte, warum sie stattdessen im Bordell arbeitete. Vorwürfe konnte sie ihr nicht mehr machen. Sie war nun wie sie.

Aber es hätte schlimmer kommen können. Der Fremde, der sie ausgiebig verwöhnte, entlockte ihr Wohlgefallen. Seine Lippen waren aufregend, genauso wie seine zärtlichen Berührungen. Keira ließ sich fallen, genoss den Moment, der aufregend und sinnlich zugleich war.

„Lass mich dich sehen“, sagte er und hob ihre Rockschöße hoch.

Kühler Wind strich unter dem Stoff über ihre Beine. Sie fühlte sich nackt und unsicher. Doch ihr Freier, dessen Namen sie nicht einmal kannte, schlüpfte unter ihre Röcke. Es war frech, dreist, und verrucht. Sie spürte seinen Atem an ihrer Scham. Er war kalt und das war genau richtig, denn zwischen ihren Beinen hatte sich ein Feuer entfacht, das sie um den Verstand brachte. Sie fühlte sich begehrt. Wahrhaftig begehrt. Es war ein berauschendes Gefühl.

Seine Hände legten sich auf ihre Oberschenkel, krallten sich an ihnen fest und erneut spürte sie seine kühlen Lippen, die an den Innenseiten ihrer Beine hinaufglitten. Oh, wie war das aufregend. Es prickelte heftig in ihrem Unterleib. Amüsiert blickte sie an sich hinunter. Sie konnte seine Kopfbewegungen durch ihre Röcke hindurch erkennen, aber lediglich sein Hintern und seine Beine lugten unter den Stoffbergen hervor. Es war ihr bestes Kleid. Ihr teuerstes. Mama hatte es ihr geschenkt. Sie hätte sich nicht träumen lassen, dass sie es ausgerechnet bei ihrer Entjungferung tragen würde. Aber nun schien es die passende Garderobe für diesen Anlass.

Keira warf den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und atmete stoßweise. Himmel, die Zunge dieses Kerls war Gold wert! Mama hatte ihr schon früh erklärt, dass es ihre Aufgabe war, die Wünsche ihrer Kunden zu erfüllen. Aber dieser Fremde hatte ein gegenteiliges Anliegen. Es schien ihm darum zu gehen, sie zu befriedigen. Sanft, unendlich zärtlich liebkosten seine Lippen ihre Haut, die inzwischen so stark brannte, als flöße Lava durch ihre Adern. Bereitwillig spreizte sie die Beine, lehnte sich stärker zurück, und als sie endlich seinen Mund an ihren Schamlippen spürte, glaubte sie, innerlich zu explodieren. Seine Zunge spielte an ihrer Perle, reizte sie, bis sie glühte.

„Oh… mein Gott“, stöhnte Keira und krallte sich in ihre Rockschöße. Dass sie überhaupt zu solchen Gefühlen fähig war, hätte sie nie für möglich gehalten. Die anderen Mädchen, die alle etwas älter waren als sie, hatten ihr erzählt, wie aufregend es mit einem Mann sein konnte. Aber sie hatte es nie so recht glauben können. Bis jetzt.

„Sag mir … deinen Namen“, flüsterte sie, nicht sicher, ob er sie unter all dem Stoff und Tüll hören konnte. So zärtlich, so sanft und liebevoll war noch nie jemand zu ihr gewesen. Seine Zunge strich über ihre kleinen Schamlippen. Es machte sie verrückt. Und es wuchs der Wunsch, ihn in sich aufzunehmen, tief in sich zu spüren. Ihr Unterleib schob sich ihm entgegen, der Stoff raschelte sinnlich bei jeder Bewegung, die ihr Becken vollführte, aber dann spürte sie plötzlich einen leisen Schmerz an ihrem rechten Oberschenkel, ganz nah ihrer Scham. Seine Lippen legten sich auf diese Stelle, saugten sich an ihr fest und das Brennen wurde noch stärker, noch intensiver, noch erotischer. Keira atmete schwer und beobachtete ihn. Was machte er da nur unter ihren Röcken? Es erregte sie unglaublich. Ein heißes Prickeln schoss durch ihren Körper, warf sie fast zu Boden. Nur der Enge der kleinen Gasse war es zu verdanken, dass sie nicht stürzte, sondern sich stattdessen an den Wänden der beiden Lagerhäuser festhielt.

Etwas Warmes floss ihr Bein hinunter. Es fühlte sich seltsam an. Ihr Herzschlag wurde schneller, war genau an der Stelle, an der sich seine Lippen befanden, besonders stark zu spüren, als poche es in seinen Mund hinein. Der Druck seiner Lippen ließ nach und das war der Moment, in dem Keira bewusst wurde, was hier geschah. Etwas spritzte bei jedem Schlag ihres Herzens in seinen Mund. Erschrocken zog sie ihre Röcke hoch, sah den roten Fleck, der sich am unteren Saum gebildet hatte, und stieß einen Schrei aus. Blut! Überall war Blut.

Sofort wuchs der Mann wie ein Dämon aus dem Boden empor, drückte sie gegen die Wand und hielt ihr den Mund zu. Seine Augen glühten gefährlich. So etwas hatte sie noch nie gesehen und eine schreckliche Ahnung beschlich sie. Dieser Mann war kein Mensch!

Panisch versuchte sie, sich aus seinem Griff zu befreien, da schlug er seine spitzen Zähne in ihren Hals und trank weiter, als sei sie nur ein Gefäß. Sie spürte, wie ihr Blut seine Kehle hinabfloss. Das berauschende Gefühl, das sie zuvor noch empfunden hatte, wandelte sich in blankes Entsetzen. Sie schlug gegen seine Brust, versuchte, ihn wegzudrücken, aber sie war zu schwach. Ihre Beine gaben nach. Verzweifelt versuchte sie, sich abzustützen, doch auch ihre Arme verließ alle Kraft. Sie glitt zu Boden, sah sein Gesicht nur noch verschwommen über sich aufragen. Aber da war noch etwas anderes. Hatte er ihr inzwischen so viel Blut geraubt, dass sie Dinge sah, die nicht da waren, wie diesen riesigen Schatten, der über das Dach des Lagerhauses hinausragte, so als blicke er direkt auf sie herab? Was war das nur? Es sah aus wie ein riesiges Monster. Ihre Sinne schwanden, alles fing an, sich zu drehen.

„Keine Angst, es wird nicht wehtun“, flüsterte er und schon spürte sie wieder die inzwischen warm gewordenen Lippen an ihrem schmerzenden Hals. Da! Jetzt konnte sie auch die spitzen Eckzähne spüren, die sich sacht gegen ihre weiche Haut bohrten. Gleich! Gleich würden sie sie durchstoßen. Keira litt Todesangst. Der Vampir würde sie aussaugen, bis auf den letzten Tropfen.

„Bitte nicht“, flehte sie kraftlos. Ein letztes Mal versuchte sie, ihn wegzudrücken, doch ihre Arme knickten ein.

Da packte etwas ihren Peiniger und riss ihn an seinem Kragen in die Höhe auf das Dach hinauf. Sie sah seine strampelnden Beine über sich und hörte seinen Schrei, gefolgt von einem animalischen Grollen, das unheilvoll durch die Nacht hallte. Keira kannte nur noch einen Gedanken. Sie musste fort von hier. So schnell wie möglich. Von neuem Kampfeswillen erfüllt, zog sie sich mit aller Kraft auf die Beine, doch die gaben sogleich wieder nach. Sie stürzte zu Boden, schlug sich die Ellenbogen auf und kroch hinaus aus dieser schrecklichen, engen Gasse, in der Hoffnung, dort draußen an den Docks jemanden zu finden, der ihr half. Über ihr tobte ein wilder Kampf. Sie hörte die Schreie eines Tieres. Sie klangen nach Tod und das trieb sie weiter. Ihre Beine fühlten sich an, als wären sie gelähmt. Nur noch ihre Arme schienen zu funktionieren. Ihre Finger krallten sich an jeden Pflasterstein, den sie zu fassen bekamen und an denen sie sich hinauszog, Stück für Stück. Ein riesiger Schatten huschte über sie hinweg. Dann erklang ein letzter, grauenvoller Schrei und es wurde ruhig. Keira hielt den Atem an, um in die Stille der Nacht zu lauschen. Dort war nichts. Nichts, außer ihrem heftig pochenden Herzen. Ängstlich blickte sie sich um. Die schmale Gasse lag jetzt hinter ihr, aber an den Docks konnte sie niemanden sehen. Sie war allein.

„Hilfe!“, rief sie aus Leibeskräften, die aufgrund ihres jämmerlichen Zustands nicht mehr allzu viel bargen. „Hilfe!“ Niemand hörte sie. Erschöpft blieb sie liegen. Sie hatte keine Kraft mehr, konnte sich nicht mehr rühren. Ihr Herz pochte noch immer heftig. Die Bilder brannten sich in ihre Erinnerung. Dieses Monster. Was war das? War es böse oder hatte es sie gerettet? Sie wusste es nicht. Sie hoffte nur, dass dieses mächtige Wesen nicht mehr in der Nähe war und dass es keinen Hunger hatte.

Keira zitterte am ganzen Körper. Irgendjemand musste ihr helfen. Bitte. Sonst waren die Docks doch voll mit Gesindel, die ihren krummen Geschäften nachgingen. Vorhin hatte sie die Männer an allen Ecken gesehen. Wieso war es jetzt menschenleer? Hatten sie alle das Monster kommen sehen? Waren sie geflohen? In ihre armseligen Behausungen? Es musste wohl so sein.

Plötzlich hallten Schritte zu ihr herüber. Endlich! Da war jemand! „Ich bin hier“, rief sie und lauschte den langsamen, bedächtigen und doch entschlossenen Schritten. Angestrengt hob sie den Kopf, versuchte, aufzublicken, zu sehen, wer da kam, aber ihre Kraft reichte kaum aus. Nur einen kurzen Moment gelang es ihr und schließlich erspähte sie das Paar edler Stiefel direkt vor ihrem Gesicht. Sie musste den Kopf leicht in den Nacken legen, was ihr unendlich schwerfiel und ein starkes Zittern ihrer Halsmuskulatur verursachte, um den Fremden zu sehen. Noch immer war ihre Sicht aufgrund des Blutmangels leicht verschwommen. Und doch erkannte sie ihn. Ihren Freier. Nein! Bitte, nicht er!

Seine Hand sauste wie die Klaue eines Greifvogels, der seine Beute packte, auf sie nieder, griff nach ihren Haaren und riss ihren Kopf hoch. Ein Schrei entrang sich ihrer Kehle. Schon hockte er bei ihr, stützte sie, wie ein Liebster seine Geliebte, nur dass er nicht hinter einem innigen Kuss her war, sondern ihrem Blut.

„Entschuldige, ich war einen Moment abgelenkt“, hauchte er zärtlich in ihr Ohr.

Sein Gesicht war blutverschmiert. Der Kampf hatte ihm zugesetzt, doch offenbar hatte er noch genügend Kraft, sich Keira vorzunehmen. Jetzt klapperten sogar ihre Zähne. Seine Lippen wanderten über ihren gestreckten Hals, hinterließen eiskalte Küsse, während er mit einer Hand ihre Brust gierig knetete.

„Verabschiede dich, mein Engel“, sagte er und sie spürte, wie er den Mund aufriss, wie sein kühler Atem ihr entgegenströmte, als erneut das mächtige Grollen erklang. Abrupt ließ er von ihr ab und Keira glitt zu Boden.

„Du hast wohl immer noch nicht genug, Biest?“

Der Fremde lachte und stellte sich der Kreatur entgegen, die so riesig war, dass sie ihren Freier um mehr als drei Köpfe überragte. Keira hatte nie etwas Entsetzlicheres gesehen. Das Wesen war von oben bis unten behaart, hatte mächtige Klauen, einen gewaltigen Kiefer und Zähne, die gewiss Knochen zerbersten konnten. Es wirkte wie eine irrsinnige Mischung aus Mann und Tier. Seine Augen glühten gefährlich, als es mit der Pranke ausholte, doch der Vampir sprang leichtfüßig zur Seite, als kostete es ihn keine Kraft.

Keira schwindelte. Sie versuchte, sich außer Reichweite dieses Kampfes zu bringen, aber das war kaum möglich. Der Vampir hielt sich ganz bewusst in ihrer Nähe auf, hob sie hoch, benutzte sie als Schutzschild.

„Du willst das Mädchen retten? Wie rührend! Aber um an mich heranzukommen, musst du erst an ihr vorbei“, rief er und presste seine Hand an ihre Kehle, sodass Keira keine Luft mehr bekam.

Ein gefährliches Knurren war die Antwort. In nur einem Satz sprang das Biest über sie beide hinweg, und als es hinter ihnen aufkam, erzitterte die Erde unter seinem mächtigen Gewicht. Der Vampir fuhr mit ihr herum. Erneut sauste eine Pranke auf ihn nieder, dieses Mal aber reagierte der Blutsauger zu langsam. Ein gellender Schrei zerriss ihr fast das Ohr. Keira glaubte, nie wieder etwas hören zu können, doch zu ihrer Überraschung vernahm sie gleich darauf das Grollen des Biestes. Der Vampir ließ sie los, sank neben ihr auf die Knie, hielt sich den Schädel. Sie konnte sehen, dass Blut zwischen seinen Fingern hindurchrann. Das Wesen hatte ihn schwer getroffen. Jetzt holte es zum letzten Schlag aus und Keira war sicher, er würde ihm den Schädel spalten. Rasch zog sie sich mit aller verbliebener Kraft zur Seite, um nichts von der mächtigen Pranke abzubekommen. Da erschallte das gequälte Jaulen des Tieres, und als sie den Kopf drehte, um zu sehen, was just in dem Augenblick geschehen war, sah sie, dass der Vampir wieder auf den Beinen stand. Er hielt etwas in der Hand und dieses Etwas endete in der Schulter des Untiers. Dieses taumelte getroffen zurück, versuchte, sich die Klinge, die nun in seinem Fleisch steckte, aus dem Leib zu ziehen. Das Jaulen wurde stärker.

Auch der Vampir wich zurück. Sie sah, dass er eine tiefe Wunde an der Schläfe davongetragen hatte. Für einen Moment schien er zu überlegen, ob er sich ihr letztes Blut holte, aber da stand schon das Untier vor ihr, versperrte ihm den Weg und so floh er, kletterte auf das Lagerdach und verschwand im Dunkeln.

Keiras Herz raste ohne Unterlass. Sie konnte nicht glauben, was sie gesehen hatte und vor allem, dass sie noch am Leben war. Der Werwolf drehte sich zu ihr um und blickte sie an. Sein Gesicht war riesig, viel größer als der Schädel eines ausgewachsenen Pferdes. Doch seine Augen hatten etwas unsagbar Weiches, Sanftes, sogar Freundliches an sich. Sie wirkten menschlich. Er kauerte vor ihr, machte keine Anstalten, über sie herzufallen, sie zu fressen. Stattdessen hielt er sich mit einer Pranke die Schulter. Der Atem des Tieres war schwer, sehr langsam, es klang angestrengt und sie verstand.

Auf schwachen Beinen erhob sie sich, hielt sich an seinem zotteligen Fell fest und griff nach dem silbrig schimmernden Dolch, zog ihn heraus und warf ihn ins Hafenbecken. Der Werwolf sank auf die Knie. Sie konnte ihn nicht stützen, sie war viel zu schwach dafür.

„Du darfst nicht sterben“, flüsterte sie aufgeregt, ihre eigene Schwäche ignorierend. Er hatte ihr das Leben gerettet. Nun musste sie das Gleiche für ihn tun. Sie hockte sich neben ihn, riss sich ein Stück Stoff vom Unterrock ab und drückte diesen auf die Wunde, versuchte, die Blutung zu stillen. Der Werwolf kippte auf die Seite. Im ersten Moment glaubte sie, er sei tot, aber dann sah sie die mächtige Bewegung seines Brustkorbs. Er atmete.

London, 2010

Antoine de Prusant liebte London bei Nacht, die Lich-ter in den Straßen und das ferne Hupen vorbeifah-render Autos. Er konnte stundenlang auf der Dachterrasse stehen und das Treiben der Menschen beobachten. Es besänftigte und beruhigte ihn. Und gerade jetzt konnte er ein wenig Ruhe gebrauchen. Die Vampirgesellschaft war in Aufruhr. Die Empathen unter ihnen hatten von seltsamen Träumen berichtet, welche von der Ankunft der Königin kündeten, was zu großen Unruhen und Verwirrungen unter den Vampiren geführt hatte. Lord Vasterian, der ehemalige Leibwächter Königin Pyrs und mächtigste Vampir, hatte ihn beauftragt, der Sache nachzugehen und Rat bei Ror zu suchen. Ror war ein machtvoller Empath, der uralt war, von dem man sehr wenig wusste, da er sich, was seine Person betraf, gern in Schweigen hüllte.

Wenn es stimmte, was man sich hinter vorgehaltener Hand erzählte, stand ihnen Großes bevor und Antoine spürte bereits die Euphorie, den Rausch der Macht und die Vorfreude auf die glorreiche vampirische Zukunft. All das, was er vor sich sah, wenn er von seiner Dachterrasse blickte, würde den Vampiren gehören. Und noch viel mehr. Die ganze Welt! Doch zunächst galt es, das Mysterium jener Träume zu klären. Träume, die von Dingen kündeten, die geschehen würden, waren in seiner Welt nichts Besonderes. Aber dass ein jeder, der empfänglich war, ein und denselben Traum geträumt hatte, war mehr als merkwürdig. Deswegen wurde dieses Phänomen auch von Lord Vasterian sehr ernst genommen. Antoine hatte alte Schriften studiert, um herauszufinden, ob es eine Prophezeiung gab, die von Pyrs Rückkehr kündete, die man vielleicht all die Jahre übersehen hatte. Doch er war in keiner alten Bibliothek noch irgendeiner anderen Sammlung fündig geworden. Das gab ihm Rätsel auf, und doch war er sicher, einer großen Sache auf der Spur zu sein. Er stützte sich auf das metallene Gitter, das als Brüstung fungierte, lehnte sich hinüber und seufzte lange. Ja, diese Lichter konnten beruhigen. Er hatte viele Jahrhunderte hinter sich, doch keines war so interessant wie dieses gewesen. All die neuen Errungenschaften, welche die Menschen zustande gebracht hatten, faszinierten ihn. Wenn erst die Vampire die Macht ergriffen, würde er großzügig sein und die fähigsten am Leben lassen, damit sie für ihn arbeiteten.

Es klingelte. „Machst du bitte auf?“, rief er in den Raum hinter sich und blickte über seine Schulter.

Der nackte Blutsklave, der bis eben noch auf der Ledercouch gelegen und gedöst hatte, ging zur Tür.

„Oh, wen haben wir denn hier?“, vernahm Antoine die tiefe Stimme von Ror, die ihm nie ganz geheuer war.

Ror umgaben viele Mysterien und niemand wusste, wer ihn gezeugt hatte oder wie lang seine Ahnenreihe war. Antoine beobachtete die in eine dunkle Kutte gehüllte Gestalt durch die angelehnte Glastür, in der sich die Lichter der Stadt spiegelten. Ror wirkte neben seinem Blutsklaven Johnny wie ein Riese. Er war lang und dürr. Johnny hingegen sah mit seinen zweiundzwanzig Menschenjahren blutjung und appetitlich aus. Ein echter Schatz und so herrlich devot, dass er für Antoine alles täte.

„Komm zu mir“, sagte Ror, der Antoines Präsenz längst gespürt hatte.

Er trat durch die Tür, ein wenig beleidigt, dass Ror ihn so früh entdeckt hatte, in den Wohnbereich. Antoine versuchte, sich vor Empathen abzuschirmen, wann immer es ging. Doch Ror war ein Meister seines Fachs. Ihm blieb nie etwas verborgen.

„Guten Abend, Ror. Setzen wir uns doch“, sagte er und bot ihm einen Platz auf der Couch an.

„Warum wolltest du mich sehen?“

„Alles zu seiner Zeit, alter Freund. Aber zuerst das Wichtigste, wenn du Durst hast, bediene dich nur.“

Johnny verstand das Handzeichen seines Meisters und kniete vor Ror nieder, streckte ihm seinen nackten Arm entgegen, aber dieser lehnte ab.

„Ich habe heute schon gegessen.“

Antoine schnipste mit dem Finger und sein Sklave kam zu ihm, legte sich zu seinen Füßen, während Antoine dessen Locken kraulte. Er ging stets tiefe Bindungen zu seinen Blutsklaven und seinen Kindern ein. Jeder von ihnen bedeutete ihm viel. Er fühlte sich als Vater dieser wunderbaren Wesen und liebte es, wenn sie zu ihm aufsahen, wenn sie ihn mit derselben Intensität zurückliebten. Eines Nachts, da war er sicher, würde er Johnny den unsterblichen Kuss geben, ihn sein Blut trinken lassen, das auch ihn in einen Vampir verwandeln würde.

Ror presste ungeduldig die Hände aneinander. Sie waren außergewöhnlich lang und dürr, sehr blass, selbst für einen Vampir. „Du hast es sicher vernommen, man sagt die Rückkehr der Königin stünde bevor. Ich will deine Einschätzung dazu hören“, sagte Antoine, schlug ein Bein über das andere und versuchte, das Gesicht der Gestalt unter der Kutte zu erkennen. Aber das war nicht möglich. Die Kapuze war viel zu weit hinuntergezogen, als dass sie einen Einblick gewährte.

„Ich weiß, es gibt kaum ein anderes Thema unter den Vampiren. Und auch ich hatte diesen Traum, den viele träumten.“

„Tatsächlich?“

„Natürlich. Wer, wenn nicht ich?“

Ror galt nicht umsonst als der mächtigste der Empathen. Er sah Veränderungen im Fluss der Zeit, lange bevor andere es wahrnahmen. Also war es kaum verwunderlich, dass er in diesem Fall mehr wusste.

„Ich sah dieselbe Frau, die alle sahen. Sie war nackt und wunderschön. Menschliches Blut floss durch ihre Adern. Ich konnte es sehen, ich konnte es riechen, doch etwas war an ihr, das sie schützte, das mich hinderte, sie zu berühren, obwohl dies mein innigster Wunsch war. Sie hatte mir den Rücken zugewandt und doch schien sie mich zu beobachten. Als ich einen Schritt auf sie zukam, drehte sie sich um und ich sah ihren Bauch, der gewölbt war. Schützend hielt sie beide Hände über ihn. Und ich wusste, dass es in ihr war, das, was sie schützte, das, was sie behütete. Ihre Faszination und Anziehung wurde stärker, intensiver und da vernahm ich eine Stimme in meinem Kopf, die mir vertraut war. 'Ich bin deine Königin', rief sie mir zu. Erschrocken taumelte ich zurück, starrte ungläubig auf die Frau, die kein Wort mit mir gesprochen hatte. Und dann glitt mein Blick erneut zu ihrem Bauch und mir wurde klar, dass es ihr Kind gewesen war, das zu mir sprach. Die Frau vor mir trug die Königin selbst unter ihrem Herzen. Sie ist es, die ihr ein neues Leben schenken und somit den Vampiren zu neuer Macht verhelfen wird.“

Antoine schüttelte ungläubig den Kopf. „Du weißt, wir haben alles versucht, um die Königin aus ihrem Gefängnis zu befreien. Freck, Levan, sie alle gaben ihr Leben für sie und doch versagten sie. Wie kann es sein, dass die Königin wiedergeboren wird? Nichts in unseren Aufzeichnungen deutet darauf hin, dass so etwas überhaupt möglich ist. Und dann noch von einer menschlichen Frau.“

Ror zuckte die Schultern. „Tut mir leid, alter Freund, diese Frage kann ich nicht beantworten. Ich kann dir nur sagen, was ich gesehen habe und was ich glaube.“

„Und was glaubst du?“

„Dass uns ruhmreiche Zeiten bevorstehen, dass wir zu alter Macht und Stärke finden werden, um die Menschheit endgültig zu unterjochen und die Werwölfe zu vernichten.“ Er löste seine Hände voneinander und ballte eine zu einer schmalen Faust, die unter der Kraftanstrengung zu zittern begann.

Antoine hätte jeden anderen Empathen angezweifelt, doch Rors Worte waren unantastbar. Alles, was er jemals vorausgesehen hatte, war in Erfüllung gegangen. Was er sagte, würde geschehen, denn niemand kannte die Zukunft besser als er.

„Die Menschenfrau muss gefunden werden, bevor es die Werwölfe tun. Auch sie werden hinter ihr her sein. Und du weißt, zu welchen Gräueltaten diese Bastarde fähig sind. Unsere Königin schwebt in großer Gefahr, mehr denn je“, sagte Ror erregt und Antoine wurde der Ernst der Lage bewusst.

„Gut, ich werde alles veranlassen.“

„Nein, Antoine, du wirst nichts tun.“

Erstaunt hielt er inne und musterte die reglose Gestalt. „Lord Vasterian hat mich beauftragt …“

„Das spielt keine Rolle.“ Ror erhob sich zu seiner vollen Größe, die über die eines gewöhnlichen Mannes hinausragte. „Es tut mir leid, Antoine. Aber dies ist meine Aufgabe.“

„Lord Vasterian selbst gab mir den Auftrag, alles zu tun, was nötig ist“, widersprach Antoine, denn er war von dem innigen Wunsch beseelt, sich seinem Meister zu beweisen. Viel zu lange hatte er in Levans Schatten gestanden, war immer nur die Nummer Zwei gewesen, aber das war seine Chance.

Ror zuckte die Schultern, als sei es ihm egal, dass Antoine von Vasterian legitimiert worden war.

„Wer hat dich beauftragt?“, fragte er herausfordernd.

„Die Königin selbst“, sagte Ror.

Verdammt! Er war ihm entkommen.

Killian Blackdoom ballte die Hände derart stark zu Fäusten, dass sich die Sehnen an seinem Handrücken abzeichneten. So etwas durfte nicht passieren! Nicht so kurz vor dem Ziel! Er hatte den jungen Vampir durch die nächtlichen Straßen Londons verfolgt, hatte geglaubt, leichtes Spiel mit ihm zu haben, aber dann hatte der Kleine ihn plötzlich abgehängt. Wahrscheinlich kannte sich der Junge in der Gegend aus, stammte von hier, hatte schon als Mensch in diesem Viertel gelebt.

Wahrscheinlich war er noch in der Nähe. Killian sprang auf einen Müllcontainer, zog sich an dem darüber befindlichen Fenstersims hoch und schwang sich auf den Vorsprung des niedrigen Dachs. Dort nahm er Anlauf, klomm an einem Rohr hinauf und gelangte auf das Hauptdach. Von hier aus hatte er einen guten Überblick über die Stadt und seine wölfischen Sinne lokalisierten schnell jede Bewegung in seinem näheren Umfeld. Ein betrunkenes Pärchen, eine Katze, die sich an Abfällen verköstigte und ein junger Mann, der panisch durch die Straßen rannte, sich immer wieder ängstlich umblickte. Das war er! Sein Vampir!