Kissing Death: Verliebt in einen Killer - Maddie Holmes - ebook

Kissing Death: Verliebt in einen Killer ebook

Maddie Holmes

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Opis

Seit der Entführung seiner Schwester vor siebzehn Jahren will North nur eines: Vergeltung. Er will die Männer des Menschenhändlerrings bluten sehen, die Jill über die mexikanische Grenze verschleppten. Das Angebot kommt ihm daher sehr gelegen, von seinen Fähigkeiten als Killer der Special Forces Gebrauch zu machen und den Mann aufzuspüren und zu töten, der bei Jills Verschwinden die Hände im Spiel hatte. Seine Recherchen führen North auf direktem Weg zu Derek McJohnsons Tochter. Doch statt seine Mission erfolgreich voranzutreiben, sprühen zwischen Julie und ihm sofort die Funken. Schon bald steht North vor der schlimmsten Entscheidung seines Lebens – Liebe oder Vergeltung?

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EPUB
MOBI

Liczba stron: 411




Maddie Holmes

KISSING DEATH

VERLIEBT IN EINEN KILLER

Romantic Suspense

KISSING DEATH

MADDIE HOLMES

© 2016 Romance Edition Verlagsgesellschaft mbH8712 Niklasdorf, Austria

1. AuflageCovergestaltung: © SturmmöwenTitelabbildung: © FxquadroKorrektorat & Lektorat: Romance Edition

ISBN-Taschenbuch: 978-3-903130-06-7ISBN-EPUB: 978-3-903130-07-4

www.romance-edition.com

Für Rebecca.Weil wir Dich besonders lieb haben.Maddie & Dobermann Zac

Prolog

Siebzehn Jahre zuvor

North

»Du musst das nicht tun, Jill.« Ich mache mich in der Tür breit und versperre meiner Schwester den Weg aus der Küche.

Sie hat sich aufgedonnert, noch mehr als sonst, wenn sie mit diesem arroganten Arschloch ausgeht. Ihr schwarzes, sonst krauses Haar ist geglättet, sie hat sich irgendein Zeug auf das Dekolleté geschmiert, damit ihre dunkle Haut seidig schimmert, und der knallrote Lippenstift passt zu dem Kleid, das auch als breiter Gürtel durchgehen könnte. Sie sieht stark geschminkt fünf Jahre älter aus, dabei wird sie nächste Woche erst einundzwanzig.

Ich kann es nicht ausstehen, dass sie sich von diesem Scheißkerl dafür bezahlen lässt, mit ihm ins Bett zu steigen. Sie streitet es ab, aber ich bin kein Idiot oder lasse mich leicht für dumm verkaufen. Der reiche Wichser wird ihr die Scheinchen, die sie nach jedem Date mit nach Hause bringt, nicht für ein nettes Essen im Madison zustecken.

»Ach nein? Wie zur Hölle sollen wir die Mietschulden bezahlen? Oscar wird uns aus dem Haus werfen, wenn wir sie bis nächste Woche nicht begleichen.« Sie nimmt ihre Handtasche von der Küchenstuhllehne und macht einen Schritt auf mich zu. »Geh mir aus dem Weg.«

»Diese Bruchbude kann man kaum als Haus bezeichnen. Wir finden eine andere Bleibe«, sage ich beharrlich.

Ich weiß, dass das nicht die Wahrheit ist. So schnell findet man in Memphis kein Haus und auch kein Apartment. Zumindest nicht, wenn man zur arbeitslosen schwarzen Unterschicht gehört, der nicht mal FedEx einen Job gibt. Aber lieber schlafe ich auf der Straße oder in der Karre, die ich Jonas vor ein paar Monaten für hundertfünfzig Dollar abkaufen konnte, als das hier länger mit anzusehen. Ich bin sicher, unsere Granny sieht die Sache ähnlich. Leider ist sie nach einer halben Flasche ihres billigen Whiskeys selten in der Verfassung, sich vernünftig zu äußern und schläft lieber ihren Rausch auf der Couch aus.

»Vergiss es, ich lasse dich nicht gehen.«

»Ich werde mir nicht von meinem kleinen Bruder vorschreiben lassen, ob und wann ich das Haus verlasse.« Jill wendet sich ab und tritt ans Fenster. Die Scheibe ist verdreckt, ein langer Riss zieht sich quer über das Glas, und sie muss die Augen verengen, um gegen die untergehende Sonne anzublinzeln. »Scheiße.«

Mir ist klar, was sie sieht. Oder viel eher wen. Ich höre den Motor des Sportwagens vor unserer Tür laufen. Matthew wartet auf sie und er gehört nicht zur geduldigsten Sorte. Wahrscheinlich wird er spätestens in sechzig Sekunden das erste Mal auf die Hupe drücken.

Ich lehne mich mit einer Schulter gegen den Rahmen, fest entschlossen, sie auf keinen Fall vorbeizulassen.

»Er wird wütend werden«, sagt sie, als ob mich das interessieren würde.

»Schön, dann habe ich einen Grund, ihm den Arsch aufzureißen.« Nicht, dass ich den nicht längst hätte. In Gedanken habe ich dem Mann schon zehnmal den Hals umgedreht und ich habe die größte Lust, meine Vorstellungen endlich wahr werden zu lassen. »Es gibt eine andere Lösung. Jill, du kannst dich nicht von dem Typen ficken lassen, nur um diesen Scheiß hier aufrechtzuhalten. Das ist widerlich.«

Sie fährt herum und ihr Blick schnellt zu mir, während sie die vollen Lippen zu einer harten Linie zusammenpresst. »Ich sage dir, was ich nicht machen kann. Ich kann nicht dabei zusehen, wie mein kleiner Bruder auf die schiefe Bahn gelangt. Ja, ich weiß, dass dir Jonas angeboten hat, in diese Computersache einzusteigen, aber ich werde da nicht mitspielen. Das ist Hehlerware, North. Ich kann nicht dabei zusehen, wie du deine Zukunft aufs Spiel setzt, und noch weniger dabei, dass wir unser Dach über dem Kopf verlieren. Aber am wenigsten kann ich dabei zusehen, wie sich unsere Grandma vor Sorgen und Schmerzen zu Tode trinkt.«

Jill ist laut geworden. Sie wird nie laut und fährt auch nie aus der Haut. Ständig ist sie darauf bedacht, Streit zu vermeiden und es allen Leuten recht zu machen. Everybody’s Darling, oder so ähnlich. Außerdem hat sie gerade nicht widersprochen, als ich ihr an den Kopf warf, es für Geld mit diesem Bastard zu treiben. Das ist noch nie passiert.

Ich starre sie an, weil ich nicht weiß, wie ich reagieren soll und weil ich langsam verarbeite, dass sie gerade etwas gesagt hat. Von Dingen, von denen ich nicht die leiseste Ahnung hatte. »Was meinst du damit, sie trinkt vor Schmerzen?«

»Scheiße, ich habe jetzt keine Zeit, um zu diskutieren. Können wir bitte später darüber reden?«

»Ist sie krank?« Granny ist zweiundsechzig. Das ist ein Alter, in dem Menschen oft krank werden. Das Letzte, das wir gebrauchen können, ist eine kranke Großmutter. Sie hat keine Krankenversicherung, verflucht.

Ein energisches Hupen ertönt auf der Straße. Laut, langgezogen. Jill und ich fechten ein Duell mit Blicken aus. Ich bin einen Kopf größer als sie und um einiges kräftiger und sie hat mir körperlich nichts entgegenzusetzen. Sie kommt nicht an mir vorbei, wenn ich nicht freiwillig aus dem Weg gehe.

»Wir wollten dir eigentlich nichts sagen«, setzt sie an, aber hält dann in ihren Worten inne.

»Jill.«

Ihr Gesichtsausdruck wird etwas weicher und ich ahne, dass etwas Schlimmes folgen muss. Ich kenne den Blick, mit dem sie mich ansieht. Es ist derselbe, den sie vor ein paar Jahren aufgesetzt hatte, als sie mich über den Tod unserer Mutter aufklärte. Derselbe, mit dem sie mir damals sagte, dass uns das Jugendamt mitnehmen wird, bis sich unsere Granny erbarmte, für uns zu sorgen. Gott, ich will kein Mitleid. Wenn sie mit diesen Sorgen zurechtkommt, schaffe ich das ebenfalls. Ich bin fünfzehn und kein verdammtes Baby mehr. Wann sieht sie das endlich ein?

»Was ist mit Pearl?« Manchmal nenne ich unsere Grandma bei ihrem Vornamen. Tausendmal hat sie wiederholt, dass sie sich noch älter fühlt, als sie ist, wenn wir sie ständig Granny rufen.

Jill atmet tief durch. »Wir dachten zuerst, sie hätte bloß eine Verspannung oder sich bei irgendetwas verhoben. Der Nacken und die Schultern taten ihr weh und sie meinte, sie würden sich steif anfühlen. Ich weiß nicht, wie lange sie diese Symptome schon hatte, als sie mir davon erzählte. Ich wusste auch nicht, wie ich ihr helfen soll, und habe sie einfach hin und wieder massiert und ihr Wärmflaschen gemacht. Doch nach einer Weile fingen ihre Hände an zu zittern. Inzwischen ist es manchmal so schlimm, dass sie die Geldeinnahmen nicht in die Kassette räumen kann, wenn sie ihren Stand auf dem Flohmarkt aufgebaut hat. Wir waren bei der Sozialfürsorge, um einen Schein zur kostenlosen Behandlungsstunde im Methodis Hospital zu bekommen. Ein paar Mal mussten wir ins Krankenhaus und ...« Sie schließt für eine Sekunde die Augen und macht eine Pause. »Es ist Parkinson, North. Granny hat Parkinson und die Medikamente sind verdammt teuer. Im Augenblick haben wir nicht mal ein Schmerzmittel im Haus und ich bin sicher, deshalb trinkt sie so viel.«

Ein kräftiger Ruck geht durch mich hindurch und es läuft mir eiskalt den Rücken hinunter. Ich habe keine Ahnung von medizinischem Zeug oder Krankheiten, aber ich stehe auf Boxen und weiß, dass Parkinson Ali seinen letzten Titel gekostet hat, bevor er endgültig aufhören musste. Ich weiß, dass es eine beschissene und nicht zu heilende Erkrankung ist. Und selbst wenn sie heilbar wäre, hätten wir nicht einen Cent, um ihr eine Behandlung zu zahlen.

Matthew drückt erneut auf die Hupe und nur zwei Sekunden später fällt draußen eine Autotür zu. Das Geräusch scheint von den Wänden im Haus widerzuhallen.

»Würdest du mich jetzt durchlassen?«, bittet Jill.

Gott, ich hasse unsere Situation. Ich hasse es, dass sich unsere Mom das Leben genommen hat. Ich hasse meinen feigen Erzeuger, weil sich das weiße Arschloch genauso schnell aus dem Staub gemacht hat, wie Jills Vater zuvor, und er sich einen Scheißdreck aus mir macht. Ich hasse es, für jeden Penny kämpfen zu müssen und in diesem verdammten Rattenloch mit den schimmeligen Wänden zu hausen. Die Wahrheit ist ... Ich hasse mein komplettes beschissenes Leben. »Ich werde die Kohle für die Miete besorgen und auch für Grannys Medikamente. Du bist nicht allein dafür verantwortlich, dass hier alles rundläuft.«

Sie blickt mich traurig an und mir ist klar, was sie denkt. Sie hält mich für einen kleinen Jungen. Für ein Kind, das keine Verantwortung übernehmen kann. Aber sie liegt falsch, denn das kann ich. Ich kann dafür sorgen, dass es meiner Familie gut geht. Jonas kennt einen Haufen Leute, die immer ein paar Handlanger für ihre Geschäfte suchen. Lieber mache ich mir die Hände schmutzig, bevor sich meine Schwester weiterhin diesem Arschloch anbietet.

»Jill?« Matthew hat das Haus erreicht und poltert mit einer Faust an die Tür.

Eine Spur zu fest, würde ich meinen. Fest genug, um noch Öl ins Feuer zu gießen. Was bildet sich der Kotzbrocken überhaupt ein?

»North, lass es gut sein«, reagiert meine Schwester auf die Tatsache, dass ich meine Hände zu Fäusten balle.

Ich ignoriere ihren Versuch, mich zurückzuhalten und wende mich um. Ich werde dem Typen die Meinung sagen und ihn zur Hölle jagen. Mit forschen Schritten durchquere ich den engen Flur, umfasse den rostigen Knauf der Eingangstür und reiße sie auf. »Verzieh dich, du Penner«, kommt es mir über die Lippen.

Matthew steht vor mir. Groß, blond, breitschultrig. Seine ein Meter fünfundachtzig stecken in einem maßgeschneiderten Anzug und trotzdem hat der Kerl etwas ekelhaft Primitives an sich. Ich kann die Male, die ich ihm begegnet bin, an drei Fingern abzählen und jedes Mal hat sich meine Abneigung gegen ihn noch verschärft. Er kam mir von Anfang an nicht koscher vor. Ich mag seine Augen nicht, die kalt sind und grau, und ich kann sein affektiertes Lächeln noch weniger leiden als sein kantiges Kinn.

Er erwidert herablassend den Blick, den ich ihm zuwerfe. Wir stehen uns auf Augenhöhe gegenüber, haben dieselbe Größe, und trotzdem bringt er es fertig, mich anzusehen, als wäre ich eine winzige Scheißkakerlake.

Jill steht plötzlich hinter mir und berührt meine Schulter. »Mach keinen Ärger.«

»Jill, komm bitte her und steig in den Wagen«, sagt Matthew, ohne meinen Blick loszulassen.

Sein Tonfall ist schneidend. Er glaubt, sie herumkommandieren zu können und wahrscheinlich kann er das auch, wenn sie allein sind. Aber nicht vor meinen Augen.

»War ich nicht deutlich? Ich sagte, schaff deinen weißen Arsch von unserer Tür weg oder ich werde nachhelfen.«

Ich kann sehen, wie er seinen Körper anspannt. Er ist nicht der Typ, der sich einschüchtern oder bedrohen lässt. Ich bin sicher, er ist eher der Mann, der ansonsten die Drohung ausspricht. Aber verflucht, ich habe keine Angst vor dem Kerl, selbst wenn er ein paar Muskeln mehr hat als ich.

Jill versucht, an mir vorbeizukommen. Ich strecke einen Arm aus und stütze die Handfläche gegen den Türrahmen, um sie hinter mir zu halten.

»Sag deinem kleinen Bruder, er soll sich nicht lächerlich machen und steig endlich in meinen Wagen, Schlampe.«

»North, bitte. Du hast keine Ahnung, was du da tust«, flüstert sie.

Okay, er hat den Bogen überspannt. Ich mache einen Schritt nach vorn, doch Matthew lässt sich nicht davon beeindrucken. Tief drinnen spüre ich, dass es verdammt dumm sein könnte, den Typen anzufassen, und trotzdem wage ich es. Ich stoße ihm fest gegen die Brust und bringe ihn dazu, ein Stück nach hinten zu taumeln. »Meine Schwester ist keine Schlampe.«

Er lacht leise und in nächster Sekunde, verpasst er mir unerwartet einen Schlag ins Gesicht. Mit der flachen Hand, aber so kräftig, dass mir der Kopf zur Seite fliegt und ich ins Straucheln gerate.

Mistkerl.

Ich blinzle und atme den brennenden Schmerz weg, der auf meiner Wange lodert. Ich fühle, dass ich nur einen Herzschlag davon entfernt bin, es ihm heimzuzahlen. Mein Puls rast und meine Hände krampfen sich zusammen, ferngesteuert von dem Zorn in mir. Er schlägt mich vor meiner Haustür?

»Seid ihr vollkommen verrückt?«, ruft Jill.

Sie kommt aus dem Haus und stellt sich beschwichtigend vor mich. Vor mich. Nicht vor den respektlosen Hund.

Ich schiebe sie mit einer unsanften Bewegung aus dem Weg und werfe mich ohne weiter nachzudenken gegen Matthew. Damit hat er nicht gerechnet. Ich revanchiere mich für den Schlag, indem ich meine Faust gegen sein Kinn donnere, doch eine weitere Gelegenheit bekomme ich nicht. Der Kerl ist schnell und er hat Übung in dieser Art von Auseinandersetzung. Eine riesige Hand landet in meinem Nacken, drückt mich hinunter und gleichzeitig stößt er mir sein Knie in den Magen, dann gegen den Brustkorb. Mir weicht die Luft aus der Lunge und ich glaube, ich kollabiere. Ich reiße mich los und drehe mich weg, weil ich das Gefühl habe, mich übergeben zu müssen.

»Jonas!« Jills Stimme ist die Erleichterung anzuhören, auch wenn es für mich im ersten Moment keinen Sinn ergibt, dass sie Jonas’ Namen ausruft.

Ich kämpfe noch mit meiner Atmung, die nicht einsetzen will, und gegen einen Schwall Übelkeit, der mir von unten gegen die Kehle drückt. Mein Blick ist leicht verschwommen, aber ich sehe Jonas den Bürgersteig entlang auf uns zu joggen, was trotz seiner zweihundertzwanzig Pfund und den tiefsitzenden Jeans absurd geschmeidig aussieht.

»Verpiss dich endlich ins Auto«, herrscht Matthew meine Schwester an.

Jill sieht mich an. Mein Blick klärt sich und ich schaffe es, mit einem verkrampften Zug, Luft in die Lunge zu bekommen. Die Panik in ihren dunklen Augen lässt mir dafür fast das Herz stehenbleiben. Sie hat Angst vor dem Scheißkerl.

Ich richte mich auf, bereit, es weiter mit Matthew aufzunehmen, aber Jill schüttelt den Kopf und fährt herum. So schnell, wie es ihre mörderischen Absätze zulassen, geht sie zu seinem Wagen. Der Wichser richtet sein Jackett und folgt ihr, ohne mich weiter zu beachten.

Jonas erreicht mich in derselben Sekunde, in der ich Matthew hinterher stürzen will. »Was habt ihr mit diesen Leuten zu schaffen?«, schreit er mich an und reißt an meinem T-Shirt, um mich festzuhalten.

»Er darf sie nicht mitnehmen«, entgegne ich scharf.

Jill sitzt längst neben Matthew in seiner Sportkarre und er lässt den Motor aufheulen. Mit einem Ruck setzt er zurück auf die Straße und der gelbe Wagen verschwindet um die Ecke des Nachbarhauses, dessen Fenster mit Brettern zugenagelt sind.

»Jonas, scheiße, er darf sie nicht mitnehmen«, wiederhole ich, immer noch außer Puste.

»Hast du den Verstand verloren? Du kannst dich nicht mit dem Typen anlegen. Was habt ihr mit diesen Leuten am Laufen, North?« Jonas klingt aufgebracht. Unbeherrscht, wütend und ... besorgt?

Ich hebe den Blick in sein dunkles Gesicht und begreife nicht, warum seine Miene dermaßen ernst ist. Jonas ist nie ernst. Ich kenne ihn schon mein Leben lang, er ist mit Jill zur Highschool gegangen und war schon immer unser Nachbar. Er raucht zu viel Pot, ist dauernd dicht und hat normalerweise in jeder Situation einen lustigen Spruch auf den Lippen. Jeder mag ihn, er kennt eine Million Leute, und er macht hin und wieder durch seine Beziehungen einen Job für mich klar. Keinen von der koscheren Sorte, versteht sich, aber er ist dennoch ein anständiger Kerl.

»Wovon redest du?«, brülle ich zurück.

»Von Hatfield.«

»Wer ist Hatfield?« Ich fühle mich, als wäre ich dümmer als Eric Cartman, weil ich nicht verstehe, worauf er hinaus will.

»Willst du mich verarschen? Der Scheißzuhälter, mit dem sich deine Schwester gerade aus dem Staub gemacht hat. Hast du eine Ahnung, welchen Ärger ihr euch einhandelt? Um diesen Typen und seine Leute macht jeder mit Verstand einen Bogen.«

Es kommt mir vor, als hätte ich noch einen Schlag ins Gesicht kassiert. Ich strenge mich an, ihn wegzustecken, aber seine Aussage versetzt mir einen heißen Stich durch die Mitte.

Scheißzuhälter.

»Dieser Matthew ist ein Zuhälter?« Meine Stimme zittert.

Mir war klar, dass er nicht der nette Typ ist, mit dem meine Schwester hin und wieder mal ausgeht. Ich habe geahnt, dass sie ihren Körper verkauft. Aber verflucht … Ich dachte, an ihn.

»Ich weiß nicht, wie das Arschloch mit Vornamen heißt. Ich weiß nur, dass du besser deine Sachen packen und die Stadt verlassen solltest. Man pisst diesem Verbrecherarsch nicht ans Bein. Er wird das nicht auf sich beruhen lassen. Scheiße North, dieses Pack ist das Letzte. Sie arbeiten für einen Mann namens McJohnson. Sie zwingen Frauen dazu, sich an irgendwelche Typen zu verkaufen, und wenn die Gerüchte stimmen, dann betreiben sie ein paar Bordelle hinter der mexikanischen Grenze und in Kolumbien. Willst du, dass Jill dort landet? Willst du, dass man sie dorthin verschleppt?«

Ich starre ihn an und will nicht glauben, was er gerade gesagt hat. Meine Brust zieht sich zusammen und die Kälte, die in mir hochkriecht, hat die Macht, mich festzufrieren.

Ich bin kein Feigling. Ich lebe schon seit meinem ersten Atemzug in den südwestlichen Ghettos um den Gaston Park und hier muss man Scheiße noch mal hart im Nehmen sein. Ich bin es gewohnt, dass arme Esel auf arme Esel losgehen, dich fünf Dollar in der Tasche ein paar Knochen kosten können, und man sich besser aus den Angelegenheiten der Straßengangs raushält. Was ich nicht gewohnt bin, ist die vielleicht größere Gefahr, die von Leuten ausgeht, die mehr haben als wir. Mehr Geld, mehr Ansehen, mehr von allem. Aber offensichtlich noch weniger Skrupel. Ich kann die Gefahr nicht einschätzen und sie jagt mir gerade einen monstermäßigen Schwall Angst durch den Körper.

»Fuck.« Ich reibe mir über das Gesicht und versuche, einen klaren Gedanken zu fassen. Wie kommt Jill an solche Leute? »Jonas, Alter, was soll ich jetzt tun?«

»Du solltest beten, Mann. Bete, dass du Jill noch mal wiedersiehst und dich und deine Grandma heute Nacht keiner umlegt.«

1. Kapitel

North

Wenn man dem Werbeslogan von Southwest Airlines glaubt, ist der Fluggesellschaft wichtig, was mir wichtig ist. Der Kunde ist König.

If It Matters To You, It Matters To Us.

Leider war es ihnen überhaupt nicht wichtig, dass ich einen Direktflug nach Hause gebucht hatte, als sie die Maschine kurz vor Abflug wegen technischer Defekte vom Plan strichen. Es war und ist ihnen nicht wichtig, dass ich einen Umweg in Kauf nehmen und einen Zwischenstopp einlegen muss, und sie haben mich einfach wie einen Pudel auf seinen Platz geschickt, als ich mich deshalb am Schalter beschwerte. Seit zwei Stunden hänge ich am Philadelphia International Airport herum und muss noch mal so lang auf meinen Anschlussflug warten. Wenn man der ungeduldigste Mensch der Welt ist, fühlt sich das ein bisschen so an, wie sterben.

Ich strecke genervt die Beine aus und lehne mich auf dem Kunstledersitz zurück. Der Wartebereich ist überfüllt mit Menschen, die meisten Leute sind in Norfolk mit mir in den Flieger gestiegen. Zehn Tage Virginia Beach liegen hinter mir, aber ich fühle mich kein Stück erholt, oder wie man sich nach einem Urlaub eben fühlen sollte. Nach dem ersten Urlaub, den man in zwölf Jahren gebucht hat, sollte man anmerken.

Ich habe ehrlich versucht, mich zu entspannen. Ich habe mich angestrengt, den Kopf auszuschalten, die Sonne zu genießen, die Seele baumeln zu lassen, wie man so schön sagt. Aber ich bin nicht der Typ, der ruhig auf der faulen Haut liegen kann. Zwölf Jahre lang war ich Soldat für die United States Army. Ich war in Kriegsgebieten stationiert, habe mir dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr den Arsch aufgerissen. Ich kann nicht plötzlich relaxen und den ganzen Tag lang nichts tun. Irgendwann habe ich angefangen, mir um meine Zukunft Gedanken zu machen. Ich will nicht zurück zum Militär, aber was ich stattdessen tun soll, weiß ich auch nicht. Und mit diesen Gedanken, war der Urlaub komplett gelaufen.

Was für eine beschissene Situation.

»Dürfen wir durch?«, fragt jemand neben mir.

Ich drehe den Kopf zur Seite und blicke in das Gesicht einer jungen Karen Black, nur blonder. Blonder und hübscher. Blonder, hübscher und heißer. Sie trägt schwarze Caprihosen und ein viel zu enges Top, das meinen Blick automatisch auf ihre Oberweite lenkt – mindestens für fünf Sekunden. Sie hat das lange Haar zu einem Zopf gebunden, der über ihrer Schulter liegt, und ein paar Strähnen sind aus dem Haarband gerutscht. Ihre Wangen sind gerötet, sie wirkt, als hätte sie sich bei irgendwas abgehetzt, aber ihre Lippen umspielt ein Lächeln. Es wird breiter, als sie bemerkt, dass ich sie ziemlich offensichtlich anstarre. Ich will es schon erwidern, als mir der schwarzhaarige Typ auffällt, dessen breite Statur hinter ihr aufragt.

»Ja, natürlich«, antworte ich mit gebremster Euphorie. Sie ist nicht allein, was wirklich schade ist.

Sie hält meinen Blick fest, anstatt zu den freien Plätzen neben mir durchzugehen. »Du solltest deine Beine aus dem Weg nehmen, wenn du nicht willst, dass ich über dich klettern oder mich auf deinen Schoß setzen muss«, sagt sie.

»Ich würde das wollen. Dass du auf ... über ... mich klettern oder dich auf meinen Schoß setzen musst. Aber irgendetwas sagt mir, dass dein Begleiter damit nicht einverstanden wäre und ich mir Ärger einhandeln würde. Deshalb ... « Ich setze mich etwas gerader hin, ziehe die Beine zurück und kann nicht verhindern, dass meine Mundwinkel zucken, als sie mich entgeistert anblinzelt. Sie hat unglaubliche Augen, mit denen nicht mal das glitzernde blaue Wasser der Chesapeake Bay mithalten kann, an der ich mich bis heute Morgen noch ausgeruht habe.

Ihr Kerl bleibt erstaunlich gefasst, obwohl ich sein Mädchen frech angemacht habe, schiebt sie an mir vorbei und würdigt mich keines Blickes. Ich sehe schon kommen, dass er sich auf den Platz neben mir fallen lassen will, aber die süße Blondine nimmt ihn direkt in Beschlag. Ihr Arm berührt den meinen, nachdem sie es sich bequem gemacht hat.

»Du hast wirklich was gut bei mir, Julie. Wärst du nicht für Victoria eingesprungen, hätten wir den Auftrag niemals bekommen. Webber hat an deinen Lippen gehangen. Er war hin und weg von dir«, sagt der Typ zu ihr und ich kann verstehen, dass jemand hin und weg von ihr war.

»Dafür hänge ich jetzt massiv in meiner Planung hinterher. Ich werde wohl gleich noch ins Büro müssen«, antwortet sie mit einem Seufzen in der Stimme.

Okay, das klingt, als wären sie kein Paar, sondern als hätten sie bloß eine Geschäftsbeziehung. Trotzdem wäre es albern, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Ich habe keine Ahnung, wo sie herkommt oder wo sie hinfliegt. Außerdem ist diese Geschäftsbeziehung neben ihr immer noch ein Mann, und es wäre ziemlich daneben, vor seinen Augen mit ihr zu flirten.

Ich begnüge mich damit, sie anzublicken, ihre vollen Lippen zu beobachten, während sie spricht. Sie redet von einem Hotel und einer Band und zählt irgendwelche Zahlen auf, die für mich nur chinesisch ergeben. Ich bin fasziniert und ganz in Gedanken vertieft, sodass ich zusammenzucke, als jemand meine Schulter berührt.

»Mr Delacour?« Eine Frau steht neben mir. Sie ist groß, brünett, hager und sie gehört zum Servicepersonal der Fluggesellschaft, mit der ich reise. Ich habe mich vorhin bei ihr mit schlechter Laune wegen der Wartezeiten beschwert.

»Ja?«

»Es ist ein Platz frei geworden auf dem nächsten Linienflug. Erste Klasse. Wenn Sie möchten, können Sie mitfliegen und wären eine Stunde früher in Memphis.«

»If It Matters To You, It Matters To Us«, murmle ich sarkastisch. »Daran, ihren Werbeslogan besser umzusetzen, arbeiten sie hoffentlich?«

Sie blickt mich verständnislos an, weil sie nicht wissen kann, dass ich inzwischen nichts mehr dagegen habe, hier meine Zeit totzuschlagen. Ich hätte die junge Karen Black gern noch eine Weile beobachtet.

»Schon gut, ich nehme das Angebot an. Danke.«

Ich greife nach meiner Tasche, die ich unter den Sitz geschoben hatte, und stehe auf, um der Servicekraft zum Schalter zu folgen, als hinter mir jemand leise pfeift, und ich mich noch mal herumdrehe.

»Gute Reise.« Sie schenkt mir ein hinreißendes und irgendwie schlüpfriges Lächeln. Nein, du solltest keinen Mann, der Monate lang keinen Sex hatte, auf diese Weise anlächeln, Schönheit.

»Ich werde dir berichten, wie sie war. Vielleicht kennst du das Sprichwort. Man begegnet sich immer zweimal im Leben.«

*

»Halt mal.« Maeve drückt mir die sieben Monate alte Tisha in die Arme und wendet sich ab, um dem weinenden Corbin die kaputte Spielzeuggitarre abzunehmen. Der Griff ist zerbrochen und wird nur noch von vier blauen Saiten zusammengehalten. »Wie hast du das denn wieder geschafft? Die haben wir erst letzte Woche gekauft, Corbin.«

»Das war ich nicht. Das war Samuel.« Der Winzling deutet schniefend auf seinen älteren Bruder, der um die Ecke der Küchentür linst und sich aus dem Staub macht, als Maeves Blick auf ihn fällt. Für eine so kleine und zierliche Person kann sie einen aber auch verdammt böse angucken. Eine Sekunde später kracht die Haustür ins Schloss – die Wände wackeln.

Ich lehne mich mit dem Rücken gegen die mintgrüne Küchenanrichte und bin beeindruckt, wie Maeve es bei der Geräuschkulisse fertigbringt, die Nerven zu bewahren. Vielleicht hätte sie Jonas öfter mal anhalten sollen, ein Kondom überzuziehen, anstatt sich von ihm sechs Kinder andrehen zu lassen. Allerdings macht die drahtige Koreanerin einen verdammt guten Job als Mom. Sie ist organisiert, der Holzbungalow wirkt immer sauber und aufgeräumt und ich glaube, ihre drei Ältesten sind mit Abstand die einzigen Kinder im Viertel, die regelmäßig zur Junior High gehen.

»Ich kann das nicht reparieren. Vielleicht hat dein Dad irgendwo Klebeband. Wir werden ihn fragen, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt.« Sie legt die Plastikgitarre auf den Tisch und scheucht Corbin mit einer Handbewegung wie einen Hund aus der Küche. Ich muss mir ein Grinsen verbeißen, als sie sich mir wieder zuwendet, das kinnlange Haar hinter die Ohren klemmt und hörbar tief durchatmet. »Entschuldige, aber heute ist einer dieser Tage, die kein Mensch gebrauchen kann.«

»Ja, von der Sorte habe ich öfter welche.« Ich zwinkere ihr zu, obwohl meine Antwort die Wahrheit ist.

Seit fünf Monaten bin ich wieder in Memphis, aber einen Teil von mir habe ich in der Hölle zurückgelassen, in der ich über ein Jahr lang gekämpft habe. Einen wichtigen Teil, der für Lebendigkeit zuständig ist. Ich habe versucht, ihn in Virginia Beach wiederzufinden, aber es ist mir bisher nicht gelungen. Vielleicht komme ich deshalb dauernd hier her und besuche Maeve und Jonas. Vielleicht hat es mich deshalb gleich nach meiner Ankunft in Memphis zu ihnen gezogen. Um einen Hauch Leben einzuatmen, während sich in mir alles verflucht tot anfühlt. Kein noch so harter Kerl steckt vier Auslandseinsätze im Irak und in Syrien weg, ohne in irgendeiner Form Schaden zu nehmen. In der Nähe von Jonas’ chaotischer Familie taut die Eisschicht, die wie ein Panzer um mein Herz liegt, vorrübergehend auf. Zumindest an einigen Ecken.

»Du bist sicher wegen des Geldes hier.« Maeve tritt neben mich. Ihre Geldbörse liegt hinter einem Brotkasten rechts von der Spüle.

Ich will sie davon abhalten, danach zu greifen, habe aber immer noch Tisha auf dem Arm und somit keine Hand frei, um sie rechtzeitig wegzuschieben. »Ja, natürlich. Ich komme sofort nach meinem Urlaub zu euch, um Geld einzutreiben. Willst du mich beleidigen? Du weißt, dass ich nicht mal einen Gedanken an die Kohle verschwende«, sage ich deshalb nur.

Ich habe ihr und Jonas dreiundvierzig Tausend Dollar gegeben, damit sie dieses Haus kaufen konnten, um ihre Kinder in einer etwas besseren Gegend großzuziehen. Das Viertel ist immer noch weit von Midtown entfernt, wo sich die Snobs breitgemacht haben, allerdings muss man hier keine Angst haben, für zehn Dollar auf der Straße erstochen zu werden. Wir alle haben lange genug nah am Abgrund gelebt. Ich will die Kohle nicht wiederhaben. Jonas hat meinen Arsch oft davor bewahrt, auf der Straße zu landen oder dafür gesorgt, dass ich den Kühlschrank voll machen konnte. Er und Maeve waren für Pearl da, jeden einzelnen verdammten Tag, an dem ich mich bei der Army beweisen wollte. Selbst jetzt besuchen sie die alte Lady jede Woche im Pflegeheim. Eine Hand wäscht die andere, außerdem bin ich nicht der Misanthrop, der mir nachgesagt wird. Ich wüsste auch nicht, was ich mit den neunzigtausend Dollar Gehalt sonst anstellen sollte, die man mir für meinen letzten Einsatz bezahlt hat. Oder mit der Kohle aus den Einsätzen davor. Die Rechnungen für Pearls Pflegeplatz sind für eine Weile beglichen. Im Voraus. Wahrscheinlich sogar für mehr Monate, als sie noch leben wird.

»Ja, das weiß ich. Aber Jonas besteht darauf. Er hat mit dir ausgemacht, dass wir es dir in kleinen Raten zurückzahlen und er wird sich nicht davon abbringen lassen. Tu seinem Stolz und seinem Selbstbewusstsein einen Gefallen und steck es ein.« Sie zieht zweihundert Dollar aus dem Seitenfach ihrer Geldbörse und hält sie mir hin.

»Sorry, kann nicht. Baby auf dem Arm.« Ich stoße mich von der Anrichte ab und gehe zum Küchentisch, wo ich mit dem Fuß einen Holzstuhl zur Seite schiebe und mich darauf fallen lasse. »Tun wir einfach so, als hätte ich es mitgenommen, und du packst es in die Collegespardose deiner Kinder.« So haben wir es die letzten Male gehandhabt.

»Eines Tages wirst du dich ärgern, weil du selbst Kinder haben wirst, die auf ein College wollen. Du musst mehr an deine Zukunft denken. Geh aus, lern eine nette Frau kennen. Mach etwas aus deinem Leben, jetzt wo du nicht mehr bei der Army bist.«

Ihre Worte bringen mich zum Grinsen, obwohl sie fürsorglich gemeint sind. An die Zukunft denken ist nichts, was in nächster Zeit auf meiner To-Do Liste steht. Ich mag Frauen und ich mag Kinder. Aber ich sehe mich nicht in der Rolle des zahmen Ehemanns oder der des aufopfernden Familienvaters. Meine Hände haben im Krieg Menschen getötet. Die Ironie, der rechten einen Ring an den Finger stecken zu lassen oder damit einem Baby das Fläschchen zu geben, wäre nicht annähernd witzig.

»Das ist nicht mein Ding, Maeve. Ihr seid meine Familie. Eine andere werde ich nicht bekommen und deshalb ist die Diskussion sinnlos.«

Sie blickt mich mitfühlend an, aber ich kann auch die Dankbarkeit in ihren Augen erkennen. Ihr ist klar, dass sie das Geld eines Tages brauchen wird, wenn aus ihren Kids etwas Anständiges werden soll. Jonas verdient bei seinem Job am Flughafen weniger, als eine Halbtagskraft bei McDonald’s, aber er kann froh sein, überhaupt eingestellt worden zu sein. Er hat ein Jahr lang in Nashville im Knast gesessen, bevor er Maeve kennenlernte, weil man ihn mit Drogen erwischt hatte. Er ist noch glimpflich davongekommen. Trotzdem gibt niemand gern Leuten mit Vorgeschichte einen Job, selbst wenn das Vergehen nahezu lächerlich war, im Vergleich mit dem restlichen Scheiß, der hier so passiert.

»Irgendwann wird er es herausfinden und dann macht er uns beide einen Kopf kürzer.« Sie seufzt, als ob sie darüber nachdenken würde, dass das in ihrem Fall weitaus schlimmer wäre, als in meinem. Neben mir wirkt sie wie David neben Goliath oder als würde Kylie Minogue neben Tyson Chandler stehen. Nicht, dass es mich stören würde, einen optischen Touch von dem Profibasketballspieler zu haben – die Frauen stehen drauf und es hat seine Vorteile, knapp zwei Meter groß zu sein.

Maeve seufzt, als ihr klar wird, dass ich mich nicht umstimmen lasse. Sie verlässt die Küche, um das Geld ins Wohnzimmer zu bringen. Soweit ich weiß, legt sie es dort zwischen die Seiten eines der Bücher, die sich auf dem dunklen Sideboard stapeln. Kein gerissenes Versteck, aber die Chancen, dass Jonas mal ein Buch in die Hand nimmt, fallen bestimmt eher gering aus.

Tisha spielt an den Knöpfen meines hellen Poloshirts, zieht an dem obersten und holt sich so meine Aufmerksamkeit. Sie ist meistens ruhig, wenn sie auf meinem Schoß sitzt. Ich habe keine Ahnung, wann dieses Baby dermaßen groß geworden ist, aber sie kann schon beinah das Gleichgewicht halten. Ihr dunkles Haar ist fein und dicht, sie hat Maeves mandelförmige Augen, Jonas Nasenpartie und seine Hautfarbe. Es ist verdammt schwer, sie nicht auffressen zu wollen, wenn wie jetzt die Grübchen um ihren Mund herum zucken und sie mich entwaffnender anstrahlt als die stechende Junisonne draußen.

»Tenê«, flüstert der Junge, was so viel wie allein bedeutet. Ich schätze sein Alter auf sechs oder sieben Jahre. Er ist ziemlich hochgewachsen, hat lange Beine und trägt seine Kleidung eine Nummer zu eng. In seinem sonnengebräunten Gesicht klebt Schmutz, er hat eine Schürfwunde auf der linken Wange und seine Lippen sind rau und aufgeplatzt. Er blickt mir direkt in die Augen und sieht nicht eine Sekunde lang auf das M25 in meiner Hand. Als hätte er keine Angst vor dem Scharfschützengewehr. Verflucht, wahrscheinlich hat er das auch nicht. Die letzten Monate hat er bei Männern verbracht, die mehr als eine Waffe am Körper trugen. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass er selbst schon ein Gewehr in den Händen hatte.

»Bringen Sie ihn zu den anderen, Officer«, weise ich Fisher an, der mit mir im Schatten der Lehmbauruine steht, die vor kurzem noch ein Haus gewesen sein muss. In meiner Brust ist es verdammt eng.

Fisher ist leichenblass im Gesicht, als er dem Jungen zunickt und ihn auffordert, ihm zu folgen. Er gibt sich Mühe, einen zuversichtlichen Ausdruck aufzusetzen, bevor er ihn zu den anderen Überlebenden des Angriffs bringt. Ich mag diesen dunkelblonden Kerl. Ian Fisher ist zum zweiten Mal in meinem A-Team und bei Gott, er ist dieser Aufgabe eigentlich nicht gewachsen. Er sollte nicht hier draußen sein. Mit vierunddreißig ist er ein paar Jahre älter als ich, aber ich bin länger dabei und nicht halb so zerbrechlich wie er. Der Typ hat studiert, einen Abschluss in Ingenieurwesen und Informatik gemacht, bevor er sich aus unerklärlichen Gründen beim Militär verpflichten ließ. Die Special Forces wollten ihn bloß aus diesem besonderen Grund. Wäre er nicht ein verdammtes Superhirn und ein Genie am Computer, wäre seine Bewerbung in der nächsten Tonne gelandet. Niemals hätten sie ein halbes Hemd rekrutiert, wie er es ist. Aber seine Fähigkeiten sind goldwert, nicht nur weil er ein Versorgungsspezialist ist und ausländische Kommunikationssignale identifiziert. Er hat für uns an die dreißig Nachrichten entschlüsselt, die einige Extremistengruppen austauschen wollten, die wir im Vorfeld allerdings abfangen konnten. Er arbeitet schneller als die Zentrale in Fort Bragg. Sein Platz müsste an der verfluchten Basis sein.

Tisha quietscht auf meinem Schoß und holt mich zurück in die Gegenwart. Verdammte Scheißerinnerungen. Ich hasse es, wenn sie mich treffen und versuchen, mich in den Abgrund zu zerren. Manchmal balanciere ich gefährlich nah an der Kante. In den ersten Wochen nach meiner Rückkehr in die Staaten habe ich oft stundenlang ins Leere gestarrt und war wie gefangen in den blutigen oder traurigen Szenen, die wie ein Film vor mir abliefen. Da war keine Stopptaste, die ihn anhalten konnte. Inzwischen verblassen die Bilder. Jeden Tag etwas mehr, aber ganz verschwinden sie nicht.

»Du hast keine Ahnung, welches Glück du hast«, sage ich zu Tisha, was sie mit einem Glucksen beantwortet. Es ist gut, dass sie nichts von ihrem Glück weiß.

»Kann ich dir irgendetwas anbieten?«, ruft Maeve vom Flur aus in meine Richtung, bevor sie mit einem vollen Wäschekorb bepackt zurück in die Küche kommt.

Ich will ihr gerade antworten, dass ich mir selbst nehmen kann, was ich brauche, als ein Song von Isaiah Rashad aus meiner Jeanshose dringt. Ich brauche eine Sekunde, um zu begreifen, dass mein Handy klingelt. Einen weiteren Moment später fällt mir ein, dass nur eine Hand voll Leute diese Nummer kennt. Ich wüsste nicht, wer mich am Nachmittag anrufen sollte, es sei denn ... Pearl. Mit meiner Granny stimmt etwas nicht, ist mein erster Gedanke. Scheiße.

Ich hebe Tisha von meinem Schoß und richte mich auf. Maeve nimmt mir die Kleine aus dem Arm, damit ich das Telefon aus meiner Jeans ziehen kann. Der Anrufer hat seine Nummer unterdrückt, was mir merkwürdig vorkommt. Das Emeritus Wohnheim ruft nie ohne Rufnummernübertragung an.

Ich durchquere die Küche und gehe über den Flur zur Haustür. Ich will nicht, dass sich Maeve Sorgen macht, falls es bei dem Gespräch wirklich um Pearl gehen sollte. Sie liebt meine Granny, als wäre es ihre eigene, und sie würde nur schwer damit fertigwerden, wenn ihr etwas zugestoßen wäre. Ich beeile mich, nach draußen zu kommen und die Tür hinter mir zuzuziehen.

»Ja?«, sage ich, nachdem ich das Gespräch angenommen habe.

Zu spät, wie ich einen Moment lang glaube, denn ich erhalte nicht sofort eine Antwort. Ich trete in die stechende Sonne und entferne mich ein paar Meter über den verbrannten Rasen vom Grundstück. Samuel und zwei Nachbarskinder spielen auf der gegenüberliegenden Straßenseite mit einem Ball oder streiten sich eher darum.

»Captain Delacour?«, fragt der Anrufer, als ich schon auflegen will.

Die Stimme ist männlich, rau und ... ich habe nicht den blassesten Schimmer, zu wem sie gehört. Allerdings muss es jemand vom Hauptquartier sein, wenn er mich mit Captain anspricht. Natürlich, die Army.

Mir war klar, dass sie anrufen werden und trotzdem fühle ich mich nicht vorbereitet. Ich habe mich dreimal für jeweils vier Jahre verpflichten lassen, aber nicht vor, meine Seele ein weiteres Mal zu verkaufen. Logischerweise passt es ihnen nicht in den Kram, sich einen Korb gefangen zu haben. Sie haben verdammt viel in mich investiert. Ich war Teil der Special Forces und meine Ausbildung hat im Endeffekt länger gedauert, als meine Zeit im Einsatz. Wie zum Teufel kommen sie an meine Telefonnummer? Ich habe sie ihnen mit Absicht nicht mitgeteilt, nachdem ich zurück war und einen neuen Handyvertrag abgeschlossen hatte. Ich dachte, ich könnte auf diese Weise etwas Zeit schinden.

Ich schaffe es, den Impuls zu unterdrücken, ihm zu sagen, dass er sich verwählt hat, und räuspere mich. »Ja. Der bin ich.«

»Sehr schön. Es war ein Staatsakt, Ihre Telefonnummer herauszufinden.« Der Mann am Ende der Leitung lacht. Er muss schon älter sein, denn es klingt schwach, heiser und auch etwas atemlos.

»Mit wem spreche ich?« Ich kann es nicht ausstehen, wenn sich jemand Zeit damit lässt, sich mir vorzustellen. Es ist unhöflich und vor allem unüblich in unserem Job.

Der Kerl lacht noch ein paar Sekunden lang weiter, bevor er so abrupt stoppt, dass es sich künstlich anhört. »Meine Freunde dürfen Lucian zu mir sagen. Ich weiß, der biblische Name wird etwas anders ausgesprochen, allerdings bin ich der Wissenschaft zugetan und nicht besonders gläubig. Ich bevorzuge daher die lateinische Form.«

»Lucian?«, hake ich sarkastisch nach.

Soll das etwa witzig sein? Ich bin plötzlich sicher, dass der Typ nichts mit dem Militär zu tun hat. Das bedeutet auf keinen Fall etwas Gutes. »Ich spreche also mit dem Teufel?«

»Nicht, wenn wir beide Freunde sind, North. Oder sollte ich lieber Death sagen?«

Ich schließe die Hand fester ums Handy, während der vertraute Name wie ein Echo durch meinen Körper hallt. Adrenalin stürzt durch meine Venen und lässt irgendetwas Kaltes tief in meinem Bauch erschüttern. Niemand kennt diesen Namen. Keiner weiß, wie mich meine Einheit genannt hat. Ich war in der 5th Special Forces Group und kein Außenstehender, nicht mal die anderen Truppen, hatten Einblicke in unsere Befehle. Wir wurden eingesetzt, um die obersten Köpfe von Rebellentruppen zu entlarven und die Drahtzieher von terroristischen Anschlägen zu finden. Ich bin darin ausgebildet, Spuren zu lesen und mich in unkonventioneller Kriegsführung zu behaupten. Ich habe Kriegsverbrechen aufgedeckt und im Auftrag der Vereinigten Staaten Leute entführt, um ein Druckmittel zu haben und – auch wenn wir es nie laut aussprachen – sie zu foltern oder zu töten. Zuerst haben mich meine Leute Black Sleuth gerufen, weil ich wie ein Suchhund war und jeden gottverdammten Hurensohn aufgespürt habe, den es zu finden galt. Nach dreiundzwanzig gezielten Tötungen hatte ich mir dann den Rufnamen Death verdient. Scheiße, das ist nichts, worauf ich stolz bin. Dreiundzwanzig Menschen sind durch meine Hand gestorben. Es waren keine namenlosen Opfer, die im Kampf gefallen sind. Ich kannte ihre Gesichter, ihre Familien, hatte tausend Hintergrundinfos, bevor ich den Lauf meiner Waffe auf sie gerichtet habe.

Eine ekelhaft lang andauernde Sekunde sehe ich ihre Augen vor mir. Jedes einzelne Paar. Sie können dich in einer Million Dinge ausbilden, aber niemand bereitet dich darauf vor, dich wie ein Mörder zu fühlen, sobald du gezielt den Abzug betätigst.

»Man sagt Ihnen nach, Sie wären brillant darin, Fährten zu lesen. Ist das wahr? Sind Sie ein Suchhund, Death? Einer von der tödlichen Sorte?«

Ich nehme das Telefon in die andere Hand und mein Blick fällt auf die Tätowierung auf meinem Unterarm. Der schwarze Höllenhund zittert, als würde er einen epileptischen Anfall erleiden. Mir geht auf, dass mein ganzer Körper angespannt bebt. »Unterlassen Sie es, mich so zu nennen«, knurre ich an dem Kloß in meinem Hals vorbei. »Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?«

Er schweigt eine Weile. Ich kann hören, wie er sich etwas zu Trinken in ein Glas gießt und dabei die Eiswürfel klirren. »Ich bin sicher, dass sie ebenso etwas von mir wollen, wie ich von Ihnen. Aber dazu kommen wir später. Ich möchte Ihnen einen Job anbieten, Captain.«

»Ich bin nicht an einem Job interessiert.« Ich will nicht mal dieses Gespräch weiterführen. Das ungute Gefühl, das in meiner Brust sitzt, breitet sich bis in meine Zehen aus.

»Nicht so voreilig. Ich bezahle gut. Ich zahle sogar besser als unser Staat Ihnen für Ihr Können anbieten würde. Und ich verspreche Ihnen, der Job ist nicht halb so gefährlich.«

Das ist alles griechisch für mich. Ich fahre mir mit der freien Hand über das stoppelige Kinn und bemerke, wie mein Zittern nachlässt. Es ist nicht so, als hätte man mir nicht gesagt, dass das hier passieren könnte. Dass ich mir während meiner Befehlsausführung gefährliche Feinde mache und mir am Ende irgendwelche Leute auf den Pelz rücken wollen. Es gibt klare Vorschriften dafür, wie man sich in einer solchen Situation zu verhalten hat. Abstreiten. So wie man uns und unsere Operationen bei einer in Gefangennahme verleugnet hätte, sollte ich besser so tun, als hätte ich keine Ahnung, wovon er redet. Offiziell haben wir bei unseren Auslandseinsätzen bloß einheimische Sicherheitskräfte ausgebildet.

»Wovon zum Teufel reden Sie überhaupt?«

»Sie wissen, welcher Tag heute ist, oder North?«, stellt er eine andere Frage, anstatt meine zu beantworten.

Ich durchforsche meinen Kopf nach einem Datum und etwas Kaltes quetscht mir die Kehle zusammen.

Es ist Mittwoch, der siebte Juni.

Gott, wie konnte ich diesen Tag vergessen? Ich meine, ich habe es all die Jahre versucht, aber es ist mir nicht gelungen. Bis heute.

Nervös beginne ich an einem der silbernen Stecker zu spielen, die ich in meinen Ohrläppchen trage. Vor siebzehn Jahren habe ich meine Schwester das letzte Mal gesehen. Jill war in den Wagen von diesem Hatfield gestiegen und nicht zurückgekommen. Sie ist verschwunden. Sie ist ... Ich kann das Wort nicht mal denken.

»Sie sprechen besser weiter, Lucian«, höre ich mich sagen. Meine Stimme ist hart und verursacht ein Kratzen im Hals.

Er trifft diesen gigantisch wunden Punkt in mir, der meinen Schalter umlegt. Den schmerzenden Fleck in meiner linken Brust, der dafür verantwortlich ist, was aus mir geworden ist. Ein Spürhund. Einer, der tödlichen Sorte. Ich kann dich finden, Arschloch.

»Ich möchte, dass Sie für mich arbeiten, North. Ich will, dass Sie jemanden aufspüren, der mir eine Menge Geld schuldet. Ich bezahle Ihnen eine halbe Million und setze noch einen Obolus oben drauf. Wenn Sie meinen Mann ausfindig machen, verrate ich Ihnen den Aufenthaltsort Ihrer Schwester.«

Ich presse die Zähne zusammen und versuche das Gefühl zu beherrschen, das meine Mitte durchbricht. Ein Kribbeln, das ich nicht willkommen heiße. Ich will mir keine Hoffnungen machen, dass Jill vielleicht noch am Leben sein könnte. Es ist albern, es auch nur in Erwägung zu ziehen. Gleichzeitig macht es mich wütend, dass dieses Arschloch glaubt, mit mir spielen zu können. »Ihnen ist bewusst, dass sie sich gerade zu dem interessanteren Suchobjekt machen, Lucian? Was wissen Sie über Jill?«

»Ich weiß eine Menge über das Verschwinden Ihrer Schwester. Allerdings weiß der Mann, den sie für mich aufspüren sollen, noch eine ganze Ecke mehr. Nehmen wir an, er hätte ein paar Leute verärgert. Die einzigen, die das letzte Puzzleteil liefern können, um ganz genau zu wissen, wo sich Jill in diesem Moment aufhält. Sie würden es mir verraten, wenn wir beide das Versteck von diesem Mistkerl ausmachen.«

»Sie bitten mich nicht bloß, ihn aufzuspüren«, sage ich.

Ich kann rechnen. Wenn dich irgendein Wichser anruft, der weiß, warum man dich Death genannt hat, und der dich für einen Job anheuern will, verlangt er für fünfhunderttausend Dollar eine ganz andere Leistung.

Er schweigt, aber das ist Antwort genug. Es geht darum, dass ich jemanden für ihn umlegen soll.

»Wen soll ich finden?«, will ich wissen.

»Oh, wir kommen der Sache näher. Das ist die richtige Frage, Captain.« Er lacht und dieses Mal hört es sich noch gekünstelter an, als am Anfang der Unterhaltung. »Ich will, dass sie Derek McJohnson aufspüren.«

Jede Silbe seiner Antwort trifft mich wie eine Kugel zwischen die Schulterblätter. Es ist dieses eine Volt zu viel, das einen Kurzschluss verursacht und das mir den Verstand blitzschnell ausschaltet. Der eine Tropfen, der das Fass überlaufen lässt und eine Wut in mir weckt, die ich normalerweise mit aller Kraft unterdrückt halte.

McJohnson.

Das ist der Name, der mich dazu bringen könnte, mich auf einen Deal mit dem Mann einzulassen, der sich selbst als den Teufel bezeichnet.

2. Kapitel

Julie

»Der Kerl ist unheimlich, Jules.« Colleen sitzt auf meinem Glasschreibtisch, hat die Beine übereinander geschlagen und liest zum zweiten Mal die Textnachricht, die mir Gabriel auf mein Handy geschickt hat.

Die Falte, die sich unter dem hellbraunen Lockenansatz über ihre Stirn zieht, vermittelt mir das Gefühl, sie würde nicht nur ihn für verrückt halten. Wahrscheinlich denkt sie, ich hätte meinen Verstand verloren oder wäre total naiv, weil ich ihm nach unserem dritten Date erlaubt habe, Fotos von mir zu schießen. Aktfotos, um die Dinge beim Namen zu nennen. Oder, weil ich nach jedem Sex zugelassen habe, dass er mein Höschen in seine Tasche steckt.

Gott, je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich das allmählich auch. Ich bin verrückt. Und ich bin ein Magnet für Psychopathen. Warum kann ich nicht ein Mal im Leben einen normalen Mann kennenlernen?

Gabriel war wirklich süß, bis er vor ein paar Wochen anfing, mir merkwürdige Kurznachrichten zu schicken und mir im Stundentakt auf die Mailbox zu quatschen. Ich habe mich seitdem nicht mehr bei ihm gemeldet. Eigentlich ist es nicht meine Art, jemanden so herzlos abzuservieren, aber Colleen hat recht. Der Kerl ist beängstigend und ich lege es nicht darauf an, ihn noch mal zu treffen.

Ich nehme ihr mein Telefon aus der Hand und blicke zum hundertsten Mal auf seine letzte Nachricht.

Ich kann an nichts anderes denken, Julie. Nur an dich und deinen weichen Körper. Die Erinnerung daran, wie ich mir dein blondes Haar um die Hand wickle und dich zum Kommen bringe, macht mich völlig verrückt. Ich sehe mir deine Bilder an, wieder und wieder, und atme den Geruch deiner Wäsche ein. Warum meldest du dich nicht? Ist es wegen diesem Kerl, mit dem du heute Mittag aus dem Flieger gestiegen und dann noch ins Happy Lemon gefahren bist? Er sollte besser die Finger von dir lassen. Fahr mit mir übers Wochenende weg. Ich kenne einen Ort, wo uns niemand stören wird und wir weitermachen können, was wir begonnen haben.

Gruselig. Total abgedreht. Spioniert mir der Kerl etwa nach? Mein Boss und ich waren wegen eines Kundentermins nach Philadelphia geflogen – ein ziemlich großer Auftrag. Dave hat im Anschluss noch Kaffee und Donuts spendiert, weil es ihm leidtat, dass ich im Gegensatz zu ihm noch ins Büro musste, und wir haben an diesem Café angehalten. Wie kann Gabriel davon wissen? Er arbeitet in Cambridge, wenn er mich nicht belogen hat, und sollte um diese Uhrzeit nicht mal in Boston sein. Schon gar nicht am Flughafen.

Vielleicht hat er sich krankgemeldet, um mir nachzustellen? Aber das wäre wahnsinnig.

»Ich ... werde ihn einfach ignorieren.« Entschlossen drücke ich die Nachricht weg und lege das Handy neben der Tastatur des Computers ab.

Mir liegt ein Stöhnen auf den Lippen, das nicht nur auf seine SMS zurückzuführen ist. Die Klimaanlage ist ausgefallen und durch die breite Fensterfront fällt die Sonne in die Büroräume. Ich wünschte, ich hätte mich wie Colleen heute Morgen für einen Rock entschieden und nicht für eine Dreiviertelhose. Es ist definitiv zu heiß hier drin.

»Wenn du meinst, dass er sich so einfach ignorieren lässt. Er hat dich beobachtet, Jules. Er weiß, dass du mit Dale in diesem Café warst.« Colleen schüttelt sich, als würde ihr die Vorstellung durch alle Knochen gehen. »Vor allen Dingen, was ist das für eine Aussage? Weitermachen, was wir begonnen haben. Ihr wart dreimal miteinander aus. Wenn du mich fragst, solltest du zur Polizei gehen.«

»Sicher. Am besten ziehe ich gleich noch ans andere Stadtende und färbe mir die Haare schwarz«, entgegne ich. »Wenn du aufhören könntest, mir Angst zu machen und dermaßen zu übertreiben, ist wahrscheinlich nichts davon nötig. Bestimmt ist er nur irgendein Spinner, der sich mit meinem Höschen in der Hand einen runterholt. Er wird schon merken, dass er nicht weiterkommt.«

»Irgendein Spinner, ja? Du hast mit dem Typen geschlafen. Er war in deiner Wohnung. Ich weiß nicht, aber ich finde das ziemlich beunruhigend.«

»Ich finde es viel beunruhigender, dass du dich noch immer nicht darum gekümmert hast, den Manager von Nemes zurückzurufen. Diese Eröffnung wird ohne Band auskommen müssen, wenn du das nicht heute noch nachholst. Dale wird uns umbringen, falls wir den Auftrag vermasseln.«