Kleines Meerstück - Pier Paolo Pasolini - ebook

Kleines Meerstück ebook

Pier Paolo Pasolini

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Opis

Zwei der wichtigsten Prosastücke des jungen Pasolini - wiederentdeckt zum 40. Todestag. Die beiden vorliegenden Texte sind prägend für das spätere Werk von Pier Paolo Pasolini. Kleines Meerstück erzählt von einer Kindheit in den Gassen des friaulischen Sacile und von den einsamen Spielen am Ufer des Po bei Cremona. Die Bilderwelt eines homerischen Meeres dient dem kindlichen Alter Ego des Autors als psychischer Spiegel. Romàns hingegen ist Pasolinis erste Hinwendung zum Realismus mit dessen klassischen Figuren - arme Bauern, Pächter, Tagelöhner - ebenso wie zum Leitmotiv seines ganzen Werkes: soziale Gerechtigkeit, Religiosität und Homosexualität, entwickelt anhand der Figuren des Dorfschullehrers und des jungen Kaplans.

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Liczba stron: 221

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Pier Paolo Pasolini

Kleines Meerstück

Pier Paolo Pasolini

Kleines Meerstück

und

Romàns

Aus dem Italienischen von Maria Fehringer

Mit einem Text zur Entstehungsgeschichtevon Nico Naldiniund einer Nachbemerkung von Maike Albath

Folio VerlagWien · Bozen

Die vorliegenden Texte von Pier Paolo Pasolini sind erstmals 1994 unter dem Titel

„Romàns“ bei Ugo Guanda Editore, Parma, auf Italienisch erschienen und

1996 unter dem Titel „Kleines Meerstück und Romàns“ bei Folio auf Deutsch.

© „Kleines Meerstück“ und „Romàns“ by Pasolini Estate, 2015

© Text von Nico Naldini by Ugo Guanda Editore, 2015

Die Pasolini-Porträtfotos sind entnommen dem Band „Pasolini über Pasolini.

Im Gespräch mit Jon Halliday“, Folio Verlag, 1995.

© Folio Verlag Wien • Bozen 2015Alle Rechte VorbehaltenGrafische Gestaltung: Dall’O & Freunde

ISBN 978-3-85256-671-9www.folioverlag.com

e-BookISBN 978-3-99037-049-0

Kleines Meerstück

Comme je descendais …

A. Rimbaud

I

Bis ins Mark erschüttert in Cremona sowie in Sacile und den anderen Orten, an denen meine Familie sich ausbreitete, bis sie auch die winzigste Leere mit ihrer Intimität verstopfte – von der Liebe zu meiner Mutter, die das leuchtende Licht jener Intimität war und fast unsichtbar, so sanft –, war ich wie unfähig, anderes zu fühlen, wenn ich es nicht in jenem Gefühl tränkte. Es gibt alltägliche Geräusche, die unser Gehör nicht wahrnehmen kann, so grenzenlos ist ihre Lautstärke: Es war, als hätte ich für einen Augenblick eines jener außerhalb der menschlichen Welt liegenden Geräusche vernommen, und mein Gehörsinn wäre davon für immer getrübt. Ihre reine, kindliche Gewalt hatte mich vollkommen eingenommen: Alles Übrige war nichts als eine Bühne, auf der sich die Handlung abspielte, deren einzige Beziehung eine bald mehr, bald weniger verzehrende zu dieser meiner Liebe war; jegliche Geschichte, so verschieden sie auch sein mochte, magnetisch angezogen und wieder zurückgeworfen von ihr, gab Zeugnis ab von ihrer Tatsächlichkeit und Andersartigkeit: Sie nahm sofort jene innere Färbung an, alt schon für ein Kind, und immer noch erschreckend frisch in berauschenden Beglückungen. Die Wucht, mit der Cremona mich getroffen hatte, da es mich wie einen Fremden, fast eine Waise aufnahm – indem es meinen zu Urteil unfähigen Augen seine steinerne Oberfläche präsentierte, das seit alters her geschäftige Treiben der Menschen im Zentrum, die grasbewachsenen Zonen der Vorstadt am Fluss –, hatte nachgelassen angesichts jener Gefügigkeit, die in meinem Innern gewachsen war mit der neuen Form, die meine Mutter für mich angenommen hatte: Leichtigkeit, Hingabe, vermischt mit einer Ernsthaftigkeit, die geradezu Unnachgiebigkeit war.

Cremona, das Theater der einzigen Handlungen, die ich innerhalb der stets exemplarisch strengen, nicht zu lockernden Grenzen jener unbegrenzten Wärme, aber auch unter dem Anschein des höchst veränderlichen Zustands der Obsession setzen konnte, die immer von einem zwingenden, wiewohl unbestimmten Gefühl von Verantwortung geleitet waren, Cremona also machte mich langsam zu seinem Bürger, so wie ein Lufthauch Bürger sein kann oder ein Sonnenstrahl: bemäntelt mit der Weisheit eines Zwölfjährigen. Die Stadt außerhalb der Schule und des Elternhauses, mit den diese umgebenden Straßen und architektonischen Winkeln, ihrer anonymen, aber ausgeprägten volkstümlichen Verstaubtheit, erreichte für einen Jungen ihren allerhöchsten Ausdruck, die blankeste, aufregendste Modernität, in den Giardini Pubblici, den öffentlichen Parkanlagen; diese waren sozusagen das gesellschaftliche Ambiente der Knaben, so wie es der Corso Campi oder der Salon der Farinacci für die Erwachsenen jener Zeit gewesen war. Die Giardini Pubblici verliehen selbst unseren primitiven, banalen Spielen eine gewisse Mondänität; über die unreifen, missverständlichen, plumpen und lästerlichen Seiten unseres kindlichen Lebens hatte sich (wenn auch als schwankender und schmerzlich einfacher Aufbau) eine Überwelt aus Beinahe-Bewusstsein gelegt, ähnlich in ihren Merkmalen der gängigen Moral und der Lästersucht der Erwachsenen. Ein Werk meiner Gefährten und Bekannten natürlich (die mir allein deshalb, weil sie in einer anderen Straße wohnten oder eine andere Schule besuchten, so fern, so geheimnisumwittert waren), nicht den geringsten Beitrag hatte ich dazu geliefert: Sie waren es, die ohne die Irritation einer inneren, schon auf immer festgelegten Geschichte ihren geraden Weg zu gehen sich anschickten. Ich war von den Eindrücken geblendet. Die bereits dunklen Abende des ausklingenden Winters, wenn die Laternen rings um den Pavillon der Musikkapelle angingen und sich duckmäuserisch und traurig im Wasserfilm auf dem Asphalt spiegelten; während wir, die Brüder Del Re, die Söhne des Professors Bozzetti und andere, deren Namen mir entfallen sind, sie, eine Kette bildend, mit der Hand berührten, um aufgeregt den elektrischen Stoß zu spüren. Wir waren stets die letzten, kurz vor der Abendessenszeit, lechzend noch immer nach jenem beispiellosen Vergnügen, das uns die Stunden in den Giardini bereiteten: in ihrem nobleren und frequentierteren Teil, Richtung Dom zu, auf einer Art Vorplatz, auf dem man Bandiera spielen konnte, so groß war er; die anderen waren schon durch die verschiedenen Tore verschwunden und von dem fast nächtlichen, frühlingshaften Cremona aufgesogen worden. Der große Innenring, eine Art Piste rund um den grünroten Buckel eines riesigen Blumenbeets; der Winkel hinten, mit dem Steg und den künstlichen Felsen, alles in einer verblassten, braunen Farbe, der bevorzugte Ort von Gruppen Jugendlicher, die dort ihre lasterhaften und verbotenen Sitzspiele trieben, wie es für pubertierende Schüler aus der Provinz typisch ist, das heißt, nicht ohne eine gewisse Anmut, welche die Sündhaftigkeit noch betont (für mich, den nicht Anpassungsfähigen, der ich mich anschickte, mich in Cremona anzupassen, war dies in der ersten Zeit ein dramatischer, beinahe makabrer Ort, an dem mir beim Vorbeigehen schwindelte; doch provoziert von den anderen, zeigte ich, um mich zu verteidigen, meine tatsächliche Verachtung und verschleierte meine schreckliche Schüchternheit mit einem kecken, vorsätzlichen Trieb hin zu reineren Dingen); alles war schon leer. Kurz darauf würde auch ich den Park verlassen müssen, die kleine, belebte Via Baldesio hinunterlaufen, den Domplatz überqueren, in den Gang zwischen der Kirche und dem Baptisterium (beide riesig groß, dunkelbraun vor dem Sternenhimmel) einbiegen, die Apsis entlang, und schließlich in die Via 11 Febbraio, an deren Ecke mein Elternhaus stand, hart und glänzend wie aus Metall.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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