Loverboy - Astrid Seehaus - ebook

Loverboy ebook

Astrid Seehaus

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Opis

Im Dün, unterhalb von Burg Scharfenstein, wird ein totes Mädchen gefunden. In ihrem aufreizenden Kleid wirkt die Tote im Eichsfeld völlig fehl am Platz. Die Spuren führen dann schließlich auch ins Erfurter Rotlichtmilieu. Während der Ermittlungen überschlagen sich die Ereignisse. Frank Rothe muss erkennen, dass seine Tochter Jessica in den Fall verwickelt ist. Nun gilt es zu entscheiden, ob er als Vater handeln soll und die Ermittlungen bremst oder als Polizist. Sven Krämer, seine hitziger Freund und Kollege in Erfurt, will dagegen mit dem Kopf durch die Wand.Nach "Tod im Eichsfeld" der 2. Fall von Frank Rothe. Handlungsorte: Eichsfeld und Erfurt

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Astrid Seehaus

Loverboy

Frank-Rothe-Krimi 2

Undine

Das Buch

Ein freier Tag für Kommissar Frank Rothe wird zu einem Alptraum. Eigentlich sollte es nur ein Freundschaftsbesuch bei seinem Kollegen Sven Krämer in Erfurt werden, als ihn ein Anruf zurück ins Eichsfeld zu einem Mordfall holt.

Das tote Mädchen im Dün zeigt auffallende Ähnlichkeiten mit einer anderen Toten. Die Spuren führen nach Erfurt ins Rotlichtmilieu. Frank Rothe kommt in schwere Konflikte, als er feststellen muss, dass seine Tochter Jessica in den Fall verwickelt ist. Sie zu schützen bedeutet, die Ermittlungen zu behindern, denn Jessica weiß etwas, das der Polizei von Nutzen sein könnte. Wie wird Frank Rothe reagieren: als Vater oder als Ermittler?

Echo zu Loverboy:

„Nach all den dramatischen Verwicklungen beglückt der Krimi mit einer geschickt gestaffelten Auflösung, und dabei ist die klug gebaute Unvorhersehbarkeit auch noch psychologisch stichhaltig. Das muss einem erst einmal einfallen.“

Lilo Plaschke, Thüringer Allgemeine

„Hervorragend ist nicht nur die Krimihandlung, sondern auch die Heimatkomponente: Der Leser fühlt sich ins Eichsfeld und ebenso in Erfurts Halbwelt mitgenommen.“

Gerlinde Sommer, Thüringische Landeszeitung

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Wir bemühen uns um beste Qualität, um unsere Leser zufriedenzustellen. Bei den Bilderbüchern und den Covern arbeiten wir zusammen mit gefragten Illustratoren, die auch für andere, größere Verlage illustrieren, und internationalen Künstlern.

Wir führen ein Lektorat wie auch ein Korrektorat durch.

Mit unseren Arbeiten haben wir auch schon Preise gewonnen.

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Undine Verlag

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Loverboy

ISBN 978-3-940002-11-2 (Print)

ISBN 978-3-940002-39-6 (epub)

Erstausgabe Taschenbuch 2013

Erstausgabe E-Book 2016

Idee und Text Copyright © 2013 Astrid Seehaus

Idee und Text Copyright © 2016 Astrid Seehaus

Umschlaggestaltung: [email protected]

Lektorat: Melanie Müller-Scheitza

Alle Rechte beim Undine Verlag © 2016

E-Book Herstellung: Zeilenwert GmbH,

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Germany

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05821-9921656

Das wahre und interessante Leben eines menschlichen Wesens spielt sich im Verborgenen wie unter dem Schleier der Nacht ab … Jede persönliche Existenz ist ein Geheimnis.

Anton Pawlowitsch Tschechow, 1860 - 1904

Die Geschichte ist fiktiv. Namen und Charaktere sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden und verstorbenen Personen sind unbeabsichtigt und rein zufällig.

Gewidmet uns Frauen

Von Astrid Seehaus ist neben den Kinder- und Jugendbüchern ebenso lieferbar:

Tod im Eichsfeld - Thüringer Krimipreis - 1. Frank Rothe

Loverboy - Eichsfeldkrimi - 2. Frank Rothe

Das Kreuz - Eichsfeldkrimi - 3. Frank Rothe

Mörderisches Buffet - Eichsfeld-Anthologie, als Hrsg.

Schwein im Glück - Roman

In Vorbereitung:

Die Suche nach dem vollkommenen Glück

Inhalt

Cover

Titel

Das Buch

Impressum

Zitat

Widmung

Prolog

Erfurt - Sonntag - früher Abend

Heiligenstadt - Montagvormittag

Erfurt - zur selben Zeit

Erfurt - zwölf Stunden früher - nachts

Heiligenstadt - Montagvormittag

Erfurt - Dienstagvormittag

Erfurt - Dienstagmittag

Eichsfeld - Dienstagnachmittag

Heiligenstadt - Dienstagnachmittag

Erfurt - Dienstagnachmittag

Erfurt - Dienstagabend

Erfurt - Mittwochmorgen

Heiligenstadt - Mittwochnachmittag

Erfurt - Mittwochabend

Erfurt - Donnerstagvormittag

Erfurt - Donnerstagabend

Erfurt - Freitagmorgen

Erfurt - später Freitagnachmittag

Erfurt - Freitagabend

Nach Heiligenstadt - Freitagabend

Heiligenstadt - Samstagmorgen

Heiligenstadt - Samstagabend

Erfurt - die Nacht auf Sonntag

Erfurt - Sonntagmorgen

Erfurt - Montagvormittag

Weimar - Montagnachmittag

Erfurt - die Nacht auf Dienstag

Erfurt - Dienstagvormittag

Weimar - die Woche darauf - Dienstag

Heiligenstadt - Donnerstagvormittag

Marpod - Sonntagnachmittag

Epilog

Und …

Buchwerbung

Über die Autorin

Prolog

Die Panikattacke kam ohne Vorwarnung. Als ob zwei Hände ihren Hals umklammern und kräftig zudrücken würden. Ihr Herz schlug hart gegen die Brust, es raste, stolperte und raste weiter. Sie versuchte, flach und regelmäßig zu atmen. Doch sie bekam kaum Luft. Ihre Finger krallten sich in die Bettdecke. Ohne die Umgebung wahrzunehmen, starrte sie in das Dunkel des Zimmers und hoffte, dass der Druck auf ihre Kehle nachließe. Es machte ihr Angst, wieder in diesen Strudel unbekannter Tiefen hinabgezogen zu werden, aus dem es kein Entrinnen gab.

Sie unterdrückte ein Stöhnen.

Mit dem letzten Quäntchen Willen, das ihr geblieben war, bäumte sie sich auf, um wieder Kontrolle über ihren Körper zu erlangen, aber es fehlte ihr jegliche Kraft. Ihr schien, jemand drücke sie mit aller Gewalt auf die Matratze. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als auszuhalten. So musste es sich anfühlen zu sterben.

Nach einer Weile versuchte sie erneut, ihrer Atmung einen gleichmäßigen Rhythmus aufzuzwingen, sie konzentrierte sich nur auf das Einsaugen und Ausstoßen der Luft. Atmete, kämpfte gegen das Ersticken an, atmete, fühlte, dass der Druck in der Brust nachließ, atmete tiefer, langsamer. Atem war Leben. Und sie lebte, weil sie atmete, weil genügend Sauerstoff ihre Lunge erreichte.

Ihr Körper zitterte, als ob er schwere Arbeit geleistet hätte, und sie horchte in sich hinein. Das Wummern in der Brust hatte nachgelassen, aber sie konzentrierte sich weiter auf das Strömen des Atems, bis es ganz gleichmäßig wurde. Erst dann wagte sie es, die Beine unter der Bettdecke frei zu strampeln, sich aufzusetzen und mit ihren Füßen die kalten Holzdielen nach den Hausschuhen abzusuchen, die sie vor dem Schlafengehen achtlos abgestreift hatte. In der Dunkelheit konnte sie kaum die Zeiger des Weckers auf ihrem Nachttisch erkennen. Es musste fast drei Uhr morgens sein. In drei Stunden würde es dämmern. Sie würde wieder zu wenig geschlafen haben und sich zusammenreißen müssen, damit niemand ihren erbärmlichen Zustand bemerkte. Sie musste stark bleiben. Hastig wischte sie die Tränen aus den Augenwinkeln und stand auf.

Ohne das Licht anzuschalten, tastete sie sich zur Küche. Erst dort betätigte sie den Lichtschalter. Die plötzliche Helligkeit blendete sie, sodass sie die Augen zukniff und sich leicht schwankend am Türrahmen festklammerte. Wann hatten diese Panikattacken eigentlich angefangen? Zeitgleich mit ihrem Verschwinden oder schon vorher?

Auf wackeligen Beinen erreichte sie die Küchenzeile, holte eine Packung Milch aus dem Kühlschrank und griff, ohne hinzusehen, nach dem Honigglas, das in einem Regal daneben stand. Sie wusste, dass warme Milch mit Honig ihr nicht helfen würde, wieder einzuschlafen, aber es war besser, etwas zu tun, als sich untätig der Angst auszuliefern. Sie setzte den Topf mit Milch auf den Herd und achtete darauf, keine unnötigen Geräusche zu verursachen. Gedankenverloren lutschte sie den Honig vom Löffel ab und verschluckte sich. Sie rang nach Luft und sah erschrocken zur Tür. Hatte man sie gehört? Sie hoffte nicht. Sie wollte keine Erklärungen abgeben und sich dabei wieder verstellen müssen. Das war nicht ihre Art.

Aber niemand im Haus rührte sich. Heute Nacht blieb sie allein. Mit sich. Mit ihren Gedanken. Und mit ihren Sorgen.

Sie zog den Topf vom Herd, bevor die Milch aufschäumte, und goss den Inhalt in eine Tasse. Den Löffel versenkte sie in der weißen Flüssigkeit und vergaß zu trinken.

Ihre Gedanken drifteten ab in eine Zeit, in der sie jung gewesen war. Nicht naiv, wie man in dem Alter vermuten könnte, sondern mit einem starken Willen, die Zukunft selbst zu gestalten und nicht andere über das eigene Leben bestimmen zu lassen. Hätte sie damals vorhersehen müssen, dass ihre Entscheidung Jahre später solche Folgen zeitigen würde? Hätte sie anders gehandelt, wenn sie gewusst hätte, was passieren würde?

Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf. Nein. Es gab Entscheidungen, bei denen einem von Anfang an bewusst war, dass sie zu nichts Gutem führen würden, und trotzdem ließen sie sich nicht abwenden. Vermutlich war es eine Frage der Persönlichkeit, ob man jahrelang grollte oder nicht. Er jedenfalls schien nicht vergeben zu wollen. Sein Gedächtnis war das eines Elefanten. Niemals vergessend, ewig nachtragend. Dabei ging es ihm nur um sein kleinliches Rachebedürfnis, sie dagegen hatte damals ihre Unabhängigkeit bewahren wollen. Das war etwas völlig anderes.

Ohne einen Schluck getrunken zu haben, stellte sie die Tasse beiseite und wusste, was sie zu tun hatte. Auch dieses Mal würde sie sich nicht beirren lassen.

Erfurt - Sonntag - früher Abend

Als Carel die Pacat Bar betrat, geschah etwas, woran er sich im Laufe der letzten beiden Wochen erst hatte gewöhnen müssen: Er wurde aufmerksam von einem hübschen Mädchen gemustert. Das war neu für ihn und immer noch ungewohnt. Denn normalerweise pflegte ihn das weibliche Geschlecht zu übersehen. Nicht weil er hässlich war, sondern weil ihn seine Schüchternheit und sein Job gelehrt hatten, sich unsichtbar zu machen. Er lächelte dem Mädchen zu, wenn auch nur scheu. Da er der Laufbursche von Zascha war, wäre es aufgefallen, hätte er sich zu sehr um Unauffälligkeit bemüht.

Carel begrüßte den Barkeeper.

„Hi, Stan, ich hab was für dich.“ Er reichte dem schweren Mann einen geschlossenen Umschlag.

Mit einem Nicken nahm Stan die Ware entgegen und verschwand im Hinterzimmer. Carel atmete auf, als er das brisante Zeug los war, und sah sich um.

Das Pacat war nahezu leer. Er lümmelte sich auf einen Barhocker. Während er auf Stan wartete, der das Crystal prüfte, verfolgte er die Vorführung einer Poledancerin, die ihren Hintern lustlos hin und her schwenkte, beobachtete Elena in ihrem schwarzen Netzfummel, wie sie sich lustlos dem einzigen Kunden, Marke Bürohengst, näherte, der sich – wahrscheinlich lustlos – von ihr vögeln lassen würde. Eine ebensolche Lustlosigkeit schien sich auch seiner zu bemächtigen. Carel fragte sich angeödet, was er hier eigentlich tat.

Das Etablissement war Swingerclub und Puff zugleich. Die einst schwülstige Bordellatmosphäre mit dunklem Holz und roten Samtvorhängen war durch einen kühlen Marmor-Glas-Schick ersetzt worden. Carel kannte das Pacat noch nicht lange genug, um sich eine Meinung über die Änderungen in der Einrichtung oder der Kundschaft zu bilden, aber Elena hatte ihm gesagt, dass neuerdings eine andere Klientel komme. Mehr Rechtsanwälte, Versicherungsfritzen und Schickimickis als früher.

„Was macht ein attraktiver junger Mann so allein hier?“

Das Mädchen, das ihn angesprochen hatte, musste neu sein und besaß einen rumänischen Akzent. Carel bezweifelte, dass sie schon achtzehn war. Alles an ihr, der schlanke Körper und die großen, runden Augen, erinnerte ihn an ein Rehkitz.

„Möchtest du Gesellschaft?“ Die Sätze klangen einstudiert. Wahrscheinlich waren das die einzigen Brocken Deutsch, die sie beherrschte.

„Nein, danke. Ich bin geschäftlich hier“, antwortete Carel, und der Barkeeper gab dem Mädchen mit einer Kopfbewegung zu verstehen, dass es verschwinden solle.

Stan schob ihm einen zugeklebten Umschlag zu.

„Wo dieses Mal?“, murmelte Carel, woraufhin Stan wortlos einen Zettel auf den Tresen legte, als hätte er vergessen, wie man die Stimmbänder benutzte. Dann vertiefte er sich wieder ins Gläserpolieren, ohne seinem Gegenüber weiter Beachtung zu schenken.

Carel las die Adresse. Es war keiner der Plätze, an denen er sich für gewöhnlich mit Zascha traf. Er war schon viel mit seinem Boss herumgefahren, aber er kannte noch nicht jede Ecke von Erfurt, und diese sagte ihm gar nichts. Er zog sein Smartphone aus der Hosentasche, gab den Straßennamen ein und studierte den Weg dorthin. Von Anfang an war Carel Zaschas Hang zur Vorsicht und Geheimniskrämerei aufgefallen. Vielleicht hatte er Glück und würde heute endlich erfahren, wo Zascha wohnte.

Zascha. Für alle einfach nur Zascha. Auch für ihn. Ohne Nachnamen. Kurz und bösartig.

Der Barkeeper ließ das Papier verschwinden, kaum hatte Carel es aus den Händen gelegt. Zum Abschied nickte Carel ihm stumm zu, doch der andere reagierte nicht.

Neben dem Ausgang fiel Carel eine Werbetafel ins Auge. Die Sex-Flatrate war diese Woche schon für hundert Euro pro Nacht zu haben. Die Mädchen bekamen davon zehn Prozent und die Freier durften sie so lange in Anspruch nehmen, wie sie wollten (oder konnten, dachte er süffisant). Letzte Woche hatte der Preis noch hundertfünfzig betragen, und Elena hatte sich schon darüber ziemlich aufgeregt. Hatte sie es gewagt, sich wieder zu beschweren? Sie war die Älteste im Pacat und hatte eine Tochter, die sie aus dem Milieu raushielt. Das hatte sie ihm erzählt, obwohl sie sonst eher schweigsam war. Ihr war dabei deutlich anzumerken gewesen, dass sie diesen Job hasste. Und dabei ging es ihr noch gut, sinnierte Carel. Sie hatte weniger Grund, sich zu beschweren als die Mädchen in den Fickzellen, wie Zascha die Wohnungen nannte, in denen die Kleinen für ihn anschaffen mussten.

Carel schüttelte den Gedanken an seinen Boss ab und stieg in den gestohlenen Mercedes, den er im Hinterhof des Pacat geparkt hatte. Er folgte den Ansagen der Navigations-App seines Handys. Sie lotsten ihn zu einem Mietshaus, einem heruntergekommenen Altbau. Das schlichte Gebäude passte zwar nicht zu Zaschas theatralischem Wesen, doch zu der Vorsicht, die er stets walten ließ. Endlich seine Adresse zu kennen, war ein enormer Fortschritt. Carel triumphierte, Zascha begann, ihm zu vertrauen. Plötzlich wurde die Beifahrertür aufgerissen, und Zascha schwang sich auf den Sitz. Das ging so schnell, dass Carel ihn erst einmal verblüfft anstarrte. Zascha musste im Hauseingang auf ihn gewartet haben. Sein Vertrauen war also doch nicht so groß.

Ungeduldig fuhr Zascha Carel an: „Hast du das Geld?“

Wortlos zog Carel den Umschlag aus der Innentasche seiner Jacke und reichte ihn seinem Boss. Der befingerte den Inhalt und steckte ihn schließlich zufrieden ein.

„Gut gemacht“, lobte Zascha und zog ein pinkfarbenes Smartphone aus der Hosentasche. „Ich denke, dafür hast du dir eine kleine Anerkennung verdient.“ Er tippte auf dem Handydisplay herum, bis sich eine Videodatei öffnete.

„Seit wann stehst du auf Rosa?“, versuchte Carel zu scherzen, der sich in Zaschas Gegenwart immer unwohl fühlte.

„Hat mir ’ne Tusse gegeben“, antwortete Zascha und konzentrierte sich auf den Film, der vor ihm ablief.

Sein wölfisches Grinsen gefiel Carel nicht sonderlich. Er warf einen flüchtigen Blick auf das Display, sah die dunklen Haare, die helle Haut, die aufgerissenen Augen und befahl: „Stell das ab!“

„Warum denn? Du hast es doch noch gar nicht gesehen.“

„Stell das ab!“, wiederholte Carel schärfer. Die Bilder tauchten von alleine auf, dazu brauchte Carel keinen Film: wie Zascha das Mädchen in die Wohnung gedrängt und mit der Waffe an ihrer Stirn gezwungen hatte, ihm gefällig zu sein. Es war eine ordentliche, wenn auch kärgliche Wohnung in einem Mietshaus gewesen, in dem es abgestanden gerochen hatte, in dem der eine Nachbar nichts mit dem anderen zu tun haben wollte, wenn die Wohnungen nicht sowieso gerade leer standen. Zascha war auf Droge gewesen und in diesem Zustand zu allem fähig. Womöglich hätte er das Mädchen erschossen, hätte Carel sich ihm in den Weg gestellt. Er war gegangen, besser gesagt, geflohen, und hatte im Auto auf seinen Boss gewartet. Nachher hatte Zascha behauptet, er hätte die Kleine doch nur für ihn zurechtgefickt. Carel hatte ihn ignoriert und war losgefahren. Und das würde er auch dieses Mal tun.

„Ist das alles, was du mir zeigen wolltest?“, fragte Carel kurz angebunden.

„Sei doch nicht so ein Spielverderber“, entgegnete Zascha beleidigt und stieg grußlos aus.

Carel unterdrückte einen derben Fluch, ließ den Wagen stehen und folgte Zascha, um die miese Stimmung zu kitten.

Heiligenstadt - Montagvormittag

Frank Rothe überflog zähneknirschend die Fußballergebnisse vom Wochenende. Rot-Weiß kam wirklich nicht aus dem Knick. Er mochte zwar neuerdings im Eichsfeld leben, aber fußballtechnisch schlug sein Herz weiterhin für Erfurt.

Frustriert faltete er die Zeitung zusammen. Er konnte nicht umhin, die Fußgängerzone abzuscannen, als wäre er im Einsatz. Berufskrankheit. Zudem bereitete ihm Untätigkeit, auch wenn es nur für eine halbe Stunde war, ein unangenehmes Gefühl. Diese Unruhe übertrug sich auf sein rechtes Bein, das übergeschlagen unter dem Cafétisch wippte.

Er fragte sich, was seine Tochter so plötzlich von ihm wollte. Jessi hatte gesimst, dass sie ihn „ganz schnell“ sehen müsse. Typisch für einen Teenager in ihrem Alter: Ein Gedanke, der auftauchte, musste sofort in die Tat umgesetzt werden. Und er hatte natürlich nichts Dringenderes zu tun, als zum vereinbarten Treffpunkt zu eilen. Würde er jemals damit aufhören, sich Sorgen um sie zu machen? Seit dem Attentat vor knapp zehn Jahren bezweifelte er das. Und Jessis Selbstmordversuch vor wenigen Monaten bestätigte ihn darin. Doch nicht jede SMS, nicht jeder Anruf war Bote für eine neue Katastrophe.

Über Rothes Gesicht huschte ein Lächeln, die Ungeduld hatte sie von ihm. Nun gut, er war da. Wer nicht da war, war sie. Hatte sie nun doch keine Freistunde? Während er sich um Ruhe bemühte und sich auferlegte, den Moment zu genießen, die Morgensonne wie den Cappuccino, beobachtete er die Vorübergehenden. Eine Mutter schob gerade ihr plapperndes Kleinkind im Buggy vorbei, und ein älterer Herr trat mit einer Zeitung unter dem Arm aus dem Buchladen.

Im Vergleich zu Erfurt erschien das Leben in der Kreisstadt weniger hektisch, auch wenn sich die Geschäftstüchtigkeit mit der in Erfurt nichts nahm. Es war allein die Größe, die den Unterschied machte. Rothe konnte sich nicht daran erinnern, sich jemals in Erfurt Zeit für einen gepflegten Kaffee genommen zu haben. Vielleicht hatte er es getan, aber das war dann lange her. Seit Manuelas Tod galt für ihn nur eines: Jessica Freude am Leben zu vermitteln. Er verdrängte den Gedanken, wie wenig geeignet er dafür war.

Ihm kamen die unterschiedlichen Formen von Liebe in den Sinn. Die Vaterliebe, von der sein Freund Sven behauptete, er würde es damit übertreiben. Die Liebe zu den Eltern und Geschwistern. Die Liebe zu den schönen Dingen des Lebens, für die er seit Jahren keinen Blick mehr hatte. Und die Liebe zu einer Frau. Zur Liebe gehörte die Treue und diese war für ihn keine leere Worthülse, auch wenn sich Sven immer wieder darüber lustig machte.

Bis vor Kurzem noch war die Liebe für ihn etwas gewesen, das ihn mit Manuelas Tod für immer verlassen zu haben schien. Als zweiundvierzigjähriger, alleinerziehender Kriminalbeamter mit Überstunden und einem Rucksack voller Probleme hatte er geglaubt, von einer romantischen Beziehung so weit entfernt zu sein wie Rot-Weiß von einem Aufstieg in die Bundesliga. Und dann war es passiert. So unerwartet und in diesem Moment, wo er hier saß und darüber nachdachte, ebenso unwirklich. Es war nur eine Nacht gewesen, die sie miteinander verbracht hatten. Eine fantastische Nacht, erfüllt von einer Lebendigkeit, die er schon seit Jahren nicht mehr gespürt hatte. Sie hatten geredet, gelacht und sich geliebt, und wenige Wochen später war es wieder vorbei gewesen. Als ob sich alles nur in seiner Fantasie abgespielt hätte. Wie elektrisches Licht hatte sie das, was in diesen leuchtenden Momenten zwischen ihnen entstanden war, wieder ausgeknipst. Ohne eine Erklärung. Nach ein paar Tagen Auszeit, die sie sich spontan genommen hatte, verhielt sie sich ihm gegenüber, als ob nie etwas zwischen ihnen vorgefallen wäre. Natürlich war er enttäuscht, aber schlimmer war, dass ihn diese Ungewissheit schier wahnsinnig machte. Behandelte sie ihn so, weil sie Kollegen waren? Trauerte sie noch seinem Vorgänger hinterher? Sie war nicht zu durchschauen. Hauptmeister Simone Nolte, schon vom ersten Augenblick an hatte sie ihn fasziniert.

Er starrte die Wilhelmstraße hinauf. Hinter dem Theodor-Storm-Museum, einem prächtigen Fachwerkhaus, konnte man auf dem Hügel die gotische Sankt Martin Kirche und die Schule sehen – eine der schönsten Stellen in Heiligenstadt. Jessi sollte bald aus dieser Richtung kommen. Wiederholt sah er auf die Uhr. Er musste zurück aufs Revier. Wenn sie nicht gleich erschien, würde er gehen, ob es nun wichtig war oder nicht.

Eine Bewegung, die er aus den Augenwinkeln wahrnahm, riss ihn aus den Gedanken. Reflexartig sprang er auf, als der Ball angeflogen kam und die Tasse vor ihm zu zerschmettern drohte. Geschickt nahm er ihn mit dem rechten Oberschenkel an, ließ ihn abtropfen und lupfte ihn mit dem linken Fuß nach oben, Vierteldrehung, Hacke, Rückdrehung, Spann, Knie. Für einen kurzen Moment hatte er vergessen, dass er nicht mehr zwölf war. Er fühlte eine unbändige Freude, bis ein anerkennender Pfiff der Sache ein Ende setzte. Verlegen passte er den Ball dem Jungen auf der anderen Straßenseite zu. Der Junge mochte vierzehn sein und war, wie es aussah, auf dem Weg zur Schule. Er sagte nichts, als er den Ball geschickt mit dem Fuß stoppte und in die Hand nahm. Aber sein Grinsen drückte pure Bewunderung aus. Frank Rothe musste ebenfalls grinsen. Er war längst noch nicht tot, auch wenn er sich bisweilen so fühlte.

Als er sich wieder setzte, kam ihm auf einmal alles freundlicher vor. Die Bedienung flirtete mit ihm. Sonnenstrahlen flirrten durch die Äste der Linde vor dem Café und zeichneten Muster auf das Pflaster. Die bunten Fassaden der Häuser verströmten eine leuchtende Fröhlichkeit. Er beobachtete einen Zulieferer, wie er seinen Wagen parkte und Ware auslud. Eine Angestellte des Buchladens stellte einen Tisch mit Büchern aus der Region vor die Tür. Rothe trank den kalten Rest vom Cappuccino. Selbst der schmeckte noch besser als die Plörre, die es früher gegeben hatte. Die Erinnerung an eine Familienfeier und das angewiderte Gesicht seiner Mutter über Erichs Krönung reizte ihn zum Lachen. Er überlegte, sich einen zweiten Cappuccino zu bestellen, verwarf den Gedanken aber gleich wieder.

Ein Mann setzte sich an den Nebentisch, ein paar Jugendliche eilten zur Schule. Jessi ließ weiterhin auf sich warten.

Beim Aufschauen fiel sein Blick auf zwei junge Frauen. Auf Stilettos staksten sie ungelenk an den Geschäften vorbei. Sie trugen auffällig ähnliche Kleider, die nichts verbargen. Die Röcke waren kurz, die Oberteile im Nacken geschlossen. Die Frauen hätten auch ein Schild mit dem Aufdruck „Käuflicher Sex“ um den Hals tragen können. Es war offensichtlich, dass sie Prostituierte waren und der Kerl, der ihnen in einem Abstand von ein paar Metern folgte, ihr Zuhälter.

Aus den Augenwinkeln beobachtete Rothe den Mann am Nebentisch, wie er seine halb gerauchte Zigarette ausdrückte und den Espresso, der gerade gebracht wurde, in einem Zug hinunterstürzte. Er starrte den Mädchen nach, und Rothe war gespannt, ob er dem provokativen Werben erliegen würde. Die Straßenprostitution war landesweit verboten.

Erfurt - zur selben Zeit

Kevin Stolze, Rechtsanwalt und Partner in einer aufstrebenden Immobilienfirma, wollte sich gerade auf den Weg ins Büro machen. Das Frühstück hatte er hinuntergeschlungen, und das war ihm nicht bekommen. Seine nicht gerade glänzende Laune verschlechterte sich noch, als Katrin ihn vor der Tür abfing und mit ihm sprach, als ob er seinen Grips im Eierbecher gelassen hätte. Sein Ego war seit einigen Wochen angeschlagen wegen Geschäften, die geplatzt waren. Sein Bonus am Jahresende würde schmaler ausfallen. Seine Sekretärin stellte neuerdings Forderungen, was ihm zunehmend missfiel. Und nun fing auch noch seine Ehefrau an, ihm reinzureden.

„Katrin, zum wiederholten Mal, nein, ich werde mich nicht darauf einlassen. Ich verkaufe ihm kein Haus im Sperrbezirk. Auch kein Grundstück. Ich habe nicht das geringste Interesse daran, ihm etwas zu vermitteln. Soll er sich an den Bebauungsplan der Stadt halten. Der regelt die Ansiedlung dieses Gewerbes. Das ist mein letztes Wort“, herrschte er sie an und fügte dann doch noch hinzu: „Mir ist schleierhaft, warum dich das überhaupt interessiert.“

Katrin Stolze versuchte nicht, ihren Mann zu beruhigen. Er würde sich schon wieder abregen, und dann würde sie ihm erklären, wie wichtig es war, dass er alle Aspekte des Angebots von B., wie Kevin ihn nannte, beleuchtete. Katrin war nicht auf den Kopf gefallen. Sie wusste, warum er ihr den vollen Namen des Interessenten verheimlichte: damit sie sich nicht einmischte. Er vertraute ihr nicht und das beruhte in letzter Zeit auf Gegenseitigkeit.

Vor ihr stand der Mann, den sie als Neunzehnjährige aus Liebe geheiratet hatte. Aus Liebe! Dass sie nicht lachte. Wo war sie nur in der Zwischenzeit hin, ihre Liebe? Sie war nun sechsunddreißig und viel zu alt, weiterhin ihre rosarote Jungmädchenbrille zu tragen. Kevin war fünfzehn Jahre älter als sie. Damals hatte er ihr imponiert, und jetzt stand er vor ihr, sehr groß, immer noch schlank und starr aufrecht, als ob er trotzig gegen den Umstand ankämpfte, dass das Leben wie ein Mühlstein an seinem Hals hing. Hatte es den Mühlstein auch schon früher gegeben? Dieses Beharren auf eigene Positionen? Wenn ja, hatte sie es damals anscheinend als Attribut eines erfolgreichen Mannes gesehen und sich nicht daran gestoßen. Das hatte sich über die Jahre geändert. Er war immer noch ein attraktiver Mann, mit in der Zwischenzeit ergrauten Schläfen und einem scharfen Blick, der Angst einjagen konnte, wenn er den anderen ungeduldig erforschte. Und er war unduldsam – schnell in seinen Entscheidungen, brüsk in seinen Urteilen und geradezu vernagelt, wenn es um seinen Ruf als Geschäftsmann ging.

Sie lotste ihn von der Tür weg ins Wohnzimmer. Wenige Minuten und ein Whiskyglas später hatte sie ihn so weit, dass er ihr wenigstens zuhörte.

Er war sichtlich angespannt.

„Kevin, bitte, du musst an Alina denken. Sie ist unsere einzige Tochter. Wir sind uns immer einig gewesen, dass sie alles erhält, was wir ihr bieten können. Was ist schon dabei, wenn du an diesen B. verkaufst? Deinem Partner kann das doch egal sein, Hauptsache der Preis stimmt. Und für uns springt etwas extra heraus. Und das steuerfrei.“

Stolze stöhnte auf.

„Das Leben ist teuer“, betonte Katrin und machte einen Schritt auf ihn zu.

Sie wollte ihm beruhigend über die Schulter streichen, unterdrückte aber den Impuls. Er war noch zu aufgebracht, um sich von ihr berühren zu lassen.

„Lass mich damit in Ruhe“, blaffte er. „Mich interessieren solche Geschäfte nicht. Sollen die anderen sich ihr Stück vom Kuchen abschneiden.“

Immer wieder die gleiche Leier, dachte Katrin. Warum war es in letzter Zeit so schwierig, an ihn heranzukommen? Manchmal hatte sie das Gefühl, ihre Worte prallten an ihm ab. Wann waren ihr die Fäden aus den Händen geglitten? Sie war immer eine gute Menschenkennerin gewesen. In der Schule hatte sie sich sogar anhören müssen, sie würde Menschen manipulieren.

„Und was ist mit meinen Wünschen? Weißt du überhaupt, was ich will?“

Als er nicht reagierte, fuhr sie fort: „Denkst du etwa, ich will ewig in dieser Tretmühle bleiben? Meinst du nicht auch, ich könnte mir etwas Schöneres vorstellen, als tagein, tagaus Nachtschichten zu schieben? Mich vom Chefarzt abkanzeln zu lassen? Zweiundsiebzig Stunden Bereitschaft, lediglich unterbrochen von einem unruhigen Schlaf auf einer Untersuchungsliege? Glaubst du nicht auch, ich möchte das hier ein wenig mehr genießen?“ Und dabei machte sie eine weit ausholende Armbewegung, mit der sie die schicke Einrichtung ihres modernen Eigenheims umschloss.

„Ich lebe ja schon mehr im Krankenhaus als hier. Wann bin ich denn mal zu Hause? Nur Arbeit kann es doch nicht sein.“ Ehe sie ihm sagen konnte, dass sie sich das Leben mit ihm luxuriöser vorgestellt hatte, mit mehr Zeit, größeren Reisen und regelmäßigen Konzertbesuchen, unterbrach er sie auch schon.

„Du bist eine Ärztin mit hohem Ansehen, und die Leute vertrauen dir. Würdest du dieses Vertrauen aufs Spiel setzen?“

Sie schwieg.

„Ich entnehme deiner Reaktion, dass du es nicht tun würdest“, sagte er mit einem spitzen Lächeln auf den Lippen.

Jetzt ließ er wieder mal den Oberlehrer raushängen, als wüsste er, was gut und böse war. Wie Katrin das langweilte. Dabei machte er die Regeln, wie es ihm gerade in den Kram passte.

„Es ist nichts dabei, einem Geschäftsmann etwas zu vermitteln. Das macht ihr tagtäglich“, fuhr sie hartnäckig fort.

„Aber nicht an diesen Geschäftsmann.“

„Du kennst ihn doch gar nicht.“

„Eben.“

„Irgendwer wird dieses Haus kaufen. Wenn er es nicht tut, dann ein anderer.“

„Dann eben ein anderer.“

„Ach, Kevin, so kommen wir nicht weiter“, seufzte Katrin hilflos. Dann fiel ihr ein, was ihr Mann vor einiger Zeit über B. erzählt hatte.

„B. – war das nicht der, der angeboten hat, das Stadiondach mitzufinanzieren?“

„Du meinst das Public Privat Partnership?“

Katrin lächelte maliziös. Vielleicht war das eine Möglichkeit, ihrem Mann diesen geheimnisvollen B. doch noch irgendwie schmackhaft zu machen. Schien er nicht ein Wohltäter zu sein? Kevin hatte ihr von ihm erzählt, als er schweißgebadet und befriedigt neben ihr gelegen hatte. Entweder war es Glück oder ihren Verführungskünsten zu verdanken gewesen, dass er an dem Abend wie ein Wasserfall geredet hatte. Kevin erzählte ihr schon lange nichts mehr, was die Firma oder seine Arbeit anging. Anfänglich hatte sie ihm an dem Abend nur mit halbem Ohr zugehört, weil sie gedanklich verschiedene Variationen einer lukrativen Trennung durchgespielt hatte. Das Leben an seiner Seite machte keinen Spaß mehr, aber sie wollte ungern auf die Annehmlichkeiten verzichten, die er ihr bisher geboten hatte. Ihr Verhältnis war in den letzten Jahren jedoch derart eisig geworden, dass es womöglich nur noch eine Frage der Zeit war, bis er den Geldhahn zudrehen würde. Sie war hellhörig geworden, als in seinen Ausführungen eine sechsstellige Zahl gefallen war. Ihr vager Traum, nach Genf zurückzukehren, hatte sich auf einmal zu einem realen Ziel verfestigt. Sie musste dieser Ehe entfliehen, wenn sie nicht so werden wollte wie er: starr wie eine gefriergetrocknete Hähnchenkeule. Dabei gab es leider ein Problem: Alina. Sie war Papas Liebling, und er würde bestimmt alles tun, sie ihr abspenstig zu machen.

Ärgerlich stellte sie fest, dass sie sich von ihren Gedanken hatte mitreißen lassen. Was hatte Kevin gesagt? Ihre Unachtsamkeit konnte sie in dieser Auseinandersetzung die Oberhand kosten.

Sie riss sich zusammen und konzentrierte sich wieder auf das, was Kevin ihr zu erklären versuchte.

„Zuerst hört sich das nach einem attraktiven Angebot an, und später übertreffen die Rückzahlungen in Form von Miete oder Pacht bei Weitem die Investitionen, die man aufgewandt hätte, hätte man das Ding ohne Privatinvestor gebaut“, belehrte er.

„Wir brauchen das Geld, Kevin!“, beharrte Katrin. „Und weißt du immer, was dein Geschäftspartner macht? Vielleicht bescheißt er dich ja und verhandelt gerade selbst mit B.“

„Uli?“, fragte Kevin konsterniert. „Er ist der Kopf von Barkel & Stolze Real Estate. Er hat die Firma gegründet. Sie ist sein Baby. Mich hat er später ins Boot geholt. Warum sollte er jetzt alles, wofür er gearbeitet hat, für ein paar Mäuse mehr wegwerfen?“

„Ach, das weiß ich doch nicht“, entgegnete sie genervt.

Manchmal hatte sie das Gefühl, Kevin wäre mit seinem Partner verheiratet. Uli war das Maß aller Dinge, Kevin folgte ihm wie ein Schatten. Das war schon seit Schulzeiten so.

„Ich weiß nur, dass es niemandem schaden kann, wenn du das Haus verkaufst und wir dafür extra kassieren. Und wenn schon?! Interessiert es jemanden?“

„Ja, das Finanzamt zum Beispiel. Und nein, ich werde nicht an einen Geschäftsmann verkaufen, von dem ich nicht einmal weiß, welche dubiosen Geschäfte er macht, und der einem Schwarzgeld anbietet.“

In diesem Fall sagte er nicht ganz die Wahrheit. Er hatte zumindest eine Ahnung, womit B. sein Geld verdiente. Deshalb graute ihm auch davor, dass er mit diesem „sauberen“ Geschäftsmann in Verbindung gebracht werden könnte. Und sowieso musste seine Frau nicht alles wissen.

Er täuschte sich. Sie wusste bereits eine Menge: Kevin betrog sie mit seiner Sekretärin. Und was er sonst noch anstellte, wollte sie gar nicht wissen. Ihre Ehe war in den letzten Jahren zu einer Farce geworden, und sie war es leid, alles hinzunehmen. Sie wollte einfach mal nur an sich denken. Sie wollte reisen, Ausstellungen besuchen, Neues erkunden, sich ausprobieren. Ganz einfach: Sie wollte das Leben, das er ihr versprochen hatte. War das so schwer zu verstehen? Als Ärztin mit vielen Überstunden würde sie sich ihre Träume niemals erfüllen können. Zu allem Überfluss hatte sie diesen Beruf auf sein Drängen hin ergriffen. Ein Rechtsanwalt und eine Ärztin, das sei die Eintrittskarte zur High Society, so hatte er ihr damals den Studiengang schmackhaft gemacht. Dass sie nicht lachte.

Sie hatte angefangen, ihn im Bett maßlos zu verwöhnen. Was hatte sie sich von dieser Elena für Tipps geben lassen. Tipps, die ihr, wenn sie nur daran dachte, die Schamesröte ins Gesicht trieben. Nachdem sie Elena kennengelernt hatte, war ihr bewusst geworden, dass sie einiges dafür tun würde, um an sein Geld zu kommen, denn Geld war der entscheidende Faktor für Freiheit. Ihre Freiheit, erkauft mit seinem Geld. Viel Geld.

Elena war so alt wie sie, verdiente ihr Geld als Prostituierte in einer Bar in Erfurt und war eines Tages zu ihr ins Krankenhaus gekommen, um sich untersuchen zu lassen. Dass sie dafür extra nach Weimar gefahren war, hatte sie damit begründet, dass ihr Chef nicht alles wissen müsse. In ihrem Job könne man sich nie sicher sein, ob man sich nicht etwas eingefangen habe. Aber Elena hatte nichts, sie war gesund.

Obwohl Katrin nicht gerade prüde war, war sie doch ziemlich verlegen gewesen, als sich Elena ihr im Untersuchungszimmer in der Erotik-Wäsche präsentiert hatte. Und dann hatte sich die rumänische Hexe auch noch über sie lustig gemacht.

Das sei es, was man brauche, um einen Mann scharf zu machen, hatte Elena erklärt.

Nun waren Spitzendessous nichts, was Katrin ablehnte, aber bei dem Schnitt dieser speziellen Reizwäsche war ihr nur eines in den Sinn gekommen: dass es sie viel Überwindung kosten würde, sich vor Kevin derart darzubieten. Im Gegensatz zur großen und schlanken Elena war sie klein und mollig.

Kevin waren fast die Augen aus den Höhlen gesprungen, als sie am gleichen Abend mit geschlitztem Lack-Slip und nippelfreiem BH aus dem Badezimmer gekommen war. Reizwäsche, so subtil wie ein Holzhammer. Sie war sich sicher gewesen, dass er sie auslachen und Klein Kevin vor Unlust in der Hose bleiben würde. Doch das Glühen in seinen Augen hatte sie weitermachen lassen. Und als sie in Ermangelung einer Dominapeitsche Alinas Reitgerte hervorgezogen und ihm den Hintern versohlt hatte, war sie schockiert über seine Reaktion gewesen. Er hatte sich doch tatsächlich eine Wiederholung gewünscht.

In der Zwischenzeit erkannte Katrin, dass ihre Worte nichts bei Kevin ausrichten konnten. Den verbalen Schlagabtausch hatte sie verloren, aber sie nahm sich vor, im Bett weiterhin die Oberhand zu behalten.

Als Alina früher als sonst von der Schule nach Hause kam, war von der Auseinandersetzung zwischen ihren Eltern nichts mehr zu spüren. Befriedigt von dem, was seine Frau mit ihm angestellt hatte, hatte es sich Stolze anders überlegt und erledigte seine Arbeit, statt im Büro, zu Hause. Ihre Mutter Katrin lag in der Badewanne und machte Zukunftspläne. Das alles interessierte Alina nicht. Ihr wäre nicht einmal aufgefallen, wenn ihre Eltern sich im Wohnzimmer geprügelt hätten. Sie war in ihren Gedanken mit ihrem Traummann beschäftigt. Er würde sie im Filmgeschäft ganz groß rausbringen. Er liebte sie. Sie war sein sexy Partygirl.

Im Zimmer warf sie sich aufs Bett und wählte Lydias Nummer. Sie hatten sich gerade erst voneinander getrennt, aber Alina spürte schon wieder dieses Bedürfnis, mit ihr zu reden. Ihr alles von Zascha zu erzählen. Alina konnte sich endlos über ihn auslassen, und Lydia hörte immer zu, ohne sie jemals zu unterbrechen. Sie mochte Lydia wirklich gern, obwohl sie anders war. Oder vielleicht sogar, weil sie anders war. Ruhig und besonnen, fast schon schüchtern, nicht so impulsiv wie sie, die einfach im Mittelpunkt stehen musste. Lydia war die ideale Freundin.

Alina trat vor den großen Wandspiegel und arbeitete an einem verführerischen Lächeln und einem kessen Augenaufschlag. Sie war die geborene Schauspielerin. Und Zascha würde dafür sorgen, dass es bald die ganze Welt erführe.

„Ich liebe dich, Zascha“, murmelte sie.

Sie lauschte ihren Worten nach und lachte zufrieden auf, als sich Lydia in der Leitung meldete, der sie sogleich die Ohren vollquatschte.

Erfurt - zwölf Stunden früher - nachts

Das Arschloch war ihm doch tatsächlich entwischt. Carel konnte nicht fassen, dass ihm das passiert war. So ein Fehler! Seit dem ersten Kontakt mit Zascha versuchte er, an ihm dranzubleiben. Er begleitete ihn zum Abkassieren in die Zimmerbordelle, lungerte mit ihm in diversen Cafés und Bars herum, besuchte Vorstellungen von irgendwelchen Schauspielgruppen, ließ sich sogar zu Schulveranstaltungen mitschleppen, bis er an akutem Schlafmangel litt. Und dennoch schaffte es Zascha immer wieder zu entwischen, und niemand wusste, wo er sich aufhielt.

Auch wenn Zascha die Veranstaltungen nutzte, um Mädchen kennenzulernen – je jünger, desto besser –, nahm Carel ihm das Interesse am Theater ab. Irgendwie blieb Zascha undurchschaubar. Auf der einen Seite teilte er die Mädchen in „verführbar“ und „nicht verführbar“ ein. Er bewertete sie als „gute“ und „schlechte“ Ware, und bewies damit seine abgrundtiefe Bösartigkeit. Auf der anderen Seite hatte er einen Sinn für Kultur, kannte die aufgeführten Stücke, die sie sich gemeinsam ansahen, bis ins kleinste Detail. Anspruchsvolle Bühnenfassungen. Theaterstücke, von denen Carel noch nie gehört hatte. Seitdem Carel im Anschluss an das Desaster mit dem Vergewaltigungsvideo Zascha bis zu dessen Wohnung gefolgt war, um sich zähneknirschend zu entschuldigen, hatte sich sein Boss wieder zutraulich gezeigt und redete mit ihm. Nach der Aussöhnung unter Männern, besiegelt mit einem Bier, waren sie stundenlang herumgefahren. In Gotha hatte Zascha sich ziemlich schnell zu langweilen begonnen, und so waren sie nach Weimar gebrettert. Dort kannte Zascha eine Studentengruppe, die Theater spielte. Sie hatten sich deren neuestes Stück angesehen, das Carel nicht verstanden, Zascha aber zu Begeisterungsstürmen hingerissen hatte. Auf der Rückfahrt hatte Carel Zaschas Ausführungen, wie man das Stück noch hätte spielen oder interpretieren können, stumm über sich ergehen lassen. Er hatte kein Wort davon kapiert. Er hatte doch noch nicht einmal das Stück verstanden, wie hätte er da fähig sein sollen, Zaschas wirre Variationen nachzuvollziehen? Als sie schließlich zurück in Erfurt gewesen waren, hatte ihm Zascha einen Botengang aufgedrückt. Carel hatte alles versucht, diesen Auftrag abzulehnen. Er war sogar so weit gegangen, Zascha in ein Gespräch über Schauspielerei zu verwickeln. Dabei hatte ihm die Angst im Nacken gesessen, dass er sich mit seinem übertriebenen Eifer verraten könnte. Doch Zascha hatte seine Einwände vom Tisch gewischt und die Crystallieferung telefonisch angekündigt. Ihm war nichts anderes übrig geblieben, als ihn allein zu lassen, um zu liefern.

Und jetzt war der Vogel ausgeflogen.

Carel stand im Schatten eines Hauseingangs und beobachtete die gegenüberliegenden Fenster, hinter denen er Zaschas Wohnung vermutete. Er tätigte mehrere Anrufe, die ergebnislos blieben. Niemand aus der Szene konnte oder wollte ihm sagen, wo Zascha steckte. Es half nichts, er musste über die aktuelle Situation Meldung machen. Einen Moment lang starrte er auf das Smartphone in seiner Hand und verfluchte sich. Er wollte nicht anrufen und tat es doch. Auf keinen Fall würde er zugeben, dass er einen Fehler gemacht hatte.

Während es auf der anderen Seite klingelte, rang er mit sich, spielte Möglichkeiten durch, überlegte, ob er auflegen sollte. Das Gespräch nicht zu führen bedeutete, nicht zugeben zu müssen, dass ihm Zascha entwischt war. Am liebsten hätte er die Augen davor verschlossen und so getan, als ob nichts passiert wäre. Aber es ließ sich nicht leugnen. Zascha musste ihm auf die Schliche gekommen sein.

Auf der anderen Seite meldete sich eine Stimme. Ungeduldig und kurz angebunden. Carel hasste es, wenn sie kurz angebunden klang. Diese Situation zementierte geradezu sein Gefühl der Unzulänglichkeit.

„Ich habe ihn verloren“, hörte er sich verzweifelt flüstern.

Zu verzweifelt, wie er fand, sodass der anschließende Satz auf seinen Lippen erstarb und er es vorzog, schweigend zuzuhören. Das Gespräch endete mit einem knappen Befehl.

Genervt kehrte Carel zum Auto zurück, einer älteren Studentenkarre mit diversen Aufklebern: „Sponsored By Papa“. Dass er nicht lachte. Den Mercedes hatte er kurzfristig gegen diese „Leihgabe“ eingetauscht.

„Bleib dran! Bleib dran!“, wiederholte er die letzten Worte des Telefonats. Wussten sie überhaupt, dass er seit Tagen nicht mehr richtig geschlafen hatte.

Carel stieg ein und deckte sich mit seiner Jacke zu. Zaschas Haus im Blick. Den Abstecher zu seiner Unterkunft – ein armseliges Zimmer, das ihm Zascha besorgt hatte, nicht ohne Miete für dieses Loch zu kassieren – konnte er vergessen. Dort hätte er zwar mal wieder richtig ausschlafen können, aber der Befehl lautete: auf Zascha zu warten und dann an ihm dran zu bleiben.

Er legte sein Telefon in greifbare Nähe – vielleicht würde dieser elende Mistkerl von unterwegs aus anrufen – und ging verschiedene Möglichkeiten durch: Was hatte Zascha vor? Wo könnte er sein? Hatte er etwas eingeworfen?

Überwältigt von schier unglaublicher Müdigkeit schlief Carel ein, noch ehe er über eine Antwort auf diese Fragen auch nur nachdenken konnte.

„Ach du Scheiße!“

Er war doch tatsächlich eingenickt. Verdammt!

Fluchend starrte Carel auf die Uhr am Armaturenbrett und versuchte abzuschätzen, wie lange er geschlafen hatte.

Sein Blick streifte den Eingang des Hauses, das er eigentlich hätte beobachten müssen. Er reckte den Hals, um zu überprüfen, ob irgendwo auf einer Etage Licht brannte, und rieb sich mit den Händen hart über die Wangen. Hinter den Fenstern war es dunkel. War Zascha in der Zwischenzeit überhaupt zurückgekommen? Und wenn ja, sollte er das überprüfen, indem er die Wohnungen durchklingelte? Würde Zascha ihm überhaupt öffnen oder es vorziehen, die Klingel zu ignorieren?

Carel verwarf seine Idee gleich wieder und überlegte, was zu tun übrig blieb. Wenn nirgendwo Licht brannte, war Zascha vielleicht noch nicht zurückgekommen. Oder er war da gewesen und schon wieder weg? Oh Mann! Das ließe sich dann wirklich nicht mehr erklären, wenn ihm der Kerl in derselben Nacht ein zweites Mal entwischt wäre.

Er kurbelte das Fenster herunter. Die nächtliche Kälte vertrieb die letzten Reste von Müdigkeit. Als er aussteigen wollte, um sich die eingeschlafenen Beine zu vertreten, sah er Zaschas Subaru am Ende der Straße einbiegen. Er konnte sein Glück kaum fassen. Regungslos blieb Carel im Auto und beobachtete, wie Zascha ausstieg und das Haus betrat. Befriedigt sah er, wie im dritten Stock rechts das Licht anging. Es dauerte keine Minute, bis Zascha mit einem Stück weißem Stoff in der Hand zurückkehrte und in den Subaru sprang. Ganz eindeutig hatte er etwas vor.

Mit Aufheulen wurde der Motor gestartet, und Zascha brauste davon. Mit wohldosiertem Abstand, so dass Zascha ihn nicht bemerkte, er ihn aber umgekehrt nicht aus den Augen verlor, folgte Carel ihm in die Krämpfervorstadt. Vor einem leer stehenden Mietshaus, nicht weit vom Güterbahnhof, hielt der Subaru, und das gleiche Spielchen begann von vorn: Carel wartete von Neuem, während Zascha in einem dunklen Hauseingang verschwand. Dieses Mal kehrte er mit einer jungen Frau zurück, die wie eine Puppe in seinen Armen lag. Das dunkle Haar hob sich von ihrem weißen Kleid ab und fiel in glänzenden Kaskaden herab. Carel konnte aus dieser Entfernung nicht einschätzen, ob das Mädchen schlief oder womöglich bewusstlos war. Um das herauszufinden, verließ er den Wagen und schlich zwischen den parkenden Autos näher heran. Dabei hoffte er, dass Zascha ihn nicht entdecken würde. Doch der war mit dem Mädchen beschäftigt, das er umständlich auf den Beifahrersitz setzte.

Ehe Carel jedoch irgendetwas ausmachen konnte, saß Zascha schon wieder hinter dem Lenkrad und rauschte davon.

„So eine Scheißnacht“, presste Carel durch die Zähne hervor und hieb wütend auf das Dach des Fahrzeugs ein, hinter dem er sich vor Zascha versteckt hatte. „Was hat dieses Arschloch denn jetzt schon wieder angestellt?“

Carel stürzte zurück zu seinem Wagen und folgte Zascha. Zwei Querstraßen weiter hatte er ihn eingeholt und fingerte nach seinem Smartphone. Blind tippte er auf dem Display herum und wartete, bis sich am anderen Ende jemand meldete.

„Ich bin dran. Er nimmt die Schnellstraße Richtung Norden. Will vermutlich auf die Autobahn … Mit einem Mädchen … Nein“, stieß Carel atemlos hervor. Er lauschte, wiederholte, gab eine Adresse durch und sagte: „Wenn ich das wüsste. Ich kann jetzt nicht, das musst du tun.“

Er beendete das Gespräch und trat das Gaspedal durch. Der Subaru drehte auf und erst kurz vor dem Abzweig auf die A 71 war er wieder näher an ihm dran. Zascha fuhr, als ob der Teufel hinter ihm her wäre, und wieder hegte Carel die Befürchtung, dass dieser Mistbock etwas ahnte.

Als Carel auf die Ausfahrt Mittelhausen zusteuerte, sah er links die Lichter der Stadt. Er verließ die Autobahn und glaubte, es ginge zurück zur Innenstadt, er wäre wieder einer von Zaschas Launen ausgesetzt, stundenlang herumzufahren, auf der Suche nach dem nächsten Kick. Aber dieses Mal wohl kaum mit einem Mädchen, das bewusstlos war.

Carel vergrößerte den Abstand, um zu vermeiden, erkannt zu werden. Und verlor den Subaru prompt aus den Augen.

„Nicht schon wieder!“, brüllte er völlig genervt.

Die durchgemachten Nächte forderten ihren Tribut, er konnte nicht mehr klar denken. Ihm entglitt die Kontrolle. Mit einem Ruck brachte er den Wagen zum Stehen, riss die Tür auf und sprang raus. Er sah sich um.

Wo verdammt war er nur hin?

Die von der Autobahn zerschnittenen Äcker verloren sich im Dunkel. Die quaderförmigen Gebäude der Gewerbegebiete, angestrahlt durch die Straßenbeleuchtung, hoben sich vom Nachthimmel ab. Was wollte Zascha hier?

Er musste sich zusammenreißen. Er musste nachdenken. Man verließ sich auf ihn. Zascha war seine Aufgabe, und nun war ihm ein weiterer Fehler unterlaufen. Carel presste seine Fingerkuppen gegen die Schläfen, dass es schon schmerzte.

„Was geht in Zascha vor? Versuch es, du Idiot! Was geht in diesem Verrückten vor? Was? Denk nach, Carolus! Denk nach!“

Die Erkenntnis kam so schlagartig, dass er sich vor Übelkeit krümmte.

Das Mädchen hatte nicht geschlafen. Sie war auch nicht bewusstlos. Sie war tot. Und nun würde Zascha versuchen, die Leiche zu beseitigen. Natürlich würde er das. Es war Zascha, um den es ging, und der war zu allem fähig. Der würde die Leiche beseitigen.

Carel stürzte zurück zum Auto. Er war sich sicher. Zascha würde nicht in die Stadt fahren. Nicht mit einem Mädchen, das tot war. Noch nicht einmal Zascha war so irre und fern der Realität. Aber was hatte er mit ihr gemacht? Was hatte das Schwein angestellt?

Irgendwo in dieser Umgebung musste Zascha eine Stelle kennen, wo er eine Leiche entsorgen konnte, ohne entdeckt zu werden. Irgendwo hier am nördlichen Stadtrand. Carel zermarterte sich das Hirn, was Zascha ihm einmal in zugekokstem Zustand, nicht mehr ganz Herr seiner Zunge, zugeraunt hatte. Der beste Platz, um eine Leiche loszuwerden, sei eine Stelle im Norden. Dort kenne er einen Ort, wo sich nur noch herrenlose Hunde verkröchen – und Ratten. Da gebe es nichts, außer Dreck. „Dreck gehört zu Dreck“, hatte Zascha gelallt, und Carel hatte nur gedacht: Was für ein affiges Gequatsche! Doch Zascha hatte nicht aufgehört mit dem Gebrabbel. Der Müll stapele sich bis zur Dachrinne und niemals seien dort Menschen anzutreffen, außer deren Geister. Dabei hatte Zascha gelacht, und Carel hatte es als Fantasie eines durchgeknallten Junkies abgetan.

Jetzt fragte er sich, ob Zascha einen Friedhof gemeint haben könnte, verwarf den Gedanken jedoch. Die Erwähnung von Geistern war wieder mal nur Zaschas Hang zur Theatralik zu verdanken gewesen und der Müll passte nicht ins Bild. Es musste sich um einen anderen Platz handeln.

Carel kannte den Norden Erfurts nicht. Hierher war Zascha nie mit ihm gefahren. Warum auch? Hier gab es nichts außer Feldern und Gewerbe. Intuitiv nahm er die Straße Richtung Westen. Die Gegend wirkte ruhig, fast wie ausgestorben. Auch eine pulsierende Stadt hatte ihre stillen Momente. Wenn er an den Seitenstraßen vorbeirollte, sah er nach links und rechts, in der Hoffnung, den schwarzen Subaru zu entdecken. In der Ferne hörte er die Autobahn. Ein aufgemotzter Trabi zog qualmend an ihm vorbei.