Luzie & Leander 4 - Verblüffend stürmisch - Bettina Belitz - ebook

Luzie & Leander 4 - Verblüffend stürmisch ebook

Bettina Belitz

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Opis

Der Familienurlaub der Morgenroths stellt Luzie vor ungeahnte Schwierigkeiten: Wie soll sie Leanders durchsichtigen, aber sehr greifbaren Körper sieben Tage lang in einem winzigen Zigeunerwagen verstecken? (Überhaupt: Wie soll sie sich eine Koje mit einem nicht ganz unattraktiven Körperwächter teilen, der sich nicht mehr daran erinnert, sie geküsst zu haben?) Das Problem löst sich auf eine sehr viel dramatischere Art als erhofft: Einige von Leanders Eigenschaften färben auf Luzie ab – und plötzlich braucht sie dringend die Hilfe eines guten Freundes. Die himmlische Jugendbuch-Reihe von Bettina Belitz! Mit viel Humor und Einfühlungsvermögen erzählt die Splitterherz-Autorin, wie sich Luzie und ihr Schutzengel Leander durch das Pubertätschaos kämpfen und die erste Liebe erleben. "Verblüffend stürmisch" ist der vierte Band der Luzie und Leander-Reihe.

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Sprung in die Hölle

»Okay, es ist ganz einfach«, durchbrach ich das bleierne Schweigen der Jungs und versuchte, Leanders nervöses Pfeifen und Summen zu ignorieren. Seit heute Morgen dudelte er Joe le taxi vor sich hin. Angeblich ein Song, mit dem die Frau von Johnny Depp berühmt geworden war. Vor circa dreihundert Jahren. Interessierte mich nicht. Mich interessierte nur eins: von dem einen Flachdach, auf dem wir standen, auf das andere Flachdach zu springen. Drei Meter Luftlinie. Maximal. Eher weniger. Begriffen Seppo, Billy und Serdan das denn nicht? Es war machbar. Im Sportunterricht sprangen wir alle mindestens vier Meter weit. Serdan sogar fünf.

»Es ist wirklich einfach. Anlauf, springen, abrollen.«

»Ja, es ist eine besonders einfache Art, sich umzubringen«, murrte Seppo und stierte finster auf den Boden, doch ich sah für ein paar Sekunden das Sommersonnenlicht in seinen Augen glitzern. Die Andeutung eines Lächelns. Er wollte es genauso wie ich. Wir alle wollten es. Kein Parkour mehr in der dämmrigen, miefigen Schulturnhalle vor den Augen unseres Klassenlehrers, sondern ohne Erwachsene, im Freien, über den Dächern Ludwigshafens. Wir hatten es satt, auf Weichbodenmatten zu landen und uns von Herrn Rübsam die Hände mit Magnesia einpudern zu lassen.

»Das hier ist ein vierstöckiges Haus, Luzie«, fuhr Seppo gedämpft fort. »Wenn einer von uns stürzt, dann sind …« Er brach ab und auch Leander stoppte sein unseliges Pfeifen. Einen Moment lang blickten mich beide so intensiv an, dass ich eine Gänsehaut bekam. Ich senkte die Lider. Seppo konnte ich ins Gesicht sehen, egal, wie ernst er guckte, aber bei Leander hatte ich so meine Schwierigkeiten. Denn Leander hatte ich geküsst, auf der Klassenfahrt. Oder hatte er mich geküsst? Egal – er hatte es anschließend sowieso vergessen. Weil er betrunken gewesen war. Vielleicht wollte er sich auch nicht daran erinnern. Manchmal war mir das ganz recht, denn ich hatte keine Lust, mit ihm über unseren Kuss zu diskutieren, und Leander musste immer über alles ausführlich diskutieren, aber in die Augen schauen konnte ich ihm dennoch nicht richtig.

Wenn ich mit den anderen Jungs zusammen war, war das auch besser so. Denn ich war die Einzige, die Leander sehen konnte. Leander war nämlich mein Schutzengel. Ich durfte ihn so nicht nennen, weil er das Wort Schutzengel bis aufs Blut hasste – er nannte sich Sky Patrol oder Wächter –, aber er war dazu da gewesen, mich zu beschützen. Bis er in Streik getreten und mit dem Körperfluch belegt worden war. Bedeutete im Klartext: Ich konnte ihn sehen und hören; alle anderen konnten ihn nur fühlen. Seitdem bestand mein Leben aus Chaos, Lügen und Missverständnissen. Wenigstens war mir kaum mehr langweilig.

Auch mit den Menschenjungs war es in letzter Zeit schwierig geworden. Denn ich hatte nicht nur Leander geküsst. Nein, ich hatte auch Serdan geküsst. Um mich an Leander zu rächen, weil der heimlich Sofie geküsst hatte. Ich mochte Serdan, und seitdem ich ihn geküsst hatte, machte mein Magen einen kleinen Satz, wenn ich mich morgens in der U-Bahn zu ihm und Billy setzte.

Sobald ich jedoch an Leanders und meinen Kuss dachte, unten im Schatten der Burgruinen in vollkommener Dunkelheit, in Angst und Tränen, schlug mein Magen einen astreinen Salto und wurde dann zornig. Weil er es vergessen hatte. Wie konnte er so etwas vergessen? Jedes Mal, wenn ich darüber nachdachte, ärgerte ich mich über mich selbst. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich seinen Kussgedächtnisverlust wirklich gut oder nicht doch vielleicht eher schlecht fand. Auf der einen Seite wollte ich, dass er sich erinnerte. Auf der anderen Seite wusste ich nicht, wie wir weiterhin zusammen in meinem Zimmer leben sollten, wenn er sich daran erinnerte. Das Zusammenleben mit ihm war schon ohne Kusserinnerungen schwierig genug.

Ja, kusstechnisch hatte ich mich weiterentwickelt, in nur wenigen Stunden. Und wahrscheinlich hatte Seppo im gleichen Moment Kelly, unsere amerikanische Austauschschülerin, geküsst. Oder tat er es immer noch? Traf er sich mit ihr? Er war still geworden in letzter Zeit, redete manchmal fast so wenig wie Serdan früher. Er ließ nichts mehr aus sich raus. Dafür plapperte Leander umso eifriger und das meiste davon konnte man getrost in der nächsten Sekunde wieder vergessen.

Lediglich Billy war normal geblieben. Sein größtes Problem bestand darin, seinen Winterspeck loszuwerden, den er während unserer Trainingspause angesetzt hatte. Er traute sich noch nicht viel zu beim Parkour und kam rasch aus der Puste. Deshalb wollte er heute nicht springen, sondern filmen. Sein Handy war bereits startklar.

Genauso wie ich. Meine Füße kribbelten vor lauter Vorfreude. Ich hob unauffällig meinen Ellenbogen, um Leander auf Abstand zu halten, der mich umkreiste wie eine lästige Fliege. Es war ein Wunder, dass er mitgekommen war und bis jetzt noch nichts unternommen hatte, um unseren Plan zu torpedieren. Ob er inzwischen eingesehen hatte, dass ich mich nicht von Parkour abhalten ließ? Oder wollte er selbst zeigen, was er draufhatte? Immerhin hatte er stets mit uns trainiert, wenn wir unter den strengen Augen von Herrn Rübsam an unseren Techniken gefeilt hatten. Und Leander war gut – was zweifellos daran lag, dass er noch Restflugkräfte besaß. Er war wie geschaffen für Parkour. Was nur führte er im Schilde?

Serdan räusperte sich ausführlich – die Vorstufe zum Sprechen. Wir hoben aufmerksam den Kopf, um ihn anzusehen. Serdan hatte uns auf der Klassenfreizeit mehr oder minder den Hintern gerettet, indem er Herrn Rübsam und Frau Dangel über Parkour aufgeklärt und mich verteidigt hatte. Nur ihm hatten wir es zu verdanken, dass Herr Rübsam uns noch nicht bei unseren Eltern verpfiffen hatte. Denn wenn Serdan wollte, konnte er verdammt gut reden. Wie ein Erwachsener – beinahe erwachsener als Seppo, und der war immerhin der älteste von uns.

»Seppo, wir haben die Wahl. Wir können es bleiben lassen, nach Hause gehen und unseren Eltern sagen, was Sache ist. Oder wir machen hier und jetzt Parkour im Freien und ohne Aufsicht, sagen es danach unseren Eltern und kriegen es vielleicht für immer verboten.«

»Ja, und dann haben wir es wenigstens noch einmal getan und wissen, wofür wir kämpfen! Oder habt ihr das total vergessen?«, rief ich. »Wollt ihr euer Leben lang auf Weichbodenmatten herumspringen?«

»Luzie, mach mal halblang«, knurrte Seppo. »Unser Leben lang bestimmt nicht. Wenn wir achtzehn sind, können unsere Eltern uns gar nix mehr verbieten.«

»Ich bin vierzehn!«, protestierte ich. »Du kannst doch nicht ernsthaft erwarten, dass ich vier Jahre lang auf Parkour verzichte! Niemals!« Ich stampfte mit dem Fuß auf. Ein Steinchen spritzte auf, prallte von der Regenrinne des Daches ab und fiel in die Tiefe. Wir lauschten gebannt. Es dauerte, bis wir hörten, wie es mit einem leisen Klicken unten auf dem Asphalt aufschlug.

»Vier Stockwerke bis zum Tod«, murmelte Leander und rückte so nah an mich heran, dass ich mich gegen ihn lehnen musste, um ihn wegzuschieben. Er machte abrupt einen Satz zur Seite, sodass ich ins Straucheln geriet.

Seppo musterte mich skeptisch. »Sieh dich doch an, Luzie. Du schwankst ja schon im Stehen. Und das auf der Burgruine war auch nicht gerade die Hohe Schule des Parkour.«

»Jahaa, aber nur, weil …« Ich stockte. Weil ich versucht hatte, meinen besoffenen Schutzengel vor einem Absturz zu bewahren, und mit ihm in die Tiefe gefallen war. Das war kein Parkour gewesen, sondern eine halsbrecherische Rettungsaktion, für die ich mit einem Schock, Tränen und Küssen bezahlt hatte und Leander mit einer ausgekugelten Schulter und mehrfacher Ohnmacht.

»Ihr Schlusssprung war astrein, Seppo«, meldete sich Serdan wieder zu Wort. »Springen kann sie. Balancieren kann sie auch. Und wenn wir es heute nicht unseren Eltern sagen, wird Herr Rübsam uns verpfeifen. So oder so.«

»Oh ja, das wird er«, seufzte Billy und schob seinen Kaugummi von der linken in die rechte Wange. »Ein drittes Ultimatum gibt der uns nicht. Schließlich fangen morgen die Sommerferien an. Dann können wir nicht mehr in die Turnhalle und er kann uns nicht mehr beaufsichtigen. Er wird uns verpfeifen.«

»Genau. Und deshalb tun wir es. Ein Abschlusssprung. Los, seid keine Feiglinge! Das war doch das, was wir immer wollten, oder? Von einem Haus auf das andere springen, wie David Belle! Was steht ihr so blöd rum?« Ich hob mein Knie, um es Seppo in die Hüfte zu stoßen. Er wich geschickt aus, doch ein Grinsen huschte über sein Gesicht.

»Wer fängt an?«, setzte ich fordernd nach.

»Ich«, beschloss Seppo. »Ich muss testen, ob die Distanz nicht zu weit ist für euch.«

Mir war schon klar, dass er mit »euch« mich meinte. Weil ich die Kleinste war. Das einzige Mädchen. So was wie seine jüngere Schwester. Ich biss mir auf die Lippen, um nicht zu widersprechen. Ich durfte ihm keinen Grund geben, mir den Sprung zu vermiesen oder zu verbieten. Schon wieder schob sich Leander dicht neben mich – so dicht, dass ich glaubte, sein schneeblaues Auge leuchten zu sehen. Seine langen Haare kitzelten meine Wange. Diesmal schaffte ich es nicht, ihn von mir wegzuschieben. Er stand da wie ein Fels. Ich gab auf, um in Seppo nicht weitere Zweifel an meiner Balance zu wecken. Ich musste Leander ignorieren, so schwer es mir auch fiel, denn ich fühlte ihn nicht nur, ich roch ihn auch.

Neuerdings war er von Axe auf Armani umgestiegen. »Geliehen« natürlich. Leander klaute wie eine Elster, war aber felsenfest davon überzeugt, dass eine Drogeriemarktkette wie der dm von einem entwendeten Armani-Duschgel pro Monat schon nicht pleite gehen würde. Ich ließ ihn in seinem Glauben, denn ich war es leid, mein knappes Taschengeld für Herrenduschgels, Gesichtscremes, Bodylotions und Bravo-Hefte auszugeben, die Leander mit Begeisterung las, während ich mich durch meine Hausaufgaben quälte.

Mama wiederum dachte, ich würde die Bravos lesen und endlich die Welt der Kosmetik für mich entdecken. Dass es sich bei der Kosmetik um »for men«-Produkte handelte, war ihr relativ egal. Ich würde mich beizeiten schon noch den blumigen Frauendüften zuwenden.

»Viele junge Mädchen benutzen zum Einstieg Herrenparfums«, hatte sie im Brustton der Überzeugung verkündet. »Hab ich früher auch gemacht.«

Ja, aber Mama war Diskuswerferin gewesen. Sie hatte einen Rücken wie ein Ochse. Wer tonnenschwere Scheiben durch die Gegend schleuderte, konnte keine blumigen Gerüche gebrauchen. Heute sah das anders aus. Mama war keine Leistungssportlerin mehr, versuchte, ihre bullige Diskuswerferstatur mit viel Rosa und Glitzer zu vertuschen, und belagerte die Badezimmerregale mit jeder Menge pastellfarbener Parfumflakons. Und es irritierte sie zutiefst, dass sie Leanders Cremes und Düfte kaum an mir riechen konnte.

»Na ja, das ist von Haut zu Haut unterschiedlich«, hatte sie diesen Umstand neulich zu begründen versucht. Offenbar sauge meine Haut den Duft auf wie ein Schwamm. Ha, von wegen. Es war ganz einfach so, dass Leander für den Rest der Welt nur nach dem Zeug roch, wenn er es frisch aufgetragen hatte. Nach einigen Minuten aber war es lediglich für mich und ihn wahrnehmbar. Was für eine Verschwendung. Wobei das Armani-Duschgel wirklich lecker duftete. Instinktiv zog ich die Luft ein, um das Aroma von Leanders Haut zu inhalieren, und verpasste beinahe Seppos Start.

Ehe ich blinzeln konnte, war er zum Rand des Dachs gerannt und auf das andere übergesetzt. Mit einer geschmeidigen Bewegung rollte er sich ab, kam wieder auf die Füße und strahlte uns an. So glücklich hatte ich ihn schon lange nicht mehr gesehen. Automatisch verzog sich mein Mund ebenfalls zu einem Grinsen.

Seppo reckte den Daumen in die Luft. »Passt!«, rief er. »Los, Serdan, jetzt du. Aber Luzie lässt es besser bleiben. Okay, Luzie?«

»Ich glaub, du hast sie nicht mehr alle!« Ich zeigte ihm einen Vogel. »Natürlich springe ich. Gleich nach Serdan.«

Nach Serdan? Vor Serdan! Und zwar ehe Seppo auf die Idee kommen konnte, Billy zu befehlen, mich aufzuhalten. Ohne Vorwarnung sprintete ich los, flink und leicht geduckt, wie eine Katze auf der Jagd. Der schwüle Wind brachte meine Augen zum Tränen, doch das war egal. Ich musste nichts sehen, ich hatte alles genau ausgemessen. Noch sieben Schritte, noch sechs, noch fünf … Eine warme, fiebrige Hand schloss sich um meine. Verdammt, Leander. Verbissen rannte ich weiter, doch er versuchte gar nicht, mich aufzuhalten, nein, er lief mit, gab mir zusätzlichen Schwung!

»Un, deux, trois«, sagte er leise und bei drei hoben wir ab, gleichzeitig, Hand in Hand und – verflucht, was war das denn? Wir drehten uns kopfüber in der Luft, ein Salto, und zwar einer vom Feinsten, mit Tempo nach vorne, so wie ich es in der Turnhalle x-mal geübt hatte. Doch unter uns lag keine Weichbodenmatte. Unter uns klaffte ein Abgrund. Vier Stockwerke zum Tod. Ich schloss die Augen. Wenigstens starb ich nicht alleine. Die Jungs waren da. Leander war da, hielt meine Hand, ich spürte sein Fieber, trotz der Julihitze … ich war nicht alleine …

… und landete sicher auf beiden Füßen, circa zwanzig Zentimeter vom Abgrund entfernt, auf dem anderen Dach – so wie es sein sollte. Leander ließ mich los. Ich stürzte nach vorne, rollte mich aber einigermaßen elegant auf der heißen, teerigen Dachpappe ab. Ich lebte noch. Jawohl, ich lebte! Ich hatte es geschafft! Und ich wollte es wieder tun, am liebsten sofort. Von einem Haus aufs andere springen. Mit oder ohne Salto – Hauptsache, Parkour. Oh, ich hatte es so vermisst.

»Autsch!«, schrie ich empört. Bevor ich mich wehren konnte, hatte Seppo mich am rechten Ohr in die Höhe gezogen.

»Luzie …«, sagte er drohend. »Ich hab dir gesagt, du sollst nicht springen.« Doch er strahlte immer noch. Mit einem Ruck riss ich mich von ihm los.

Neben uns gab es einen kurzen Schlag und Serdan rollte uns vor die Füße. Auch er grinste. Seine weißen Zähne blitzten.

»Cooool«, sagte er zufrieden und schloss die Augen. Nachdenklich betrachtete ich seine Bartstoppeln am Kinn, während ich mein schmerzendes Ohr rieb.

»Luzie, was war das denn wieder?«, setzte er träge hinterher.

»Luzie spezial«, antwortete ich trocken.

»Leander spezial«, korrigierte Leander mich spitz.

Luzie und Leander spezial, dachte ich glücklich. Ja, ich war glücklich. Wir hatten wieder Parkour gemacht, alle zusammen. Gut, Billy hatte nur gefilmt und rannte jetzt die Feuerleitern des anderen Hauses hinunter, um uns hier auf dem Dach zu treffen und die Aufnahmen zu zeigen. Aber er war dabei gewesen. Wie Leander – ohne mich zu blockieren oder sich an meine Beine zu hängen, wie er es früher so oft getan hatte, damit ich nicht einmal losrennen konnte. Nein, er hatte sogar dafür gesorgt, dass ich noch einen draufgesetzt hatte. Ich war nicht nur gesprungen. Ich hatte im Sprung einen Salto gedreht!

Eine Weile blieben wir stumm auf dem Dach sitzen und hingen unseren Gedanken nach. Vielleicht war es der letzte friedliche Moment für heute. Denn heute Abend schlug die Stunde der Wahrheit. Dann würde es ungemütlich werden. Wir würden unsere Eltern in der Pizzeria Lombardi zusammentrommeln und endlich sagen, was Sache war. Mit einer Ausnahme: Billy. Er wollte es seinen Eltern erst sagen, wenn er wieder Parkour machte. Vielleicht also niemals. Aber wir anderen wollten und mussten es tun. Endlich würde Mama erfahren, dass ich niemals ganz alleine Parkour betrieben hatte. Sondern dass die Jungs immer dabei gewesen waren. Oh, sie würde trotzdem krakeelen und schreien und weinen und toben und …

»Das wird die Hölle«, sprach Seppo aus, was ich gerade dachte. Wir seufzten alle im selben Atemzug. Sogar Leander seufzte feierlich mit, um noch im Seufzen Joe le Taxi anzustimmen. Ja, es würde die Hölle werden. Aber manchmal musste man eben durch die Hölle gehen, um in den Himmel zu kommen.

Und mein Himmel hieß Parkour.

Andere Umstände

»Günstige Situation. Günstiger geht’s nicht!«, zischelte Leander in mein Ohr.

Mir leuchtete nicht ein, was an dieser Situation günstig sein sollte. Mama und Papa saßen in der Küche, vor sich einen Stapel Prospekte, und stritten mal wieder über unseren Sommerurlaub. Papa wollte am liebsten gar nicht weg. Schließlich mache der Tod auch keinen Urlaub und er wolle keine potenziellen Kunden vergraulen, weil er nicht da sei, wenn sie ihn am dringendsten bräuchten. Das widerspreche seinem Slogan. Wir helfen Ihnen immer.

»Aber der Keller muss sowieso renoviert werden! Du kannst gar nicht arbeiten!«, blökte Mama dann in greller Verzweiflung, doch auf diesem Ohr war Papa taub (wenn Mama weiterhin so blökte, würde er irgendwann auf beiden Ohren taub sein). Er meinte, im Falle des Falles würde sich da schon was machen lassen; zur Not könne man die Handwerker ja für ein, zwei Stunden nach draußen schicken. Oder sie sollten eben in Gottes Namen weiterarbeiten, während er dafür sorgte, dass die Toten in sauberer Kleidung, ordentlich frisiert und dezent geschminkt zu ihrer Beerdigung entlassen werden konnten.

Mama aber wollte in den Urlaub. Koste es, was es wolle. Auch das sah Papa anders. Flugreisen kamen für ihn nicht infrage. Die waren ihm nicht umweltschonend und nachhaltig genug. Pauschalarrangements lehnte er ebenfalls ab. Dabei gehe jeglicher Individualismus – dieses Wort konnte ich nicht einmal fehlerfrei aussprechen – flöten. Er sei ein Mensch und kein Mastvieh. Überhaupt wisse er nicht, was er in irgendeinem Klub auf Mallorca verloren habe. Seine Haut vertrage außerdem keine Sonne. Zumindest nicht mallorquinische Sonne. Was Mama immer wieder zu einem langatmigen Vortrag über Sonnencremes und Lichtschutzfaktoren ermutigte.

Die Urlaubsdiskussion endete meistens damit, dass Mama sich schmollend und mit Tränen in den Augen auf das Sofa vor den Fernseher verzog und Papa in den Keller verschwand. Mir war beinahe schon egal, ob wir in den Urlaub fuhren oder nicht – mir war alles recht, wenn die beiden nur nicht ständig miteinander stritten.

»Drängel nicht so!«, wies ich Leander flüsternd zurecht. Schon wieder bohrte er mir seine Faust in den Rücken, um mich nach vorne in die Küche zu schieben. Noch hatten meine bescheuerten Eltern mich nicht bemerkt und ich wollte eine kleine Weile lauschen, um zu überprüfen, ob die Situation vielleicht doch zu angespannt war, um sie zur gemeinsamen Pizza bei den Lombardis zu überreden und ihnen dort zu offenbaren, dass ich weiterhin Parkour machen würde. Zusammen mit den Jungs.

Obwohl meine Eltern im Gegensatz zu den Eltern von Serdan, Seppo und Billy wussten, dass ich mal Parkour gemacht hatte, würde Mama durchdrehen. Es war alles andere als spaßig, wenn Mama durchdrehte. Ich traute ihr alles zu. Auch, dass sie sich auf die Jungs stürzte, um ihnen wütend brüllend jedes einzelne Haar auszureißen … Gebannt beobachtete ich, wie sie einen Stapel Prospekte nahm und anklagend in die Höhe hielt.

»Hier geht es nicht um Mallorca, Heribert! Ich rede doch gar nicht mehr von Mallorca! Mallorca ist abgeschminkt! Ich habe es verstanden!« Sie wedelte mit den bunten Flyern raschelnd vor Papas Nase herum. »Das hier ist etwas anderes! Jeden Tag landet solch ein Prospekt in unserem Briefkasten, seit mindestens zwei Wochen. Das muss ein Zeichen sein. Glaub es oder glaub es nicht. Es ist ein Zeichen.«

Papa stöhnte leidend und vergrub das Gesicht in seinen Händen. Man sah nur noch seine Glatze samt grauem Haarkranz. Er mochte es gar nicht, wenn Mama von Zeichen und Winken des Schicksals redete. Aber Mama war die Tochter von Oma Anni. Für Oma Anni bestand die gesamte Welt nur aus Zeichen und Schicksalswinken und Energieströmen, die es zu entschlüsseln galt. Irgendetwas davon musste auf Mama abgefärbt haben. Außerdem geschahen seit Leanders Körperfluch einige seltsame Dinge bei uns im Haus, die Mama allesamt als Zeichen deutete. Papa machte das langsam, aber sicher wahnsinnig.

»Nun hör doch wenigstens mal zu«, übertönte Mama sein Seufzen. »Naturnaher Urlaub in den Vogesen. Mit dem Zigeunerwagen.«

Papa ließ seine Hände ein Stückchen sinken, sodass er Mama über seine Fingerspitzen hinweg angucken konnte.

»Zigeunerwagen?«, echote er ratlos. »Das müsste politisch korrekt Sinti-und-Roma-Wagen heißen.«

Mama überhörte seinen Einwand großzügig und konzentrierte sich auf das Wesentliche.

»Ja, schau hier – ein roter Holzwagen, komplett eingerichtet, wie eine kleine süße Wohnung. Mit Betten und einer Kochnische und einem Kühlschrank und Fensterläden, die man morgens auf- und abends zuklappen kann …«

»Das haben Fensterläden so an sich, liebste Rosa«, fiel Papa säuerlich dazwischen. »Würdest du mich bitte aufklären, was daran naturnah sein soll?«

»Die Fortbewegung, Heribert, die Fortbewegung! Ein PS! Die Wagen werden von einem Pferd gezogen. Man reist von Bauernhof zu Bauernhof, fernab der Städte, in aller Ruhe. Ist das nicht romantisch?« Mama brüllte fast vor Begeisterung.

Papa nahm die Hände vom Gesicht, atmete tief durch und schnappte sich einen der Prospekte, um ihn mit Lesebrille unter seinen zusammengekniffenen Brauen zu studieren. Leander begann leise zu summen – wieder dieses verfluchte Joe le Taxi.

»Wo sind die Vogesen?«, raunte ich.

»In Frankreich natürlich«, gab er voller Stolz zurück. In Frankreich? Und seit Wochen landeten täglich genau diese Prospekte in unserem Briefkasten? Ich wandte mich langsam zu Leander um. Er grinste mich frech an und ließ sein schneeblaues Auge zwinkern. Er hatte sie also bestellt. Oder höchstpersönlich eingeworfen. Ich hätte ihn gerne gefragt, ob er nicht was Besseres hätte aussuchen können als eine doofe Kutschtour durchs Nirgendwo, doch Papa hatte den Prospekt bereits überflogen und strich ihn sorgsam glatt. Mit Schrecken sah ich, dass ein kurzes Lächeln über sein Gesicht huschte.

»Nun ja, ich muss sagen, dass man diese Variante der Sommerfrische durchaus in Betracht ziehen könnte. Ich würde zwar lieber meinen Kunden zur Verfügung stehen, rund um die Uhr selbstverständlich, aber wenn dein Lebensglück davon abhängt …«

»Tut es!«, rief Mama schnell und im gleichen Moment stieß mich Leander mit beiden Händen in die Küche.

»Günstig«, vermeldete er knapp. Ich hörte, dass er immer noch grinste. Oh ja, er freute sich wie ein Schneekönig auf das, was jetzt seinen Anfang nahm. Er würde es in vollen Zügen genießen, wenn unsere Eltern mich und die Jungs zusammenfalteten wie winzige, dünne Papierschiffchen. Dann musste er wenigstens keine Anstrengungen mehr unternehmen, mich von Parkour abzuhalten. Aber es war immer noch besser, wenn wir es ihnen sagten, als wenn Herr Rübsam uns verriet.

»Luzie!«, riefen Mama und Papa wie aus einem Munde. »Wir haben dich ja gar nicht kommen hören«, setzte Papa hinterher.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Mama besorgt. »Du siehst erhitzt aus!«

Na ja. Ich war gerade von einem Dach auf das andere gesprungen. Da durfte man erhitzt aussehen. Außerdem hatte es draußen mindestens fünfunddreißig Grad.

»Pizza. Heute Abend. Drüben bei den Lombardis. Bitte«, blubberte ich, weil ich nicht wusste, womit ich zuerst anfangen sollte. Also alles auf einmal.

Mama schaute mich prüfend an. »Du möchtest mit uns Pizza essen gehen? Und deshalb bist du so aufgeregt und nervös? Wir gehen doch fast jede Woche zu den Lombardis Pizza essen.« Auch Papa musterte mich aufmerksam.

»Ja, äh, ich, also … nicht nur wir. Sondern …« Mist. Ich hätte mich vorbereiten sollen. Wie machte ich das jetzt am besten? Gar nichts von den Jungs sagen? Mama und Papa würden sie ja sowieso dort treffen. Oder die anderen samt deren Eltern erwähnen, damit sie wussten, dass es wichtig war? Sonst würden sie es womöglich verschieben, weil Papa wieder neue Kunden bekommen hatte. Ich stellte verblüfft fest, dass ich wirklich nervös war. Ich zappelte regelrecht auf der Stelle herum. Leander hingegen lehnte entspannt im Türrahmen und beobachtete uns, als säße er im Theater. Er hatte ja auch nichts zu verlieren. Ihn sah niemand.

Ich schluckte und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Vielleicht sollte ich eine winzige Andeutung fallen lassen, um Mamas Neugierde zu wecken. Aber welche?

»Luzie, was ist denn, mein Schatz?«, fragte sie bang und zog mich an meinem Handgelenk zu sich an den Tisch. »Nun sag schon, was los ist!«

»Kann ich nicht«, erwiderte ich vorsichtig. »Nicht jetzt. Aber es ist wichtig. Sehr wichtig. Und ich möchte erst warten, bis – ähm – bis Serdan dabei ist. Und seine Eltern. Und …«

»Serdan? Und seine Eltern? Oh mein Gott, Luzie … Luzie …«, stieß Mama bebend hervor. »Oh nein, ich hatte es die ganze Zeit geahnt. Hatte ich es nicht geahnt, Heribert?«

Papa blickte stumm von einer zur anderen und kratzte sich am Kopf. Leanders Grinsen wich belustigter Verblüffung. Was meinte Mama? Wusste sie etwa, dass nicht nur ich Parkour gemacht hatte, sondern auch Serdan und Seppo und Billy?

»Ich hab es nur ein Mal getan, Mama, ein einziges Mal, ich hatte keine Wahl! Ich musste es tun«, rief ich hastig und zog meine Hand weg. Ja, es war nicht anders gegangen. Ich hatte Leander retten müssen. Der Sprung eben zählte nicht. Davon durften sie niemals erfahren. Eigentlich sollten sie auch von meinem Rettungseinsatz auf der Burgruine niemals erfahren. Aber anscheinend wusste Mama es ja schon. Oder sie ahnte es. Und das reichte für sie, um einen mittelschweren Nervenzusammenbruch zu erleiden. Der begann bereits – mit dicken Tränen und erstickten Schluchzern.

»Hab ich es dir nicht gesagt, Heribert?«, giftete Mama Papa an, der mich so bestürzt anschaute, dass ich ihn am liebsten getröstet hätte. »Ich hab dir gesagt, dass etwas passiert ist auf dieser Klassenfahrt, sie hat so geweint, so bitterlich geweint …« Ja, das hatte ich, mindestens so wie Mama jetzt. Weil ich gedacht hatte, Leander wäre hinüber. Dass ich persönlich ihn umgebracht hatte, weil ich nach dem Sprung auf ihm gelandet war. Ziemlich weich übrigens.

»Nein, liebe Rosa, ich hatte dir gesagt, dass etwas nicht stimmt mit ihr. Dass es nicht normal ist, wenn Luzie so viele Tränen vergießt. Du hingegen warst der Überzeugung, sie habe sich unsterblich verliebt …«

»Aber das ist doch ein und dasselbe!«, trompetete Mama vorwurfsvoll. »Und dann diese Esserei, die Esserei war immer seltsam! Dazu die langen Aufenthalte im Badezimmer, wahrscheinlich war dem Kind furchtbar übel und sie hat nichts gesagt, sie hat die ganze Zeit nichts gesagt! Oh Luzie, wir hatten doch darüber geredet, du hättest dich mir doch anvertrauen können …«

Moment. Esserei? Lange Aufenthalte im Badezimmer? Beides hatte nichts mit Parkour zu tun. Rein gar nichts. Das hatte vielmehr etwas mit meinem unsichtbaren Schutzengel zu tun. Verwirrt äugte ich zu Leander hinüber, der schon wieder zu grinsen begann. Kapierte er denn wenigstens, was hier los war? Ich kapierte nämlich gar nichts mehr.

»Ja, es passt alles zusammen. Alles«, heulte Mama. »Serdan ist ja auch schon so reif, ein richtiger junger Mann. Und dann dieser andere Kulturkreis. Die warten nicht. Die wollen alles sofort. Oh, meine arme Luzie. Wie weit bist du denn?«

Wie weit? Träumte ich vielleicht? War das einer von meinen chaotischen Träumen, in denen jeder nur Mist redete?

»Weit genug«, antwortete ich lahm, weil ich das Gefühl hatte, etwas antworten zu müssen, damit Mama nicht völlig hysterisch wurde. Doch ich erreichte damit nur das Gegenteil. Mama ließ ihren schweren Kopf weinend auf das rosa karierte Tischtuch fallen und raufte sich ihre wirren Locken.

Papa streichelte unsicher ihren Arm. »Das kriegen wir schon hin, Rosa. Wir kriegen das schon hin«, versuchte er, sie zu trösten, wirkte dabei aber nicht überzeugend, sondern zutiefst getroffen und verunsichert.

Ich warf Leander einen flehenden Blick zu. Sein Grinsen war geradezu unverschämt. Bitte, sag, was hier los ist, bat ich ihn in Gedanken. Er drückte nur lässig die Hüfte nach vorne, stützte eine Hand im Kreuz ab und strich mit der anderen über einen riesigen imaginären Bauch. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Schwanger. Leander mimte eine Schwangere! Und meine Eltern dachten, ich sei schwanger? Von Serdan? Ach, du lieber Himmel.

Ich unterdrückte mühevoll ein quiekendes Kichern und wollte schon dazu ansetzen, alles aufzuklären, als ich begriff, dass ich das wohl besser bleiben ließ. Denn was war schlimmer? Mit vierzehn schwanger zu werden oder Parkour zu machen? Natürlich schwanger zu werden. Ich würde Mama und Papa bis heute Abend in dem Glauben lassen, ich würde ein Baby bekommen. So konnten sie sich nur darüber freuen, wenn sie erfuhren, dass ich Parkour machte und alles ein riesiges Missverständnis gewesen war. Ich musste mich einige Sekunden lang fest konzentrieren, um das Kichern einzudämmen, das durch meinen Bauch flirrte, als ich daran dachte, was ich Mama gerade eben erst gesagt hatte. »Ich hab’s doch nur ein Mal getan …« Arme Mama. Ja, ein Mal reichte bekanntlich und das hatte sie mir auch oft genug eingetrichtert.

»Sie ist doch selbst noch ein Kind. Und so zierlich. Luzie, ich hab dir immer wieder angeboten, zu einer Ärztin zu gehen …«

»Ich möchte gerne alleine sein«, fiel ich mit zittriger Stimme dazwischen. Die zittrige Stimme hatte ich so oft trainiert, dass sie mir sogar in Momenten wie diesen nicht schwerfiel. »Und über den Rest reden wir heute Abend, in Ordnung? Um acht bei den Lombardis. Serdans Eltern werden da sein. Seppo natürlich auch«, rutschte es mir heraus.

Mama reckte den Kopf und starrte mich ungläubig an. »Seppo? Wieso denn Seppo? Hat er denn auch etwas damit zu tun? Haben sie dir etwa K.-o.-Tropfen gegeben und dann …? Oh Luzie, meine Kleine …«

»Heute Abend, Mama, bitte.« Oje, das wurde ja immer schlimmer. Am Ende dachte sie noch, ich wisse nicht, mit wem ich, ähm, geschlafen hatte. Allein der Gedanke war mir peinlich. Wie konnte Mama nur glauben, ich würde mit Serdan oder Seppo ins Bett gehen? Oder mit einem anderen Jungen? Ohne ein weiteres Wort verdrückte ich mich aus der Küche, wo eine hitzige Diskussion mit vielen Schluchzern entbrannte, und zog mich mit Leander auf mein Zimmer zurück.

»Na, im wievielten Monat bist du, Luzie?« Leander schwang sich zu seinem Lieblingsplatz auf dem Schreibtisch und ließ die Beine baumeln. »Dritter? Oder vierter? Darf ich mal fühlen? Bewegt es sich schon?«

»Halt die Klappe!«, fuhr ich ihn an.

Sein Grinsen verschwand. »Hey, chérie – du bist doch nicht wirklich …?«

»Quatsch! Natürlich bin ich nicht schwanger. Was denkt ihr nur alle von mir?«

Leander atmete erleichtert auf. »Bon. Du bist also noch eine kleine Jungfrau. Sehr schön.«

»Wann hätte ich das denn bitte ändern sollen?« Wo du doch ununterbrochen an mir klebst, führte ich meinen Satz in Gedanken zu Ende. »Außerdem möchte ich es gar nicht ändern. Und jetzt will ich nicht mehr darüber reden, verstanden?«

»Okay, reden wir eben heute Abend nach eurer Beichte darüber. Dann wirst du froh sein, wenn überhaupt noch jemand mit dir redet. Hehe.«

»Hier! Lies deine Bravos! Aber halt endlich den Mund!« Ich nahm einen Stapel der Hefte vom Boden und warf sie ihm ins Gesicht. Leander schnappte sich eins, schlug es pfeifend auf, rückte sich sein Stirnband zurecht und begann seelenruhig zu schmökern, unterbrochen nur von dem einen oder anderen abfälligen Kommentar auf Französisch.

Ich gab mir keine Mühe, ihn zu verstehen, sondern legte mich aufs Bett, starrte auf meine Armbanduhr und sah zu, wie der Stundenzeiger sich unendlich langsam der Acht näherte.

Deeskalationstraining

Wenn Blicke töten, martern, quälen, steinigen könnten, hätte ich es nicht einmal über die Schwelle der Pizzeria geschafft. Obwohl gut gelaunte italienische Musik lief, es nach Tomaten und Knoblauch duftete und fröhliches Stimmengewirr herrschte, fühlte ich mich wie in einer Folterkammer. Niemand tat mir etwas an oder machte mir Vorwürfe, aber ich fixierte stumm den Bierdeckel vor mir, weil ich es nicht wagte aufzusehen.

Da waren Mamas Augen, rot geweint und geschwollen, die unablässig über meinen Bauch kreisten. Da waren Papas graue Augen, immer noch verunsichert und geschockt, aber auch sehr traurig. Da waren Seppos Augen, in meinem Rücken, ich spürte sie genau, und sie blickten nervös und gestresst. Er musste Pizzen durch die Luft wirbeln und in den Holzofen schieben, aber ständig fiel ihm der Teig runter und klatschte auf die Arbeitsfläche. Dann schimpfte und zeterte seine Mutter, als hätte er ein Verbrechen begangen. Und da waren auch noch Leanders zweifarbige Augen, die vor Vergnügen nur so sprühten. Ich hasste ihn dafür. Er lag neben uns auf der breiten Fensterbank hinter zwei wuchtigen Blumenkübeln, stützte sich mit dem linken Ellenbogen ab und gab sich keine Mühe, seine Schadenfreude zu verbergen.

Früher war die Pizzeria für ihn tabu gewesen. Zu viele kleine Kinder. Jetzt schien ihm das egal zu sein. Dieses Ereignis wollte er sich nicht entgehen lassen, hatte er großmäulig verkündet. Außerdem sei bei Sky Patrol sowieso bekannt, dass er ein Geächteter sei. Seine Eltern hätten sich seit dem Besuch auf der Burg nicht mehr gemeldet. Das sei doch alles leeres Geschwätz gewesen. Niemand würde ihn bestrafen oder in den Kongo schicken. Einen Geächteten könne man nicht mehr bestrafen. Das sei sinnfrei. Manchmal hörte er sich beinahe enttäuscht an, wenn er darüber lamentierte. Er redete oft davon. Eigentlich viel zu oft. Doch jetzt hatte ich andere Sorgen.

Frau Lombardi kehrte vom Tresen zurück und brachte uns unsere Getränke. Einen Kamillentee für Mama, ein Bitter Lemon für mich, einen Ramazotti für Papa. Er kippte ihn in einem Zug hinunter. Normalerweise trank er nicht einmal an Silvester einen Schnaps, höchstens hin und wieder ein Glas Wein zu einem guten Essen. Da Mama für uns kochte, war das mit dem guten Essen eher selten der Fall. Oh, wann konnte ich ihnen endlich sagen, dass ich gar nicht schwanger war? Mein Plan würde sich zwar bestimmt als ausgezeichnet erweisen, aber wie die meisten ausgezeichneten Pläne war er teuflisch schwierig in der Durchführung.

Aus den Augenwinkeln sah ich einen dunklen Schatten hinter Leander auftauchen. Wie elektrisiert wandte ich den Kopf zum Fenster und sofort folgten Mamas und Papas Blicke meinem. Auch Leander verrenkte sich den Hals, um zu sehen, was draußen auf der Straße vor sich ging.

»Da ist das Bürschchen ja«, brummte Papa, als die Tür des schwarzen Kombis, der eben vorgefahren war, sich öffnete und Serdan ausstieg. Papa hörte sich an, als wolle er Serdan das Genick brechen. Serdans Eltern wirkten gehetzt. Sein Vater war vermutlich direkt aus der Fachhochschule gekommen, denn er trug noch Anzug und Krawatte. Wie meiner. In ihrem Aufzug konnten sie uns beide gleich vor den Altar zerren, damit das Kind nicht unehelich auf die Welt kam.

»Das verstehe ich nicht«, murmelte Mama erstickt. »Die fahren einen Mercedes? Einen dicken neuen Mercedes? Serdans Vater sieht gar nicht aus, als würde er in der BASF Farbkessel reinigen, findest du nicht, Heribert? Luzie, hattest du nicht gesagt …«

»Niemand reinigt heutzutage mehr Farbkessel in der Anilin, Rosa«, fuhr Papa gereizt dazwischen. »Woher hast du denn diesen Hokuspokus?«

Das konnte ich ihm verraten. Von mir. Aus einer Notlüge heraus – Leander war schuld gewesen – hatte ich Serdans Familie Mama gegenüber als arm verkaufen müssen. Arm und mit vielen Kindern. Und sehr türkisch natürlich. Nach und nach hatte ich diese Geschichte nach Bedarf ausgeschmückt. Das mit dem Reinigen der Farbkessel gehörte dazu.

»Hast du falsch verstanden, Mama«, sagte ich leise. »Der hat an der FH einen Vortrag über Gastarbeiter in der BASF gehalten.«

»Oooh, Luzie, gut!«, höhnte Leander und verlagerte sein Gewicht auf den anderen Ellenbogen. »Hätte ich dir gar nicht zugetraut. Eine Vorlesung über Gastarbeiter bei der BASF. Hört, hört!«

Ich ignorierte ihn und stand auf, um hinüber zum Pizzaofen zu gehen. Seppo war gerade wieder ein Stück Teig hinuntergefallen – dieses Mal auf den Boden. Ich versuchte, so zu tun, als habe ich seine Mutter nicht bemerkt, die wie eine Leibwächterin dicht hinter mir lauerte und tadelnd mit der Zunge schnalzte, als ich mich zu ihm stellte. Ob wegen ihm oder wegen mir wusste ich nicht.

»Wir können nicht länger warten. Serdan ist da. Und ich bin da. Lass es uns ihnen jetzt sagen. Bitte.«

»Mensch, Katz, siehst du nicht, dass ich arbeiten muss?«, murrte Seppo und streute eine dicke Schicht Kapern auf die Pizza.

»Seppo, jetzt kneif nicht schon wieder …«

»Drei Pizza Margherita, eine Funghi, presto!«, schnarrte seine Mutter von hinten, ohne mich im Geringsten zu beachten.

»Nein, stopp!«, widersprach ich heftig und schlagartig war es still im Raum. Nur noch das nervtötende Gedudel aus den Boxen plätscherte vor sich hin. Mehrere Gäste drehten sich nach mir um und glotzten mich neugierig an. »Wir müssen reden, sofort. Ich will keine Minute länger warten.«