Leben in Aquisgranum - Reinhard Mäurer - ebook

Leben in Aquisgranum ebook

Reinhard Mäurer

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Opis

Der Christoffel berichtet über das Leben der Menschen in Aachen in vielen Facetten des Lebens - wie sie leben, wovon sie und mit wem sie leben, aber auch wie sie leiden vom Spätmittelalter bis zum Ende 18. Jahrhundert. Diese Zeit, häufig als düster und brutal geschildert, ist aber auch eine innovative Zeit und wenn sie beim Lesen eine Brille benötigen, dann tragen sie das Mittelalter auf der Nase. Und auf dem Weg durch die Stadt werden die "Bürgersteige hochgeklappt", wird "die Kurve gekratzt", "blau gemacht" , "nichts auf die lange Bank geschoben" und Vorsicht "der Hexenschuss" kann jeden an vielen Orten treffen - so manches geflügelte Wort wird fallen. Berichtet wird von der Entstehung einer (mittelalterlichen) Stadt der Händler und Gewerbetreibenden und ihren Zünften. Das Handwerk hat auch in Aachen "goldenen Boden", wie die Arbeit der Tuchmacher, Nadler, Kupferschläger, Glockengießer, Bäcker u. a. zeigt, auch die Bader und Wundärzte sind Handwerker, lassen sich nieder und heilen auf manch schmerzvolle Weise. Die Aachener Heiligtumsfahrt bringt nicht nur die Pilger in die Stadt, sie ist auch ein Wirtschaftsfaktor. Aachen - die Stadt des Wassers, die zum Kurort wird. Kaiser, Könige und Fürsten, Päpste, Schwärmer und Schwindler. Die Kurgäste bringen aber nicht nur viel Geld in die Stadt, sie bringen auch Krankheiten mit wie die "galante" Krankheit; gefürchtet und hochansteckend. Aachen - die Krönungsstadt deutscher Könige. Warum eigentlich in Aachen? Und die gekrönten Häupter wissen zu feiern ... Der "schwarze Tod" bedroht die Existenz der Stadt und das Leben der Menschen.

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Reinhard Mäurer

Leben in Aquisgranum

Meyer & Meyer Fachverlag & Buchhandel GmbH

Inhaltsübersicht

WidmungDankwort1 Der Christoffel2 Rückblick – das Aachener Reich und seine Nachbarn3 Stadtleben3.1 Das Stadtrecht3.2 Die Aachener Gerichtsbarkeit3.3 Der Rat und die Zünfte3.4 Die Geldwirtschaft und die Lombarden3.5 Die Königskrönungen3.6 Der Aachener Frieden von 17484 Die Reformationszeit5 Leben in Aachen5.1 Kleine Geschichte des Aachener Tuchhandwerks5.2 Tuchmacher und Tuchfärber5.3 Die Kupfermeister und Kupferschläger5.4 Die Nadelhersteller6 Der Universalmotor des Mittelalters6.1 Die Aachener Bäche und Mühlen7 Sakrales Leben7.1 Ultreja Aachen – die Aachener Heiligtumsfahrt und der Weg nach Santiago de Compostela7.2 Die Heiligtumsfahrt nach Kornelimünster7.3 Das Aachener Fronleichnamsfest8 Der Stadtbrand von 1656 – das Ende?9 (Ehe-)Leben in Aachen10 Kurleben – ein Neuanfang mit Heilung und Laster10.1 Die Heilkunst10.2 Ein Abstecher zur Laube der Bäcker11 Ein anderes Leben? Die Freimaurer12 Leidvolles Leben in Aachen12.1 Der „Schwarze Tod” bedroht die Existenz der Stadt12.2 Die Hexenprozesse in Aachen12.3 Was für Schurken ...13 Das Ende der Reichsstadt14 Ausblick15 Literaturverzeichnis zum Weiterlesen

Für Stefanie und Thomas

Dank

Geschafft - waren meinen ersten Gedanken nach Fertigstellung des Buches. Spannung und Vorfreude auf das Erscheinen des Buches begleiteten die nachfolgende Zeit und auch den ein oder anderen Moment des Zweifels: alles richtig gemacht, nichts vergessen... Wer macht schon alles richtig? In diesem Sinne bitte ich meine Kritiker um ein mildes Urteil.

Einen Dank richte ich vor allem an die MitarbeiterInnen des Meyer & Meyer Verlages, vor allem Herr Wieser, Herr Martin Meyer, Herr Morschel, Frau Deutz, Frau Bienert die mit erkennbarer (!) Zuversicht mir die notwendige Sicherheit gaben und mich unterstützt haben mit Rat und Tat, mit grafischer Arbeit. Ebenso ein Dank an meine Lektorin Frau Dr. Jaeger. Der Sammlung Crous, Aachen, sei für das Überlassen von Grafiken gedankt.

Schließlich danke ich den Menschen, die mich in dieser Zeit mit konstruktiver Kritik und so manchem Verzicht begleiten haben und Verständnis zeigten, wenn ich wieder mal keine Zeit hatte. Das ändert sich wieder und das sei mit einem kleinen Augenzwinkern begleitet.

Reinhard Mäurer

1 Der Christoffel

Reginhart, Christoffel

Aachen wird wahrscheinlich schon im 13. Jahrhundert in neun Grafschaften, heute würde man Stadtteile sagen, eingeteilt. Die Grafschaften werden nach dem jeweils zugewiesenen Stadttor benannt. Im 14. Jahrhundert (1338) heißen diese Grafschaften: Kölntorgrafschaft, St. Adalbertgrafschaft, Hardewin- oder Wirichsbongardgrafschaft, Burtscheidertorgrafschaft, Scherptorgrafschaft, St. Jakobsgrafschaft, Königstorgrafschaft, Ponttorgrafschaft und die Neutorgrafschaft. Die Namen änderten sich mehrfach.

Der Anführer einer Grafschaft ist der Christoffel; vom lateinischen comesstabulus. Der Volksmund macht daraus den Korstavelts, Kerstavels, den Christoffel – wohl auch eine Wortzusammenziehung aus Torwächter und dem hl. Christopherus, dem Schutzpatron der Reisenden. Es hat ursprünglich mehrere „Beamte“ in den Grafschaften gegeben. Ihre Amtszeit betrug ein Jahr.

Es sind durchaus angesehene Persönlichkeiten, wie Werkmeister oder ehemalige Bürgermeister, die zum Christoffel einer Grafschaft gewählt oder per Los bestimmt werden. So ist Wilhelm Colyn, Mitglied der Sternzunft, nicht nur mehrfach Bürgermeister und Schöffe gewesen, sondern wurde auch 1521 und 1526 zum Christoffel der Rostorgrafschaft ernannt. Jakob Colyn war in den Jahren 1368, 1371, 1376 und 1379 Bürgermeister und wurde 1349 und 1364 zum Christoffel der Jakobstorgrafschaft gewählt. Sein Leben nimmt jedoch ein unrühmliches Ende – am 23. August 1381 wird er von einem bis heute unbekannten Täter in der Jakobstraße ermordet. Und noch ein Jakob Colyn war Bürgermeister und Christoffel, auch Jakob Colyn am Markt genannt, war gleichfalls Bürgermeister und Schöffe der Reichsstadt Aachen und 1364 Christoffel der Ponttorgrafschaft.

Der Christoffel hat die Torschlüssel für das Stadttor seiner Grafschaft. Er gibt die Brandeimer aus, verwahrt die Laternen und alle sonstigen Löschgeräte. Bei ausbrechenden Bränden, bei Aufruhr und Zusammenrottungen versammeln sich die Bürger und Einwohner einer Grafschaft um ihren Christoffel.

Die Aufgaben des Christoffels wuchsen offensichtlich mit der Stadt und dem Bau ihrer Stadtmauern. Der Christoffel ist ursprünglich für den Unterhalt der Stadtmauer und deren Verteidigung zuständig; hierfür bekommen die Grafschaften eigene Budgets, über deren Verwendung gegenüber dem Rat Rechenschaft abzulegen war. Eigentumfreies Land konnte eingezogen werden und dann – natürlich gewinnbringend – verkauft werden.

Der erste Aachener Gaffelbrief (1450) legt fest, dass die Stadt von einem Kleinen und einem Großen Rat regiert wird. Der Kleine Rat setzt sich zusammen aus zwei Bürgermeistern (dem Schöffenbürgermeister und dem Bürgerbürgermeister), zwei Ratsherren aus jeder der 11 Zünfte, zwei Schöffenmeistern, einem Kanzler, zwei Kurschöffen, zwei Werkmeistern und den neun Christoffeln. Zum Großen Rat kommen wir dann später noch. Im Laufe der Zeit erledigt der Christoffel mehr und mehr Verwaltungsaufgaben, wie z.B. die Schlichtung von Streitigkeiten innerhalb der Grafschaft, und gehört seit dem 16. Jahrhundert auch dem Kurgericht an. Die Aufgaben des Gerichts sind in der Kurgerichtsordnung festgelegt; es urteilt über Vergehen wie Körperverletzung, vor allem mit Todesfolge, sowie öffentliche Beleidigungen.

In die Grafschaftsbücher (1456) werden die Grundstücke und deren Eigentümer zur Wahrung ihrer Rechte eingetragen; eine Art Katastereintrag, in dem dann auch Veränderungen vorgenommen werden.

In den Grafschaften werden Wachtrupps zusammengestellt, Steuern vereinnahmt, Einquartierungen festgelegt und die Einwohnerzählung vorgenommen.

Mit der Entwicklung der Feuerwaffen ändert sich dann der Wirkungskreis der Christoffel. Die Waffentechnik und die Spezialisierung des militärischen Personals führt dazu, dass die Christoffel nur noch mit Verwaltungs- und Gerichtsaufgaben befasst sind. Dem Raths- und Staatskalender 1786 ist zu entnehmen, dass in jeder Grafschaft Stadtoffiziere, je ein Hauptmann, ein Leutnant und ein Fähnrich, und Militäroffiziere mit drei Kompanien (darunter auch eine Nachtwächterkompanie) die Sicherheit an der Stadtmauer übernehmen. Die Verwaltung der Grafschaften liegt jetzt in den Händen der Stadtoffiziere. Der Wachdienst wird von den Militäroffizieren und der Bürgerschaft übernommen und der Christoffel übernimmt Aufgaben im Kurgericht.

Über viele Jahrhunderte, bis die Stadt von französischen Truppen Ende des 18. Jahrhundert besetzt wird, bleiben Grafschaften erhalten und stehen die Christoffel im Dienst der Stadt und der Bürgerschaft.

Ich bin bei meinen Stadtführungen einer von diesen Christoffeln, Reginhart (Ich habe mir erlaubt, meinen Vornamen wie er im 12. Jahrhundert gesprochen und geschrieben wurde, zu wählen).

2 Rückblick – das Aachener Reich und seine Nachbarn

Blick auf Aachen, ein Kupferstich von Merian

Kirche auf dem Salvatorberg (Sammlung Crous, Aachen)

Heute erwarte ich Besuch; Thomas hat sich angesagt und will die Stadt kennenlernen. Wir haben uns auf dem Lousberg verabredet, einem der Hausberge im Norden der Stadt, 265 m hoch.

CHRISTOFFEL:

„Hallo, Thomas, du hast den Weg gefunden?! Ich grüße dich mit Handschlag, eine alte Sitte.“

THOMAS:

„Eine alte Sitte, darüber denke ich gar nicht nach ...“

CHRISTOFFEL:

„Ja, das Zeichen des unbewaffneten Mannes. Zum Gruß wird die rechte Hand erhoben. Dem gegenüberstehenden Mann wird signalisiert: ‚Schau, ich bin unbewaffnet und komme in friedlicher Absicht‘, und in die Hand wird eingeschlagen.“

THOMAS:

„Reginhart, ja, ich habe den Weg gleich gefunden und ein hoher Berg ist der Lousberg auch nicht.“

CHRISTOFFEL:

„Von hier oben hat man einen wunderbaren Blick. Stimmt, hoch ist er nicht. Den bayerischen Besuchern kann ich oft ein Schmunzeln entlocken, wenn ich von Berg rede; immerhin ist er 265 m hoch und stadtgeschichtlich von Bedeutung. In der Steinzeit, vor etwa 5.000 Jahren, haben Menschen hier oben Feuerstein abgebaut, der auch unten im Talkessel zu Halbwerkzeugen weiterverarbeitet und in einem Radius von etwa 280 km gehandelt wird. Der Käufer musste nur noch das Schleifen zu Waffen und Geräten übernehmen.“

THOMAS:

„Auf dem Lousberg steht eine Kirche!?“

CHRISTOFFEL:

„Der Kirchturm steht schon auf dem Salvatorberg, dem direkten Nachbarn des Lousbergs. Von der Stadt führte einst die Salvatorgasse zu dieser Kirche.“

THOMAS:

„Wer hat die Kirche erbauen lassen?“

CHRISTOFFEL:

„Der Nachfolger Karls des Großen, Ludwig der Fromme, lässt zwischen 814 und 818 eine Kapelle bauen. Doch schon einige Jahrzehnte später findet Ludwigs Sohn, Ludwig II. (der erst im 18. Jahrhundert den Beinamen ‚der Deutsche’ erhält), die Kirche in einem ruinösen Zustand vor. Ludwig stiftet Ländereien und unterstellt die Kirche und Land der Abtei Prüm, der Salvator- und Lousberg ‚gehören’ ab jetzt zur Eifel, zumindest hoheitlich.

Otto III. machte das Ganze rückgängig und will ein Benediktinerinnenkloster bauen lassen. Der Klosterplan wird jedoch aufgegeben. Heinrich II.löst die Stiftung Ottos III. auf, schenkt den Salvatorberg und den Lousberg dem Adalbertstift.

Erst gegen Ende des 12. Jahrhundert lassen sich Zisterzienserinnen nieder, die aber schon bald wegen der unwirtlichen Verhältnisse nach Burtscheid umsiedeln. Heinrich III. lässt eine neue Kirche bauen und diese bleibt bis zur Säkularisation 1802 im Besitz des Marienstifts. Eine ganz besondere Verwendung haben französische Truppen für das Gotteshaus. Wegen ihrer exponierten Lage wird sie als Pulvermagazin benutzt. Also entweder richten die Franzosen in unseren Kirchen Pferdeställe ein oder Pulvermagazine.“

(Abermals baufällig präsentierte sich die Kirche Anfang des 19. Jahrhunderts. Stadtbaumeister Josef Laurent plante den Wiederaufbau. Nur Teile des Mittelschiffs und des Turms können noch berücksichtigt werden.

Im Oktober 1944 wurde das Haus durch einen Artilleriebeschuss erneut weitgehend zerstört, wieder aufgebaut und von Oblaten der „Kirche der unbefleckten Jungfrau Maria“ übernommen. Die Patres verließen den Salvatorberg 2010 und übergaben die Anlage an das Sozialwerk Aachener Christen.)

THOMAS:

„Von hier müsste doch das Rathaus zu sehen sein?“

CHRISTOFFEL:

„Ja, nicht nur das! Dom und Rathaus siehst du direkt vor uns. Vorne steht das Rathaus mit Granusturm und Markt- oder Marienturm.“

Der Aachener Dom, vom Katschhof aus betrachtet

Das ehrwürdige Aachener Rathaus

THOMAS:

„Dort stand also die Pfalz Karls des Großen ...! Der Begriff steht für die Residenz Karls des Großen?“

CHRISTOFFEL:

„Ja, auf den Fundamenten der Königshalle, der Aula Regia, wird im 14. Jahrhundert das Rathaus gebaut und der Zentralbau des heutigen Domes, das Oktogon, war die Pfalzkirche, die Marienkirche, die Karl Ende des achten Jahrhunderts hat bauen lassen. Der Begriff Pfalz kommt aus dem romanischen Sprachraum. Rom wurde auf sieben Hügeln errichtet. Einer der bekanntesten Hügel ist der Palatin, dort haben die römischen Kaiser ihre Paläste bauen lassen und aus Palas, Palatium wurde im germanischen Sprachraum die Pfalenza, die Pfalz.

In dieser Kirche werden seit dem 10. Jahrhundert die Könige gekrönt und anschließend in der Königshalle das Krönungsmahl gefeiert. So auch bei Friedrich I. Barbarossa (1152). Barbarossa lässt nicht nur Kaiser Karl den Großen heiligsprechen, sondern stülpt uns auch das Stadtkleidchen über. Das erste Ereignis fand am 29. Dezember 1165 statt, die Stadterhebung am 08. Januar 1166. Zwei ganz wichtige Daten in unserer Stadtgeschichte. So, nun sind wir also ‚Stadt’ – Reichsstadt; dazu später mehr.

1930 wird Aachen wieder Bistum und die Kirche Bischofskirche. Der Dom wird als erstes deutsches Gebäude im März 1978 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes eingetragen. Darauf darf man auch mal stolz sein.“

Aachen, von Burtscheid aus betrachtet (Sammlung Crous, Aachen)

THOMAS:

„Direkt daneben steht noch eine Kirche!“

CHRISTOFFEL:

„Ja, das ist der Kirchturm von St. Foillan.“

THOMAS:

„In unmittelbarer Nachbarschaft zum Dom eine zweite Kirche, warum? Sind die Aachener besonders lauffaul?“

CHRISTOFFEL:

„Nein, das nicht. An dieser Stelle wird Ende des 12. Jahrhunderts eine Kirche gebaut. Ein wesentlich größerer Neubau folgt im 15. Jahrhundert. Die Kirche ist die Kirche der Bürger. Foillan war ein iroschottischer Mönch, der im siebten Jahrhundert ermordet wird. Die einzige Kirche in Deutschland, die den Namen des Märtyrers trägt.

Das zweite noch erhaltene Stadttor, das Marschiertor, siehst du auch von hier aus. Eines der höchsten noch bestehenden Befestigungswerke in Deutschland. Der frühere Name Burtscheidertor führte zum Marschiertor (abgeleitet aus dem lateinischen Namen für Burtscheid – Porcetum).

Ebenso deutlich sichtbar der über 80 m hohe Kirchtum von St. Jakob, eine von Pilgern gern besuchte Kirche. Insbesondere auf dem Weg nach Santiago de Compostela.“

THOMAS:

„Ganz rechts steht noch ein Turm, einsam und verlassen!?“

CHRISTOFFEL:

„Das ist ein Sendeturm, der ‚Mulleklenkes‘, auf der Karlshöhe im Aachener Wald. Das ist sein offizieller Name.“

THOMAS:

„Mulleklenkes, ein seltsamer Name. Erklär mir den, bitte.“

CHRISTOFFEL:

„Im Öcher Platt ist der Klenkes der ausgestreckte kleine Finger, dessen Bedeutung du noch kennenlernen wirst und ‚mullen’ heißt ‚schwatzen, sich unterhalten‘.

Kommen wir noch kurz zu einem anderen Thema: das Aachener Reich, ein gerade mal knapp 9.000 Hektar großes Territorium. Ludwig IV., vom Papst nicht ganz charmant als der Bayer bezeichnet, wird am 25.11.1314 in Aachen zum König gekrönt.

Und so sieht der Mann aus, er gehört selbstverständlich zum Figurenensemble am Rathaus.

Ludwig IV. erneuert und bestätigt 1336 die von Friedrich I. Barbarossa verliehenen Stadtrechte und unterstellt die umliegenden Dörfer und Ländereien der Reichsstadt, von nun an wird auch vom Aachener Reich die Rede sein.

Die Siedlung ist seit ihrer Stadterhebung beständig gewachsen, dem Bau der ersten Stadtmauer ab 1171 (die sogenannte Barbarossamauer, 2,5 km lang) folgt im 13. Jahrhundert der wesentlich längere Bering (ca. 5,5 km lang) und die ‚grüne Stadtmauer’. Der im 15. Jahrhundert angelegte Landgraben markiert das Aachener Reich.“

THOMAS:

„Der Landgraben ist die ‚grüne Stadtmauer‘?“

CHRISTOFFEL:

„Der Landgraben war ca. 70 km lang und ist mit Wällen und Buchen-/Eichenhecken bestückt. Diese Landwehr hat nicht die militärisch-strategische Bedeutung einer Stadtmauer; der Landgraben ist mehr eine Grenzmarkierung.“

Ludwig IV. als Statue am Aachener Rathaus

Überreste der Barbarossamauer – Pontstraße/Driescher Gäßchen

Das Aachener Reich

Auf dem Weg vom Lousberg in die Stadt passieren wir in der Senke das Lousberg-Denkmal; von der Aachener Künstlerin Krista Löneke-Kemmerling 1985 geschaffen.

Die Herkunft des Namens Lousberg ist nicht ganz endgültig geklärt. Vielleicht war namensgebend eine der bekanntesten Sagen in unserer Sagenwelt; so soll es sich zugetragen haben:

Der Teufel zürnt – wieder einmal ist er von den schlauen Aachenern betrogen worden, die versprochene Seele hatte er nicht bekommen. Hatte er ihnen doch mit dem gegebenen Geld die Fertigstellung ihrer Kirche ermöglicht und als Dank wird ihm ein Wolf präsentiert anstatt der erhofften Menschenseele. „Die ärgern mich nie wieder!“, wird er sich gesagt haben und kommt – nach seiner Meinung – auf eine gute Idee. Er läuft zur Küste und holt einen großen Sack Sand. „Ich fülle den Talkessel mit Sand und von den Aachenern wird nie wieder die Rede sein.“, denkt er sich. So seine Vorstellung, gesagt, getan – die Vorfreude wächst. Auf dem Rückweg jedoch verliert er die Orientierung und obwohl er schon kurz vor der Stadtmauer steht, findet er nicht den Weg. Der Teufel trifft in der Soers eine auf dem Feld arbeitende Marktfrau und erkundigt sich nach dem Weg. Er hätte eigentlich schon die Stadtmauer sehen müssen. Die clevere Marktfrau sieht den Pferdefuß und denkt, der ist ja schon wieder da, was führt er dieses Mal im Schilde? Der Teufel fragt: „Liebe Frau, ich habe wichtige Geschäfte in Aachen zu erledigen und finde nicht dorthin. Könnt ihr mir den Weg weisen?“ Die Marktfrau antwortet: „Werter Herr! Ihr seht meine Kleidung, ihr seht meine Schuhe. Ich marschierte in Aachen mit neuen Schuhen los und jetzt sind sie alt und verschlissen und so weit ist der Weg noch bis Aachen. Ihr habt euch da was vorgenommen!“ Der Teufel erkennt die Aussichtslosigkeit seines Unternehmens und wirft den Sack zu Boden, flieht und wird nie wieder gesehen. Dort, wo der Sandsack aufgeprallt ist, dort steht heute – der Lousberg.

Und so sagt der Volksmund: „De Oecher send dem Düvel zu lous.“ Will sagen, der Aachener ist dem Teufel zu schlau ...

Die Kupferstraße führt uns direkt zum Marienturm, Teil der äußeren Stadtmauer, die im 13. Jahrhundert gebaut wurde und rechts über die Ludwigsallee kommen wir zum Ponttor.

THOMAS:

„Warum braucht eine Stadt eine Stadtmauer?“

CHRISTOFFEL:

„Eine Stadt ist ein Stützpunkt und eine Goldgrube für den adligen Stadtherrn. Als Handelszentrum bringt die Stadt Gewinn: Zölle, Steuern und andere Abgaben werden erhoben. Der Stadtherr hat also vor allem ein wirtschaftliches Interesse, seine Stadt vor Angriffen durch den Bau einer Stadtmauer zu schützen. Und ganz wichtig: Damit ist auch der Geltungsbereich des städtischen Rechts festgelegt, die Bürger und Einwohner sind geschützt. Mit ihren Kirchtürmen ist die Stadt von Weitem schon sichtbar und der Ausbau der Stadtmauer war auch Ausdruck des Stadt- und Bürgerstolzes.“

Die Aachener Stadtmauer(n)

Der Granusturm (Sammlung Crous, Aachen)

THOMAS:

„Wann wurde die Stadtmauer gebaut?“

CHRISTOFFEL:

„In Aachen wird im 12. Jahrhundert der erste Mauerring gebaut, die 2,5 km lange Barbarossamauer, von der nur noch Fragmente sichtbar sind. Im 13. Jahrhundert die zweite Mauer, die schon mehr als doppelt so lange zweite Mauer. Die noch existierenden Tore, Marschier- und Ponttor, zeugen von der Größe dieses Berings. 11 Tore kontrollierten den Besuchs- und Handelsverkehr, das Ponttor, Jakobs-, Marschier- und Kölntor (heute Hansemannplatz) sind die Haupttore.

Das Ponttor ist Teil der zweiten Stadtmauer, dessen Name wohl vom lateinischen pons für Brücke abgeleitet ist. Die rechteckige Torburg hat beeindruckende Maße: 19,30 m breit und 13,80 m tief; die Mauerstärke liegt zwischen 2,70 m und 3,70 m. Die dem Stadttor vorgelagerte Barbakane (Vorburg) hat zwei runde Türme. Zwischen dem eigentlichen Stadttor und der Vorburg verläuft der Graben. Deutlich zu sehen sind noch das Fallgitter, die sogenannte Schossporz, und die Pechnasen.

Eine besondere Befestigungsanlage ist die Schanz zwischen Jakobstor und Junkertor (die Straße ‚An der Schanz‘ erinnert noch daran). Diese Zwingeranlage ist erforderlich, da das Gelände zwischen den beiden Toren abfällt und so kann man von der Höhe vor dem Jakobstor über die Stadtmauer in die Stadt schießen. Durch die vorgelagerte Zwingermauer konnte der Bereich gut kontrolliert werden.“

THOMAS:

„Wie wurde die Stadtmauer bewacht?“

CHRISTOFFEL:

„Bis zum Aufkommen der Feuerwaffen war das Wachpersonal mit Bogen und Armbrust bewaffnet. Auf den Türmen wird jeweils eine große Armbrust, auf einem Rädergestell montiert, eingesetzt.

Mit diesen Nothställen, wie diese Waffen genannt werden, können Geschosse mit einem Durchmesser von ca. 20 cm abgeschossen werden, die Reichweite lag bei etwa 300-400 m.

Ende des 14. Jahrhunderts wurden dann die ersten Feuerwaffen beschafft, Kanonen wurden im Zeughaus in der Nähe des Rathauses aufbewahrt. In den unruhigen Zeiten des 14. und 15. Jahrhunderts bedrohen Räubereien und Plünderungen die Stadt und so kommt es zu gegenseitigen Bündnissen:

Ein wichtiges regionales Bündnis ist der Landfrieden Rhein-Maas, der 1351 zwischen den Freien Reichsstädten Köln und Aachen, dem Erzstift Kurköln und Herzog Johann III. von Brabant geschlossen wird. Schon 1254 hatte sich Aachen mit 58 weiteren Städten zum Rheinischen Städtebund zusammengeschlossen, der die Sicherheit und Ordnung im Reich schützen soll. Der mit dem Herzog Wenzel von Brabant 1360 geschlossene Vertrag verpflichtet zur Abstellung von fünf Armbrustschützen, falls das Herzogtum Limburg angegriffen wird. Als Gegenleistung erhalten die Aachener Kaufleute Zollfreiheit im Herzogtum Limburg und Brabant – eine Hand wäscht die andere.“

Das Ponttor

THOMAS:

„Wann wurde die erste Mauer gebaut?“

CHRISTOFFEL:

„Du meinst die sogenannte Barbarossamauer. Endlich 1171 – nachdem die Aachener Bürger sich nach alter Väter Sitte etwas Zeit gelassen hatten, die Geduld Barbarossas auf die Probe stellten und dieser dann die Bürgerschaft zur Eidablegung auf den Bau einer Mauer zwang. Innerhalb von vier Jahren, wird sie gebaut. Barbarossa will damit auch die Krönungsfeierlichkeiten geschützt wissen. In die Mauer sollen 10 Tore und Türme gebaut worden sein.

Der die Mauer umgebende Graben hat eine Breite von 20-24 m und eine Tiefe von 8-9 m. Die Mauer wurde in Gussmauerwerktechnik gebaut, d.h., die Außenwände der Mauer wurde gesetzt, mit Mörtel verfüllt und der Hohlraum mit Steinmaterial ausgefüllt. Anschließend mit dünnflüssigem Mörtel verdichtet, dadurch wurde eine höhere Festigkeit erreicht. Die Mauer wurde zwischen 8 m und 10 m hoch gebaut. Ein kurzes Stück der Barbarossamauer ist noch an der Ecke Pontstraße/Driescher Gässchen zu sehen.

Strategisch wichtige Bedeutung hat auch der Granusturm, der auf fast 26 m aufgestockt wird und jeweils an den Ecken einen Rundturm erhält. Diese Baumaßnahme wurde von Otto IV. veranlasst, Nachfolger des jüngsten Sohnes Barbarossas, Philipp von Schwaben, der von Otto von Wittelsbach ermordet wurde. Otto glaubte wohl, sich notfalls im Granusturm in Sicherheit bringen zu können.

Und die Stadtmauern haben einiges abzuwehren:

Die Streitigkeiten zwischen Papst Innocenz IV. und Friedrich II. führen zu einer Spaltung des Reiches in zwei Parteien. Auf Betreiben des Kardinals Capucio wird der erst 19-jährige Graf Wilhelm von Holland am 1. Oktober 1247 in Worringen zum König gewählt und der junge Graf hatte ein berechtigtes Interesse daran, in Aachen gekrönt zu werden. Die staufertreuen Aachener schließen die Tore und der Graf belagert die Stadt. Da zu diesem Zeitpunkt an der Südseite der Mauerring noch nicht geschlossen war, wurden dort Gräben ausgehoben und mit Pallisaden versehene Wälle angelegt. Der mit Aachen verbündete Graf von Jülich schickt Truppen in die Stadt.

Es wird berichtet, dass die Stadt von einem großen Aufgebot Wilhelms von Holland belagert wird. Dieser hatte es geschafft, die meisten weltlichen und geistlichen Fürsten, so den Erzbischof von Köln, den Bischof von Lüttich samt Aachener Stiftsherren, auf seine Seite zu ziehen. Im Lager des Gegenkönigs befanden sich auch die Äbte von Prüm und Kornelimünster. Im Mai 1248 nimmt Kardinal Capucio sein Domizil auf dem von den Nonnen verlassenen Salvatorberg und der hieß ab dann „Cardinalsberg“. Die härtesten Auseinandersetzungen zwischen den Belagerern und den Aachener Verteidigern finden zwischen Lousberg und Marienturm statt.

Die eigentliche Belagerung Aachens beginnt erst Ende April oder Anfang Mai 1248.

Nach einmonatiger Belagerung greifen die Belagerer zu einer List. Sie hatten herausgefunden, dass die Aachener Bäche aus dem Talkessel abfließen und stauten die Bäche, sodass fast die ganze Stadt bis auf Markthügel und Jakobstraße unter Wasser gesetzt wird. Hinzu kommt, dass Wilhelm von Holland die Nachricht über den Tod Friedrichs II. verbreiten lässt. Die von der Nachricht über den angeblichen Tod Friedrich II. irritierten Aachener Verteidiger übergaben am 16. Oktober 1248 Wilhelm von Holland die Stadt. Die Menschen, ausgehungert und krank, finden ihre aus Lehmstaken gebauten Fachwerkhäuser, soweit sie im Wasser standen, zerstört vor. Wilhelm von Holland wird in Aachen gekrönt, bleibt bis 1254 Gegenkönig und stirbt dann als König schon 1256. Nur 30 Jahre später wird die Stadt erneut angegriffen.“

Die Reichsstadt Aachen

THOMAS:

„Was sind Lehmstaken und was passiert?“

CHRISTOFFEL:

„Lehmstaken sind Holzstäbe, die in das Gefach eines Fachwerkhauses eingesetzt werden. Die Staken werden von beiden Seiten mit Lehm bedeckt und so die Zwischenräume im Holzfachwerk geschlossen. Ja, was ist passiert ...?

Ganz genau ist das nicht bekannt, es wird Unterschiedliches berichtet. Die Hinrichtung des Johannes Hus, Theologe und Reformator, in Konstanz im Jahre 1415 war für seine Anhänger Justizmord und sie wollten Rache für diesen Mord. Kaiser Sigismund ruft die Reichsstände zu Hilfe und auf dem Reichstag am 16.11.1427 wird eine Steuer beschlossen für die Aufstellung eines Söldnerheeres. An die Stelle einer Sondersteuer wird mit dem Gemeinen Pfennig eine Dauerbesteuerung eingeführt, die von den Bürgern als zusätzliche Belastung gesehen wird. Obwohl Rudolf von Habsburg bei seiner Krönung 1273 der Stadt die von Barbarossa gegebene Steuerfreiheit bestätigt.

Am 16. März 1278 kommt es offensichtlich zu Auseinandersetzungen mit Folgen. Im Auftrag des Königs kommt Wilhelm IV., Graf von Jülich, mit zwei Söhnen und einem großen Gefolge nach Aachen und verhandelt im damaligen Rathaus (heute Grashaus), mit der Bürgerschaft über die zu erwartende Steuerleistung. In seiner Begleitung sind über 300 bewaffnete Reiter. Über das Ergebnis der Verhandlungen ist nichts bekannt.