Leni Behrendt Classic 37 – Liebesroman - Leni Behrendt - ebook

Leni Behrendt Classic 37 – Liebesroman ebook

Leni Behrendt

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Opis

Leni Behrendt nimmt längst den Rang eines Klassikers der Gegenwart ein. Mit großem Einfühlungsvermögen charakterisiert sie Land und Leute. Über allem steht die Liebe. Leni Behrendt entwickelt Frauenschicksale, wie sie eindrucksvoller nicht gestaltet werden können. Der Herbststurm brauste mit entfesselter Kraft über die Ostsee und ihre Ufer. Wie drohende Ungeheuer wälzten sich haushohe Wellen auf und ab, hin und her in stetem Wechsel. Die Bäume des Waldes, der wie eine dicke dunkle Mauer über die Dünen ragte, schwankten wie Rohre. Es war ein Wagnis, sich bei diesem Wetter im Freien aufzuhalten. Das schien jedoch der Mann, der soeben am Waldrand sichtbar wurde, nicht zu empfinden. Ruhig und sicher schritt er dahin, der Mann in Joppe und Jägerhut. Die Flinte trug er lose über die Schulter gehängt und den Feldstecher am Riemen um den Hals. Dicht bei Fuß hielt sich sein Jagdhund, ein prachtvolles Tier. Jetzt bog er rechts ab und betrat einen geraden, von Buchen umsäumten Weg, der zu einem sehr breiten schmiedeeisernen Tor führte. Dort stand ein alter Landbriefträger und versuchte, sein Fahrrad, das mit einem schweren Paket beladen war, an das Tor zu lehnen, was ihm aber nicht gelingen wollte. Im Gegenteil: Das Rad fiel um. Der alte Mann hatte alle Mühe, sich bei dem tollen Sturm selber auf den Beinen zu halten. Und als er sich bückte, um das am Boden liegende Rad aufzuheben, fuhr der Wind unter seinen Umhang, blähte ihn wie ein Segel und trieb den Alten vorwärts, geradewegs auf den Jäger zu. "Hallo, Kruska!" rief er lachend und fing den Taumelnden in seinen Armen auf. "Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, daß Sie noch einmal so ungestüm an mein Herz flüchten würden!" "Donner noch eins. Hat der Herr Graf einen Griff am Leibe!" stöhnte er. "Ja, Kruska, zarte Hände habe ich nicht.

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Leni Behrendt Classic – 37 –

Dort, wo die weiße Möwe zieht

Leni Behrendt

Der Herbststurm brauste mit entfesselter Kraft über die Ostsee und ihre Ufer. Wie drohende Ungeheuer wälzten sich haushohe Wellen auf und ab, hin und her in stetem Wechsel. Die Bäume des Waldes, der wie eine dicke dunkle Mauer über die Dünen ragte, schwankten wie Rohre.

Es war ein Wagnis, sich bei diesem Wetter im Freien aufzuhalten. Das schien jedoch der Mann, der soeben am Waldrand sichtbar wurde, nicht zu empfinden. Ruhig und sicher schritt er dahin, der Mann in Joppe und Jägerhut. Die Flinte trug er lose über die Schulter gehängt und den Feldstecher am Riemen um den Hals. Dicht bei Fuß hielt sich sein Jagdhund, ein prachtvolles Tier.

Jetzt bog er rechts ab und betrat einen geraden, von Buchen umsäumten Weg, der zu einem sehr breiten schmiedeeisernen Tor führte.

Dort stand ein alter Landbriefträger und versuchte, sein Fahrrad, das mit einem schweren Paket beladen war, an das Tor zu lehnen, was ihm aber nicht gelingen wollte. Im Gegenteil: Das Rad fiel um. Der alte Mann hatte alle Mühe, sich bei dem tollen Sturm selber auf den Beinen zu halten. Und als er sich bückte, um das am Boden liegende Rad aufzuheben, fuhr der Wind unter seinen Umhang, blähte ihn wie ein Segel und trieb den Alten vorwärts, geradewegs auf den Jäger zu.

»Hallo, Kruska!« rief er lachend und fing den Taumelnden in seinen Armen auf. »Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, daß Sie noch einmal so ungestüm an mein Herz flüchten würden!«

»Donner noch eins. Hat der Herr Graf einen Griff am Leibe!« stöhnte er.

»Ja, Kruska, zarte Hände habe ich nicht. Aber nun kommen Sie und stützen Sie sich fest auf meinen Arm, denn Sie sind im Begriff, gleich wieder loszusegeln!« Er zeigte auf den geblähten Umhang, griff dann rasch nach dem Arm Kruskas und zog den Alten mit sich fort.

»Ich muß Sie aber doch gehörig ausschelten, lieber Alter!« sprach dann die dunkle Stimme weiter. »Müssen ausgerechnet Sie den beschwerlichen Weg nach Branden machen? Haben Sie keine jüngeren Leute? Außerdem habe ich mehr als einmal gesagt, daß ich bei unwirtlichem Wetter die Postsachen abholen lassen will.«

»Tja, wenn Frau Lina nur nicht solch guten ›Bärenfang‹ braute…«, lachte der Briefträger zu dem Mann empor, der ihn um Haupteslänge überragte.

»Ach so!« nickte der Graf verständnis­innig. »Dagegen kann man allerdings nichts machen! Sagen Sie also Frau Lina, daß Sie auf diesen Schreck hin gleich zwei Schnäpse verdient hätten. Ich fahre heute noch ins Dorf und nehme Sie dann mit.«

»Und mein Rad?«

»Hat hinten im Wagen Platz.«

»Na, dann geht’s ja«, brummte der Alte freudig und bückte sich, um sein Rad vom Boden aufzuheben, wobei der Graf ihm behilflich war.

»Für wen ist denn das große Paket, Kruska?«

»Für die Frau Oberinspektor. Ich glaube, da ist Aussteuer für die Tochter drin. Das Fräulein ist doch so gut wie verlobt.«

»Wo haben Sie denn das wieder ausgekundschaftet?«

»Aber – man hat doch Augen im Kopf!«

»Und einen beängstigend guten Riecher!« setzte der Graf belustigend hinzu. »Für mich haben Sie heute wohl nichts?«

»Aber massig!«

Dabei zog er aus der Ledertasche einige Briefe und Zeitschriften, die er dem Grafen reichte. Einen Brief jedoch behielt er zurück, drehte ihn nach allen Seiten und hob ihn dann mit pfiffigem Lächeln an die Nase.

»Hm – wie der duftet! Nach lauter Flieder! Und wie die Farbe dazu paßt! Wenn der Brief nicht an die Frau Gräfin gerichtet wäre, dann würde ich annehmen…«

»Kruska, Sie sind doch ein ganz unverbesserlicher Schnüffler!« lachte der Jäger herzlich. »Nun geben Sie diese fliederfarbene Angelegenheit nur auch noch her! Nach dem Absender haben Sie selbstverständlich schon gesehen?«

»Ist leider keiner angegeben!« meinte der Alte sichtlich bekümmert.

Der Graf lachte immer herzlicher.

»Pech ist das, Alterchen! Jetzt sehen Sie aber endlich zu, daß Sie zu Frau Lina kommen!«

Kruska eilte den Steig entlang, um auf den Gutshof zu gelangen, während der Graf schon durch das Tor schritt und den Schloßpark betrat.

Einige Minuten später hatten Herr und Hund das Schloß erreicht. Dieses alte ehrwürdige Ritterschloß, das schon einige Jahrhunderte überdauert hatte, ragte hoch und wuchtig über die Dünen empor.

Langsam stieg er die breite Freitreppe des Schlosses empor und betrat die Halle, einen hohen weiten Raum, der mit seinen vielen Fellen, seinen wuchtigen geschnitzten Möbeln und den vielen Waffen an den Wänden einen äußerst gediegenen Eindruck machte.

Etz von Branden ging die Treppe hinauf, die mit tiefroten Teppichläufern belegt war, durchschritt oben einen Vorraum, der seine Zimmer abschloß, und betrat sein Jagdzimmer, dessen Wände mit Geweihen aller Art ausgestattet waren.

Er nahm Flinte und Feldstecher ab, verschloß beides im Schrank und ging dann in sein Ankleidezimmer hinüber, wo er sich rasch umzog. Erst dann begab er sich in das Wohnzimmer seiner Mutter, die mit seiner Braut, Christine von Oltzen, einer Nachbarstochter, am Kaffeetisch saß.

»Du kommst spät, Hubertus«, begrüßte die feine weißhaarige Dame ihren Sohn, der hastig zu seiner Mutter trat.

»Verzeih, kleine Mama! Ich wäre pünktlich gewesen, wenn ich mich nicht unterwegs mit dem alten Kruska aufgehalten hätte, der, vom Sturm getrieben, in meine Arme flüchtete. Es war ein überwältigender Anblick.«

Er lachte noch in der Erinnerung daran herzlich und wandte sich dabei der jungen Dame zu.

»Bist du schon länger hier, Christine?«

»Ja – länger als eine Stunde. Du hieltest es ja nicht für nötig, zu mir zu kommen.«

Das klang knapp und verärgert. Es bestand kein Zweifel darüber, daß die junge Dame mit dem weißblonden Haar und den hellen Augen gekränkt war.

»Habe ich dir denn versprochen, heute zu kommen?« fragte der Graf erstaunt. »Ich entsinne mich jedenfalls nicht…«

»Hubertus!« unterbrach ihn die Mutter vorwurfsvoll. »Hast du denn nicht daran gedacht, daß Christine heute Geburtstag hat?«

Donnerwetter, das hatte er vergessen. Tief beugte er sich über die Mädchenhand.

»Christine – verzeih!« murmelte er. »Ich will alles nachholen…«

»Nicht nötig, verzichte jetzt darauf!« wies sie ihn kurz und herb ab.

Wie hatte er auch nur Christines Geburtstag vergessen können! Eine peinliche Geschichte! Da fiel ihm die Post ein.

»Hier habe ich etwas ganz Besonderes für dich, kleine Mama!« sagte er ablenkend und reichte seiner Mutter den fliederfarbenen Brief. »Kruska machte es großen Kummer, daß kein Absender darauf steht. So duftende Briefe hat er nicht alle Tage zu bestellen.«

»Ich finde diesen Kruska reichlich neugierig und taktlos!« meinte Christine geringschätzig. »Gut, daß er nicht die Postzustellung für uns hat. Andreas und ich würden uns seine Schnüffeleien wohl kaum gefallen lassen.«

»Mein Himmel, Christine, da denkst du entschieden zu kleinlich«, verteidigte der Graf seinen alten Freund. »Kruska bestellt seit mehr als vierzig Jahren die Post in unserem Bezirk und kommt täglich in dieselben Häuser. Da ist es doch erklärlich, wenn er sich über alles, was darin geschieht, Gedanken macht.«

Christine kam zu keiner Entgegnung, denn Gräfin Linda lachte erheitert auf.

»Nun, kleine Mama, was freut dich denn so? Von wem ist der Brief überhaupt?«

»Von Astrid Holt.«

»Astrid Holt?« wiederholte er erstaunt. »Stehst du denn mit der in Briefwechsel?«

»Nein, schon lange nicht mehr. Früher freilich, als die Kleine nach dem Tod des Vaters mit ihrer Mutter von Blicken nach Berlin übersiedelte, erhielt ich täglich Briefe, in denen das zehnjährige Kind seine Sehnsüchte nach der Heimat in erschütternden Worten kundtat. Allmählich jedoch wurden die Briefe seltener und blieben dann ganz aus, so daß ich nun schon seit Jahren nichts mehr von Astrid gehört habe. Um so verwunderlicher ist nun dieses Schreiben, in dem sie anfragt, ob sie als Wirtschaftslehrling nach Branden kommen könnte.«

»Ausgerechnet Astrid Holt, der verzogene Irrwisch?! Das wird ja ein eigenartiger Lehrling werden! Vier Wochen gebe ich ihr Zeit, dann trollt sie sich wieder. – Kannst du dich noch auf die Kleine besinnen, Christine?«

»Sehr gut sogar, Hubertus. Sie ist mir mit ihren geschmacklosen Streichen mehr als einmal auf die Nerven gefallen. Vorlaut und dreist, ohne jede Spur von Erziehung.«

»Die Unarten wird sie wohl abgelegt haben, seitdem sie erwachsen ist«, begütigte Frau Linda.

»Oder die acht Jahre Großstadt haben einen noch ärgeren Irrwisch aus ihr gemacht!«

Hubertus schmunzelte, als die Mutter ihn daran erinnerte, daß er die kleine Astrid trotz ihrer Streiche immer sehr gern gemocht hatte.

»Es blieb mir ja auch nichts anderes übrig, Mutter, denn Astrid hatte als dein Patenkind in Branden entschieden mehr zu sagen als ich. Da mußte ich doch gut mit ihr stehen. Ich glaube nicht, daß das Mädchen sich viel geändert haben wird, und möchte dir deshalb abraten, die Kleine herkommen zu lassen.«

»Ich möchte ihr aber ungern diese Bitte abschlagen, Hubertus. Wir haben mit ihren Eltern immer gute Nachbarschaft gehalten; ich fühle mich außerdem dazu verpflichtet, da sie mein Patenkind ist. Schade, daß Holt so früh sterben mußte und Blicken dann in die Hände des so wenig angenehmen Bratt kam.«

»Es war ein Leichtsinn von Frau Holt, den schönen Besitz für einen Spottpreis zu verkaufen«, warf Christine ein.

»Dazu war sie ja gezwungen, mein Kind, da sie nichts von der Landwirtschaft verstand. Schon als ihr Gatte noch lebte, war sie ständig auf Reisen und hat sich um Mann und Kind wenig gekümmert. Sonst hätte Astrid ja nie so verwildern können. Und Holt selbst war wohl ein hervorragender Landwirt, aber kein Erzieher, zumal, da das einzige Kind sein Abgott war. Sie war aber wirklich reizend, die Kleine! Ich möchte das Mädel wirklich gern wiedersehen.«

»Dann ist über Astrids Kommen ja bereits entschieden, kleine Mama. Mag sie also hier eintreten; ich will sie um deinetwillen gern ertragen.«

*

Ein Auto hielt vor dem Brandener Schloß. Ein sehr elegantes elfenbeinfarbenes Kabriolett, das von einem jungen Mädchen gesteuert wurde, neben dem eine einfach gekleidete ältere Frau saß.

»Siehst du, Anna – jetzt sind wir glücklich angelangt!« lachte die junge Dame vergnügt und ließ ihre Augen über das Schloß schweifen. »Also war deine Unkerei wieder einmal überflüssig.«

»Aber wie werden wir empfangen werden?«

»Schon wieder muß sie unken!« unterbrach das schlanke frische Mädel ihre Begleiterin unwillig, sprang mit einem Satz aus dem Auto und stand nun auf der untersten Stufe der Freitreppe. »Ich bin immer dafür, die Menschen vor vollendete Tatsachen zu stellen.«

Wütendes Hundegebell war in diesem Augenblick vernehmbar, und einige Sekunden später rasten zwei Hunde, ein Jagdhund und ein Dackel, die Treppe hinunter.

»Sachte, sachte!« lachte das Mädel übermütig und streichelte furchtlos das gesträubte Fell des Rüden.

Dann winkte sie vergnügt dem Diener zu, der auf der Treppe stand und hilflos auf die Gruppe zu seinen Füßen starrte. Mit wenigen Schritten hatte das Mädel ihn erreicht und packte ihn bei den Schultern.

»Grüß Gott, Michael! Hast dich in den acht Jahren auch kein bißchen verändert!« lachte sie ihn an. »Du kennst mich doch?«

»Na und ob! So forsch vorgehen kann doch nur unser Fräulein Astrid.«

»Na also! Ist meine Tante zu Hause?«

»Die Herrschaften sitzen am Kaffeetisch.«

»Das paßt ja gut! Dann werde ich den Herrschaften in ihr geruhsames Kaffeestündchen platzen. Kümmere dich inzwischen um diese würdige Dame, die auf den Namen Anna hört, und um das Auto und das Gepäck, Michael!«

»Wird gemacht, Fräulein Astrid!«

Astrid lächelte und sprang in langen Sätzen die Freitreppe empor.

In der Halle stand sie einen Augenblick andächtig still und atmete tief – ganz tief.

Ja, das war Branden! Nach ihrem Vaterhause in Blicken die liebste Stätte ihrer Kindheit.

Obwohl es acht Jahr eher war, daß sie das Schloß zum letztenmal betreten hatte, fand sie sich sofort darin zurecht. Es hatte sich hier aber auch nichts geändert. Und so stand Astrid wenige Minuten später vor den drei erstaunten Menschen.

Graf Branden erhob sich von seinem Sitz und näherte sich zögernd der schlanken Gestalt in Reisemantel und Autokappe, während die beiden Damen fast entsetzt auf den Eindringling schauten.

»Meine Dame?« begann Branden mit einer Stimme, der man deutlich das Befremden anmerkte, und sah dann wie gebannt in die lachenden Augen von klarem, abgrundtiefem Blau, sah in das zarte, liebreizende Gesicht, auf das blonde Lockenhaar, von dem sie jetzt die Kappe zog – und zuckte erschrocken zusammen, als das Mädel ihm mit hellem Lachen um den Hals flog und einen Kuß auf seine Wange drückte.

»Onkel Hubertus, du stehst da wie vom Donner gerührt!« jubelte sie hell­auf. »Kennst du mich denn nicht mehr?«

»Ja – jetzt kenn’ ich dich«, lachte nun auch er befreit und herzlich auf. »So kann sich doch nur der Irrwisch Astrid betragen. Wo kommst du denn so plötzlich her, Kleine?«

»Später, gestrenger Herr und Lieblingsonkel!« winkte sie ab. »Erst muß ich Tante Linda begrüßen.«

Und schon hing sie am Halse der Gräfin, die sie fest an sich drückte.

»Tante Linda, du bist mir doch nicht böse, daß ich dich so überfalle?« bettelte sie zärtlich. »Nachdem ich jedoch deine Einwilligung zu meinem Kommen in Händen hatte, hielt ich es nicht mehr aus. Noch zur selben Stunde bin ich abgefahren.«

»Astrid, es will mir erscheinen, als wärest du der alte Wildfang geblieben!«

»Also nicht böse, Tante Linda?«

»Nein, Mädel – ich freue mich, daß du da bist!«

Dann ging sie auf Christine zu, die ihr befremdet entgegensah.

»Ich wußte schon vor acht Jahren, daß Sie Gräfin Branden werden würden«, verriet Astrid mit spitzbübischem Lächeln. »Es ist Ihnen doch recht, daß ich hier bin?«

»Ich habe hier nichts zu sagen«, entgegnete diese eisig. »Ich bin Christine von Oltzen – nicht Gräfin Branden.«

Es war plötzlich sehr still im Zimmer, und Astrid senkte den Kopf in tödlicher Verlegenheit. Doch nicht lange. »Verzeihung!« lachte sie. Die ablehnende Haltung Christines schien sie nicht zu bemerken. Auch kümmerte sie sich nicht um die unwilligen Blicke des Grafen und nicht um die Verlegenheit der Gräfin.

»Tante Linda, ich bin so hungrig und durstig!« bekannte sie mit verlangendem Blick auf den großen Teller, auf dem sich frischgebackene Waffeln häuften. »Darf ich mit euch essen, bevor ich mich umkleide?«

»Gern, Kleine!« willigte die Gräfin freundlich ein.

Da warf Astrid auch schon den Mantel ab und setzte sich auf den Platz, den Frau Linda ihr bot. Mit Behagen trank sie den heißen Kaffee und ließ sich dazu die Waffeln gut schmecken. Zwischendurch plauderte sie vergnügt drauflos.

»Sag mal, Astrid, wie bist du eigentlich hierhergekommen?« erkundigte die Gräfin sich, deren Gefallen an der frischen Natürlichkeit des Mädchens von Minute zu Minute wuchs. »Du bist doch nicht von der Kleinbahnstation zu Fuß nach Branden gekommen?«

»Nein, Tante Linda, aber in meinem Auto von Berlin. Und dabei will ich gleich verraten, daß meine gute Anna – meine Ehrendame, Vertraute, Kammerfrau und Moralpaukerin in einer Person – bei mir ist und daß ich mein Pferd Wittkopp mitgebracht habe. Anna, Auto und Gepäck hat Michael bereits in Empfang genommen, während Wittkopp erst morgen früh mit der Bahn eintrifft.«

»Und so was will Wirtschaftslehrling auf Branden spielen?« bemerkte der Graf spöttisch.

»Dein Spott rührt mich nicht, du ungalanter Onkel!« lachte sie ihn vergnügt an. Dann wandte sie sich wieder an die Gräfin.

Brandens spöttischer Blick ging musternd über das Mädchen hin und blieb an den feinen weißen Händen und an ihrer gepflegten Erscheinung hängen.

Nein, was dieses verwöhnte Geschöpf sprach, das glaubte er nicht. Die Sehnsucht nach dem Lande war weiter nichts als die Laune eines vom Trubel übersättigten Großstadtkindes. Und daß seine Mutter und Christine ebenso dachten wie er, das las er deutlich an ihren Mienen.

Sein Blick löste sich von Astrid und ging zu Christine hinüber. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Er war wieder einmal von Herzen froh, daß Christine so war und nicht anders. So wie sie war, liebte er sie, und nur so konnte er sich seine Frau denken.

»Hör mal, Astrid, was sagt eigentlich deine Mutter zu deiner Reise hierher?« erkundigte die Gräfin sich nun.

»Die ist aus zweierlei Gründen froh, mich losgeworden zu sein«, entgegnete Astrid bekümmert. »Sie behauptet nämlich, daß mit mir nach meinem einjährigen Landaufenthalt…«

»Was – du warst schon ein Jahr auf dem Lande?« fragte Frau Linda erstaunt.

»Ja – und herrlich war es! Als ich dann nach Berlin zurückkehrte, da habe ich so recht erkennen müssen, daß ich das Blut meines Vaters in mir trage. Ich habe mich nach dem Lande krankgesehnt. Schon deshalb war Mutti froh, mich loszuwerden. – Und dann auch, weil sie vor einigen Wochen wieder geheiratet hat.«

»Kind – und diese Neuigkeit erzählst du so ganz nebenbei?« wunderte die Gräfin sich.

»Ja, Tante Linda – ich bin wie ein Märchenerzähler, der die spannenden Ereignisse zuletzt bringt«, lachte Astrid.

»Und nun paß mal auf, Tante Linda – jetzt kommt die letzte Neuigkeit«, fuhr Astrid lachend fort. »Ich werde wahrscheinlich zum Frühjahr heiraten, und zwar – Alwin von Bratt, den ihr auch kennt; er ist euer Nachbar. Er gefällt mir nämlich von allen Herren, die ich bisher kennengelernt habe, am besten. Er ist auch der einzige, der mich nicht meines Geldes wegen nimmt, weil er selber genug davon hat. Ich habe es mir nun einmal in den Kopf gesetzt, nur aus Liebe geheiratet zu werden.«

Astrid sah nicht die vielsagenden Blicke, die ihre drei Zuhörer miteinander tauschten, sondern plauderte weiter in ihrer frischen, unbekümmerten Art.

»Alwin ist sonst ein netter Kerl. Er macht mit seiner übertriebenen Eleganz zwar einen geckenhaften Eindruck, der sich jedoch verliert, wenn man ihn näher kennt. Diese Eleganz gehört eben zu ihm. Und er kann sie sich auch leisten, da er der Erbe seines reichen Onkels, des Besitzers von Blicken, ist.«

»So, ist Herr von Bratt der einzige Erbe seines Onkels?« fragte die Gräfin mit einer Stimme, die nicht ganz klar klang.

»Selbstverständlich!« antwortete Astrid erstaunt. »Er arbeitet auf Blicken bereits wie auf seinem Eigentum. Nur ich fehle ihm noch zu seinem Glück, behauptet er; er könne es kaum erwarten, mich endlich in Blicken zu haben.«

»Kann ich mir denken!« entfuhr es dem Grafen.

Astrid lachte verlegen.

»Was für ein Gesicht er wohl machen wird, wenn er erfährt, daß ich hier bin?«

»Wozu diese Heimlichkeit, Astrid?« fragte die Gräfin befremdet.

»Ja, weißt du, Tante Linda, ich halte das für gut so. Erstens möchte ich Herrn von Bratt mit meinen wirtschaftlichen Kenntnissen, die ich mir hier zu erwerben hoffe, überraschen. Er soll nämlich ein tüchtiger Landwirt sein, und da möchte ich nicht hinter ihm zurückstehen.«

»Und dann?«

»Ja, dann kennen wir uns noch sehr wenig. Wir hatten uns erst einige Male in Gesellschaften getroffen, als er mir auch schon einen Heiratsantrag machte – und das setzte mich in Erstaunen. Ich nahm ihm die Hoffnung nicht, verlangte aber eine Probezeit. Drei Monate wollen wir nichts voneinander hören, um uns prüfen zu können.«

»Und darauf ging er ein?« fragte der Graf ungläubig.

»Gewiß – sonst hätte er sich gleich trollen können!« gab sie trotzig zurück.

»Kennt deine Mutter Herrn von Bratt?« erkundigte Frau Linda sich nun, so harmlos sie konnte.

»Flüchtig.«

»Und sie billigt deine Wahl?«

»Ohne weiteres, Tante Linda. Es würde ihr ja auch nichts helfen, wenn sie es nicht täte. Ich suche mir doch den Mann, mit dem ich leben muß, selber aus.«

»Da magst du recht haben, mein Kind. Ist der Gatte deiner Mutter noch jung?«

»Ja – achtundzwanzig Jahre!«

Das kam sehr knapp heraus, und es war nicht zu verkennen, daß Astrid über diese Angelegenheit nicht weiter sprechen wollte. Sie erhob sich nun auch.

»Tante Linda, die Neuigkeiten sind nun ausgekramt, satt bin ich auch – jetzt habe ich nur noch das unbezwingbare Verlangen, mich umzuziehen.«

»Ich werde mit dir kommen und dafür sorgen, daß du gut untergebracht wirst«, erbot sich die Gräfin.

Astrid verabschiedete sich von Christine und Hubertus und ging mit Frau Linda in das obere Stockwerk, wo ihnen Michael entgegenkam und meldete, daß er die Zimmer gerichtet hätte, die nur für bevorzugte Gäste bestimmt waren.

Gleich darauf betraten sie das Zimmer. Astrid eilte in den großen Erker, von dem aus sie einen freien Blick über das Meer hatte, das tief unten brandete. Minutenlang stand sie regungslos da. Als sie sich dann wieder der Gräfin zuwandte, strahlten ihre Augen wie zwei Sonnen.

»Siehst du, Tante Linda, das ist meine Heimat, hier, wo das Meer brandet, die Möwen ziehen und der Wald rauscht! Ich habe trotz meiner Jugend ein schönes Stück von der Welt gesehen, denn meine Mutter war viel mit mir auf Reisen. Aber immer sehnte ich mich hierher, nach allem, was hier ist und lebt. Kannst du nun verstehen, daß ich nach Branden kam, Tante Linda?«

»Ja, mein Kind! Und darüber freue ich mich. Ich will für uns beide hoffen und wünschen, daß es dir gefällt und du lange bei mir bleibst, denn so einen kleinen Sonnenschein wie dich können wir hier gut brauchen.«

»Kommt denn Fräulein von Oltzen nicht oft nach Branden?«

»Sie ist mehr hier als zu Hause. Aber sie kann Hubertus und mir keine Aufmunterung bringen, da sie genauso ernst und schwerblütig ist wie er und ich.«

»Nein – diese kühle, sehr gemessene Dame kann ich mir durchaus nicht munter vorstellen«, lachte Astrid hellauf. »Sie paßt zu Onkel Hubertus so gut wie keine andere. Ich nahm auch an, daß beide längst verheiratet wären. Mama erzählte neulich erst wieder, daß sie schon als Kinder sozusagen verlobt waren.«

»Damit hat deine Mutter recht, Kleines. Sie wären auch schon längst ein Paar, wenn nicht immer etwas dazwischengekommen wäre. Zu früh wollte Hubertus sich nicht binden. So lernte er nach der Schulzeit erst einmal in verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben. Anschließend studierte er einige Semester Tierarzneikunde und genügte dann seiner Militärdienstpflicht. Zuletzt bummelte er drei Jahre in der Welt herum und kam dann nach Branden zurück mit dem Vorsatz, Christine zu heiraten und seßhaft zu werden. Aber da starb kurz darauf mein Mann, und auf Christines Wunsch mußte erst das Trauerjahr abgewartet werden, ehe sie in eine Verlobung einwilligte. Das war noch nicht ganz beendet, als Christines Mutter hoffnungslos erkrankte und die Tochter sie pflegen mußte. Fast ein Jahr zog sich die Krankheit hin, ehe sie zum Tode führte.

Nun hieß es wieder ein Trauerjahr abwarten, das Ende Februar vorüber ist. Und wenn dann nicht wieder etwas Unvorhergesehenes geschieht, dann werden sie ja wohl beide endlich zusammenkommen. Sie sind nämlich mittlerweile zweiunddreißig Jahre alt geworden.«

»Das nennt man Treue«, sagte Astrid versonnen. »Ich könnte nicht so lange treu sein. Mama sagt immer, ich wäre zu unstet und flatterhaft – ein Mensch, dem nichts ernst und heilig sei. Und ich glaube beinahe, daß sie recht hat«, setzte sie seufzend hinzu.

»Das müßte Herr von Bratt hören!« lachte die Gräfin erheitert.

»Ach ja, Alwin von Bratt! Wie gefällt er dir, Tante Linda?«

»Ich kenne ihn zu wenig, um mir ein Urteil über ihn erlauben zu dürfen«, wich Frau Linda vorsichtig aus.

Sie war froh, als Anna eintrat und fragte, ob sie das Bad richten solle.

»Das tun Sie nur, Anna!« gab die Gräfin rasch zur Antwort. »Das müde Kind muß ins Bett. Ich werde dich nun allein lassen, Kleines. Nimm zuerst ein Bad und schlafe dich dann erst tüchtig aus, bevor du dich unten sehen läßt!«

Astrid widersprach nicht, denn sie war wirklich etwas müde geworden.

Während sie sich auskleidete, ging die Gräfin langsamzu Christine und Hubertus zurück, die sich noch immer im Frühstückszimmer gegenübersaßen und leise miteinander sprachen.

»Hast du deinen Schützling untergebracht, kleine Mama?« fragte der Sohn lächelnd. »Du siehst ja ordentlich bekümmert aus.«

»Astrid macht mir Sorge, Kinder. Es kann auf die Dauer nicht verborgen bleiben, wie in Blicken die Verhältnisse liegen. Irgend jemand wird sich bestimmt finden, der sie darüber aufklärt. Wäre es da nicht besser, wenn sie es von uns erführe?«

»Das meint Christine auch, aber ich bin anderer Ansicht. Ich halte es nicht für angebracht, hier Vorsehung zu spielen. Astrid ist verliebt und hält daher den Liebsten für den besten Mann der Welt.

Wir würden doch nur tauben Ohren predigen. Sie würde uns am Ende gar der Verleumdung bezichtigen.

Und schließlich ist Bratt kein so übler Bursche, vor dem man ein Mädchen warnen muß. Für die Schrullen seines Onkels kann er doch nichts. Wenn er Astrid jetzt in dem Glauben läßt, daß er sich aus ihrem Geld nichts mache, so wird er schon die nötigen Worte finden, um die empörte Liebste zu beruhigen, wenn der kleine Schwindel herauskommt.«

*

Astrid Holt saß vergnügt im Bad und ließ sich von Anna einige ihrer Kleider raussuchen. Das treue alte Mädchen kannte ja auch nichts Schöneres, als ihrem Schützling jeden Gefallen zutun.

Eben legte sie den Bademantel um Astrid und behandelte sie dabei mit einer Behutsamkeit, als wäre sie zerbrechlich. Als sie ihr das Nachtkleid überstreifen wollte, erhob Astrid sehr entschieden Einspruch: »Daraus wird nichts, Annettchen! Ich denke nicht daran, mich zu Bett zu legen, sondern werde eins der Kleider anziehen, die du zurechtgelegt hast, und hinuntergehen.«