Lindentod - Hans-Jörg Hennecke - ebook

Lindentod ebook

Hans Jörg Hennecke

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Opis

»Warum in die Ferne schweifen ...?« Das fragt sich auch Lindemann und will gerade seinen wohlverdienten Urlaub im unvermutet sonnendurchfluteten heimischen Hannover-Linden antreten. Doch noch bevor er es sich in seinem neugepachteten Garten gemütlich machen kann, taucht auf dem Parkplatz der lauschigen Schrebergartenanlage eine Leiche auf, die plötzlich wieder verschwindet. Dies und die neuerlichen Zeitungsberichte über Giftmüllfunde in der unmittelbaren Umgebung der Kolonie lassen die Vorstadt-Idylle zum Schreckensszenario werden. Gemeinsam mit dem ebenso unberechenbaren wie skurrilen alten Pastor Sauerbier geht Lindemann der Sache auf den Grund.

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Informationen zum Buch

Warum in die Ferne schweifen ...?" Das fragt sich auch Lindemann und will gerade seinen wohlverdienten Urlaub im unvermutet sonnendurchfluteten heimischen Hannover-Linden antreten. Doch noch bevor er es sich in seinem neugepachteten Garten gemütlich machen kann, taucht auf dem Parkplatz der lauschigen Schrebergartenanlage eine Leiche auf, die plötzlich wieder verschwindet. Dies und die neuerlichen Zeitungsberichte über Giftmüllfunde in der unmittelbaren Umgebung der Kolonie lassen die Vorstadt-Idylle zum Schreckensszenario werden. Gemeinsam mit dem ebenso unberechenbaren wie skurrilen alten Pastor Sauerbier geht Lindemann der Sache auf den Grund.

Informationen zur Autorin

Hans-Jörg Hennecke, Jahrgang 1942, lebt in Hannover. Er ist Journalist und schreibt Satiren und Kurzgeschichten für Zeitungen und Zeitschriften. Neben diversen Büchern, in denen der hannoversche Stadtteil Linden im Mittelpunkt steht, hat er Theaterstücke verfaßt und bestreitet regelmäßig gemeinsam mit Kersten Flenter Leseprogramme im Theater am Küchengarten in Hannover. Seine Lindemann-Geschichten erscheinen monatlich im "Lindenspiegel".

Hennecke, Hans-Jörg

Lindentod

Kriminalroman

Impressum

©2010 zu Klampen Verlag · Röse 21 · D-31832 Springe

[email protected] · www.zuklampen.de

Herausgegeben von Susanne Mischke

Titelgestaltung: Angelika Konietzny (www.izwd.de), Hannover

Konvertierung: Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

ISBN 978-3-86674-071-6

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitung durch elektronische Systeme.

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.ddb.de› abrufbar.

1.

Kleingärten sind traditionell Orte des Friedens und der Geruhsamkeit. Wenn hier etwas völlig unpassend ist, dann eine männliche Leiche mit einer hässlichen Wunde in der Schläfe. Lindemann hat sie gesehen, genau wie der pensionierte Pastor Sebastian Sauerbier. Alle anderen haben sie nicht gesehen, obwohl sie unverzüglich zum Ort des Geschehens eilten – und das macht die Sache sehr kompliziert. Aber der Reihe nach.

Lindemann lebt in Linden und verdient sein Brot als Beamter der unteren Laufbahn im Amt für dieses und jenes. Die Amtsbezeichnung ist nicht offiziell, hat sich aber dennoch im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt. Die Hauptschuld daran trägt natürlich Nachbar Stokelfranz.

Wenn die täglichen Pflichten Gongschlag 16.30 Uhr in einem Aktenordner verschwinden, eilt Lindemann in die freie Natur auf eigenem Grund, wenn der auch nur gepachtet ist.

Lindemann hat sich entschieden. Er will fortan sein Lindener Stadtleben durch ein konsequentes »Zurück zur Natur« ergänzen. Leidenschaftliche Kleingärtner wie Nachbar Stokelfranz haben ihn auf den Geschmack gebracht: Bewegung an frischer Luft, nützliche Arbeit in der Natur, ein preisgünstiger Aufenthaltsort für die schönsten Tage des Jahres. Und dann der Bonus: süße Kirschen, die man direkt vom Baum verspeisen kann, köstliche Erdbeeren, die nur noch auf einen Schlag Sahne warten, Gemüse ohne jede Genmanipulation. Nicht zu verachten auch die ungeahnten Möglichkeiten des Grillens von Koteletts und Würstchen – alles flankiert von einem bequemen Liegestuhl mit Sonnenschirm. So, denkt Lindemann, kann man leicht hundert Jahre alt werden. Vorausgesetzt, man gerät nicht in die Schusslinie von Ereignissen, die in ein Schreckensszenario zu münden drohen.

Lindemann liebt in besonderem Maße die Knoblauchpflanze, die er in seinem Garten von Beginn an anbaut und von der er täglich und in jeder Speise mindestens eine Zehe verzehrt. Das konnte einsam machen, aber gesund war es auf jeden Fall. Eine leichte Knoblauchfahne verriet ohne Anstrengung Lindemanns Anwesenheit, auch wenn er eine halbe Stunde zuvor gegangen war.

Ansonsten sorgte er für das Alter in bescheidenem Umfang vor. Manche eingesparte Mark hatte er nicht an die Lotto-Gesellschaft durchgereicht, sondern sich Zug um Zug einige Aktien gekauft. Nicht die Papiere, die heftig empfohlen wurden, sondern solide heimische Anteilscheine der Baugesellschaft Steinhaus, die Lindemann besonders zukunftsträchtig erschien. Als die Mark dann Euro hieß, machte er eifrig weiter Umsätze bei seiner Bank. Jährlich bekam Lindemann seither eine Einladung zur Hauptversammlung der Steinhaus AG. Er fühlte sich dadurch geehrt, obwohl er auf eine persönliche Teilnahme verzichtete und seiner Bank das Stimmrecht übertrug. Ganz persönlich wollte er sich lieber mit einem Garten beschäftigen.

Einen Kleingarten am Lindener Berg zu bekommen, ist nicht allzu schwierig. Dort waltet der Kleingärtnerverein Linden e. V. über die fruchtbare Scholle. Da muss man Mitglied werden, denn nur Mitglieder bekommen einen Garten. Lindemann ist nun also eingetragener »Gartenfreund« und wird in formalen Anschreiben mit »Gut Grün« gegrüßt. Als Ablöse waren erst einmal dreitausend Euro fällig. Dafür hat er nun eine Laube, mehrere Bäume, zahlreiche Sträucher und Hunderte von Blumen. Der Garten ist dreihundertachtzig Quadratmeter groß und die kosten pro Stück gerade mal zweiundvierzig Cent Pacht im Jahr. Das nennt Lindemann preisgünstig.

Als gewissenhafter Mensch hat er realisiert, dass im Kleingartenwesen alles nach festen Spielregeln abläuft. Die oberste Spielregel gibt das Bundeskleingartengesetz vor, kurz BKleingG genannt. Lindemann fand ein Exemplar des wichtigen Gesetzes in der Stadtbücherei.

»Ein Kleingarten ist ein Garten, der dem Kleingärtner zur nichterwerbsmäßigen gärtnerischen Nutzung, insbesondere zur Gewinnung von Gartenbauerzeugnissen für den Eigenbedarf, und zur Erholung dient«, lernte Lindemann schon im Paragrafen eins. »Ein Kleingarten soll nicht größer als vierhundert Quadratmeter sein. Die Belange des Umweltschutzes, des Naturschutzes und der Landschaftspflege sollen bei der Nutzung und Bewirtschaftung des Kleingartens berücksichtigt werden.«

Lindemann setzte sich aufrechter in den Sessel und dachte an seine zukünftige Verantwortung für das ökologische Gleichgewicht der nördlichen Hemisphäre.

Dann las er: »Im Kleingarten ist eine Laube in einfacher Ausführung mit höchstens vierundzwanzig Quadratmetern Grundfläche zulässig. Sie darf nach ihrer Beschaffenheit, insbesondere nach ihrer Ausstattung und Einrichtung, nicht zum dauernden Wohnen geeignet sein.«

Diese Bestimmung schien Lindemann sehr allgemein und abhängig von den wohnkulturellen Vorstellungen des möglicherweise kontrollierenden Kolonievorstands. Durfte da ein Kühlschrank sein, um das Bier auf klassische Trinktemperatur zu drosseln? Eine Kochplatte für den kleinen Hunger zwischendurch? Eine Couch für den Mittagsschlaf? Ein Radio für den persönlichen Anschluss an die Kommunikationsgesellschaft? Gab es beschränkende Anforderungen an die Beschaffenheit von Biergläsern und Kaffeetassen? Könnte das Trinken aus einem handbemalten Seidel mit Zinndeckel auf die Neigung zu dauerhaftem Wohnen schließen? Fragen eines lesenden Kleingärtners in der Probezeit. Antworten des amtierenden Kolonievorstandes kamen im Paket. Da gebe es noch eine Satzung mit Kleingartenordnung, die müsse Lindemann unterschreiben. Fünfzehn Stunden Gemeinschaftsarbeit in der Kolonie seien pro Jahr zu leisten. Zwischen 13 und 15 Uhr sowie ab 19 Uhr und am Wochenende sei Ruhe zu bewahren, was sich auf Motorenlärm und Radiowellen beziehe. Unkraut müsse gejätet und die Drittelregelung geheiligt werden. Die besage, den Garten zu je einem Drittel mit Bäumen und Sträuchern, Gemüse und anderen Früchten sowie Rasen zu bestücken. Jedenfalls ungefähr, man sei da nicht so kleinlich. Tierhaltung im Garten komme jedenfalls nicht infrage, äußerstenfalls seien einige Bienenvölker als Haustiere zu verkraften.

Über Mord und Totschlag stand in dem Gesetzeswerk nichts.

Lindemann fuhr gerade in den ersten Monaten vollen Einsatz, um die gesetzlich und vorstandlich gegebenen Klippen zu umschiffen. Der Vorstand war selten zu sehen, schaute nicht nach dem Bestand an Biergläsern und Kühlaggregaten, was Lindemann als vertrauensvolle Zustimmung zu seinem agrarischen Werk verbuchte. Und Tiere gab es ohne jegliche Haltung vonseiten Lindemanns: in den Bäumen Eichhörnchen und Vögel, eine Igelfamilie schien im Komposthaufen zu wohnen, war aber nur nachtaktiv, also dann, wenn Lindemann nicht mehr auf seinen dreihundertachtzig Quadratmetern wirkte. Und Nacktschnecken sah Lindemann, die sich mit atemberaubender Langsamkeit durch den Garten bewegten. »Da müssen Sie Bierfallen aufstellen, das zieht die Schnecken an. Die saufen und sterben daran«, empfahl ein Nachbar. Lindemann sah gar nicht ein, warum er irgendein Lebewesen per Suff in den Tod treiben sollte. Außerdem hielt er diese Art Umgang mit Bier für Alkoholmissbrauch.

Das ging gut, bis eines Tages Erdbeeren und Radieschen gleichzeitig rot und reif des Kleingärtners Herz erfreuten. Als Lindemann voller Freude die Früchte seiner Arbeit erntete, entdeckte er an denselben herausgeschabte Rillen. »Das waren die Schnecken«, bemerkte der Nachbar vorwurfsvoll, denn Lindemanns Tatenlosigkeit in dieser Frage war ihm nicht entgangen. Die langsamen Tiere waren also doch schneller als Lindemann, wenn es um die Ernte ging. Und dann sah er sie. Nicht zehn, nicht fünfzig – es waren Hunderte, die über Lindemanns gepachtete Quadratmeter robbten. Missbrauch gegen Missbrauch, beschloss Lindemann und stellte alle drei Meter eine flache Schale mit Bier auf. Eine gleiche Menge Bier verleibte er sich selber ein, was eine stark beruhigende Wirkung angesichts des frevelhaften Tuns der Schnecken zeitigte. Der Erfolg stellte sich ein. Nach drei Stunden zählte Lindemann über dreißig im Bier treibende Schnecken. Eingedenk der vorhandenen Gesamtpopulation rechnete er aus, dass wohl einige Kisten Gerstengebräu nötig wären, um mit dem kriechenden Spuk aufzuräumen. Lindemann beschloss, das Bier lieber selber zu trinken. Das würde die Schnecken nicht beseitigen, aber deren Wirken machte ihm dann oberhalb von zwei Promille kaum noch etwas aus. Gedacht, getan. Lindemanns vorletzter Gedanke war seinem Kolonievorstand gewidmet. Hatte seine lässige Haltung möglicherweise etwas mit unerlaubter Tierhaltung im Garten zu tun?

2.

Das ist nun schon einige Zeit her, aber Lindemanns Leidenschaft für die grüne Freizeit hat nicht nachgelassen. Wer seinen Garten liebt, der gibt selbst dem Wildkraut eine Chance. So ungefähr lässt sich Lindemanns Glaubensbekenntnis als Kleingärtner zusammenfassen. Nie käme er auf die Idee, Wildkraut als Unkraut zu diffamieren. Manche dieser Kräuter stehen durch übertriebenen Einsatz EU-subventionierter Landwirte und bornierter Kleingärtner der alten Schule ohnehin vor dem endgültigen Aus. Nur der Eintrag in die »Rote Liste« sichert ihr vorläufiges Überleben.

Lindemanns Grasfläche hat mit einem herkömmlichen Rasen wenig gemein: Gänseblümchen sind Tupfer natürlicher Lebensfreude. Sogar Löwenzahn entfaltet seine gelbe Pracht, wandelt seine Form zur Pusteblume und lässt Tausende winziger Nachkommen in die Nachbarschaft tragen. Lindemann schaut mit einiger Zufriedenheit auf die selbsttätige Natur. Kaninchen werden es ihm danken, vermutet er, sollen sie doch wahre Genießer der unverwüstlich leuchtend gelben Pflanze sein. – Eine Idylle, aber zerbrechlich wie geschliffenes Glas. Doch das wusste Lindemann zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

In Kleingartenanlagen zieht das Leben friedlich seine Bahn, die Sonne scheint selten, dann aber doch über Gerechte und Ungerechte. Auch Hausnachbar Stokelfranz liebt das Gartenleben, hegt nicht sonderlich emsig seine Parzelle in der gleichen Kolonie, in der auch Lindemann eingeschrieben ist. Man grüßt sich bei unvermeidlichen Begegnungen, man geht sich aus dem Wege, wenn es die Anzahl der Wege erlaubt. Stokelfranz ist arbeitslos und schlägt sich mühsam mit Hartz IV durchs Leben, da kommt ihm der Garten schon zupass.

In diesem Jahr ziert eine modische Neuerung fast jeden Garten: Hochbeete sind angelegt. Sie bergen gleich zwei Trümpfe. Zum einen kann man in ihnen eine Menge Kompost verschwinden lassen, zum anderen garantieren sie eine reiche Ernte von Gemüse und anderen Früchten. Das sagen jedenfalls die alten Hasen unter den Kleingärtnern, und deren gibt es viele. Allerdings gehört Lindemann nicht dazu. Wollen würde er schon, aber sich trauen hat er bisher nicht gewagt. Ganz anders Nachbar Stokelfranz. Wenn er bei Einbruch der Dunkelheit mit seinesgleichen in trauter Runde Bier vertilgt, sind seine Reden die des Meisters aller Gewächse, von denen man einige kaum dem Namen nach kennt. Über Anbaumethoden und Grabetechniken weiß er zu berichten, dass jeder Hörer merkt: Der Mann trägt es faustdick mit sich in der Hosentasche rum.

3.

An Sonntagen versinkt die Kleingartenkolonie in erholsame Ruhe. Kein schlechtes Gewissen wird bemüht, wenn Ruhe und Erholung zu Gärtners erster Pflicht mutieren. Dieser Sonntag, es ist der 24. Mai, macht da keine Ausnahme. Die Sonne strengt sich an, ein mäßiger Wind bremst möglichen Übermut und sorgt für Frische, die nicht allgemein begrüßt wird. In den Gärten wehen Wetterfahnen, viele tragen das Symbol der Fußballer von Hannover 96, ein Einsamerer feiert gar die schwarz-gelbe Borussia aus Dortmund.

Lindemann hat eine Hängematte zwischen zwei Apfelbäume geknüpft, um heute der einfachen Gemütlichkeit zu frönen. Eine Stunde Pause, dann wird seine neue Freundin Monika erscheinen, mit Kuchen, zu dem er – Lindemann – den Kaffee servieren soll. Kaffee geht schnell, denkt der Mann und lässt sich buchstäblich hängen. In der geflochtenen Matte liegt er dann wie hineingeschüttet, kann sich nicht mehr rekeln, bestenfalls schaukeln. Aber das ist für seine Altersgruppe längst kein Hochgenuss mehr. Und Kinder sind nicht im Lindemann’schen Umfeld. Er ist nicht scharf auf Nachwuchs, weiß er doch durch Anschauung aus sicherer Entfernung, dass sie erst laut und klebrig sind – und schließlich bekommen sie womöglich keine Lehrstelle.

Mühsam lässt er sich aus der Matte rollen und beschließt, Entspannung in einem Liegestuhl zu genießen. So lange, bis der Kaffee gekocht werden muss, um Monika wunschgemäß zu begrüßen. Der leinenbespannte Stuhl erweist sich der menschlichen Körperform dann auch zuträglicher als die Hängematte. Nach wenigen Minuten ist Lindemann sanft entschlummert, nur einige Amseln und eine Meise staunen über das pfeifende Geräusch aus seinem Rachen.

Ein schriller Ton weckt Lindemann und er überlegt, ob der noch zu seinem wirren Traum oder doch schon zur Wirklichkeit gehört. Die Gartenpforte quietscht vernehmlich, also ist Monika da und Lindemann wird hektisch, hat er doch die selbst auferlegte Pflicht des Kaffeekochens schlicht verschlafen.

»Hallo, Lindemann.« Eine unangenehme männliche Stimme verrät, dass es noch längst nicht Zeit für Monikas Auftritt ist. Dafür steht Stokelfranz auf halbem Wege zwischen Gartenpforte und Laube. »Können Sie mir für heute Abend ein Verlängerungskabel leihen? Meins ist durchgeschmort.«

Natürlich kann Lindemann. Wenn es mehr nicht ist, um den Nachbarn zu beglücken. Er gibt dem Mann das Kabel, der sich bedankt und schnell seiner Wege geht. Lindemann schaut auf die Uhr. Es ist exakt 15.30 Uhr, also noch dreißig Minuten bis Monika eintrifft. Er füllt die Kaffeemaschine mit Wasser und filterfeinem braunen Pulver, legt den Schalter um und weiß, dass seine Arbeit wesentlich getan ist.

Wieder geht die Gartenpforte und es ist immer noch zu früh für Monika. Der Kolonievorsteher nimmt den Weg zur Laube, lacht aufmunternd und schüttelt Lindemann die Hand. Golke ist ein erfahrener Gartenpraktiker, vielleicht trägt er deshalb auch am Sonntag die Gartenarbeitshose.

»Meister Lindemann«, grüßt er überschwänglich. Für Lindemann das untrügliche Zeichen, dass der Kolonievorsteher Arbeit zu verteilen gedenkt.

»Deine Tomaten hast du schon gesetzt? Sehr schön. Und die Blumen. Es ist eine wahre Pracht. Und du duftest so herrlich nach Knoblauch.« Es ist die übliche Vorrede, der ungemütliche Teil folgt im Anschluss.

»Am Sonnabend ist Gartenfest, du weißt ja Bescheid. Wir brauchen zwischen 19 und 22 Uhr noch einen Bierzapfer. Ich dachte, das ist der maßgeschneiderte Job für dich. Wir rechnen ganz fest mit dir. Du weißt ja, da ist nicht jeder brauchbar. Wenn ich Stokelfranz anheuere, trinkt der mit jedem Kunden einen Humpen. Das kann unsere schmale Kasse nicht vertragen. Also, 19 Uhr, du löst Holbrich ab. Montag wollen wir im Vereinsheim noch mal alles durchsprechen. Organisation und so, du verstehst. Wäre schön, wenn du mal auf eine halbe Stunde vorbeikämst. Also, schönen Sonntag noch.«

Lindemann, der Pflichterfüllung als Beamter lebt, sieht sich schon die Gläser mit schäumendem Pils befüllen. Es gibt Schlimmeres im Leben, denkt er.

Dann kommt Monika, ein Bild von einer Frau. Noch ist die Beziehung so frisch, dass aus Monikas blauer Jeans und ihrem roten Pullover in Lindemanns Augen eine Galarobe wird. Die langen blonden Haare sind allein schon zum Verlieben, denkt er. Monika ist knapp vierzig, eine durch und durch sportliche Erscheinung. Lehrerin an der Grundschule Linden-Mitte. Und – für Lindemann der absolute Glücksfall: Knoblauchfan aus Überzeugung!

»Weißt du, dass du den schönsten Garten in der ganzen Kolonie hast? Die Randlage ist einfach super. Und man ist so schön durch Sträucher und Bäume abgeschirmt. Ist doch schlimm, wenn einem der Nachbar in die Kaffeetasse gucken kann«, schwärmt die Frau.

»Kaffeetasse« ist Lindemanns Stichwort und so nimmt der Sonntagnachmittag seinen erwünschten Lauf. Monika und Lindemann können nicht ahnen, dass schweres Unheil schon bald ihre Idylle in ein fahles Abseits zu verwandeln droht.

4.

Der alte Pastor Sauerbier vermisst die weihevollen Predigten, Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten und Beerdigungen, die seinem Amt Würde und Ansehen verleihen. Vor zwei Jahren, er war gerade mal fünfundsechzig geworden, wurde er in Ehren verabschiedet. Er hätte nicht unbedingt gewollt, aber jüngere Amtskollegen suchten drängend eine Chance auf dem enger werdenden kirchlichen Arbeitsmarkt. Die Gesetze von Angebot und Nachfrage hatten auch bei Glauben und Gottesdienst heftige Lücken geschlagen. Beliebt bei Amtsbrüdern blieb er nur noch als Urlaubsvertretung und an höchsten Feiertagen, die Jüngere auch gern zum Feiern nutzten. Dabei waren seine Predigten höchst eigenwillig. Eine wurde gar in der Zeitung abgedruckt, die Redakteure hielten Sauerbiers Worte wohl für Realsatire:

»Früher gingen die Leute zu Fuß. Da galt schon als welterfahren, wer fünfzig Meilen vom eigenen Dorf entfernt auf andere Menschen traf. Von Linden aus kam man höchstens mal nach Bornum, ganz Verwegene auch nach Ihme-Roloven. Später fuhren Menschen mit Pferdekutsche oder Ochsenkarren, je nach Steuerklasse. Schweine und arme Schweine – letztere waren damals fünfundneunzig Prozent der Bevölkerung – gingen weiterhin zu Fuß.

Schließlich wurde das Auto erfunden, allerdings nur für Reiche. Die fuhren fortan mit ihrem Rolls-Royce oder Daimler direkten Wegs in das höllische Fegefeuer. Denn, wie sagte Jesus seinen Jüngern?

›Wahrlich, ich sage euch: Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen. Und weiter sage ich euch: Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.‹

Das macht das Kamel in einigen Weltgegenden immer noch zum bevorzugten Transportmittel.

In anderen Gegenden hat sich der Volkswagen durchgesetzt und auch Minderreiche motorisiert. Aber wie das immer so ist, wenn selbst der kleine Mann mal am Nektar schnuppern darf: Ja, dann wird er für unanständig erklärt oder gleich ganz verboten: Auto fahren vernichte die Umwelt, produziere Tsunamiwellen und lasse den Ätna explodieren. Ist das so? Es könnte zumindest so sein. Also hat sich die uralte Straßenbahn durchgesetzt, die nach Pferdebahnen mit ihrer ›Elektrischen‹ einen Siegeszug durch Lindener Straßen antrat und als Allheilmittel gegen Geldknappheit und Weltuntergang galt. Aber das ist auch vorbei. Jährlichwerden die Fahrpreise erhöht und die Kunden mangels nötiger Hochbahnsteige schlecht behandelt.

Also Leute, geht wieder zu Fuß. Welterfahrung gibt es heute reichlich im Fernsehen. Dafür danken wir Gott nun durch das gemeinsame Gebet ›Vater unser, der du bist im Himmel‹.«

Da der Altpastor auch ohne Zölibat – er ist evangelisch – ehelos lebte, konnte er nicht einmal einem treuen Weib daheim auf den Senkel gehen. So suchte er überall die Öffentlichkeit, oft auch in Lindemanns Gartenkolonie. Wenn er es nicht hörte, nannte man ihn »Hochwürden« und hatte immer einige Bierchen und Schnäpschen für den Gottesmann übrig. Überall war er ein gern gesehener angenehmer Gast. Er galt auch als anerkannte moralische Instanz. Schon sein Erscheinen trug in manchem Kreis zu einem gehobeneren Umgangston bei.

An diesem Sonntag jedoch war alles anders. Lindemann hörte den Pastor auf dem Gartenweg schreien. Das erschreckte Lindemann. Er rannte zur Gartenpforte und traf dort auf einen verstörten Sauerbier, der mit irrem Blick zum Parkplatz schaute, wild gestikulierte und – Lindemann stutzte angesichts der frühen Tageszeit – deutlich nach Alkohol roch.

»Kommen Sie, Lindemann, auf dem Parkplatz liegt ein Toter. Kommen Sie doch schnell.« Sauerbier schrie hektisch, als könne ihm der Tote noch vor dem kirchlichen Segen ins Nirwana entschwinden. Sauerbier rannte, Lindemann folgte dichtauf mit ungutem Gefühl. Der Parkplatz war voll besetzt und dennoch menschenleer, die Autobesitzer weilten alle in ihren Gärten, dösten wohl in Hängematten und Liegestühlen.

Hinter einem VW-Transporter blieb Sauerbier wie angewurzelt stehen, sah schweigend auf die liegende Gestalt eines Mannes, dem die rechte Wange durch eine tiefe blutende Wunde gezeichnet war. Der Mann schien sich an das rechte Hinterrad des Transporters zu klammern. Er war wohl Mitte vierzig, hatte aber bereits schütteres Haar. Der Anzug war von jener Sorte, die man schon mal für fünfzig Euro bei C&A bekam. Dazu trug er ein blaues Hemd und eine unmoderne bunte Krawatte. Die schwarzen Halbschuhe waren deutlich verschmutzt.

»Kennen Sie den Mann?«, wollte Sauerbier wissen.

»Nie gesehen«, entgegnete Lindemann.

»Wir müssen die Polizei rufen. Haben Sie Telefon?«

»Mein Handy liegt im Garten, kommen Sie.«

Im Sturmschritt eilten die beiden durch die ruhende Kolonie, die von der ganzen Aufregung bisher nichts mitbekommen hatte.

Im Garten brauchte der Pastor erst mal einen Schnaps. »Ein Bier gegen den Durst wäre auch nicht schlecht.« Monika servierte und bekam von Sauerbier eine erste Schilderung des Dramas. Lindemann alarmierte über 110 die Polizei. Die kündigte ihr unverzügliches Erscheinen an und befahl im Kommandoton, den Einsatzwagen auf dem Parkplatz zu erwarten.

Sauerbier schüttete das Bier wie Löschwasser in sich hinein und rannte schon wieder, Lindemann am Arm mitziehend, zum Parkplatzeingang. Monika hetzte hinterher, informierte unterwegs aufmerksam gewordene Gartennachbarn, die sich samt und sonders dem eilenden Trio anschlossen. Als die Polizei nach wenigen Minuten erschien, standen um die zwanzig Kleingärtner zwischen parkenden Fahrzeugen und Sauerbier hatte Mühe, den Uniformierten einen Weg zum VW-Transporter zu bahnen. Er redete unentwegt, berichtete zusammenhanglos von einem Drama, dessen zentraler Ereignisort sich am hinteren rechten Rad eines ganz bestimmten VW-Transporters befand. Der Pastor drängte Neugierige beiseite und überhörte die bohrende Frage: »Wo ist denn hier ein Toter?«

Hinter dem Transporter winkte er die Polizisten heran und zeigte mit dramatischer Geste nach unten, direkt neben den Reifen. »Hier«, hauchte er kraftlos nach allen Anstrengungen der letzten Minuten.

»Was ist hier?« Die Frage des ersten Polizisten verwirrte Sauerbier, während ihn der zweite feindselig musterte. »Ich sehe nichts.« Und schließlich musste auch Sauerbier zugeben, dass er nichts sah. Jedenfalls war hier keine Leiche abgelegt, der Parkplatz diente in aller Langeweile ausschließlich seinem eigentlichen Zweck.

»Gott ist mein Zeuge. Und Herr Lindemann auch.« Der Gottesmann hob die Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger heftig gen Himmel und die Schnapsfahne des Predigers hatte spätestens jetzt auch die beiden Polizisten erreicht.

Lindemann schüttelte erregt den Kopf. Er konnte nicht begreifen, was er sah oder besser nicht sah. Der tote Mann war verschwunden, nicht einmal geringe Spuren erinnerten an seine missliche Lage.

Die Polizisten fragten nach abfahrenden oder ankommenden Fahrzeugen auf dem Parkplatz, doch niemand wollte etwas gehört oder gesehen haben. Gruber, dessen Garten direkt neben dem Parkplatz liegt, schwor Stein und Bein, dass sich da seit mindestens einer Stunde nichts bewegt hatte.

»Hier ist für uns nichts zu tun. Und Sie, Herr Sauerbier, kommen morgen um 9 Uhr bitte zu uns aufs Revier, ein Protokoll aufnehmen. Wenn es irgend möglich ist, bitte nüchtern.«

Sauerbier winkte unwillig ab. Aus langjähriger Erfahrung wusste er, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gab, von denen selbst die Polizei keine Ahnung hatte.

5.

Montag, der peinliche Montag. Der peinlichste Montag, den sich Lindemann denken kann. Organisationsabsprache für das Koloniefest im Vereinsheim. Wenn es das nur wäre. Er wird Monika mitnehmen, das könnte die unvermeidlichen Hiebe dämpfen. Lindemann der Spinner, werden alle sagen. Der denkt sich eine blutige Leiche aus, um wichtigzutun. Dabei hat es Lindemann nicht nötig, wichtigzutun. Lindemann ist Beamter und als solcher eine wichtige Person im öffentlichen Leben. Ohne den ganzen staatlichen Apparat würde im Lande überhaupt nichts laufen, davon ist er fest überzeugt. Trotzdem, das schützt nicht vor unverdienter Häme, das wusste er. Und Hochwürden Sauerbier wird auch keine Entlastung sein, der zählte für die meisten Laubenpieper zur Folklore.

Dabei lag die Leiche auf dem Parkplatz. Lindemann war Jahrzehnte von Alzheimer oder Altersdemenz entfernt, da konnte er ganz sicher sein.

Der Arbeitstag im Amt wurde lang und länger. Aber irgendwann, nach gefühlten fünfzig Stunden, schlug die unbestechliche Wanduhr halb fünf. Er musste Sauerbier anrufen. Er musste ihn fragen, was bei der Polizei herausgekommen war.

Sauerbier meldete sich nicht. Ein Handy besaß er auch nicht, er lehnte es einfach ab. Die Gartenpieper feixten seit langem, Hochwürden hielte ein Handy für Teufelswerk. Doch Lindemann glaubte der Erklärung des Alten, dass er nicht immer und überall für jeden Dummdödel erreichbar sein müsse.

Monika rief an. Ja, sie würde kommen. Eine wild gewordene Meute Kleingärtner könne sie nicht schrecken, da habe sie in ihrem Leben schon ganz andere Sachen erlebt und Lindemann solle sich mal keine Sorgen machen.

Schließlich war es soweit. Lindemann umklammerte Monika wie einen Rettungsanker und begab sich mit ihr auf den schweren Weg zum Vereinsheim, das genau am anderen Ende der Gartenkolonie lag. Ein Spießrutenlauf vorbei an allen Gärten. Lindemann schaute betreten auf den Weg und so bemerkte nur Monika, dass sich in den Gärten nichts rührte. Entweder war der Montag kein Tag für gestandene Kleingärtner, oder alle warteten bereits hämisch im Vereinsheim auf den Auftritt des »Leichenbeschauers« Lindemann. Der gab sich einen Ruck und öffnete die Tür. Leise Radiomusik kam aus dem hinteren Teil des Raumes. Hinter der Theke stand Kolonievorsteher Dieter Golke, in der rechten Hand eine Zigarette, die linke am Zapfhahn. Vor ihm saßen Werner Holbrich mit Ehefrau Marga, Beate Sielig und Rolf Gruber, alles bekannte Gesichter aus der Kolonie. Bier- und Cola-Gläser standen auf der Theke und zwei Aschenbecher qualmten, denn »dies ist keine öffentliche Kneipe«, wie die Raucher angesichts der Gesetzeslage immer wieder ungefragt verkündeten. Ansonsten war das Vereinsheim leer. Auf den Tischen waren Stühle gestapelt und nur über der Theke brannte das Licht der Bierreklame.