Küss den Cowboy - Annie Stone - ebook

Küss den Cowboy ebook

Annie Stone

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Opis

Ein Kuss sagt mehr als 1000 Worte. Lynn Stewart hat eines früh verstanden: Auch wenn man das schwarze Schaf der Familie ist, hat man nicht viele Freiheiten, wenn man zu den Royals des Südens gehört. Sie sitzt in einem Käfig, einem goldenen zwar, aber ist trotzdem gefangen. Sie sieht keinen Ausweg und macht gute Miene zum bösen Spiel. Bis sie eine Autopanne mitten im Nirgendwo hat. Der Ritter in glänzender Rüstung entpuppt sich jedoch als fluchender Cowboy, der wohl noch nie etwas von Anstand und Sitte gehört hat. Doch Bettler können nicht wählerisch sein, oder? *** Dies ist eine Trilogie mit abgeschlossenen Bänden, aber die Charaktere tauchen in den anderen Bänden ebenfalls auf. Teil 1 Küss den Cowboy handelt von Lynn und Scott. Teil 2 Küss das Cowgirl handelt von Kat und Ryder. Teil 2.5 Küss mich, Minnie! handelt von Minnie und Cameron. Teil 3 Küss die Ranchhand handelt von Jade und Parker.

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MOBI

Liczba stron: 358

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Küss den Cowboy

Annie Stone

Inhalt

Impressum

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Danksagung

Bücher von Annie Stone

Copyright: © 2015 Annie Stone

Coverfoto: shutterstock.com/ Jeanne Provost

Lektorat: ScriptLounge

V.i.S.d.P.

Autorencentrum.de

Ein Projekt der BlueCat Publishing GbR

Peter Maassen

Gneisenaustr. 64

10961 Berlin

E-Mail: [email protected]

Tel.: 030/61671496

- Pakete werden nicht angenommen -

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck – auch auszugsweise – nur mit schriftlicher Genehmigung von Annie Stone.

Kontakt: [email protected]

Für dich

1

Bring ihn rein!«, herrscht mein Vater unseren Stallburschen Devon an. Er ist gewohnt, dass getan wird, was er verlangt. Niemand würde jemals auf einen anderen Gedanken kommen.

Lewis Stewart ist der ungekrönte König des Rennsports. Die letzten drei Sieger des Belmont Stakes kamen aus unserem Rennstall. Und dieses Jahr haben wir mit Fletcher’s Bug einen Anwärter auf das Triple. Seit 1978 hat niemand mehr alle drei Rennen, das Belmont Stakes, das Preakness Stakes und das Kentucky Derby, gewonnen. Aber dieses Jahr, 2015, könnte es wieder ein Pferd schaffen.

Fletcher ist einer von zwei Anwärtern. Der andere gehört unserem größten Konkurrenten Arthur Dillon oder sagen wir besser, er gehört einem Finanzkonsortium, dem Arthur Dillon vorsteht. Denn ein Familienbetrieb wie unserer ist selten geworden im Rennsport. Meist sind es Finanzkonglomerate, die das Geschäft dominieren.

»Was gibt es?«, fragt mein Vater unwirsch. Seine kalten Augen richten sich auf mich.

»Ähm«, sage ich.

»Herrgott, Lynn! Hast du was zu sagen oder nicht?«, meckert er, während er mit langen Schritten zur Kaserne läuft.

Ich eile hinter ihm her. »Ja, Theodore hat angerufen. Wir müssen unsere Zweijährigen melden. Wer soll laufen?«

»Bin ich eigentlich der einzige hier, der kein totaler Trottel ist?«, brüllt er über den Hof.

Einen Moment bin ich erstaunt, denn dass er mich so angeht, kommt nicht häufig vor. Manchmal ja, aber nicht bei solchen Banalitäten. Doch dann sehe ich auf. Der Hänger mit dem Heu ist zu schnell um die Kurve gefahren und die Ballen liegen auf dem Hof.

»Lynn, ruf die Jungs. Wir müssen den Scheiß beheben.« Er zieht die Handschuhe aus seinem Hosenbund, die er dort immer hineinsteckt, und stürzt sich ins Getümmel. Denn anpacken tut er.

Ich laufe in den Stall und rufe nach unseren Stalljungen, die ihrem Boss schnell zur Hilfe eilen. Niemand will in Ungnade fallen. Kopfschüttelnd gehe ich zurück ins Büro beziehungsweise in die Kaserne, wie wir es nennen. Mein Vater kann ein schlimmer Drill Sergeant sein. Wir benutzen den Namen allerdings nur hinter seinem Rücken. Keiner von uns hat Todessehnsucht. Okay, ich bin vielleicht die einzige, die den Namen benutzt.

Meine Mom, Priscilla, genannt Prissy, arbeitet hier. Wobei man arbeiten lose verwenden muss. Sie tut es nur, weil wir nun mal einen Familienbetrieb haben. Eigentlich schwirrt sie in ihren Chanelkostümen durch den Raum, verteilt ihren blumigen Duft in jeder Ecke und lässt sich Kaffee bringen, während sie die Zeitung liest. Dutzende Zeitungen. Denn das ist ihre Aufgabe. Artikel ausschneiden und sie abheften. Meist liest sie allerdings die Klatschspalten und hält Ausschau nach einem geeigneten Ehemann für mich.

Und dann ist da noch Chad, mein großer Bruder. Er wird in die Fußstapfen unseres Vaters treten und kommt sich beinahe ebenso wichtig vor. Er hat den Habitus Lewis Stewarts von der Pike auf erlernt und redet mit genau dem gleichen Duktus. Und der gleichen Lautstärke.

Wenn mein Vater ein Tyrann ist, dann ist Chad Tyrann Junior.

Während alles, was ich tue, falsch ist, ist alles, was er tut, das Beste, was je getan wurde. Während ich das schwarze Schaf bin, ist er der strahlende Held, der vergötterte Erbe unseres Familienimperiums. Während ich nur Schande bereite, ist er der Heiland.

Seine Frau Daphne betet den Boden an, auf dem er wandelt. Sie ist natürlich ein High Society-Pflänzchen, das noch nie einen Handschlag getan hat. Aber sie arbeitet auch tapfer mit, weil in unserer Familie alle mitarbeiten. Der Erfolg des Stalls liegt an uns allen. Ach ja ...

»Lynnie, kannst du mal eben ...?« Wenn ich für jedes Mal, das ich diesen Satz gehört habe, einen Dollar bekommen hätte, könnte ich mir jetzt bereits mein eigenes Gestüt leisten.

»Ja, Mom?«, frage ich freundlich, denn irgendein anderer Tonfall würde mir sofortige Rüffel einbringen und das brauche ich nicht jeden Tag.

Sie schwebt auf einer Wolke aus blumigem Duft zu mir. »Arthur hat angerufen wegen der Futterlieferung.« Sie reicht mir einen Zettel. »Und dann hat er das hier gefaxt. Kannst du dich darum kümmern?«

»Natürlich, Mom.«

Sie lächelt, auch wenn sich dabei nichts in ihrem Gesicht bewegt. Die Freuden von Botox.

Sie entschwebt wieder und ich setze mich an meinen Schreibtisch und gehe die Bestellung durch.

Eine Stunde später kommt mein Dad. »Ach, Lynn, wir melden Thorough’s Delight, Nightingale und Spencer Tracey an. Kümmerst du dich?«

»Klar, Dad.«

Er nickt nur kurz. Er weiß, ich brauche keine weitere Anleitung. Denn auch, wenn ich große Schande über meine Familie gebracht habe, weiß er, dass ich meine Arbeit gut mache.

»Hey, Mom«, sagt da gerade die große Schande.

Ich drehe mich um und mein Blick fällt auf meinen hübschen fünfzehnjährigen Sohn, der gerade von der Schule kommt. Er hat braune Haare, die dunkler sind als meine, seine Augen sind grün-braun wie meine, und er ist in diesem Jahr so sehr in die Höhe geschossen, dass er meine ein Meter siebzig locker überragt. Wo er noch hin will, weiß ich echt nicht.

»Hey, Hon. Wie war die Schule?«

»Wie immer.« Er grinst.

»Wurdest du hinter der Sporthalle beim Knutschen erwischt?«

»Das war doch nur einmal«, verteidigt er sich, hat aber diesen frechen Ausdruck auf dem Gesicht, der mir sagt, dass er eigentlich ganz stolz darauf ist.

»Du wurdest nur einmal erwischt, du Lausebengel«, gebe ich zurück.

Er grinst nur. »Kann ich nachher zu Percy?«

»Wenn du deine Hausaufgaben fertig hast.«

»Ich hab keine auf.«

Ich schaue ihn kritisch an. Er hebt beide Hände. »Ehrlich, Mom. Morgen hab ich nur Geschichte, Englisch und Spanisch. Für Geschichte haben wir nichts auf. Das Buch, das wir für Englisch lesen sollten, habe ich fertig, und gestern hat mir José mit den Spanischaufgaben geholfen.«

»Okay, okay«, gebe ich mich geschlagen.

»Ich nehm den Traktor.«

»Fein.«

Er lacht und verschwindet in Richtung unserer Wohnung. Wir könnten auch im Haupthaus wohnen, aber ich habe früh gemerkt, dass ein Leben unter dem Mikroskop nichts für mich ist. Und für Noah ist das auch nichts. Unsere Wohnung ist winzig, aber sie reicht uns. Vor allem, wenn die Alternative das Leben mit meinen Eltern und meinem Bruder bedeutet.

»Lynnie, ich habe übrigens die Whites getroffen. Ihr Sohn Brandon ist wieder aus Europa zurück. Er wird dich in den nächsten Tagen anrufen.« Und schon flattert sie wieder zu ihren Klatschspalten.

Gruselig. Brandon White ist der größte Vollidiot unseres Jahrgangs gewesen. Er hat nach der Schule geheiratet, sich aber vor zwei Jahren scheiden lassen. Anscheinend sucht er nach Ehefrau Nummer zwei.

Irgendwas muss an ihm defekt sein, sonst würden die Whites nicht auf die Idee kommen, dass eine alleinerziehende Mutter, die mit siebzehn ihr Kind bekam, die richtige Wahl für ihren Erben sei. Aber ich werde es ja bald erfahren.

Anfangs habe ich mich gegen all die Dates, die meine Mutter mir aufschwatzt, gewehrt, aber es ist leichter, es einfach über mich ergehen zu lassen. Gute Miene zum bösen Spiel zu machen. So wurde es schon immer gemacht. In Pferdecounty sucht man sich die passenden Hengste für die Stuten und die passenden Galane für die Töchter aus. Auf dass beide erfolgreich Nachkommen zeugen.

Von Vorteil ist allerdings, dass ich weiß, dass immer für mich und meinen Sohn gesorgt sein wird. Sie mögen zwar überaus enttäuscht von mir sein, aber das ändert nichts daran, dass sie mich finanziell versorgt haben – oder sagen wir lieber, dass sie nichts daran geändert haben, dass mich Grandpa versorgt hat. Ich habe einen Treuhandfonds, dessen erste Stufe allein mir bereits ein sorgenfreies Leben ermöglicht.

Ich könnte uns ein Haus kaufen, aber mein Vater will, dass ich im Schoße der Familie bleibe, daher ist dieser Plan auf Eis gelegt. Und ehrlich, uns geht es so auch gut in unserem kleinen Reich. Mit Stufe drei, die ich in drei Jahren erreiche, könnte ich mir dann den Traum eines eigenen Gestüts erfüllen.

Ich schüttel die Tagträume ab und widme mich wieder meiner Arbeit. Ich rufe Theodore Mansfield an, um unsere drei Zweijährigen anzumelden.

»Nightingale geht nicht«, sagt er gerade.

»Wieso nicht?«

»Das ist kein eindeutiger Name, den gab es schon.«

»Okay. Ich werd mit Dad sprechen und melde mich dann wieder. Danke.«

Ich suche meinen Vater und wundere mich nicht, dass ich ihn im Stall bei unseren trächtigen Stuten finde. Es ist Januar. Damit die Anmeldungen für die Zwei- und Dreijährigen passen, müssen die Stuten von Januar bis März fohlen. Alles genau festgelegt. Freie Liebe? Nicht im Pferdesport.

»Dad, Theodore hat Nightingale gekillt. Wir müssen was anderes nehmen.«

Er steht in der Box unserer besten Stute, der Mutter von Fletcher’s Bug. Langsam streicht er über ihre Flanken. So schroff er mit Menschen ist, so sanft kann er zu Pferden sein, wenn er will. Das sagt man den Pferdemenschen auch nach. Kein soziales Verhalten gegenüber der eigenen Art, aber mit Pferden flüstern – das können sie.

»Sie ist bald so weit, Lynnie. Siehst du die Harztropfen an ihrem Euter?«

Das erzählt er mir übrigens, seit ich drei Jahre alt bin und das erste Mal mit ihm zu den Stuten gegangen bin. Oder sagen wir besser, das erste Mal, dass ich mich daran erinnere.

»Ja, Dad. Meinst du, alles läuft gut?«

Er nickt. »Sie ist ein gutes Mädchen und hat schon so einige Geburten hinter sich. Das hier wird ihr Letztes sein. Danach geht sie auf die Koppel.«

»Das heißt ...«

»Sie muss gehen, ja.«

Mädchen auf der ganzen Welt stellen es sich so wunderbar vor, mit Pferden aufzuwachsen, jeden Tag zu reiten, ihr eigenes Pferd zu haben. Aber was sie nicht sehen, ist die grausame Seite des Pferdesports. Die Tiere sind nur das. Tiere. Keine Freunde, die einem den Tag versüßen. Keine Familienmitglieder, die man ins Herz schließt. Sie sind da, um eine Funktion zu erfüllen, und wenn sie dieser nicht mehr nachkommen können, dann müssen sie eben weg.

Mathilda’s Star ist da keine Ausnahme. Sie hat ihre Schuldigkeit getan. Hat meinem Dad mehrere Gewinner geboren und mit Fletcher einen echten Champion. Zumindest hoffen wir, dass er ein echter Champion wird. Als Zweijähriger hat er bereits für Furore gesorgt. Als Dreijähriger soll er seinem Stammbaum alle Ehre machen.

Oft ist es so, dass die Stars unter den Zweijährigen die längere Distanz nicht mehr schaffen, weil sie Sprinter sind, keine Langstreckenläufer. Aber Fletchers Vater ist Fisher, ein Langstreckenspezialist, der das Belmont Stakes und das Kentucky Derby gewonnen hat. Das Preakness hätte ein paar Yard länger sein müssen, dann hätte er auch dieses geschafft. Und die Kinder von Mathilda haben sich alle durch große Kraft ausgezeichnet. Gute Voraussetzungen also.

Ich bin immer sehr zwiegespalten, wenn eine unserer Zuchtstuten ausgemustert wird. Ich bin froh, dass Dad sie nicht decken lässt, bis sie tot umfallen, aber er ist Geschäftsmann. Eine Zuchtstute rentiert sich nur, wenn sie jedes Jahr gedeckt wird, was bedeutet, dass sie bereits in der Fohlenrosse neu besamt wird.

Inwieweit das gut für die Stuten ist, ist eine ganz andere Frage. Viele bekommen Hufrehe, die sich oft wieder zurückziehen, aber manchmal auch nicht. Andere haben Probleme mit dem Rücken und werden später nicht mehr als Reitpferde, sofern man das überhaupt vor hat, zu nutzen sein. Wobei natürlich generell zu bedenken ist, dass sich ein Rennpferd eventuell nie als Reitpferd eignen wird. Kann klappen, muss aber nicht.

Mathilda war eine gute Zweijährige, bevor sie sich verletzte. Seit sie vier ist, bekam sie jedes Jahr ein Fohlen, außer zweimal, als sie nicht aufnahm. Mein Vater wurde fuchsteufelswild.

Ich streichel über ihre Blesse, kraule ihre Stirn. »Sie ist schon immer ein liebes Mädchen gewesen.«

Er klopft ihren Hals. »Das ist sie. Und sie hat sich ihr Futter immer gut verdient.«

Man glaubt, dass Menschen, die mit Tieren zu tun haben, bessere Menschen sind, oder? Nun, das gilt ganz sicher nicht für Menschen, die mit Pferden ihr Geld verdienen. Klar, Dad ist auch traurig, wenn eines seiner Pferde stirbt, das ändert aber nichts daran, dass er tagtäglich Entscheidungen nicht zum Wohle der Pferde, sondern einzig zum Wohle unseres Bankkontos trifft.

Ich bin in dieser Welt aufgewachsen, war immer ein Teil von ihr. Aber ich mochte es nie. Uns wurde beigebracht, nicht zu viele Gefühle für die Tiere zu entwickeln. Bei Chad klappt das, er hat auch generell wenige Emotionen, aber bei mir nicht. Ich liebe meine Pferde heiß und innig, könnte mir nie vorstellen, eines der beiden abzugeben. Für meinen Vater sind sie Loser, weil sie es nicht geschafft haben, Rennen zu gewinnen. Primrose sollte zum Abdecker, aber ich bettelte so lang, bis er sie mir überließ. Und Peony war mein erstes eigenes Pferd. Sie ist jetzt zweiunddreißig, genau wie ich. Eine Pferdeomi. Beide stehen auf einer Koppel im Offenstall. Mein Vater belächelte diese Idee, aber er ließ das Kind dennoch machen. Ich glaube, die beiden sind die glücklichsten Pferde auf unserem Gestüt.

»Was ist das mit Nightingale?«

»Er braucht einen eindeutigen Namen.«

»Hmmh.« Er kommt aus der Box und gemeinsam laufen wir zur nächsten Stute.

Olljana ist die zweitbeste Stute. Sie ist die Mutter der beiden Sieger des Belmonts 2013 und 2014. Ihre Fohlen zeichnen sich durch lange Beine und gute Beweglichkeit aus. Sie ist eine bildschöne Stute und hat selbst als Dreijährige für Furore gesorgt. Sie war die einzige Stute, die diesen eingebildeten Hengsten das Wasser reichen konnte.

Ich fahre über ihre weichen Nüstern und sie prustet mich an. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie merken, dass ich die einzige hier bin, der es nicht nur ums Geld geht, sondern um sie.

»Na, meine Schöne?«, frage ich leise. Ihre Ohren sind aufmerksam nach vorne gerichtet, werden aber immer wieder nach hinten gelegt, weil sie wissen will, was mein Dad da macht.

Er streicht über ihren Bauch. Ein Schauer läuft über ihren Körper. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass sie kitzelig ist. Aber wenn ich so etwas äußere, würde Dad mich für verrückt halten.

»Ollie braucht noch ein wenig«, sagt er zufrieden. »Wie wäre es mit Nightingale’s Song?«

»Okay, ich ruf Theodore an.«

Als er sich auf den Weg zur nächsten Stute macht, stecke ich Ollie ein Stück Möhre zu. Sie kaut so laut, dass er sich umdreht. Er schenkt mir einen gespielt strengen Blick, bevor er sich wieder an die Arbeit macht.

Ich laufe zurück in die Kaserne und telefoniere erneut. Nightingale’s Song geht. Gott sei Dank. Mit den Namen hat man manchmal echte Probleme. Berühmtestes Beispiel ist Secretariat, einer der Triple Crown Gewinner, der eigentlich ganz anders heißen sollte.

Ich schaue auf die Uhr. Mist, ich bin schon zu spät. Ich greife nach meiner Tasche und den Autoschlüsseln.

»Mom? Ich muss los.«

»Wohin denn?«, fragt sie abgelenkt von den neusten Gerüchten um Brangelina.

»Ich muss doch für Dad die Dokumente in Fayetteville abholen.«

»Ach ja.« Aber sie macht nicht den Eindruck, als ob sie es wüsste.

Ich drehe mich um.

»Ach, Lynnie?«, kommt die Stimme meiner Schwägerin. »Die 95 ist gesperrt.«

»Danke«, antworte ich lächelnd.

Na, toll, dann muss ich auf Nebenstraßen ausweichen. Wie gut, dass es in diesem Jahr nicht so kalt ist. Zehn Grad, da muss ich mir keine Gedanken über die Straßenverhältnisse machen.

2

Eigentlich dauert die Fahrt nach Fayetteville fünfundvierzig Minuten. Dank des gesperrten Highways dauert es ungleich länger. Ich versuche es über die 710 und dann die 71, aber das blöde Navi will immer nur, dass ich umkehre. Es will partout, dass ich auf die 95 fahre, die aber gesperrt ist. Blödes Navi.

Also fahre ich weiter. Und es wird dunkler und dunkler. Na, toll. Ganz großartig.

Wo bin ich hier eigentlich? Ist das noch die 71? Ist das noch Amerika?

Ich höre einen Knall, bevor das Auto ausbricht.

»Oh, nein!«, rufe ich noch, bevor ich unsanft in dem Graben neben der Fahrbahn lande.

»Aua«, mache ich, obwohl mich keiner hören kann. Das ist aber auch gemein.

Ich suche nach meinem Handy und will AAA anrufen, damit sie mich abschleppen. Kein Netz. Wie bitte? Wo zum Teufel bin ich denn, dass ich kein Netz habe? Das kann doch nicht sein!

Ich steige aus dem Wagen und nutze mein Handy als Taschenlampe, um mir den Schaden anzusehen. Geplatzter Reifen, auch das noch. Wie wechselt man einen Reifen? Vorne ist eine Beule. Vielleicht kann ich ja mit dem geplatzten Reifen in den nächsten Ort fahren? Ganz langsam natürlich.

Ich setze mich wieder hinters Steuer und lasse den Motor an. Rückwärtsgang einlegen und langsam nach hinten fahren ... Nichts tut sich. Vielleicht nach vorne? Auch nichts. Ich stecke fest. Super.

Was mach ich jetzt? Ich weiß es nicht. Ich werd hier sterben ...

Ich greife nach meiner Tasche und laufe los. Bleibt mir ja nichts anderes übrig, als mit meinen hohen Absätzen nach Shannon zu laufen. Ich mein, da war ein Schild, das sagte, drei Meilen. Wieso habe ich ausgerechnet heute diese Schuhe an? Sonst trage ich Ballerinas oder Turnschuhe oder Boots, niemals hohe Hacken. Aber klar, ich wollte mit dem hübschen Notar flirten und dachte, hohe Schuhe wären der Hit. Dumm, ganz dumm.

Nach einer Viertel Meile tun mir die Füße so weh, dass ich überlege, sie auszuziehen. Ein Lichtschein fällt auf den Boden und es ist nicht das kühle Weiß meines Handys, sondern ein warmes Gelb. Ich drehe mich um und sehe einen Truck auf mich zukommen. Er hält neben mir an und aus dem Inneren dringt eine Stimme.

»Ist das dein Wagen etwa eine Viertel Meile die Straße runter, Sugar?«

»Ja, genau.« Ich versuche etwas zu erkennen, aber das ist unmöglich. Und unmöglich ist auch, dass er mich Sugar nennt. Das ist nicht die Gastfreundschaft des Südens. Oh, nein.

»Soll ich dich mitnehmen?«

»Ähm, also eigentlich ...«

»Deinen Wagen kriegen wir heute nicht mehr flott.«

»Wohin müssen Sie denn? Ich will Ihnen keine Umstände bereiten.«

Ein belustigtes Schnauben ertönt. »Ich fahr nach Shannon.«

»Oh, okay. Aber das hilft mir nicht wirklich, oder?«

»Nein, Sugar. Es leben nicht mal zweihundert Seelen dort.«

»Hmmh. Darf ich vielleicht Ihr Handy benutzen? Ich habe kein Signal.«

»Das ist auf dem Land so, Sugar. Aber zumindest Empfang haben wir in Shannon.«

»Würden Sie mich dann mitnehmen?«

»Klar, Sugar, steig ein.«

Er öffnet mir von innen die Tür und ich klettere in den Truck, was gar nicht so leicht ist mit Minirock und Absätzen. Ich kippe vornüber und wenn er mich nicht am Arm gepackt hätte, dann wäre ich mit dem Gesicht in seinem Schritt gelandet.

»Sachte, Sugar. Das können wir später machen«, kommt es von ihm.

»Also bitte! Das wird nicht geschehen«, sage ich schnippisch und bin froh, dass er in der Dunkelheit nicht sehen kann, wie rot ich werde.

»Wenn du das sagst, Sugar.«

Er fährt los und es dauert nur ein paar Minuten bis wir in Shannon sind. Oder in der Mitte von Nirgendwo, wie es auch heißen könnte.

»Vielen Dank, Mr. ...«

»Scott reicht.«

»Vielen Dank, Mr. Scott«, sage ich und steige zu seinem belustigten Brummen aus.

Ich hole mein Handy hervor und ... sehe ihm noch beim Sterben zu. Akku leer. Das darf doch nicht wahr sein! Und wo ist mein Handyladekabel? Natürlich im Auto. Nicht, dass ich hier jetzt gerade eine Steckdose hätte, aber ... Mist.

»Entschuldigen Sie, Mr. Scott, haben Sie vielleicht ein Telefon, das ich benutzen kann? Mein Akku ist leer.«

Wieder kommt dieses amüsierte Schnauben, das ich mittlerweile wie die Pest hasse. »Du kannst bei mir zu Hause telefonieren, Sugar.«

Ist es eine gute Idee, mit einem Fremden, den man noch gar nicht wirklich gesehen hat, nach Hause zu gehen?

»Oh.«

Dieses Mal lacht er laut auf. »Keine Sorge, Sugar, ich bin kein Serienkiller.« Einen Moment ist er still. »Und ich steh nicht drauf, Frauen gegen ihren Willen zu nehmen.«

Beruhigend. Wirklich. Total.

»O... okay.«

Ich steige wieder ein, ohne Fellatio anzudeuten.

»Wo wohnen Sie denn?«

»Paar Meilen außerhalb.«

»Außerhalb von was?«

»Shannon.«

»Ach, hier gibt es auch noch außerhalb?«

Er lacht. »Woher kommst du, Sugar?«

»Pembroke.«

»Ach ... Ich dachte, du kommst mindestens aus einer Stadt.«

»Unser Familienbetrieb ist da.«

Wir verbringen den Rest der Fahrt schweigend. Als wir bei ihm ankommen, mache ich die Tür auf.

»Warte, Sugar, ich helfe ...«

Aber da bin ich schon aus dem Wagen gesprungen und stehe knöcheltief in einer Pfütze.

»O mein Gott! Wieso haben Sie denn direkt neben dem Wasserloch geparkt?«

Neben mir ertönt Knurren und ich erstarre. Klar, jetzt werde ich von seinem Wachhund zerfleischt. Das fehlte gerade noch.

Scott kommt zu mir. »Ruhig, Lucky.« Dann hebt er mich hoch.

»Was erlauben Sie sich?«

Er lacht nur und trägt mich ins Haus. Das Licht auf der Veranda geht an und ich kann sehen, dass der Hof ein einziges Labyrinth aus Pfützen ist. Vielleicht war es doch besser, dass er mich hochgehoben hat.

»Warte hier, Sugar. Ich hol dir ein Handtuch und warme Socken.«

Ich nicke und unterdrücke ein Zittern. Ich setze mich auf einen der Verandastühle und schlinge die Arme um mich.

Als er rauskommt, sehe ich ihn zum ersten Mal richtig. Er ist groß und breitschultrig. Seine dunklen Haare sind verwuschelt, seine Stoppeln kann man nur noch mit gutem Willen als Drei-Tage-Bart bezeichnen. Seine Augen sind hellbraun.

Er lässt sich vor mir auf die Knie sinken und fasst nach meinem Fuß.

»Ich kann das selber.«

»Ich weiß.« Er streift meinen Schuh ab, der bestimmt ruiniert ist, und beginnt, meinen kalten Fuß abzutrocknen, bevor er mir einen dicken Wollstrumpf anzieht. Er tut das gleiche mit der anderen Seite. Er ist konzentriert über mich gebeugt. Und als er aufschaut, fährt mir ein Schauer durch Mark und Bein. Wow, was für Augen!

»Lass uns reingehen, Sugar«, sagt er leise und reicht mir die Hand.

»Hey, Scott«, ertönt eine Frauenstimme.

»Hey, Minnie«, sagt er und zieht mich weiter in den Raum hinein.

Um den großen Tisch sitzen zwei Männer und zwei Frauen. »Wer ist das?«, fragt die ältere der beiden.

»Sie will mal telefonieren.«

»Okay, das Telefon ist gleich da vorne.« Sie zeigt in die Richtung.

»Danke«, sage ich leise und gehe rüber. Ich wähle die Nummer der Kaserne, aber es klingelt nur. Ich schaue auf die Uhr. Es ist schon acht. Mist. Es ist niemand mehr da. Die anderen Nummern kann ich nicht auswendig.

»Kein Glück?«, fragt Scott.

Ich schüttel den Kopf. »Niemand da. Ähm, haben Sie vielleicht ein Ladekabel?«

»Minnie, hast du nicht das gleiche Handy?« Er schaut die jüngere Frau an, die aufspringt und ihr Kabel holt.

»Hier.«

»Danke«, sage ich leise. Scott nimmt mir mein Handy und das Kabel aus der Hand und steckt es in die Steckdose.

»Setz dich, Sweetie«, sagt die Ältere. »Hast du Hunger? Wir haben was für Scott aufgehoben, aber er kann mit dir teilen.«

Mein Magen knurrt und sie lacht. Die anderen versuchen es zu überspielen. »Okay. Scott, wenn du dir dein Essen holst, bring einen Teller für sie mit.« Sie wendet sich wieder an mich. »Wie heißt du, Sweetie?«

»Lynn.«

»Hi, Lynn. Ich bin Hester. Das sind meine Söhne Scott, Ryder und Parker.« Sie nicken mir zu, als ihre Namen fallen. »Und das ist Ryders Freundin Minnie.«

»Hi, Lynn«, lächelt sie und setzt sich neben mich.

»Was ist passiert?«, fragt Hester.

»Mein Reifen ist geplatzt und dann bin ich in den Graben gefahren.«

»Scott, hast du ihren Wagen gesehen? Können wir ihn rausziehen?«, fragt Hester.

Er steckt den Kopf aus der Küche. »Klar, aber wenn es nicht sein muss, würde ich das lieber bei Tageslicht machen.«

Sie schaut mich wieder an. »Muss es heute noch sein?«

Ich zucke mit den Schultern. Ich mein, mir wäre es lieber, wenn es heute noch passieren würde, aber wenn ich ehrlich bin, muss es nicht unbedingt sein. »Ich will keine Umstände machen.«

»Papperlapapp, Sweetie. Wir sind hier auf dem Land.« Als wäre das eine Erklärung.

Scott stellt mir einen Teller vor die Nase und ich merke, dass ich halb verhungert bin. Er setzt sich mit einem Teller mir gegenüber und grinst, bevor er anfängt zu essen. Ich tue es ihm gleich.

»Hmmh«, mache ich. »Das ist wirklich lecker«, kommt hinterher, als ich den Mund leer habe.

»Danke«, sagt Minnie.

»Was hat dich eigentlich hierher verschlagen?«, fragt Ryder. Das war doch Ryder, oder?

»Ich war auf dem Weg nach Fayetteville.«

»Wo kommst du her?«, fragt Parker. Zumindest denke ich, dass es Parker ist.

»Aus Pembroke.«

»Du redest nicht wie jemand von hier.«

Ich zucke mit den Schultern. »Kann sein. Aber ich bin hier geboren und aufgewachsen.«

»Wo kommen deine Eltern her?«, fragt Minnie.

»Mein Dad stammt von hier. Meine Mom ist aus Kentucky.«

»Was machst du so?«, fragt Ryder.

»Was ist das hier? Zwanzig Fragen?«, mischt sich Scott ein.

Ryder haut ihm auf die Schulter. »Wir wollen sie doch nur kennenlernen.«

»Lasst sie in Ruhe essen«, meint Hester und schenkt mir ein warmes Lächeln. »Danach kann sie uns ihren Lebenslauf geben.« Sie zwinkert mir zu und ich muss lachen.

Nach dem Essen überlege ich, wen meiner hilfsbereiten Verwandtschaft ich um Hilfe bitten soll. Meine Eltern scheiden aus. Meine Mom fährt kein Auto und mein Dad darf nur für echte Notfälle gestört werden. Und er bestimmt, ob es ein echter oder ein eingebildeter Notfall ist. Also bleibt nur Chad und die Hoffnung, dass er mal nett ist.

»Was ist?«, fragt er gereizt.

»Ähm, hi. Also, ich hatte eine Autopanne.«

»Das ist wieder typisch, Lynn. Ich weiß nicht, wieso du überhaupt Auto fährst, wenn du es offensichtlich nicht kannst.«

»Wie bitte?«, frage ich ein wenig schockiert, obwohl es mich ja eigentlich nicht wundern sollte. Er war schon immer ein Arsch.

»Ich kann nicht immer springen, wenn du rufst.«

»Das sage ich ja auch nicht, Chad. Aber was soll ich denn jetzt machen?«

»Du bist alt genug, um deine eigenen Entscheidungen zu treffen, also tu es auch. Dann komm aber nicht heulend angekrochen, wenn sie sich als falsch erweisen.«

»Chad, bitte! Mein Auto hat einen Platten und ich weiß nicht ...«

»Dann wechsel den Reifen, Herrgott nochmal!«

»Aber es ist dunkel ...«

»Weiß das kleine Schwesterlein nicht, wie’s geht? Fängst du jetzt an zu heulen?«

Wieso habe ich ihn angerufen? Weil ich dachte, dass er sich einmal wie mein Bruder benehmen würde. Da hätte ich noch besser Dad angerufen.

»Hilf mir, bitte«, flüstere ich beinahe. Meine Gastgeber sind alle stumm geworden und ich spüre, dass sie mich anstarren.

»Die Panthers spielen. Das kannst du vergessen.«

»Bitte, Chad.«

»Nein.« Und damit legt er auf.

»Okay, danke. Ich ...« Ach, was soll’s. Was bringt es, so zu tun, als hätte er mich nicht abgekanzelt?

»Du kannst hier schlafen«, sagt Scott neben mir. »Ich fahr morgen zu deinem Auto, wechsel den Reifen und bring es her. Dann kannst du morgen wieder los.«

Ich nicke. »Danke«, flüstere ich.

»Kein Thema.«

»Ich muss noch mal telefonieren.«

»Okay. Ich zeig dir dann das Zimmer.«

Ich rufe Noah an, damit er sich keine Sorgen machen muss.

»Hey, Mom. Was gibt’s?«

»Hey. Ich hatte eine Autopanne und komme erst morgen wieder. Kommst du klar?«

Er lacht. »Mom, ich bin keine drei mehr. Wenn ich Hilfe brauche, gehe ich zu Grandma.«

»Okay. Wenn was ist, ruf mich an. Alles klar?«

»Alles klar. Und jetzt lass mich in Ruhe. Ich schau mit Percy das Spiel.«

»Okay, okay. Ich hab dich lieb.«

»Würg, Mom! Echt jetzt?«

Die Freuden eines pubertierenden Jungen.

Scott schaut mich ein wenig merkwürdig an. »Alles okay?«

»Ja, danke.«

Er nickt. »Gut, dann komm.«

Ich laufe hinter ihm die Treppe hoch. Er weist auf eine Tür und sagt: »Bad.« Dann öffnet er eine weitere Tür und macht das Licht an. Es ist ein hell eingerichtetes, freundliches Zimmer mit dicker Daunendecke und passenden Gardinen. Es sieht heimelig aus und gemütlich.

»Ich danke Ihnen. Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn Sie nicht gewesen wären.«

»Kein Thema, Sugar. Wenn du noch Gesellschaft willst, komm einfach wieder runter.«

»Danke.«

Er nickt und schließt die Tür hinter sich. Ich warte ein paar Minuten, bevor ich ins Bad eile. Ich frage mich, was ich zum Schlafen tragen soll. Ich hab nur mein enges, tief ausgeschnittenes Oberteil oder mein Jackett. Das könnte ein bisschen unbequem sein.

Als ich zurück ins Gästezimmer gehe, steht Minnie vor der Tür. »Hier. Ich dachte, du brauchst was zum Anziehen und ein Nachthemd. Ich hab dir auch noch eine Zahnbürste rausgesucht. Wenn du irgendwas brauchst, sag einfach Bescheid. Ansonsten nutz ruhig alles, was du im Bad findest. Handtücher sind im Schrank.«

»Danke sehr. Das ist wirklich sehr freundlich.«

Sie winkt ab. »Ach, was. Hier auf dem Land helfen wir uns, wenn wir in einer Notlage sind.« Sie verabschiedet sich und ich gehe langsam zurück ins Bad. Ich putze mir die Zähne, bevor ich zurück ins Zimmer gehe, um mein Nachthemd anzuziehen. Nicht, dass ich halbnackt auf dem Flur in jemanden hineinlaufe. Nicht auszudenken, wenn es Scott wäre ... Das wäre wirklich schlimm! Oder?

Ich kuschel mich in die Decken und schlafe sofort ein.

3

Ich strecke mich und fühle mich ganz wohl. Ich öffne die Augen und frage mich, was ich denn da für Bettwäsche aufgezogen habe. Bis mir einfällt, dass ich ja gar nicht zu Hause bin, sondern bei den ... hmmh ... naja, bei Scott und seiner Familie.

Ich schlüpfe in die Klamotten, die mir Minnie gegeben hat, putze mir die Zähne, binde meine Haare zusammen. Als ich nach unten gehe, ist niemand im Haus. Ich schaue auf die Uhr und bin überrascht, dass es tatsächlich schon zehn Uhr ist.

Ich trete aus dem Haus, ziehe meine High Heels an, mangels Alternativen. Als ich aufschaue, traue ich meinen Augen nicht. Mein Auto steht auf dem Hof. Staunend gehe ich hin, versuche den Pfützen auszuweichen. Scott hat tatsächlich schon den Reifen gewechselt.

Ich schaue mich um und sehe einen Stall. Mir war gar nicht bewusst, dass das hier eine Farm ist. Ich marschiere zum Tor und schaue hinein. Pferde. Ich lächel leicht. Sie stehen in großen Boxen, es riecht nach frischem Stroh und Heu und nach dem unverkennbaren Duft von Pferden.

Etwas stupst mich in den Hintern und ich drehe mich erschrocken um. Ein Shetlandpony schaut mich an.

»Hey, du«, sage ich und kraule seine Stirn.

Ich höre Schritte hinter mir. »Sie wird dich nie mehr weglassen.«

Ich drehe mich zu Scott um. Er sieht morgens noch besser aus als abends. Er trägt Boots, ausgeblichene Jeans und ein kariertes Hemd. Seine dunklen Haare sind noch ein wenig feucht, seine Stoppeln noch länger als gestern. Aus den aufgekrempelten Ärmeln schauen muskulöse Unterarme. Der Rechte ist bis zum Handgelenk tätowiert, und ich erwische mich dabei, wie ich versuche, die Bilder zu erkennen. Aber es scheinen mehr Muster als Figuren zu sein.

»Lynn?«

»Äh, was?«

Er grinst. »Darf ich vorstellen? Fiona. Die heimliche Chefin hier.«

Wie zur Bestätigung nickt sie mit dem Kopf. Ich lache leise. »Ja, du bist eine Kluge.«

»Ich hab den Reifen gewechselt, aber du solltest dir schnell einen neuen Satz besorgen. Die sind schon reichlich abgefahren.«

»Oh, okay, danke.« Ich blicke mich um. »Was ist das hier?«

»Ein Pferdestall«, antwortet er trocken.

Ich weiß nicht, was ich von ihm halten soll. Er kann total nett sein und dann auch wieder so blöd. »Ja, danke, ich weiß, was Pferde sind.«

»Wirklich? Ich dachte, alles, was du kennst, sind Shopping Malls.«

Soll ich mich ärgern, dass er mich total falsch einschätzt, oder mir denken: Wenn du’s brauchst, andere Menschen niederzumachen?

»Okay ... Also, danke für Ihre Hilfe. Was bin ich Ihnen schuldig?«

Er zieht eine Augenbraue hoch. »Wie bitte?«

»Na, Sie haben das doch nicht umsonst getan.«

Seine Augen verengen sich zu Schlitzen. »Jetzt hör mal zu, Prinzessin. Ich hab’s satt, mich hier mit dir rumzuärgern. Ich hab deine Scheißkarre aus dem Graben gezogen, dafür könntest du mir ruhig ein bisschen Dankbarkeit zeigen. Stattdessen trittst du hier auf, als würde die verdammte Welt dir gehören. Und dann behauptest du auch noch, ich hätte das für Geld getan, statt aus reiner Menschlichkeit?« Ich bin geschockt, dass man mein Verhalten so auslegen kann. »Verschwinde hier, Prinzessin. Und komm nicht wieder!«

Er dreht sich um und stapft davon. So meinte ich das doch gar nicht! »Scott!«, rufe ich ihm hinterher, aber er schaut sich nicht mehr um. Verdammt!

Ich stehe noch ein wenig unschlüssig rum, aber niemand kommt, also beschließe ich zu fahren. Gerade als ich die Fahrertür öffne, kommt ein Hänger an, begleitet von ständigem metallischem Klopfen. Dahinter fährt ein Truck auf den Hof. Hester springt aus dem Wagen.

»Okay, Jungs. Wir müssen den Hänger an den Paddock fahren, sodass er einfach rausgehen kann, ohne dass wir ihn anfassen müssen.«

Ryder lenkt den Wagen rückwärts, aber er kommt nicht richtig dran.

»Mist!«, ruft Hester.

»Haben Sie vielleicht noch zwei Zaunteile?«, frage ich. »Sie könnten eine Gasse vom Hänger zum Tor bilden.«

Sie schaut mich an und sagt dann: »Wir müssten noch welche in der Halle haben. Ryder, Parker.«

Sie laufen ihrer Mutter hinterher. Ich wollte eigentlich fahren, aber das ist interessant.

Als sie wiederkommen, hängen sie die Zaunstücke am Paddock ein und stellen den Wagen so ab, dass es passt.

»Okay, alle zurück. Ich öffne die Tür und dann schauen wir, ob das funktioniert.«

Die Jungs und ich treten einen Schritt vor. Wir sind alle viel zu gespannt. Hester öffnet die Tür des Hängers und wird dann durch die Wucht eines rausgaloppierenden Pferdes zur Seite gedrückt.

»Mom!«, ruft Ryder. Er und sein Bruder rennen zu ihrer Mutter, während ich nach vorne springe, um das Tor des Paddocks zu schließen. Gerade noch rechtzeitig.

Er rennt wie der Teufel durch die Gegend. Steigt, buckelt, bleibt mit hocherhobenem Schweif und geblähten Nüstern in der Mitte des Paddocks stehen. Er ist ein schönes Tier, auch wenn er abgemagert ist, sein Fell nicht glänzt und er Spuren von Misshandlungen trägt. Sein Blick ist feurig. Sein Wille ist nicht gebrochen worden, aber wenn man ihn sich anschaut, hat es eindeutig jemand versucht.

Er ist ein Vollblut, das sieht man am feinen Körperbau, an den langen Gliedmaßen und dem zierlichen Kopf. Er hat den Körper eines Rennpferds und ich frage mich, ob er tatsächlich früher gelaufen ist. Er ist schwarz, hat keine Abzeichen.

»Immer noch ein prachtvolles Tier, nicht wahr?«, fragt mich Hester.

»Ist alles okay mit Ihnen?«, frage ich sie besorgt.

»Ja, alles klar. Was einen nicht umbringt, macht einen stärker.«

Ich schaue wieder zu dem Pferd. »Wie heißt er?«

»Geronimo.«

»Wie alt?«

»Sechs.«

Im Kopf gehe ich durch, ob ich jemals von einem Geronimo gehört habe, der vor vier Jahren gestartet ist. Aber ich kenne keinen. »Er sieht wie ein Rennpferd aus.«

Sie nickt. »Ja, er soll als Zweijähriger und Dreijähriger gelaufen sein. Er war wohl nicht so erfolgreich. Oder nicht erfolgreich genug, daher hat ihn sein Besitzer abgegeben. Dann ging es für ihn von Pferdemarkt zu Pferdemarkt. Rennpferde eignen sich nicht immer als Reitpferde und er war seinen Besitzern wohl zu schwierig.«

Ich schüttel traurig den Kopf. »Dabei braucht man manchmal nur Geduld.«

Sie schaut mich merkwürdig an. »Kommst du aus dem Pferdesport?«

»Ja.« Irgendwie fühle ich mich unbehaglich, darüber zu sprechen. Schließlich gehöre ich zu einer Industrie, die diesem Pferd das angetan hat. Während sie offensichtlich auf der Seite der Guten stehen.

»Was machst du?«

Ich wusste, sie würde es nicht auf sich beruhen lassen. »Ich bin Lynn Stewart.«

Sie zieht die Augenbrauen zusammen. »Stewart? Doch nicht etwa von Stewart Stables?« Ihre Stimme wird ein winziges bisschen schärfer.

»Doch«, gebe ich zu.

Einen Moment ist sie still. »Ich hoffe, dir ist bewusst, was ihr den Pferden antut.« Sie dreht sich um und geht.

Ryder und Parker stehen nicht weit entfernt. Ich kann in ihren Augen Ablehnung und unterdrückte Wut lesen.

»Es tut mir leid«, murmel ich und eile zu meinem Auto.

Ich lasse den Wagen an und fahre langsam über das Pfützenlabyrinth zur Hauptstraße. Es ist mir unangenehm. Nicht zum ersten Mal. Ich mein, ich bin in der Rennwelt aufgewachsen, aber ich gehöre nicht wirklich zu ihr. Ich habe keinen Spaß daran, Pferde mit ihren Jockeys im Kreis laufen zu sehen. Ich habe Spaß daran, mit Primrose auszureiten, mit ihr schwimmen zu gehen oder ihr einfach nur zuzusehen, wie sie ein Pferd ist.

Bisher habe ich aber meist verdrängt, dass es schwarze Schafe gibt, die ihre Pferde mit illegalen Mitteln trainieren. Ach, was heißt schwarze Schafe! Es ist ja schon ein Unding, dass die Pferde bereits mit zwei Jahren Rennen laufen müssen, obwohl ihre Knochen noch gar nicht ausgereift sind, um Höchstleistungen von ihnen zu verlangen. Die komplette Boxenhaltung, damit sich die wertvollen Pferde nicht verletzen, kommt noch dazu und macht jeden Menschen im Rennsport zum Tierquäler.

Ich weiß das alles, aber wenn man so aufgewachsen ist, wird alles irgendwann normal. Ich weiß, dass Dad auch Zweijährige an den Start schickt, weiß, dass er unsere Pferde vor allem in Boxen hält, aber er quält sie nicht. Also nicht darüber hinaus.

Dazu kommt, das viele Dinge von Außenstehenden schlimmer angesehen werden, als sie wirklich sind. Pferde sind intelligente Tiere, die beschäftigt werden müssen. Sie sind Fluchttiere, das Wegrennen liegt in ihrer Natur. Viel mehr als etwa das Springen. Es gibt mit Sicherheit Tiere, die gequält und mit Elektroschocks dazu gebracht werden zu rennen, aber es gibt auch Pferde, die gerne laufen.

Auf dem ganzen Weg nach Fayetteville debattiere ich mit mir selbst, wäge für und wider ab. Wie immer komme ich zu keinem Resultat. Oder vielleicht will ich auch zu keinem kommen, denn das würde bedeuten, dass ich dieses Leben nicht weiter leben kann. Bin ich dazu bereit? Anzuerkennen, dass all die Tierschützer recht haben, würde dazu führen, dass ich mit meiner Familie brechen muss. Will ich das? Ich weiß es nicht. Daher mache ich, was ich immer tue. Ich schiebe all das in irgendeine Ecke ganz hinten in meinem Gewissen.

Ich hole die Papiere ab, aber in Jeans und Pullover fühle ich mich nicht danach, mit dem sexy Notar zu flirten. Stattdessen mache ich noch einen Abstecher, um mir neue Reifen aufziehen zu lassen. Während ich warte, texte ich Noah, dass ich schon fast auf dem Rückweg bin. Er ist noch in der Schule, aber ich will nicht, dass er sich Sorgen macht.

Als ich endlich auf dem Hof ankomme, bringe ich schnell die Papiere in die Kaserne, bevor ich die Stufen zu unserer Wohnung hocheile. Andere Schuhe! Diese bringen mich buchstäblich um!

Ich schließe die Tür auf und bleibe wie vom Donner gerührt stehen. Ist jemand eingebrochen? Alles ist chaotisch. Überall liegen Plastikteller und Becher herum. Leere Flaschen und Pizzakartons. Was ist das für ein Gestank? Ich gehe zum Fenster und reiße es auf. Und da sehe ich es. Jemand hat in meinen Ficus gekotzt!

Widerlich. Oh, dieser Junge! Er wird Ärger kriegen, wenn er wieder aus der Schule kommt. Er wird nicht wissen, was ihn getroffen hat! Dieser ... dieser ... ahhhhhh! Ist er überhaupt zur Schule gegangen?

Ich stürme in sein Zimmer, reiße die Tür auf, öffne den Mund, um ihn zusammenzuschreien. Die Töne bleiben mir in der Kehle stecken. Er liegt im Bett. Nackt. Mit einem Mädchen. Nackt. Sie schlafen.

Ich gehe raus und knalle die Tür so laut zu, wie ich kann. Ja, gemein, aber ... aber ... Ich sinke auf die Couch. Irgendwas raschelt unter mir und ich ziehe eine halbleere Chipstüte unter meinem Hintern hervor. Ich lasse das Gesicht in meine Hände sinken. Wieso?

»Mom?«, sagt er leise, als er in Jeans und Shirt aus seinem Zimmer kommt.

»Ich will nichts hören.«

»Mom, bitte.«

»Nein.«

Meine Schlafzimmertür geht auf und ein Pärchen, das sich ebenfalls hastig angezogen zu haben scheint, kommt raus. Meine Augen weiten sich.

»Mom.«

»Lass es.«

Ich stehe auf, greife nach meinen Boots und eile aus der Wohnung. Ja, vielleicht sollte ich erwachsen sein und mich der Situation stellen. Ganz bestimmt sogar. Aber ich bin das erste Mal von meinem Sohn enttäuscht.

Ich hole Primrose aus dem Offenstall, lege ihr ihr Bosal, eine gebisslose Zäumung, an und reite vom Hof.

Ich schlage meinen liebsten Weg ein, ins Hinterland durch Wälder und Wiesen. Ich liebe es, mir den Wind durch die Haare wehen zu lassen, die ich allein zu diesem Zweck geöffnet habe. Ich lasse Rosie laufen, wie sie das möchte. Mal läuft sie langsam und nascht an den Gräsern, mal läuft sie schneller. Ich mag es, ohne Sattel zu reiten, das Spiel ihrer Muskeln zu spüren. Sie ist ein tolles Pferd. Kein Derbysieger, aber eine Partnerin. Ein Pferd, das eine echte Freundin ist.

Ich hätte doch eine Jacke mitnehmen sollen. Es ist ein bisschen frisch. Unser Atem bildet kleine Wölkchen. Sie schnaubt, bevor sie im Vorbeigehen einen Ast anknabbert. Verfressenes Monster.

Wir kommen auf einem Hügel an und ich zügel sie. Ich will einen Moment die Aussicht genießen. Es ist so schön hier. Ein echtes Paradies für Pferde. Nur schade, dass Rosie das einzige Pferd ist, das dieses Paradies auch wirklich genießen kann.

Nachdem ich die Schönheit eingesogen habe, bin ich wieder ruhiger. Was habe ich denn gedacht? Noah ist fünfzehn. Alle seine Freunde geben Partys, wenn ihre Eltern nicht da sind. Es war doch klar, dass er es auch tun würde. In dem Alter ist Gruppenzwang eben stark. Natürlich bin ich sauer, aber vielleicht ist meine Enttäuschung ein bisschen zu dramatisch.

Langsam reiten wir wieder zurück. Als wir zum Stall kommen, wiehert Peony schon von weitem, weil ich ihr ihre Freundin geklaut habe. Rosie antwortet lautstark und beeilt sich, wieder nach Hause zu kommen. Niemals wurde mir klarer, als in diesem Moment, das Pferde Herdentiere sind und sich einsam fühlen, wenn sie alleine sind.

Sie begrüßen sich, als hätten sie sich ein Jahrzehnt nicht gesehen, und es kann ihnen gar nicht schnell genug gehen, dass ich das Gatter öffne. Ich reibe sie mit Stroh ab und füttere sie dann. Ich hoffe für Noah, dass er gestern Abend dran gedacht hat, sie zu versorgen. Die beiden stürzen sich immer mit Heißhunger auf ihr Futter, das ist kein Indiz, ob sie kurz vor dem Verhungern stehen.

Ich miste aus und kontrolliere dann die Tränken, ob sie auch alle funktionieren. Die Rennpferde bekommen ihr Wasser in Eimern, damit man kontrollieren kann, wie viel sie trinken. Ein Pferd mit Wasserbauch läuft nicht schnell. Aber ich habe hier automatische Tränken einbauen lassen. Weniger Arbeit für mich, mehr Komfort für die Pferde.

So, jetzt habe ich so viel prokrastiniert, wie ich nur konnte. Ich atme einmal tief durch und gehe die Stufen zu unserer Wohnung hoch.

Noah staubsaugt. Das ist ja schon mal ein gutes Zeichen. Er hat auch bereits aufgeräumt, aber die Kotze ist immer noch da.

»Mom, es tut mir leid«, sagt er, als er mich sieht.

»Hmmh.«

»Ich hatte nur Percy und zwei andere Freunde eingeladen. Und dann kamen plötzlich all diese Leute. Das ist total aus den Fugen geraten.«

»Es gab Alkohol.«