Lebenshunger - Eva B. Gardener - ebook

Lebenshunger ebook

Eva B. Gardener

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Opis

Kriminalhauptkommissar Jay möchte seiner Freundin Jana an einem romantischen Wochenende am Chiemsee seine Pläne für die gemeinsame Zukunft offenbaren. Aber alles kommt anders, als Jana beim Schwimmen die Leiche eines jungen Mädchens findet. Warum musste dieses Mädchen sterben? Die Frage lässt Jana keine Ruhe. Sie überlässt die Ermittlungen nicht den Profis, schon gar nicht Rebecca Hart, der schönen und gescheiten Rechtsmedizinerin aus München, die plötzlich um Jay herumschleicht. Jana verfängt sich, ohne es zu bemerken, im gefährlichen Netz eines Menschenhändlerrings - und nicht nur ihr Mut, sondern auch ihre Liebe zu Jay, werden auf eine harte Probe gestellt.

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Titel

Eva B. Gardener

Lebenshunger

Ein Jana- und Jay-Krimi

Impressum

Handlung und Personen sind frei erfunden.

Sollte es trotzdem Übereinstimmungen geben,

so würden diese auf jenen Zufällen beruhen,

die das Leben schreibt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2005 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 07575/2095-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2005

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

Foto: pixelquelle.de

Gesetzt aus der 9,3/12,5 Punkt GV Garamond

ISBN 978-3-8392-3178-4

Bibliografische Information

der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Prolog

Svetlana zitterte ein wenig. Sie fühlte ihr Herz bis zum Halse hinauf schlagen und versuchte ruhiger zu atmen. Sie war aufgeregt, denn gleich sollte sie ihre deutsche Gastfamilie kennen lernen. Sie zog ihren kleinen Taschenspiegel aus der Rocktasche und überprüfte zum zehnten Mal, ob ihre braunen Locken, die sich bis weit über ihre Schultern den Rücken hinab ergossen, auch nicht zu wild aussahen. Dann wartete sie weiter. Sie wagte nicht vom Stuhl aufzustehen, obwohl sie gerne aus dem Fenster geschaut hätte. Aber Roman hatte gesagt, sie solle am Tisch sitzen bleiben, bis er mit der Familie käme, für die sie bestimmt sei; und sie wollte einen guten Eindruck machen.

Roman hatte sie in der Nacht zuvor mit dem Wagen hierher gebracht.

„Wir sind in München«, hatte er gesagt und sie an der Schulter gerüttelt. Sie war eingenickt gewesen, doch der Name der Stadt, die ihr neues Zuhause werden sollte, ließ sie ganz schnell die Müdigkeit nach der langen Autofahrt vergessen. Sie hatte aus dem Fenster geblickt und breite Straßen gesehen. Die Schaufenster waren hell erleuchtet gewesen, obwohl es mitten in der Nacht war und kaum Menschen unterwegs waren. Was sie sah, gefiel ihr, die Stadt wirkte freundlich, hell und irgendwie festlich.

Sie waren weitergefahren, weg vom Zentrum, bis es keine Schaufenster mehr gab und die Häuser dicht gedrängt und dunkel standen. Roman parkte den Wagen in einer Seitenstraße, die Straßenlaterne flackerte trübe, aber verbreitete kein Licht.

Sie stiegen aus dem Wagen; Svetlana streckte ihre langen Jungmädchenglieder, während Roman die Stofftasche mit ihren Sachen aus dem Kofferraum nahm. Dann fasste er sie am Ellbogen und führte sie über einen finsteren Hof zum Hintereingang eines der Häuser.

Die Tür war nicht verschlossen gewesen und sie waren hineingegangen. Roman betätigte einen Schalter und das plötzliche Licht blendete sie. Nach ein paar Sekunden hatte sie sich daran gewöhnt und Svetlana schaute sich um. Sie sah ausgetretene Stufen, und auf dem Boden zertretene Kippen und leere Zigarettenschachteln, es roch nach Urin.

Sie waren die Treppe hinaufgegangen in den dritten Stock und dann den schmuddeligen Flur entlang. Vor einer der Türen waren sie stehen geblieben.

Er hatte aufgesperrt und gesagt, hier könne sie bis zum Morgen, bis die Gastfamilie sie holen käme, schlafen.

Sie war kaum in dem Zimmer, in dem eine nackte Glühbirne die karge Möblierung hart beleuchtete, als sie hinter sich den Schlüssel im Schloss hörte. „Nur zu deiner Sicherheit«, rief Roman von der anderen Seite der Tür auf ihre Nachfrage hin. Sie wunderte sich kurz, sie hatte gehofft, sie hätten alles Gefährliche überstanden, als sie die letzte Grenze und damit die letzte Passkontrolle hinter sich gebracht hatten. Aber Roman würde schon wissen, was er tat, schließlich hatten ihr Vater und seine neue Frau ihm die Verantwortung für sie übertragen.

Es war ein langer Weg gewesen von ihrem kleinen Dorf an der Desna in der Ukraine bis nach München. „Tu alles, was Roman sagt«, hatte die Stiefmutter ihr aufgetragen. „Er hilft dir, dich dort einzuleben.« Svetlana seufzte. Sie hätte gerne noch die zwei Jahre bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag gewartet, bevor sie in die Fremde ging, hätte gerne weiter mit ihrem Hund Sobachyy im Garten gespielt oder der Großmutter beim Backen geholfen. Aber die Stiefmutter hatte sie aus dem Haus gedrängt. Es sei Zeit, dass sie wegginge, hatte sie sie oft angeschrieen, wenn sie mal wieder wütend auf sie war – und das war sie eigentlich ständig.

Dem Vater waren die Tränen in den müden Augen gestanden, als Roman sie abholte. Aber er hatte sie nur kurz an sich gedrückt und sie dann gehen lassen, obwohl sie ihn angefleht hatte, zu Hause bei ihm bleiben zu dürfen. Er hatte ihrem bittenden Blick nicht standgehalten und die Augen niedergeschlagen, aber er hatte nicht für sie gekämpft. Seine neue Frau hatte ihm in den letzten Jahren das Leben zunehmend zur Hölle gemacht und es schien ihm auch für Svetlana besser, wenn die beiden Frauen nicht mehr unter einem Dach wohnten. Je hübscher sich Svetlana entwickelt hatte, desto unleidlicher war seine Frau geworden. Mit Neid hatte sie auf Svetlanas schönes, ebenmäßiges Gesicht mit den großen, dunklen Augen, den vollen Lippen und dem zarten Teint geschielt. Sie hatte sie bei jeder Gelegenheit an ihren Locken gerissen und sie gezwungen die mit der Zeit weiblicher werdenden Formen in grobe, weite Gewänder zu hüllen. Trotzdem war es nicht mehr die Ältere gewesen, nach der die Männer im Dorf sich umdrehten, wenn sie und Svetlana zum Fluss gingen, um das Vieh dort zu tränken, jetzt war Svetlana die Schönste. Der Zorn darüber hatte sich der Stiefmutter wie ein Dolch in die Brust gebohrt und ihre Augen waren mit der Zeit kalt und böse geworden.

Svetlana verdrückte eine Träne. Warum hatte ihr geliebter Vater bloß diese schreckliche, neiderfüllte Frau geheiratet und erlaubt, dass sie die Herrschaft im Haus übernahm.

Doch nun half alles Klagen nicht mehr, die Heimat war weit fort und sie musste sich auf ein neues Leben einstellen. Im Westen liegt das Geld auf der Straße, hatte die Großmutter versucht sie zu trösten, als auch sie keine Möglichkeit mehr sah, ihren Sohn und dessen neue Frau davon abzubringen, Svetlana fortzuschicken. Sie würde genug verdienen, um nach ihrer Rückkehr in ihrem Dorf einen kleinen Laden aufmachen zu können, hatte sie gesagt. So wie Oksana Iwanowana vom Nachbardorf, dachte Svetlana. Sie war eine fleißige Frau mit sehr traurigen Augen. Über ihre Zeit im Westen sprach sie nie, aber es gab Gerüchte, dass sie als Prostituierte gearbeitet hatte. Deshalb wollte kein Mann aus dem Dorf sie heiraten. Doch davon hatte sie der Großmutter nichts gesagt, um deren Gram nicht zu verschlimmern.

Ihr würde das zum Glück nicht passieren, dachte Svetlana. Sie würde in eine Familie kommen und neben der Hausarbeit auf die Kinder aufpassen. Drei und fünf Jahre alt seien sie, hatte Roman gesagt. Sie freute sich darauf, sie kennen zu lernen, denn sie mochte Kinder. Sie hatte die letzten Jahre auf die drei Halbgeschwister aufgepasst, welche die neue Frau ihres Vaters geboren hatte, und häufig auch Kinder aus der Nachbarschaft gehütet. Sie war froh, dass man ihr wenigstens eine Arbeit ausgesucht hatte, die sie mochte. Ja, sie musste das Gute in allem suchen, dann würde sie ein glücklicher Mensch, das hatte ihr die Großmutter beigebracht. Ein bisschen Sorge machte ihr nur, dass sie in letzter Zeit häufig so müde und schlapp war. Sie würde sich zusammenreißen und es würde vergehen.

Svetlana strich ihren Rock zurecht. Bis vor zehn Minuten hatte sie auf der fleckigen Matratze auf der anderen Seite des kahlen Zimmers geschlafen. Dann war Roman gekommen und hatte sie geweckt. Er hatte sie zu einer Toilette am Ende des langen Ganges geführt. Sie hatte zuerst nicht pieseln können, weil sie ihn vor der Tür atmen hörte. Er hatte geflucht und gesagt, sie solle sich nicht so anstellen. Als das nichts half, drehte er den Wasserhahn im Vorraum auf. Anschließend hatte er sie wieder in das Zimmer zurückgeführt.

Roman war ihr ein bisschen unheimlich. Er hatte sie auf der langen Fahrt manchmal so komisch von oben bis unten angeschaut und merkwürdige Sachen gefragt. Ob sie wirklich noch keinen Freund gehabt habe, wollte er wissen. Und ob sie noch niemand da unten, wo es doch manchmal kribbelte, berührt hätte. Nein, hatte sie entsetzt erwidert, in ihrem Dorf machte ein Mädchen so etwas nicht vor der Ehe, sonst findet sie später keinen Ehemann. Sie solle sich nicht so aufregen, hatte er gelacht. Er wolle nur wissen, ob sie noch Jungfrau sei, vielleicht würde er sie ja selbst mal heiraten. Nein, niemals, hatte Svetlana gesagt, sie habe andere Pläne. Und außerdem sei er doch viel zu alt, mindestens dreißig. Achtundzwanzig hatte er gelacht und war sich mit der Hand durch sein kurzes, braunes Haar gefahren. Dann hatte er sie noch mal gefragt, aber sie hatte nicht mehr geantwortet. Sie hatte an Juri gedacht, den Hufschmied-Sohn. Der gefiel ihr, weil er sie immer zum Lachen brachte, wenn sie mit dem Zugpferd zum Beschlagen kam.

Svetlana hörte Schritte draußen im Flur und zog schnell wieder den kleinen Handspiegel, den ihr die Großmutter als Abschiedsgeschenk gegeben hatte, aus der Rocktasche hervor. Ein Blick zeigte ihr, dass ihre Haare noch ordentlich saßen, sie rieb schnell mit den Fingern über die Lippen, damit sie frisch und rot aussahen. Hoffentlich mögen mich die Kinder. Sie zupfte noch einmal ihren Rock zurecht und schaute voller Erwartung auf die Tür. Sie hörte, wie ein Schlüssel ins Schloss gesteckt wurde und setzte sich noch gerader hin.

Als sich die Tür öffnete, betrat zuerst Roman den Raum, sein weiches Gesicht wirkte angespannt und gleichzeitig ausdruckslos, dann nacheinander drei fremde Männer. Svetlana versuchte an ihnen vorbei zu sehen. Wo war die Frau, wo die Kinder?

Die Männer wirkten groß und breit, vielleicht auch nur, weil Svetlana saß und die Männer standen. Zwei von den Fremden waren Ende zwanzig, sie trugen dunkle Lederjacken. Der Dritte war mindestens fünfzig und sein dicker Bauch drängte sich vorne aus der hellen Anzugsjacke, am rechten Mittelfinger trug er einen Goldring mit einem roten Stein.

Roman ließ die Tür hinter sich zuschnappen und verschloss sie von innen, den Schlüssel steckte er in die Tasche. Die Männer kamen näher. Svetlana schaute zuerst nicht verstehend von einem zum anderen. Erst als der dicke die Hand nach ihr ausstreckte, wechselte Erschrecken in Ungläubigkeit.

„Wo sind die Frau und wo sind die Kinder?«, rief sie.

Dann wurden ihre Augen riesig vor Verstehen, und Angst.

„Wo sind die Frau und die Kinder?«, wiederholte sie und ihre Stimme schnappte über. Sie wollte das nicht glauben. Das musste ein böser Traum sein und sie würde gleich aufwachen. Roman konnte doch nicht. Die Männer konnten doch nicht.

Svetlana sprang auf und rannte ans Fenster. Sie wollte um Hilfe rufen, doch da war nur ein Krächzen, dann war auch schon Romans Hand über ihrem Mund.

„Hier. Schaut sie euch an. Ich habe euch nicht zu viel versprochen«, sagte er zu den Männern.

1

München, August 1995

Es war ein Freitag und es war ein typischer Augusttag in Oberbayern. Am frühen Morgen hatten die ersten Herbstnebel noch das Land verhüllt, doch dann hatte sich der Sommer mit Wucht aufgebäumt, hatte die zarten Schleier verscheucht und die Temperaturanzeige des Thermometers wieder über die Dreißiggradmarke gedrückt.

Auf Gleis 5, außerhalb der großen Bahnhofshalle des Münchner Hauptbahnhofes auf dem unbedachten Flügelbahnhof, stand der Zug Richtung Rosenheim, Prien am Chiemsee und weiter nach Freilassing. Es war so ein alter blechdosenfarbener und er glänzte in der gleißenden Nachmittagssonne.

Jana warf ihre langen, honigblonden Haare zurück und öffnete die Tür des vorletzten Waggons. Sie kletterte die steilen Stufen hinauf, was bei ihrer Größe und mit dem Rucksack voller Lebensmittel auf ihrem Rücken gar nicht so leicht war. „Verdammt, wurden diese Züge denn für Riesen gebaut?«, schimpfte sie.

Sie zog die weiße, ärmellose Bluse, die sich beim Einsteigen durch den Rucksack verschoben hatte, zurecht, dann spähte sie durch die Glastüre in das Großraumabteil. Es war niemand darin zu sehen, der Zug sollte erst in einer guten halben Stunde abfahren.

Als sie die Tür aufschob, blieb ihr die Luft weg und sie taumelte zurück – drinnen herrschten mindestens fünfzig Grad und es roch streng nach verschmortem Plastik. Sie holte tief Luft und preschte durch die Abteiltür zum ersten Fenster. Sie öffnete es und beugte den Kopf durch das Fenster nach draußen, um nach Luft zu schnappen. Dann peilte sie das nächste Fenster an und schob es auf. So öffnete sie nach und nach alle Fenster im Abteil. Erst als sie fertig war, nahm sie den voll gepackten, gelbschwarz karierten Stoffrucksack von der Schulter und ließ sich erschöpft auf die Sitzbank neben der Tür fallen.

Oh, oh, das war ein Fehler, das merkte sie gleich, denn ihre Bermudashorts hatten sich beim Hinsetzen nach oben geschoben und nun klebte sie mit den nackten Oberschenkeln an dem roten, genörpelten Plastik. Aber es war zu spät und sie hatte sowieso nichts dabei, was sich zum darunter legen geeignet hätte, also blieb sie einfach sitzen.

Sie schaute auf ihre Beine: Ziemliche Krautstampfer, fand sie. Das hatte sie nun davon, dass sie ihr schlankes Sport- und Ernährungsprogramm hatte schleifen lassen.

„Schuld daran ist nur diese verdammte Hitze«, schimpfte Jana laut, ohne es zu merken. „Sie weicht meinen Willen auf.«

Sie kramte ein Haarband aus der Seitentasche ihres Rucksackes und band sich ihr volles Haar am Hinterkopf zusammen. Nun kam wenigstens etwas Luft an ihren Nacken. Die schlichten, großen Silberreifen an ihren Ohren schaukelten bei jeder Bewegung. Jana zog ihre Bluse vorne vom Körper weg und blies in ihren Ausschnitt. Langsam wurde es erträglich.

Sie lehnte sich zurück und sah in der Ablage über sich ein Magazin liegen. Sie nahm es herunter und begann gelangweilt darin zu blättern. Ein Artikel über Prostitution fiel ihr auf, er bestand aus erotischen Fotos, weich gezeichnet und ansprechend, und ein bisschen Begleittext: wir sind modern und tolerant, Prostitution ist ein Beruf wie jeder andere. Der Artikel lud den Leser ein, zustimmend zu nicken – mehr nicht. Jana blätterte weiter und hatte ihn einen Moment später vergessen.

Jana legte das Magazin zurück und holte die Computerzeitschrift, die sie für die Fahrt gekauft hatte, aus ihrem Rucksack. Bald war sie mitten in einem Artikel über neue Prozessoren. Nicht, dass sie all diese Fachausdrücke verstand, aber sie würde sich durch den Artikel durchbeißen, bis sie wusste, um was es darin ging. Das war für sie eine Herausforderung, wie es für andere Leute verzwickte Kreuzworträtsel sind.

Die Tür wurde aufgeschoben und eine Gruppe von Fahrgästen stolperte in das Abteil, ihre Gesichter waren heiß und rot und sie waren zu genervt und mit sich selbst beschäftigt, um sie zu grüßen. Jana blickte aus dem Fenster. Auch dort tat sich jetzt etwas: Menschen schleppten sich mit gequälten Gesichtern und mit Einkaufstaschen bepackt den Bahnsteig entlang. Jana sah auf die runde Uhr neben dem Gleis: noch fünf Minuten bis zur Abfahrt.

Wieder wurde die Abteiltür aufgeschoben. Ein stämmiger Mann, etwa vierzig Jahre alt, drängte sich herein. Er trug ein rot kariertes Hemd und eine helle Leinenhose, die von breiten, beigefarbenen Hosenträgern mit Herzen darauf gehalten wurde, auf dem Kopf saß kess nach hinten geschoben ein ausgefranster Strohhut – in der Art, wie man sie sonst auf Vogelscheuchen fand. Der Mann grinste sie breit aus einem Vollmondgesicht an. Könnte einer meiner Hobbygärtner sein, dachte Jana und lächelte freundlich zurück. Sie konnte nicht ahnen, dass sie Kommissar Melzer aus Rosenheim vor sich hatte – erst recht nicht, dass sie ihm heute noch würde Rede und Antwort stehen müssen.

Der Mann mit dem Strohhut ging an ihr vorbei und Jana lehnte sich entspannt zurück – bereit, dass sich dieser Zug endlich in Bewegung setzte. Bereit für ein entspanntes Wochenende.

Als endlich der Pfiff zur Abfahrt kam, ließ ein Gedanke sie hochschrecken: Hatte sie heute Morgen zu Hause die Fenster geschlossen? Sie konnte sich nicht erinnern. Verdammt.

Nicht dass sie glaubte, dass jemand in das alte, grüne Haus mit den Rissen in der Hausmauer und dem abbröckelnden Putz einbrechen würde, aber was, wenn es ein Gewitter gäbe und der Wind den Regen auf ihr Notebook peitschte, das direkt vor dem Fenster auf ihrem provisorischen Arbeitstisch stand. Sie musste unbedingt zu Hause anrufen und einen ihrer beiden Haus-Mitbewohner, Hannes oder Paul, bitten, nachzuschauen. Sie wohnten zu dritt in dem Haus, wobei Hannes und Paul jeweils ein Zimmer und zusammen eine Küche hatten und Jana einen abgeschlossenen Teil mit eigener Küche und zwei Zimmern bewohnte. Früher hatte Jana auch eine Mitbewohnerin auf ihrer Seite des Flurs gehabt, aber seit Juli weggezogen war, genoss sie den Luxus, ein Wohn- und Arbeitszimmer für sich zu haben. Die Miete in dem grünen Haus war niedrig, dafür war es auch nicht gerade in gutem Zustand und Jana und ihre beiden Mitbewohner teilten sich Flure, ein Bad, einen verwilderten Garten, das Telefon und einen ziemlich selbstbewussten, getigerten Wohngemeinschafts-Kater.

Der Zug ruckte an. Jana seufzte zufrieden, als ein erstes Lüftchen über ihre Haut strich. Sie hatte doch alles erledigt, oder, überlegte sie. Die Wäsche hatte sie schon gestern Abend von der Leine im Garten genommen, heute Morgen hatte sie die Pflanzen drinnen und draußen gegossen und den Kater hatte sie auch mit Milch und Futter versorgt – er hatte heute Morgen ausgesehen wie ein zerwühlter Flokati mit einem normalen und einem Fransenohr. Wahrscheinlich hatte er in der Nacht mal wieder Ärger mit den anderen Jungs im Revier gehabt, dachte Jana, oder was er sonst so trieb – seine Wege waren für sie alle unergründlich.

Okay, zu Hause hatte sie alles erledigt – zumindest bis auf das Fenster. Und im Büro? Sie hatte die Pressemitteilungen zur Balkonbepflanzungsschau der Versuchsanstalt verschickt und sie hatte die Anfragen der Hobbygärtner beantwortet. Alles war glatt gegangen. Na ja fast alles, denn einen ihrer „Patienten« hatte sie vor ihrer tobenden Kollegin Christa retten müssen, weil der Mann die Damentoilette benutzt hatte, die zwischen ihren beiden Büros lag, und die Brille nicht hochgeklappt hatte. Ja, so wie das Klo danach aussah, hatte er wirklich verdient, geschimpft zu werden, aber doch nicht, dass man ihn mit den faulen Tomaten bewarf, die ein anderer ihrer „Patienten« zur Krankheitsbestimmung mitgebracht hatte.

Es war alles in allem ein normaler Freitagvormittag gewesen, dachte Jana. Am Ende hatte sie den Anrufbeantworter im Büro eingeschaltet und war auf ihrem roten Fahrrad von der Versuchsanstalt quer durch Freising zum Bahnhof geradelt. Sie hatte den Regionalzug nach München kurz nach Mittag gerade noch erwischt und dadurch genug Zeit gehabt in der Schillerstraße – der Computermeile Münchens – die neuen Druckermodelle zu begutachten und beim Türkenladen in der Goethestraße Berge von frischem Obst und Gemüse einzukaufen.

Okay, alles abgehakt. Sie war startklar fürs Wochenende, dachte Jana. In einer Stunde würde Jay sie in Prien vom Zug abholen und sie würden zusammen zur „Mahalo« fahren. Mahalo war Jays kleine Segeljacht und sie lag diesen Sommer in Breitbrunn am Chiemsee vor Anker. Jay wollte vor seinem nächsten größeren Törn auf dem Meer einige Reparaturen vornehmen und ein Freund hatte ihm den Liegeplatz für den Sommer zur Verfügung gestellt.

Wunderbar. Sie würden endlich mal wieder ein ganzes Wochenende für sich haben. Jana genoss die Gedanken daran, was sie tun würden: Segeln, schwimmen, gemeinsam kochen und – die Vorfreude ließ sie unwillkürlich die Schenkel zusammenpressen – sich ausgiebig einander widmen. Und wenn Jay an dem Wochenende zwischendrin mal an seinem Boot rumschmirgeln oder fischen wollte, dann wäre ihr das auch recht, dann würde sie an ihrem Gartenbuch weiter schreiben. Block und Bleistift und einige Unterlagen hatte sie dabei – später zu Hause würde sie ihre geistigen Ergüsse dann in ihren geliebten Notebookcomputer übertragen. Eigentlich hatte sie sich extra einen tragbaren Computer gekauft, um ihn überall hin mitnehmen zu können, aber dann hatte sie festgestellt, dass sie viel zu viel Angst hatte, ihrem Augapfel könnte unterwegs was passieren. Sie erfreute sich lieber zu Hause daran.

Ach, das Leben war so schön. Es war noch gar nicht lange her, da hätte sie sich nicht vorstellen können, wieder einen Mann in ihr Leben zu lassen, sie hatte zu oft Pech gehabt. Doch dann war Jay gekommen. Eigentlich hieß er Jürgen Bergmeister, er war der ermittelnde Kommissar gewesen, als letztes Jahr in ihrem Büro eine Frau ermordet worden war. Auf verschlungenen Wegen hatten sie den Mordfall gemeinsam gelöst und seitdem waren sie ein Paar.

Ein Liebespaar, dachte Jana froh.

Gefallen hatte er ihr ja von Anfang an – die dunklen Augen, die manchmal undurchdringlich schienen, aber wenn er sie ansah, weich und warm wurden; sein kantiges Gesicht, das Stärke ausstrahlte, aber um Augen und Mundwinkel Verletzlichkeit und Mitgefühl erkennen ließ. Bei einem anderen hätte die aufrechte Haltung und die sichere Art vielleicht arrogant gewirkt, aber mit seinen meist kreuz und quer stehenden, schwarzen Haaren und dem Dreitagebart sah er eher aus, wie ein Held, der sich nach einem harten Kampf die Ruhe an eines Weibes Brust verdient hatte.

Er hatte ausgesehen, wie der Mann ihrer Träume. Doch zu dem Zeitpunkt, als sie ihn traf, hatte sie keine Träume mehr gehabt, was Männer anging. Aber Jay hatte nicht locker gelassen und um sie geworben. Sein aufrichtiges, einfühlsames Wesen, seine spezielle Mischung aus Stärke und Sanftheit und seine Entschlossenheit, mit der er um ihr Vertrauen geworben hatte, hatte letztendlich ihr Herz wieder geöffnet.

Die letzten fünfzehn Monate waren wunderschön, seufzte Jana, ihre Beziehung hatte sich innig und liebevoll entwickelt. Wahrscheinlich gerade weil sie nicht zusammen wohnten und nicht ständig zusammenhingen, überlegte sie, sondern sich gegenseitig Zeit und Raum ließen.

Ja, das Leben war wunderbar, so wie es jetzt war, fand sie. Der Zug nahm Fahrt auf und sie lehnte den Kopf ans Fenster, die Häuser flogen vorbei. Und wenn es nach ihr ginge, sollte es immer so bleiben.

Jay lehnte mit dem Rücken an einer Werbetafel für Rasensprenger auf dem Bahnsteig in Prien. Der Bahnhof war klein, denn auch Prien war eine kleine Stadt am Westufer des Chiemsees, und mit ihm warteten nur ein paar wenige Touristen, die einen Ausflug mit dem Zug nach Traunstein machen wollten.

Jay trug ein weißes, kurzärmeliges T-Shirt und eine hellbraune Denim-Jeans, die von einem Ledergürtel auf seinen schlanken Hüften gehalten wurde. Er stand so still, dass er beinahe mit dem idyllischen Gartenbild hinter ihm verschmolz. Man sah dem Mann mit den markanten Gesichtszügen und dem scheinbar entspannten Gesicht nicht an, dass er für die Mordkommission in Erding arbeitete und seine Gedanken um den Fall kreisten, mit dem seine Abteilung diese Woche beschäftigt gewesen war. Nur wer genau hinsah, bemerkte, wie er ab und zu die Fäuste ballte und seine Augen sich dann zu Schlitzen verengten.

Als der Zug aus München mit einem schrillen Quietschen in den Priener Bahnhof einfuhr, verscheuchte Jay die Gedanken an seine Arbeit. Dieses Wochenende gehörte Jana und ihm, schwor er sich, dieses Wochenende würde frei von Mord und Totschlag sein.

Die Türen des Zuges öffneten sich und Menschen quollen heraus. Die meisten kamen gerade von der Arbeit aus München. Seine Augen suchten den Bahnsteig nach ihr ab. Als er Jana etwas weiter hinten aussteigen sah, stieß er sich von der Tafel ab und ging ihr entgegen. Er sah, wie sie ihn auch erkannte, wie sie lachte und wie ihre türkisgrünen Augen leuchteten. Er konnte gar nicht genug davon haben, dachte er und ein Lächeln vertrieb den undurchdringlichen Gesichtsausdruck von vorher.

„Schön, dass du da bist«, strahlte er. Er freute sich so sehr auf das Wochenende mit ihr, auf Gespräche, das Beisammensein und darauf, sie endlich wieder in den Armen halten zu können.

„Hi du, ich bin auch froh, endlich hier zu sein. Die Hitze in der Stadt war so anstrengend.«

Er strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht, die sich gelöst hatte, und beugte sich zu ihr, um sie zu küssen. Als er fühlte, wie sich ihre weichen, vollen Lippen unter den seinen leicht öffneten, zog er sie an sich und vertiefte den Kuss.

Er musste sich zwingen, sie wieder loszulassen. Ja, er war verrückt nach ihr, und ihr Blick, mit dem sie gerade wieder in die Wirklichkeit zurückkehrte, sagte ihm, dass sie genauso verrückt nach ihm war. Sie war das Glück seines Lebens, das zweite Glück.

Fünf Jahre hatte er gebraucht, bis er den Tod seiner ersten Frau überwunden hatte. Sie war bei der Polizei gewesen, so wie er, und ein Bankräuber hatte sie erschossen, weil sie ihm bei der Flucht im Weg gewesen war. Jay hatte lange nicht für möglich gehalten, dass er ihren Tod jemals überwinden würde. Doch letztes Jahr war er Jana begegnet und ihre zwei verletzten Seelen hatten sich erkannt. Janas Reaktion war Flucht gewesen, aber er hatte um sie gekämpft. Nun waren sie seit 15 Monaten zusammen und er war sich längst sicher, dass er mit ihr den Rest seines Lebens verbringen wollte.

Jay nahm Jana den prallen Rucksack mit den Einkäufen ab und schwang ihn über seine Schulter. Mit dem freien Arm zog er Jana zu sich heran und sie schlenderten vom Bahnsteig zum Parkplatz.

Als sie zu seinem Wagen kamen – einem fast schrottreifen, nachtblauen BMW, den er auf dem Parkplatz vor dem kleinen Bahnhof abgestellt hatte – ging Jana zur Beifahrertür, während er ihren Rucksack im Kofferraum bei den anderen Sachen verstaute. Bevor er den Kofferraumdeckel zuwarf, fühlte er nach der kleinen Schatulle mit dem Ring in seiner Tasche und schloss die Augen: Er wollte, dass sie den nächsten Schritt taten. Er betete, dass auch Jana dafür bereit war.

„Wie war es in München?«, fragte er sie, als er ihr die Tür aufschloss.

„Ich habe mich in einen portablen Drucker verliebt«, sagte Jana mit ihrer vollen Stimme, „er ist so klein, dass ich ihn samt Notebook in meinem Rucksack unterbringen könnte. Damit wäre ich vollkommen flexibel und könnte überall arbeiten.«

Jay lächelte still in sich hinein, als er auf der Fahrerseite einstieg. Es gefiel ihm, wie sie ihren Träumen von einem Leben als Autorin und Schriftstellerin nachhing und die ersten Schritte in diese Richtung unternahm. Er wollte unbedingt dabei sein, wenn es soweit war, denn dass sie ihre Träume verwirklichen würde, daran hatte er keinen Zweifel.

„Warum hast du ihn nicht gleich gekauft?«, fragte er, während er den Wagen anließ.

„Ich will erst noch ein paar Computer-Testmagazine durchforsten – herausfinden, ob er wirklich so gut ist, wie er aussieht.«

„Immer auf Nummer sicher«, neckte Jay.

„Nur bei Computern und Männern«, lachte sie zurück und kurbelte ihr Fenster herunter.

Hoffentlich hatte sie ihn lange genug geprüft, dachte er und löste die Handbremse.

Jay setzte den Wagen zurück und fuhr aus der Parklücke heraus. Jana sah ihn von der Seite an, beobachtete die selbstverständliche Art, wie er mit dem Wagen umging, freute sich, dass er so entspannt wirkte. „Irgendetwas an dir ist heute anders, Jay. Was ist es?«

Er lächelte, sagte aber nichts. Er fädelte den Wagen in den Straßenverkehr ein.

„Du bist frisch rasiert! Und das nachmittags um fünf!« Normalerweise lag um diese Uhrzeit ein tiefer Bartschatten auf seinen markanten Wangenknochen und seine Haare standen verwurschtelt von seinem Kopf ab. Sie schnüffelte. „Und du hast Rasierwasser benutzt. Hey, was hast du vor?«

Er drehte kurz den Kopf zu ihr und sie sah Wärme und so etwas wie Schabernack in seinen dunklen Augen. „Ich möchte nur, dass es ein besonders schönes Wochenende wird.«

„Oh, dann hast du dich für mich rasiert?« Sie legte ihm die Hand auf den Oberschenkel, durch den groben Stoff fühlte sie seine Wärme. „Ich freue mich auch auf unser Wochenende.« Sie strich mit der Hand den Oberschenkel ein wenig hinauf.

„Schatz, dann nimm aber lieber die Hand da weg, sonst garantiere ich nicht, dass wir heil bis Breitbrunn kommen.«

„Na gut.« Sie tat so, als schmollte sie und zog die Hand zurück. Sie sah lächelnd aus dem Fenster. Sie folgten der Straße aus dem Ort heraus, es waren nur wenige Kilometer über die sanften Hügel des Chiemgaus mit Feldern und Wiesen, die von kleinen Waldstücken unterbrochen wurden, hin nach Breitbrunn, einem Dorf, dessen Häuser sich wie hingestreut auf den Hügeln am Nordufer des Chiemsees verteilten.

„Jetzt weiß ich, was ich vergessen habe, Jay. Milch für unseren Kaffee.«

„Soll ich am Supermarkt halten?«

Jana krauste die Nase. „Da ist um diese Zeit so viel los. Ich geh lieber vom Jachthafen aus vor zum Restaurant, die werden mir bestimmt eine Dose leihen oder verkaufen.«

Zehn Minuten später trugen sie ihr Gepäck und die Einkäufe vom Parkplatz zu dem kleinen Jachthafen. Der Hafen selbst bestand aus mehreren Stegen, an denen die Boote nebeneinander entweder bug- oder heckseitig festgemacht waren. Sie gingen den zweiten Holzsteg bis zum Ende vor, wo die „Mahalo« als letztes Boot auf der rechten Stegseite vor Anker lag, und stellten die Taschen, Kartons und den Rucksack ab. Für den Chiemsee war die „Mahalo« mit ihren fast zehn Metern Länge eine große Jacht. In Monte Carlo, Marbella oder Key West würde man sie wohl mit einem Beiboot verwechseln.

Jana breitete die Arme aus, um sich von der leichten Brise, die sanft über den See strich, umspielen zu lassen. Jay trat hinter sie und zog sie an sich, sodass sie aneinander gelehnt standen und den weiten Blick über den See zu den Bergen genossen. Der Himmel war tiefblau und wolkenfrei, er versprach Sommer, Sonne und Unbeschwertheit für das Wochenende. Das metallblaue Wasser des Sees war nur mit wenigen Segelbooten weiß betupft, die meisten Wochenendgäste befanden sich noch bei der Anreise. Vor ihnen im See lag majestätisch Herrenchiemsee, die größte der drei Inseln im „Bayerischen Meer«, wie der See auch genannt wurde. Im Hintergrund, im Süden des Sees, ragten klar und steil die Gipfel der Alpen.

„Ist es nicht wunderschön hier?« sagte Jana leise. Unter ihnen schlug das Wasser mit einem sanften Klatschen gegen den Steg.

Jay antwortete nicht, sondern zog sie fester an sich und lehnte seine Wange an ihr Haar. Er mochte es, dass sie sich jedes Mal aufs Neue an der Natur erfreuen konnte.

Schließlich küsste er sie in die Beuge zwischen Hals und Schulter und löste sich. „Komm, lass uns einladen, damit wir bald aufbrechen können.«

Mit einem Satz war er über das Geländer am Bug der Jacht, mehr gesprungen als geklettert, und stand auf dem Vordeck – auf seine sichere Art, der man anmerkte, dass ihm schwankende Bootsplanken unter den Füßen so vertraut waren wie anderen Leuten die feste, ebene Erde. Jana sah ihm zu, wie er die blaue Plane, mit der das Boot abgedeckt war, entfernte. Es gefiel ihr, wie er sich bewegte, wie er alles mit sicherem Griff anpackte und wie sich seine Schultern unter dem leichten T-Shirt abzeichneten. Seine Figur war die eines Athleten, muskulös ohne massig zu sein. Sie wusste, er joggte regelmäßig nach der Arbeit auf den Feldwegen in der Nähe seiner Wohnung in Unterschleißheim und das Segeln hatte seinen Oberkörper gestählt. Jana dachte an die Kilos, die sie abnehmen wollte, und seufzte.

„Hallo, Schatz. Erde an Jana. Bitte gib mir die Sachen rüber.« Jays Stimme holte sie aus ihren Gedanken.

„Ich habe gerade daran gedacht, dass ich abnehmen will und dass ich wieder mehr Sport machen muss«, sagte sie und hievte einen Karton hoch, um ihn über das Geländer zu reichen.

„Dein Blick wirkte aber eher so, als hättest du Hunger und als hätte ich etwas damit zu tun, den zu stillen«, grinste Jay und nahm ihr den Karton mit Vorräten aus der Hand.

„Das auch«, gab sie zu. Verdammt, warum wurde sie jetzt rot, schließlich waren sie lange genug zusammen. „Aber im Ernst, Jay. Ich merke, dass ich körperlich wieder in einem Kreislauf von Faulheit und Unzufriedenheit bin. Ich brauche mehr Bewegung. Ich muss mich wieder mehr auspowern, mehr Kalorien verbrennen – abnehmen.«

„Du darfst dich gerne nachher mit mir auspowern.«

„Hey, ich betreibe doch Sex nicht als Sport«, rief sie.

„Wer redet denn von Sex«, grinste er. „Ich jedenfalls rede davon, dass wir nachher noch schwimmen gehen könnten.«

Ein Geräusch schräg hinter ihr ließ Jana sich umdrehen. Ein Kopf mit kurz geschorenen, grauen Haaren und einer energischen Nase tauchte aus der Kajüte eines schräg gegenüberliegenden Bootes auf, er gehörte einem älteren Segler, der sie neugierig musterte. Er hatte sich ihnen vor ein paar Wochen als Dieter Reschke vorgestellt. Sie grüßten ihn höflich, dann drehte sich Jana zu Jay zurück. „Verdammt«, zischte sie. „Immer legst du mich mit solchen Tricks rein und ich steh als die Sexbesessene da.«

Er lachte und hob unschuldig die Arme.

Jana gab Jay die restlichen Taschen mit Klamotten, Bettzeug und Vorräten hinüber, dann packte sie sich ihren Rucksack auf den Rücken und kletterte vorsichtig über das Geländer auf das Boot. Sie liebte das Wasser, aber sie war nicht wirklich mit dem Leben an Bord eines Bootes vertraut. Jay versuchte ihr, seitdem sie sich kannten, das Segeln und seine Fachbegriffe beizubringen, ohne viel Erfolg. Sie war gerne beim Segeln dabei – zumindest für ein paar Tage oder mal eine Woche – aber das Handhaben von Tauen und Leinen überließ sie gerne ihm. Nur wenn es geradeaus ging und kein anderes Boot auf ihrer Route lag, erklärte sie sich bereit, mal das Ruder zu übernehmen. Trotzdem genoss sie das Segeln, saß gerne bei voller Fahrt vorne auf dem Vordeck und schaute über das Wasser oder wie der Bug das Wasser unter ihr durchschnitt, während ihr der Wind die Haare aus dem Gesicht blies. Doch genauso liebte sie es, wenn sie irgendwo vor Anker lagen, wenn das Boot leise vor sich hindümpelte und die Fallen im Wind mit einem hellen Pling-Pling gegen den Mast schlugen.

Jay hatte einen Teil des Gepäcks gleich nach hinten getragen. Er schloss die Tür zur Kajüte auf und ging den Niedergang hinunter in den Rumpf. Dort öffnete er alle Fenster, um die abgestandene Luft hinauszulassen. Jana trug inzwischen die restlichen Taschen einzeln vom Vordeck nach hinten und dann den Niedergang hinunter in den Wohnbereich der Jacht. Der Salon war klein, aber gemütlich. Die Wände, Decken und der Kartentisch waren aus honigfarbenem Holz. Die Polsterung der Sitzbänke an den beiden Seitenwänden und die Vorhänge vor den Fenstern leuchteten in blauem Leinen mit Muscheln und Seesternen darauf. Zwischen den Sitzbänken im Mittelteil gab es auch einen Tisch, der jetzt jedoch zusammengeklappt war.

Jay nahm die Taschen mit den Bade- und Anziehsachen und brachte sie in die Kabine am Heck. So hatten sie in ihrem Schlafraum im Bug des Schiffes mehr Platz.

„Stell deinen Rucksack mit den Essensvorräten einfach in die Pantry, ich räume ihn dann aus und mache das Schiff klar, während du die Milch holst«, sagte Jay.

„Pantry?«

„In die Küchenecke«, lachte er kopfschüttelnd.

„Ist gut.« Jana stellte ihren Rucksack auf die Ablage neben dem Herd. Dort stand auch schon eine Kühltasche, die Jay mitgebracht hatte.

„Wo fahren wir denn hin?«

„Ich dachte, wir kreuzen erst ein wenig und ankern dann irgendwo zum Schwimmen und Essen.«

„Bei einem Biergarten?«

„Ich habe was zum Essen mitgebracht. Ich dachte, wir ankern irgendwo, wo es ruhig ist und wo wir ungestört sind.«

„Du hast was vorbereitet?«

„Ja, schon gestern Abend.« Er zeigte auf die Kühltasche auf der Ablage. „Und zwar so, wie du es magst: lecker und würzig, aber fettarm.«

Sie staunte ihn an. „Manchmal bist du mir richtig unheimlich, so toll bist du.« Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange und machte sich auf den Weg zum Restaurant an der Badewiese, um dort Milch zu holen.

Jana lief auf dem Bootssteg landeinwärts. Links und rechts vom Steg standen die Boote Seite an Seite, die meisten Rümpfe mit einer Plane bedeckt, das Wochenende hatte ja gerade erst angefangen. Einige Plätze waren leer, sah Jana, die waren wohl schneller als sie gewesen und bereits auf dem See unterwegs.

Jana folgte dem Uferweg in Richtung der großen Badewiese, die einen guten Kilometer entfernt im Westen lag und wo es ein Restaurant gab. Es war ein schöner, größtenteils von Bäumen beschatteter Weg. In einiger Entfernung vor ihr ging ein älteres Ehepaar, das einen kleinen, weißen Terrier spazieren führte. Ab und zu wurde sie von Fahrradfahrern überholt.

Jana hing ihren Gedanken nach, während sie ging, sie war ein wenig K.O., es war ein langer Tag gewesen und die Hitze in der Stadt hatte sie geschafft. Zu ihrer Linken lag der Chiemsee, der an dieser Stelle im Sommer jedoch fast vollständig durch hoch aufgeschossenes Schilf verdeckt war, nur an wenigen Stellen führten kleine Wege durch das Schilf zu Buchten mit Kiesstrand oder zu Bootsstegen. Die meisten dieser Wege waren allerdings in Privatbesitz und mit Kette und einem Schild „Privatweg« versperrt. Während sie ging, bewunderte Jana die schönen Villen und großzügigen Gärten zu ihrer Rechten. Die meisten Häuser waren weiß verputzt, mit einem roten Ziegeldach, die Balkone waren aus dickem Holz mit Kaskaden von Geranien geschmückt, manche der riesigen Gärten waren offen einzusehen, andere waren durch Hecken und dichtem Baumbestand vor neugierigen Blicken geschützt. Hier zu wohnen, würde ihr auch gefallen, dachte sie, wenngleich sie bunte Sommerblumen gegenüber Geranien bevorzugte, und auch lieber wilde Gärten als die geleckten Teppiche, die sie um manche Häuser sah, mochte. Besonders ein Haus hatte es ihr angetan, es war schon älter, aber gut in Schuss, hatte dicke Mauern und mehrere Türmchen und Erker, es lag auf einem Hügel, ein kleines Stück nach hinten gesetzt – sie stellte sich vor, was für einen herrlichen Ausblick man von dort über den ganzen See haben müsste – und von Wasser – sei es Meer, See oder Fluss – konnte sie gar nicht genug haben, das hatte sie mit Jay gemeinsam.

Plötzlich hörte sie eine gedämpfte Männerstimme links von ihr etwas rufen. Ein anderer antwortete. Sie wandte den Kopf in die Richtung und sah einen Mann in einiger Entfernung auf einem der Privatwege zwischen den hohen Halmen stehen. Der Mann hatte krauses, schulterlanges Haar, das er mit Gel nach hinten frisiert hatte, er trug enge Bluejeans, weiße Cowboy-Stiefel darüber und ein eng anliegendes buntes Hemd. Er hatte ihr halb den Rücken zugewandt, also sprach er wohl mit jemandem, den Jana wegen des Schilfes nicht sehen konnte. Er musste sie aus den Augenwinkeln bemerkt haben und drehte sich zu ihr um. Für einen Augenblick trafen sich ihre Blicke. Ihr fiel auf, dass der Mann einen dichten Schnauzbart trug und seine Augen klein, fast stechend, waren.

Sie ging weiter und überholte das Ehepaar mit dem kleinen Terrier, die sie freundlich zurückgrüßten, als sie ihnen zunickte.

Wenig später erreichte sie das kleine Blockhaus der Wasserwacht und dahinter die Badewiese, oberhalb derer das Restaurant lag. Auf der großen Wiese am See spielten ein paar wenige Kinder, eine ältere Frau mit Badekappe und dunkelblauem Badeanzug ging gerade von der Wiese aus über den Kiesstreifen ins Wasser. An einem der Bäume auf der Wiese lehnten ein paar Fahrräder, sie gehörten wohl zu den Jugendlichen, die sich gegenseitig auf dem verankerten Holzfloß etwa zwanzig Meter vom Ufer entfernt im See ihre Sprungkünste vorführten. Jana hörte das laute Platschen und das Wasser flog wie eine Fontäne, wenn einer von ihnen mit angezogenen Beinen ins Wasser sprang. Wieso gibt es die Disziplin Wasserbombe eigentlich nicht bei der Olympiade, fragte sich Jana gut gelaunt.

Jana ging zum Restaurant hinauf. Es waren kaum Gäste in der Gaststube und auf der Terrasse, um diese Zeit zogen sich viele Urlauber für das Abendessen um. Der Besitzer des Restaurants war nicht da und die blonde, toupierte Kellnerin musterte Jana skeptisch, schließlich verkaufte sie ihr aber eine Dose Milch.

Als Jana zehn Minuten später zurück zum Jachthafen kam, hielt sie inne, als sie das öffentliche Telefon sah, das dort von einem Kunststoffdach geschützt an der Wand des Jachtklub-Gebäudes hing. Nur fünf Minuten, versprach sie sich, als sie ein paar Münzen in den Schlitz steckte und die Nummer ihrer Freundin Juli in Rom wählte.

„Pronto!« Es war Julis helle, klare Stimme. Vor ihrem geistigen Auge sah Jana den blonden Wuschelkopf ihrer besten Freundin, die seit ein paar Jahren in Rom bei ihrem Freund lebte und dort als Krankenschwester arbeitete.

„Hi Juli, ich bin’s – Jana. Ich bin gerade an einem Telefon vorbeigekommen und konnte nicht widerstehen. Wie geht’s dir?«

„Heiß in jeder Hinsicht, kann ich dir sagen. Ich stehe hier beim Bügeln mit den Füßen in zwei Eimern mit kaltem Wasser, um diese Affenhitze auszuhalten. Und …«

„Ist das nicht gefährlich? Was ist, wenn dir das Bügeleisen aus der Hand rutscht und ins Wasser fällt?«

„Gekochte Füße?«, lachte Juli. „Oder meinst du, es passiert dasselbe wie mit dem Fön in der Badewanne? Ach was, reg dich nicht auf. Ich stehe doch ganz dicht vor dem Brett.«

Jana war nicht wirklich beruhigt. Aber wenn Juli lachte, dann war das einfach ansteckend.

„Und sonst, wie geht’s dir sonst, Juli?«

„Du bist die Erste, die es erfährt, ich wollte dich sowieso dieses Wochenende noch anrufen: Amerigo und ich werden heiraten!«

„Was? Aber wieso denn?«

„Hey, was ist das denn für eine Antwort? Solltest du uns nicht gratulieren?«

„Aber klar, Juli. Du weißt, ich wünsche dir alles Glück dieser Erde. Und Amerigo natürlich auch. Ihr seid ein tolles Paar.«

„Danke dir. Ja, wir haben unsere Krisen gehabt und überwunden und wir sind einfach sicher, dass wir für immer zusammen sein wollen, in guten wie in schlechten Zeiten und all das. Habt ihr – du und Jay – noch nie übers Heiraten gesprochen?«

„Nein! Wieso auch, wir sind noch nicht so lange …« Oh Gott, hoffentlich kam Jay nicht auf so eine Idee. Sie war noch nicht so weit. Oder?

„Also komm. Ihr seid jetzt auch schon über ein Jahr zusammen. Inzwischen hast du deine Bindungsängste doch überwunden.« Hatte sie das?

„Ich ... weiß nicht. Ich bin, ehrlich gesagt, froh, dass ich mir über solche Dinge noch keine Gedanken machen muss.«

Nach dem Gespräch mit Juli rief Jana ihre eigene Telefonnummer in Freising an. Paul, der eine ihrer beiden Mitbewohner, kam an den Apparat. Paul hatte sich vor einiger Zeit als Landschaftsarchitekt selbstständig gemacht und arbeitete oft zu Hause.

„Ja, das Fenster war tatsächlich offen. Ich habe es vom Garten aus gesehen und bin in deine Wohnung, um es zu verschließen. Nun rate mal, wer fett und breit in dem Wäschekorb auf der frisch gewaschenen Wäsche lag?«

Jana stöhnte. Der Kater. Sie konnte es förmlich vor sich sehen, wie er sich siegessicher mit seinem Macho-Gehabe auf der Wäsche streckte, als er entdeckt wurde – jedenfalls machte er das bei ihr immer so. „Irgendwann gebe ich ihn zur Adoption frei«, schimpfte Jana. Aber eigentlich war es ja ihre Schuld, sie hätte das Fenster nicht auflassen sollen.