Las Vegas Gigolos 2: Passion Games - Jazz Winter - ebook

Las Vegas Gigolos 2: Passion Games ebook

Jazz Winter

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Opis

Von der besten Freundin betrogen und einem Goldgräber fast das Ja-Wort gegeben! Die Architektin Roxanne Carmicheal ist es leid, dass die Kerle nur hinter ihrem Geld her sind. Ihr größter Wunsch: Einmal nicht sie selbst sein zu müssen - wenigstens für eine Weile. Roxanne beschließt, die Stripperin Lita nach Las Vegas zu zu begleiten und dort in die Rolle der Barkeeperin Roxy Michael zu schlüpfen. Ihr neues Alter Ego ist überraschend anders und mutiger. Schon am ersten Abend in der Stadt der Sünde trifft Roxy den attraktiven und dominanten Kaydan Hawk. Was als One-Night-Stand gedacht war, entwickelt sich rasant zu mehr. Während Roxy ihre wahre Identität vor ihm verschleiert, hat auch Kaydan ein Geheimnis: Er arbeitet als Gigolo für die Eskortagentur Devils4Angels. Doch die Wahrheit kommt immer ans Licht - früher oder später ... Teil 2 der Las Vegas Gigolos-Reihe.

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Jazz Winter

LAS VEGAS GIGOLOS: PASSION GAMES

Erotischer Roman

© 2016 Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels

www.plaisirdamourbooks.com

[email protected]

© Covergestaltung: Mia Schulte

© Coverfotos: Shutterstock

ISBN Taschenbuch: 978-3-86495-277-7

ISBN eBook: 978-3-86495-278-4

Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Dieses eBook darf weder auszugsweise noch vollständig per E-Mail, Fotokopie, Fax oder jegliches anderes Kommunikationsmittel ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages oder der Autorin weitergegeben werden.

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Epilog

Autorin

Kapitel 1

Nur noch einen Tag und Roxanne Carmicheal würde ihren Traummann heiraten. Besonders in den letzten Tagen kam ihr immer wieder der Gedanke, dass sie es nicht fassen konnte, dass ein Mann wie Keith Armstrong, attraktiv, charmant und hinreißend, sich tatsächlich für sie entschieden hatte. Roxanne war nicht gerade eine Frau, die oft ausging oder viel in Clubs unterwegs war. Auch ihre Figur war nicht die eines Supermodels. Sie besaß zwar von Natur aus große Brüste, allerdings war der restliche Körper mehr wie ein Strich in der Landschaft, kaum Taille, schmale Hüften, kurze Beine, kleine Füße, alles ein wenig unförmig, wie sie fand. Dennoch liebte Keith sie so sehr, dass er sie nach einem Jahr Beziehung gefragt hatte, ob sie seine Frau werden wolle. Roxanne konnte sich an diesen Tag erinnern, als wäre er erst gestern gewesen. Keith hatte zuvor ganz traditionell bei ihrem Vater um ihre Hand angehalten, und Bruce hatte nur sehr mürrisch sein Einverständnis gegeben. Dann war Keith vor ihr auf ein Knie gegangen, hatte ihr den Ring präsentiert und die große Frage gestellt. Roxanne hätte in diesem Moment kaum glücklicher sein können.

Bevor sie Keith getroffen hatte, war ihre Arbeit als Architektin in der Firma ihres Vaters Bruce ihr Lebensmittelpunkt gewesen. Carmicheal’s Homes baute die luxuriösesten Villen für reiche Klienten in ganz Amerika. Ihr Vater hatte die Firma von der Pike auf zu einem der erfolgreichsten Bauunternehmen des Landes geführt und galt nun als einer der namenhaftesten Geschäftsmänner. Da Roxanne seine einzige Tochter war, sollte sie irgendwann das gesamte Unternehmen in seinem Namen weiterführen. Dies war auch der Grund, warum Bruce Carmicheal jeden potenziellen Schwiegersohn massiv unter die Lupe nahm. Natürlich wollte ihr Vater, dass sie in erster Linie glücklich war, doch er misstraute jedem gut aussehenden Kerl, der sich seiner Tochter näherte, weil es zuvor schon Männer gegeben hatte, die nur auf Roxannes späteres Erbe aus gewesen waren. Keith hingegen schien langsam, aber sicher das Vertrauen seines Schwiegervaters zu gewinnen; er hatte gerade seinen Abschluss als Immobilienmakler mit Bravour bestanden und arbeitete weiterhin fleißig für seinen Chef. Noch nie hatte er die Idee ausgesprochen, er könne doch in Bruce’ Unternehmen arbeiten, er hatte stets für die Dates mit Roxanne selbst bezahlt und behandelte sie wie eine Prinzessin.

Keith und Roxanne hatten Familie und Freunde am Vorabend der Hochzeit zu einem gemeinsamen Essen eingeladen, um Spaß zu haben, bevor sie den großen Tag begehen würden. Alles war vorbereitet, ein renommierter Wedding Planner hatte im Auftrag ihres Vaters die gesamte Hochzeitsplanung übernommen und Roxannes Wünsche in die Tat umgesetzt. Jedes Mädchen träumte von einem hübschen Brautkleid, einer Pferdekutsche, vielen Brautjungfern und einer romantischen Märchenhochzeit, und genau das wartete auf sie. Lorelei war seit der Highschool ihre beste Freundin und würde ihre Trauzeugin sein, einige ihrer Cousinen übernahmen den Part der zehn Brautjungfern, und während sie den Traum in Weiß tragen würde, hatte ein Designer umwerfend schöne Brautjungfernkleider entworfen, ganz in dem Motto der Hochzeit in Weiß und Himmelblau.

Das Restaurant, in dem das Essen stattfand, hatte extra an diesem Abend für ihre Feier geschlossen, und während sie mit ihren Brautjungfern dem nächsten Tag entgegenfieberte, beobachtete Roxanne, dass sich ihr Vater und Keith schon seit einer geraumen Zeit an einem der Stehtische aufhielten und sich unterhielten. Es war das erste Mal, dass diese beiden wichtigsten Männer in ihrem Leben tatsächlich die Köpfe zusammensteckten, ohne dass Bruce Carmicheal unangenehme Fragen stellte. Jedenfalls wirke dieser Anblick auf Roxanne fast so, als würden sie sich angenehm unterhalten, sie lachten sogar zusammen und schienen sich offensichtlich gut zu verstehen. Roxanne hoffte, dass Keith sich in den Augen ihres Vaters endlich genug bewährt hatte, damit er ihn als seinen Schwiegersohn in der Familie willkommen hieß. Eine der Brautjungfern schwärmte gerade von Roxannes Hochzeitsring, den sie bereits gesehen hatte und den Keith extra für sie hatte anfertigen lassen. Der Ring war mit Diamanten besetzt, allerdings hatte er ihren Lieblingsstein ebenso einsetzen lassen, einen großen funkelnden und seltenen Tansanit mit Brillantschliff. Roxanne war hin und weg gewesen, als er ihr den Ring gezeigt hatte, und auch jetzt, wo die Sprache erneut darauf kam, schlug ihr Herz ein wenig höher. Nicht weil er teuer schien, sondern weil Keith so viel Liebe hineingelegt hatte, um diesen Ehering für sie besonders zu machen.

„Entschuldigt mich kurz.“

Roxanne verschwand leicht beschwipst und beschwingt im Waschraum, verschloss die Kabinentür hinter sich, und kurz darauf betraten zwei Frauen den Raum. Die beiden bemerkten wohl nicht, dass noch jemand auf der Toilette war, und schienen ihr Make-up aufzufrischen. Dann erkannte Roxanne die Stimmen ihrer besten Freundin Lorelei und Maggie, auch eine Freundin der beiden aus der Highschool.

Maggie klang besorgt.

„Was ist denn mit dir los? Du bist schon seit ein paar Tagen so komisch.“

Lorelei seufzte auf.

„Es ist nichts.“

„Natürlich ist etwas los. Du ziehst ein Gesicht wie zehn Tage Regenwetter. Es ist die Hochzeit von Roxanne, du solltest dich für sie freuen.“

„Ja, ich weiß.“

Lorelei klang allerdings alles andere als erfreut darüber, und auch Maggie schien es herauszuhören.

„Du freust dich doch für Roxanne, oder etwa nicht?“

Eine Weile passierte nichts, dann nahm Lorelei einen tiefen Atemzug.

„Wir beide sind doch gute Freundinnen, nicht wahr? Und wenn ich dir etwas anvertraue, dann bleibt das unter uns.“

„Natürlich. Meine Güte, was ist denn passiert?“

„Ich habe … eine Affäre mit Keith.“

„Du hast was?“

Maggie wirkte schockiert, und ebenso fühlte sich Roxanne, die sich in ihrer Kabine bemühte, nicht aufzufallen. Doch die Ansage ihrer besten Freundin traf sie tief.

„Ich weiß auch nicht, wie das passiert ist, aber wir schlafen seit einem halben Jahr miteinander.“

„Lorelei, Roxanne wird ihn morgen heiraten. Du musst ihr das sagen.“

„Nein, das kann ich nicht. Sie wird mich hassen dafür.“

„Und das zu Recht. Du schläfst mit dem Verlobten deiner besten Freundin. Was ist bloß in dich gefahren?“

„Das ist noch nicht alles.“

„Was denn noch?“

„Er liebt mich, das hat er mir gesagt. Und ich hatte gehofft, dass er Roxanne verlässt, aber dann …“

Lorelei brach mitten im Satz ab, doch Maggie drängelte darauf, die ganze Wahrheit zu erfahren.

„Was dann?“

„Wir haben nicht aufgepasst, und jetzt … bin ich schwanger.“

„Oh Grundgütiger! Herr, lass Hirn vom Himmel regnen. Wenn er sie jetzt noch nicht verlassen hat, wird er es nie tun, Lorelei.“

„Doch, das wird er. Er weiß von dem Baby.“

Roxanne musste sich den Mund zu halten, um nicht zu schreien. Es fühlte sich an, als würde man ihr den Boden unter den Füßen wegreißen und sie befände sich im freien Fall. Alles in ihrem Kopf drehte sich, und sie war nicht in der Lage, irgendetwas anderes als Leere zu empfinden.

„Was meinst du damit, er wird sie verlassen.“

„Er hat versprochen, dass er sie nur wegen des Geldes heiratet. Er will sich nach sechs Monaten wegen unüberbrückbarer Differenzen wieder scheiden lassen, und ihr Ehevertrag sieht vor, dass er in diesem Fall eine Million Dollar aus ihrem Treuhandfonds ausgezahlt bekommt. Ich weiß, es klingt furchtbar schäbig und hinterhältig, aber wir sind bald eine kleine Familie.“

Maggie schien sprachlos, und Lorelei konnte nicht aufhören, sich zu rechtfertigen.

„Ich liebe ihn, versteh das doch. Ich habe mir das nicht ausgesucht. Und wir brauchen das Geld. Versprich mir, dass du Roxanne gegenüber nichts davon erwähnst. Ich könnte es nicht ertragen, ihr das Herz zu brechen.“

Was für eine verlogene Heuchlerin! Was für ein niederträchtiges Weibsbild! Dieses Miststück! Roxanne wagte es nicht, die Gedanken laut auszusprechen. Sie spürte, wie ihr die Tränen über die erhitzten Wangen rollten, und doch war sie nicht imstande, aus der Kabine zu rauschen und ihrer besten Freundin die Meinung zu sagen. Sie hatte ihr das Herz gebrochen, mehr noch, sie hatte es aus ihrer Brust gerissen, zu Boden geworfen und war darauf herumgetrampelt, jedenfalls war es die einzige Umschreibung für das, was in Roxanne gerade vorging. Sie kniff sich sogar selbst, in der Hoffnung, es wäre nur ein Alptraum, doch es war real.

„Ich kann nicht glauben, was du da sagst. Wieso hast du es mir überhaupt erzählt? Du bist wirklich das Letzte, Lorelei! Weißt du was? Wenn du es ihr nicht sagst, werde ich es tun.“

Maggies Worte waren strikt, sie klang dabei sehr wütend, und damit ließ sie Lorelei einfach stehen. Roxanne hörte ihre ehemals beste Freundin weinen und es berührte sie nicht, eher machte es sie wütend, doch noch immer war sie wie gelähmt. Roxanne wartete, bis sie wieder allein in dem Waschraum war. Nach einer Weile schaffte sie es, die Kabine zu verlassen, blieb vor den Waschbecken stehen und betrachtete ihr eigenes Spiegelbild. Viel schwerer als der sexuelle Betrug der beiden wog der Verrat. Sie hatte ihm jedes Wort geglaubt: dass er sie liebte, dass er sich nichts sehnlicher wünschte, als mit ihr alt zu werden, Kinder zu bekommen und sein Leben mit ihr zu verbringen. War sie wirklich so blind vor Liebe zu ihm gewesen, dass sie Keith in einem völlig falschen Licht gesehen hatte, oder war er geschickter als die anderen darin gewesen, ihr etwas vorzumachen? Und wie sehr hatte sich Lorelei doch für sie gefreut, als sie ihr den Verlobungsring gezeigt und ihr von seinem Antrag berichtet hatte. Jetzt fragte sich Roxanne, wie lange Lorelei tatsächlich schon hinter Keith her gewesen war. Was konnte sie jetzt überhaupt noch glauben? Dass ein Mann betrog und untreu war, war nichts Neues, doch dass die beste Freundin so sein konnte, nach all den Jahren voller Vertrauen zueinander … Roxanne musste sich am Waschtisch abstützen, denn erneut schien ihr Herz zu brechen. Der Schmerz saß wie ein brennender Stachel in ihrer Brust und nahm ihr die Luft zum Atmen. Für Roxanne brach eine Welt zusammen, und die Zukunft, die sie sich vorgestellt hatte, zersplitterte vor ihren Augen in tausend Stücke.

Sie konnte die feiernden Gäste im Speisesaal hören; sie lachten, tanzten und feierten, voller Vorfreude auf die bevorstehende Hochzeit. Roxanne nahm einen tiefen Atemzug, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, korrigierte ihr Make-up und straffte ihre Schultern. Vielleicht war das alles nur neidvolles Wunschdenken. Vielleicht war Lorelei einfach nur eifersüchtig auf ihr Glück. Sie ließ sich nichts anmerken, als sie ins Restaurant zurückkehrte, doch immer wieder musste sie von Keith zu Lorelei sehen. Beide taten so, als hätten sie nichts miteinander zu tun, doch instinktiv wusste Roxanne, dass ihre Freundin die Wahrheit gesagt hatte. Sie fühlte es in ihrem Magen, spürte es unter ihre Haut kriechen, und ihre Gedanken drehten sich nur um das, was sie gehört hatte.

„Pumpkin? Du siehst ein wenig blass aus.“

„Daddy, nein, es ist nichts. Ich bin nur ein wenig müde, und morgen ist ein langer Tag. Ich glaube, ich werde jetzt ins Hotel fahren und mir einen langen Schönheitsschlaf gönnen.“

Bruce Carmicheal küsste seine Tochter auf die Stirn.

„Das wird wohl das Beste sein. Schlaf gut, mein Kind.“

„Gute Nacht, Daddy.“

Sie verließ die Party, ohne sich von den anderen Gästen zu verabschieden. Allein sein, nachdenken und reflektieren, das war das Einzige, was sie sich jetzt wünschte. In Fällen wie diesen war es stets Lorelei gewesen, die sie anrufen konnte, die ihr immer beigestanden hatte und sie tröstete, doch diese Möglichkeit stand außer Frage. Roxanne stieg in ein Taxi, ließ sich zum Hotel bringen und war froh, als sie die Tür ihrer Honeymoon Suite hinter sich schließen konnte, als könnte sie die Außenwelt damit von sich abschotten. Keith und sie hatten beschlossen, die Nacht vor der Hochzeit getrennt voneinander zu verbringen, und jetzt war Roxanne dankbar, dass sie sich für diese alberne Tradition entschieden hatten. Für einige Zeit lief sie unruhig in dem Hotelwohnzimmer auf und ab, wusste nicht, wie sie mit diesen Informationen umgehen, wie sie reagieren und was sie nun tun sollte. Je mehr sie nachdachte, desto schlimmer wurden die Selbstzweifel. Was sie nicht hübsch genug? Nicht attraktiv genug? War sie nicht liebenswert? War sie nicht genug? Zum ersten Mal, seit sie davon erfahren hatte, schrie sie ihre Wut und Enttäuschung laut aus sich heraus. Endlich hatte Roxanne das Gefühl, wieder klare Gedanken fassen zu können, und sie kam zu einem Entschluss.

Am nächsten Morgen standen alle unter Zeitdruck. Die Brautjungfern schnatterten aufgeregt und angespannt, huschten von einer Seite der Suite zur nächsten und halfen Roxanne bei ihren Vorbereitungen. Auch Lorelei war anwesend und sah umwerfend in ihrem Trauzeuginnenkleid aus, das sich von den Kleidern der Brautjungfern ein wenig abhob. Irgendwie hatte Roxanne gehofft, ihre ehemalige Freundin würde den Mut besitzen, mit ihr zu sprechen, doch stattdessen tat Lorelei so, als wäre alles in feinster Ordnung. Als die Braujungfern Roxanne den Schleier anlegten und sie sich ihnen präsentierte, war Lorelei die Erste, die sie umarmte.

„Du siehst wunderschön aus, Roxanne. Du bist ein absoluter Traum.“

„Danke, das ist lieb von dir.“

Roxanne lächelte und dankte allen für ihre Hilfe und dass sie da waren. Fünf Minuten später klopfte ihr Vater an die Tür und schien seinen Augen kaum zu trauen.

„Pumpkin, du siehst wunderschön aus.“

„Daddy, lass das, sonst ruiniere ich mir das Make-up.“

„Tut mir leid, aber ein Vater darf wohl vor Stolz auf eine Tochter wie dich platzen.“

Allerdings galten ihre Tränen nicht seinen Worten, sondern eher der Tatsache, dass er von Anfang an recht gehabt hatte, was seine Skepsis gegenüber Keith betraf, und sie mochte sich seine Enttäuschung nicht einmal in Gedanken ausmalen, wenn er davon erfuhr.

„Bist du soweit?“

Sie bemühte sich, die Tränen zu bekämpfen, und nickte, hakte sich bei ihrem Vater ein, den sie über alles liebte und den sie immer stolz auf sich machen wollte. Er tätschelte sanft und väterlich ihre Hand und führte sie in den Flur vor den Saal, in dem die Trauung stattfinden sollte und in dem so viele Freunde und Familienmitglieder darauf warteten, dass Roxanne endlich zum Altar schritt. Bruce blieb vor den Flügeltüren zum Saal stehen, und sie erwiderte seinen liebevollen Blick.

„Daddy? Egal, was passiert, ich liebe dich.“

Er legte seine Stirn in Falten.

„Ich liebe dich auch, mein Kind.“

Die Türen öffneten sich, und Bruce Carmicheal führte seine Tochter am Arm den Mittelgang entlang, vorbei an den dreihundert geladenen Gästen der Hochzeitsgesellschaft. Bevor er sie seinem Schwiegersohn überreichte, beugte er sich zu ihr, küsste ihre Wange.

„Ich wünschte, deine Mutter wäre heute hier und könnte dich so sehen. Sie wäre stolz auf dich, Pumpkin.“

Erneut stiegen ihr die Tränen in die Augen, und auch bei ihm bemerkte sie, dass er sensibel geworden war. Keith strahlte sie an und streckte seine Hand nach ihr aus, doch der Gedanke, ihn zu berühren, ekelte sie an. Roxanne stieg das Podium empor, stellte sich mit dem Gesicht zu Keith und betrachtete ihn eingehend. Hatte sie es wirklich nicht erkannt? Dieses falsche Lächeln! Dieser verlogen-verliebte Blick in seinen Augen! Wie konnte ihr das nur entgangen sein? Jetzt, im hellen Tageslicht, schien es so, als wäre ihr ein Schleier von den Augen gezerrt worden, und sie erkannte Keith als das, was er tatsächlich war.

„Liebe Familie, liebe Freunde, wir sind heute hier, um die Verbindung zwischen Keith und Roxanne zu feiern.“

„Entschuldigen Sie bitte, Pastor.“

Roxanne unterbrach den Mann in seiner Ansprache und atmete mehrfach durch, um ihre Nervosität loszuwerden. Keith lächelte sie angespannt an, schien nicht einmal im Traum darauf zu kommen, dass etwas geschehen war. Sie hasste das Lächeln auf seinen Lippen. Sie holte aus und schlug ihm mit aller Kraft ihre Hand ins Gesicht. Ein heftiges Raunen ging durch den Saal, und mehrere schockierte Reaktionen folgten.

„Glaubst du wirklich, ich heirate einen solchen Betrüger wie dich?“

Keith hielt sich die getroffene Gesichtshälfte und tat ganz ahnungslos, doch in seinen Augen konnte sie erkennen, dass er ganz genau wusste, wovon sie sprach. Roxanne drehte sich zu Lorelei um, die direkt hinter ihr stand.

„Und du? Dein Verrat ist eigentlich noch viel schlimmer.“

Sofort huschte Loreleis Blick zu Maggie hinüber, die in der ersten Reihe saß und als eine der wenigen in diesem Saal schier begeistert wirkte.

„Maggie hat nichts verraten. Sie hat wohl darauf gewartet, dass du endlich genug Arsch in der Hose hast, es mir selbst zu beichten.“

Lorelei duckte sich, als Roxanne ihr den Brautstrauß in die Hand drückte, weil sie wohl befürchtete, auch eine Ohrfeige zu kassieren, doch diese Blöße wollte sie sich nicht geben.

„Keine Angst, an dir werde ich mir meine Hände nicht schmutzig machen. Ich hoffe, ihr beide werdet glücklich. Ihr habt euch wirklich gegenseitig verdient. Vielleicht benennt ihr ja euren ersten Spross nach mir, wie wäre es?“

Sie schubste Lorelei aus dem Weg und stieg die Treppe zum Mittelgang wieder hinunter. Dann begann sie zu rennen, unter den dreihundert Augenpaaren der Hochzeitsgäste aus dem Saal und durch die Lobby, hinein in einen der sich gerade öffnenden Lifts. In ihrem Zimmer riss sie den Schleier aus ihrem Haar, schnappte sich ihre gepackte Reisetasche und war gerade dabei, die Hotelsuite zu verlassen, als Maggie vor ihrer Tür auftauchte.

„Du warst im Waschraum, nicht wahr?“

Roxanne nickte, und für den ersten Moment fühlte sie sich unangenehm eingeengt von Maggies herzhafter Umarmung.

„Ich habe versucht, noch vor der Hochzeit in die Suite zu kommen, aber Lorelei hat das geschickt zu verhindern gewusst. Ich war kurz davor, deinem Dad alles zu erzählen, aber ich weiß, wie er sein kann. Roxanne, es tut mir so unendlich leid. Wenn ich das vorher gewusst hätte …“

„Weißt du was? Es ist okay. Es ist gut, dass ich es noch früh genug erfahren habe.“

„Roxanne, ich weiß, wir sind nicht so enge Freundinnen, aber du sollst wissen, dass ich …“

„Maggie, ich weiß dich wirklich zu schätzen, aber du wirst verstehen, dass ich erst mal Zeit brauche.“

„Wo willst du denn jetzt hin?“

Maggie starrte auf die Reisetasche in ihrer Hand und blickte ihr dann fragend ins Gesicht. Roxanne lächelte.

„Einfach nur weg hier. Ich muss nachdenken und meinen Kopf freibekommen.“

Sie raffte den Rocksaum ihres Hochzeitskleides und verließ die Suite, ignorierte das, was Maggie ihr noch hinterherrief. In der Tiefgarage des Hotels angekommen, warf sie die Reisetasche auf den Rücksitz ihres SUVs und startete den Motor. Sie hatte keine Ahnung, wohin sie überhaupt fahren wollte, doch es war egal, Hauptsache, hier weg, so weit weg von all dem, wie es nur ging.

Während der Hochzeitsvorbereitungen hatte Roxanne sich wie in eine Ecke gedrängt gefühlt. Der Gedanke, dass dreihundert geladene Gäste, darunter viele Geschäftspartner und langjährige Kunden ihres Vaters anwesend sein würden, hatte ihr die Kehle zugeschnürt. Die Kosten für den Weddingplaner, die Lokalität und alles drum herum waren ihr durch den Kopf geschossen. Die Hochzeit mit Keith war sogar öffentlich in den lokalen Zeitungen groß annonciert worden und einige Journalisten waren ebenfalls vor Ort gewesen. All das hatte in ihr eine große Panik verursacht. Im Grunde lief alles nur auf eins hinaus. Würde sie die Hochzeit platzen lassen, würde nicht nur sie, sondern auch ihr Vater in der Öffentlichkeit bloßgestellt werden. Roxanne hatte sich fest vorgenommen, die Zähne zusammenzubeißen und die Trauung durchzuziehen.

Allerdings in dem Moment, kurz bevor sie den Saal mit ihrem Vater betreten hatte, war ihr klargeworden, dass sie es nicht konnte. Bei jedem Schritt, den Roxanne dem Altar näherbrachte, wurde ihr bewusst, dass sie diesem Verräter nicht das Ja-Wort geben konnte. Sie fühlte sich mehr und mehr von einer düsteren Wolke eingehüllt, die sich wie ein Gürtel immer enger um ihre Brust schnürte. Wut, Enttäuschung und Traurigkeit erschwerten ihren Weg und in dem Augenblick, als sie vor Keith stand und der Pfarrer seine Rede begann explodierten die Gefühle in ihr. Roxanne lenkte den Wagen auf den Highway, spürte noch immer das Brennen ihrer linken Handfläche. Es hatte so verflucht gutgetan, ihn zu schlagen, noch viel besser fühlte sie sich dabei, ihrer ehemaligen besten Freundin und ihrem Ex-Verlobten die Meinung ins Gesicht gesagt zu haben. Je mehr Distanz sie zwischen sich und der verlorenen Zukunft brachte, desto mehr atmete Roxanne befreit auf. Zum ersten Mal in ihrem Leben, wusste sie nicht, was als nächstes passieren würde. Es war seltsam, aber eine Zukunft ohne Plan klang gar nicht so schlecht. Dennoch tat es weh und dagegen fühlte sie sich machtlos.

Kapitel 2

„Daddy, das haben wir doch schon besprochen. Mach dir keine Sorgen, ich bin alt genug, und deine Boxlektionen habe ich auch nicht vergessen. Ich brauche einfach ein bisschen Zeit für mich.“

Das war bereits das fünfte Telefonat in fünf Tagen, das Roxanne mit ihrem Vater führte. Natürlich wollte er, dass sie nach Hause kam, wo er für sie da sein konnte.

„Ich liebe dich, Daddy, aber die Sache mit Keith muss ich erst einmal aus meinem System bekommen.“

Allein diesen Namen auszusprechen, kostete Roxanne noch immer viel Kraft. Die ersten drei Tage nach der Trennung hatte sie sich in einem Motel eingemietet und geheult wie ein Schlosshund, und sie war froh darüber, dass niemand, der sie kannte, das mitbekommen hatte. Wenn sie einmal nicht weinte, stopfte sie sich mit allerhand Süßigkeiten voll, die der Automat direkt neben ihrer Suitetür hergab, und am dritten Tag hatte sie sich mit drei oder vier Flaschen Billigwein aus dem Truckstop volllaufen lassen. Roxanne war am nächsten Morgen mit einem solch dicken Schädel aufgewacht, hatte sich das noch nicht zu sich genommene Frühstück gleich dreimal durch den Kopf gehen lassen und sich geschworen, nie wieder zu trinken.

All das Heulen, Futtern und Trinken hatte nur kurzzeitig gegen ihr gebrochenes Herz geholfen, und sich im Elend suhlen ging ihr bereits am dritten Tag dermaßen auf die Nerven, dass sie sich für den nächsten Schritt im Trennungsprozess entschied. Roxanne hatte begonnen, Listen zu erstellen über all die fiesen, dummen und nervigen Eigenschaften von Keith. Dieselbe – allerdings wesentlich längere – Liste hatte sie über Lorelei erstellt, und zum ersten Mal hatte sie sich besser gefühlt. Allerdings saß der Schmerz über den Verrat der beiden tief, besonders der ihrer ehemals besten Freundin.

Danach hatte Roxanne ihre Sachen gepackt und fuhr ohne bestimmtes Ziel den Highway entlang. Wenn sie müde war, hielt sie an Motels oder aß in Truckstops. Einmal am Tag meldete sich Bruce Carmicheal bei seiner Tochter, weil er sich sorgte und weil er hoffte, er könnte sie endlich überreden, nach Hause zu kommen. Sie konnte ihm nicht sagen, wie schlecht sie sich in ihrer eigenen Haut fühlte, wie sehr ihr die Sache mit Keith tatsächlich zugesetzt hatte. Im Grunde war ihr Selbstbewusstsein an einem Punkt angelangt, wo man es als nicht existent ansehen konnte. Sie hatte ihr Leben lang hart gearbeitet, wollte sich nie auf ihr Erbe oder ihren Vater verlassen, hatte sich eine eigene Karriere aufgebaut, und trotzdem schien das Geld ihres Vaters sowohl Segen als auch Fluch in ihrem Leben zu sein. Sicherlich war es ihr in die Wiege gelegt worden, die besten Schulen besuchen zu können, bekam dadurch viele Vorteile auf einem silbernen Tablett serviert, und ihr hatte es nie an etwas gemangelt. Für Außenstehende musste es aussehen, als führte sie das perfekte Leben.

Doch die Wirklichkeit sah anders aus. Geld machte nicht glücklich, es machte einsam. Es zu besitzen beruhigte, doch deswegen wie Freiwild betrachtet zu werden, nagte an ihrem Selbstwertgefühl. Roxanne wünschte sich einen Mann, der sie um ihretwillen liebte und nicht, weil sie eines Tages ein großes Erbe antreten würde. In den Stunden, die Roxanne auf dem Highway verbrachte, reflektierte sie ihr bisheriges Leben. Es erschien unfair, nicht dankbar für alles zu sein, doch ebenso verfluchte sie die Tatsache, dass sie in erster Linie als Geldautomat auf zwei Beinen betrachtet wurde.

„Die letzten Aufträge habe ich beendet, und die angefangenen Projekte in Philly habe ich gemeinsam mit John geplant. Er ist verflucht gut. Du solltest ihm die Chance geben, sich zu beweisen. Er kann das auch allein fertigmachen.“

Roxanne hatte sich eine Auszeit von der Firma genommen, und das auf unbestimmte Zeit. Sie musste schlichtweg ihre Gedanken erst einmal ordnen und ihr Leben wieder in die Hand nehmen, bevor sie weitermachen konnte.

„Okay, Daddy, ich melde mich wieder.“

Sie beendete das Gespräch und lehnte sich mit dem Rücken gegen ihren Wagen. Der Geruch von Benzin und Abgasen war in den letzten Tagen ihr ständiger Begleiter. Am Himmel zogen Regenwolken auf, und man konnte trotz der trockenen Hitze bereits das reinigende Gewitter deutlich riechen. Roxanne entschied sich, ihre Pause an dem Truckstop zu verlängern und eine Kleinigkeit zu essen. Kaum betrat sie das Diner und nahm an einem Fensterplatz ihren Sitz ein, klatschten die ersten dicken Tropfen gegen die Fensterscheibe, und wie im Zeitraffer wuchs der Sommerregen zu einem heftigen Gewitter mit Platzregen an. Die hübsche Bedienung trat an ihren Tisch.

„Shit, das sieht nicht danach aus, als würde es so bald wieder aufhören. Hey, Honey, was kann ich dir Gutes tun? Wir haben warmen Apfelkuchen und Vanilleeis, und der Kaffee ist frisch aufgesetzt.“

„Klingt verlockend.“

„Okay, Honey, bin gleich wieder bei dir.“

Sie kehrte mit der Bestellung zurück und füllte Roxannes Tasse mit duftendem Kaffee.

„Bist du auf einer Geschäftsreise, Honey?“

Roxanne blickte an sich hinunter und ihr wurde bewusst, warum die Frau auf diese Idee kam. Während die meisten in diesem Truckstop eher leger und locker gekleidet waren, saß sie in ihrem dunkelblauen Nadelstreifenanzug am Tisch. Sie fühlte sich plötzlich deplatziert, deshalb zog sie ihr Jackett aus und rollte die Ärmel ihrer Bluse hoch.

„Nein, einfach nur auf Reisen.“

„Wenn du noch etwas möchtest, rufst du einfach nach mir, okay? Mein Name ist Mona.“

„Danke, Mona.“

„Gerne, Honey.“

Roxanne sah eine Weile dem Regen zu und genoss den noch warmen Apfelkuchen. Wie Mona es vorausgesagt hatte, schienen sich die Gewitterwolken noch mehr zu verdichten, und Blitze zuckten über den Himmel. Es wurde so dunkel, als ob gleich die Nacht hineinbrechen würde, dabei war es gerade mal früher Nachmittag.

„Mona?“

Die Bedienung war gerade an ihr vorbeigegangen und kehrte sofort wieder zurück zu ihr.

„Gibt es hier in der Nähe ein Motel? Ich glaube, bei dem Regen sollte ich besser nicht fahren.“

„Schon, das Luna liegt etwa eine Meile weiter den Highway runter, aber da willst du nicht wirklich übernachten, Honey. Wäre besser, wenn du in die andere Richtung zurückfährst und dir ein Zimmer bei Lena’s Bed and Breakfast nimmst. Die Zimmer sind sauber, die Betten immer frisch bezogen, und das Frühstück dort ist sehr lecker.“

„Ja, das klingt fantastisch.“

„Ist etwas mehr als eine Dreiviertelstunde von hier entfernt.“

Roxanne bat um die Rechnung, legte ein üppiges Trinkgeld dazu und verließ im Laufschritt das Diner. Sie stieg in ihren SUV und hielt sich an die Anweisungen, die Mona ihr gegeben hatte. Blitze krachten in kürzeren Abständen durch die dunklen Wolken, und Donner grollte so laut, dass sie das Radio kaum noch hören konnte. Der Regen wurde immer stärker, und selbst die Scheibenwischer kamen kaum mehr dagegen an. Die Sicht wurde schlechter, und Roxanne verlangsamte das Fahrtempo. Bei dem Unwetter würde sie sicherlich länger als die angegebene Dreiviertelstunde brauchen, um das B&B zu erreichen.

Am rechten Standstreifen blinkte ein Warnlicht, und Roxanne fuhr im Schritttempo an dem liegen gebliebenen Fahrzeug vorbei. Im Rückspiegel sah sie gerade noch, wie eine völlig durchnässte junge Frau fluchend die Motorhaube ihres Trucks zuschlug und einen heftigen Wutanfall bekam. Ihr Hemd war so durchweicht, dass sie regelrechte Fontänen von sich schleuderte, als sie ihre Fäuste wutentbrannt auf die Motorhaube boxte. Roxanne hielt an und legte den Rückwärtsgang ein. Ihr Vater hatte sie immer gewarnt: Wenn sie allein unterwegs war, solle sie niemals anhalten, keine Anhalter mitnehmen und solche Situationen meiden, auch wenn sie sonst hilfsbereit war. Irgendetwas tief in ihr sagte ihr jedoch, dass von dieser Frau keine Gefahr ausging. Sie hupte, um auf sich aufmerksam zu machen, und stoppte damit den Zornesausbruch der jungen Frau. Sie kam zur Fahrerseite, und Roxanne ließ die Fensterscheibe runter.

„Hey, soll ich dich irgendwohin mitnehmen? Ich bin auf dem Weg zu einem B&B.“

„Ehrlich? Das wäre toll.“

„Okay, dann hol deine Sachen und steig ein.“

Sofort lief die junge Frau zu ihrem Truck, zog zwei Reisetaschen von der Beifahrerseite aus dem Wagen und kehrte zurück. Roxanne öffnet ihr den Kofferraum und wartete, bis sie eingestiegen war.

„So ein Scheißwetter. Sonst regnet es doch nie hier in der Gegend. Hi, mein Name ist Lita, und deiner?“

„Roxanne.“

Wasser tropfte aus dem dunklen Haar ihrer neuen Mitfahrerin, und ihre Kleidung klebte auf ihrem Körper wie eine zweite Haut. Sie war hübsch, und obwohl sie eben noch wütend auf ihr Auto eingetreten und geboxt hatte, wirkte sie fröhlich und lächelte.

„Die Karre war eh schrott. Ich hätte besser auf den Mechaniker hören sollen, der mich gestern abgeschleppt hat, und endlich die Ölwanne reparieren lassen. Aber ich hatte die Wahl, entweder die nächsten Tage zu hungern und das Teil reparieren zu lassen oder zu essen. Dass du angehalten hast, ist echt mutig von dir. Ich hätte auch eine totale Irre sein können.“

Roxanne grinste und hob ihre Schultern.

„Du bist eingestiegen, wer ist hier die Mutigere von uns beiden?“

Lita lachte auf und zog ihr klatschnasses Hemd aus.

„Mist, ich tropfe dir hier alles voll.“

„Auf meiner Rückbank ist eine Tasche, wenn du willst, leih ich dir ein paar trockene Sachen von mir.“

„Cool, danke.“

Ungeniert kletterte Lita vom Beifahrersitz auf die Rückbank, kramte eine Hose und ein Shirt aus Roxannes Tasche und zog sich um.

„Wow, das sind ja alles Markenklamotten. Bist du sicher?“

„Klar, mach schon, bevor du dich noch erkältest.“

„Danke, du bist wirklich nett, das ist selten.“

Lita kletterte zurück auf den Beifahrersitz und drehte das Radio lauter. Auf dem Sender spielten sie gerade einen bekannten Song von Pink, den sie laut, aber sehr falsch mitsang, ohne Rücksicht auf Verluste. Roxanne brach in schallendes Gelächter aus, und je mehr sie lachte, desto lauter sang Lita drauf los.

„Bist du so eine Art Geschäftsfrau oder so?“

„Warum?“

„Du siehst so formell aus.“

„Ich fahre nur so durch die Gegend und versuche, meinen Kopf freizubekommen.“

„Kann ich nachvollziehen. Ich habe vor zwei Tagen meine Sachen gepackt und habe meinen Freund endgültig in die Wüste geschickt. Dieser eifersüchtige Schwanzträger ist ständig in der Bar aufgetaucht und hat die Kunden angemacht.“

„Kunden?“

„Hey, keine Panik, ich bin keine Nutte oder so was. Ich strippe und habe wegen Lester meinen letzten Gig verloren. Ich hatte die Nase so voll von ihm, weil er extrem eifersüchtig war, obwohl er mich so kennengelernt hat. Zuerst hab ich dort als Bedienung gearbeitet, aber da verdient man kaum was, und Lester ist Musiker.“

Das letzte Wort betonte sie auf ironisch klingende Weise, und es schien ihr egal zu sein, dass sie sich gerade erst kennengelernt hatten.

„Er kann gar nicht singen und versucht ständig, eine Band zu finden, die seine Songs spielen will, doch er ist auch kein guter Songschreiber … aber irgendwer musste die Rechnungen, die Miete und den gefüllten Kühlschrank zahlen. Das hat ihn dann nicht gestört, dass ich beim Strippen mehr verdient habe. Ich meine, schau mich an, wenn das kein sexy Traumkörper ist, den Mom mir vererbt hat, dann weiß ich es auch nicht.“

Sie lachte so offen und herzlich, dass es einfach guttat. Lita plapperte ungeniert drauflos, und es war seltsam, aber Roxanne mochte sie auf Anhieb.

„Wozu hat Mutter Natur so einen Body geschaffen? Sicherlich nicht, um ihn ständig unter Stoff zu verhüllen. Und diese Möpse sind echt, das garantiere ich dir.“

Sie hob ihre Brüste an, kokettierte damit auf humorvolle Weise und brachte damit Roxanne erneut zum Lachen.

„Und du? Wovon musst du deinen Kopf freibekommen?“

Im Gegensatz zu Lita zögerte Roxanne, von sich zu erzählen.

„Lass mich raten, ein Kerl?“

„Und eine beste Freundin.“

„Autsch, das klingt nach einer verflucht beschissenen Story, die du mir unbedingt erzählen musst.“

Roxanne kicherte, denn so wie Lita es umschrieb, klang es tatsächlich genauso.

„Beschissener kann es nicht mehr werden.“

„Das glaubst du, aber dann kommt das Leben und kackt dir mitten in den hübschen Vorgarten.“

Fast hätte Roxanne in dem strömenden Regen den Wagen ins Schlingern gebracht vor Lachen. Lita griff ihr ins Lenkrad und brachte sie wieder auf Spur.

„Wow, Mama, ich hänge ein wenig an meinem Drecksleben, weißt du.“

Obwohl ihre Worte so pessimistisch klangen, wirkte ihr hübsches Gesicht lebendig und lebensfroh. Roxanne warf ihre Bedenken über Bord.

„Was zum Teufel … Also gut, der Typ heißt Keith …“

Sie erzählte Lita die ganze Geschichte von ihrer geplanten Hochzeit und dem Gespräch ihrer besten Freundin mit Maggie. Es war so befreiend, obwohl Lita eine völlig Fremde für sie war, und nachdem sie die Story beendet hatte, fühlte Roxanne sich zum ersten Mal tatsächlich erleichtert. Lita nickte.

 „Du hättest ihm statt der Ohrfeige einen Tritt in die Eier verpassen sollen. Und ihr hätte ich die Blumen in den Rachen gestopft.“

„Ja, das hätte ich auch lieber getan.“

„Warum hast du nicht?“

„Weil ich …“

Warum eigentlich nicht? Roxanne hielt inne und dachte ernsthaft über die Frage nach. Dann schnaubte sie leise.

„Weil ich mich trotz allem zurückgehalten habe.“

„Lass mich raten: Und dann bist du mit einem dicken Knoten im Magen rausgerauscht? Richtig?“

„Ja, und dieser Knoten ist immer noch da.“

„Kein Wunder, weil du dich nicht einfach mal hast gehen lassen. Meine Mom hat immer gesagt, man soll nichts runterschlucken. Wenn du wütend bist, dann sei wütend, wenn du traurig bist, dann lass den Tränen seinen Lauf, und wenn du glücklich bist, dann umarme die Welt.“

„Weise Frau, deine Mom.“

„Das war sie wirklich.“

Roxanne beobachtete aus dem Augenwinkel, wie sich für einen kleinen Moment Litas Gesicht veränderte. Wehmut lag darin, und augenblicklich wusste sie, dass sie etwas gemeinsam hatten.

„Wann ist deine Mom gestorben?“

„Vor zwei Jahren. Brustkrebs.“

„Meine ist tot, seit ich vier bin. Ebenfalls Brustkrebs.“

„Diese Scheiße braucht die Welt wirklich nicht.“

„Nein, da geb ich dir recht.“

Die Stille, die sich zwischen ihnen im Wagen ausbreitete, fühlte sich nicht unangenehm an und war auch nicht von Trauer gefüllt, sondern schlichtweg von Erinnerungen. Lita lächelte sogar.

„Ich glaube, meine Mom hätte dich gemocht. Aber sie hätte dir sicherlich den Kopf gewaschen, weil du ihm nicht in die Eier getreten hast.“

„Das hätte meine Mom wahrscheinlich selbst getan.“

Sie erreichten nach über einer Stunde das Bed & Breakfast, und Roxanne parkte den Wagen direkt vor der Tür.

„Kommst du?“

Plötzlich bemerkte sie an Lita eine zuvor nicht vorhandene Zurückhaltung.

„Lita?“

„Ähm, ja klar.“

Aus dem Kofferraum nahm Roxanne die Reisetaschen und sprintete zum Eingang. Lita folgte ihr im Laufschritt. Eine ältere Dame namens Claire begrüßte sie herzlich.

„Was für ein schreckliches Wetter da draußen. Sie möchten sicherlich ein Zimmer.“

Roxanne nahm aus ihrer Handtasche die Platinkreditkarte und überreichte sie der Gastgeberin. Lita hingegen kramte in ihrer Geldbörse und hob ihren Blick.

„Wie viel kostete denn ein Zimmer?“

„Achtzig Dollar inklusive Frühstück.“

Die Dame lächelte freundlich, doch Lita trat nervös von einem Fuß auf den anderen.

„Haben Sie auch preiswertere Zimmer?“

„Tut mir leid, ich habe noch ein Doppelzimmer und ein Einzelzimmer für die Nacht. Ansonsten sind wir ausgebucht, Liebes.“

Roxanne wusste, dass Lita knapp bei Kasse war, schließlich hatte sie ihr zuvor von der defekten Ölwanne ihres Trucks erzählt.

„Buchen Sie beide Zimmer von der Karte.“

„Nein, kommt gar nicht infrage. Ich nehme keine Almosen, sorry, Roxy.“

So hatte sie noch nie jemand genannt, und Litas Eindringlichkeit überraschte sie.

„Aber das ist doch kein Almosen. Ich lade dich ein.“

„Das geht nicht. Ich könnte im Wagen …“

„Nichts da! Okay, wie viel hast du?“

„Vierzig!“

Claire lächelte.

„Wie wäre es, wenn ich euch beiden Hübschen das Doppelzimmer zum Preis des Einzelzimmers überlasse?“

Roxanne nickte.

„Prima, dann buchen Sie vierzig von meiner Karte, und du zahlst bar.“

Sie konnte sehen, dass es Litas letztes Geld war, und trotzdem schien sie zu stolz dazu, sich einladen zu lassen. Claire führte sie die Wendeltreppe hinauf zum Raum und wünschte ihnen eine gute Nacht. Die Betten konnte man auseinanderziehen, was sie als Erstes taten.

„Ich wollte dir eben nicht zu nahetreten.“

„Bist du nicht, wir lernen uns ja erst kennen. Aber eins solltest du gleich von Beginn an über mich wissen: Ich habe nicht viel Geld, aber ich bettele nicht, nehme auch keine Almosen an, und ich arbeite für das, was ich brauche. Deswegen will ich nach Vegas. Dort suchen sie ständig neue Stripperinnen, und ich glaube, ich habe da gute Chancen, richtig Geld zu machen.“

„Vegas, da war ich noch nie …“

„Komm doch einfach mit.“

Litas Vorschlag klang gar nicht so schlecht. Roxanne war bewusst, dass sie nicht ewig so ziellos umherkurven konnte. Vegas klang so gut wie jedes anderen Ziel, um den Kopf freizubekommen und vielleicht auch wieder zu sich selbst zu finden.

„Warst du schon einmal da?“

„Ja, ich habe dort mal geheiratet und am nächsten Tag die Ehe wieder annullieren lassen.“

„Ehrlich?“

Roxanne wollte diese Geschichte unbedingt hören und Lita ließ sich nicht zweimal bitten.

„Ich war achtzehn und dachte, ich wäre unsterblich in einem Rodeocowboy namens Jet verliebt. Eines Morgens bin ich in Vegas aufgewacht, mit einem dicken Schädel und einem verdammten Plastikring an meinem Finger. Neben mir lag der Typ und nur langsam konnte ich mich an Einzelheiten erinnern. Es stellte sich heraus, dass die Knalltüte nur ein Bucklehead war und mit dem Zirkus gereist ist. Alle seine Storys von den großen Rodeoauftritten waren gelogen. Glaub mir, so schnell, wie ich aus der Stadt wieder raus war, könntest du nicht bis drei zählen.“

Lita musste selbst über diese Jugendsünde lachen.

„Und du, warum bist du wirklich unterwegs? Wovor läufst du weg?“

Diese Frau schien immer die richtigen Fragen zu stellen, die sich Roxanne selbst noch nicht gestellt hatte.

„Ich weiß nicht, vielleicht laufe ich vor mir selbst davon.“

„Das Gefühl kenn ich, aber früher oder später holt dich dein Ich wieder ein.“

„Aber ich habe es satt, so zu sein wie ich bin.“

„Und wer bist du, deiner Meinung nach?“

„Dumm, naiv, zurückhaltend, langweilig, hey, man hat mir sogar mal hinter meinem Rücken bescheinigt, ich hätte einen Stock im Arsch. Tolle Mischung, oder?“

Lita setzte sich in ihrem Bett auf und betrachtete Roxanne eingehend.

„Du bist hilfsbereit.“

„Ja, bin ich, und das wird gerne ausgenutzt.“

„Du bist nett.“

„Ja, was man auch als naiv bezeichnet.“

„Du bist hübsch.“

„Unförmig mit großen Brüsten vielleicht.“

„Du bist großzügig.“

Darauf lachte Roxanne freudlos und seufzte.

„Das zieht die falschen Männer an.“

„Merkst du nicht, dass du dich nur in schlechtem Licht betrachtest? Hat das Arschloch dich so sehr gekränkt, dass er nichts mehr übriggelassen hat?“

„Ich weiß nicht einmal, ob genug da war, um etwas übrig zu lassen.“

Lita erhob sich aus ihrem Bett und setzte sich neben Roxanne.

„Was wünschst du dir in diesem Moment am meisten?“

Zuerst wusste Roxanne nicht, worauf sie hinauswollte, doch dann begann sie, darüber nachzudenken, und die Antwort war so einfach und simpel.

„Mal eine Weile nicht Ich zu sein.“

„Das lässt sich machen.“

Mehr sagte Lita nicht, legte sich zurück in ihr Bett und drehte sich auf die Seite, um zu schlafen. Roxanne blieb noch eine Weile wach, dachte über die Unterhaltung nach und konnte sich keinen Reim darauf machen, was Lita mit ihrem letzten Satz tatsächlich gemeint hatte.

Kapitel 3

Claire verwöhnte ihre Gäste mit einem überaus leckeren und sehr üppigen Frühstück, bevor Roxanne und Lita sich wieder auf den Weg machten. Dieses Mal fuhr Lita für ein paar Stunden in Richtung Vegas, während Roxanne sich eine Pause gönnte. Für eine Weile herrschte eine angenehme Stille zwischen ihnen, und Roxanne dachte über das Gespräch in der Nacht zuvor nach. Im Radio spielten sie ein paar moderne Countrysongs, und hin und wieder hörte Roxanne Litas leise Stimme, die mitsang. Roxanne mochte Litas gute Laune, denn es war ansteckend, und seit sie dieser lebensfrohen Stripperin begegnet war, schien sich ihre Grübelei ebenfalls in Luft aufzulösen.

„Wie hast du das eigentlich gestern gemeint von wegen: es sei machbar?“

„Wovon redest du?“

Lita strich sich ihr Haar hinter ein Ohr und trommelte den Takt der Musik mit ihren Daumen auf dem Lenkrad mit. Roxanne setzte sich aufrechter in den Beifahrersitz.

„Ich hatte doch gesagt, dass ich gerne mal eine Weile nicht ich selbst sein würde. Und du hast darauf geantwortet, dass es machbar sei. Wie hast du das gemeint?“

„Na, schau mich an! Wenn ich auf die Bühne klettere und anfange, mich zu entblättern, dann schlüpfe ich in mein zweites Ich. Sein Name ist übrigens Lolita, und dieses Vollblutweib ist eine echte Rampensau.“

Lita lachte laut auf und warf Roxanne einen flüchtigen Blick zu, bevor sie sich wieder auf die Straße vor sich konzentrierte.

„Ist Lita nicht die Abkürzung davon?“

„Nope, mein vollständiger Name lautet: Malita Lorenza Maria Katharina Flores Aragon Fuentes.“

„Shit, ist das dein Ernst?“

Roxanne grinste über diesen extrem langen Namen, und auch Lita schien sich darüber zu amüsieren.

„Keine Ahnung, was sich meine Mutter dabei gedacht hat. Wenn ich als Kind etwas angestellt hatte, hat sie sich manchmal selbst die Zunge daran abgebrochen. Die Wirkung ihrer verbalen Rüge kannst du dir dann ja lebhaft vorstellen.“

Kichernd schüttelte Lita den Kopf. Roxanne schmunzelte und fragte sich, wie das wohl ausgesehen hatte.

„Wie hast du Lolita erschaffen?“

„Uhhhh, ich habe sie nicht erschaffen. Lolita ist praktisch mein zweites Ich. Sie ist die Rampensau, die ich eigentlich gar nicht bin, sie ist die exhibitionistische, schlampenhafte, sexgierige und vulgäre Seite von mir, die den Männern vorspielt, sie könnten sie haben. Sie ist meine dunkle Seite und praktisch all das, was ich im Grunde nicht bin. Oder besser ausgedrückt, Lolita ist all das, was ich mich nie getraut habe, zu sein. Auf der Bühne werde ich durch sie zum Vamp, zur Sexgöttin und zum feuchten Traum aller Männer, die mir zusehen.“

Roxanne dachte darüber nach und spürte Litas Blick auf sich.

„Auch in dir steckt so eine Seite. Hölle, in jedem Menschen existiert so ein geheimer dunkler Part, und die meisten verbergen sie vor der Öffentlichkeit, unterdrücken den Part ihres Lebens und trauen sich nicht, sie auszuleben, rauszulassen. Was meinst du, warum es so viele verstockte, verbohrte und engstirnige Heuchler auf dieser Welt gibt? Jedenfalls ist das meine Theorie. Meist trauen sie sich aus moralischen oder gesellschaftlichen Aspekten nicht, aus sich herauszugehen. Sie haben mehr Angst davor, was andere über sie denken und sagen könnten, als davor, was dieses Unterdrücken ihrer heimlichen Leidenschaften tatsächlich aus ihnen macht.“

Irgendwie ergab es Sinn, was Lita sagte, und so langsam begriff Roxanne, was sie meinte.

„Das klingt, als wäre es dir egal, was andere Leute über dich denken.“

„Ist es auch. Anfangs hatte ich tatsächlich Probleme damit, aber mit der Zeit habe ich einfach eingesehen, dass ich keinen Einfluss darauf habe, was Menschen sich gerne zusammenspinnen wollen. In deren Augen bin ich die Schlampe, die mit jedem ins Bett steigt, der mit Geldscheinen wedelt. Selbst wenn ich das täte, hätten sie noch immer nicht das Recht, mit dem Finger auf mich zu zeigen. Die Leute vergessen schnell, wie viel Dreck sich vor ihrer eigenen Tür sammelt. Aber du kannst sie in ihrer Engstirnigkeit nicht ändern. Es ist mir mittlerweile völlig egal und geht mir – deutlich gesagt – an meinem knackigen, straffen Hintern vorbei. Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen und mich auszuziehen. Es ist verflucht gutes Geld und regt die Fantasie der Männer an, die dann nach Hause fahren, um es ihren Ehefrauen zu besorgen. Im Grunde leiste ich doch einen guten Dienst an der Allgemeinheit, oder nicht?“

Sie lächelte überzeugt und fuhr fort.

„Schau mich doch an! Solange das alles noch straff, knackig und geil aussieht, kann ich es mir locker leisten. Und Mutter Natur hat das hier nicht umsonst geschaffen. Ich werde niemals Modelmaße besitzen, und ehrlich, das will ich auch überhaupt nicht. Aber mit diesen Kurven bringe ich die Männer reihenweise dazu, zu sabbern und ihr Geld auszugeben. Und unter uns gesagt, es macht mich an.“

„Also ist nicht nur Lolita Exhibitionistin?“

„Nein, das hab ich tatsächlich mit ihr gemein.“

Roxanne warf lachend den Kopf in den Nacken und versuchte, sich selbst in Litas Rolle zu versetzen.

„Ich kann aber doch nicht einfach so anfangen zu strippen. Ich bin nicht so zeigefreudig wie du. Nicht, dass ich mich für meinen Körper schäme … na ja, nicht mehr.“

„Du hast schöne Möpse, aber es geht nicht darum, dass du dich jetzt vor einem Publikum ausziehen sollst oder etwas zu tun, was völlig gegen deine Natur geht. Du musst etwas in dir finden, was du dich aus diversen Gründen nie getraut hast, rauszulassen. Als du mir gestern von deiner geplatzten Hochzeit erzählt hast, war mir sofort klar, da steckt tief in dir etwas, das unbedingt an die Oberfläche will. Du hast deine Wut und deine Enttäuschung genutzt, um es mal aufblitzen zu lassen. Aber ich wette, da steckt noch wesentlich mehr dahinter. Gib der dunklen Seite deines Ichs einfach mal eine Chance, du wärst erstaunt, welche Überraschungen du dir damit selbst bereitest.“

Lita neigte sich etwas zu ihr hinüber und senkte ihre Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern.

„Ich hab sogar schon einen Namen für die Bitch.“

Roxanne hob amüsiert die Augenbrauen.

„Und der lautet?“

„Foxy Roxy!“

Beide brachen in schallendes Gelächter aus.

Nachdem sie die Grenze zu Clark County passiert hatten, machten sie eine kleine Pause am Straßenrand und wechselten die Sitze im SUV. Roxanne lenkte den Wagen zurück auf den Highway, und Lita machte es sich auf dem Beifahrersitz gemütlich.

„Okay, ähm, lass uns mal nachdenken. Was hast du bisher verpasst, weil du dich nicht getraut hast?“

Roxanne blies ihre Wangen auf und hob die Schultern.

„Wahrscheinlich eine ganze Menge.“

„Hattest du schon mal einen One-Night-Stand?“

„Ich glaube nicht. Es sei denn, es zählt, wenn er zum Freundeskreis gehört und sich danach eine kleine, aber regelmäßige Affäre entwickelt hat.“

„Nein, das zählt nicht. Ich meine eine Nacht mit einem völlig Fremden.“

„Das kann ich wohl dann in die Liste eintragen, als ‚Nein, hatte ich nicht‘.“

„Lass uns anders beginnen. Zähl mir mal all die Dinge auf, die dich als Roxanne Carmicheal ausmachen.“

Positive Dinge über sich selbst aufzuzählen, kam Roxanne albern vor. So etwas zu beurteilen, überließ sie lieber anderen, Außenstehenden, doch Lita drängte darauf, eine Antwort zu bekommen, also gab sie nach.

„Man sagt mir nach, ich sei loyal, zuverlässig, gradlinig, fleißig, perfektionistisch, freundlich, zurückhaltend, großzügig …“

Ihr fiel auf, dass die Liste sich recht seltsam anhörte, selbst in ihren Ohren.

„Ich bin im Grunde langweilig.“

Lita schüttelte den Kopf.

„Finde ich nicht. Du bist hilfsbereit, hübsch, auf nerdyart sexy, verdammt mutig und herzlich. Und jetzt erzähl mir von den dunklen, tief vergrabenen und extrem schmutzigen Seiten an dir.“

Roxanne dachte eine Weile darüber nach, doch ihr fiel einfach nichts Gescheites ein. Es war, als wäre ihr Gehirn plötzlich komplett eingefroren.

„Vielleicht bin ich tatsächlich einfach nur langweilig und ... ach ich weiß auch nicht.“

„Niemals! Ich denke, wir müssen einfach nur etwas tiefer graben. Okay, Thema One-Night-Stand. Welchem Promi würdest du dich ohne zu zögern umgehend für eine Nacht zur Verfügung stellen?“

„Joe Manganiello!“

Der Name kam ihr wie aus der Pistole geschossen über die Lippen, und das überraschte nicht nur Lita.

„Das Sahneschnittchen aus True Blood! Oh heilige Madonna, dieser Kerl dürfte mit mir machen, was er will. Allein die Vorstellung macht mich ganz wuschig.“

Roxanne nickte zustimmend, fiel in Litas Lachen ein und versuchte, sich auf die Straße zu konzentrieren.

Erneut hakte Lita nach.

„Dürfte er dich gefesselt vernaschen?“

Roxanne fühlte, wie sich ihre Wangen erhitzten, denn diese Fantasie hatte schon so manches Solospiel für sie versüßt. Dennoch zögerte sie, darauf eine Antwort zu geben. Lita beobachtete sie.

„Erwischt! Gib zu, du hast dir das schon mal vorgestellt.“

„Okay, okay, ja!“

Als sie nicht weitersprach, nagelte Lita sie darauf fest.

„Was noch?“

„Das erzähl ich dir nicht. Es gibt einfach Fantasien, die man für sich behält.“

„Komm schon, wir sind auf der Suche nach deiner inneren Schlampe. Vertrau mir deine versauten Sexfantasien an.“

Kichernd brachte Roxanne den Wagen leicht ins Schleudern und wurde von dem gerade überholenden Truck deswegen angehupt. Lita hielt sich vor Schreck, aber immer noch lachend, am Sitz fest, beruhigte sich jedoch schnell wieder, nachdem Roxanne den SUV erneut unter Kontrolle hatte.

„War das jetzt das erste Aufmucken von Foxy Roxy?“

Kopfschüttelnd rollte Roxanne mit den Augen, doch Lita drängte darauf, endlich eine Erklärung zu erhalten.

„Stehst du auf Rollenspiele, bei denen der Kerl die Kontrolle übernimmt?“

Roxannes Wangen fingen nun endgültig Feuer, und sie fühlte sich eindeutig ertappt.

„Ahhhh, du musst gar nichts sagen, ich glaube, wir sind auf einer heißen Spur.“

Es war amüsant, wie Lita Schlampendetektivin spielte, und keine der Fragen war auch nur ansatzweise unangenehm, fühlten sich nur ein wenig peinlich an. Tatsächlich wirkte es auf Roxanne, als würde sie ihre neue Bekanntschaft schon jahrelang kennen, und sie wurde das Gefühl nicht los, dass Lita wirklich jemand war, dem sie vertrauen konnte.

„Wenn wir durchfahren und uns abwechseln, dann könnten wir heute Abend schon in Vegas landen.“

„Klingt großartig, Roxy. Und dann gehen wir beide erst einmal auf die Piste.“

Ab dem Augenblick nannte Lita sie nur noch Roxy, und obwohl diese Kurzfassung anfangs etwas seltsam in ihren Ohren klang, begann Roxanne, sich daran zu gewöhnen. Sie mochte Lita schlicht und einfach, so wie sie war, ehrlich, direkt, ohne Hemmungen und lebensfroh. Sie hoffte sogar, dass Litas Art etwas auf sie abfärben würde, selbst wenn sie sich nicht sicher war, ob es diese dunkle Seite in ihr wirklich gab.

Vier Stunden später fuhren sie an dem Schild vorbei, das sie gemeinsam laut vorlasen:

„Welcome to Fabulous Las Vegas!“

Johlend ließ Lita das Fenster auf ihrer Seite herunter und winkte jedem, der auf dem Bürgersteig des Las Vegas Strip entlanglief. Es gab sogar Menschen, die zurückwinkten, und andere, die ihnen einen Vogel zeigten, doch es war Lita völlig egal. Sie wirkte erleichtert und euphorisch, endlich ihr Ziel erreicht zu haben, und schien darauf zu hoffen, dass hier ihr Traum wahr werden würde.

Kapitel 4

„Sobald ich einen Job gefunden habe, zahl ich dir meine Hälfte zurück.“

Bevor Roxanne wiedersprechen konnte, mahnte Lita sie mit einem eindeutigen Blick, als sie gemeinsam das angemietete Zweibettzimmer in einem kostengünstigen Motel am Rand von Las Vegas bezogen. Roxanne begann, ihre Klamotten in den Schrank zu räumen, und Lita beobachtete sie dabei.

„Ist das alles, was du mitgebracht hast?“

„Ja, warum?“

Lita trat näher an den Schrank, beäugte Roxannes Hosen, Blusen und Jacketts und schüttelte den Kopf.

„Hast du nichts Anderes? Ich meine, sexy, verrückt, ein bisschen was, womit du diese sagenhaften Möpse auch zeigen kannst?“

Sie zog einen Geschäftsanzug aus dem Kleiderschrank.

„So kann ich dich nicht mit in einen Club nehmen.“

„Aber es sind Designeranzüge.“

„So was ist vielleicht unter Bankern und Architekten sexy, Honey, aber nicht, wenn du auf der Suche nach einem One-Night-Stand in einem heißen Nachtclub in Vegas bist. Roxy, du brauchst dringend andere Klamotten. Aber nicht verzagen, Lita fragen. Ich habe bestimmt etwas, das zu dir passt.“

Sie schüttete eine ihrer Reisetaschen auf ihrem Bett aus und kramte so lange in dem Stoffchaos, bis sie fand, wonach sie suchte. Lita warf ihr einen Minirock und ein Stretchtop ohne Träger zu.

„Zieh das an, mal sehen, wie es an dir aussieht.“

„Aber darunter kann ich keinen BH anziehen!“

Roxanne hielt das trägerlose Top hoch und verzog skeptisch ihr Gesicht.

Lita hob ihre Augenbrauen.

„Ich sagte anziehen, nicht diskutieren.“

„Okay, schon gut …“

Roxanne verschwand im angrenzenden einfach eingerichteten Badezimmer und zog sich um. Ohne Bürstenhalter und mit diesem Stretchtop wirkte ihr Körper noch unförmiger, als es ohnehin schon der Fall war. Wohl fühlte sie sich in der Klamotte auch nicht besonders, dennoch kehrte sie zurück ins Zimmer und präsentierte sich.

„So kann ich nicht rumlaufen. Ich sehe aus wie eine Comicfigur.“

Lita schien auch nicht begeistert von ihrer ersten Wahl.

„Okay, der Minirock ist für dich nicht wirklich vorteilhaft. Deine Hüften sind sehr schmal und dein Arsch ist klein. Aber das Top sieht gut aus.“

„Findest du wirklich?“

„Absolut. Mutter Natur hat dir ein paar hübsche Airbags verpasst, Roxy. Und ein BH ist da überhaupt gar nicht nötig. Weißt du, wie viele Frauen da draußen dich um diese Titten beneiden? Himmel, für solche Spaßballons stehen die Mädels beim Chirurgen Schlange.“

Roxanne lachte auf, denn sie hatte noch nie in so wenigen Sätzen so viele verschiedene Umschreibungen für weibliche Brüste gehört. Lita kehrte zurück zu Roxannes Schrankseite und durchforstete die Hosen, zog dann eine einfache schwarze heraus und hielt sie an Roxannes Körper.

„Das könnte gehen.“

Nachdem Roxanne diese Kombination angezogen hatte, schien Lita wesentlich zufriedener.

„Was für eine Schuhgröße trägst du?

„Siebenunddreißig.“

„Perfekt.“

Sie hielt ihr ein paar High Heels mit Monsterabsätzen entgegen und ermutigte Roxanne, sie zu probieren. Es war kaum möglich für sie, in diesen hohen Schuhen zu laufen, geschweige denn, überhaupt darin zu tippeln. Lita lachte sich halb schlapp über Roxannes Versuche.

„Okay, stopp, das sieht albern aus. Die Schuhe waren auch nur ein Scherz. Das sind meine Fick-mich-blind-Pumps, wenn ich auf die Bühne steige. Hier, die sollten einfacher für dich zu handeln sein.“

Die High Heels passten wie angegossen, und es war wesentlich einfacher, sich mit den Zehn-Zentimeter-Absätzen zu bewegen, ohne Panik haben zu müssen, sich die Knöchel zu brechen. Roxanne warf einen Blick in den Spiegel an der Schranktür. „Bist du sicher?“

Lita nickte heftig.

„Jetzt noch ein sexy Make-up, und mit den Haaren lass ich mir noch etwas einfallen.“

Nach einer Stunde war Lita mit ihr fertig, und Roxanne erkannte ihr eigenes Spiegelbild nicht mehr wieder. So stark geschminkt und mit heftig auftoupiertem Haar, dass von unzähligen Haarnadeln gehalten wurde, hatte sie sich noch nie zuvor gesehen. Roxanne war geschockt.

„Lita, ich bin dir wirklich dankbar für die Mühe, aber ich sehe aus wie eine Transe.“

Roxanne begann, die Nadeln wieder aus ihrem Haar zu ziehen, und ging ins Bad, um etwas von dem heftigen Make-up wieder loszuwerden. Lita half ihr dabei und verpasste ihr danach ein dezenteres Make-over, das Roxanne tatsächlich gefiel.

„Wow, das sieht gar nicht mal schlecht aus. Wo hast du das gelernt?“

„Ich hatte mal eine Ausbildung zur Visagistin begonnen, aber dann ging mir das Geld aus und ich habe angefangen, an der Stange zu tanzen.“

Lita begann, sich selbst für die Clubnacht fertig zu machen.

„Anfangs hab ich das noch irgendwie auf die Reihe bekommen, nach drei Stunden Schlaf morgens in der Schule aufzutauchen, aber dann wurde es immer schwieriger, sich zu konzentrieren. Also musste ich eine Entscheidung fällen.“

Roxanne richtete ihr die Träger des Minikleides, das sie gerade angezogen hatte.

„Und du hast dich fürs Tanzen entschieden.“

„Richtig, und ich hab es bisher nie bereut.“

„Aber was willst du machen, wenn du zu alt für die Stange wirst?“

„Auf den Strich gehen? Nein, das war ein Scherz. Das ist der Grund, warum ich hier bin. Ich will viel Geld verdienen und zusammensparen, damit ich mir endlich diese Ausbildung finanzieren kann. Es ist nie zu spät, an die Zukunft zu denken.“

„Aber was macht dich so sicher, dass es ausgerechnet hier in Vegas anders werden wird als zuvor?“

Lita warf ihr einen seltsamen Blick zu und hielt dabei inne, sich die Lippen zu schminken.

„Hör zu, dass ich im Moment blank bin, ist nicht meine Schuld.“

„Das hab ich nicht gesagt.“

„Das klang aber so. Ich habe den Fehler gemacht, einem Mann zu vertrauen. Er war nicht nur eifersüchtig und ihm ist nicht nur hin und wieder die Hand ausgerutscht, sondern er ist auch noch ein verdammter Dieb. Das war der Grund, warum ich gegangen bin.“

Roxanne beobachtete sie, während sie sich schminkte. Zum ersten Mal, seit sie sich begegnet waren, hatte Lita ihre fröhliche Maske fallen lassen und gezeigt, wie viel Verletzung hinter ihrem Lächeln tatsächlich lag.

„Weil er dir dein Geld geklaut hat, hast du ihn verlassen, aber nicht, weil er dich geschlagen hat?“

„Roxy, nichts für ungut, aber das geht dich nichts an.“

Umgehend lächelte Lita wieder, legte das Make-up beiseite und strahlte Roxanne an.

„Bist du bereit? Dann lass uns losziehen.“

Lita packte ihre Hand und zog sie mit sich aus dem Motelzimmer. Roxanne brauchte nach dem kurzen ernsten Gespräch eine Weile, um in Stimmung zu kommen. Es war überraschend einfach für Lita, sie in diverse Nachtclubs mit Türstehern zu schmuggeln, ohne zu zahlen. Es schien, als würde niemand sie aufhalten, und selbst für Drinks war gesorgt, denn Litas Flirtkunst lockerte die Geldbörsen einiger gut gekleideter Herren, die ihnen gern etwas ausgaben. Sie tanzten ausgelassen, und Roxanne vergaß tatsächlich für eine Weile ihre Probleme. Lita zuzusehen, wie sie ihre runden Hüften schwang, und ebenso die Blicke der männlichen Clubgänger zu beobachten, war einfach unglaublich. Fast jeder schien sie förmlich mit den Augen ausziehen zu wollen, und langsam begriff Roxanne, wieso Lita ihren Job so sehr liebte. Ihr hingegen schienen die sabbernden Blicke völlig egal zu sein. Sie beugte sich während des Tanzens zu Roxanne hinüber.

„Hey, da hinten an der Bar steht seit geraumer Zeit ein echt heißer Typ, der dich regelrecht fixiert.“

„Kann nicht sein, so ziemlich jedes Augenpaar klebt an dir fest.“