Klassiker der Erotik 48: Klärchen und Lauras Liebesgeständnisse - Anonymus - ebook

Klassiker der Erotik 48: Klärchen und Lauras Liebesgeständnisse ebook

Anonymus .

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Opis

"Endlich erschien der gefürchtete Augenblick und der junge Mann trat ein. Er war schön, jung und reizend. Ich weiß nicht, was ich dabei fühlte, als er mich küßte, sich zu mir ins Bett legte und so warm und glühend sich an mich schmiegte. Ich fühlte nur, daß er mir mehr gefiel als die Priorin. Es wurde mir wärmer und wärmer, je mehr er mich umarmte und küßte. Ich ward auch endlich dreister und erwiderte seine Umarmungen, obwohl ich an die Schmerzen dachte. Plötzlich übermannte mich ein unaussprechliches Wonnegefühl - was ich Ihnen, liebe Laura, weiter nicht schildern muß."

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ANONYMUSWONNEVOLLE NÄCHTE DER SELIGKEIToderKLÄRCHENS UND LAURAS LIEBESGESTÄNDNISSE

Inhalt

Band 1

Band 2

Band 1

Das Leben des Menschen kann man sehr passend mit einem auf dem Meer schwimmenden Schiff vergleichen, welchem bald tobende Wellen, krachender Donner, Blitzschläge und Sturm den Untergang verkünden. Es kann aber auch begleitet von Sonnenstrahlen, welche die fliehenden schwarzen Gewitterwolken überwältigen, gleichsam sanft und ruhig dahingleitend, in den Hafen der Zufriedenheit und Ruhe gelangen. Dieses kann ich, wenn ich mein eigenes Schicksal betrachte und in tiefe Schwermut versunken bin, durch die Mitteilung meiner Lebensumstände beweisen. Ehe ich aber mein eigenes Leben berichte, muß ich den Leser von meiner Herkunft und Eltern einiges erzählen.

Meine Mutter war aus einer nicht zu unbekannten Familie zu J… entsprossen. Von Jugend auf war sie zu allen weiblichen Beschäftigungen und Tugenden angehalten worden, bis endlich im siebzehnten Jahr ein junger, edel denkender, aber von der Göttin Fortuna nicht reichlich beschenkter Kaufmannssohn sie anbetete und heftig liebte. Bei ihren Eltern bewarb er sich um die Hand des reizenden Mädchens. Der Geiz aber, diese Wurzel aller Übel und die schmeichelnde Hoffnung und Eitelkeit, ihre Tochter sehr reich und vornehm verheiratet zu sehen, schlugen dem guten Jungen sein Bitten und Flehen gänzlich ab. Denn zu was kann wohl das tönende Metall, welches dem Geizigen Himmelsmusik ist, auf dieser Welt nicht alles verleiten?

Gleiche Gesinnungen beseelten auch die Eltern meiner Mutter. Ach! Hätten sie doch die traurigen Folgen erwogen, so wären sie gern mit der edel denkenden Liebe des feurigen Jünglings einverstanden gewesen. Denn durch solche Hindernisse wird oft dieses Feuer nur noch heftiger entflammt.

Lange hin- und hersinnend beschlossen sie, sich nachts heimlich zu treffen und sich in den Armen der Liebe zu wiegen. Der liebende Jüngling verfertigte eine Strickleiter und suchte nach einer Gelegenheit, um durch ein Fenster in das Zimmer seiner angebeteten Geliebten zu steigen. Sie hatte schon Sorge getragen, daß die Tür des Gartens jede Nacht offen blieb. Doch dieses Glück, wie alles auf dieser Erde, dauerte nur eine Weile. Nach einigen Monaten erfuhr der Vater von dieser Wallfahrt. Zur festgesetzten Stunde lauerte er mit einigen handfesten und mit Waffen versehenen Gehilfen dem armen Liebhaber auf. Nachdem er einige leichte Wunden davongetragen hatte, floh er aus Furcht und Verzweiflung in großer Eile durch die noch offen stehende Gartentür, Zornig rief der Vater seine Tochter herbei und führte ihr mit sehr lebhaften Farben das Verbrechen vor Augen, das sie begangen hatte. Dann stieß er das arme Mädchen mit großem Grimm von sich und ließ sie in ihr Zimmer einsperren, wo sie bewußtlos auf einen Stuhl niedersank. Sie schämte sich und war wegen ihrem Geliebten besorgt. Endlich machte ein Strom von Tränen ihrem empfindsamen Herzen Luft.

Einige Tage später wurde zwar ihr Vater etwas besänftigt, aber die Aufsicht, damit der Ehrenschänder, wie er ihn nannte, nicht aufs neue seine Intrigen spinnen könnte, wurde überall verdoppelt. Es gab zu dieser Zeit viele Liebhaber, welche sich um die Hand meiner Mutter bewarben. Aber sie schlug alle Anträge unter dem Vorwand aus, daß sie noch zu Jung sei. Denn ihr Herz schlug nur für den Jüngling, dem sie ewige Treue gelobt hatte. Dieser suchte zwar öfters nach einer Gelegenheit, um sein anderes Ich zu sehen und zu sprechen, aber alles war vergeblich. Doch verließ ihn die allmächtige Gottheit Liebe auch dieses Mal nicht und gab ihm folgende kleine List ein.

Er verschaffte sich nämlich Frauenkleidung, kaufte verschiedene Waren, wie Spitzen, Bänder etc. und versuchte sie in den Gassen zu verkaufen, besonders in der Gegend, wo die süße Hoffnung ihn schmeichelte, endlich einmal den Gegenstand all seiner Wünsche zu sehen. Auch diesen Wunsch erhörte die Göttin der Liebe.

Er sah nämlich auf einmal das Mädchen seines Herzens auf der Straße ihm entgegen kommen. Sein Entschluß stand fest, diese angenehme Gelegenheit nicht Vorbeigehen zu lassen. Sie hatte zwar eine Verwandte als Begleiterin bei sich, die er manchmal bei ihr gesehen hatte und die ihre Schritte vermutlich auf Befehl ihrer Eltern beobachten mußte. Doch auf dies war er alles längst vorbereitet. Er wollte gern sehen, ob er sich wirklich auch seiner Geliebten ganz unkenntlich gemacht hatte, um sie gemäß seinem Plan in ihrem elterlichen Haus zu besuchen. Deshalb bot er ihr dreist all die schönen Sachen von seiner Ware an. Sie stutzte etwas, weil wahrscheinlich die Stimme eine gewisse Ähnlichkeit mit der ihres Geliebten hatte. Ihr trauriges, blasses Gesicht wurde schnell von einer Röte bedeckt und sie sah ihren verkleideten Geliebten mit forschenden Blicken an. Dann sah sie wieder auf seine Ware und bedauerte, daß sie kein Geld eingesteckt habe, um sein Verlangen, ihm etwas abzukaufen, zu erfüllen. Gern hätte sie sich noch länger mit der Frau unterhalten, die ihrem Geliebten in so vielen Stücken ähnelte.

Er weidete sich an ihrem Kampf, den jungfräuliche Schüchternheit und Liebe einflößten und sah, wie sehr er noch von seinem Mädchen geliebt wurde. Um sie nicht länger zu quälen, beendigte er diese sonderbare Unterhaltung zweier Geliebter, die widrige Umstände voneinander getrennt haben. Er händigte ihr einen Brief aus, den er, wie er vorgab, von einem ihm unbekannten Mann mit der Bitte bekommen habe, ihn ihr für einen guten Lohn zuzustellen. Er empfahl sich augenblicklich, um weiteren Fragen auszuweichen. In großer Eile ging sie nach Hause. Denn sie vermutete, daß ihr Geliebter gewiß alles versucht hatte, um von ihr sich Nachricht zu verschaffen.

Atemlos kam sie auf ihr Zimmer und wollte sich geschwind überzeugen, ob die Regungen ihres Herzens nicht Täuschungen wären. Doch ihre große Eile war schuld daran, daß sie ihrer Mutter in die Arme lief, die ihre Tochter nach Hause hatte kommen sehen. Angstvoll lief sie ihr nach, um zu sehen, ob irgendein Übel dem guten Kind zugestoßen wäre. Sie umarmte ihre Tochter herzlich und beschwor sie, ihr zu sagen, weshalb sie so verstört sei. Sie gab eine kleine Unpäßlichkeit vor. Aber ihre Mutter war mit dieser Entschuldigung nicht zufrieden, weil sie ihr pochendes Herz und ihre Verkrampfung bemerkte. Sie drang weiter in sie ein und durch das verständnisvolle Zureden ihrer Mutter besann sie sich, daß sie ihre Rolle nicht gut spielte.

Tränen, die eigentlich von der Unzufriedenheit herrührten, rollten sanft von den Wangen ihrer Mutter herab. Sie gestand ihr endlich, daß ihr ein Hund begegnet sei, der bellend auf sie zugelaufen sei. Vor Schreck, ob wahr oder falsch, habe sie ihn für tollwütig gehalten. Um ihre guten Eltern nicht zu erschrecken, sei sie gleich auf ihr Zimmer geeilt, um erst wieder zu sich selbst zu kommen. Diese kleine List war gut erdacht, doch sie mußte etliche Pulver einnehmen, die sie beruhigten. Dann ließ man sie ungestört allein, weil sie die Ruhe genießen sollte. Sie benutzte diese Freiheit, um den Brief zu öffnen, der in banger Beklemmung zwischen ihrem Busentuch seiner Erlösung entgegenharrte. Zitternd las sie:

Meine teuerste Geliebte!

Ich segne den glücklichen Augenblick, der mir durch eine kleine List den seligen Genuß verschafft, Euch, meine Geliebte, nach so langer Trennung wieder zu sehen und wieder zu sprechen. Ich selbst bin so glücklich, dir diese wenigen Zeilen auszuhändigen. Sieh! Was die Liebe vermag! Wenn Du Dich ein wenig über den Einfall wunderst, als Galanteriehändler zu erscheinen. Deine allzu große Lebhaftigkeit ist schuld daran, daß ich mir Dir nicht zu erkennen gab. Du hättest leicht vergessen können, daß wir uns unter Gottes freiem Himmel befanden und daß Dich in einiger Entfernung ein wachsames Auge beobachtet. Auch wollte ich mir gern Gewißheit verschaffen, ob ich mit dieser Verkleidung in Deinem Haus, ohne erkannt zu werden, erscheinen könnte. Ich werde die Gelegenheit benutzen, am Donnerstag um drei Uhr bei Dir in dieser Verkleidung zu erscheinen. Die Hindernisse, die uns etwas stören könnten, mußt Du beseitigen. Ich schweige von den Qualen, die mich seit unserer letzten Umarmung gefoltert haben. Mein abgehärmtes Gesicht ist Zeuge meines Kummers. Doch die Hoffnung, der Trost der Sterblichen, flößt mir wieder neue Lebenskraft ein. Ohne Dich, Geliebte, ist mein Leben mir eine Last! Ich muß Dich besitzen, sollte ich Dich auch mit meinem Leben erkaufen müssen! Ewig

Dein treuer Geliebter.

Wohl zwanzigmal las sie diesen Brief, warf sich entzückt aufs Bett, benetzte ihn abwechselnd bald mit Küssen, bald mit Tränen aus Freude und war unwillig, daß sie ihren Geliebten nicht erkannt hatte und den Regungen ihres Herzens nicht gefolgt war, die ihr immer so lebhaft zuflüsterten – Er ist's! Er ist's! –

Obgleich sie bisher ein folgsames und immer ihren Eltern gehorsames Kind gewesen war, so fühlte sie sich jetzt von ihnen völlig getrennt. Sie waren es ja selbst, die sie unglücklich zu machen versuchten, da sie das Glück ihres Lebens störten. Verstellung trat jetzt an die Stelle ungeheuchelter Anhänglichkeit und sie übte diese Kunst um so besser aus, weil es die einzige Möglichkeit war, die sie ihr noch gelassen hatten. Sie fühlte, daß sie in ihrer Lage die Erregung ihres Herzens verbergen müsse, um gelassen und gleichgültig bei Tische zu erscheinen. Sie trocknete ihre Tränen ab und musterte ihr Gesicht vor dem Spiegel. Dann war es auch schon Zeit zum Essen.

Mit ruhiger Gelassenheit trat sie in das Speisezimmer ein, wo sie ihre Eltern erwarteten und mit Fragen über ihre Gesundheit und ob ihr der Schreck weiter nicht geschadet habe, empfangen wurde. Den Arzt hatte die sorgsame Mutter zum Essen eingeladen, um jedem Unglücksfall vorzubeugen. Weitschweifig erzählte er ihr von den traurigen Folgen eines Schreckens, den man nicht behandelt hatte. Bei jedem Glas, das ihm immer mehr Stoff zu Beispielen lieferte, führte er eine gräßliche Geschichte nach der anderen an.

Durch diese lebhafte Unterhaltung wurden ihre Eltern von dem eigentlichen Gegenstand ihrer Sorgsamkeit abgelenkt. Denn Auge und Ohr gehörten nur dem Arzt. Man sah nicht mehr auf die Tochter, die sich ohne Zwang den Gedanken und Träumen ihres Herzens überlassen konnte. Anstatt zu essen, entwarf sie tausend Pläne und dankte dem Himmel für die Erhaltung und Gesundheit ihres Geliebten. Dann ärgerte sie sich wieder über ihre Blindheit, weil sie ihren Geliebten nicht erkannt hatte. Sie hatte sich nämlich oft selbst insgeheim eingeredet, daß sie ihn unter jeder Maske erkennen würde, wenn er nur so glücklich wäre, ihre Gedanken zu erraten.

Mit dieser Selbstunterhaltung ging zu ihrer Freude die Mahlzeit zu Ende, bei der sie mehr Zuschauerin als Teilnehmerin gewesen war. Sie war glücklich, ohne Zeugen auf ihr Zimmer entlassen zu werden.

Schon hatten sie ihre Eltern zu einer Spazierfahrt am kommenden Sonntag auf ihr Landgut genötigt, um sie die gute Luft genießen zu lassen. Sie hoffte, bei dieser Gelegenheit ihren Geliebten ohne Zwang sehen zu können. Deshalb mußte sie nur bis zu diesem Tag heiter und vergnügt sein, um einen Aufschub zu verhindern. Doch ihr Geliebter mußte auf jeden Fall unterrichtet sein und dies war die größte Schwierigkeit. Da sie keine Freundin oder Vertraute hatte, mußte sie ihm schriftlich ihren Plan mitteilen und ihm am Donnerstag, der ihrer feurigen Liebe geweiht war, diesen Brief übergeben.

Ihr Geliebter freute sich unterdessen über sein gelungenes Kabinettstück. Bisweilen murrte er, weil er nicht die Stunden in Augenblicke verwandeln konnte. Er ordnete noch etwas seine Galanterieware und wartete auf den so sehr erwünschten Augenblick. Er zog sich wie eine Frau an, nahm seine Ware und ging bedächtig seiner Angebeteten entgegen.

Diese hatte die ganze Zeit am Fenster zugebracht, wo sie ihrer Mutter Gesellschaft leistete. Er bot ihr unter dem Fenster seine Ware an. Sie bat ihre Mutter um die Erlaubnis, diese Sachen näher betrachten zu dürfen. Da ihre Mutter noch nicht ganz aus den Jahren war, wo man sich gern verschönert, rief sie ihn selbst herauf und betrachtete die Waren. Dadurch hatten die Liebenden Zeit, sich manchen verstohlenen Blick zuzuwerfen und sich zu sammeln, damit sie die Freude des Wiedersehens nicht verrieten. Mutter und Tochter kauften beide etwas von seiner Ware und die letztere fragte ihn, ob er ihr nicht eine Garnitur Spitzen verschaffen könnte. Als ihre Mutter ihnen den Rücken zugekehrt hatte, steckte sie ihm einen Brief unter die Bänder und er versprach ihr, sogleich aus seinem Haus die gewünschte Ware zu holen. So schnell er konnte verließ er das Haus, um zu sehen, welche Hoffnungen ihm sein gutes Mädchen mache. Er las:

Mein teuerster Geliebter!

Worte würden vergebens Dir die Empfindungen meines Herzens ausdrücken, die Dein unverhofftes Wiedersehen geweckt hat. Ach! Seit unserer letzten Trennung strömt mir durch Deinen Anblick neuer Mut in das zerrissene Herz. Dank, unendlicher Dank, daß sich Deine heiße Liebe nicht durch Deine Schüchternheit hat unterdrücken lassen. Mein abgehärmtes Gesicht ist Zeuge meines Kummers, den ich wegen Dir erlitten habe. Doch ich will nicht klagen, denn der Himmel hat uns wieder einen Schimmer von Hoffnung gegeben. Am Sonntag soll ich mit meinen Eltern auf ihr Landgut fahren. Ich werde mich krank stellen und um Erlaubnis bitten, zuhause bleiben zu dürfen. Ich erwarte Dich also in derselben Verkleidung und Du wirst schon einen Vorwand finden, um mich zu sprechen. Ich wünsche, daß Du gegen Mittag kommst, um mir bei Tisch Gesellschaft zu leisten. Dann könnte ich mich mit Dir lange unterhalten. Jeder Augenblick bis da hin wird eine Ewigkeit sein für Dein liebendes Mädchen

Klärchen

Nachdem er den Brief flüchtig gelesen hatte, brachte er ihr schnell die versprochenen Spitzen und traf sie allein in ihrem Zimmer an. Sie fielen sich in die Arme, schworen sich tausendmal ewige Treue und keiner wollte mehr ohne den anderen leben, koste es was es wolle.

Die nahm zum Schein ein Stück Spitze und bat ihn selbst, um keinen Argwohn zu erregen, sie zu verlassen.

Wer könnte das Vergnügen schildern, das die beiden Liebenden nach dieser kurzen Unterhaltung genossen? Ach! Nur fühlende Herzen vermögen es noch zu empfinden.

Doch allmählich verhallte die Freude des Jünglings und ernste Gedanken quälten ihn.

Da er es redlich mit seinem Mädchen meinte, hätte er gern jedem anderen ihr Vermögen überlassen, wenn er nur seine Braut aus den Armen ihrer Eltern erhalten könnte, ohne sich verstellen zu müssen. Obgleich er, den Religion und Tugend bis dahin begleitet hatten, den Segen der Eltern als die größte Mitgift betrachtete, konnte er nun in seiner jetzigen Lage ihren Fluch voraussehen. Ach! Seine Liebe und seine Rechtschaffenheit kämpften lange miteinander. Die Liebe behielt zwar die Oberhand, doch er versuchte mit Hilfe eines guten Freundes noch einmal die Einwilligung ihrer Eltern zu bekommen. Er verzichtete gern auf jede Mitgift. Aber er erhielt nur eine Ablehnung. Da er glaubte, das seinige getan zu haben, konnten die Folgen seiner Beharrlichkeit auch so unglücklich ausfallen, wie sie wollten.

Oer erwünschte Tag kam endlich heran, wo alle Klagen seines Herzens verstummten. Denn er sollte sie ja sehen, die allein der Innbegriff seiner Seligkeit war. Er legte seinen unbequemen Anzug an und eilte nach dem Haus des angebeteten Wesens. Eine Magd, die ihr Gesellschaft leisten sollte, verweigerte ihm den Eintritt, weil sie ihr Fräulein für wirklich krank hielt. Überdies hatte sie Order erhalten, niemanden zu ihr zu lassen. So kam es zu einem langen Wortwechsel, den die vermeintliche Kranke dadurch beendigte, daß sie fragte, wer zu ihr wolle. Sogleich zeigte sich ihr Geliebter und bat um Verzeihung, weil er ihre Ruhe gestört habe. Leider müsse er morgen wegreisen. Deshalb bitte er sie, den zu leichten Dukaten wieder anzunehmen, den er für die Garnitur Spitzen von ihr erhalten habe. Sie ließ sich denselben zeigen, erkannte ihn als den ihrigen und bat ihn, sie in ihr Zimmer zu begleiten. Hier veränderte sich die Szene. Eng umschlungen vergaßen sie lange Gegenwart und Zukunft und diese seligen, oft wiederholten Augenblicke verschwanden, ach! noch viel zu früh für die so lange Trennung.

Sie mußten einen Entschluß fassen. Nach vielen Plänen, die immer wieder verworfen wurden, sahen sie zuletzt in der Flucht den einzigen Weg, der sie zu ihrem Ziel führen könnte. Der Tag für die Flucht aus ihrem elterlichen Haus wurde festgesetzt. Das Mädchen sollte sich gemäß ihrer Verabredung einige Tage noch in der Wohnung ihres Geliebten aufhalten, ehe sie dem Ort ihrer Geburt vielleicht für immer Lebwohl sagen würde. Unter Schwüren ewiger Treue und Liebe verließ er sie, um nun Vorbereitungen für ihre Abreise zu treffen. Er war sehr glücklich, daß er einen Interessenten für sein kleines Geschäft fand und brachte bald seine übrigen Sachen in Ordnung. Seine Familie war längst gestorben und so hielt ihn nichts mehr zurück, was ihm das Herz schwer machte.

Seine Geliebte warf sich ihm schluchzend ans Herz. Sie hatte ihm nämlich ihre treusorgenden Eltern aufgeopfert, die ihr außer ihm das allerliebste auf der Welt waren. Er tröstete sie mit der Hoffnung auf Aussöhnung. Ihre anfänglich lauten Klagen verwandelten sich in stille Wehmut.

Sie verließen nun den Ort, wo man ihnen nachspürte. Sie kam als Mann verkleidet, ohne Argwohn zu erregen, über die Landesgrenze. Mein Vater führte sie zum Altar und hielt all seine Versprechungen. Das Geld aus dem Verkauf seines Geschäftes und die Juwelen meiner Mutter halfen ihm ein kleines Geschäft in F…, einer angesehenen Stadt zu gründen, das nach und nach ansehnlicher wurde. Denn das Glück begünstigte immer meinen Vater.

In dieser Periode erblickte ich das Licht der Welt. Obgleich die Freude meines Vaters sehr groß war, befiel Wehmut meine Mutter. Da sie sich nicht wegen des Fehltritts beruhigen konnte, verzehrte sie allmählich stiller Gram. Sie hatte nämlich erfahren, daß sie durch ihr Verhalten den Tod ihrer Mutter verursacht hatte. Ihr Vater, der ihr zwar vergeben hatte, folgte seiner Frau bald nach. Mein Vater, der sie auch als Mann noch anbetete und ihr auch den kleinsten Wunsch von ihren Augen ablas, versuchte sie durch Zerstreuung von ihrer Melancholie zu heilen. Alle Mühen waren aber vergebens. Sie verfiel in eine Auszehrung und lebte nicht mehr lange. Mein Vater war bei dem Tod seiner Gattin untröstlich. Das Mitleid seiner Freunde erregte nur immer von neuem seinen inneren Gram, bis er endlich der Natur unterlag und sein tätiges Leben mit der frohen Aussicht beschloß, bei seiner Gattin in dem kühlen Schoß der Erde zu ruhen.

Noch lange nicht hatte ich dieses Alter erreicht, wo man den Verlust der Eltern auch nur halbwegs empfinden konnte. Denn ich zählte erst sechs Jahre. Ich hatte noch nicht den geringsten Unterricht genossen. Ich verkehrte nur mit Kindern meines Alters und interessierte mich nur für das Puppenspiel. Niemand störte meine heiteren Tage. Plötzlich war dieses schöne Leben beendet.

Ich wurde der Aufsicht einer weitläufig verwandten Tante mütterlicherseits unterstellt. Die Vormünder nämlich hatten gesehen, daß der Nachlaß meiner Eltern nicht ganz unbeträchtlich war. Andernfalls wäre ihre Barmherzigkeit wohl nicht so groß gewesen und sie hätten mich in ein öffentliches Versorgungshaus gebracht, wo ich vielleicht noch eine bessere Erziehung genossen hätte, als unter der Aufsicht dieses lebendigen alten Gesangbuchs. Denn außer diesem Seelenheil, wie sie sich öfters ausdrückte, schätzte sie nichts weiter als ihr Geld, Neuigkeiten und ihren Beichtvater, einen wahren Schmeichler und geistlichen Bückling. Er empfahl sich bei ihr besonders durch seine salbungsvollen Gespräche über theologische Gegenstände, welche ihr Steckenpferd im Alter nunmehr waren. Wenn er in seinem Haus und unter seinen Bekannten war, hing er den schwarzen Rock an die Wand und spielte ein ziemlich sündiges Weltkind. Übrigens besaß sie noch andere wertvolle Eigenschaften, die sie aber vor der Welt verborgen hielt. So war zum Beispiel Sparsamkeit eine Tugend, die sie sehr übte, wenn wir allein speisten. Wenn wir Gesellschaft hatten, war sie jeder Zeit die großzügigste Gastgeberin, die ängstlich besorgt war, jedem noch so verschiedenen Appetit durch ein Lieblingsgericht zuvorzukommen. Freilich schmerzte ihr Jeder Bissen, den sie aufnötigte und sie behalf sich mit den übrig gebliebenen Brosamen noch einige Wochen, wo über die Hälfte davon in Verwesung überging. Durch diesen Kunstgriff galt sie bei dem Publikum als eine überaus geschätzte Frau. Auch vergaß sie nicht, durch Geschenke die Kirche zu bereichern. Auf Zureden der Geistlichkeit stiftete sie Geld und schenkte den Armen Kleidungsstücke, bei deren Kauf sie mit den Kaufleuten oft bis aufs Blut handelte. Ihr Kleid hätte eher zu einem Harlequin gepaßt und war gleichsam eine Karte von allen möglichen Farben. Äußerlich trug sie die Farbe der Unschuld und dem äußeren Schein nach war sie tugendhaft, wohltätig und fromm.

Sie lebte schon einige Zeit als Witwe und hatte ihren Mann nach fünf Ehejahren verloren. Da sie immer gegen den Ehestand eingenommen war, so hatte sie wahrscheinlich nicht die glücklichsten Tage darin verlebt. Kinder hatte sie nie gehabt, obgleich man ihr aus Neid einige uneheliche andichten wollte. Ihr Umgang mit dem Militär und Reisen in Bäder, die zu gewissen Zeiten stattfanden, warfen ein schiefes Licht auf ihren Lebenswandel. Doch während meines Aufenthaltes erhielt sie dergleichen männliche Besuche nicht. Es kamen nur ihr Beichtvater und noch einige andere vom schwarzen Regiment. Gelegentlich erschien auch ein alter Offizier, der allenfalls eine alte Liebschaft sein konnte. Selbst mir als Kind fiel auf, daß er von ihr im geheimen reichlich unterstützt wurde. Auch bemerkte ich seine überaus große Zärtlichkeit und die Aufmerksamkeit, die er jedem ihrer Worte schenkte. Er machte mich, wenn ich es sagen darf, etwas eifersüchtig, vorausgesetzt, daß man bei einem Kind diese Leidenschaft annehmen kann. Wenigstens sagte damals schon der Spiegel meiner kleinen Eitelkeit, daß ich tausendmal schöner bin als das vertrocknete und geschrumpfte Gesicht meiner alten Tante. Er ließ sich nur herab mich zu liebkosen, wenn die Alte noch etwas in der Küche zu ordnen vergessen hatte.

Er starb sehr plötzlich und seit dieser Zeit wurde das Pfaffenregiment noch stärker. Der ganze Unterricht, den ich bei dieser glorreichen Gesellschaft genoß, bestand aus der Lektüre geistlicher Bücher, Spinnen und Nähen. Auch mußte ich der Köchin mit an die Hand gehen. Am Anfang bereitete mir die Lektüre keine Freude. Das ewige Einerlei ekelte mich an, weil es besonders Gegenstände betraf, für die ich nicht das geringste Interesse hatte. Die dürre Faust meiner Tante machte mir aber begreiflich, daß dies der einzige Weg sei, der zum Himmel führe. Ich las oder betete, wie man es nehmen will. Denn alles geschah vom Morgen bis zum Abend mit Zwang, ohne Verstand und natürlich ohne jede Andacht.

Endlich kam ich in das Alter, wo das Blut wärmer dem Herzen entfließt. Die heiligen Legenden, meine einzige Lektüre, fingen an, mir angenehmer zu werden. In meinem Kopf gärte es, denn wie jedes junge Mädchen in meinem Alter, interessierte ich mich für die Liebe und ihre Vergnügungen. Die Neugierde, sie Kennenzulernen, reizte mich unaufhörlich. Ich sehnte mich nicht danach, sie zu genießen. Ich wollte nur unterrichtet sein. Mein Geschlecht nötigte mich zu Stillschweigen und diese Zeit der Untätigkeit nutzte ich aus, um über dieses Thema nachzudenken. Da man mich mit meinen Gedanken bei der Arbeit glaubte, hörte ich freilich wenig auf die Reden, die man mir hielt. Meistens bestanden sie nur aus Klagen über meinen Leichtsinn oder Scheltworten. Große Beachtung schenkte ich aber diesen Reden, die man vor mir zu verbergen suchte. Da ich noch sehr jung und fast ohne Ausnahme von jedem ohne Interesse betrachtet wurde, keine Freundin zur Unterhaltung und keine Ratgeberin für meine Schwachheiten hatte, gehörten meine Gedanken nur mir. So wurde mein natürlicher Leichtsinn noch verstärkt. Um nicht in die Gefahr zu kommen, mir meine Gedanken zu rauben oder wider meinen Willen auf eine andere Art erhaschen zu lassen, beobachtete ich meine Reden und studierte den Ausdruck meines Gesichtes, um beide gemäß den Umständen zu ordnen und zu gebrauchen.

Von dieser Zeit an machte ich mir selbst meine Gedanken. Ich zeigte immer nur diejenige Gesinnung, welche mir die nützlichste zu sein schien. Ich war bemüht, meine Aufmerksamkeit auf den Ausdruck der Gesichter zu heften und die Abstufungen in dem Charakter der Physiognomien zu beobachten und mir zu eigen zu machen. Hierzu gehörte nun freilich ein größerer Wirkungskreis als der, der sich mir darbot. Doch in meiner damaligen Lage genügte es mir, Personen genau zu beobachten und ausspähen zu können, welche die tägliche Gesellschaft der alten Tante ausmachten und die mir doch vielleicht in Zukunft entweder schädlich oder nützlich sein könnten.

Oh! Hätte sich doch damals eine redliche Seele meiner angenommen, um meiner erhitzten Phantasie den gehörigen Weg zu bezeichnen, auf dem ich sicheren Fußes hätte fortgehen können, ohne so gröblich zu straucheln. Nie sagte mir ein Wesen meiner Art, daß die Tugend an sich schon eine Bereicherung für denjenigen ist, der sich ihr widmet. Nur selten fuhr ein Lichtstrahl durch die Finsternis meiner Religionsübungen. Ich glaubte anfangs, daß der Mensch besser sein könnte, wenn er Jede seiner Handlungen offen vor den Augen anderer sehen ließ. Doch nach und nach merkte ich, daß jeder nur eine Maske trug. Ist es deshalb verwunderlich, daß ich mir selbst eine Vermummung wählte, die mir für meinen Zustand die beste zu sein schien? Mein Interesse für das männliche Geschlecht wurde jeden Tag größer. Ich hatte von ihm nur eine unklare Vorstellung. Aber eben diese Unsicherheit machte meine Begierde nur noch reger und ich beschloß, alles zu wagen, um mich in den Besitz dieses Geheimnisses zu setzen.

Wenn einer der geistlichen Herren, die unser Haus belagerten, sich mehr der Wollust hingegeben hätte, als seinen Leib mit Speise und Trank zu pflegen, so bekenne ich freimütig, daß der häßlichste mir meine Unschuld hätte rauben können, ohne daß ich ihm das Opfer hoch angerechnet hätte. Um mir also Gewißheit zu verschaffen, entwarf ich einen Plan, der mir mehr glückte, als ich hoffte. Da ich jeden Montag meine kleinen Kindereien beichten mußte, fand ich einen Weg, um mein Vorhaben zu verwirklichen. Es bedurfte freilich einer großen Unterdrückung meines Schamgefühls, meinem Beichtvater zu bekennen, daß ich mit einem Mann etwas mehr zu tun gehabt hatte, als Küsse zu wechseln. Nachdem er seine lange, heftige Rede beendet hatte, fügte ich hinzu, daß es nur im Traum gewesen sei. Freilich war ich durch seine Rede nicht zu der Gewißheit gelangt, die mich so lange schon folterte. Doch schloß ich aus der Schilderung dieses großen Vergehens auf das außerordentliche Vergnügen, das es mit sich brachte. Auf die Begierde es kennenzulernen, folgte der Wunsch, es zu genießen.

Ich erwartete mit Sehnsucht den Augenblick, der mich unterrichten sollte, als ein Unwetter über mich heraufzog, auf das ich nicht vorbereitet war. Jeder Tag endete regelmäßig mit einer Betstunde, an der alle Personen teilnahmen, die in unserem Haus lebten. Danach half ich meiner alten Tante beim Entkleiden und brachte sie ins Bett. Bevor sie nicht fest eingeschlafen war, durfte ich mich nicht entfernen, um selbst die süße Ruhe zu genießen. Abwechselnd mußte ich vorlesen und, wie es bei kleinen Kindern üblich ist, Vorsingen.

Auch dieses Mal schlich ich mich leise von ihr in mein einsames Bett. Ich ahnte nicht, daß es bald das letzte Mal sein würde. Angenehme Träume gaukelten in meiner Phantasie und ich erwachte, als es schon heller Tag war. Eilig kleidete ich mich an, um den Verdruß zu mildern, der nach einer so süßen Ruhe das Thema des ganzen Tages sein würde. Meine Toilette war nur halb vollendet, als ich in das Zimmer meiner Tante eintrat. Alles war totenstill. Ich erlaubte mir nicht, in ihr Bett zu sehen. Denn zum ersten Mal in meinem Leben bin ich von ihr nicht von Scheltworten begrüßt worden, weil ich so lange geschlafen hatte. Ich ordnete noch hier und da eine Nadel und wunderte mich, daß der Stundenzeiger immer weiter rückte. Allmählich fing ich an Langeweile zu haben, weil sie so spät erwachte. Deshalb entschloß ich mich, die Köchin zur Teilnehmerin des Verdrusses zu machen, den die Störung ihrer Ruhe nach sich ziehen könnte. Wir gingen leise in das Zimmer, zogen die Bettvorhänge zurück und sahen sie – oh gütiger Himmel! – als Leiche. Ein heftiger Schlagfluß mußte sie getroffen haben. Denn sie lag noch in derselben Stellung, in der ich sie am Abend zuvor verlassen hatte. Ich war deshalb sehr beunruhigt, weil mein sehr fester Schlaf ihr vielleicht die Hilfe versagt habe, der sie bedurft hätte.

Dieser jähe Wechsel vom Leben in das Grab erschütterte mein Innerstes sehr. Sie selbst, die Tote, flößte diese Rührung am wenigsten ein, weil ich im Grunde nichts weiter als eine geizige Verwandte verloren hatte. Indem sie die Kirche und ihre Diener zu Universalerben einsetzte, wollte sie nach ihrem Tod auch ihr Andenken mit einem Heiligenschein umgeben, den man ihr schon zu Lebzeiten zubilligte. Die Verjährung des Testamentes schützte sie vor der Verleumdung, ihre Junge Nichte auch nicht mit einem Wort darin erwähnt zu haben. Denn als sie ihren letzten Willen festsetzte, befand ich mich noch nicht unter ihrem Schutz. Auch war sie nicht die einzige gewesen, die ihr Scherflein zu den schon an und für sich ansehnlichen Kirchenschatz gelegt hat, obwohl die nächsten Anverwandten in der drückendsten Armut leben mußten. Oft habe ich mich der Tränen auch in der ausschweifendsten Periode meines Lebens nicht enthalten können, wenn ich in öffentlichen Blättern das übertriebene Lob von diesen oder jenen Reichen ausposaunt fand, die ihr Vermächtnis einem ebenso Wohlhabenden oder gar Klöstern und Kirchen vermacht haben.

Doch um wieder auf mich selbst zurückzukommen, ich befand mich in einer peinlichen Lage, was meine Vermögensverhältnisse anbelangte. Ich war erst fünfzehn Jahre alt und befand mich noch unter Vormundschaft, welche mein Schicksal auch künftig bestimmen sollte. Ich schwankte zwischen Furcht und Hoffnung, daß sie entweder angenehmer oder noch drückender für mich sein könnte. Das letztere wurde mir bald zuteil.

Obgleich meine guten Eltern mir kein sehr großes Vermögen zurückgelassen hatten, weil sie beide sehr jung der mütterlichen Erde zurückgegeben wurden, so bestand es doch aus viertausend Talern, die mein Vormund für mich übernommen hatte. Mit den Zinsen dieses Vermögens wurde meine Erziehung bezahlt, wie ich immer von meiner verstorbenen Tante gehört hatte. Sie murrte immer über die sehr schlechten Zinsen, die es trug, wenn ich ein neues Kleidungsstück für meine armselige Toilette wünschte. Nie dachte ich daran, sie zu fragen, wen man es verliehen hatte oder in welchen Händen es sich befand. Auch glaube ich, ich hätte nie den Mut gehabt, sie danach zu fragen. In meinem Alter fragt man auch wenig nach diesen Schätzen. Ein frohes Herz und leichtes Blut ist alles, was man glaubt in der Welt zu bedürfen. Diese beiden kostbaren Stücke waren mir von der gütigen Natur in einem hohen Grade zuteil geworden.

Auch jetzt, wo die ersten Tränen des Schreckens vorüber waren, fühlte ich mich mitunter so wohl und leicht, weil ich von diesem Gängelband befreit war. Dieses Gefühl genoß ich noch einige Tage nach dem Begräbnis meiner Tante, bis mein Vormund kam, um über meine weitere Zukunft zu bestimmen. Nachdem er mich über den Verlust getröstet hatte, sagte er, er müsse wegen meines Vermögens eine Reise machen. Ein guter Freund habe ihn davon in Kenntnis gesetzt, daß wahrscheinlich dieser Kaufmann bankrott machen würde, in dessen Händen sich mein Vermögen befände. Er für seine Person hielte es für seine Pflicht und Schuldigkeit zu retten, was noch zu retten sei. Aber er komme wahrscheinlich zu spät, weil er wegen der erst jetzt zurückgelegten Reise den Brief drei Wochen zu spät erhalten habe. Wenn er nichts zu meinem Vorteil herausschlagen sollte, hoffe, daß ich für mein eigenes bestes nichts sehnlicher wünsche, als den Schleier anzunehmen, den der Himmel durch den Tod meiner Tante für mich bestimmt zu haben scheine.

Ich hatte mich schon auf verschiedene andere Lagen vorbereitet, in die ich versetzt werden könnte, aber kein Gedanke war mir Jemals in meine Seele gekommen, der nur die entfernteste Ähnlichkeit mit der gegenwärtigen Hiobspost hatte. Starr vor Entsetzen stand ich vor dem Unglücksboten und konnte keinen Laut von mir geben, der die schrecklichen Empfindungen in meinem Inneren ausgedrückt hätte. In dieser Situation war freilich nichts mit mir anzufangen. Nachdem er mich mit seiner kalten, teilnahmslosen Art getröstet und mir Ruhe empfohlen hatte, versprach er in etlichen Stunden wiederzukommen. Währenddessen sollte ich mich zu meinem besten entschließen.

Er ging und allmählich kehrte mein Bewußtsein in mir zurück. In meinen Augen waren Tränen und ihr wohltätiger Erguß bewahrte mein zusammengepreßtes Herz davor, dem Gefühl des Schmerzes zu unterliegen. Nur eine kurze Frist wurde mir vergönnt, um den wichtigsten Schritt meines Lebens zu überlegen. Ach! Ich sah wohl, daß man mich gern verbannen wollte, um das übrige Vermögen unter sich aufzuteilen und mich ins Kloster zu bringen. Vor diesen lebendigen Gräbern empörte sich jeder Nerv und ich war entschlossen, auch den letzten Heller aufzuopfern, um mich diesen zu entziehen.