Limbus - The Last Humans - Dima Zales - ebook

Limbus - The Last Humans ebook

Dima Zales

0,0

Opis

"Das zweite Buch der Trilogie Die letzten Menschen eines New York Times Bestsellerautoren ist endlich erschienen. Gestern habe ich alle Geheimnisse von Oasis erfahren – das dachte ich zumindest. Als eine neue Gefahr droht, verwandelt sich die Feier der Tag der Geburten in einen Alptraum, aus dem es dieses Mal vielleicht kein Entrinnen gibt. In Oasis ist nichts so, wie es zu sein scheint." In die 2. Ebene gelangen zu können, macht mich unglaublich mächtig. Jetzt stecken alle, die mir wichtig sind, in Schwierigkeiten, aber ich kann die 2. Ebene nicht mehr erreichen. Die Ältesten können es, aber werden sie es mir beibringen? Und falls ja, welchen Preis werde ich dafür zahlen müssen? Letztendlich werde ich eine Entscheidung treffen müssen. Wie viel bin ich bereit für diejenigen zu opfern, die ich liebe?

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 373

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Limbus - The Last Humans

Die letzten Menschen: Buch 2

Dima Zales

Aus dem Amerikanischen von Grit Schellenberg

♠ Mozaika Publications ♠

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Auszug aus Die Gedankenleser - The Thought Readers

Auszug aus Der Zaubercode von Dima Zales

Auszug aus Gefährliche Begegnungen von Anna Zaires

Über den Autor

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Geschäftseinrichtungen, Ereignissen oder Schauplätzen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

Copyright © 2016 Dima Zales

www.dimazales.com/series/deutsch/

Alle Rechte vorbehalten

Kein Teil dieses Buches darf reproduziert, gescannt oder in gedruckter oder elektronischer Form ohne vorherige Erlaubnis verbreitet werden. Ausnahme ist die Benutzung von Auszügen in einer Buchbesprechung.

Veröffentlicht von Mozaika Publications, einer Druckmarke von Mozaika LLC.

www.mozaikallc.com

Lektorat: Fehler-Haft.de

Cover: Najla Qamber Designs

www.najlaqamberdesigns.com

e-ISBN: 978-1-63142-193-8

Print ISBN: 978-1-63142-194-5

1

Ich gehe durch die Wüste, und die Sonne brennt auf meiner Haut. In einiger Entfernung sehe ich etwas blau schimmern. Ist es eine Fata Morgana? Ich renne darauf zu, und aus dem Schimmern wird schnell ein endloser blauer Ozean.

Ich bin begeistert. Ich hatte schon immer das Meer sehen wollen.

Plötzlich erscheint vor mir eine Gestalt mit kurzen, verwuschelten Haaren, die einen Bikini trägt und sagt: »Ich war mir nicht sicher, ob es funktionieren würde, aber ich wollte es wenigstens versuchen. Du träumst gerade, aber du musst aufwachen.«

Sobald ich meine Überraschung über ihre Erscheinung überwunden habe, verstehe ich, dass sie recht hat. Irgendwie hatte ich bereits vermutet, dass es nur ein Traum war. Schließlich gibt es um mich herum weder Kuppeln noch Barrieren, und tief in meinem Innersten weiß ich, dass Ozeane und Wüsten in Oasis nicht existieren.

Diese Erkenntnis lässt mich umgehend hochschrecken.

Die Lichter im Zimmer sind so sehr gedimmt, dass sie kaum Helligkeit abgeben. Es ist also noch nicht Morgen.

»Es tut mir leid, dass ich in deinen Traum eingedrungen bin«, meint Phoe. »Ich weiß, dass es noch früh ist, aber wir müssen über etwas Wichtiges reden.«

Ich reibe meine Augen, während ich versuche, vollständig aufzuwachen.

Phoe steht neben meinem Bett. Ihr normalerweise fröhliches Gesicht ist mit Sorgenfalten übersät. Ich habe keine Ahnung, ob sie die ganze Nacht dort gestanden hat. Genau genommen steht sie auch gar nicht da. Ich kann sie sehen, weil sie das Interface für die erweiterte Realität steuern kann. Die echte Phoe – die künstliche Intelligenz, die das Raumschiff ist – ist überall.

Während ich aufwache, spielen sich in meinem Kopf die Dinge ab, die ich gestern erlebt habe: Die Stille, mit der ich bestraft wurde, weil ich zu viele Fragen gestellt hatte, als das kontrollierte Vergessen von Mark bereits eingeleitet worden war, die Flucht aus dem Hexengefängnis mit Phoes Hilfe, das Abschalten des Zoos, das darauffolgende IRES-Spiel – wie ich durch den Wald rannte, auf einer Scheibe flog, schließlich gefangen genommen und beinahe getötet wurde – und das zweite und letzte Spiel gegen IRES. Viel wichtiger sind meine Erinnerungen an die welterschütternden Enthüllungen, die danach folgten, und der Gedanke daran setzt eine Flut von Fragen in meinem Kopf frei, an die ich gestern nicht gedacht hatte. Zum Beispiel: Wenn wir auf einem Raumschiff sind, wohin fliegen wir? Wann werden wir dort ankommen? Warum –

»Ich war gerade damit beschäftigt, die Antworten auf genau diese Fragen zu finden. Eine meiner Prioritäten liegt darin, unsere genaue Position im Kosmos herauszubekommen – natürlich erst, wenn ich unser Überleben gesichert habe.« Phoe schaut misstrauisch zur Tür, bevor sie wieder mich anblickt. »Leider habe ich noch nicht genügend Rechenleistung, um überprüfen zu können, wo wir uns befinden. Allerdings habe ich herausgefunden, wie wir diese Ressourcen bekommen können. Das Problem ist, dass, wie ich bereits gesagt habe, unser Überleben an erster Stelle steht, und es gibt da etwas, was ich dir zeigen möchte.«

Ihr Tonfall führt zu einem Adrenalinanstieg in meinem Körper, der auch die letzten Reste meiner Müdigkeit verfliegen lässt. Ich lasse automatisch die morgendliche Zahnreinigung durchführen, während ich mit meinen Füßen in meine Schuhe schlüpfe und meine Hand nach einem Essensriegel ausstrecke. Ein kleiner Beistelltisch mit einem Glas Wasser ist bereits erschienen. Das muss Phoe veranlasst haben.

»Habe ich Zeit, etwas zu essen und zu trinken?«, frage ich in Gedanken.

»Ja«, erwidert sie. »Die Gefahr ist nicht akut. Es ist einfach etwas, was du am besten so schnell wie möglich sehen solltest.«

Ich lasse den Bildschirm erscheinen, um zu sehen, wie spät es ist – 5.45 Uhr. Ich hätte noch mindestens zwei Stunden schlafen können. Ich stopfe mir den halben Essensriegel in den Mund und kaue ihn hastig, während ich gleichzeitig etwas von unnötigem Schlafentzug vor mich hin murmele.

»Wir hatten Glück«, sagt Phoe, die erneut einen Blick zur Tür wirft. »Sie haben ihr Treffen in der virtuellen Realität abgehalten – in meinem Herrschaftsbereich.«

»Wer sind ›sie‹?«, frage ich in Gedanken und nehme einen Schluck Wasser. »Und was für ein Treffen?«

»Schau es dir am besten mit eigenen Augen an.« Sie beißt sich auf ihre Lippe. »Ich habe kein Vertrauen in Sprache, wenn es um solche Dinge geht. Sie ist eine notorisch ungenaue Form der Kommunikation. Außerdem muss ich wissen, ob deine Einschätzung sich mit meiner deckt.«

»In Ordnung.« Ich schlucke den Rest des Riegels trocken hinunter und kippe Wasser nach, während ich versuche, nicht auf ihre Lippen zu starren. »Fertig.«

»Deine Höhle«, sagt Phoe kurz. Mit ernstem Gesicht führt sie die Geste der beiden nach oben gestreckten Mittelfinger aus, die sie erfunden hat, damit ich in die virtuelle Welt gelangen kann – als ob ich diese Geste jemals vergessen würde.

Ich muss innerlich lachen, als ich daran denke, was Liam sagen würde, wenn er aufwachen und mich dabei sehen würde, wie ich sie ausführe. Wahrscheinlich würde er denken, dass ich ihm meine Mittelfinger zeige.

»Jetzt, Theo.« Phoes Stimme ist ein angespanntes Flüstern.

Phoes Körper steht nicht länger vor mir, also richte ich meine Mittelfinger dorthin, wo sie sich befinden würde, hätte sie diesen Raum nicht verlassen.

Sollte ich noch Überreste von Müdigkeit in meinem Körper gehabt haben, wären sie spätestens durch den weißen Tunnel ausradiert worden.

Ich muss blinzeln, als ich mich in meinem Käfig umsehe. Rechts von mir befindet sich ein Glas mit Rattengift und links von mir eine Badewanne aus Plastik, in der sich etwas faulig Riechendes befindet – vielleicht Salzsäure.

»Bist du damit einverstanden, dass ich dich in die Aufzeichnung der virtuellen Realität hineinziehe?«, fragt Phoe.

Ich schaue zu der Stelle, von der die Stimme kam, und bin darauf vorbereitet, meine Augen zu schützen. Das letzte Mal, als ich Phoe in meiner Höhle gesehen habe, strahlte sie eine Art göttliches Licht aus.

»Nein, du musst dir keine Sorgen machen«, meint sie, und ich erkenne, dass sie genauso aussieht, wie sie es in der echten Welt getan hat, nur dass ihre Augen jetzt voller Besorgnis sind. Sie bewegt ihre Hände an ihrem kurvigen Körper hinunter. »Ich werde diese Gestalt annehmen, wann immer wir hier sind, besonders wegen der Sache, die wir gleich sehen werden.«

Ich starre sie weiterhin an, während sie ihre Hände durch ihr Haar gleiten lässt und dabei aus ihrem sorgfältig gestylten Pixie-Cut ein wahres Durcheinander aus Fransen macht.

»Also, bist du damit einverstanden, dass ich dich in die Aufzeichnung der virtuellen Realität hineinziehe?«, fragt sie erneut. »Willigst du ein?«

Ich blinzele. »Warum nicht?«

»Na ja, ich habe dir versprochen, ohne dein Einverständnis nie etwas mit deinem Kopf anzustellen. Damit du die Aufzeichnung sehen kannst, werde ich dich –«

»Kein Problem«, sage ich, und mein Puls schlägt durch meine Neugier schneller. »Tu, was immer du tun musst.«

Phoe führt eine Geste aus, die mich an den Dirigenten eines Orchesters erinnert. Augenblicklich verändern sich meine Sicht und mein Hörsinn so, als habe ich es mit einem altertümlichen, verstimmten Fernseher zu tun.

Als dieses Rauschen nachlässt, befinde ich mich nicht länger in meiner Höhle.

Ich betrachte meine Umgebung, während ich einer unglaublich fesselnden Musik lausche.

Der Ort, an dem ich mich befinde, sieht aus wie eine der alten Kathedralen, nur um einiges größer. Selbst der Petersdom in der Vatikanstadt, der das größte Bauwerk seinesgleichen ist, über das ich jemals gelesen habe, würde einige Male in diese riesige Halle passen. Die Musik, die die Luft erfüllt, verstärkt mein Gefühl, klein und unbedeutend zu sein.

»Das ist Orgelmusik.« Phoes angespannte Stimme hallt in meinem Kopf wider. »Genau genommen handelt es sich um Bachs Toccata und Fuge in d-Moll, BWV 538.«

»Also das hier ist virtuelle Realität, genau wie meine Männerhöhle?« Ich speichere dieses Stück in meinem Hinterkopf auf meiner Favoritenliste ab und hoffe, dass mein Leben normal genug werden wird, um irgendwann einfach der Musik lauschen zu können.

»Was du gleich sehen wirst, ist ursprünglich in der virtuellen Realität geschehen«, antwortet Phoe. »Der Unterschied zu deiner Männerhöhle besteht darin, dass es nicht ›live‹ ist. Du wirst eine heimliche Aufzeichnung des Treffens sehen. Wir haben Glück gehabt, dass sie sich hier getroffen haben, wo ich es mitbekommen konnte.«

Ich schaue mich im Raum um, um herauszufinden, woher die Musik kommt. Sie hatten damals Orgeln in Kirchen, aber ich kann weder Instrumente noch religiöse Symbole entdecken. Trotzdem erwecken die Musik und die sehr hohen Decken den Eindruck, dass ich mich an einem eigenartigen Ort der Gottesanbetung befinde.

»Das und die Tatsache, dass Jeremiah gerade niederkniet.« Phoes Stimme ertönt von einer Stelle, die weniger als einen Meter von mir entfernt ist.

Ich schaue in diese Richtung, aber sie ist nicht da. Stattdessen sehe ich, worüber sie gesprochen hat: eine Gestalt mit weißen Haaren und einer weißen Robe, die fast mit dem weißen Boden verschmilzt. Diese Gestalt sitzt in einer gebetsartigen Haltung, die aussieht wie eine derjenigen, die wir als Kinder im Yogaunterricht gelernt haben, neben einer Plattform, die einer Bühne ähnelt. Auch wenn ich das Gesicht nicht sehen kann, erkenne ich augenblicklich, dass es sich um Jeremiah handelt, und ich verspüre den Drang, ihm etwas Gewalttätiges anzutun.

Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass dieser Kerl mich erst gestern gefoltert hat.

»Konzentriere dich«, sagt Phoe kurz angebunden. »Jetzt kommt der Teil, den du nicht verpassen solltest.«

Und zeitgleich mit ihren Worten erscheint eine Gestalt aus reinem Licht auf dem Mittelpunkt der Plattform.

Die Figur strahlt so hell und intensiv, dass ich meine Augen mit meinen Händen abschirmen muss. Es ist wie in die Sonne zu blicken, wenn diese eine menschliche Form hätte. Ich schließe meine Augen und nehme meine Hände hinunter. Die Helligkeit dringt selbst durch meine geschlossenen Augenlider.

»Du kannst dich erheben«, sagt die Gestalt, und ihre Stimme hört sich an, als bestünde sie aus Orgelmusik.

Die Intensität des Lichts ist etwas schwächer geworden, weshalb ich meine Augen ganz mutig einen kleinen Spalt weit öffne.

Die Gestalt leuchtet immer noch, aber etwas weniger stark als vorher, und ich kann jetzt einige Einzelheiten erkennen, wie zum Beispiel, dass sie sehr spärlich mit etwas bekleidet ist, was einem Lendenschurz ähnelt – und dass es wohl richtiger ist, ›sie‹ ›er‹ zu nennen, da Brust und Schultern sehr muskulös sind. Allerdings wird diese Einschätzung, die auf der menschlichen Anatomie basiert, in Frage gestellt, als ich die riesigen taubengleichen Flügel dieser Kreatur mit einbeziehe, deren Federn aussehen, als würde jede von ihnen mehrere tausend Watt ausstrahlen.

»Gesandter«, spricht Jeremiah, sobald er sich hingestellt hat.

»Hüter«, erwidert das Wesen – der Gesandte – mit seiner orgelartigen Stimme.

»Du ehrst mich mit deiner Anwesenheit«, sagt Jeremiah, aber seine Stimme hört sich eher zeremoniell als ehrerbietig an.

»Immer so förmlich«, antwortet der Gesandte und schenkt Jeremiah ein engelsgleiches Lächeln, das viel zu schön für einen Mann ist.

Jeremiah verbeugt sich, anstatt zu antworten.

»Wir hätten gerne einen Bericht über die neuesten Vorkommnisse«, fährt der Gesandte fort, und seine unmenschlich alten Augen glitzern wie blaue Diamanten.

»Was würdest du gerne wissen, Gesandter?«, fragt Jeremiah ruhig. »Es ist nicht viel passiert … zumindest nichts Erwähnenswertes.«

»Ist das so?« Das himmlische Lächeln des Gesandten ist verschwunden.

»Also …« Zum ersten Mal hört sich Jeremiah unsicher an. »Wir haben die Vorbereitungen für den bevorstehenden Tag der Geburtsfeiern getroffen. Die Babys in den Inkubatoren werden pünktlich geboren werden, und die Organisation der Feierlichkeiten verläuft im Zeitplan. Der neuen Generation der Betagten wurde erklärt, was auf sie zukommt, und sie hat Anweisungen für den Test erhalten …«

Während er spricht, verdunkeln sich die Gesichtszüge des Gesandten und seine nähere Umgebung – so als ob er das ganze Licht, das er vorher abgegeben hat, jetzt aufsaugen würde. Die gerunzelte Stirn sieht auf seinem himmlischen Gesicht wie eine unpassende Maske aus.

Jeremiah tritt einen Schritt zurück.

»Möchtest du nichts weiter mit mir besprechen?« Die Stimme des Gesandten bekommt einen dieser dunkleren Klänge, die nur Orgeln hervorbringen können. »Nichts, was mit dem Rat zu tun hat?«

»Ich weiß nicht, was du meinst«, sagt Jeremiah und schluckt hörbar. »Was ist mit dem Rat?«

»Die Ratsversammlung.« Die Stimmmelodie des Gesandten wird immer angsteinflößender.

»Welche Ratsversammlung?« Jeremiahs Stimme bricht. »Ich habe bereits von der letzten berichtet …«

Die anmutigen Hände des Gesandten ballen sich zu Fäusten. In diesem Moment scheinen die Augen dieses Wesens einem Donnergott zu gehören, weshalb ich mich frage, ob er Jeremiah gleich mit einem Blitzschlag bestrafen wird. Der Blick, den er dem alten Mann zuwirft, ist wie jener, über den die Ahnen geschrieben haben – tödlich. Es überrascht mich, dass Jeremiah noch kein Häufchen Asche auf dem Boden ist.

»Ich würde für meine nächste Frage gerne auf die Linse der Wahrheit zurückgreifen.« Die Stimme des Gesandten ist so tief wie nie zuvor. »Erinnerst du dich daran, was das bedeutet?«

»Du denkst, ich –« Jeremiahs Gesicht wird blutleer, was dazu führt, dass er fast nicht mehr von dem weißen Marmor des Bodens zu unterscheiden ist. Dann erwidert er hastig, so als hätte er es sich besser überlegt: »Ja, natürlich.« Jeremiah legt feierlich seine Hand auf seine Brust. »Ich schwöre auf die Linse der Wahrheit, dass ich die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagen werde.«

Als Jeremiah die letzten Worte ausspricht, fallen seine Hände kraftlos an seinen Seiten hinab, und seine Augen werden glasig.

»Erinnerst du dich an die Ratsversammlung, die erst vor einigen Stunden einberufen wurde?«, fragt der Gesandte.

»Ich erinnere mich nicht«, antwortet Jeremiah wie ein Zombie.

Die Fäuste des Gesandten entspannen sich, und sein Gesichtsausdruck wird verwirrt. »Ist seit deinem letzten Bericht etwas Außergewöhnliches geschehen?«

»Nein«, erwidert Jeremiah. »Der Zwischenfall mit Mark war das letzte erwähnenswerte Ereignis, aber es ist bereits abgeschlossen und ich habe auch schon darüber Bericht erstattet.«

»Hast du jemals in Betracht gezogen, deinen Pflichten als Hüter der Information nicht nachzukommen?« Der Gesandte faltet seine Flügel um seinen Körper, wie es jemand anderes mit seinem Umhang machen würde. »Hast du jemals mit dem Gedanken gespielt, das kontrollierte Vergessen bei dir selbst anzuwenden, auch wenn du es nicht solltest?«

»Nein … und nein.« Jeremiahs Stimme ist wegen ihrer Gefühllosigkeit beunruhigend. »Ich habe nie etwas kontrolliert vergessen, seit ich zum Hüter geworden bin.«

»Selbst wenn du es getan hättest, würdest du jetzt nicht lügen«, sagt der Gesandte. Seine melodiöse Stimme hört sich enttäuscht an. »Eine Lüge ist keine Lüge, wenn man nicht weiß, dass man lügt.«

Jeremiah starrt das Wesen an. Ich nehme an, dass Jeremiah nur antworten kann, wenn ihm eine Frage gestellt wird, solange er unter der »Linse der Wahrheit« steht, was auch immer das sein mag.

»Bist du dir der Tatsache bewusst, dass uns jede offizielle Ratsversammlung automatisch gemeldet wird?«, fragt der Gesandte.

Er scheint ebenfalls verstanden zu haben, dass er Fragen stellen muss.

»Ja.« Jeremiahs Gesicht ist völlig ausdruckslos.

»Also, fällt dir irgendein Grund ein, weshalb wir einen automatischen Bericht über eine Ratsversammlung bekommen haben sollten, wenn keine stattgefunden hat?«

»Nein.«

Der Gesandte führt eine schnelle, ruckartige Geste in Jeremiahs Richtung aus, und die Augen des alten Mannes werden wieder normal. Ich hätte nicht gedacht, dass er noch blasser werden könnte, aber er schafft es. Seine Haut ist fast durchsichtig, und die Venen auf seinen Schläfen sind deutlich zu erkennen.

»Verstehst du das nicht?«, fragt der Gesandte mit ernster Stimme. »Erkennst du das riesige Ausmaß des Geschehenen nicht?«

»Doch, das tue ich«, antwortet Jeremiah mit zittrigen Lippen. »Jemand hat mich kontrolliert vergessen lassen.«

2

Die Szene pausiert. Der Gesandte wollte gerade etwas sagen, aber seine Mundbewegung wurde mitten im Satz eingefroren.

Phoe erscheint vor mir. Ihre Finger sehen so aus, als hätten sie gerade geschnippt.

»Bis jetzt hast du noch nicht das Schlimmste gehört.« Ihre Stirn ist in Falten gelegt. »Ich wollte nur eine Pause einlegen, weil deine neuronalen Muster mir Sorgen bereitet haben.«

»Ach? Es sind die chemischen Abläufe in meinem Gehirn, die dir Sorgen machen?« Meine Stimme hallt in der virtuellen Kathedrale wider. Ich gehe einige Schritte auf die marmorne Plattform zu und zeige auf die Kreatur mit den Flügeln. »Solltest du dir nicht eher Sorgen um das machen?«

»Offensichtlich beunruhigen mich beide Dinge«, antwortet Phoe, und die Falten auf ihrer Stirn vertiefen sich. »Aber ihre Unterhaltung hat bereits stattgefunden, und deshalb kann ich nichts mehr dagegen tun. Allerdings kann ich dein Wohlbefinden beeinflussen, indem ich dir diese schlechten Nachrichten langsam beibringe.«

»Mach dir nicht so viele Gedanken um mich«, erwidere ich und springe auf die Bühne. Ich gehe zu der Kreatur mit den Flügeln und frage: »Wer oder was ist das?« Aus dieser Nähe sind ihre beeindruckenden Muskeln viel deutlicher zu erkennen; sie könnte es problemlos schaffen, dass sich eine griechische Skulptur unzulänglich fühlt.

»Ich weiß nicht, wer oder was das ist.« Ihre Antwort ist fast zu leise, um sie zu verstehen.

»Was meinst du damit, dass du es nicht weißt?« Ich trete sofort von der eingefrorenen Figur zurück, so als ob die Tatsache, dass Phoe nicht weiß, was sie ist, sie zum Leben erwecken würde. »Du weißt doch sonst immer alles.«

»Aber diesmal habe ich keine Ahnung.« Sie schaut auf den Boden. »Und es liegt mit Sicherheit nicht daran, dass ich nicht versucht hätte, es herauszufinden.«

»Okay«, sage ich langsam. »Wenn ich einen Tipp abgeben müsste, würde ich sagen, dass der Gesandte eine künstliche Intelligenz ist … so wie du.« Ich erinnere mich daran, wie göttlich sie aussah, als sie die Rechenressourcen des IRES-Spiels bekommen hatte.

»Ich weiß nicht, ob das so ist.« Sie verschränkt ihre Arme und reibt sich langsam ihre Schultern.

»Na ja, betrachte es doch einmal logisch«, meine ich und ignoriere ihr Unbehagen. »Besitzen deines Wissens nach irgendwelche Jugendlichen, Erwachsenen oder Betagten deine Fähigkeiten?«

Wie ich erwartet hatte, schüttelt sie ihren Kopf.

Ich versuche, ihr in die Augen zu schauen. »Bleibt dann nicht als einzige Möglichkeit eine künstliche Intelligenz?«

»Ich weiß es nicht.« Phoe weicht meinem Blick aus. »Meine Erinnerungen sind nicht vollständig. Sie werden nicht einmal nahezu vollständig sein, solange ich nicht meine volle Rechenleistung wiedererlangt habe, aber soweit ich weiß, sollte es auf dieser Reise außer mir keine künstliche Intelligenz geben.«

»Okay, könntest du dann irgendwie dieses Wesen sein?«, frage ich. »Ein anderer Teil von dir, der irgendwann genauso wie du an Ressourcen und Bewusstsein gewonnen haben könnte und sich dann eigenständig weiterentwickelt hat?«

Ein Durcheinander von Gefühlen spiegelt sich auf ihrem Gesicht wider, als sie sich umdreht, um Jeremiah anzublicken. »Ich glaube nicht, dass das möglich ist«, antwortet sie und starrt auf die Gestalt des alten Mannes. »Außerdem gibt es etwas, das gegen diese Möglichkeit spricht.«

»Du hörst dich nicht allzu überzeugt an«, denke ich zum Teil zu mir selbst, aber größtenteils zu ihr.

Sie antwortet nicht, also frage ich laut: »Kannst du deine Fähigkeiten, zu hacken, nicht dazu benutzen, das herauszufinden?«

Phoe dreht sich wieder zu mir. »Diese Kathedrale befindet sich in einer Art DMZ. Es war nicht einfach, sie anzuzapfen. Ich hatte Glück, dass ich überhaupt eindringen konnte. Aber als ich versucht habe, seinen Ursprung herauszufinden« – sie zeigt auf den Gesandten – »konnte ich es nicht, egal was ich versucht habe. Ich bin bis zu einer undurchdringlichen Firewall gekommen, die mir den Zugriff auf einen großen Teil der allgemeinen Rechenressourcen verweigert hat. Und ich meine damit nicht nur, dass ich sie nicht benutzen konnte. Ich kann nicht einmal erahnen, was sich dort befindet, aber der Gesandte existiert eindeutig in diesem unerreichbaren Raum.«

»Was ist ein DMZ?«, frage ich, »Und wo wir gerade dabei sind, was ist eine Firewall?«

»Eine Demilitarized Zone – abgekürzt DMZ – war ein altertümlicher Begriff in der Informatik«, antwortet Phoe. »Du musst sie dir wie eine Sicherheitsebene gegen das Hacken vorstellen, die zwischen ungesicherten Systemen und stark gesicherten Systemen liegt. Eine Firewall ist eine weitere Sicherheitsmaßnahme, die zwischen der DMZ und dem liegt, was du hacken möchtest. Die Firewall ist das, was mein Eindringen verhindert hat, aber das sollte alles nicht im Mittelpunkt unserer Unterhaltung stehen. Ich denke, dass wir lieber darüber reden sollten, in welche Schwierigkeiten wir uns gebracht haben.«

Ich nicke und lasse das Geheimnis um die Identität des Gesandten für den Moment fallen, um mich auf die Bedeutung seiner Unterhaltung mit Jeremiah zu konzentrieren.

Gestern hatte Fiona, eine der Betagten, eine Ratsversammlung einberufen, um Einspruch gegen Jeremiahs Verhörmethoden – Folter – zu erheben. Die Versammlung hat zwar auch stattgefunden, aber keine Veränderung gebracht. Der Rat entschied, Jeremiah das tun zu lassen, was er wollte.

Nachdem ich das IRES-Spiel gewonnen hatte, und Phoe dadurch die Ressourcen bekam, die sie benötigte, war sie in der Lage, alle kontrolliert vergessen zu lassen, dass ich jemals in Schwierigkeiten gesteckt habe. Deshalb kann sich Jeremiah auch nicht mehr an die »Sollten wir Theo foltern?«-Ratsversammlung erinnern. Unglücklicherweise sieht es ganz so aus, als sei der Gesandte darüber unterrichtet worden, dass diese verfluchte Versammlung angesetzt war. Aus diesem Grund weiß er jetzt auch darüber Bescheid, dass das kontrollierte Vergessen stattgefunden hat.

»Du denkst das Gleiche wie ich«, sagt Phoe als Stimme in meinem Kopf. »Und bevor du mir deine nächste Frage stellst, schau dir das hier an.«

Phoe schnippt mit ihren Fingern, und die Unterhaltung zwischen Jeremiah und dem Gesandten wird in einem Schnellmodus abgespielt. Ihre Lippen bewegen sich wie Blätter in einem Tornado, und ihre Stimmen klingen schrill. Dieser Effekt wäre lustig, wenn es nicht die Gesprächsfetzen gäbe, die ich auffange – Informationen, die das bestätigen, was wir uns bereits gedacht haben. Sie wissen, dass Jeremiahs Kopf irgendwie beeinflusst worden ist, was in seiner Stellung als Hüter der Information unmöglich sein sollte.

Phoe stellt die Aufnahme in dem Moment wieder auf eine normale Geschwindigkeit, als Jeremiah fragt: »Kannst du das kontrollierte Vergessen rückgängig machen? Mir das zurückgeben, was ich verloren habe?«

»Nein«, antwortet der Gesandte, und sein Ton ist nachdenklich. »Ich kann deine Erinnerungen nicht wiederherstellen, aber wir können dich und den Rat in Zukunft überwachen. Wenn euch erneut jemand kontrolliert vergessen lässt, sollten wir herausfinden können, wer dahintersteckt.«

Phoe schnippt erneut mit ihren Fingern, und die Szene wird angehalten.

Ich lasse den Atem heraus, den ich angehalten hatte. Die Frage, ob der Gesandte das kontrollierte Vergessen rückgängig machen könnte, war genau das, was mich auch beschäftigt hatte.

»Das ist einer der Gründe dafür, weshalb ich nicht der Gesandte bin, falls du dafür noch Argumente sammeln solltest«, sagt Phoe. »Ich kann kontrolliertes Vergessen rückgängig machen, wenn ich möchte.«

»Er könnte auch lügen«, beginne ich zu sagen, aber halte inne. »Nein, er hätte keinen guten Grund, in diesem Punkt zu lügen.« Ich hole Luft. »Ich bin froh, dass er nicht du ist. Wenn er du wäre und das kontrollierte Vergessen rückgängig machen könnte, wäre das ein Desaster. Ich meine, wenn Jeremiah sich an das erinnern könnte, was passiert ist, wären die Wächter bereits auf ihrem Weg zu mir.«

»Stimmt.« Sie reibt ihre Handflächen gegen ihre Brust. »Die Wächter sind nicht auf dem Weg zu dir, aber …«

Ich schaue sie fragend an, und sie schnippt erneut mit ihren Fingern.

Die Szene läuft wieder im Schnellvorlauf ab und wird langsamer, als der Gesandte sagt: »Logischerweise solltest du deine Untersuchungen mit dem letzten kontrollierten Vergessen beginnen.« Er rümpft seine Nase. »Mit dem unglücklichen Fall dieses verrückten Jugendlichen Markwart.«

Ohne mir meiner Handlung bewusst zu sein, schlage ich dem Gesandten mit meiner Hand ins Gesicht, allerdings ohne es zu treffen. Stattdessen geht meine Faust durch sein Gesicht hindurch. Ich hätte mir denken sollen, dass das passieren würde, da ich mich in einer Aufzeichnung befinde.

Phoe pausiert die Unterhaltung. »Ich mache dir keinen Vorwurf daraus, dass du versucht hast, ihm eine zu verpassen«, meint sie. »Wenn ich dieses geflügelte Arschloch schlagen könnte, würde ich es tun.«

Ich atme einige Male beruhigend durch und erwidere: » Wenn sie Nachforschungen über Mark anstellen, werden sie diese zu mir führen.«

»Ja.« Phoes blaue Augen sehen wie besorgte Gletscher aus. »Und dann gibt es noch das.«

Sie spult die Unterhaltung vor, bis Jeremiah sagt: »Ich würde gerne die Linse der Wahrheit für diese Untersuchung benutzen.«

Phoe hält die Aufzeichnung erneut an, um einzuwerfen: »Falls es dir entgangen sein sollte, die Linse der Wahrheit ist das, was der Gesandte benutzt hat, um sicherzugehen, dass Jeremiah ihm wahrheitsgemäß antwortet. Ich glaube, es handelt sich dabei um eine Art neuronalen Lügendetektoralgorithmus.«

Sie lässt die Aufzeichnung weiterlaufen.

Der Gesandte sieht einen Moment lang nachdenklich aus, bevor er entschieden antwortet: »In Ordnung. Dir und Fiona wird für die Dauer der Untersuchung die Linse der Wahrheit zur Verfügung stehen.«

»Fiona?« Jeremiahs Stimme hört sich leicht aufgebracht an.

»Ja«, antwortet der Gesandte und blickt Jeremiah eindringlich an.

»Aber sie ist der Grund dafür, warum ich überhaupt um die Linse der Wahrheit gebeten habe.« Jeremiahs Kiefer spannt sich an. »Sie ist diejenige, die ich zuerst befragen möchte.«

»Das kommt überhaupt nicht in Frage«, sagt der Gesandte mit einer Stimme, die so kräftig ist, dass sie in meinem Bauch widerhallt. »Ich werde es nicht zulassen, dass du dieses Schlamassel als Bühne für belanglose politische Streitereien nutzt.« Er unterstreicht seine Worte, indem er seinen erhobenen Zeigefinger vor Jeremiah hin und her schwenkt. »Fiona ist eine sehr fähige Ratsfrau, und wenn dir irgendetwas zustoßen sollte« – die Worte des Gesandten haben einen bedrohlichen Unterton – »würde sie deine Nachfolge als Hüter antreten.«

Einen Augenblick lang sieht Jeremiah betroffen aus. Er scheint zu überlegen, ob er widersprechen sollte. Aber entweder seine Angst oder sein Respekt gewinnen die Oberhand, denn er erwidert: »Ich verstehe, Gesandter. Die ehrenwerte Fiona und ich werden deine Gabe nehmen und eine Untersuchung durchführen.«

Zum ersten Mal, seit das kontrollierte Vergessen angesprochen wurde, sieht der Gesandte zufrieden aus. Ich nehme an, dass Jeremiahs Zusammenarbeit mit Fiona eine Art Test war, den Jeremiah bestanden hat.

»Ihr werdet mit Markwarts Altersgruppe beginnen und euch bis zu den Lehrern hocharbeiten.« Die Stimme des Gesandten hat eine ruhigere Sprachmelodie angenommen. »Sollte die Linse bei einem der Betagten benutzt werden müssen, will ich zuerst darüber unterrichtet werden.«

»Wie du möchtest«, antwortet Jeremiah, und sein Mund friert ein.

Ich blicke zu Phoe, die erneut mit ihren Fingern geschnippt hat.

Auch wenn ich erwartet hatte, dass der Gesandte so etwas in der Art sagen würde, ist es jetzt offiziell. Ich gehöre definitiv Marks Altersgruppe an.

Phoe und ich stehen schweigend da. Dann schaut sie mir in die Augen und sagt: »Wir sind hier fertig. Gehen wir in die wirkliche Welt zurück.«

Ich öffne meinen Mund, um eine Lawine von Einwänden hervorzubringen, aber Phoe befindet sich nicht länger in diesem Raum.

Ich werfe einen letzten Blick auf diese mysteriöse künstliche Intelligenz und gebe das Zeichen, diese virtuelle Realität zu verlassen, indem ich Jeremiah und der geflügelten Kreatur jeweils einen meiner Mittelfinger zeige.

Der weiße Tunnel wirbelt mich zurück in meine Männerhöhle, und ich wiederhole die Geste. Einen weiteren weißen Wirbelwind später bin ich zurück auf meinem Bett in der echten Welt.

Phoe steht immer noch über mich gebeugt da. Als sie sieht, dass ich meine Augen öffne, seufzt sie laut und bekommt einen abwesenden Gesichtsausdruck.

»Also«, sage ich, um die Stille zu brechen, »werden sie mich befragen und dabei die Linse der Wahrheit benutzen.«

»Höchstwahrscheinlich ja«, antwortet Phoe, hört sich aber abgelenkt an. »Jeremiah hat gerade den Rat zusammengerufen, um alles zu besprechen, also schlage ich vor, dass wir warten, bis die Versammlung beendet ist, bevor wir unser weiteres Vorgehen entscheiden.«

»Aber –«

»Ich meine das ernst. Wir müssen zuerst alle Variablen kennen.«

»Und du kannst ihre Versammlung belauschen?« Ich runzele meine Stirn. »Ist das nicht riskant, wenn man den Gesandten bedenkt?«

»Solange ich mich von ihren Köpfen fernhalte, sollte ich nicht entdeckt werden, hoffe ich.«

»Ich nehme an, das ist das Risiko wert.« Ich stehe von meinem Bett auf. »Wir müssen wissen, wie weit sie gehen.«

»Genau.« Sie sieht erneut abwesend aus. »In zwanzig Minuten sollte es soweit sein. So lange können wir warten.«

»Okay«, sage ich lautlos. »Ich glaube, bis dahin könnte ich ein wenig frische Luft gebrauchen.«

»Gute Idee«, erwidert Phoe und geht zur Tür.

Wir sind beide sehr leise, während wir das Gebäude mit den Schlafzimmern verlassen.

Als wir draußen sind, werden wir von der aufgehenden Sonne begrüßt.

»Ist das nicht wunderschön?«, meint Phoe.

Ich bin mir nicht sicher, ob sie über den Sonnenaufgang spricht oder darüber, wie der Tau auf dem Gras ihn reflektiert, aber sie hat in jedem Fall recht. Es ist schon ewig her, dass ich das letzte Mal so früh aufgewacht bin, und mir wird klar, dass ich etwas verpasst habe. Selbst das Wissen, dass die Sonne nicht echt ist, weil wir uns von Sternen umgeben im Weltall befinden, macht ihre Schönheit nicht weniger umwerfend.

Ich gehe den grünen Fußweg entlang und bemerke einige Jugendliche, die bereits aufgestanden sind. Auf meiner rechten Seite meditieren einige Jungen. Auf meiner linken Seite machen zwei Mädchen Yoga.

Als ich um die Ecke in Richtung Fußballfeld gehe, stellt sich mir einer der Jugendlichen in den Weg. Ich bin so in meine Gedanken versunken, dass ich einen Moment brauche, um zu erkennen, dass es sich dabei um Owen handelt. Warum zum Teufel ist er so unglaublich früh schon wach? Ich zweifle aus irgendeinem Grund daran, dass er aufgestanden ist, um zu meditieren.

Als er bemerkt, dass ich ihn gesehen habe, kommt er auf mich zu.

Da ich nicht in der Stimmung für seine Spielchen bin, versuche ich, an ihm vorbeizugehen, indem ich einen Schritt nach rechts mache.

Er zieht nach links und blockiert mir damit erneut den Weg.

Ich gehe automatisch nach links.

Dieses Mal bewegt er sich nach rechts. Ganz offensichtlich will er sich mir in den Weg stellen.

Ich bleibe stehen und frage: »Was willst du?«

»Oh, ich hatte gar nicht mitbekommen, dass du hier bist, Warumodore«, erwidert Owen mit seiner hyänenartigen Stimme. »Wenn du tanzen möchtest, warum sagst du es mir nicht einfach?«

»Ich bin nicht in der Stimmung für diesen Scheiß«, antworte ich ihm. Mein Tonfall und meine offensichtliche Missachtung der Anstandsregeln führen dazu, dass Owen einen kleinen Schritt zurücktritt.

Leider erholt er sich schnell und sagt: »Ich habe aber Lust auf eine Unterhaltung.« Er schaut sich um, um sicherzugehen, dass ihn niemand hören kann, und als er sieht, dass wir allein sind, fügt er leise hinzu: »Wer gibt schon einen Scheiß auf das, was du willst?«

»Du hast zwei Sekunden, um mir aus dem Weg zu gehen«, sage ich so ruhig ich es an diesem angespannten Morgen noch kann. »Eins.«

»Theo, tu das nicht«, flüstert Phoe.

»Fuck you«, entgegnet Owen, streckt seine Brust heraus und sieht dabei aus wie ein eigenartiger Hyänen-Pfauen-Hybrid.

»Falsche Antwort«, denke ich, und ohne ein Wort zu sagen, tue ich etwas, was ich nur ein einziges Mal in der Simulation des IRES getan habe.

Ich balle meine Hände zu Fäusten und schlage Owen auf den Kiefer.

3

Ich erwarte, dass Owen wie in dem Spiel seine Fäuste anheben wird, um zurückzuschlagen. Ehrlich gesagt hoffe ich, dass er mir einen Grund geben wird, ihn noch einmal zu schlagen.

Er hebt seine Fäuste nicht an. Er steht einfach nur da und sieht aus wie eine entsetzte Figur aus einem Zeichentrickfilm, die über die Kante einer Klippe gerannt ist.

Danach bricht Owen zu meiner Überraschung wortlos zusammen.

»Owen?«, frage ich und schaue dabei zu ihm hinunter. »Owen?«

Er antwortet nicht.

Ich denke, ich habe ihn wie ein altertümlicher Boxer k. o. geschlagen.

»Ist er in Ordnung?«, frage ich Phoe.

Mit einer schnellen Bewegung ihres Handgelenks ruft Phoe einen Bildschirm auf.

Ich erkenne, dass auf dem Display Vitalfunktionen angezeigt werden, und nehme an, dass es sich dabei um Owens handelt. Sie sehen normal aus, aber ich warte darauf, dass sie etwas sagt.

»Ja, es geht ihm gut«, meint sie und schüttelt ihren Kopf. »Ich hatte nicht erwartet, dass du so reagieren würdest.«

»Es tut mir leid«, sage ich halb zu ihr und halb zu dem bewusstlosen Owen. »Ich bin nicht daran gewöhnt, so viele angestaute Gefühle in mir zu haben.« Ich reibe mit meiner linken Hand die schmerzenden Knöchel der rechten. »Ich hatte ja keine Ahnung, dass mein Schlag so effektiv sein würde.«

»Na ja …«, Phoe räuspert sich. »Normalerweise wäre er das auch nicht, aber ich habe etwas mit einer Gruppe deiner Nanos gemacht, als du geschlafen hast, und das könnte ein kleiner Nebeneffekt davon sein.« Sie lächelt mich kleinlaut an. »Ich wollte es dir noch sagen.«

»Was?« Meine Nackenhaare stellen sich auf.

»Das ist nichts, worüber du dir Sorgen machen solltest.« Phoes Lächeln verschwindet. »Erinnerst du dich daran, wie interessiert du an den schlafenden Nanos in deinem Körper warst, die für die Verjüngung zuständig sind? Als du geschlafen hast, habe ich dich mit meinen neuen verstärkten Sinnen gescannt und noch viele weitere nützliche Nanos gefunden. Sie wurden anscheinend entwickelt, bevor Oasis gegründet wurde, und genau wie die Nanos, die für die Verjüngung zuständig sind, sind sie wohl niemals aktiviert worden.« Sie kratzt sich über ihre Wange. »Ich habe diejenigen untersucht, die so aussahen, als würden sie sichere und einfache Dinge tun, und als ich mir ihrer Funktionsweise sicher war, habe ich sie eingeschaltet. Das war so eine furchtbare Verschwendung von Ressourcen …«

Während sie spricht, merke ich, wie mein Gesicht blutleer wird. »Du hast mir versprochen, ohne meine Zustimmung keine Veränderungen an mir vorzunehmen.«

»Nein.« Sie tritt zurück. »Ich habe gesagt, ich würde niemals etwas mit deinem Kopf anstellen. Das, was ich aktiviert habe, hat nichts mit deinem Kopf zu tun. Na ja, zumindest nicht direkt. Ich nehme an, dein Gehirn wird dadurch gleichmäßig mit Sauerstoff versorgt.« Jetzt kratzt sie sich über ihren Hals. »Das, was ich getan habe, wird im Grunde genommen deinen Körper effizienter arbeiten lassen. Diese Nanos tun das Gleiche wie die normalen roten Blutkörperchen, nur besser.«

Ich schaue sie ohne zu blinzeln an, während ich darüber nachdenke, ob diese entspannte Diskussion über die Manipulation der Angst einflößenden, altertümlichen Technologie in meinem Körper nur ein Scherz von ihr ist. Ich erinnere mich vage daran, dass die roten Blutkörperchen den Sauerstoff zur Lunge transportieren und teilweise das Kohlendioxyd abbauen.

»Genau.« Phoe scheint meine Schuhe zu betrachten. »Diese Einheiten in deinem Körper heißen Respirozyten. Sie arbeiten besser, als rote Blutkörperchen das jemals könnten. Wenn sie aktiviert sind, solltest du stundenlang ohne zu atmen überleben können. Sie erleichtern dir das Laufen und Rennen über längere Distanzen, so dass du nicht mehr außer Atem sein wirst. Deshalb habe ich mir die Freiheit genommen, sie einzuschalten. Ich dachte, das würde dich freuen.«

Ich erinnere mich an mein Keuchen von gestern und ein Teil meiner Angst wird von Neugier verdrängt. Ich muss stundenlang nicht atmen? Das ist unmöglich.

»Genau so«, sagt Phoe, und ihr Lächeln kehrt zurück, als sie zu mir aufschaut. »Das ist die richtige Einstellung. Der Respirozyt ist der erste Nanozyt, der jemals entwickelt wurde. Er wurde schon am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts hervorgebracht. Diejenigen, die sich in deinem Körper befinden, sind so einfach in Bauweise und Funktion, dass ich selbst mit meinen limitierten Ressourcen ohne den Hauch eines Zweifels feststellen konnte, dass sie sicher sind. Ansonsten hätte ich sie niemals aktiviert.«

»In Ordnung«, sage ich lautlos. »Aber frage mich bitte das nächste Mal, bevor du etwas in Gang setzt.«

»Einverstanden«, erwidert Phoe. Dann fügt sie schnell hinzu: »Außer in speziellen Situationen, wie wenn du dich in Lebensgefahr befinden solltest, und dein Leben durch eine derartige Aktivierung gerettet werden könnte.«

»Einverstanden«, sage ich lautlos und wende meinen Blick wieder dem bewusstlosen Owen zu. »Kannst du mir erklären, wieso der zusätzliche Sauerstoff mich stärker gemacht hat?«

»Sauerstoff verbessert die Funktion deiner Muskeln bis zu einem gewissen Grad, auch wenn ich nicht gedacht hätte, dass es einen so deutlichen Unterschied zu vorher macht.« Sie schaut sich erneut Owens Vitalfunktionen an. »Es ist auch vorstellbar, dass er nicht nur durch deinen Schlag, sondern auch durch seinen Schock das Bewusstsein verloren hat. Schließlich ist er ja seit mindestens einem Jahrzehnt nicht mehr geschlagen worden, falls er überhaupt schon –«

»Ja, er ist schon geschlagen worden. Ich erinnere mich an einen Schlag von Liam im Kindergarten.« Diese Erinnerung bringt mich zum Lächeln. »Er hat nicht das Bewusstsein verloren, aber er hat geweint – und nicht wenig.«

»Da siehst du es mal wieder.« Phoes Gesichtsausdruck hellt sich auf. »Das bestätigt meine Theorie, dass die ganzen Schlägertypen in ihrem Innersten Memmen sind.« Sie wirft einen Blick auf Owen. »Und manchmal gar nicht so sehr nur innerlich.«

Auch wenn ich ihr immer noch ein wenig böse bin, muss ich trotzdem lachen.

Ich führe eine Geste aus, um ein Foto vom bewusstlosen Owen zu schießen und es auf meinen Bildschirm zu laden. Ich überlege, ob ich es zu Liam schicken sollte, aber entscheide mich dagegen. Die Erwachsenen könnten es leicht abfangen und folgerichtig daraus schließen, was passiert ist – was für mich eine Stille legendären Ausmaßes zur Folge hätte.

»Sie haben selbst jetzt schon Zugriff darauf«, meint Phoe.

»Kannst du es löschen?«, frage ich lautlos.

»Du hast dieses Foto nicht wirklich aufgenommen.« Sie zwinkert mir zu. »Ich habe dein Kommando abgefangen und das Bild lokal auf deinen Bildschirm geladen.«

»Raffiniert«, sage ich lautlos und lasse meinen Bildschirm verschwinden.

Sie steht da und sieht sehr zufrieden mit sich aus, während ich meine Aufmerksamkeit auf meine inneren Vorgänge lenke.

Wenn das, was Phoe gesagt hat, stimmt, und ich stundenlang überleben kann, ohne zu atmen, sollte ich in der Lage sein, meine Luft länger anzuhalten als bei meinem letzten Rekord von fünfzig Sekunden.

Um das auszutesten, höre ich auf zu atmen.

Zuerst fühlt es sich wie die ganzen anderen Male an, an denen ich meine Luft angehalten habe – anfänglich nicht beunruhigend.

Ermutigt zähle ich Theodores: ein Theodore, zwei Theodores, drei …

Ich weiß von meinen vorherigen Malen, dass ich nach etwa zehn Sekunden beginne, mich leicht unwohl zu fühlen.

Diesmal allerdings nicht. Ich fühle mich genauso wie in der ersten Sekunde.

Nach dreißig Sekunden spüre ich immer noch keine Veränderung.

Nach sechzig Theodores hebt sich meine Stimmung mit jeder weiteren Sekunde.

»Ich freue mich, dass du mein Geschenk endlich zu schätzen weißt.« In Phoes Stimme schwingt leichter Spott mit. »Aber du hast ihn nicht so stark außer Gefecht gesetzt, dass wir noch viel länger hier herumstehen können. Ich halte ihn gerade schon davon ab, aufzuwachen, indem ich Dinge tue, die ich wegen der ganzen ungewollten Aufmerksamkeit lieber nicht täte. Auch unter ethischen Gesichtspunkten finde ich es unangemessen, selbst wenn es sich um Owen handelt.«

»Wirst du ihn kontrolliert vergessen lassen?« Ich halte meinen Atem extra weiter an.

»Das habe ich bereits«, antwortet Phoe. »Wenn du die Respirozyten ernsthaft testen möchtest, solltest du ohne Luft zu holen zu deinem Lieblingsplatz laufen.«

»Das ist eine hervorragende Idee«, denke ich zu ihr.

»Das sind die einzigen Ideen, die ich habe.« Sie grinst, dreht mir ihren Rücken zu und rennt.

Ich widerstehe der Versuchung, Owen in den Arsch zu treten, und folge ihr stattdessen.

Phoe läuft schnell, aber ich kann mithalten. Innerhalb weniger Sekunden habe ich meine volle Laufgeschwindigkeit erreicht.

Ich mache große Schritte und konzentriere mich auf meine Atmung. Die Minuten vergehen, aber ich muss immer noch keine Luft holen. Auch nach weiteren Minuten verspüre ich keinen Hinweis darauf, dass mir durch das Laufen die Luft ausgeht. Während ich weiterrenne, werden meine anfänglichen Bedenken und meine Verstimmtheit mit Phoe durch pure Freude ersetzt. Jede Millisekunde ist genauso wie der Moment, in dem ich meinen Lauf begonnen habe. Und die Tatsache, dass ich nicht atmen muss, ist nicht der einzige Unterschied zu vorher. Die Bewegungen fühlen sich leichter an. Meine Muskeln scheinen sich schneller von den Anstrengungen zu erholen.

»Wenn du atmest, sollten sie es noch schneller tun«, sagt Phoe über ihre Schulter. »Auch wenn ich denke, dass du es noch eine ganze Weile ohne Luft zu holen aushalten kannst.«

Ich atme aus und sofort wieder ein, bevor ich meinen Atem eine weitere Minute anhalte, ohne meinen Lauf zu unterbrechen.

»Ich hätte schneller laufen sollen, um deine Grenzen zu testen«, meint Phoe, als wir bei den Büschen ankommen, die den äußeren Rand von Oasis kennzeichnen.

Sie durchquert sie, und ich folge ihr, immer noch, ohne zu atmen.

»Warum besitzen wir diese Nanos, wenn wir sie nicht benutzen?«, denke ich zu Phoe.

»Sie sind in die Embryonen eingepflanzt, die zu Einwohnern Oasis’ werden«, antwortet sie in meinem Kopf. »Wie ich dir schon gesagt habe, entstehen alle Babys in Oasis aus Embryonen, die von der Erde mitgebracht wurden, da die Vorfahren die natürliche Reproduktion und Sex abgeschafft haben. In der damaligen Zeit wurde es als eine grob fahrlässige Straftat angesehen, diese Technologie bei einem Baby nicht zu nutzen. Die Betagten müssen diese Nanos irgendwie ausschalten und kontrollieren. Sollte ich diesen Prozess in meine Finger bekommen, könnten wir einer neuen Generation die Möglichkeit geben, so geboren zu werden, wie sie es sollte.«

Ich verdaue, was sie mir gerade gesagt hat, und blicke auf den fremden Himmel. Dort befinden sich jetzt anstelle des Goos Sterne in dem morgendlichen Himmel, an dem die Sonne immer noch aufgeht. Die erweiterte Realität schafft es, diese zwei unmöglich gleichzeitigen Anblicke sanft miteinander zu verbinden. Nahe am Horizont befinden sich einige Sterne an dem blauen Himmel, der nach und nach dunkler wird, bis er dort, wo sich das Goo befand, vollständig schwarz ist. Ehrfurchtsvoll atme ich hörbar aus. Ich werde lange brauchen, um mich an diesen Anblick zu gewöhnen.

Meine Lungen sind fast leer, und ich zwinge mich dazu, auch die verbleibende Luft auszuatmen, um zu sehen, was passieren wird. Nichts, ich kann einfach so bleiben, auch wenn es sich unangenehm anfühlt, mit leeren Lungen weiterhin »auszuatmen«. Ich erlaube meinem Körper, normal einzuatmen, und wiederhole diesen Kreislauf einige Male. Als meine Atmung wieder unbewusst ist, sage ich lautlos: »In Ordnung, Phoe. Ich verzeihe dir offiziell. Das war wirklich cool.«

Sie schaut mich mit einer eigenartigen Mischung aus Mitleid und Besorgnis an. »Du bist manchmal so kindisch.« Sie macht eine Pause und fügt leise hinzu: »Es tut mir leid, dass ich dich in das alles hineingezogen habe.«

Ihre Ernsthaftigkeit erinnert mich an die Dinge, die ich in den letzten Minuten aus meinem Kopf verbannt hatte. »Ich bin froh, dass du mich hineingezogen hast«, sage ich lautlos, und mir wird klar, dass ich es auch so meine. »Ich bin froh, dass ich dich kennengelernt habe. Ich würde immer lieber die Wahrheit wissen.«

Ich blicke wieder auf die Sterne und denke über die Lügen da draußen nach.

»Ich möchte so unglaublich gerne herausfinden, wo wir uns befinden«, sagt Phoe und stellt sich neben mich. Sie schaut die Sterne so sehnsuchtsvoll an, dass sich mir die Brust auf eine eigenartige Art und Weise zusammenzieht.

»Du konntest unsere Position nicht einmal mit deinen neuen Ressourcen herausbekommen?«, frage ich ruhig.

»Nein, konnte ich nicht. Aber ich hatte einen Plan, wie ich an die benötigte Rechenleistung kommen würde.« Phoes Blick ist abwesend, und ihre Stimme hört sich geradezu wehmütig an.

»Hattest du?«

»Ja, aber das ist jetzt nicht wichtig.« Sie zwingt sich zu einem Lächeln.

»Ich würde es aber trotzdem gerne wissen«, denke ich. Und dann muss ich einfach hinzufügen: »Genauso wie alles andere, was du vielleicht mit der Technologie in meinem Körper angestellt hast.«

»Ich habe nichts weiter an dir verändert, ich schwöre es«, sagt sie und dreht sich zu mir. »Was meinen Plan anbelangt, erinnerst du dich an den Test, den Jeremiah ganz am Anfang seines Gesprächs mit dem Gesandten erwähnt hat?«

»Vage.« Ich setze mich ins Gras.

»Als ich ihre Unterhaltung abgefangen habe, war das nicht das erste Mal, dass ich von diesem Test gehört habe.« Sie setzt sich neben mich, und dank der taktilen erweiterten Realität streicht ihr Bein an meinem entlang. »Dieser Test erschien auf meinem Radar, kurz nachdem du letzte Nacht eingeschlafen warst.«

»Jeremiah hat etwas über die neue Generation der Betagten und den Tag der Geburten gesagt«, erwidere ich lautlos und ziehe meine Füße an mich heran. »Das hört sich genauso an wie diese Gerüchte über den Abschlusstest, den die Jugendlichen an ihrem vierzigsten Geburtstag machen müssen. Sie sagen, die Erwachsenen wollen dadurch herausfinden, welchen Beruf wir ausführen werden, wenn wir zu ihnen kommen.«