Klimachaos - Hans-Peter Dr. Vogt - ebook

Klimachaos ebook

Hans-Peter Dr. Vogt

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Opis

Der Klimawandel ist nicht mehr aufzuhalten, denn der "Point of no Return" ist durch den ständigen Raubbau und die Verunreinigung von Luft, Erde und Wasser längst in greifbare Nähe gerückt. Die Folge ist eine Überhitzung des Klimas, das Abschmelzen der Pole und des Permafrostes, eine Verschiebung der Klimazonen, und eine ständige Gefahr durch unvorhersehbare Wetterphänomene, die als Global Weirding bekannt sind. Insekten, Genveränderte Milben und Seuchen bedrohen das Leben auf der Erde. Die Menschheit muss reagieren, und sie entwickelt Strategien des Überlebens. Die Biologin Josefina, der Deich- und Schleusenbauer Claudio und die Journalistin Katie stehen im Mittelpunkt der spannenden Erzählung, die in ihrem Mittelteil eine Fülle von verschiedenen Bedrohungen der Menschheit auflistet, und gleichzeitig Ansätze aufzeigt, um dieses Chaos zu überwinden. Wenn der Point of no Return erst einmal überschritten ist, dann gibt es kein Zurück mehr. Der Roman zeigt auf, was uns drohen kann, selbst wenn die Menschheit zu einem schnellen Umdenken fähig wäre. Dabei ist das Szenario durchaus realistisch. Warnungen gibt es genug. Angefangen bei der Studie des Club of Rome bis zu neueren Studien des Weltklimarates und der NASA. Vorläufig gipfelt der Kampf gegen den Klimawandel mit der Rede der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg vor der UN im September 2019 und zahlreichen Bekundungen führender Staatschef, etwas tun zu wollen. Ein Lippenbekenntnis? Tatsächlich läuft uns die Zeit davon, in der wir noch einen Rahmen für gewisse Beschränkungen der Entwicklung einleiten können, und dies erfordert drastische und einschneidende Veränderungen - auch von liebgewonnenen Angewohnheiten und Freiheiten. In dem Roman ist die Biologin Josefa die führende Aktivistin. Es sind immer beherzte Einzelpersonen, welche die entscheidenden Impulse setzen, wie wir aus der Geschichte lernen können. Wir sehen das an den Beispielen von Nelson Mandela oder Ghandi, und wenn man will, auch von Mao Tse Tung, aber das hatte düstere Folgen. Noch 2014, zum Zeitpunkt des Erscheinens des Buches hätte niemand gedacht, dass da 2016 eine kleine Schülerin in Schweden auftaucht, die sich durch beherzte Aktionen und ein unermüdliches Engagement einen Namen macht, und die Weltöffentlichkeit bewegt, gefolgt von hunderttausenden meist jugendlicher Aktivisten, aber auch von führenden Wissenschaftlern. Die Entwicklung darf aber hier nicht stehen bleiben. Wir brauchen ein Umdenken und Handlungsansätze mit wirksamen und nachhaltigen Methoden. Der in diesem Buch vorgegebene Zeitrahmen könnte durchaus realistisch sein. Schon jetzt wird befürchtet, dass der Meeresspiegel im Jahr 2030 um etwa einen Meter höher sein wird als im Jahr 2015. Eine weltweite Erhöhung der Temperatur von nur 2 Grad ist schon ein kleiner Gau, eine Erhöhung um 5 oder gar um 10 Grad wäre ein weltweiter Kollaps mit verheerenden Folgen für die Landwirtschaft und die natürlichen Trinkwasserresourcen. Denken wir nur einmal an die Zeit vor den großen Eiszeiten. Damals lag der Meerespiegel nachweislich 80 Meter über dem heutigen Niveau. Neuere Untersuchungen sprechen von der Möglichkeit, dass sich der Meeresspiegel um bis zu 60 Meter anheben könnte, und dass weite Teile der Erde unter einem ständigen Mantel aus Nebel begraben werden, hervorgerufen durch die enorme Verdunstung, durch die Erhöhung der Temperatur und durch aufgeheizte Ozeane. Das Buch basiert zwar auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und Annahmen, aber kein Mensch kann wirklich in die Zukunft sehen. Das Buch basiert deshalb auch weitgehend auf Annahmen. Der hier vorgegebene Zeitrahmen kann so, oder auch anders ablaufen. Ob die Menschheit sich wirklich zu einer Art kollektiver Hilfeschrei erhebt (wie in dem Buch dargestellt) und gemeinsame Maßnahmen zur Rettung der Welt ergreift, muss seit Greta Thunberg nicht mehr bezweifelt werden. Machtgier und Unvernunft können aber grenzenlos sein und neue Kriege ums Wasser, um Anbaugebiete und Ernteerträge - und nicht zuletzt um Bodenschätze hervorbringen, Der Supergau ist also nicht so weit entfernt. Schon die Berichte des Weltklimarates gehen von dem drohenden Untergang der Industriegesellschaften aus, hervorgerufen durch reale Machtverschiebungen und Umwelteinflüsse. Das Buch greift dieses Thema auf, und verknüpft es mit natürlichen Ereignissen durch Vulkanausbrüche und Erdverschiebungen, die schon immer eine permanente Bedrohung dargestellt haben, und die über uns kommen können, wie biblische Katastrophen. Schauen wir einmal in der Geschichte zurück, so sind Dürren und Anstiege der Temperatur, sowie Eiszeiten schon immer eine Bedrohung für die Menschheit gewesen. Denken wir nur einmal an die Kreise der Nazka in Südamerika (die uns etwas über das Aussterben einer ganzen Hochkultur durch einen natürlichen Klimawandel erzählen), an die legendäre Stadt Runghold in Friesland oder an Dürren im Mittelalter oder zu Zeiten der Nomaden: die Steppenvölker des Dschingis Khan wären wohl nie aufgebrochen, um die Welt zu beherrschen, wenn nicht Trockenheiten zu einer Lebensgefahr für eine ganze Bevölkerungsgruppe geworden wären. Anders als solche natürlichen Schwankungen der Klimawerte (Beispiel: Aussterben der Urwaldechsen / Eiszeit) ist das beginnende Klimachaos von heute hausgemacht. Wir Menschen haben jahrhundertelang die Erde massiv ausgebeutet und alle natürlichen Kreisläufe grob mißachtet. Wir haben in diese Kreisläufe eingegriffen, und wir werden für diese Vergehen bezahlen müssen. Das Buch ist ein ökologischer und auch zugleich ein ökonomischer Roman, denn das bevorstehende Klimachaos ist eine Verknüpfung dieser zwei Begriffe. Dass dieses Klimachaos kommt, daran kann kein Zweifel bestehen. Die Anzeichen sind längst nachgewiesen. Das Buch ist eine romanhafte Erzählung. Es lebt von den Protagonisten einer Josefina, die zu einer visionären und berechnenden Umwelt-Aktivistin wird, oder von den Aktivitäten eines weitsichtigen Deich- und Sperrwerksbauers, der die Geschäftsführung einer Stiftung zum Schutz der Küstengebeite und der Meere in Ostfriesland übernimmt. Die Protagonisten sind eng verknüpft mit einer Reihe von Stiftungen, die sich das Ziel gesetzt haben, den Schutz von Tieren, Pflanzen und Menschen zum Credo zu erheben. Um dieses (Über)lebensziel zu erreichen, sind auch Maßnahmen legitim, die in unserer heutigen Gesellschaft als illegal gelten, aber manchmal heiligt der Zweck die Mittel. Die von Josefina gegründeten Stiftungen haben ihre Finger in einer Reihe von Aktivitäten. Darunter gehören auch diverse Firmen in den Bereichen Recycling, Pharma, Nahrungsmittel, Discount. Im Mittelteil finden sich diese einzelnen Aktivitäten wieder, wenn auch mit anderen Protagonisten "vor Ort", etwa einem Moskauer Feuerwehrmann, einem Thailändischen Geschäftsmann, einer Kanadischen Ärztin oder der New Yorker Angestellten einer Imbiss-Kette. Das sind in sich geschlossene Kurzgeschichten, die Ereignisse aus verschiedenen Teilen der Welt aufgreifen, zu einem Gesamtpaket von Bedrohungen schnüren und zugleich von Anstrengungen der Menschen berichten, um sich gegen die Unbilden der Natur zu wehren. Lesebeispiel (Auszug): Kurz vor zwei in der Nacht trat wieder diese seltsame Stille ein. Es war fast so, als würde jedes Wort vorm Mund verschluckt, und was dann kam, war fürchterlich. Es kündigte sich mit einem Grollen an und dann gab es Donnerschläge von geborstenem Felsen. Hinten auf dem Golfplatz gab es noch mehr solcher Risse. Einige Autos, die man dahin gestellt hatte, stürzten einfach in die Tiefe. Einige Gäste brachen jetzt in Gejammer aus. Der noble Mercedes und der teure Ferrari, einfach weg. Unten in der Stadt musste ein wahres Chaos herrschen. Sie sahen die neuen Feuer. Sie sahen, dass die Lichter der Stadt überall ausgegangen waren. Sie sahen diese Blaulichter und hörten die gellenden Sirenen. Da unten in L.A. waren gerade große Teile der Stadt in Schutt und Asche versunken. Sie rochen den Staub von zusammenstürzendem Beton. Sie rochen den Qualm der Feuer und die Gäste klammerten sich in ihrer Hilflosigkeit aneinander. Viele begannen zu weinen. Es gab einige Schreiattacken und das Personal hatte wirklich alle Hände voll zu tun, obwohl es übermüdet war. Die Musik war längst verstummt. Sie hatten ihre Instrumente eingepackt, und waren davon gefahren, aber sie waren wiedergekommen. “Da unten, die Zufahrtsstrasse“, sagten sie. „die gibt es nicht mehr“.

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Hans-Peter Vogt

Klimachaos

Der Zusammenbruch der ökologischen Systeme, Überlebensstrategien und der Tipping point (The last hundred years)Ein ökologisch-ökonomischer Zukunftsroman

Impressum, rechtliche Angaben:

Deutschsprachige Ausgabe / Fassung für e-Book überarbeitet im September 2019 (Grafik, Satz) / ISBN 978-3-942652-44-5 / Empfohlen ab 18 Jahren / FSK 15 Jahre / © vogt multimedia verlag Dr. Hans-Peter Vogt, Erlenweg 18, D - 64354 Reinheim / Titelbild und e-Book-Optimierung © vogt multimedia design (Reinheim). In gedruckter Form kann das Buch im Internetshop bestellt werden unter: http://www.fahrrad-dvd.de, oder direkt beim Verlag unter www.vogt-multimedia-verlag.de, und in jeder Buchhandlung. E-Books erhalten Sie bei allen gängigen Buch-Plattformen Empfohlene Schriftart für den Reader: Verdana

Inhaltsangabe

Cover

Titel, Autor, Impressum, rechtliche Angaben

Inhaltsangabe

Einleitung / Vorbemerkung

Teil 1.2002 bis 2098. Seuchen, Umweltsünden, Klimakollaps. Der Vargas Clan und der Point of no Return

Kapitel 1. Die Prägung. Claudio, Kleinenbroich, Schmallenberg und Kiel 2058-2070

Kapitel 2. Rudolfo, Josefina, das Erbe, und die Maierhauser Ingeniering

Kapitel 3. Die atomare Verseuchung

Kapitel 4. Claudio, Katie und die Stiftung zum Schutz der Küstengebiete

Teil 2.  Der ganz normale Wahnsinn. Katastrophen und Strategien zum Erhalt des Lebensraums

Kapitel 1. Der Schwarm der Wanderheuschrecken

Kapitel 2. Die Eisbärstation

Kapitel 3. Das Auftauen des Permafrostes

Kapitel 4. Die Hitzewelle in Moskau

Kapitel 5. Erbkrankheiten, Epidemien und andere Bedrohungen

Kapitel 6. Starkregen in der Rhön

Kapitel 7. Der australische Grüngürtel

Kapitel 8. Die australische Todeszone

Kapitel 9. Der Schwarze Kontinent. Überlebensprogramme, Mama Baha und die südafrikanischen Plantagen

Kapitel 10. Chaos in Manhattan

Kapitel 11. Die großen Dürren im Mittelwesten

Kapitel 12. Die rotierenden Megastürme

Kapitel 13. Die Gigantenwellen der Tsunamis

Kapitel 14. L.A. und das Erdbeben

Teil 3. 2098 bis 2104. Der Tipping Point und die Folgen

Kapitel 1. Der Vulkan

Kapitel 2.

Einleitung / Vorbemerkung

Das Buch spielt von heute bis in die Zukunft, die durch Klimawandel und eine nachhaltige Schädigung der Umwelt geprägt sein wird. Die hemmungslose Industrialisierung und der Kampf um Rohstoffe und Wirtschaftsmacht verändern das Gesicht der Welt. Alle eingeleiteten Gegenmaßnahmen können die Entwicklung nur abbremsen, aber nicht mehr grundlegend verhindern. Das Jahr 2098 scheint schließlich eine Zäsur zu bilden. Nach Jahrzehntelangem Temperaturanstieg scheint der Gipfel der Entwicklung erreicht zu sein. Zeit für Hoffnung oder nur eine Verschnaufpause auf dem Weg in ein noch schlimmeres Chaos?

Das Buch basiert auf Berechnungen, Studien und Annahmen, wie etwa dem Bericht des Club of Rome oder dem Bericht der NASA 2014, aber es ist und bleibt ein Roman, denn jeder Blick in die weitere Zukunft kann nur eine Fiktion sein. Naturereignisse und Krankheiten spielen in diesem Buch eine genauso große Rolle, wie Bemühungen von Behörden und Einzelpersonen, mit dem Umweltchaos umzugehen, das kaum noch beherrschbar scheint, wenn der Point of no Return erst einmal überschritten ist. Alle Personen und Handlungen dieses Buches sind frei erfunden, aber viele Personen, Orte und Institutionen gibt es wirklich, wie Nelson Mandela, den Fluss Sinn in der Rhön, die einzelnen Stadtteile von New Nork, die Städte Kiel, Bremen und Hamburg, die Inseln der Phillippinen, den ANC, die UN, oder die NASA. Andere Orte sind vom Autor geschaffen worden, wie die legendären “Grüngürtel” in Australien, um die Handlung in sich logisch zu gestalten.Ein Vergleich zu anderen (als den gerade erwähnten) Personen ist nicht gewünscht.Eine besondere Brisanz erhält das Thema durch die Weigerung der gegenwärtigen US-Trump-Regierung, das Thema überhaupt als Problem zu erkennen, und das Klimaschutzabkommen zu verlassen. Dieses Sujet ist im Buch allerdings nicht eingearbeitet, und es wird villeicht andere, noch weit gravierende Rückschläge für den Schutz der Natur geben.

Vor vier Jahren, als das Buch veröffenlicht wurde, habe ich mit der Biologin Josefine eine Kunstfigur geschaffen, die sich konsequent für den Umweltschutz und den Erhalt der Lebensgrundlagen einsetzt, soweit ihr das möglich ist. Niemand hätte in dieser Zeit daran gedacht, dass 2018 - also nur 2 Jahre später - eine erst 16-jährige Greta Thunberg aus Schweden wie aus dem Nichts auftaucht, und plötzlich diese Rolle meiner Kunstfigur annimmt, und die Welt zumindest zum Nachdenken inspiriert. Es sind immer die Einzelpersonen, die plötzlich aus dem Nichts auftauchen, wie Helden. Entrüstet, konsequent, wagemutig, intelligent, vielleicht auch verbissen. In jedem Fall aber emotional berührt und in ihrer Existenz bedroht. Es mag allerdings ein glücklicher Zufall sein, dass Greta Thunberg aus Schweden stammt, denn wohl in jedem anderen Land der Welt, außer vielleicht in Schweden und Dänemark, wäre diese Greta verhöhnt, verhaftet, und kaltgestellt worden. Nun. Es gibt natürlich noch ein paar Ausnahmen, wie seinerzeit Ghandi in Indien oder Nelson Mandela in Südafrika, und wenn man so will, sogar Mao Tse Tung in China, aber das ist ein anderes Kapitel. Ein düsteres. Wer jetzt denkt, ich wolle Greta Thunberg einem Ghandi oder einem Nelso Mandela gleichstellen, der denkt zu weit, aber wenn man ernsthaft darüber nachdenkt, so scheint das gar nicht soweit hergeholt zu sein. Unabhängig davon ist die Welt derzeit einer Bedrohung ausgesetzt, wie es schlimmer kaum sein könnte. Noch sind nicht alle Folgen sichtbar, oder gar im Denken der Menschen angekommen. In der Wissenschaft sind die wesentlichen Fakten unbestritten. Es wäre schön, wenn das Buch noch ein paar Menschen mehr zum Umdenken und vor allem zum Handeln ermutigen würde.

Teil 1.

Die Jahre 2002 bis 2098.

Teil 1/ Kapitel 1.Claudio / die Prägung. Kleinenbroich, Schmallenberg und Kiel 2058-2070

1.

Am Sonntag klagten die Zwillinge über Appetitlosigkeit und Übelkeit. Am Abend hatten sie leichtes Fieber, das sich in der Nacht erhöhte. Am Montag früh meldete Mama die Zwillinge krank.Als Claudio von der Schule kam, war der Hausarzt gerade da. Die Geschwister litten unter keuchendem Husten und Atemnot. Der Arzt diagnostizierte eine Grippe und Mama fuhr eilig in die Apotheke, um Antibiotika zu besorgen. Die Zwillinge fieberten in der Nacht. Sie hatten Albträume und sie wachten mehrfach auf, weil sie unter heftigen Gliederschmerzen litten. Als Claudio am Dienstag nach Hause kam, wurden die Zwillinge gerade in einen Krankenwagen gerollt, der sie ins Kreiskrankenhaus bringen würde. Am Mittwoch klagten auch Claudio und Mama über Übelkeit, und während des Tages stellte sich Fieber ein. Papa kam am Abend und er legte sich gleich ins Bett. Auch ihn hatte es erwischt. Der Hausarzt kam am Donnerstag mit Mundschutz und sterilen Handschuhen und er entnahm Blutproben. Am Abend kamen mehrere Krankenwagen. Claudio, Mama, Papa und etliche Kinder aus dem Kindergarten und der Grundschule wurden abgeholt. Sie wurden alle ins Krankenhaus nach Mönchengladbach gebracht.

Dort hatte man eine ganze Station abgeriegelt. Es gab Kontrollen. Es gab Schleusen. Es gab Ärzte und Pfleger in Schutzanzügen aus Plastik. Zu diesem Zeitpunkt wusste man bereits, dass es sich nicht um eine harmlose Grippe handelte, sondern um KIS, eine hochansteckende Viruskrankheit. Inzwischen wusste man auch, wie sie ausgebrochen war.Meike, Rosi und ein paar andere Kinder hatten im Hof des Kindergartens eine Katze gefunden. Sie war zahm, sie ließ sich streicheln und sie war seltsam matt. Die Kinder erzählten zunächst nichts, weil sie wussten, dass die Kindergärtnerinnen nicht duldeten, dass man fremde und unbekannte Tiere anfasst. Inzwischen hatte man den Kadaver gefunden und obduziert. Die Diagnose war eindeutig, und inzwischen hatte sich die Seuche ausgebreitet. Mehrere Tiere in Kleinenbroich waren krank und immer mehr Kinder und Erwachsene wurden jetzt eingeliefert, auch der Hausarzt.In Kleinenbroich fuhren wieder die Männer in den weißen Schutzanzügen herum, wie schon einmal, einige Jahre zuvor. Damals hatte das Claudios Wahrnehmung bleibend beeinflusst. Häuser wurden isoliert und mit Folien abgedichtet. Überall kam Chlor und Desinfektionsmittel zum Einsatz. Tierbestände wurden prophylaktisch gekeult und in die nächste Verbrennungsanstalt geschafft. Der ganze Ort wurde abgeriegelt. Niemand durfte mehr zur Arbeit. Lieferwagen wurden geschickt, um die Menschen mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Das Trinkwasser musste abgekocht werden. Schon längst hatte die Seuche auf andere Orte übergegriffen. Papas Büro in Neuss musste geschlossen werden und die Mitarbeiter wurden in Zwangsurlaub geschickt.

2.

Auch Kevin war ins Krankenhaus gekommen. Er lag neben seinem Freund Claudio und anderen Kindern. Sie waren an Sauerstoff-, und Infusionsschläuche gebunden. Atmung, Kreislauf und Blutdruck wurden von Geräten überwacht. Das Personal trug Masken und wirkte wie von einem andern Stern. Der knapp achtjährige Claudio schlief viel, und wenn er wach war, dämmerte, schwitzte und hustete er vor sich hin. Trotz der Schmerzmittel fühlte Claudio einen dumpfen Schmerz. Das Sprechen fiel ihm schwer. Irgendwann bekam er mit, dass Kevin aus dem Zimmer gerollt wurde. Später sollte er erfahren, dass der Freund an akutem Nierenversagen gestorben war. Auch die Zwillinge sollten diese Pandemie nicht überleben. Papa starb genauso, wie viele weitere Patienten, die in den ersten Tagen in Mönchengladbach eingeliefert worden waren. Claudio und Mama überlebten, und es wurden umfangreiche Tests gemacht. Später sollte Claudio lernen, dass eine genetische Mutation ihm das Leben gerettet hatte. Eine eigentlich harmlose Abweichung, die Mama auf Claudio vererbt hatte.

Er hatte schon früher von dieser Krankheit gehört, die ihn befallen hatte. Ähnliches hatte es in Deutschland immer wieder gegeben, mit verheerenden Folgen. Er kannte Vorsichtsmaßnahmen im Kindergarten und in der Grundschule, die von den Kindern als lästig empfunden wurden, wie ständiges Händewaschen mit Desinfektionsmitteln, aber so eine Krankheit kommt erst richtig ins Bewusstsein, wenn man Zeuge davon wird, oder wenn man selbst betroffen ist, vor allem dann, wenn man erst acht Jahre alt ist. Die Krankheit war auch nicht neu. Man bezeichnete sie als “Kollabierendes-Immun-System” oder kurz KIS, und sie war damals im Jahr 2040 ausgebrochen. Als der Virus erstmals in Indien, Bangladesh und im Süden Chinas auftrat, nahm man das gar nicht als globale Bedrohung wahr, sondern nur als eine neue Art von Grippe, die sich bald erledigen würde, wie das fast immer so ist. Bald wurde jedoch klar, dass es sich um eine Seuche handelte, ähnlich der Pest, der Pocken, von SARS, Ebola oder der Vogelgrippe, nur viel schlimmer. Schon in wenigen Tagen überschritt diese anfangs noch unbenannte Krankheit die Grenzen Asiens, und schwappte nach Australien, Japan, Afrika, Europa und Amerika. Die Viren griffen massiv und auf verschiedenen Ebenen an.

Später hatte man herausgefunden, das die Krankheit von Parasiten übertragen wurde, ähnlich wie die Hirnhautentzündung. Nur waren diesmal die Wirte nicht nur bei Spinnentieren zu finden, sondern auch bei Hausmilben, Läusen, Fruchtfliegen und Stechmücken. Diesmal waren nicht nur Menschen betroffen, sondern auch in großer Anzahl Hunde, Katzen, Affen, Ratten, Mäuse, Igel, Waldtiere und Vögel. Die Krankheit zeichnete sich zunächst durch Mattigkeit, Herzrasen, Schweißausbrüche und Fieberanfälle aus und führte dann zum Zusammenbruch verschiedener lebenswichtiger Systeme. Betroffen wurden die Nieren, die Leber und schließlich das zentrale Nervensystem. Wenn einmal das Stadium wilder und unkontrollierter Zuckungen erreicht war, war des Endstadium bereits eingeleitet. Die Infektion wurde aber schon in einem viel früheren Stadium der Krankheit an anderen Wirte weitergegeben, als sie noch gar nicht sichtbar war. Die Erreger wurden Millionenfach im Urin, Kot, Speichel und Schweiß ausgeschieden. Sie gelangten über Fluggäste und Blutkonserven nach Europa und in die USA. Sie wurde von Zugvögeln und Wildtieren verbreitet, die alle voller Milben sind.

Zum zweiten mal seit Ausbruch von AIDS waren die Virulogen völlig hilflos, nur dass KIS um vieles ansteckender und gefährlicher war. Allein in den Jahren 2040 bis 2060 starben über zweimilliarden Menschen und noch mehr Tiere, die man schließlich aufsammeln musste, um sie kontrolliert zu verbrennen. In der Wissenschaft nennt man das eine Zooonose, also eine Krankheit, die von Tieren auf den Menschen übertragen wird. So genau wusste man nicht, wie die Krankheit entstanden war, aber man hatte die Überträger der Krankheit schnell ausfindig gemacht, und die saßen überall. Auf Blättern, in Bettlaken, in Teppichen, im Fell der Tiere und schließlich in den Tieren selbst.Weil man zunächst keinen Impfstoff fand, versuchte man die Wirte zu bekämpfen. Man setzte Prämien auf gefangene Ratten und Mäuse aus. Hunde, Katzen und zahme Vögel wurden in speziellen Tinkturen gebadet. Die Katzen hatten sich vehement gegen diese Kuren gewehrt und es hatte so manche Schrammen und Bisse gegeben, so dass viele dieser Hauskatzen auf Anweisung der Seuchenämter eingeschläfert werden mussten. Wilde Katzen wurden kurzerhand mit Futter angelockt und vergiftet, manchmal sogar gegen heftigen Widerstand von Tierschützern.

Die WHO riet eindringlich zur Sauberkeit. Man bat darum, einmal getragene Kleidung regelmäßig auszukochen. Teppiche und Bettlaken unterzog man einer Desinfektion. Waschbecken, Toiletten und Duschen in öffentlichen Gebäuden wurden mit Desinfektionsmitteln geradezu ertränkt. Schwimmbäder wurden geschlossen, weil das Chlor zwar das Wasser desinfizierte, nicht aber die Duschen, Gummimatten oder Fußböden. Schließlich verbot man große Menschenansammlungen, weil sich die Seuche auch noch über Schweiß oder einen Händedruck verbreitete.Kasernen und Fabriken wurden zu regelrechten Seuchenschleudern, bevor man dazu überging, die Räume mit Chlor und anderen Mitteln großflächig zu desinfizieren.Schlimm war die Versorgung mit Blutkonserven. Es war längst üblich, in der Dritten Welt Blut zu sammeln, ohne dass strenge hygienische Maßnahmen durchgeführt wurden, und durch dieses Blut gelangte die Krankheit in den Wochen nach ihrem Ausbruch nach Europa und in die USA, zunächst völlig unerkannt. Auch 2058 war noch immer kein Impfstoff gefunden, und während die Seuche sich in Nordrhein-Westfalen verbreitete, wütete sie dutzendfach in anderen Teilen der Welt. Seltsamerweise starben nicht alle Patienten, die an KIS erkrankten, vor allem nicht in Europa. Die Virologen kannten inzwischen den Grund. Sie konnten sogar die gegen die Krankheit gebildeten Immunstoffe bestimmen und isolieren, aber es war bisher immer noch nicht gelungen, einen Impfstoff zu finden, der gegen die ständige Veränderung der Viren wirksam anzuwenden war. Claudio hatte Glück gehabt.

3. Als Claudio schließlich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war nichts mehr, wie es einmal war. Noch immer wütete die Krankheit. Sie hatte sich schließlich auf ganz NRW ausgedehnt. Sämtliche Ärzte in großem Umkreis waren in Alarmbereitschaft, doch auch Ärzte und Krankenschwestern gehörten längst zu den Opfern der Epidemie, die sich immer mehr ausbreitete. Erst nach sechs Monaten bekam man die Seuche in den Griff, durch rigorose Anordnungen und hunderte von freiwilligen Helfern, die den Gesundheitsbehörden, den Veterinärämtern, der Polizei und den Fortstellen unter Lebensgefahr halfen, um Krankheitsherde ausfindig zu machen. Weg war die Krankheit nicht. In diesen sechs Monaten hatte es allein in Nordrhein-Westfalen über 400.000 Tote gegeben.Überall wurden Messen gelesen, und im Kölner Dom wurde ein steter Strom an Pilgern gemessen, die stumm und ergriffen um eine Befreiung von dieser Seuche beteten, obwohl die Behörden in diesen Tagen große Menschenansammlungen verboten hatten.

4.

Für Claudio änderte sich das Leben im Sommer des Jahres 2058 grundlegend. Er litt unter dem Verlust des Vaters und der Zwillinge, aber er sah auch das Leid, das sich tief in das Gesicht seiner Mutter eingegraben hatte. Das Büro des Vaters war amtlicherseits fast einen Monat geschlossen worden. Allein dort waren zwölf Mitarbeiter an den Folgen der Seuche gestorben. Für alle anderen hatte man den Lohn weiterzahlen müssen, bevor die Krankenkasse einsprang. Alle Aufträge waren auf Eis gelegt. Mehrere Kunden sprangen ab, weil die Termine nicht gehalten werden konnten. In einem Fall gab es Schadenersatzforderungen und die Kunden hatten schließlich auch Angst, dass die Mitarbeiter des Büros die Krankheit auf die eigenen Mitarbeiter übertragen.Eine Versicherung für diesen Ausnahmefall gab es nicht. Claudios Mutter bemühte sich um Darlehen, aber die deckten nur einen Teil der Kosten ab. Schließlich sah sich Claudios Mutter gezwungen, das komplette Büro einschließlich der Immobilie und aller Lizenzrechte zu verkaufen. Das half ihr, dass sie wenigstens das Haus in Kleinenbroich behalten konnte.

Claudio ging wieder zur Schule, aber das große leere Haus war bedrückend. Noch lastete die Seuche wie ein Fluch auf der Ortschaft. Das Haus war unverkäuflich, aber sobald sich eine Gelegenheit ergeben würde, würde Mama mit Claudio in eine Mietwohnung umziehen und das Haus abstoßen. Schließlich hatte eine Holding mit Sitz auf den Seychellen das Ingenieurbüro gekauft und angeordnet, dass die Arbeit sich künftig mehr dem Schwerpunkt sanfter Technologien widmen solle. Die Holding hatte nicht üppig gezahlt, aber durch die von dem Ingenieurbüro gehaltenen Patente waren über hundert Millionen Euro zusammengekommen. So wurde Mama plötzlich reich und sie beschloss, einen Teil des Geldes für eine exzellente Ausbildung ihrer Sohnes zurückzulegen.

Claudios Tante Carola hatte den Deal eingefädelt. Sie war eine Cousine seines Vaters und sie lebte in Berlin, um dort Einfluss auf gesetzgebende Prozesse im Bereich sanfter Technologien zu nehmen. Sie beschäftigte dort einen ganzen Stab von Mitarbeitern und sie hatte ständigen Kontakt zu vielen Firmen aus der Solartechnik, der Homöopathie, der Wasseraufbereitung, oder Schadstoffmessung. Sie hatte auch Kontakt zu der Repräsentantin dieses Konsortiums, eine Frau Josefina Maierhauser-Vargas aus Böblingen, die im Bereich von Umwelttechnologien und Umweltschutz als eine Art Päpstin galt. Claudio wusste von seiner Tante Carola wenig, und von Josefina Maierhauser-Vargas wusste er nichts, außer dass er sie sie schon einigemale im Fernsehen gesehen hatte. Dort gab es Galas und eine regelmäßige Fernsehshow, die sich bedrohten Tier- und Pflanzenarten widmete und Spendengelder sammelte. Es ging da manchmal um Seerobben, manchmal um Schmetterlinge, oder seltene Pflanzen, um bedrohte Bienen, oder um Seeadler. Claudio liebte solche Sendungen, die voll waren mit schönen Tierbildern, und die an das Gefühl der Menschen appellierten. Er wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass sein Vater in der Vergangenheit schon mehrere Projekte für Josefinas Firmen durchgeführt hatte, und dass Vaters Büro in Fachkreisen längst mit sanften Technologien in Verbindung gebracht wurde.

5.

Claudios Mutter bestand darauf, dass er die Grundschule in Kleinenbroich, und in seiner gewohnten Umgebung abschloss. Durch die ständigen Kontakte zu Tante Carola, zu Josefina Maierhauser-Vargas, ihren Anwälten und zu den Mitarbeitern des Ingenieursbüros wuchs Claudios Mutter aber Stück für Stück in diese neue Welt hinein. Ein besonderer Kontakt bestand zu dem Chefingenieur des Büros, der bei dieser Epidemie seine Frau verloren hatte. Anfangs war Jan de Witt verbittert, und er hatte Claudios Schwestern indirekt die Schuld am Tod seiner Frau gegeben, aber er hatte bald begriffen, dass die Seuche gleichzeitig an mehreren Stellen ausgebrochen war. Ein Geschäftsreisender hatte sie eingeschleppt. Irgendwann war diese Ablehnung in gemeinsames Leid und dann in Verständnis und Zuneigung umgeschlagen. Claudio ahnte, dass Mama und dieser Jan inzwischen das Bett miteinander teilten, zumindest war Jan an den Wochenenden des öfteren da, und er hatte so etwas wie eine väterliche Freundschaftsrolle für Claudio übernommen. Das gab Claudio Halt. Claudio hatte in dieser Epidemie Freunde verloren und eins hatte er gelernt: man braucht die Vertrautheit, die sich über Freunde manifestiert. Seine Mutter wirkte glücklicher, seit Jan sie regelmäßig besuchte, und sie hatte wieder angefangen stundenweise zu arbeiten. Diesmal hatte sie einen neuen Job. Sie arbeitete jetzt für die Stiftung von Josefina Maierhauser-Vargas, um Einfluss auf die Landespolitik zu nehmen, die in Düsseldorf gemacht wurde. Es gab da viel zu tun. Die klimatischen Bedingungen waren um 2050 dergestalt, dass man Gesetze, Verordnungen und Technologien brauchte, um das Überleben der Menschheit zu sichern. Das hatte auch Claudio inzwischen verinnerlicht. In der Grundschule hatte man sich ein Jahr lang der aktiven Trauerarbeit verschrieben. Man hatte viele Themen aufgegriffen, die sich mit der Bearbeitung von Leid, aber auch mit den Ursachen für solche Katastrophen beschäftigten. Es war ja längst nicht vorbei. Die Menschheit steckte mitten in einer globalen und übermächtigen Krise, und diese Seuche war nur ein Teil einer klimatisch chaotischen Entwicklung, welche die ganze Welt erfasst hatte.

6.

Mit Beginn der fünften Klasse wechselte Claudio in eine Schule, die als Kaderschmiede der Elite galt. Mama hatte Claudio mehrfach dorthin mitgenommen, und Claudio hatte schließlich zugestimmt, obwohl ihm das furchtbar weit weg von Zuhause erschien. Der Luftkurort Schmallenberg lag im Sauerland, etwa 130 Km Luftlinie von Neuss entfernt, an der Grenze zum Rothaargebirge in 400-440m Höhe. Viele Kinder von hohen Politikern und Industriellen lebten dort. An den Wochenenden oder in den Ferien wurden sie manchmal abgeholt.Was Claudio letztlich überzeugte, war, dass es dort neben dem regulären Unterricht diverse Kurse gab, von Ökonomie über Recht, der angewandten Physik und Chemie bis zu polytechnischen Werkstätten. Es gab ausgedehnte Sportanlagen und Freizeitaktivitäten. Außerdem war der Ort klein und überschaulich, ähnlich wie Kleinenbroich, und ringsherum gab es Waldwege, die zum Mountainbikefahren einluden. Für seine Mutter waren noch andere Gründe überzeugend. Die Johann-Heinrich-Klingenberg-Schule hatte sich inzwischen den Ruf einer Art Denkfabrik erworben. Das Fraunhofer-Institut für angewandte Molekularbiologie war im Ort ansässig. Es gab Schiefergruben, Bergbau, und einige Unternehmen der Laser-und Hochtechnologie, die alle Praktikumsplätze anboten. Wer hier zur Schule ging, der hatte eine goldene Zukunft, wenn er sich nicht besonders blöd anstellte, oder wenn er früh verstarb, was in diesen Tagen nichts ungewöhnliches war.

Für Claudio begann eine neue Welt. Er musste sich nicht nur gegen die Sprösslinge einer selbsternannten Elite behaupten, sondern sich auch mit den Lehrern und dem ausgedehnten Lehrangebot auseinandersetzen. Er fand Freunde und Gegner. Er fand die alte Liebe am Werkeln wieder, und er suchte die Nähe zu aktiven Sportlern. Er erlebte Dünkel, Mobbing und Besserwisserei, und er wählte sich seine Freunde sehr gezielt aus. Er schloss schließlich eine Unmenge an Kontakten, die sich für sein späteres Leben als sehr nützlich erweisen sollten. Schmallenberg war wirklich eine Kaderschmiede. Die Lehrer achteten darauf, dass die Schüler die Voraussetzungen erwarben, um in ihrem späteren Leben Führungsrollen zu übernehmen. Bereits im ersten Jahr erlebte Claudio, dass die Seuche KIS nicht vorbei war. Unten in Bayern und im gesamten Alpenraum grassierte die Seuche. Die halbe Belegschaft der Bayrischen Motorenwerke erkrankte und der Landtag musste für ein halbes Jahr geschlossen werden. Allein im Großraum München gab es über 300.000 Tote. Die Friedhöfe konnten die Mengen gar nicht aufnehmen. Es kam zu Massenverbrennungen, wie schon zuvor in Nordrhein-Westfalen. In der Schule gab es Heimreise- und Ausgehverbote. Überall wurden sogenannte Schleusen aus Folien aufgehängt. Beim Betreten der Schleusen musste man sich die Hände und die Schuhe desinfizieren. Die Schüler und die Lehrer mussten einen Mundschutz tragen. Es gab regelmäßige ärztliche Untersuchungen. Man achtete sehr darauf, dass die Schule ein Schutzraum für die angetrauten Zöglinge war. Zwei der Schüler mussten sogar die Schule verlassen, weil sie mehrfach gegen die Vorschriften verstoßen hatten. Solche Schutzmaßnahmen wurden auch in den folgenden drei Jahren rigide durchgeführt, als die Seuche erst in Frankreich, dann in den Niederlanden, in Sachsen und in Polen wütete. Aufatmen konnte man erst, als man im Jahr 2063 endlich einen Impfstoff fand, und die gesamte Schule geimpft wurde. Man hatte lange gebraucht, bis man den Impfstoff weltweit vermarkten und anwenden konnte. Auch Claudio wurde geimpft, obwohl er Antikörper in sich trug.

Es gab anderes. Wer das Schulgebäude verließ, um beispielsweise eine Fahrradtour in die Umgebung zu machen, musste sich von den Füssen bis zur Hüfte mit Mitteln gegen Milben einsprühen. Es gab Sommer, da wurden die Zimmer mit Mitteln eingenebelt gegen Stechmücken, Bettwanzen oder andere Blutsauger, die gefährliche Krankheiten übertrugen. Man benutzte hierfür schon lange keine chemischen Keulen mehr, sondern Substanzen auf Pflanzenbasis. Die Anwendung regelmäßiger Schutzmaßnahmen brannte sich sich geradezu in Claudios Gedächtnis ein. Einmal wurden neben der Schule 50 Hektar Wald gerodet. Ein Käfer, der aus Asien eingeschleppt worden war, hatte das Holz befallen. Es gab nur ein Gegenmittel. Radikale Rodung. Das Holz wanderte nach dem Abtransport in ein Heizkraftwerk. Der Sommer war heiß und die Berge wirkten hilflos, nachdem die Forstarbeiter den Boden mit ihren tonnenschweren Reifen umgepflügt hatten. Nur die Strünke waren übrig geblieben, aber auch die wurden noch im selben Jahr aus dem Boden gezerrt. Es blieben tiefe Krater zurück. Das nächste Jahr wurde nass, und die Krater verwandelten sich in Tausende von Wasserlöchern mit Myriaden von Stechmücken. Auf den Hängen bildeten sich Rinnsale, bevor sich auf dem erodierten Boden plötzlich zaghaftes Grün zeigte, das noch im selben Sommer zu mannshohem Gras, Disteln, Brennesseln und ersten Büschen heranwuchs. Weißdorn, junge Haselnusssträucher, Schlehen. Wer weiß, woher die Samen so plötzlich hergekommen waren. In der neuen und fast subtropischen Vegetation flatterten plötzlich Schmetterlinge und viele Singvögel, die es sonst hier nicht gab. Wer sich frühmorgens auf die Lauer legte, konnte Rehe, Wildschweine, Hasen, Füchse und Greifvögel beobachten. Claudio beobachtete diese Entwicklung staunend und fast ungläubig. Wie jedes Kind war Claudio in seine Zeit hineingeboren worden. Dort, wo man aufwächst, fühlt man sich Zuhause, und er hatte seine Umgebung bisher mit den Augen eines unschuldigen Kindes beobachtet. Claudio lernte an dieser Schule erstmals, systematische Vergleiche zu früheren Zeiten anzustellen, und Prognosen für die Zukunft zu entwickeln. Er begriff jetzt kognitiv, dass ein radikaler Wandel totaler Verlust, aber auch ein Neubeginn sein kann.

7.

Zuhause wurde einiges umgekrempelt. Seine Mutter teilte ihm bereits am Ende des 5. Schuljahres mit, dass sie das Haus in Kleinenbroich verkauft hatte. Sie hatte ein neues Haus mit Rheinblick erworben, südöstlich von Neuss. Dort würde sie in Zukunft zusammen mit Jan de Witt leben. Claudio sei immer willkommen. Für Claudios Mutter war das kein hohles Gerede. Wenn Claudio kam, war sie ganz für ihn da. Jan baute seine väterliche Freundschaftsrolle aus, ohne ihm die Erinnerung an den Vater zu nehmen. Claudio knüpfte aber auch Kontakte zu den Familien von Mitschülern. Das waren insbesondere die Freunde Anton, Benni und Susi, und diese Kontakte eröffneten Claudio einen völlig neuen Horizont. Über Mama, Tante Carola und Josefina Maierhauser-Varags fand Claudio den Zugang zu dem weltweiten Geflecht aus Josefinas Konsortien. Über Jan erhielt er Zugang zu den Ingenieuren aus dem Büro und zu weltweiten Kontakten der Firma.

Als Claudio schließlich 2069 das Abitur machte, verfügte er über ein stabiles Netz an sozialen Kontakten, und über ein profundes Wissen in den Bereichen der Umwelttechnologien. Er hatte inzwischen das Segeln gelernt, weil die Familie von Anton Eigner eines veritablen Zweimasters war, und ihn häufig zu Törns einlud. Er hatte etliches zu den Bedrohungen erfahren, die aus der Erhöhung des Meeresspiegels resultierten. Er wusste inzwischen über die Gefahren, die sich aus der Ablagerung von Atommüll, Klärschlämmen, Fracking und Kunststoffabfällen ergeben hatten. Er wusste von diesem gewaltigen Ozonloch, das die Welt weiter aufheizte, zu Verbrennungen und Krebserkrankungen führte, und die Entstehung von Pandemien war nicht vorbei. Er wusste um die weltweite Verknappung von Resourcen, die dazu geführt hatte, dass sich der Rohstoffbedarf ohne ein konsequentes und systematisches Recycling nicht mehr decken ließ. Er hatte auch zwei Praktika im Fraunhofer-Institut absolviert und Einblick in die Gefahr der ständigen Veränderung von Zellstrukturen gewonnen, die sich besonders bei Insekten, Milben, Viren und anderen massenhaft auftretenden Organismen bildeten. Claudio hatte aber auch gelernt, dass der weltweite Bedarf an Nahrungsmitteln nie für alle gereicht hätte, wenn die Weltbevölkerung in den vergangenen 30 Jahren nicht durch KIS und andere Krankheiten um 50 Prozent dezimiert worden wäre. Der Klimawandel war global, und die Folgen des jahrhundertelangen Missbrauchs der Natur waren umfassend. Er hatte gelernt, Vergleiche anzustellen. Er wusste, dass die durchschnittliche Welttemperatur im Vergleich zum Jahr 2000 um sieben Grad emporgeschnellt war, mit ernsten Folgen für das, was man als das Gleichgewicht der natürlichen Kräfte bezeichnet. Die Menschheit hatte dazu übergehen müssen, immer neue Überlebensstrategien zu entwickeln.

8.

Claudio lernte in dieser Schule allerdings auch, dass man das Leben genießen musste, solange das ging. Also machte Claudio nach dem Abitur mit Anton und einigen Freunden erst mal einen längeren Segeltörn. Im Herbst absolvierte er dann ein ausgedehntes Praktikum in der ehemaligen Firma seines Vaters, und im Winter hospitierte er bei seiner Mutter. Zum Frühjahrs-Semester schrieb er sich schließlich in Hamburg ein, um Deich-, Schleusen-und Sperrwerksbau zu studieren. Während seiner Segeltörns mit Anton hatte er erfahren, wie wichtig der Schutz der Küstengebiete geworden war. Es gab inzwischen Mörderwellen, die eine Stadt glatt überrollen konnten. Nach dem Vordiplom ging Claudio an die Universität in Kiel, die in Punkto Sperrwerksbau als vorbildlich galt. In den alten Fabriksgeländen der ehemaligen Schiffswerften wurden heute riesige Schleusentore produziert. Das hatte der Stadt Kiel nach dem Niedergang der Werftindustrie einen wirtschaftlichen Aufschwung beschert.

An der Kieler Uni traf er Susi, Benni und Anton wieder.Kiel und Hamburg sind Städte, die durch die Erhöhung des Meeresspiegels und durch gewaltige Sturmfluten wohl längst untergegangen wären, hätte man nicht gewaltige Deiche, Sperrwerke und Schleusen gebaut. Andere Regionen an der Nord- und Ostsee waren allerdings fast komplett überspült worden, wie etwa die früher einmal beliebten Ferieninseln Fehmarn, Rügen, Zingst, Sylt und Norderney, oder auch die Halligen im Wattenmeer, sehr zum Bedauern von Vogelschützern, Touristen und friesischen Traditionalisten. Auch die Shetland Inseln und viele Küstengebiete waren (zumindest teilweise) ein Opfer des Anstiegs der Weltmeere geworden. Es gab dort nur noch einige Felsen, die aus dem Wasser ragten. Die küstennahen Städte Rostock, Bremen, Hamburg, Amsterdam, Rotterdam, Oslo und London hatte man mit viel Aufwand und mit noch mehr Geld gerade noch erhalten können. Kopenhagen hatte man dagegen völlig ins Binnenland umsiedeln müssen. Die Altstadt war überflutet worden. Viele kleinere Städte waren komplett abgesoffen, weil sich der Aufwand eines umfassenden Schutzes einfach nicht lohnte, etwa das frühere englische Seebad Brighton, Le Havre oder Brest. Bei einigen Weltstädten waren die flachen und am Meer liegenden Teile trotz aller Schutzmaßnahmen in Sturmfluten versunken. Etwa in Rio, Buenos Aires, Bangkok, oder Hongkong.Auch Emden war mehrmals durch Sturmfluten zerstört worden, bis man die Dollard-Bucht, den Jadebusen, die Kieler Förde und all die großen Flüsse, wie Weser, Elbe oder Themse mit gewaltigen Sperrwerken versah. Emden war hinter diesem Sperrwerk auf einer künstlich angeschütteten Anhöhe neu gebaut worden.

Diese Sperrwerke waren technische Meisterleistungen mit Schleusen, Windmühlen zur Stromerzeugung, Pumpen und Fischtreppen. Hinter manchen Sperrwerken waren große Binnenseen entstanden, die durch ständigen Austausch mit Frischwasser versorgt werden mussten, damit sie nicht wegen Sauerstoffarmut umkippen.Es gab am Boden verankerte frei schwimmende Bojen, die über Solarenergie ständig Sauerstoff in die tieferen Gewässerschichten pumpten, um der Algenbildung vorzubeugen. Innerhalb dieser Binnenseen hatte sich sogar ein neuer Fischreichtum entwickelt und das Angeln und Segeln war zum neuen Freizeitsport geworden. Allerdings war dieses Biotop äußerst fragil. Bei großer Hitze trieben die Fische von Zeit zu Zeit mit dem Bauch nach oben auf der Wasseroberfläche. Viele Küstenregionen lagen jetzt unterhalb des Meeresspiegels, geschützt nur durch gewaltige Deichanlagen. Wenn so ein Deich brach, dann wurden viele hundert Quadratkilometer Land unter Wasser gesetzt.Der Beruf des Deich-und Sperrwerkbauers war für die Wirtschaften des Landes und das Überleben der Menschen genauso überlebenswichtig geworden, wie viele andere Berufe rund um das Recycling von Rohstoffen, und die Erzeugung von Energie. Dazu gehörten auch Wasserwirte, Forstwirte, Agraringenieure und Biologen zur Rettung der Tier- und Pflanzenwelt. Man brauchte einfach Technologien und Verfahren zum Schutz der Lebensräume (der biologischen Kreisläufe), der Erzeugung von Nahrung und der Rückgewinnung von Wertstoffen. Es war ein guter Beruf, und Claudio würde wohl sein Leben lang sein Auskommen haben.

Auch das Binnenland war betroffen. England war immer wieder von Regenfällen geradezu überschwemmt worden. In anderen Regionen kam es zu anhaltenden Trockenheiten, Schneefällen oder orkanartigen Stürmen, die alles lahmlegten. Claudio war in eine schwierige Zeit hineingeboren worden. Eine Zeit, in der eine Natur- und Umweltkathastrophe durch die nächste abgelöst wurde, alles in schneller Folge. Tatsächlich gab es seit über 70 Jahren auch große Fortschritte in der Bekämpfung der umweltschädlichen Ursachen, aber das konnte die einmal eingetretenen Schäden nicht ungeschehen machen. Die Weltgemeinschaft hatte inzwischen verinnerlicht, dass man gemeinsam etwas gegen dieses Chaos unternehmen musste, das nicht nur aus hohlen Absichtserklärungen bestand.Es gab immer noch die wirtschaftliche Ausbeutung von Resourcen und organisierte Umweltsünder zerstörten die Umwelt massenhaft weiter, aus Profitgier oder Dummheit.Dennoch hatte die Menschheit insgesamt gelernt. Es gab inzwischen Abteilungen unter der Ägide der UN, die zumindest streckenweise die Einhaltung von Umweltgesetzen kontrollierte und Verstöße auch ahndete.

9.

Kluge Köpfe hatten der Menschheit stets vorgeworfen, dass die kollektive Dummheit grenzenlos sei, so wie z.B. der Philosoph Adorno, und das bedeutet übersetzt soviel, dass der Mensch kollektiv nicht lernfähig ist. Als Einzelner mag er ein vernunftsbegabtes Wesen sein, aber eben nicht im Kollektiv, und schon gar nicht, wenn radikale Fundamentalisten (gleich welcher Couleur) ihre Anhänger mobilisieren, und die Ausschaltung jeder Vernunft zum Ziel erheben. Das ist dann übertragen so, wie bei den Lemmingen, die nach irgendeinem geheimen Signal zu Tausenden irgendwohin rennen, um dann über die Klippe ins Meer zu stürzen. Ein kollektiver Selbstmord. Man kann sie nicht aufhalten. Adornos Theorie war nicht unumstritten, und er war schon in seiner Zeit nur unter den kritischen Wissenschaftlern hochgeachtet, aber seit 2030 war tatsächlich so etwas entstanden wie eine rationale Auseinandersetzung mit der Krise. Ein Quantensprung in der Geschichte? Wohl kaum. Eher ein Zufall. Ein Seitensprung. Ein Abweichen von der Regel. Ein Innehalten, Nachdenken und tief Einatmen. Ja, es war tatsächlich ein Wunder. Die Bedingungen erforderten auch spontanen und kreativen Einsatz und dynamisches, leidenschaftliches Handeln mit Herz und Verstand, etwas, was man auch mit dem Begriff Empathie fasst.

Jede Gesellschaft bringt solche Strömungen hervor, besonders dann, wenn die Not am Größten ist. Die Menschheit hatte spätestens seit 2040 mehrheitlich ein neues Denken verinnerlicht: „wenn wir nicht massiv gegensteuern, so werden wir als Gattung Mensch aussterben.“ Mehrheitlich bedeutet nicht, dass dies nun immer so ist und bleibt, sondern nur, dass der physikalischen Masse eine gewaltige zeitlich begrenzte Bewegungsenergie entgegengestemmt wird, die sie in eine bestimmte Richtung umlenkt, bis sie noch einmal umgeleitet wird, durch andere Energien. Aber natürlich war es so, wie zu allen Zeiten: Es gab eine richtungsweisende Gruppe, die in allen Erdteilen anzufinden war, es gab eine große Masse von Mitläufern.Es gab Widersacher, Unwissende, Gedankenlose, Gleichgültige, aber auch kriminelle Elemente, Panik-. und Geschäftemacher, korrupte Politiker, irregeführte Geheimdienste, übereifrige Polizisten, karrierebewusste Kader, und sendungsbewußte Geistliche. Es gab entgegengesetzte Theorien, die immer noch ein Spiel der freien Kräfte forderten. Damit hielten sie, in übertragenem Sinne, den Lauf der Lemminge in den Tod in Bewegung. So etwas wird es immer geben, aber irgendwie hatte ein glücklicher Umstand ausgelöst, dass sich der kollektive Schutzgedanke breit machte. Es gab entscheidende Impulse für diese Entwicklung, aber es war auch wirklich Glück. Es war eine Situation, die jederzeit umschlagen kann, wenn man die Kontrolle über die Entwicklung verliert.

Teil 1/ Kapitel 2.

Rudolfo, Josefina, das Erbe und die Maierhauser Ingeniering

1.

Die vorliegende Geschichte beginnt historisch mit Rudolfo Vargas, der im Jahr 2002 neben seinem Studium damit begonnen hatte für eine Bank zu arbeiten. Rudolfo studierte Betriebswirtschaft, aber er schloss sein Studium nicht ab, weil die Bank ihm eine goldene Zukunft bot. Er war ehrgeizig und intelligent, und er war ein Spieler. Er handelte im Auftrag der Bank mit Wertpapieren, Obligationen, Warentermingeschäften und sogenannten Hedgefonds. Er hatte den richtigen Riecher, und er war extrem produktiv und aggressiv. Bei einem solchen Job verzockst du dich des öfteren. Entscheidend ist, was unter dem Strich herauskommt, und Rudolfo war äußerst erfolgreich. In der Großbank, in der arbeitete, gab es nur noch drei andere, die genauso gut waren, und die lieferten sich tägliche Duelle, um sich gegenseitig zu übertreffen. Das Jahresgehalt wurde noch bei weitem übertroffen durch die Boni, die sie für ihre Gewinne einsackten. Die Bank achtete darauf, dass sie ihre besten Mitarbeiter bei der Stange hielt. Es gab genug Headhunter. Rudolfo hatte aber zwei Schwächen. Er dachte nicht im Traum daran, der Steuer irgendetwas abgeben zu wollen. Da war er kein Einzeltäter, sondern das galt damals als Sport. Er war ein Alphatier. Ein Rüde, der nach der Unterwerfung anderer unter seinen Willen strebte, und so hatte er auch einen unerschöpflichen Bedarf an Frauen. Das letztere änderte sich zumindest teilweise, als er 2007 die Biologiestudentin Josefina Ellenwang kennenlernte. Josefina war hochintelligent, sie war sexuell äußerst agil, und sie hatte bereits gelernt, dass es gut ist, ein Ziel zu haben. Eigentlich standen sie auf zwei verschiedenen Seiten. Als Biologin beschäftigte sich Josefina mit bedrohten Pflanzen und Tierarten, und so etwas ging Rudolfo am Arsch vorbei. Naja. Er hatte bisher keinen einzigen Gedanken an so etwas Sinnloses verschwendet.Trotzdem passierte zwischen den Beiden etwas, was man als seltenen Zufall bezeichnet. Vom ersten Augenblick an gab es eine gewaltige erotische und intellektuelle Spannung, die zu einer völligen gegenseitigen Abhängigkeit führte. Rudolfo verzichtete irgendwann sogar fast ganz auf seine sonstigen Techtelmechtel, aber nur fast. Er hörte nie ganz auf damit.

Rudolfo hatte schon früh damit begonnen, sein Geld auf die sichere Seite zu bringen. Es gibt immer Möglichkeiten für einen geschickten Anleger, Einnahmen an der Steuer vorbei zu lavieren. Rudolfo wollte zwar das Leben genießen, aber er wusste, dass es auf einen Schlag vorbei sein konnte mit dem Abzocken. Meist ist das in seinem Beruf mit 35 Jahren der Fall. Dann geht die Spannkraft plötzlich und rapide zurück. Für dieses Ereignis musste man Vorsorge treffen. Zusammen mit Josefina entwickelte er den Plan, eine Stiftung „Animal in Pain“ auf den Seychellen zu gründen, zum Schutz der bedrohten Tierwelt, und eine auf den Kaiman Inseln mit dem Namen „HELP AID“. Außerdem hatte er bereits zwei Beteiligungsgesellschaften gegründet, ebenfalls in Steueroasen. Er spendete jetzt seine gesamten Boni an diese Stiftungen, die unter einem Strohmann liefen, der keinen Zugriff auf die Konten hatte, und diese Stiftungen überwiesen das Geld an die Briefkastenfirmen. Josefina hatte damit gar keine Probleme. Noch bevor sie ihr Studium abgeschlossen hatte, begann sie sich im Charity Bereich zu organisieren. Es ist besser zu vermarkten, wenn solche Stiftungen auf viele unterschiedliche Spender zurückgreifen können. Für kleine hungrige Seerobben, Langohreulen, Biber, Wölfe oder hungernde Babys in Indien konnte man solche Abende problemlos organisieren, um Spenden zu sammeln und ein paar Projekte zu unterstützen, die man öffentlich wunderbar vermarkten konnte. Für Rudolfo war das ein Alibi, um das eigene Geld sicher und unauffindbar anzulegen, für Josefina war das eine Herzensangelegenheit, um die gesammelten Gelder nutzbringend einzusetzen, und so hatten beide etwas Gemeinsames, zumal das äußerst lukrativ war, weil sich diese Konten immer mehr füllten.

Als Josefina dann 2009 (mit 24 Jahren) schwanger wurde, und weil die erotische Anziehungskraft immer noch so überwältigend und ungestüm war, heirateten die beiden, und jetzt konnten sie ihre gegenseitigen Geschäfte noch viel besser abwickeln. Josefina machte sich langsam einen Namen. Sie wurde von Mitgliedern der Umweltverbände und der Grünen zwar nicht unbedingt hofiert, aber sie galt als dazugehörig, und auch in der Welt der Finanzjongleure, machte sich das gut. Solche Hilfsprojekte haben Alibifunktion, um in der Öffentlichkeit sein gutes Herz zu demonstrieren und das eigene hohe Einkommen zu rechtfertigen. Man demonstriert öffentlich, dass man ein Guter ist. Auch als Bänker, Industrieller, oder gutbezahlter Anwalt konnte man demonstrativ Herz beweisen und immagefördernd spenden. Seit 2013 zogen sich die rechtlichen Rahmenbedingungen langsam zu, innerhalb derer man solche Boni problemlos einsacken konnte. Die Schweiz erließ ein Gesetz zur steuerlichen Abschöpfung solcher Gewinne, mehrere Staaten beschlossen, das Bankgeheimnis aufzuheben, und Rudolfo überlegte bereits, Deutschland zu verlassen und nach London oder New York zu übersiedeln, aber dann hatte Rudolfo (der gerne und schnell Motorrad fuhr) zu Beginn der Motorradsaison 2013 auf regennasser Straße einen Unfall, den er nicht überlebte. Er war gerademal 35 Jahre alt geworden.Josefina wurde von einer auf die andere Minute ziemlich wohlhabend. Sie hatten nicht nur über zweihundert Millionen Euro im Ausland gebunkert, in Geld und in gewinnbringenden Beteiligungen. Josefina bekam jetzt auch eine Witwenrente und die Auszahlung einer Lebensversicherung über vier Millionen Euro. Das war zusammengenommen eine äußerst gesunde Basis, um in Zukunft sorgenfrei leben zu können, auch mit ihrer kleinen Tochter Carmelita. Noch besser war, dass Claudio ihr gezeigt hatte, wie man solche Millionen anlegt, so dass sie sich auch vermehren.

Im Rückblick konnte Josefina sogar sagen, dass es für beide vielleicht gut war, was da geschehen war. Rudolfo hatte den Knick nicht erleben müssen, der in den nächsten Jahren unweigerlich gekommen wäre, diesen plötzlichen und nur schwer verkraftbaren radikalen Abfall der Leistung, mit allen psychischen Folgen eines Burnouts, der viele Zocker Mitte Dreißig befällt. Vielleicht hätte sich Rudolfo in den neuen Firmen wiedergefunden, in die er sein Geld angelegt hatte, aber das wäre unwahrscheinlich gewesen, denn Rudolfo dachte in schnellen Vermarktungskategorien einer „Heuschrecke“, und nicht in den Kategorien einer langfristigen und sinnvollen, aber zähen Produktion. Wahrscheinlich wäre sogar ihre Liebe zueinander an dieser unterschiedlichen Haltung langfristig zerbrochen. So war dieses Erbe für Josefina ein Sprungbrett, um sich selbst zu entdecken. Sie musste sich plötzlich und unerwartet ganz auf ihre eigenen Stärken besinnen. Sie konnte ihren eigenen Weg gehen, ohne auf einen Partner Rücksicht nehmen zu müssen. Sie konnte sich auf ihre Stiftungen konzentrieren, und das gebunkerte Geld erst einmal in Ruhe arbeiten lassen.

2.

Josefina hatte von Rudolfo gelernt, dass Geld sehr schnell versickern kann, wenn man unvorsichtig ist. Vom tatsächlichen Eigentümer der Stiftungen und ihrer Gelder wussten die deutschen Behörden allerdings nichts, und von den Briefkastenfirmen im Ausland schon gar nicht. Josefina würde von den Stiftungen nach außen hin nur als Repräsentantin in leitender Position geführt. Die Beteiligungsgesellschaften liefen über Treuhänder, die Gelder waren in Steueroasen geparkt, und Josefina hatte längst Prokura. In der Trauerphase (Rudolfo fehlte ihr wirklich, denn der Verzicht auf die sexuellen Ausschweifungen machten Josefina schwer zu schaffen) wurde Josefina von verschiedenen Freunden getröstet, manche vom BUND, von Greenpeace und von mehreren Abgeordneten der Grünen. Sie wurde gebeten, ihre Arbeit mit den Stiftungen weiterzuführen, und wenn es auch nur in Andenken an Rudolfo sein würde. Über die geheimen Konten wusste ja auch hier niemand Bescheid. In dieser Zeit ereigneten sich auch diese neuerlichen Jahrhundertfluten an Donau, Elbe und ihren Nebenflüssen. Sie fuhr nach Regensburg, Wasserburg, Bad Schandau und nach Wittenberg. Sie sah sich das Desaster an. Sie sprach mit Grünenpolitikern und Experten in Sachen Wasserbau, die jetzt aber alle Hände voll zu tun hatten, und sie beschloss, dass man da langfristig etwas tun müsse, für Mensch, Pflanzen und Tier.Erst mal war sie noch geschockt von Rudolfos plötzlichem Tod. Sie würde sich zunächst nur darum kümmern, ihr Erbe ordentlich zu verwalten, bevor sie sich Hals über Kopf in ein neues Projekt stürzen würde, das bodenlos schien, denn soviel war ihr klar geworden, der Hochwasserschutz musste schon in den Alpen, in Tschechien und Polen beginnen, bevor er in Deutschland sinnvoll fortgesetzt wird. Auch in Deutschland gibt es Länderhoheiten. Wenn man etwas erreichen wollte, gab es Verwaltungsakte und Kompetenzrangeleien, an denen sich schon andere die Zähne ausgebissen hatten. Also verschob sie eventuelle Pläne auf einen späteren Zeitpunkt, und das war wohl eine sehr weise Entscheidung.

3.

Über ihre Kontakte lernte Josefina jetzt einen Ingenieur für Formenbau kennen, einen Horst Maierhauser in Baden Württemberg.2013 war das Jahr der Bundestagswahl in Deutschland, es war aber auch eine Art Zäsur, weil sich nach der sogenannten Energiewende in Deutschland diverse Volksvertreter unter anderem in der Pflicht sahen, für den Ausbau der Windkraft eine Lanze zu brechen, auch wenn das viele nur aus wahltaktischen Gründen taten. Horst hatte nach intensiver Forschung ein Verbundverfahren entwickelt, das den gesamten Aufbau und die Oberflächen der Flügel bei Windrädern veredelte. Die Flügel wurden um ein vielfaches leichter und gleichzeitig stabiler und windschlüpfriger, so dass weniger Energie verloren ging, beim Antrieb der Windräder.Horst war vorsichtig gewesen. Er hatte das Verfahren nicht öffentlich zugänglich gemacht, und er bot das nun verschiedenen Herstellern von Windkraftwerken an, ohne sich in Details zu verlieren, aber er war kein Kaufmann, und er hatte nicht mit der menschlichen Gier gerechnet. Man war gerne bereit, das Verfahren zu übernehmen, aber man würde das wohl in der Versenkung verschwinden lassen, wie viele gute Innovationen zuvor, man denke nur einmal an den Wankel-Motor. Man war gerne bereit, die Anwendung für ein paar Euro zu übernehmen oder gar zu stehlen, damit das kein anderer verwertet. Unternehmer sind nicht unbedingt die besseren Menschen, wenn sie im Bereich der alternativen Technologien tätig sind.

Horst hatte aber ein paar gute Freunde. Sein Vater, der eine kleine, aber exportintensive Maschinenfabrik führte, und für den er offiziell arbeitete, um Formteile zu entwickeln, hatte ihn bisher gesponsert, aber es fehlte das Kapital, um das Projekt von Horst auch umzusetzen. Horst war nicht bereit, sich bei den Banken hoch zu verschulden. Allein das Versprechen und die Aussicht um ein gewinnbringendes Verfahren bringt die Banken noch lange nicht dazu, dir das notwendige Geld auch vorzuschießen. Der Zinssatz liegt bei solchen Risikofinanzierungen in der Regel unanständig hoch. Nun kannte Horsts Vater aber durch alte Seilschaften den grünen Ministerpräsidenten von Baden Württemberg, und irgendwann trafen die beiden anlässlich einer Regionalmesse mal zu einem Glas Wein zusammen.Dieser Ministerpräsident wiederum kannte Josefina und er vermittelte ein Gespräch.So kam es, dass Josefina und Horst eines schönen Sonntags im Spätherbst 2013 zusammen durch den Bad Vilbeler Stadtwald wanderten, der vor den Toren von Frankfurt liegt.Josefina hörte sich in Ruhe an, was Horst zu erzählen hatte.Sie waren sich gegenseitig sympathisch, aber mehr passierte an diesem Tag nicht. Josefina versprach zumindest, darüber nachzudenken und mit Horst in Verbindung zu bleiben. Sie bat ihn aber noch ein paar Wochen zu warten, bevor er irgendwelche Entscheidungen über die Aufnahme von Geldern trifft.Für Horst war das Gespräch letztlich unverbindlich. Er hatte sich insgeheim mehr erhofft, und er hatte sich wieder ins Auto gesetzt und war an diesem Abend enttäuscht nach Böblingen zurückgefahren, wo er wohnte.

4.

Josefina hatte nichts versprechen wollen. Das war so ganz anders, als ihre bisherigen Projekte, aber sie hatte in Frankfurt einige gute Kontakte. Sie begann im Internet und in Bibliotheken zu recherchieren, und vier Wochen später rief sie bei Horst an, ob sie ihn nicht einmal besuchen dürfe.Natürlich würde sie auch ihre Tochter Carmelita mitbringen. Sie sprach an diesem Tag mit Horst und seinen Eltern. Sie ließ sich die Vorteile des Verfahrens noch einmal genau erklären und sie nickte dazu. Was sie freute, war, dass Horst und die kleine Carmelita Gefallen aneinander gefunden hatten. Sie bat darum, einmal konkrete Zahlen vorzulegen für eine Fertigung solcher Flügel, und wenn die anderen Hersteller von Windkraftwerken nicht bereit wären, das in ihre Anlagen gewinnbringend einzubauen, so müsse man überlegen, ob der Bau ganzer Windkraftparks in Frage kommt. „Rechnet mir das einmal durch.“ Sie trafen sich noch einmal, diesmal in ihrer Wohnung in Bad Vilbel, dann ließ sich Josefina die Zahlen geben und ging zu einem befreundeten Bänker.„Schau dir mal die Zahlen an, und sage mir die Risiken und Schwächen des Modells.“ Danach machte sie dasselbe mit einem Steueranwalt und nahm Kontakt zu einem Professor an der TU Darmstadt auf. All das zog sich hin, Josefina telefonierte ein paar Mal mit Horst und vertröstete ihn, und im Frühjahr 2014 hatte Josefina ein recht verlässliches Wirtschaftsmodell vorliegen.

Inzwischen war noch etwas geschehen. Der Weltklimarat hatte in einer umfangreichen Stellungnahme vor den Folgen einer weltweiten Resourcenverschwendung gewarnt und das Ende der Gattung Mensch prognostiziert, wenn nicht bald Modelle zum Schutz der Umwelt entwickelt und durchgesetzt werden würden. Josefina ließ sich die Studie kommen und sie war schwer beeindruckt. Sie kannte bereits die Studien des Club of Rome und andere Papiere, und sie beschloss, Gelder in Zukunftsprojekte zu investieren. Man kann das jetzt abkürzen. Josefina vereinbarte mit Horst, dass eine ihrer Stiftungen die Anschubfinanzierung zur Verfügung stellen würde, um solche Flügel zu bauen. Weitere Gelder würde es aber nur geben, wenn Horst die Kraftwerksbauer und Betreiber überzeugen könne, dieses Verfahren anzuwenden. Im selben Zug ließ sie Horst das Verfahren weltweit patentieren. Diese Investition von mehr als 160.000 Euro würde sich bald als sinnvoll erweisen. Horsts Vater ließ eine Fertigungshalle an seine kleine Fabrik anbauen (wobei ihm zugute kam, dass er das umliegende Land einmal geerbt hatte) und noch im Jahr 2015 begann Horst mit der Produktion. Die Stiftung hatte das Darlehen vergeben, im Vertrauen auf Berechnungen, die versprachen, dass diese Flügel erheblich leiser, effektiver und umweltfreundlicher sein würden, als bisherige.